	II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.	201

nicht absolut constant ist doch nur Schwankungen innerhalb sehr
enger Grenzen vorkommen. Die Entwickelung und Vertheilung der
Organismen muss daher gegenwrtig auf einem Punkte angelangt sein,
dass sich die oxydirende Thtigkeit der Thiere und die reducirende
der Pflanzen (las Gleichgewicht halten; denn au dem gegenseitigen
Verhltniss dieser beiden antagonistischen Thtigkeiten resultirt noth-
wendig der jeweilige Zustand, in welchem sich die Atmosphre that-
schlich befindet. Unzweifelhaft war es nicht immer so wie jetzt mit
der Zusammensetzung der Atmosphre bestellt. In frheren Epochen
der Entwickelung unseres Planeten war der Kohlensuregehalt der
Luft ein ungleich grsserer als jetzt. Nur die berwiegende und kolos-
sale Entwickelung und Verbreitung des vorweltlichen Pflanzenreichs
hat ihn so bedeutend herabgemindert; dabei ist der Kohlenstoff, der
frher im kohlensauren Gas der Atmosphre in den Lften schwebte,
in fester Form und vom Sauerstoff befreit in die Tiefen der Erde
gelangt, wo wir ihn heute in dell ungeheuren Steinkohlenfitzen und
Braunkohlenlagern wiederfinden und, indem wir ihn als Brennmaterial
benutzen, zum mchtigsten Bundesgenossen fr die Entwickelung der
Industrie und des Weltverkehrs machen. Die vorweltlichen Wlder
sind nmlich durch die heftigen Katastrophen, welche die Bildungs-
epochen der jungen Erde kennzeichneten, verschttet, weggespult und
begraben worden und haben im Erdboden unter dem Einflusse der
Feuchtigkeit und Wrme jene Vernderungen erlitten, welche der
kohlenstoffreichen vegetabilischen Substanz die Beschaffenheit der
Braun- und Steinkohle ertheilen. So ist denn der Kohlenstoff durch
die innere chemische Arbeit der vorweltlichen Wlder gesammelt und
aufgespeichert worden, um heute eine so grossartige Rolle in der
Geschichte des Fortschritts der Menschen zu spielen! Welch wunder-
barer Zusammenhang!
Die vergleichende Untersuchung der Art und Weise, wie sich
Thier und Pflanze dem Stoffmaterial der Aussenwelt gegenber ver-
halten, lehrt also, dass die chemischen Vorgnge in den beiden Reichen
der organischen oder belebten Welt im Grossen und Ganzen principiell
verschieden sind. Diese principielle Verschiedenheit zuerst hervor-
gehoben und damit das Dunkel des solidarischen Zusammenhanges
zwischen dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreich aufgehellt zu haben,
das ist LAVOISIER'S unsterbliches Verdienst. Dieser Zusammenhang
stellt sich aber als ein in sich geschlossener Kreislauf des Stoffes
durch die drei Reiche der Natur dar. Whrend die Pflanze
einfach zusammengesetzte und hochoxydirte unorganische Verbin-
dungen als Nahrung zu sich nimmt und dieselben unter Desoxydation
