146 	Heber das Wesen der Nerventhtigkeit.

der menschlichen Natur mit der unerbittlichen Conseqnenz wissen-
schaftlicher Forschung weggerissen und dabei so manche liebgewordene
Illusion zerstrt wird.
	Der Aesthetiker und Historiker befinden sich dem weiblichen ge-
bildeten Publikum gegenber in einer weit gnstigeren Lage als der
Naturforscher. Sie mgen welchen Gegenstand immer behandeln, man
wird ihnen mit freudigen oder bangen Gefhlen, aber stets mit williger
Theilnahme folgen; auch bedrfen sie nur einer einfach aufnehmenden,
mehr passiven Zuhrerschaft.
	Ganz anders der Naturforscher, wenn er das eigentliche Wesen
materieller Vorgnge erklren will!
	Die Materie mit dem einfrmigen Wirken lanziehender und ah-
stossender Krfte, ohne wesentliche Mannigfaltigkeit als den drren
Wechsel der Zahlenverhltnisse lsst kalt, und so wie der Naturforscher
nur etwas in die Tiefe seines Gegenstandes dringt, muss er das selbst-
thtige Denken und Vorstellen seiner Hrer in Anspruch nehmen, um
verstanden zu werden.
	Die Nerven sind zwar ein leidlich interessanter, auch im gewhn-
lichen gesellschaftlichen Leben vielfach besprochener Gegenstand, -
starke Nerven, schwache Nerven, angegriffene Nerven sind Worte,
welche wir jeden Tag aus manchem schnen Munde hren knnen: -
allein nicht in dieser oberflchlichen pikanten Richtung beabsichtige
ich die Nerven zum Gegenstande meiner Betrachtung zu machen, son-
dern in der unendlich bedeutungsvollen, aber viel prosaischeren, wo die
Nerven als ein mechanischer Apparat, als ein Werkzeug erscheinen,
durch dessen Thtigkeit das Zustandekommen der animalen Lebens-
vorgnge vermittelt wird.
	Und fr diese Enttuschung kann ich nicht einmal eine leichte
unterhaltende Form der Mittheilung versprechen, sondern muss mir
vielmehr eine nicht ganz kleine Anstrengung der Aufmerksamkeit des
geneigten Lesers erbitten.
	Wenn ich es trotz alledem unternehme, den angedeuteten Gegen-
stand an diesem Orte weitlufiger zu behandeln, so finde ich den Muth
dazu nur in der festen Ueberzeugung, dass Niemand, der nach wahrer,
allgemeiner Bildung strebt, die Gelegenheit verschmhen wird - selbst
wenn dies nur mit einem gewissen Aufwande von angestrengterer
Sammlung des Geistes mglich wre - eine Einsieht zu gewinnen in
die Summe von neuen Vorstellungen, welche die fortschreitende Wissen-
schaft ber das eigentliche Wesen der Nerventhtigkeit zu Tage ge-
frdert hat.
Ich nehme also getrost meinen Gegenstand in Angriff und lade
