	Sechs Tage in und uni Bordeaux.	161

Jugend auf den ganzen Tag über auf diesen Stangen zubringen, eine
solche Sicherheit im Stelzen-Gehen, Laufen und Springen, dass man
glauben könnte, die Stelzen seien natürliche Verlängerungen der Beine.
Die hier gebräuchlichen Stelzen sind etwas anders gebaut, als jene,
die man hie und da bei uns zu sehen bekommt. Letztere bestehen
bekanntlich aus Stangen, welche bis hoch hinauf unter die Arme
reichen und mit den Händen gefasst und regiert werden; die ersteren
hingegen sind an den Unterschenkel auf eine sinnreiche und überaus
einfache Weise befestigt, so dass sie die Arme zu anderem Gebrauche
ganz frei lassen. Die Befestigung der Stelze an dem Unterschenkel
geschieht durch einen Lederring, welcher durch eine Lederplatte in
zwei ungleiche Oeffnungen getheilt wird. Die grössere Oeffining nimmt
den Unterschenkel auf, die kleinere nach aussen liegende hingegen
das obere bis an's Knie reichende Ende der Stelze. Die Lederplatte
befindet sich somit zwischen dem Unterschenkel und dein oberen Ende
der Stelze und schützt nicht nur die Weichtheilc des ersteren gegen
Reibung und Quetschung, sondern gewährt dem letzteren zugleich Halt
und Befestigung. Das Aufsteigen auf die oft sehr hohen Stelzen vom
flachen Boden aus geschieht folgendermassen. Nachdem die beschrie-
benen Lederringe an die Unterschenkel gesteckt sind, wird die eine
Stelze wie eine Turnierlanze eingelegt, während die andere mit der
anderen Hand gefasst wird, dann wird ein Anlauf genommen - mit
einem Schwunge steht der Mann mit dem einen Beine auf der vor-
gehaltenen Stelze und befestigt dieselbe durch Herüberschieben der
kleineren Abtheilung des Lederringes über das obere Stelzenende.
Während nun hüpfend auf einer Stelze das Gleichgewicht erhalten
wird, hat die Befestigung der zweiten Stelze keine grossen Schwierig-
keiten mehr. Zu Hause machen sich die Leute das Aufsteigen natür-
lich bequemer. Alle Stelzcngchcr fuhren einen langen Stab mit sich,
theils um nicht zu fallen, wenn sic zufällig das Gleichgewicht verloren
hätten, theils um längere Zeit ruhig stehen zu können. Denn trotz-
dem, dass das untere Ende der Stelzen etwas verdickt ist und eine
mehrere Quadratzolle haltende Fläche bietet, ist es doch nur Augen-
blicke lang möglich ganz ruhig auf den Stelzen zu stehen.
	Der lange Stab wird als dritter Unterstützungspunkt verwendet,
indem er mit seinem oberen Ende entweder durch einen der Leder-
ringe oder in die Rime glutaeorum gesteckt wird. Auf diesem drei-
beinigen Gestelle ruhen nun die Hirten Stunden lang, die Heerde
hütend und ihre Strümpfe strickend. Ja, hier bringen die Männer die
Strümpfe zur Welt: es ist zwar grobe Arbeit, aber das Gewebe ist
gleichmaschig und dem Zweck entsprechend. Die Wolle haben die
czermak, Schriften. H.	11
