﻿202
ZUR THEORIE DER HARKBILDUNG.
Offenbar gewinnt Korànyi's Theorie immer mehr Anhänger, und ist zu erwarten, dass seine Methode die wissenschaftliche sowohl als die praktische Medicin noch um manche Thatsachen bereichern wird.
Die Bestimmung der Arbeitsleistung der Nieren wird hier durch mathematische Grössen ausgedrückt *). Vieles von dem, was zu seiner Erklärung der Mitwirkung der Lebenskraft bedurfte, d. h. nicht näher, im Einzelnen, erklärt werden konnte, erklärt sich jetzt durch einfache physikalische Gesetze der Osmose. Bis jetzt bleibt auf Grund dieser Theorie der Harnbildung, wie auch aller anderen, nur unerklärbar, auf welche Weise das Wasser aus den Kanälchen zurück ins Blut resorbirt, der Harn condensirt wird.
Nach Prof. Ludwig’s Theorie wird das Harnwasser von den Glomeruli ausgeschieden und von den Harnkanälchen, während es dieselben durchströmt, teilweise wieder aufgesogen. Darauf weisen hin: 1) Hüfner's Untersuchungen, welcher gefunden hat, dass bei Tieren, welche concentrât en Harn ausschei-den, die tubuli contorti sehr lang, wohingegen bei Fischen und Fröschen, deren Harn sehr diluirt ist, die Harnkanälchen kurz sind. 2) Wenn das Wasser von den Harnkanälchen wieder resorbirt wird, so muss die Menge des aufgesogenen Wassers von der Zeit abhängen, während der der Harn in denselben verblieben ist: je länger die Zeit ist, je mehr Wasser muss aufgesogen werden und je concentrirter muss der Urin sein. Heidenhain hat bewiesen, dass je schneller die Blutcirculation in den Nieren vor sich geht, desto schneller der Harn von den Glomeruli abgesondert wird und durch die Harnkanälchen tiiesst und dass, umgekehrt, bei Verlangsamung der Blutcirculation in den Nieren der Harn langsamer abgesondert wird und in den Harnkanälchen fliesst. Daher muss bei incompensirten Herzfehlern die Concentration des Harns eine starke sein, resp. A, einen grossen Wert haben. Das wird in der Wirklichkeit auch beobachtet. 3) Bei pathologischer Veränderung des Epithels der Harnkanälchen—fettige Entartung bei Nephritis, bei chronischer Anämie— geht die Besorption des Wassers unvollkommen vor sich, und der Harn ist wenig concentrât, A hat einem kleinen Wert. 4) Auf Grund von Versuchen über Auscheidung von Carmin durch die Nieren sieht Sobieranski die Harnkanälchen für einen Eindickungsapparat für den Harn an.
Mit einem Worte, die Frage von der Resorption des Wassers seitens der Harnkanälchen erscheint fast als eine durch faktische Beweise gelöste, und herrscht Ungewissheit nur darüber, auf welche Weise dieselbe stattfindet.
Dem Anscheine nach widerspricht dieser Process allen physikalischen Gesetzen der Osmose. In der That findet bei Berührung zweier durch eine tierische
') Um die funktionelle Tliätigkeit einer jeden der beiden Nieren zu bestimmen, müsste man die ganze 24-stündige Harnmenge einer jeden davon getrennt besitzen, d. b. eine jede 24 Stunden lang katheterisiren, was natürlich unmöglich ist. Um sich jedoch ein annäherndes I rteil von der molekularen Diurese einer jeden Niere zu bilden, könnte, glaube ich, folgendes A erfahren angewandt werden. Man bestimme die 24-stündige gesammte Diurese beider Nieren, - angenommen dieselbe betrage 3000. Dann werde der eine Harnleiter z. B. 15 Minuten lang katheterisirt,—die Diurese der während dieser Zeit erhaltenen Harns sei = 10. Die Katketerisation des andern Harnleiters während einer gleichen Zeitperiode, d h. 15 Minuten, ergebe für die Diurese der betreffenden v^iere—20. Nimmt man an, dass das Verliältniss 10:20 dieser Diuresen zu einander den funktionellen Fähigkeiten der beiden proportional ist, so kommen aus der Zahl der gesammten Diurese—3000— auf den Teil der ersten 1000, auf denjenigen der zweiten 2000.