208 	Die Principien der mechanischen Naturauffassung.

Art entgegen, welche oft nur dadurch zu überwinden sind, dass wir,
unserer Phantasie vertrauend, gewisse Voraussetzungen gelten
lassen, um die Ergebnisse bereits angestellter Versuche mit einander
zu verknüpfen und die Richtung neuer Versuche zu bezeichnen. Solche
Voraussetzungen nennen wir Hypothesen (von v',-t(), unter, und 8thtg,
einem Abkömmling von vllhyu, ich stelle, also wörtlich: Unterstel-
lungen). Die Hypothese ist für die Naturforschung das wcrthvollstc
Hilfsmittel, allein das gilt nur von der Hypothese, welche, auf That -
s a eh en fussend, das Verständniss dieser Thatsachen anbahnt, die-
selben unter einem Gesichtspunkt vereinigt und endlich zu neuen Ver-
suchen Veranlassung gibt; die rein s p c cu I at iv c Hypothese, welche
nicht in dem Boden des Versuches und der Beobachtung wurzelt, hat
keine Bedeutung und kann also nur als eine wenig fruchtbare Verstan-
desübung betrachtet werden. - Die Hypothese ist begreiflich ein ganz
provisorisches Hilfsmittel; sie muss erweitert und selbst aufgegeben
werden, je nachdem sie für die Ergebnisse fortgesetzter Forschung zu
enge wird, oder aufhört sich ihnen anzupassen. Umfasst und erklärt
die Hypothese andererseits ausgedehnte Reihen von Erscheinungen,
ergeben sich in fortgesetzten Versuchen die Resultate, welche die Hypo-
these in Aussicht stellt, wird sie durch aufeinanderfolgende Entdeckun-
gen höher und höher in der Wahrscheinlichkeitsskala gehoben, so ver-
liert sie immer mehr und mehr ihren provisorischen Charakter, bis sic
zuletzt mit dem Namen und Rang einer Theorie (von acow, ich
betrachte) den anerkannten Lehren der Wissenschaft sich anreiht.«')
	In diesem Sinne, meine Herren, ist die empirische Atomenlehre,
welche, wie Sie bald sehen werden, auf unzweifelhaften Thatsaehen
fusst und mit all' den glänzenden Entdeckungen und Erfolgen der mo-
dernen Naturwissenschaft in solidarischem Zusammenhange steht, eine
feststehende T h e or i e, von deren Grundzügen Jeder, der irgend An-
spruch auf allgemeine Bildung haben will, ein einigermassen richtige
und klare Vorstellung besitzen muss.
	Nach dieser Theorie besteht nun die Materie aus unzählbaren
discretcn, d. h. durch freie Zwischenräume von einander getrennten,
unmessbar kleinen Thcilehcn oder Atomen von zweierlei Art: die einen
heissen Körperatome, die anderen Acthcratome. -Die Körper-
atome ziehen sieh gegenseitig an, die Aetheratomc stossen sich gegen-
seitig ab. - Auch dort, wo Körper- und Actheratome in gegenseitige
Beziehung treten, wird angenommen, dass die ersteren anziehend, die
letzteren abstossend wirken - die einfachsten elementaren Bewegun-

1 Einleitung in die moderne Chemie; Braunschweig 1871, S. 219-220.
