230 	Die Principien der mechanischen Naturauffassung.

Worte, indem sie gebraucht werden, nicht scharf und streng genug
auseinander. Ich hoffe indess, dass es mir in der nachfolgenden Aus-
einandersetzung gelingen wird, jede Zweideutigkeit zu vermeiden und
Ihnen diesen hochwichtigen Gegenstand zu anschaulichster Klarheit
zu bringen. -
	An einem Gewichte, das auf dem Boden ruht, an einem Kautschuk-
streifen, der nicht gespannt ist, beobachten wir gar keine Kraft-
äusserung; dennoch sind wir Überzeugt, dass zwischen dem Gewicht
und der Erde, sowie zwischen den Moleelllen des Kautschukstreifens
gegenseitige Anziehung besteht, dass also ein an sich unbekanntes
und unerkennbares Etwa s vorhanden ist, welches das Bestreben h at
oder ist, die Massen und Massentheilchen, denen es innewohnt, in
einer bestimmten Richtung in Bewegung zu setzen, und welches wir
als eine Kraft bezeichnen. - Wenn wir das Wort in diesem Sinne
gebrauchen, meinen wir also die Kraft, die, wie die Schwere, die Co-
häsion, ihren Sitz, wie gesagt, in den materiellen Elementartheilchen
hat, welche sie miteinander in Beziehung setzt; jede solche »Kraft« ist
eine Wesenseigenschaft des Stoffes und daher selbstverständlich gerade
so unerschaifbar und unzerstörbar wie dieser selbst. Von der )>Kraft«,
in diesem Sinne gebraucht, von jenem an sich unbekannten und uner-
kennbaren Etwas nämlich, das von jedem Stoffelemente unzertrennbar,
ist das Gesetz ihrer Erhaltung, ihrer Unerschaifbarkeit und Unzerstör-
barkeit, kein Verdienst der Neuzeit; es war vielmehr in dem längst
anerkannten Gesetze von der Erhaltung und Unveränderlichkeit des
Stoffes mit ausgesprochen.
	Unter Kraft, deren Erhaltung, d. h. deren Unzerstörbarkeit und
Unerschaifbarkeit unser neue s Gesetz behauptet, ist dagegen kein
unbekanntes und unerkennbares Etwas, vielmehr ein ganz Erkenn-
bares und Bekanntes, ja numerisch Ausdrückbares, nämlich die Quan.-
ti t ät der A ens s er un g oder Wirkung einer irgendwo vorhande-
nen und ins Spiel kommenden Kraft zu verstehen. Das was unser
Gesetz von der Erhaltung der Kraft Neues aussagt, ist also: dass auch
die Kraftäusserung oder Kraftwirkung, d. h. die Quantität der
Arbeitsleistung aller Naturkräfte ebenso unerschaff bar und unzer-
störbar ist, als »Kraft« und Stoff selbst. Was allein zerstörbar und
wiederherstellbar ist, was allein wechselt, ist die Form w i e, und der
Ort im Raume, wo die Kraft in dem hier gebrauchten Sinne des
Wortes, also die Kraft ä us s er u n g oder Arbeitsleistung erscheint.
	Die Schwere des auf dem Boden liegenden Gewichts, die Cohäsion
der in ihrer Gleichgewichtslage befindlichen Molecule des ungedehnten
Kautschukstreifens it u s s er n sich aber niemals und in keiner Weise
