﻿118
uns kürzer erscheinen als die mit Pendelschlägen, deren Rhythmus die Geschwindigkeit der Silbenfolge hatte; wenn Goethesche Sprüche uns kürzer erscheinen als hergesagte Zahlworte oder als schnurrende Geräusche; wenn volle Accorde kürzer erscheinen als ein einzelner Ton; wenn ein intermittierender Klang kürzer erscheint als ein gleichmässig ausgezogener; wenn der Ton kürzer erscheint als das Schnurren des Induktionsapparates: so kann kaum ein Zweifel bestehen, dass in solchen Fällen das kürzere Glied stets dasjenige war, das uns mehr interessiert und unsere Aufmerksamkeit beschäftigt. Aber selbst diejenigen beiden Gruppen, welche sich dieser Regel nicht zu fügen scheinen, bilden doch vielleicht keine Ausnahmen. Intervalle mit langsamen Pendelschlägen erschienen kürzer als dreimal so schnell ausgefüllte, und langsam Gelesenes schien weniger lange zu dauern als schnell Gelesenes. Ich glaube, dass auch hier das Langsame uns mehr beschäftigt, weil sich unsere Aufmerksamkeit ihm wesentlich besser anpassen kann. Wenn das Metronom auf 180 steht, also 3 Pendelschläge sich in der Sekunde folgen, so nähert sich der Schall schon einem intermittierenden Geräusch, das als ein zusammenhängendes aufgefasst wird, während bei den langsamen Sekundenschlägen die Aufmerksamkeit sich jedem Schlag einzeln zuwendet. Und mehr noch gilt das vom Gelesenen; die langsame Ausfüllung stellte dasjenige Tempo der Lektüre dar, bei dem eine ausdrucksvolle, möglichst auf den Sinn eingehende Wiedergabe stattfinden kann, die schnelle Ausfüllung dagegen, welche maximaler Sprechgeschwindigkeit nahe kam, ermöglichte nur, die Worte herunterzuschnurren, kein Zweifel, dass unsere Gedanken im ersterenFall mehr beschäftigt waren als im zweiten.
Auf die ‘ quantitativen Unterschiede der Zeit Verkürzung durch die eine oder die andere Intervallausfüllung gehe ich nicht ein. Da müssen neue, umfangreichere Versuche mit noch kleineren Zeitdifferenzen sich erst auf ganz bestimmte Einzelfragen erstrecken; unsere Experimente sollten ja nur eine un-