168 	Bemerkungen über Naturwissenschaft


aufgeklärten Naturerscheinungen und ihres ursächlichen Zusammen-
hanges handelt, - selbst wenn jene Personen eine hervorragende
allgemeine, und vielleicht auch naturwissenschaftliche Bildung besitzen,
vom Geiste der exacten Naturforschung aber doch nicht völlig durch-
drangen sind. Wie oft muss man nicht von ernsten und aufrichtigen
Berichterstattern über ungewöhnliche oder zweifelhafte Naturvorgänge
die mit steigender Gereiztheit und Entrüstung vorgebrachte Versiche-
rung hören: »Ich bin aber doch selbst dabei gewesen! - ich habe ja
selbst Alles mit meinen eigenen Augen mit angesehen, mit meinen
eigenen Ohren mit angehört! Was ich berichte, ist eine Thatsache 

	Nun ja! - Der Mann ist ja selbst dabei gewesen; er hat Alles
selbst mit angesehen und mit angehört; er spricht im vollen Ernst, und
er spricht die volle Wahrheit - und doch! - was er berichtet, es hat
sich niemals ereignet, und der Naturforscher hat vollkommen Recht,
sein Zenguiss in den Wind zu schlagen und ihm nicht zu glauben, trotz-
dem er an seiner Wahrhaftigkeit nicht im Mindesten zweifelt. Dies
klingt paradox genug, aber der unlösbar scheinende Widerspruch stei-
gert sich noch, löst sich aber auch sofort durch die beschwichtigende
Bemerkung, dass der fast schon beleidigte Augen- und Ohrenzeuge ja
auch wirklich vollkommen Recht hat - insofern er nämlich 
wahrheits-
gemäss nach bestem Wissen und 
Gewissen eine Thatsache berichtete,
aber freilich nur eine »ungenau beobachtete Thatsache«!
	Er hat in seiner naiven TJrtheilslosigkeit, in der er sich gegenüber
der Beobachtung und Ermittelnng des Zusammenhanges von Naturvor-
gängen beflndct, ein blosses Nach- oder Miteinander, d. h. eine
einfache zeitliche Succession oder CoIncidenz von Erscheinungen, fur
ein Aus- oder Durcheinander, d. h. fur einen ursächlichen
Zusammenhang derselben genommen. Erhatzwar faetiseh eine
'rhatsaehe berichtet - nämlich zeitliche Aufeinanderfolge oder CoInei-
denz von gewissen wirklichen Dingen und Geschehnissen; -- indem er
aber dieses einfache zeitliche Verhältniss ohne Weiteres, d. h.
ohne genaue und vollständige Beobachtung und Prüfung - wozu ihm
entweder überhaupt, oder gerade in diesem Falle sowohl der Sinn, als
die specielle Schulung fehlt - für einen ursächlichen Zusam-
men h an g nahm, berichtete er etwas, was keine Thatsaehe mehr ist,
er berichtete also ein thatsäehliehes Ereigniss, welches sieh so, wie er
meint, in Wirklichkeit niemals zugetragen nat.
	Ein Ereigniss dieser Art kann man kaum anders und besser be-
nennen, als eine »unvollständig geprüfte« oder »ungenau beobachtete
Thatsache«, und ich glaube, man ist nicht nur logisch berechtigt,
sondern auch dringend veranlasst, unter den Thatsaehen der Natur-
