186 	Die Prineipien der mechanischen Naturauffassung.

sehung des »Lebens« ist, überhaupt gar keine Leistungen oder Bezie-
hungen und Interessen des Menschen geben kann, welche nicht in einem
solidarischen Znsammenhange mit dieser Wissenschaft - der Wissen-
schaft vom Leben - stünden; sowie dass kaum eine andere Wissen-
schaft in gleich wirksamer Weise die wahre Aufklärung zu befördern
im Stande ist, als eben die Physiologie.
	Die Physiologie entstand ursprünglich im Dienste der Mediein.
Von allen Jenen, die sieh denkend mit der Natur beschäftigten, fühlten
die Aerzte als die Ersten das Bedürfniss, den Antheil der einzelnen, so
mannigfachen Organe oder Werkzeuge des Körpers an den Lebensver-
richtungen genauer kennen zu lernen. Es war demnach die Physio-
logic anfangs nur eine Art von räsonnirender Anatomie und wurde ein-
fach als die Lehre von der Verrichtung oder Function der Körpertheile,
als doctrina de mu partlum definirt. Es sind Jahrhunderte vergangen,
bevor sie sieh ans einer untergeordneten medicinisehen Hilfswissen-
schaft zu dem Range und der Bedeutung eines selbstständigen Zweiges
der reinen Naturwissenschaft emporzuarbeiten suchte, indem sie sieh
die ganz allgemeine und zwiefache Aufgabe stellte, nicht nur die
Lebensvorgänge und Kraftäusserungen der Organe zu ermitteln und
festzustellen, sondern dieselben auch nicht länger als Manifestationen
einer, den allgemeinen Gesetzen der leblosen Welt entrückten, mysti-
sehen »Lebenskraft« zu betrachten, vielmehr auch sie aus der chemisch-
physikalischen Beschaffenheit der organisch en Formelemente, aus denen
die Pflanzen und Thierkörper bestehen, und aus den natürlichen Bezie-
hungen, welche sie zur Aussenwelt haben, mit Nothwendigkeit herzu-
leiten., d. h. zu erklären. Erst diese neueste Richtung der physiolo-
gischen Forschung berechtigt zur Hoffnung, dass die Physiologic der-
einst zu einer wahren Physik und Chemie der Organismen, d. h. zu
exacter Naturwissenschaft oder Mechanik werden wird. So weit wir
auch noch von diesem idealen Zustande der Entwicklung unserer Wis-
senschaft entfernt sein mögen, so wenig Sicherheit und Gewissheit wir
auch besitzen, dass derselbe jemals ganz erreichbar sein werde; so viel
steht heute schon hinsichtlich der anatomischen Gebilde fest, dass die-
selben, so wie sie aus dem Stoff- und Kraftvorratli unseres Planeten
hervorgegangen sind, auch nur ans diesem kosmischen Vorrath das-
jenige an Stoff und Kraft schöpfen können, was sie im Kampfe um's
Dasein zu ihrem Fortbestehen und zu ihren lebendigen Kraftäusserun-
gen benöthigen. So bilden denn die Entdeckungen und Anschauungen
der exaeten Naturwissenschaft, die das Gebiet des Gesetzlosen und Un-
begreiflichen dadurch beschränken, dass sie unsere Begriffe vom Ihn-
fang des Gesetzes erweitern und den Zusammenhang von Erscheinungen
