﻿DAS GLOBULIN DER MILCH.
75
obgleich später (1865, 77 p. 188), mit dem durch Einwirkung von Säuren aus einer Alkalialbuminatlösung erhaltenen Niederschlage (ib. p. 188-9) zu identificiren. Offenbar erhielt Hoppe-Sevler das Casein in unlöslichem oder schwerlöslichem Zustande, da er dasselbe in Salzen für unlöslich erklärt (ib. p. 191), wobei er diese Reaction für charakteristisch ansieht und ihr sogar eine diagnostische Bedeutung zuschreibt (ib. p. 289). Trotzdem finden wir bei Hoppe-Seyler die erste Methode quantitativer Fällung des Caseins, welche in allen Einzelheiten mit der Methode übereinstimmt, die seit Denis und Panum ausgearbeitet ist und in letzter Zeit bei der Darstellung des Globulins aus Blutserum und Eiweiss allgemein in Anwendung kommt (p. n. 118 AhM 48—60). Hoppe-Seyler empfiehlt die Milch mit 20 Yol. Wasser zu verdünnen und dann sehr verdünnte Essigsäure bis zum ersten Erscheinen eines Niederschlags zuzusetzen, ferner %■—*/2 Stunde lang Kohlensäure durchzuleiten. Nachdem das Ge-fäss einige Stunden zugedeckt gestanden hat, scheidet sich das Casein in fadenförmigen Flocken aus, während das Filtrat Albumin enthält; dieses wird durch Kochen abgetrennt. Auf ähnliche Weise fällen Millon & Commaille das Casein: sie versetzen die Milch mit 4 Yol. Wasser und säuern sie mit Kohlensäure an (111p. 120).
Diese Unconsequenz, nämlich die Annahme, dass neben dem Casein auch Albumin in der Milch vorhanden sei, ist in Hoppe-Seyler’s Arbeiten besonders befremdlich, da er selbst die Abhängigkeit der Fällung des Caseins von der Wärme einerseits und von der Essig- und Kohlensäure andererseits so eingehend studirt hatte. Im Hinblick darauf können wir mit vollem Recht behaupten, dass Hoppe-Seyler’s Albumin nichts anderes als der Caseinrest ist, der nur unter gewissen Umständen—in Abhängigkeit von der Zeit, wann die Milch gemolken wurde, von der Menge der Säuren und der Temperatur—ausfällt; diese Umstände beeinflussen auch die Ausscheidung des gewöhnlichen Caseins, nur mit dem Unterschiede, dass der eine Teil derselben Proteinsubstanz früher, der andre später ausfällt. Dies ist um so richtiger, als das Casein der Frauenmilch unter diesen Umständen garnicht ausfällt, wie Tolmatschoff (189 p. 272) in Hoppe-Seyler’s Laboratorium gezeigt hat. Trotz dieser Reaction, welche, den Autoren nach, bestätigt, dass hier kein Casein sondern nur Albumin vorhanden ist, sehen wir, dass der Gedanke der Forscher, sobald es sich um Milch handelt, so zu sagen fordert, dass sie Casein enthalte. Diese fatale Beziehung zwischen den Worten „Milch“ und „Casein“ wie sie in der Kuhmilch besteht, hat die Autoren veranlasst auch in der Frauenmilch, sei es auch mit solchen Agentien wie Alkohol, welches sowohl Albumin als Casein fällt, Casein zu suchen. Deshalb sah Tohnatschoff einen in Frauenmilch auf diese Weise erhaltenen Niederschlag für Casein an! Um albuminfreies Casein zu erhalten, fällte Tolmatschoff Frauenmilch durch Sättigung mit krystallinischem Magnesiumsulfat in Substanz und wusch den Niederschlag auf dem Filter mit concentrirter Magnesiumsulfatlösung aus. Doch findet Biddert (9p. 29), dass Frauenmilch von diesem Magnesiumsalz nicht immer gefällt wird. Überhaupt fehlen der Frauenmilch die für die Kuhmilch charakteristischen Reactionen—sie wird z. B. von Säuren weder bei Zimmertemperatur noch beim Kochen gefällt u. s. w.
Pm ganzen bestätigen die Untersuchungen der letztgenannten Autoren die Identität des Caseins und des Globulins, dessen Vorhandensein Tolmatschoff auch in der Frauenmilch nachgewiesen hat.
Hoppe-Seyler’s Zweifel löste in gelungener Weise Rollet (143 p. 547), indem er zeigte, dass eine Alkalialbuminatlösung in Gegenwart saurer phosphorsaurer Salze von Säuren nicht sogleich gefällt wird, dass ein Alkaliphosphat auch in der Milch die Fällung des Caseins durch Säuren verhindern kann, da die zur Fällung dienende Säure zum teil durch das Alkali des Natriumphosphats neutralisirt wird,