﻿IX. Chem. Affin., Elektric., Elektro-ilagn., Licht: Bewegungsformen. 269
gasigen Aggregatzustand an : die Wasser molecule, aller Bande der Cohiision ledig, fahren heftig durch einander, während zugleich innerhalb der Moleciile die dieselben zusammensetzenden Wasserstoff- und Sauerstoff atome gleichfalls in heftiger, unregelmässiger, zitternder Bewegung begriffen sind, ohne jedoch den Bereich der Wassermolecüle verlassen zu können: denn noch hält die Affinität die Wasserstoff- und Sauerstoffatome , trotz ihrer Wärmeoscillation, als Wassermolecüle zusammen. Indem wir aber fortfahren, das Wassergas zu erhitzen und die lebendige Kraft der Atombewegungen zu steigern, tritt erfahrungs-gernäss ein Temperaturgrad ein, bei welchem, ähnlich wie bei 100° die Molecular anziehung, endlich auch die Anziehung zwischen den chemischen Atomen, d. h. die chemische Affinität oder Verwandt-seliaftskraft, überwunden wird und die Wasserstoff- und Sauerstoffatome frei durch einander fliegen. Man sagt dann, die Wärme habe gasförmiges Wasser in ein Gasgemenge von frei durch einander fliegenden Sauerstoff- und Wasserstoffatomen »dissociirt«, und nennt diesen merkwürdigen Vorgang mit St. Claire Deville »Dissociation«.
Sie lernen somit die sonderbare Thatsache kennen, dass die Wärme, welche bei der Herstellung chemischer Verbindungen durch Umwandlung chemischer Spannkraft in lebendige Kraft entsteht, auch wieder die chemischen Verbindungen sprengen, die chemische Verwandtschaftskraft oder Affinität in Spannkraft verwandeln kann. Ihn diese Arbeit zu leisten, die Trennung der vereinigten Atome herbeizuführen, v e r s c h w i n d c t natürlich genau so viel Wärme als solche, als bei der Wiederherstellung der dissociirten chemischen Verbindungen entstehen würde. Und die auf diese Weise in Form von chemischer Spannkraft wiederhergestellte Triebkraft der Wasserstoff- und Sauerstoffatome würde sogleich wieder in Wärme umgesetzt, sowie wir die Wiederherstellung der dissociirten Wassermolecüle gestatteten, indem wir aufhörten, durch fortgesetzte Wärmezufuhr den hohen Temperaturgrad, bei dem die beschriebene Dissociation eintritt, constant zu erhalten.
Fast scheint es übrigens, als wenn auch dort, wo die Wärme chemische Verbindungen veranlasst, sie zunächst dissociirend wirkt. Wasserstoffgas und Sauerstoffgas können, z. B. im Wasserbildungsverhält-niss gemengt, unverändert und ohne zu Wasser zu werden, fortbestehen, wenn sie nicht, wenigstens theilweise, durch einen Funken oder einen glühenden Platindraht erhitzt werden, wobei die Sauerstotfmolecüle sich spalten. Die Moleciile des Sauerstoffs hat man sich nämlich sowohl nach den Lehren der Chemie als nach den aus der mechanischen Wärmetheorie von Clausius hergeleiteten Folgerungen zwei-atomig