﻿Zur Frage über deu Chemismus der vitalen Harnstoff-
Aus dem med.-chem. Laboratorium der Universität Charkow.
I. Einleitung.
Von Professor Wl. Glllewitsch.
Bekanntlich wird schon seit langer Zeit der sich im Thierorganismus bildende Harnstoff als Product der Thätigkeit der sich in demselben abspielenden Oxy-dationsprocesse betrachtet. Diese Theorie hat ihre Bedeutung bis jetzt bewahrt, mit der Einschränkung jedoch dass die neueren Theorien (z. B. Schmie-lieber g’ s i) Anhydridtheorie, die von Schnitzen und Nencki ') vorgeschlagene Carbaminsäuretheorie, auch in ihrer neueren von JJrechsel 3) und Nencki 4) gegebenen Gestalt) noch anderen Processen, ausser den oxydativen, eine Mitwirkung bei der vitalen Harnstoffbildung zutheilen. Die meisten von diesen Theorien müssen auch den Satz zulassen, dass diejenigen von den einfacher zusammengesetzten chemischen Verbindungen, aus denen der Harnstoff sich unmittelbar im Thierorganismus bildet, im Organismus nicht nur durch die oxydative Spaltung von Eiweisskörpern, sondern auch auf irgend eine andere Weise entstehen können. So sollen z. B. nach der Schmiedeberg s Theorie Kohlensäure und Ammoniak als unmittelbares Material für die Harnstoffbildung betrachtet werden, wobei das Ammoniak sowohl als ein Oxydationsproduct der stickstoffhaltigen Bestandteile des Organismus resultiren, wie auch sich bei der Hydrolyse der Eiweissstoffe der Nahrung bei der Verdauung resp. bei der hydrolytischen Zerspaltung der stickstoffhaltigen Bestandteile des Organismus selbst bilden oder dem Organismus von aussen her geliefert werden kann.
Mit dieser Einschränkung aber darf man nicht bezweifeln, dass die Beteiligung von Oxydationsprocessen eine grosse Bedeutung bei der vitalen Harnstoffbildung hat, indem der Harnstoff entweder direct durch die Oxydation der Eiweissstoffe gebildet wird, oder die oxydative Spaltung derselben die einfacher zusammengesetzten Verbindungen liefert, welche dann in den Harnstoff durch die Vermittelung von synthetischen Processen übergehen. In neuerer Zeit sind noch zwei Beweise für die Vorstellung erbracht worden, dass der Harnstoff' im Organismus durch die Mitwirkung von oxydativen Processen gebildet wird. Der eine Beweis ist die Entdeckung von Oxydasen; durch die Einwirkung derselben versucht man bekanntlich die Phänomene der vitalen Oxydation zu erklären.
*) Arch. f. exp, Path. u. Pharm., Bd. S, S. 1.
-) Ber. (1. deutsch, chem. Ges., Bd. 2, S. 56G.
5) Beiträge zur Physiologie, C. Ludwig zu seinem 70. Geburtstage gewidmet. Leipzig. 1886. S. 1. p M Hahn, 0. Massen, M. Nencki und I. Pawlow. Arch. f. exp. Path. u. Pharm., Bd. 32, S. 206.