Sechs Tage in und um Bordeaux.


Skizze aus meinem Tagebuehe.
[»Lotos», September und October, 1854.]




Den 18. August 1853.
	Gestern Abend 71/4 Uhr habe ich Paris verlassen und bin hier, in
Bordeaux, um 11/2 Uhr Nachmittags etwas ermüdet angekommen. -
Die Stadt macht einen grossartigen Eindruck; sie liegt im Halbmond
um die majestätisch daherströmende Garonne, aber welche eine kolos-
sale, 892 Schritt lange Brücke von 17 Bogen führt. Diese Brücke
hat das Eigenthümliehe, dass sie im Innern hohl ist, so dass man
nicht nur auf, sondern auch in der Brücke von einem Ufer zum andern
gelangen kann; im letzteren Falle natürlich ungesehen. Napoleon der
Grosse hat dieses prächtige Bauwerk aufführen lassen, und soll, wie
man erzählt, den unsichtbaren Durchgang in der Brücke zu geheimen
Uebersetzungen von Truppen haben benützen wollen. Mir scheint es
viel wahrscheinlicher, dass die Brücke nur deshalb im Innern hohl
gebaut wurde, weil wan Baumaterial ersparen und die Pfeiler weniger
belasten wollte. Die beabsichtigten geheimen Truppenmärsehe gehö-
ren aber nun einmal zu den fixen Ideen des Volkes und werden den
Fremden regelmässig aufgetischt.
	Am Abend gab es noch eine fête nautique, welche mir Gelegen-
heit gab, die schöne Welt von Bordeaux zu sehen und einen Wettkampf
kennen zu lernen, der hier beinahe so heimisch ist, wie das »Boxen«
in England - ich meine das »Sehiffersteehen«. Mit der fête
nciutique hatte es aber folgende Bewandtniss. Ein reicher Kaufherr
hatte sieh auf der Werfte von Bordeaux ein Schiff bauen lassen; dieses
war vollendet und lief heut vom Stapel. Der Vermählung des Schiffes
mit dem Wasser zu Ehren war nun nach altem Brauch ein Fest
arrangirt, das mit dem Schifferstechen begann.
	Das Schifferstechen besteht darin, dass die Kämpfer, welche vorn
an der Spitze kleiner Schiffe frei stehen. einander, während sie sieh
