﻿Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen Körpers.
305
Muskeln eines Hingerichteten noch stundenlang nach dem Eintritt jenes Zustandes, den man gewöhnlich den Tod nennt, durch Application geeigneter Heize zu kräftigen Zusammenziehungen veranlasst werden können. Sie sehen also, so paradox es auch klingen mag, der Mensch ist todt. aber seine Muskeln leben noch. — Und das gilt von allen Geweben. nur mit dem Unterschiede, dass es kürzere oder längere Zeit dauert, bis der Tod in ihnen eintritt. Dies hängt tlicils von ihrer Structur ab. theils auch von der Art wie der Mensch getödtet, und unter welchen Bedingungen die Leiche auf bewahrt worden ist.
Bekanntlich sind die Todesarten sehr verschieden: wir sprechen vom natürlichen Tod in Folge hohen Alters oder einer der unzähligen Krankheiten: vom unnatürlichen Tode oder besser gewaltsamen Tode durch Erstickung, durch Verhungern, durch mechanische Verletzungen oder Gifte. Sehen wir genauer zu, so sind freilich alle die verschiedenen Todesarten zuletzt durch das Auf hören der Functionen immer derselben drei Hauptorgane bedingt — nämlich des verlängerten Markes, des Herzens und der Lungen. Man hat diese Gebilde deshalb poetisch den Dreifuss des Lehens genannt.
Vom allgemeinen Tode, welcher in dem absoluten Stillstand aller Lebensthätigkeiten sä mm t lieh er Gewebe des menschlichen Körpers besteht, müssen wir noch den localen Tod unterscheiden. Der locale Tod bezieht sich auf die Zerstörung der morphologischen Bestand-theile, welche ununterbrochen an fast allen Funkten des Körpers während des ganzen Lehens vor sich geht. Er ist die Quelle alles Lebens ! Ohne dass wir es wissen und merken, sterben die individuellen Ge-webebestaudtheile ab und werden durch neue ersetzt. Nur wenn dieser locale Tod durch zufällige innere und äussere Ursachen in grösserem Maassstabe auftritt, können ganze Gewebe, ja ganze Gliedmassen bei lebendigem Leibe absterben. So kann ein glühendes Eisen ein Haut-stiiek. mit dem es in Berührung gebracht wird, augenblicklich zerstören und den localen Tod desselben bedingen, so stirbt ein ganzes Glied ab. eine Ilandz. B. wenn der Zu- und Abfluss des nährenden Saftstromes dauernd unterbrochen wird, und bietet dann die wunderbaren Erscheinungen des brandigen Zerfaliens oder der Mumification dar. —
Der ganze Körper verfällt mit dem Aufhören des Lebens der Auflösung. Die eigenthümliche Anordnung und Richtung der Alltagskräfte, aus deren Zusammen- und Gegeneinanderwirken das Leben hervorging, ist für immer gestört, und der organischen Fesseln ledig, zertrümmern sie das Gebilde, welches sie gebaut und belebt. Der Sauerstoff wird zum absoluten Herrn. . . . Molecül um Molectil wird in die einzelnen Atome zerlegt, bis sich alle Weichtheile hauptsächlich in Wasser.
Schriften. II.	20
C z e r m a k,