256 	Die Principien der mechanischen Naturauffassung.

an den sich reibenden Eisflächen durch die U e i b u n g und B ewe gull g
neu und unerschöpflich entsteht, so lange die Reibung und Bewegung
unterhalten wird. Dieses Etwas kann nun offenbar nur ein Z stand
des Stoffes, nicht ein Stoff selbst sein, - und dieser Zustand muss in
einer B e w e gun g der kleinsten unsichtbaren Stofftlieilehen bestehen,
da das, was an den sieh berührenden Flächen der Eismassen sichtbar
vorgeht, nichts als Bewegung ist.
	Die moderne, mechanische oder dynamische Wärmetheorie erklärt
also die Wärme für einen Zustand der Materie, d. h. für eine in c eh a-
nische Bewegung der kleinsten unsichtbaren und Un-
messbaren Stofftheilchen. Und nun ist mit Einem Male
Alles klar Man begreift sofort die Beziehung zwischen Wärme und
mechanischer Arbeit. Man begreift die N euer z eu gun g von Wärme
durch Reibung und Stoss, also durch Aufwand mechanischer Arbeit,
ebenso gut wie das Verschwinden, das Vernielitetwerden der
Wärme, wo auf Kosten derselben mechanische Arbeit entstellt; denn
(lie gewöhnliche mechanische Arbeit und (lie W'ärme sind nach der
neuen Theorie in ihrem innersten Wesen g 1 e ich a rt i g e Vorgänge,
beide sind Bewegung: erstere, Bewegung der ganzen grobsinnlichen
Massen oder Molen; letztere, Bewegung der sinnlich nicht wahr-
nehmbaren MolecUle, Atome und Uratome der Materie. Wir haben die
erlangte Geschwindigkeit bewegter Ma s s en als eine Form der Trieb-
kraft, als sogenannte »lebendige Kraft« kennen gelernt; wir erfahren
nun, dass die erlangte Geschwindigkeit oder »lebendige Kraft« der
atomistischen Massentheilchen gleichfalls eine Form der
Triebkraft ist, die wir ))Wärme« nennen. So überraschend (lies im
ersten Augenblick auch sein mag, so selbstverständlich erscheint es
bei reiferer Ueberlegung; denn für den Verstand ist es doch offenbar
nicht schwieriger, sieh eine Bewegung atomistischer Stoffelemente
innerhalb der Stoffmassen vorzustellen, als die Bewegung ganzer
Stoffmassen selbst Die W ärnie ist also, kurz definirt, die leb en-
dige Kraft oder die erlangte Geschwindigkeit der be-
wegten atomistischen Massenthieilclien.
	Wie überaus fruchtbringend und manchen scheinbaren Wider-
spruch lösend die soeben gewonnene Anschauung vom Wesen der
Wärme sich erweist, werden Sie sofort ersehen. - Ich erinnere Sie
daran, (lass wir schon bei unseren ersten praktischen Versuchen zur
Orientirung über die verschiedenen Formen der Kraftäusserung und
über die nötlugsten Grundbegriffe der Mechanik auf Beispiele gestossen
sind, welche der strengen Allgemeingiltigkeit des Gesetzes von der
Erhaltung der Kraft zu widersprechen schienen. Wir sahen damals
