	II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.	205

keine beliebige abenteuerliche Idee mehr 1), sondern eine ganz nüch-
terne und sehr reelle Möglichkeit, dass einzelne derselben Stoff-
theilchen, die einst das geschäftige Gehirn Julius Cäsar's zusammen-
gesetzt haben, heute in den Getreidekörnern auf dem Felde einer
nordamerikanischen Farm oder in einer Leipziger - Nasenspitze
stecken, und in hundert Jahren das Herz unseres eigenen Urenkels
bilden helfen werden. Denn das steht über alles Meinen und Glauben
fest und sicher, dass die Stoffelemente, welche die organischen Ver-
bindungen des Thier- und Menschenleibes in einem gegebenen Augen-
blicke zusammensetzen, früher einer Pflanze angehört haben müssen,
die sie aus dem Boden, dem Wasser und der Luft entnommen und
organisch gruppirt hat, und dass diese Stoffelemente aus den Thier-
nnd Menschenleibern in anderer, unorganischer Gruppirung in den
Boden, das Wasser und die Luft zurückkehren, aus denen sie nur die
Pflanze für das organische Leben wieder zurückgewinnen kann.
	Die Kohlensäure, die wir heute hier in diesem Saale ansathmen
- sie wird durch die Ventilation der Herren MÜLLER und KELLNIG
der Atmosphäre Leipzigs beigemischt und über Deutschland und
Europa, ja über die ganze Oberfläche der Erde fortgeführt, um nach
kürzerer oder längerer Zeit von einer Pflanze aufgenommen, und unter
dem Einfluss des Sonnenlichts in Kohlenstoff und Sauerstoff zerlegt zu
werden. Den freigewordenen Sauerstoff athmet irgendwo und irgend-
wann Thier oder Mensch ein, oder es verzehrt ihn ein Hochofen oder
eine bescheidene Herdstelle, an der man eben die Mittagssuppe kocht;
den freigewordenen Kohlenstoff verbaut die Pflanze in ihre Kohle-
hydrate, Fette und Eiweisskörper, die wieder Thieren und Menschen
zur Nahrung dienen. Und so können wir dieselben Kohlenstoff-
theilehen, welche wir heute hier als Kohlensäure ansgeathmet haben,
vielleicht schon im nächsten Jahre auf einer Reise durch Italien im
Mehl der Maeearoni Neapels oder im Fleische einer Apfelsine Sorrents
wiedergeniessen und so als einen integrirenden Bestandtheil unseres
eigenen Blutes und Fleisches zurückerhalten!
	Doch, weiteres frappantes Detail dieser Art auszudenken, kann
ich füglich Ihrer eigenen Einbildungskraft überlassen, der Sie dabei
getrost den kühnsten Flug gestatten mögen, ohne befürchten zu dürfen,

	Dass der Genius eines Shakespeare den Kreislauf des Stoffes poetisch voraus-
geahnt hat, beweist jene Stelle im «Hamlet", wo es heisst:
«Der grosse Cäsar, todt und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden.
o dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!"
