	III. Lehre von den Atomen und ihrer Unzerstörbarkeit.	215

	Wenn aber HARTMANN schliesslich die Materie »als Wille und Vor-
stellung« auffasst, so ist das reine metaphysische Speculation, mit der
ich hier nichts zu thun habe, da es nicht meines Amtes, Philosophie zu
lehren, sondern nur die Grundzüge der exacten Naturforschung darzu-
legen; - für die Naturforschung aber gibt es eine Tugend der Ent-
sagung auf intellectuellem Gebiete nicht minder als auf moralischem. -
Mir genügt es darum, wenn Sie richtig erfasst haben, dass die exacte
Naturforschung die Materie, trotz des trügerischen Anscheins, n i eh t
als etwas den Raum continuirlich Erfüllendes betrachtet,
sondern als aus unmessbar kleinen discreten, d. h. durch Zwischen-
räume getrennten Theilchen, den Uratomen, bestehend, welche, in
Folge der zwischen ihnen herrschenden Anziehungs- und Abstossungs-
kräfte sich innerhalb jener Zwischenräume stetig bewegen, - zu be-
stimmten einheitlichen Gruppen, den chemisch differenten Atomen
zusammentreten, aus deren Verbindung chemisch gleichartige oder
ungleichartig zusammengesetzte höhere Einheiten - die Molecüle -
hervorgehen, deren Aggregate endlich die sichtbar festen, flüssigen
und gasförmigen Körper darstellen.
	Während so die Chemie durch die von mir angeführten Thatsachen
zur Kenntniss der Atome gelangt ist, hat sie gleichzeitig unwiderleg-
bar, mit der Waage in der Hand, erfahren, dass die Atome völlig u n -
vernichtbar sind, und unveränderlich in ihrer Masse, unver-
änderlich auch in ihren Eigenschaften, insofern als sie aus jedem
Zustande, in den sie übergeführt wurden, immer wieder ausgeschieden
und auf die s cl b en Eigenschaften zurückgeführt werden können, die
sie früher im isolirten Zustand besassen i). Die Chemie hat ferner that-
sächlich gezeigt, dass all e Substanzen, organische und unorga-
nische, - aus den von ihr aufgefundenen Elementarstoffen zusammen-
gesetzt werden, indem sich dieselben in den verschiedensten Verhält-
nissen mit einander chemisch verbinden und gruppiren, - und dass
der ganze unendliche Wechsel der Erscheinungen, - in der unorga-
nischen, wie der organischen Welt, alle die überraschenden und man-
nigfaltigen Resultate der chemischen Zusammensetzungen und Verbin-
dungen auf einer Veränderung der räumlichen Vertheilung und Gruppi-
rung der einfachen und an sich unveränderlichen Atome zu chemisch
gleichartigen oder ungleichartigen Moledilen und Molecülaggregaten
oder Molen beruht. -


	1 Damit ist nicht gesagt, dass die Zahl der chemischen Elemente im Lauf des
wissenschaftlichen Fortschritts sich nicht verringern könnte, oder dass es 
absolut
unmöglich bleiben sollte - Gold zu machen.
