﻿153
klärung man streitet, wichtig und neu, geradezu überraschend ist. Wer hätte denn früher je für wahrscheinlich gehalten, dass dem naiven Bewusstsein regelmässig die Quinte als Mitte der Oktave, die Quinte somit als Distanz gleich der nach der Höhe zu angrenzenden Quarte erscheint, andererseits die Quarte als Mitte der grossen Septime, so dass die Quarte gleich der grossen Terz geschätzt wird u. s. w. Dass die Intervalle nach der Höhe zu grössere Distanzen darzustellen scheinen, die populären Voraussetzungen von der Grössengleichheit gleicher Intervalle, auf die sich Fechner stützte, also unzutreffend sind, hatte Stumpf ja schon früher gezeigt, aber die Auffassung war doch nur die, dass gleiche Intervalle nicht vollkommen gleiche Distanzen darstellen; jetzt zeigt sich aber, dass vollkommen ungleiche Intervalle gleich erscheinen können. Dem gegenüber ist es erst sekundär, ob diese Mittenbestim-mung wirklich ein reines Distanzenurteil darstellt oder durch musikalische Nebenmotive bestimmt ist; es genügt die überraschende psychologische Thatsache, dass gesetzmässig ein Ton, der so ungleiche Intervalle trennt, von beiden Endtönen gleich weit entfernt scheint. Selbst wer zugiebt, dass musikalische Motive dabei bestimmend sind, das Intervallbewusstsein somit die reine Distanzschätzung dabei beeinflusst, kann nicht bestreiten, dass diese Art des Einflusses höchst merkwürdig ist und den Erwartungen widerspricht; die Annahme, dass ein musikalisches Intervallbewusstsein hindernd auf die Distanzurteile einwirkt, war früher lediglich so gemeint, dass unwillkürlich stets diejenigen Distanzen gleich geschätzt würden, welche gleichen Intervallen entsprechen, während sich1 jetzt ein ganz anderes Ergebnis herausstellt.
Dass solch unerwartete Thatsache Erklärung fordert, ist klar. Der Streit um dieselbe hat das eine jedenfalls sichergestellt, dass musikalische Intervalle, bei denen die absolute Schwingungszahlenmitte auf einen musikalisch bevorzugten Ton fällt, nicht geeignet sind, um eine Entscheidung über die richtige Erklärung herbeizuführen. Aus diesem Grunde war