226 	Die Principien der mechanischen Naturauffassung.

sehen Stabe eine Triebkraft verleihen, und Sie sehen ferner, wie dieser
mitgetheilte Vorrath an Kraft in beiden Fllen abwechselnd zwei ver-
schiedene, ineinander sich verwandelnde Erscheinungsformen annimmt.
	Die eine Erscheinungsform der Kraft ist beim Pendel die Trieb-
kraft eines gehobenen Gewichtes, beim schwingenden Metallstab die
Triebkraft eines gespannten elastischen Krpers; - die an d er e Er-
scheinungsform hingegen ist in beiden Fllen, beim Pendel wie beim
Metallstab, dieselbe, nmlich die Geschwindigkeit bewegter
Massen.
	Man nennt die erste Erscheinungsform von dem Verhalten
gespannter elastischer Krper, Spannkraft oder potentielle
Energie, um damit jenen Zustand oder jene Form der Triebkraft
scharf zu bezeichnen, wenn dieselbe zwar irgendwo v or h anden ist,
aber die ihr mgliche Arbeit noch nicht thatschlich leistet,
d. h. wenn sie noch keine wirkliche Bewegung oder Vernderung er-
zeugt, - im Gegensatze zur z iv ei ten Erscheinungsform, welche die
lebendige Kraft oder aetnelle Energie genannt wird, weil hei
ihr, als im Zustande bewegter Massen, die Triebkraft bereits ivirklihe
Bewegung erzeugt, wirkliche Bewegung leistet.
	Den gegenseitigen Umsatz der beiden Erscheinungsformen, die
Umwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft oder, was dasselbe
ist, von potentieller in aetuelle Energie, von mglicher Arbeitsleistung
in wirkliche, und umgekehrt, knnen wir an dem schwingenden ela-
stischen Stabe genau in derselben Weise beobachten, wie vorhin beim
Pendel. Hier wie dort erscheint der Gesammtvorrath an Triebkraft
oder die totale Euer g i e, welche ich durch den Aufwand meiner
Muskelkraft den Massen mitgetheilt habe, zuerst ganz in Form von
Spannkraft, die sich aber, sobald ihr dies gestattet ist, sofort in leben-
dige Kraft zu verwandeln beginnt. Dabei spaltet sieh die totale
Energie in zwei Theile: der eine Theil, der immerfort kleiner wird,
wenn das Gewicht fllt, der Metallstab sich entspannt, ist noch Spann-
kraft, der andere, der fortwhrend wchst, ist schon lebendige Kraft
geworden und hat Bewegung oder Geschwindigkeit erzeugt. In dem
Maasse als die Spannkraft verschwindet, nimmt die lebendige Kraft
zu; im Halbirungspunkte der Schwingungsbahn ist die Spannkraft
gleich Null, sie erscheint vollstndig verbraucht und in lebendige Kraft
umgesetzt. Deshalb kann der ganz entspannte Metallstab ebenso
wenig stehen bleiben, wie das in dem Ruhepunkt Al angekommene
Pendel. Beide besitzen im betreffenden Momente die ihnen mitgetheilte
Triebkraft oder Energie in Form von erlangter Geschwindigkeit,
welche fhig ist, Arbeit zu leisten. Diese Arbeit besteht darin, dass
