﻿DIE GRUNDLAUTE DER MENSUEL. SPRACHE U. EIN UNIVERSALALPHABET.
25
überflüssig. Der <Täglichen Rundschau» vom J. 1897 zufolge werden im Englischen bis 12% der Schriftzeichen nicht ausgesprochen, übersprungen. Im Russischen machen die stummen Buchstaben—das harte und weiche Zeichen— mehr als den 20-sten Teil alles Geschriebenen und Gedruckten aus. Im Französischen werden die Endbuchstaben e, r, d. g, p: s, t, z, ds, gs, ts sowie c nach n, u. s. w. nicht ausgesprochen.
Somit giebt es in jeder Sprache zwei Alphabete, ein bildliches, welches zum Schreiben, und ein lautliches, welches zum Sprechen dient. Kann man er-steres infolge des Bestrebens der Philologen, die schriftliche Darstellung des Wortes mit dessen Ursprung zu verbinden, das historische oder sogar genetische nennen, so muss letzteres, dessen wir uns nur beim Sprechen bedienen, das phonetische, physiologische genannt werden.
Heutzutage schreiben wir, fast ohne auf die Laute unserer Sprache oder auf die Empfindungen unseres Gehörs Acht zu geben, nach einstudierten-Schablo-nen. nach zur Gewohnheit gewordenen Vorschriften. Auf Grund langjähriger Gewöhnung und vielfältiger Wiederholung lernen wir schliesslich Symbole, nicht aber aus Lauten zusammengesetzte Worte darstellen—wir geben ganz bewusstlos, reflektorisch, die Symbole wieder, welche unsere Bede darstellen sollen. Beim Schreiben stellen wir nicht etwa durch die Laute unserer lebenden Sprache Ausgedrücktes dar, sondern photographiren ebenfalls Geschriebenes. Es ist leicht die englische, französische u. s. w. Rechtschreibung zu erlernen; sprechen lernen kann man aber nur nach Gesprochenem, und keine gedruckten und geschriebenen Hilfsmittel können dazu verhelfen. Andererseits machen solche, die eine fremde Sprache sehr gut reden, häufig grobe Schreibfehler.
Überhaupt darf man wohl dreist behaupten, dass kein einziges Alphabet imstande ist allen Anforderungen, allen Feinheiten der Aussprache sowohl fremder Sprachen als der Muttersprache zu genügen, dass kein einziges Alphabet die Sprache durch Zeichen wiederzugeben vermag, welche den wirklichen, physiologischen Lauten entsprechen.
Es ist dahin gekommen, dass die Philologen allen Glauben an die phonetischen Elemente der Alphabete verloren haben und Hermann Paul's Ansicht darüber teilen. <Eine wirkliche Zerlegung des Wortes in seine Elemente ist nicht bloss sehr schwierig, sie ist geradezu unmöglich. Das Wort ist nicht eine Aneinandersetzung einer bestimmten Anzahl selbständiger Laute, von denen jeder durch ein Zeichen des Alphabetes ausgedrückt werden könnte, sondern es ist im Grunde immer eine c o n t i n u i r 1 i c h e Reihe von unendlich vielen Lauten, und durch die Buchstaben werden immer nur einzelne charakteristische Punkte dieser Reihe in unvollkommener Weise angedeutet».
Dadurch erklärt sich das rege Interesse, welches heutzutage in vielen Ländern Europa’s der Verbesserung der Rechtschreibung entgegengetragen wird.
Eine mehr oder weniger vollkommene Rechtschreibung erfordert vor allem eine genügende Anzahl von Schriftzeichen für alle Grundlaute unseres Stimmapparats, damit unsere Rede, in welcher Sprache es auch sei, schriftlich so
) Paul, H. Principien der Sprachgeschichte. 2 Aufl. Halle, 1886, p. 4b.