	Ueber das Wesen der Nerventhätigkeit.	149

	Ueber die Art dieser Vermittelung lässt sieh im Allgemeinen etwa
Folgendes sagen.
	Es wäre Anmassung als eine vorgebliche Lösung des ganzen Pro-
blems den materialistischen Ausspruch von CABANI5 wiederholen zu
wollen: ))les nerfs, voilà tout l'homme a oder überhaupt nur behaupten
zu wollen, dass wir über gewisse wichtige Fragen, welche sich hier
von selbst aufdrängen, genügende Aufschlüsse bereits erhalten hätten,
oder dereinst nothwcndig erhalten müssten - da doch die echte Wis-
senschaft nur das zu wissen vorgibt, was sic mit ihren Instrumenten
geprüft hat.
	So viel aber dürfen wir - ohne nach irgend einer Seite hin An-
stoss zu geben - mit Entschiedenheit hinstellen, dass die S c cl e im
Gehirn ihren Sitz hat, in gewissen, nicht näher zu bezeichnenden Form-
elementen desselben ihre materielle Grundlage, ihr Substrat findet,
mit welchem sic in directer Wechselwirkung steht, und dass sic erfah-
rungsgemäss nur durch das Hirn in Erscheinung und zur materiellen
Welt in Beziehung tritt. Die pcripherischcn Nervenverzwei-
g n n g c n spielen dabei wesentlich eine ähnliche Rolle, wie die Draht-
leitungen unserer elektrischen Telegraphen. Sie sind es einerseits, auf
deren peripherischc Enden, welche wir zum Theil mit künst-
lichen Apparaten, wie Auge und Ohr, versehen finden, die Aussenwelt
und die Zustände unseres Körpers erregend einwirken, und innerhalb
deren Substanz die Erregung fortschreitet bis zum Sitze der Seele, wo
jene unbegreifliche Transsubstantiation des physikalischen Vorgangs
der Nervenerregung in den psychischen Zustand der Empfindung statt-
findet. Sic sind es andererseits, auf deren c en t r a I c End en, welche
wir im Gehirn zu suchen haben, der Willensimpuls der Seele erregend
einwirkt und innerhalb deren Substanz die Erregung bis zu den Bewe-
gungsorganen fortschreitet, wo sic sich dann auf die Muskeln überträgt
und in eine Zusammenziehung derselben umsetzt, durch welche die
Bewegung unserer Glieder ermöglicht und mechanische Arbeit ge-
leistet wird.
	Nerven der ersten Art nennt man s ens it iv e, Nerven der zweiten
Art motorische.
	An den pcriphcrischcn Enden der sensitiven Nerven werden also
- wenn ich den angedeuteten Vergleich mit dem elektrischen Tele-
graphen näher ausführen darf - die Depeschen aufgegeben, welche
die Seele von den Zuständen des Körpers und von den Veränderungen
in der Aussenwelt benachrichtigen sollen, während die Seele ihre Wil-
lensäusserungen als Befehle, welche sofort zu Thaten werden, auf den
motorischen Nervenleitungen so zu sagen nach aussen telegraphirt.
