	IV. Gesetz von der Erhaltung der Kraft.	219

klarerem Verstndniss vorzudringen. Wenn Sie mit einigem Aufwande
von Aufmerksamkeit, Hingebung und Consequenz, ohne welche freilich
in keiner Wissenschaft Etwas zu erreichen ist, meinen weiteren Aus-
einandersetzungen, die sich nunmehr dem sogenannten G e set z e v o n
der Erhaltung der Kraft zuwenden, folgen wollen, darf ich
hoffen, Ihnen das Verstndniss der modernen naturwissenschaftlichen
Anschauungen so weit erschliessen zu knnen, als es heutzutage von
Jedem, der auf wahre allgemeine Bildung Anspruch macht, gefordert
werden muss. Denn die Zeiten sind vorber, wo man sich auf der Hhe
der allgemeinen Bildung stehend whnte, wenn man auch keine wei-
tere Kenntniss der Naturerscheinungen und ihres causalen Zusammen-
hanges besass, als aus dem tglichen Leben und aus der mosaischen
Genesis zu holen ist! -
	Was besagt zunchst das Gesetz von der Erhaltung der Kraft? Es
statuirt mit Bezug auf die Kraft wesentlich dasselbe, was durch das
Gesetz von der Unvernderlichkeit des Stoffes bezglich der elemen-
taren Stofftheilchen gilt. Ich knnte Ihnen also kurz sagen: Gerade
so wie die Quantitt des Stoffes ewig und unvernderlich ist, d. h. das
kleinste Stoffatom weder vernichtet noch neu geschaffen werden kann,
ebenso sei auch die Quantitt der im Naturganzen vorhandenen wir-
kungsfhigen Kraft ewig und unvernderlich, d. h. Kraft knne ebenso
wenig erschaffen wie vernichtet werden - und gerade so wie der selt-
same Wechsel in den Eigenschaften der Materie nur durch die Vernde-
rung der Anordnung der an sich unvernderlichen Stoffatome zur Er-
scheinung kommt, ebenso beruhe nach unserem neuen Gesetz auch alle
Mannigfaltigkeit der Vorgnge der Natur einzig und allein auf einem
Wechsel des Ortes im Raume, wo, und auf einem Wechsel der Erschei-
nungsform, wie die an sich unvernderliche und unzerstrbare Kraft
wirksam wird. - In der That, dies ist eine kurze Formulirung unse-
res Gesetzes.
	Allein fr die Meisten von Ihnen sind dies nur Worte ohne Be-
griffe. An Worte lsst sich trefflich glauben, vom Wort kann man kein
Iota rauben - und wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten
Zeit sich ein ii. s. w. Hier wollen wir aber Mephisto's Recept: ))Haltet
euch an Worte, nicht befolgen; denn zum Begreifen gehren Begriffe,
und diese stammen aus der Erfahrung. Ich muss also etwas weiter
ausholen, um verstndlich zu sein, und zwar um so mehr, als ja die
tgliche Erfahrung mit unserem Gesetze in schreiendstem Widerspruch
zu stehen scheint, indem bekanntlich allenthalben die Vergnglichkeit
und Zerstrbarkeit der Kraft uns entgegentritt. Die Kugel z. B., wel-
che dem tdtlichen Rohr entfliegt und die Kraft besitzt, auf ihrem Wege
