﻿TJeber das Wesen der Nerventhätigkeit.
[Skizze eines am ft. Marz ISöft in Brünn im k. städtischen Redoutensaale abgehaltenen Vortrags, »Wiener Zeitung« vom 26. und 27. März 1858.]
Ich beabsichtige im Folgenden die Resultate von Untersuchungen kurz vorzuführen, welche sowohl durch die Bedeutung ihres Gegenstandes als durch die Exactheit ihrer Methode das lebhafteste und allgemeinste Interesse in Anspruch nehmen dürften.
Es handelt sich um die Gewinnung einer genaueren Einsicht in das eigentliche Wesen der Nerventhätigkeit bei den Vorgängen des animalen Lebens.
Empfindung und Willensäusserung — die beiden Elemente des animalen Lebens, welche uns mit der Aussenwelt in Beziehung setzen, indem wir durch die Empfindungen erfahren, was um uns vorgeht, durch unsere Willensäusserungen aber handelnd und verändernd [in die Aussenwelt eingreifen — sind nämlich an die Existenz gewisser materiellen Veränderungen der Nervensubstanz, welche wir Nervenerregung oder Reizung nennen, gebunden und kommen nur durch die Vermittelung des Nervensystems und der mit demselben zusammenhängenden Organe der Empfindung und Bewegung zu Stande. Das Ziel unserer Betrachtung ist also zu erfahren, was die Wissenschaft auf dem gegenwärtigen Standpunkt ihrer fortschreitenden Entwickelung über die Art dieser Vermittelung überhaupt und über das Wesen jener materiellen Veränderungen der Nervensubstanz. welche dem thä-tigen Zustand derselben entsprechen, insbesondere aussagen kann.
Ich verhehle mir nicht, dass mein Unternehmen ein gewagtes ist; denn obgleich der Sinn für Naturwissenschaft gegenwärtig auch in weiteren Kreisen erwacht ist und immer mehr und mehr alle Schichten der Gesellschaft durchdringt, so fühlt sich doch gerade die schönere Hälfte unseres Geschlechtes von dem strengen nüchternen Geiste der Naturforschung weniger angezogen als vielmehr unangenehm berührt. Ein gewisses heimliches Grausen beschleicht das zarter besaitete weibliche Gemütli. wenn der Schleier von den Geheimnissen namentlich
Czermak, Schriften. II.
10