﻿Es sind nun fünfundsechszig Jahre her, seitdem die erste und, so viel mir bekannt, die einzige zusammenfassende Monographie über die Häute des Körpers erschienen ist. Es ist dies der Traité des Membranes von Xavier Bichat. Der kleine Band eröffnete den Reigen jener zwar kurzen, aber durch schöpferische Gedankenfülle fast beispiellos dastehenden Reihenfolge von Schriften, durch welche Bichat die gesammte medicinische Wissenschaft in neue Bahnen zu lenken und unsere Vorstellungen vom Leben und Kranksein von Grund aus zu reformiren gewusst hat. Schon in der Hinsicht bietet der Traité grosses Interesse: Pinel (der grosse Arzt und Begründer der Irrenheilkunde) hatte in seiner Nosographie philosophique den Gedanken ausgesprochen, dass hei Beurtheilung der Krankheiten die Natur des erkrankten Organes in erster Linie zu berücksichtigen sei, dass die Entzündung einer Schleimhaut gewisse überall w'iederkehrende Charaktere biete, dass in gleicher Weise die Erkrankungserscheinungen der Diaphanhäute, der Muskeln, der Drüsen dieselben bleiben, ob diese Gebilde Bestandteile des einen oder des andern Organes ausmachten. Diesen Gedanken, den ersten Keim einer pathologisch-anatomischen Krankheitsauffassung, ergreift nun Bichat mit aller Kraft des jugendlichen Genies, giebt ihm seine anatomische Form und Begründung, und in der, Anfangs noch an den fremden Gedanken anlehnenden Arbeit schöpft er jenen tiefen Schatz von Ideen, dem er ein Jahr später in der Anatomie générale eine umfassende Darstellung gegeben hat. Der Traité des Membranes von Bichat bietet indess mehr als hlos historisches Interesse, auch sachlich behält er noch immer seinen Werth, und wenn sein Inhalt auch gröstentheils in die currente Waare unserer anatomischen Vorstellungen übergegangen ist, so wird er, wie Alles, was Bichat geschrieben, den Leser noch jetzt durch reiche Anregung belohnen. Ist es ja doch die Gabe geistvoller Naturen, dass sie, auch bei beschränkten Hülfsmitteln materieller Erkenntniss, Beziehungen zu ahnen und in ihrem Zusammenhang zu durchschauen vermögen, die Anderen bei weit reicherem Material nur stückweise zugänglich sind, und dass sie selbst im Irrthum oft Gesichtspunkte eröffnen, die der langsam und mühselig vordringenden Einzelnforschung als Wegweiser für die Richtung ihres Ganges dienen können.
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