152 	Ueber das Wesen der Neryenthätigkeit

folgendes ist: Im lebenden Menschen pflanzt sieh die Erregung in den
Nervenbahnen im Durchschnitt mit einer Geschwindigkeit von 194 bis
195 Fuss in der Seeunde fort, d. h. in einem 195 Fuss langen Menschen-
nerven, wenn es einen solchen gäbe, wurde die Erregung eine ganze
Seeunde brauchen, um von einem Ende desselben zum anderen zu ge-
langen; die gewöhnliche Länge der menschlichen Nerven von höch-
stens einigen Fuss wird daher immer in wenigen Tausendtheilen einer
Secunde von der Erregung zurückgelegt.
	Dieses Resultat muss, abgesehen von den daraus fliessenden wich-
tigen Folgerungen, als ein höchst überraschendes bezeichnet werden,
denn bei der allgemein verbreiteten Vorstellung, dass die Nervenwir-
kungen auf Strömungen eines ätherischen oder psychischen
Pr inc i p s zurückgeführt werden müssten, mag es ganz unglaublich
erscheinen, dass die Geschwindigkeit dieser Strömungen nicht nur
überhaupt messbar, sondern verhältuissmässig so überaus gering sein
sollte.
In der That, vergleichen wir das gefundene Resultat mit der 
Fort-pflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes, welches 40,000 Meilen in der
Seeuude zurücklegt, mit der der Elektrieität, welche noch bedeutender
ist, ja nur mit der des Schalles, welche nur 1058 Fuss beträgt, so fin-
den wir zu unserem Erstaunen die Fortpflanzuugsgesehwiudigkeit der
Nervenerregung mit noch nicht 200 Fuss in der Secunde verschwin-
dend klein!
	Bei der verhältuissmässigen Kurze der menschlichen Nerven-
bahnen, welche in den extremsten Fällen nicht viel über eine Klafter
betragen, ist der Zeitraum, den die Erregung braucht, um den vorge-
schriebenen Lauf zu vollenden, wie gesagt, so überaus klein, dass er
gar nicht bemerkt wird.
	Nichtsdestoweniger sind wir mit unseren Empfindungen und Wahr-
nehmungen doch immer um einen kleinen Schritt Muter der Wirklich-
keit zurück, während der Willensimpuls seiner Ausführung etwas
vorauseilt, so dass wir uns zu den Vorgängen in unserer nächsten
Umgebung streng genommen in einem ähnlichen anachronistischen
Verhältniss befinden, wie der irdische Beobachter bekanntlich der Fix-
sternwelt gegenüber, deren Lichtstrahlen, welche eben erst sein Auge
treffen, schon vor Jahrtausenden von den Sternen entsendet wurden
und daher Bilder geben, welche Verhältnissen entsprechen, die längst
entschwundenen Schöpfungsepochen angehören.
	Um dieses interessante Verhältuiss klarer zu machen, führe ich
die Wahrnehmung eines momentanen elektrischen Stromes an, von
dessen Existenz wir durch die Empfindung des elektrischen Schlages
