﻿ZUR THEORIE HER HARNBILDUNG.
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Im Jahre 1884 gab de Yries eine Methode die Tonicität der Lösungen auf Grund der plasmolytischen Erscheinungen in der Pflanzenzelle zu bestimmen.
In den Jahren 1878—1882 brachte Raoul zu demselben Zwecke eine Bestimmungsmethode der Gefrierpunkte in Vorschlag.
Im Jahre 1888 gab Beckmann einen vervollkommenten Apparat zur Bestimmung des Gefrierpunktes—das Kryoskop.
Im Jahre 1887 wandte Hamburger als erster die de Vries’sche Methode bei der tierischen Zelle, den Blutkörperchen—seine bekannte Blutkörperchenmethode zur Bestimmung der molekularen Concentration der Lösungen—an.
Im Jahre 1891 wies Dreser darauf hin, dass diese Methode bei der Untersuchung des Harnes nicht anwendbar sei, bediente sich zu letztgenanntem Zwecke der kryoskopischen Methode und berechnete die Arbeit der Nieren.
Im Jahre 1893 wandte A. v. Koräuyi, Professor an der Universität zu. Buda-Pest, als erster die kryoskopische Methode zu klinischen Zwecken an und brachte im Jahre 1897 eine neue Theorie der Harnbildung und Lymph-circulation vor.
Die physikalisch-chemischen und biologischen Thatsachen, die dieser Theorie zu Grunde gelegt sind, habe ich in meiner Abhandlung: «Ueber den osmotischen Druck der Flüssigkeiten des tierischen Organismus» Q in JV« 3 der <Medicinischen Bundschau» (russisch),- 1901, dargelegt.
Nach dieser von Koränyi aufgestellten Theorie der Harnbildung scheiden die Glomeruli Wasser und Salze, hauptsächlich XaCI aus, wobei während des Durchgangs dieser Harnflüssigkeit durch die Harnkanälchen, durch deren Wandungen ein Austausch der Moleküle des Harnwassers gegen diejenigen des Blutes, des Kochsalzes des Harns gegen die chlorfreien, sogenannten abgearbeite-ten Moleküle des Blutes: Harnstoff, Harnsäure u. s. w., d. h. diejenigen Moleküle, die sich im Blute als Resultat des Stoffwechsels, der Eiweisszerspaltung bilden, stattfindet ~). Dabei scheiden sich aus dem Blute gerade so viel abgearbeitete Moleküle: Harnstoff, Harnsäure u. s. w. aus, wie viel Moleküle Xa CI resorbirt werden. Somit wird, dieser Theorie nach, die allgemeine molekulare Concentration des Harns, die ganze molekulare Diurese durch die Arbeit der Glomeruli bestimmt; nicht die Zahl der von den Gefässknäueln ausgeschiedenen Moleküle erleidet bei dem Durchgang durch die Harnkanälchen eine Veränderung, sondern deren Zusammensetzung, dem grösseren oder geringeren Austausche zwischen den Molekülen in den Harnkanälchen entsprechend. Folglich können wir uns auf Grund der allgemeinen molekularen Diurese ein Urteil über die Arbeit der Gefässknäuel bilden.
Die Quantität der abgearbeiteten Moleküle—Harnstoff, Harnsäure u. s. w.—steht im umgekehrten Verhältnis zu der Quantität des Kochsalzes, in
') Mitgeteilt am 22 März 1901 in der physiologischen Abteilung der „Gesellschaft von Freunden der Naturwissenschaften, der Anthropologie und Ethnographie“ zu Moskau.
■) Alle Moleküle in den tierischen Flüssigkeiten—liarn, Blut, Lymphe—werden als zu zwei Typen gehörig betrachtet; einerseits solche, die, gleich dem Kochsalz, chemisch inactiv sind und, wie man annimmt, nur zum Beguliren des osmotischen Druckes dienen, andererseits alle übrigen, als Resultat des Stoffwechsels, des Eiweisszerfalls entstehenden, die, Bouchard’s Ausdruck nach, abgearbeiteten Moleküle.