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{"created":"2022-01-31T16:01:35.551443+00:00","id":"lit13148","links":{},"metadata":{"alternative":"Archiv f\u00fcr die gesammte Physiologie des Menschen und der Thiere","contributors":[{"name":"Exner, Sigmund","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Archiv f\u00fcr die gesammte Physiologie des Menschen und der Thiere 114: 109-142","fulltext":[{"file":"p0109.txt","language":"de","ocr_de":"109\nUeber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\nVon\nSigm. Exiler,\nProfessor der Physiologie an der Universit\u00e4t in Wien.\n(Mit 3 Textfiguren.)\nSeit vier Decennien habe ich alle Herbstferien in unseren \u00f6sterreichischen Bergen zugebracht und auf unz\u00e4hligen Gebirgswanderungen mein Augenmerk dem Thier- und Pflanzenleben zugewendet. Stets erweckten die Raubv\u00f6gel, meistens die besonders h\u00e4ufig vorkommenden Bussarde, mein besonderes Interesse, und an ihnen wieder in erster Linie ihr Dahinschweben \u00fcber W\u00e4lder und Th\u00e4ler.\nNicht ein Mal, sondern wiederholt hatte ich Gelegenheit, folgenden Sachverhalt festzustellen. Ich befinde mich etwa auf halber H\u00f6he einer Berglehne. Unter mir erhebt sich, gew\u00f6hnlich aus irgendeinem \u201eSchlag\u201c, ein Bussard und gewinnt in gew\u00f6hnlichem Fluge 10\u201450 m H\u00f6he, dann verf\u00e4llt er in das Kreisen, d. h. er steigt mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln in Schraubentouren h\u00f6her, erreicht die H\u00f6he, in der ich mich befinde, so dass ich ihn in meiner Horizontalebene beobachten kann; er schraubt sich in Kreisen sch\u00e4tzungsweise von 20\u2014100 m Durchmesser immer h\u00f6her und h\u00f6her , bis er sich \u00fcber den Kamm des Bergr\u00fcckens erhoben hat, dann \u201ereitet er ab\u201c, in gerader Linie den Bergr\u00fccken kreuzend, einen anderen Schlag oder seine Heimst\u00e4tte aufzusuchen. W\u00e4hrend dieses ganzen Man\u00f6vers hat er in der Regel nur dann und wann einen Fl\u00fcgelschlag gemacht oder durch eine Schwenkung seines K\u00f6rpers die Richtung rascher ver\u00e4ndert, als es den Schraubentouren entsprach, er hat aber, wie ich mit absoluter Sicherheit anzugeben vermag, zeitweilig 30 und 50 m an H\u00f6he gewonnen, ohne inzwischen eine einzige sichtbare Fl\u00fcgelbewegung auszuf\u00fchren. \u2014 Hier liegt ein Problem vor, und wenn sich der Mensch in der Natur des Hochgebirges ohnehin oftmals klein und nichtig f\u00fchlt, so habe ich Angesichts eines solchen Bussardes bisweilen noch die Dem\u00fcthigung als Naturforscher empfunden, der\nE. Pfl\u00fcger, Archiv f\u00fcr Physiologie. Bd. 114.\t8","page":109},{"file":"p0110.txt","language":"de","ocr_de":"110\nSigm. Exner:\nrathlos vor der Erscheinung steht. Denn so unzweifelhaft die geschilderte Thatsache ist, die \u00fcbrigens vielen Naturfreunden gel\u00e4ufig und in zahlreichen Abhandlungen \u00fcber den Vogelflug in gleichem Sinne geschildert ist, so unzul\u00e4nglich, ja falsch sind alle Erkl\u00e4rungsversuche, die meines Wissens f\u00fcr dieselbe gegeben worden sind, und die ich seit vielen Jahren in der Literatur verfolge, unter immer wiederkehrender Entt\u00e4uschung meiner Hoffnungen, endlich Aufkl\u00e4rung zu finden.\nEs ist festzuhalten, dass das mechanische Verhalten des Vogels beim Kreisen anscheinend vollkommen gleichartig ist, ob Windstille oder recht bedeutende Luftbewegung herrscht, abgesehen von der wechselnden Geschwindigkeit, mit der er je nach der Windrichtung die verschiedenen Antheile eines Kreises durchmisst; dass ferner der Vogel auch den heftigsten Wind, wie ein Luftschiffer im Ballon, nur durch das Auge bemerken und bemessen kann, indem er den Grad der scheinbaren Geschwindigkeit der irdischen Objecte beachtet; dass also \u2014 wie \u00fcbrigens unten noch eingehender erl\u00e4utert werden soll \u2014 die auf der Ausnutzung des Windes basirenden Theorien des Kreisens ungen\u00fcgend sind, es sich vielmehr ausschliesslich um die relative Bewegung des Vogels zur umgebenden Luft handelt, und seine Bewegung zur Erde so wenig in Betracht kommt wie die Bewegung der Erde selbst, die bei diesen Theorien immer als ruhend angenommen wird.\nVon diesen Gesichtspunkten aus reducirt sich das Problem auf die Frage: Wie vermag der Vogel, um nicht zu sinken, so viel Bewegungsgr\u00f6sse an die umgebende Luft zu \u00fcbertragen, dass durch deren R\u00fcckwirkung nach dem Principe von der Erhaltung des Schwerpunktes der Gravitation das Gleichgewicht gehalten wird.\nEin im gew\u00f6hnlichen Fluge befindlicher Vogel muss, wenn wir von der progressiven Bewegung ganz absehen, nur um sich in der Horizontalen zu erhalten, durch die Fl\u00fcgelschl\u00e4ge eine physiologische Arbeit leisten, welche an Gr\u00f6sse der der Gravitation gleich ist ; da er freigelassen in der Secunde um 9,8 m fallen w\u00fcrde, so betr\u00e4gt seine Arbeit, wenn er ein Gewicht von z. B. 1 kg hat, 9,8 kgm. Diese Arbeit ist unabh\u00e4ngig von der Wirkung seiner Fl\u00fcgel als Fallschirme. W\u00fcrde er sie nicht leisten, so m\u00fcsste er doch sinken, wenn auch der Fallschirme wegen langsam. Die Leistung geschieht beim ge-gew\u00f6hnlichen Flug, indem er durch seine Fl\u00fcgelschl\u00e4ge Luft, deren","page":110},{"file":"p0111.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n111\nspecifisches Gewicht 0,001293 ist, nach abw\u00e4rts schiebt. Er muss also in jeder Secunde 1 cbm Luft 7,6 m weit unter sich schieben, oder 7,6 cbm Luft 1 m weit treiben, oder 3 cbm Luft um 2,8 m verschieben, oder dergl. Er thut dies zweifellos, wie auch allgemein angenommen wird, muss es aber ebenso thun, wenn er horizontale Kreise beschreibt. W\u00fcrde er die F\u00e4higkeit haben, sich ohne Arbeit in der Luft zu erhalten, so w\u00fcrde er sich wohl diese Muskelarbeit, als \u00fcberfl\u00fcssig, stets ersparen, und der Flug der V\u00f6gel tr\u00fcge einen wesentlich anderen Typus als der ist, den wir zu sehen gewohnt sind.\nIch habe oben erw\u00e4hnt, dass man, w\u00e4hrend sich ein Bussard in die H\u00f6he schraubt, gew\u00f6hnlich einzelne Fl\u00fcgelschl\u00e4ge oder Gruppen von solchen, in der Kegel zeitlich durch viele Seeunden getrennt, beobachtet. Die Erhebung auf diese Fl\u00fcgelschl\u00e4ge zur\u00fcckzuf\u00fchren, geht deshalb nicht an, weil sie viel zu selten sind und es ganz unverst\u00e4ndlich w\u00e4re, wieso ein Thier selbst beim horizontalen Flug der gew\u00f6hnlichen Art die zahlreichen m\u00e4chtigen Schl\u00e4ge ausf\u00fchren muss, beim Kreisen aber, und selbst beim Steigen im Kreisen, mit jenen vereinzelten auskommen k\u00f6nnte. Es hat auch, soviel ich weiss, niemals jemand das Kreisen auf Grund dieser Fl\u00fcgelschl\u00e4ge zu erkl\u00e4ren versucht.\nMit derartigen Betrachtungen, angeregt durch eine in den letzten Tagen gefundene Gelegenheit, wieder einen schwebenden und kreisenden Bussard genau zu beobachten, schlug ich mich herum, als ich im September 1904 aus dem Gebirge zur Breslauer Naturforscherversammlung fuhr. Da tauchte pl\u00f6tzlich ein Erinnerungsbild in mir auf, das von einer vor Jahren durch Belgien und Holland unternommenen Reise stammte. In einem der sch\u00f6nen Thierg\u00e4rten dieser L\u00e4nder, vielleicht auch in mehreren, erinnerte ich mich, grosse Raubv\u00f6gel gesehen zu haben, die, mit eingezogenen Beinen auf irgendeiner Fl\u00e4che liegend, sich anscheinend sonnten, und die Fl\u00fcgel weit ausgebreitet hielten. Diese Fl\u00fcgel waren aber nicht in Ruhe, ich sah sie vielmehr bis in die \u00e4ussersten Schwungfedern in zitternder Bewegung, so dass man den Eindruck bekam: die Thiere froren trotz der Sonne, die ihnen auf den R\u00fccken schien, und die sie augenscheinlich aufgesucht hatten. Sollte dieses Zittern etwa die Arbeitsform des schwebenden Vogels sein? Jedermann weiss, dass die V\u00f6gel im K\u00e4fig, wenn ihnen nur halbwegs Platz geboten ist, Flug\u00fcbungen machen; ja es kommt vor, dass sie, auf einem Aste sitzend, m\u00e4chtig mit den Fl\u00fcgeln schlagen, offenbar ihrem Bewegungs-\n8*","page":111},{"file":"p0112.txt","language":"de","ocr_de":"112\nSigm. Exner:\nbed\u00fcrfniss nachkommend. Sollte das Zittern in Liegestellung eine solche Schwebe\u00fcbung sein? Das ganz ungew\u00f6hnliche Verhalten, das platte Liegen auf dem Bauche, also die in den Gelenken gebeugten Beine, das Einziehen (Beugen) der Krallen1) und der stark nach vorn gestreckte Hals geben vollkommen das Bild des schwebenden Vogels. Die Thiere, welche in derselben Stellung verharren, aber nicht zittern, wie sie auch h\u00e4ufig gesehen werden, w\u00fcrden dann jenes Schweben nachahmen, durch welche sieh die Raubv\u00f6gel, wie das wohl Niemand bezweifelt, nach dem Principe des Fallschirmes sinken lassen, das \u201eAbreiten\u201c, wie ich es oben geschildert habe, w\u00e4hrend die zitternden Thiere jene w\u00e4ren, die in Kreisen oder auch nicht in Kreisen anscheinend ohne Fl\u00fcgelschlag aufsteigen. Die Zitterbewegungen sind nach meiner Erinnerung so rasch aufeinanderfolgend, dass man von den Federn nur verwaschene Bilder bekommt, dabei von so geringer Excursion, dass die Zeichnung eines Fl\u00fcgels mit seiner Farben-vertheilung u. s. w. aus der Entfernung ganz scharf erscheinen, ja auch jede Feder f\u00fcr sich (bei den gespreizten Schwungfedern) anscheinend deutlich gesehen werden kann, besonders von unten betrachtet.\nSehr h\u00e4ufig sieht man \u00fcbrigens die Raubv\u00f6gel auch aufrecht sitzend mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln, und ich werde mich nicht irren, wenn ich behaupte, auch in dieser Stellung (bei einem Aasgeier) die zitternden Fl\u00fcgelbewegungen gesehen zu haben.\nIch ging sofort in den Breslauer Thiergarten, der ein sch\u00f6nes Adlerhaus besitzt, und suchte, um mein Erinnerungsbild auf seine Verl\u00e4sslichkeit zu pr\u00fcfen, den W\u00e4rter dieses Adlerhauses auf. Um ihn in keiner Weise zu beeinflussen, erinnerte ich ihn an die Gewohnheit der Raubv\u00f6gel, sich mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln auf einem Ast oder dergleichen sitzend zu sonnen, und fragte ihn dann, ob er an den Fl\u00fcgeln solcher Thiere irgendwelche Bewegungen gesehen habe. Seine Antworte die ich mir gleich nach der Unterredung notirt habe, ging dahin, dass sie eigent\u00fcmliche majest\u00e4tische Schwenkungen mit ihrem ganzen K\u00f6rper ausf\u00fcbrten, wobei sie aber immer die Sonne im R\u00fccken zu haben pflegen. (Diese Schwenkungen, die auch ich kenne, entsprechen ganz den Wendungen des Vogels beim Kreisen.) Ich fragte weiter, ob er noch andere Bewegungen gesehen habe. Nun machte er, seine Arme ausbreitend, mit den H\u00e4nden\n1) Das ich erst sp\u00e4ter kennen lernte.","page":112},{"file":"p0113.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n113\nzitternde Bewegungen, indem er nachahmend schilderte, wie die Schwungfedern zu vibriren pflegen, sagte, dass dies besonders der Fall sei, wenn die Thiere flach auf dem Sande liegend sich sonnen, wobei er weiter die zusammengebogenen Krallen beschrieb und mit den Fingern imitirte. Ich hatte letzteres bis dahin nicht gewusst, habe mich aber sp\u00e4ter selbst davon \u00fcberzeugt, dass Bussarde, wenn sie mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln flach auf dem Boden liegen, die Krallen in dieser vollkommen dem Fluge entsprechenden Stellung halten. Nachdem ich mich so von der Richtigkeit meines Erinnerungsbildes \u00fcberzeugt hatte, fragte ich den W\u00e4rter, ob er die beobachtete Bewegung dem Zittern vergleichen k\u00f6nnte, was er bejahte, und hinzuf\u00fcgte, man habe den Eindruck, als w\u00fcrden die Thiere frieren. Endlich habe er diese Erscheinungen nicht nur an den grossen Raubv\u00f6geln, sondern auch an kleinen, an Falken, beobachtet. Bekanntlich kreisen auch diese.\nNach Wien zur\u00fcckgekehrt, suchte ich den Direktor der Menagerie in Sch\u00f6nbrunn, Herrn Inspector Al. Kraus auf, um auch ihn \u00fcber diese Gewohnheit der Raubv\u00f6gel zu befragen. Ich bekam wesentlich dieselbe Antwort; auch ihm sind die zitternden Fl\u00fcgelschl\u00e4ge der in Flugstellung ruhenden Raubv\u00f6gel eine ganz gel\u00e4ufige Erscheinung; er habe sie auch bei anderen Yogelgattungen beobachtet. Ein W\u00e4rter desselben Thiergartens, der f\u00fcr die Wasserv\u00f6gel zu sorgen hatte, und den ich befragte, ob er derartige Zitterbewegungen bei Pelikanen kenne, antwortete mir, sie seien ihm bei Raubv\u00f6geln, bei denen er fr\u00fcher als W\u00e4rter diente, ganz gel\u00e4ufig, an Pelikanen habe er sie aber w\u00e4hrend des Jahres seines Dienstes daselbst nur zwei Mal gesehen.\nIch habe mich sp\u00e4ter an die Directionen dreier grosser zoologischer G\u00e4rten mit der Bitte gewendet, mir mitzutheilen, ob den betreffenden Herren die geschilderten Zitterbewegungen bekannt sind. Von Herrn Dr. Kerbert, dem Direktor des zoologischen Gartens in Amsterdam, erhielt ich die Antwort, dass ihm die Erscheinung \u201enicht unbekannt ist, z. B. beim Kondor\u201c. Herr Director Dr. B\u00fcttihofer in Rotterdam ist so freundlich gewesen, mir mittheilen zu lassen: \u201edass er die genannten zitternden Erscheinungen h\u00e4ufig beobachtet hat, n\u00e4mlich bei Raubv\u00f6geln, ohne jedoch den Ursachen dieser Erscheinung nachzusp\u00fcren\u201c. Herr Prof. Dr. Heck vom zoologischen Garten in Berlin schrieb mir, dass weder er noch sein Assistent Dr. Heinroth die in Rede stehenden Bewegungen je beobachtet","page":113},{"file":"p0114.txt","language":"de","ocr_de":"114\nSigm. Einer:\nhaben, und f\u00e4hrt dann fort: \u201eAndrerseits wissen wir, dass die Behauptung in die wissenschaftliche Litteratur eingedrungen ist, und wir k\u00f6nnen uns das nur folgendennassen erkl\u00e4ren: Die Raubv\u00f6gel breiten ihre Fl\u00fcgel aus, um sich in der Sonne zu w\u00e4rmen, und die exotischen Arten, die man zum gr\u00f6sseren Theil auch im Winter im Freien h\u00e4lt, haben nat\u00fcrlich dazu ganz besonders das Bed\u00fcrfnis, wenn es kalt ist; wenn sie dann ihrem instinctiven Triebe nachgeben und ihre Fl\u00fcgel ausbreiten, frieren sie aber noch mehr, und dann zittern nat\u00fcrlich ihre Fl\u00fcgelfedern. Durch die unrichtige Deutung dieser an sich richtig beobachteten Thatsache glauben wir die ganze Vorstellung entstanden, von der Sie bei Ihrer Anfrage ausginge:).\u201c Ich danke auch hier den vier genannten Herren f\u00fcr ihre liebensw\u00fcrdige Beantwortung meiner Frage und will nur zur letzten bemerken, dass mir die gegebene Deutung nicht wahrscheinlich ist. Dass ein Thier, um sich zu erw\u00e4rmen, instinctiv eine Stellung einnimmt, bei der es noch mehr friert, und halbe Stunden lang darin verharrt, ist schwer zu glauben. Auch habe ich das Zittern bei weissk\u00f6pfigen Geiern gesehen; der Condor zittert, wie wir eben h\u00f6rten;, das sind Thiere, die an rauhes Klima gew\u00f6hnt sind.\nEs w\u00e4re mir lieb gewesen, das geschilderte Verhalten nun wieder einmal zu sehen; ich verschaffte mir also einige Bussarde und brachte sie in einer grossen Voli\u00e8re unter. Ich hoffte die Zitterbewegungen ihrer Fl\u00fcgel etwa mit dem Stroboskopr) betreffs ihrer Frequenz und der Gr\u00f6sse des Ausschlages genauer studiren zu k\u00f6nnen. Leider habe ich diese Bewegungen nicht zu sehen bekommen, vielleicht weil die Thiere jung gefangen waren (wie ich aus ihrer Zahmheit schliesse) und das Kreisen in aufsteigender Richtung nie ge\u00fcbt haben. Nur eins der Thiere fand ich oftmals in der charakteristischen Stellung mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln auf horizontaler Unterlage und \u00fcberzeugte mich an ihm von der geschilderten Haltung der Krallen.\nWenn meine Vermuthung richtig w\u00e4re, so h\u00e4tten diese V\u00f6gel also zwei Arten des Fluges ; bei der gew\u00f6hnlichen -w\u00fcrden sie durch die deutlich sichtbaren Fl\u00fcgelschl\u00e4ge an die Luft die gen\u00fcgenden lebendigen Kr\u00e4fte \u00fcbertragen, bei der zweiten gesch\u00e4he dasselbe\n1) Vgl. die Beschreibung eines Handstroboskopes in der Abhandlung: M. Ishihara, lieber die Flossenbewegung des Seepferdchens. Pfl\u00fcger\u2019s Arch. f. d. ges. Physiol. Bd. 109 S. 300. 1905.","page":114},{"file":"p0115.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n115\ndurch weit zahlreichere Schl\u00e4ge von geringer Elongation. Bei einem Raubvogel kennt man diese zwei Flugarten in gewissem Sinne schon ; es ist der in unseren Gegenden sehr verbreitete R\u00fcttelfalke (Tinun-culus alaudarius), der seinen Namen der Eigenth\u00fcmlichkeit verdankt, beim Absuchen der Felder u. dgl. nach Beute oft viele Secunden an einer Stelle in der Luft zu stehen, wobei er sich durch zahlreiche Fl\u00fcgelschl\u00e4ge von geringer Schlagweite im Gleichgewicht erh\u00e4lt. Er fliegt dann im gew\u00f6hnlichen Flug, d. h. mit einer vielfach gr\u00f6sseren Schlagdauer, eine Strecke weiter, um das Spiel zu wiederholen, so dass er zwischen den beiden Flugarten abwechselt. Nur sind bei diesem Thiere die Fl\u00fcgelschl\u00e4ge doch so ausgreifend und immerhin so wenig frequent, dass sie das menschliche Auge noch sehen kann. Ausserdem vermag der R\u00fcttelfalke ohne sichtbaren Fl\u00fcgelschlag zu schweben oder an einem Punkte, mit dem Kopfe gegen den Wind gestellt, ruhig zu stehen. Sicher und allgemein bekannt ist es demnach, dass dieser Raubvogel zwischen drei Typen seiner Flugarbeit abzuwechseln vermag.\nSolche Verschiedenheiten im Typus des Fluges bestehen aber auch bei Insecten; besonders bekannt sind sie bei den Schmetterlingen. Jeder Naturbeobachter hat es bemerkt, und es wurde auch in der Litteratur darauf aufmerksam gemacht, dass die Tagfalter mit wenig zahlreichen, aber ausgiebigen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen fliegen (gew\u00f6hnlicher Flug des Raubvogels), die Nachtfalter hingegen mit wenigen Ausnahmen \u201eschwirren\u201c, d. h. mit enormer Frequenz und geringeren Ausschl\u00e4gen ihre Fl\u00fcgelbewegungen ausf\u00fchren (Kreisen des Raubvogels.) Ich brauche nur an die am Tage fliegenden und deshalb bequem zu beobachtenden Nachtfalter zu erinnern, z. B. den Taubensehwanz (Macroglossa stellatarum), der mit unsichtbaren Fl\u00fcgeln von einer Blume zur andern schwirrt1), \u00fcber einer in der Luft stehen bleibt, wie der R\u00fcttelfalke, und seinen R\u00fcssel in dieselbe einsenkt, wobei man sehr gut beobachten kann, dass die Ausschl\u00e4ge jedes Fl\u00fcgels circa 90\u00b0 betragen, somit jedenfalls viel kleiner als die der Tagschmetterlinge sind.\nEs gibt aber auch V\u00f6gel, deren Flug, vielleicht ausschliesslich, nach dem Typus des Schwirrens erfolgt, und die sogar hiernach\n1) Marey hat die Vibrationsfrequenz des Fl\u00fcgels bei Macroglossa gemessen und die Zahl 72 pro Secunde gefunden. (La locomotion animale. Aus: Trait\u00e9 de Physique biologique t. 1 p. 267.)","page":115},{"file":"p0116.txt","language":"de","ocr_de":"116\nSigm. Exner:\nbenannt sind: die \u201eSchwirrv\u00f6gel\u201c oder Colibris. Gould1) schildert den Flug derselben folgendermaassen : \u201eDer Schwirrv\u00f6gel pflegt nicht mit dem schnell schiessenden Fluge einer Edel- oder Mauerschwalbe durch die Luft zu gleiten, sondern h\u00e4lt seine Fl\u00fcgel, w\u00e4hrend er von Blume zu Blume wandert, oder wenn er einen weiten Flug \u00fcber einen hohen Baum oder \u00fcber einen Fluss unternimmt, in fortw\u00e4hrend zitternder oder schwirrender Bewegung. Wenn er sich vor irgend einem Gegenstand ins Gleichgewicht setzt, so geschieht dies so rasch, dass es dem Auge unm\u00f6glich ist, jedem Fl\u00fcgelschlag zu folgen, und ein nebeliger Halbkreis von Undeutlichkeit auf jeder Seite des K\u00f6rpers ist alles, was sieh wahrnehmen l\u00e4sst.\u201c Und Salvin2) erz\u00e4hlt: \u201eIch bemerkte, dass ein Colibri, welcher in das Zimmer gekommen war und \u00fcber einem St\u00fcck Watte schwebte, die ganze Oberfl\u00e4che der Baumwolle in Bewegung brachte\u201c, nat\u00fcrlich durch den nach abw\u00e4rts gerichteten Wind, den die Vibrationen der Fl\u00fcgel erzeugten. Immer wieder wird dieser Flug der Colibris mit dem gewisser Insecten und speciell auch mit dem des oben genannten Taubenschwanzes (Macroglossa) verglichen. Den Schilderungen nach hat man es hier also auch mit \u201ezitternden\u201c Bewegungen der Fl\u00fcgel zu tliun ; nur d\u00fcrften die Winkelausschl\u00e4ge der Fl\u00fcgel viel gr\u00f6sser sein als die an Raubv\u00f6geln beobachteten.\nEs galt nun, die hier vorgetragene Vermuthung \u00fcber das \u201eschwirrende Schweben\u201c auf die M\u00f6glichkeit ihrer Stichhaltigkeit in mechanischer und physiologischer Beziehung zu erproben. In mechanischer, indem festgestellt werden musste, ob es denkbar sei, dass der Vogel durch derartige Zitterbewegungen eine gen\u00fcgende Arbeit an die umgebende Luft abgeben k\u00f6nne; in physiologischer Beziehung, indem die F\u00e4higkeit der Bewegungsorgane f\u00fcr eine derartige rhythmische Th\u00e4tigkeit gepr\u00fcft werden musste. Denn es w\u00e4re ja m\u00f6glich, dass man es bei den beobachteten Zitterbewegungen mit dem Effect von fibrill\u00e4ren Zuckungen zu tkun hat, die kaum die verlangte Arbeitsleistung hervorzubringen verm\u00f6chten.\nI. Die Mechanik des Schwirrens.\nUm mir zun\u00e4chst eine Vorstellung dar\u00fcber zu bilden, welche Luftbewegung ein in der geschilderten Art vibrirender Fl\u00fcgel hervor-\n1)\tCit. nach Brehm\u2019s Thierleben Bd. 4 S. 116. 1867.\n2)\tEbenda.","page":116},{"file":"p0117.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n117\nruft, spannte ich einen solchen in ausgebreitetem Zustand auf einer Leiste so auf, dass die Arm- und Fingerknochen durch Draht an derselben befestigt waren, die s\u00e4mtlichen Schwungfedern aber frei \u00fcber die Leiste hinausragten. Die kurze Seite der Leiste wurde durch ein Scharnierband mit einem fixen Holzklotz verbunden, so dass der Fl\u00fcgel, sich um die Achse des ersteren drehend, nur Bewegungen nach oben und unten \u00e4hnlich den normalen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen ausf\u00fchren konnte. Durch Hemmungen wurden diese Ausschl\u00e4ge sehr eingeschr\u00e4nkt. Eine durch einen Motor in Rotation versetzte, mit einem Daumen versehene Scheibe hob bei jeder Umdrehung die Leiste und damit den Fl\u00fcgel, w\u00e4hrend andrerseits eine starke Spiralfeder das Brettchen wieder herabzog. Je nach der Rotationsgeschwindigkeit und der Einstellung der Hemmungsschrauben konnte die Frequenz der Hebungen und ihre Elongationen ge\u00e4ndert werden. Der im ganzen horizontal liegende Fl\u00fcgel drehte sich dann um eine von vorn nach hinten (in Bezug auf den Vogel) verlaufende und n\u00e4herungsweise durch die Gegend des Schultergelenkes gehende horizontale Achse. Der von mir ben\u00fctzte Fl\u00fcgel geh\u00f6rte einem Rauchfuss-Bussard (Archibuteo lagopus Brehm) an. Schon der erste orientierende Versuch zeigte mir, dass der Fl\u00fcgel, in solcher Weise in Vibration versetzt (die \u00e4ussersten Spitzen der Fingersehwingen machten Ausschl\u00e4ge von 7 cm, und die Vibrationszahl war 17,8 pro Secunde) einen m\u00e4chtigen Luftstrom erzeugt, der im Wesentlichen nach hinten und unten n\u00e4herungsweise unter einem Winkel von 450 gegen die Verticale gerichtet war. Zigarrenrauch vorsichtig auf die R\u00fcekenseite des Fl\u00fcgels geblasen, wurde von demselben eingesaugt und an der Bauchseite mit grosser Vehemenz hervorgetrieben. Der gr\u00f6sste Theil der in Bewegung gesetzten Luftmasse wurde aber, wie der Rauch unmittelbar ersehen liess, von vorn, in geringerem Maasse auch von vorn oben und von vorn unten, angesogen, und das Maximum der Luftgeschwindigkeit hinter dem Fl\u00fcgel schien etwa der Mitte seiner L\u00e4nge zu entsprechen. Es fragte sich, ob die geschilderte Luftstr\u00f6mung durch die Construction des Fl\u00fcgels oder etwa durch die Art der Bewegung der Leiste bedingt war, z. B. die ungleiche Geschwindigkeit der Hebung und Senkung derselben. Ich habe deshalb den Fl\u00fcgel auf der Leiste unter Ben\u00fctzung derselben Bohrl\u00f6cher umgekehrt befestigt, so dass die Bauchseite desselben nach oben gewendet war. Indem ich ihn wieder in Vibration versetzte, entstand nun ein Luftstrom, der in Bezug auf den Fl\u00fcgel","page":117},{"file":"p0118.txt","language":"de","ocr_de":"118\nSigm. Exner:\ndieselbe Richtung hatte wie fr\u00fcher, d. h. er war jetzt von vorn gegen den Fl\u00fcgel gerichtet und stieg hinter demselben unter einem Winkel von ca. 450 an. Daraus kann mit Bestimmtheit gefolgert werden, dass die Vibrationen des Fl\u00fcgels einen Luftstrom dieser Art erzeugen.\nMau kann die Luftbewegung auch durch Papierstreifen sichtbar machen. Fig. 1 zeigt eine photographische Aufnahme des vibrirenden Fl\u00fcgels F. Vor demselben war eine, hinter demselben zwei Stangen befestigt, von denen Papierstreifen herabhingen. Man sieht, wie der erzeugte Wind dieselben verweht, und zwar wie die vorderen vom Fl\u00fcgel angesaugt, die hinteren von ihm weggetrieben werden. Es ist dabei zu bemerken, dass der Fl\u00fcgel f\u00fcr diese photographische Aufnahme durch Unterlegung eines Keiles schief gestellt worden\nFig. 1.\nwar, so dass seine Fl\u00e4che gegen die Horizontale um einen Winkel von ca. 45\u00b0 geneigt war. Deshalb ist der hier erkennbare Luftstrom n\u00e4herungsweise horizontal gerichtet. Um ein Maass der Gr\u00f6ssenverh\u00e4ltnisse zu geben, sei erw\u00e4hnt, dass der abgebildete Tisch eine L\u00e4nge von 2 m hat.\nEs w\u00e4re selbstverst\u00e4ndlich ein vergebliches Beginnen, die supponirten vibrirenden Fl\u00fcgelschl\u00e4ge,, wie sie ein Raubvogel ausf\u00fchren d\u00fcrfte, mit einem todten, k\u00fcnstlich aufgespannten und befestigten Fl\u00fcgel genau nachahmen zu wollen. Die Feinheiten der Muskelaetion, das Spiel der einzelnen die Haltung der Federn bedingenden Muskeln, die Geschwindigkeit der Auf- und Abbewegung bezw. das Zeitverh\u00e4ltnis dieser beiden und vieles Andere ist zweifellos von entscheidender Bedeutung. Immerhin aber schien es mir w\u00fcnschenswerth, den mechanischen Effect des durch meine Maschine","page":118},{"file":"p0119.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Kaubv\u00f6gel.\n119\ngrob imitirten Schwirren\u00ab wenigstens n\u00e4herangsweise kennen zu lernen, um zu ersehen, ob man zu Werthen gelangt, die von einer \u00e4hnlichen Gr\u00f6ssenordnung sind wie die beim Schweben vorauszusetzenden.\nIch f\u00fchrte den Versuch mit dem Fl\u00fcgel eines M\u00e4usebussards (Buteo vulgaris) aus, indem ich ihn in' der geschilderten Weise aufgespannt in Vibration versetzte. Es erfolgten pro Secunde zehn Auf-und Abw\u00e4rtsbewegungen, und die \u00e4ussersten Fl\u00fcgelspitzen machten dabei Ausschl\u00e4ge von ca. 5 cm. Ein hart hinter dem Fl\u00fcgel aufgestelltes kleines Anemometer (das ich sammt der dazugeh\u00f6rigen Aiehungstabelle der Centralanstalt f\u00fcr Meteorologie und Geodynamik in Wien entlehnt hatte) zeigte eine Durchschnittsgeschwiudigkeit der Luft von 8 m pro Secunde1). Die L\u00e4nge des Fl\u00fcgels, an den Spitzen der Schwungfedern gemessen, betr\u00e4gt circa 50 cm. Das ganze Thier hatte ein Gewicht von 627 g.\nSollte dieser Bussard, die Schwere \u00fcberwindend, ohne zu sinken, sich in der Schwebe erhalten, so m\u00fcsste er in der Secunde eine Arbeit leisten gleich der Gravitation multiplicirt mit seinem Gewichte, also\n627 X 9,8 = 6145 g-m.\nDa die von ihm in Bewegung gesetzte Luft die Geschwindigkeit von 8 m hat, so ist die Arbeitsleistung erreicht, wenn er pro Secunde 768 g Luft nach abw\u00e4rts schiebt; somit enf\u00e4llt auf jeden Fl\u00fcgel\n384 g = 0,297 cbm Luft.\nDas entspr\u00e4che einer Luftschicht von 7,4 cm H\u00f6he, welcher in der ganzen L\u00e4nge des Fl\u00fcgels die oben genannte Geschwindigkeit ertheilt wird.\nEs ist nicht leicht, das Volumen der in Bewegung gesetzten Luft thats\u00e4chlich zu messen; doch steht diese geforderte Leistung wenigstens sicher nicht im Widerspruch mit dem Eindruck, den man bei der Beobachtung der Luftstr\u00f6mungen am vibrirenden Fl\u00fcgel hat. Es kommt freilich noch in Betracht, dass der Luftstrom des horizontal liegenden vibrirenden Fl\u00fcgels nicht yertical nach abw\u00e4rts gerichtet ist, sondern mit der Verticalen einen Winkel von circa 45\u00b0 ein-schliesst, ferner dass der Vogel unter den der Rechnung zu Grunde\n1) Bei Verwendung des Fl\u00fcgels von Archibuteo lagopus zeigte das Anemometer eine Geschwindigkeit von 13 m pro Secunde.","page":119},{"file":"p0120.txt","language":"de","ocr_de":"120\nSigm. Exner:\ngelegten Daten , sich nur im Gleichgewichte erhielte und nicht aufsteigen w\u00fcrde, und dass auch der Luftwiderstand \u00fcberwunden werden muss; andrerseits aber ist mein Versuch mit dem todten Fl\u00fcgel sicher eine st\u00fcmperhafte Nachahmung dessen, was der lebende Vogel leisten konnte, und sind bei demselben nur zehn Vibrationen pro Secunde hervorgerufen worden, w\u00e4hrend, wie wir sp\u00e4ter sehen werden, vorausgesetzt werden kann, dass der Vogel die vier-, ja siebenfache Anzahl der Vibrationen in der Zeiteinheit ausf\u00fchrt. Es kann wohl auch angenommen werden, dass seine Fl\u00fcgelstellung und Vibrationsrichtung beim Schweben eine g\u00fcnstigere als die von mir verwendete ist.\nFragen wir uns nach den mechanischen Einrichtungen, welche bei der Auf- und Abw\u00e4rtsdrehung des Fl\u00fcgels im Schultergelenk die m\u00e4chtige Luftbewegung bewirken; es kann nat\u00fcrlich nur an den in der verschiedenen Durchl\u00e4ssigkeit begr\u00fcndeten ungleichen Widerstand gedacht werden, den der Fl\u00fcgel in der Luft findet, je nachdem er den gegebenen Weg in der einen oder der anderen Richtung zur\u00fccklegt. Dass dieser Widerstand ein verschiedener ist, mag aus folgenden Versuchen ersehen werden.\nDer auf der Holzleiste aufgespannte Fl\u00fcgel wird vermittelst derselben an einer drehbaren eisernen Achse so befestigt, dass er um eine durch die Schultergegend laufende, der Drehungsachse des Fl\u00fcgels n\u00e4herungsweise entsprechende Linie im Kreise gedreht wird, wrenn jene Eisenachse rotirt. An dieser befindet sich eine Spule, in welche schraubenartig eine Nut eingeschnitten ist; in der Nut liegt eine Schnur. Befestigt man am freien Ende der letzteren ein Gewicht, so wird die Schnur abgewickelt und dadurch Spule, Achse und Fl\u00fcgel so lange in Rotation versetzt, bis das Gewicht den Boden erreicht. Es sinkt dabei den gr\u00f6ssten Theil des Weges mit gleichbleibender Geschwindigkeit, indem der Fl\u00fcgel als Regulator wirkt. Je nachdem man die Schnur in der einen oder in der anderen Richtung an der Spule aufgewickelt hat, rotirt der Fl\u00fcgel mit der R\u00fccken- oder mit der Bauchseite gegen die widerstehende Luft gestellt. Aus der Zeit, welche in diesen beiden F\u00e4llen beansprucht wdrd, damit der Fl\u00fcgel eine gegebene Anzahl von Umdrehungen macht, wird die Rotationsrichtung zu erkennen sein, bei der er den gr\u00f6sseren Luftwiderstand findet.\nIch f\u00fchre hier als Beispiel einen derartigen Versuch an:","page":120},{"file":"p0121.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n121\nFl\u00fcgel eines eben get\u00f6dteten M\u00e4usebussardes : 21 Umdrehungen. Die Secundo\u00bb mit Hilfe der Stop-Uhr gez\u00e4hlt.\n.Verwendetes Gewicht\tGez\u00e4hlte Secunden\tDurchschnitt\t\n1700 g\t19,4; 19,6; 19,7\t19,6\tBauchseite voraus\n1700 g\t11,7; 10,8; 11,0\t11,2\tR\u00fcckenseite voraus\n1500 g\t23,0; 21,8; 23,0\t22,6\tBauchseite voraus\n1500 g\t13,0; 12,7; 12,3\t12,7\tR\u00fcckenseite voraus\nIch habe dann denselben Versuch mit dem Fl\u00fcgel nach Eintritt der Todtenstarre, ferner nach L\u00f6sung derselben und in analoger Weise mit anderen Fl\u00fcgeln von Bussarden wiederholt, stets mit Resultaten, welche zeigen, dass der Widerstand, den der Fl\u00fcgel beim Abw\u00e4rtsschlagen findet, wesentlich gr\u00f6sser ist als der beim Aufw\u00e4rtsschlagen.\nMan kann in dieser Weise auch das Plus an Kraft messen, das erforderlich ist, den Fl\u00fcgel mit gleicher Geschwindigkeit den gleichen Weg zur\u00fccklegen zu lassen, wenn von der Aufw\u00e4rtsbewegung zur Abw\u00e4rtsbewegung \u00fcbergegangen wird. Ich verwendete hierzu den Fl\u00fcgel einer kleinen Ohr-Eule (Otus vulgaris). Damit 22 Umdrehungen der Achse in 12 Secunden erfolgten, war ein Gewicht von 230 g n\u00f6thig, wenn der Fl\u00fcgel im Sinne der Aufw\u00e4rtsbewegung (d. i. mit der R\u00fcckenseite voraus) rotirte, und ein Gewicht von 370 g, wenn er im Sinne der Abw\u00e4rtsbewegung rotirte. Es ist das ein Unterschied um 61 Procent. Der Unterschied wird noch auffallender, wenn die Bewegung eine raschere ist. Derselbe Fl\u00fcgel machte die gleichen Umdrehungen in nur 7,1 Secunde, wenn er im Sinne der Aufw\u00e4rtsbewegung unter einer Belastung von 500 g rotirte, und bedurfte bei gleicher Drehung im Sinne der Abw\u00e4rtsbewegung einer Belastung von 1030 g. Hier betr\u00e4gt das Plus an Gewicht also 106 Procent. \u00c4hnliche Resultate ergaben Versuche an Bussardfl\u00fcgeln.\nDass diese m\u00e4chtigen Luftbewegungen, die durch einfaches Auf-und Abbewegen der Fl\u00fcgel erzeugt werden, nicht nur theoretisches Interesse, sondern auch eine biologische Bedeutung haben, geht schon aus der unmittelbaren Beobachtung des Fluges mancher V\u00f6gel hervor; eine Kr\u00e4he z. B. fliegt wesentlich durch Schl\u00e4ge dieser Art; man kann eine Verkleinerung der Fl\u00fcgelfl\u00e4che w\u00e4hrend der Aufw\u00e4rtsbewegung durch Beugungen in den Gelenken kaum unmittelbar be-","page":121},{"file":"p0122.txt","language":"de","ocr_de":"122\nSigm. Exner:\nobachten: im Gegens\u00e4tze zu dem Flug anderer V\u00f6gel, als deren Extrem etwa der des Spechtes genannt werden mag, der zwischen je zwei Schl\u00e4gen die Fl\u00fcgel vollkommen an den K\u00f6rper anlegt. Auf Seefahrten hat man h\u00e4ufig Gelegenheit, den Flug der M\u00f6ven genau zu beobachten, wenn man, auf Achterdeck stehend, die Thiere betrachtet, die, dem Schiffe folgend, nach der durch die Schiffsschraube an die Oberfl\u00e4che geschleuderten Beute suchen. Man ist kaum im Stande, zu erkennen, dass die L\u00e4nge der Fl\u00fcgel w\u00e4hrend der Schl\u00e4ge eine Ver\u00e4nderung erf\u00e4hrt. Da gerade an diesem Thiere E. J. Mare y Studien \u00fcber den Flug angestellt hat, so stehen uns auch stroboskopische Photographien zur Verf\u00fcgung, an denen man sich von der geringen Beugung der Fl\u00fcgelgelenke \u00fcberzeugen kann1).\nUnter den Momenten, welche diesen mechanischen Effect bedingen, sind einige sehr augenf\u00e4llig:\na)\tdie nach oben convexe, nach unten concave Form des Fl\u00fcgels; sie ist in dieser Beziehung schon wiederholt Gegenstand der Studien, insbesondere in Bezug auf die Flugtechnik, gewesen und ist auch die Ursache davon, dass sich ein todter weicher Fl\u00fcgel beim Schlagen nach abw\u00e4rts in den Gelenken streckt. Die distalen Schwungfedern werden ja durch eine Componente des Luftdruckes lateralw\u00e4rts verschoben. Es scheint mir nicht ausgeschlossen, dass dies die einzige Ursache f\u00fcr die geringe Streckung des Fl\u00fcgels beim Schlag nach abw\u00e4rts bei gewissen V\u00f6geln, z. B. den eben genannten, ist und eine Muskelaction hierbei ganz erspart wird.\nb)\tDer auch schon mehrmals betonte jalousieenartige Schluss der Schwungfedern beim Schlag nach abw\u00e4rts und die \u00d6ffnung beim Schlag nach aufw\u00e4rts. Da diese Federn n\u00e4mlich nach Art der Dachziegel \u00fcber einander gelagert sind und die distalen gegen\u00fcber den proximalen immer l\u00e4nger werden (abgesehen von gewissen Ausnahmen, die hier nicht in Betracht kommen), da weiter die ersteren bei jedem Fl\u00fcgelschlage einen gr\u00f6sseren Hebelarm repr\u00e4sentiren als die letzteren,\n1) Vgl. Marey, Le m\u00e9canisme du vol des oiseaux \u00e9tudi\u00e9 par la Photochronographie. Compt. rend, des s\u00e9ances de l\u2019Academie des Sciences t. 104. 1887. \u2014- Die Projection des Vogels auf die Horizontalebene erf\u00e4hrt freilich, wie die Figuren zeigen, bedeutende Aenderungen in der L\u00e4nge von rechts nach links. Diese r\u00fchren aber, wie die anderen Projectionen zeigen, nicht von einer Verkleinerung der Fl\u00fcgelfl\u00e4che, sondern in erster Linie von der Neigung der \u00e4ussersten Schwungfedern her und sind, w\u00e4hrend der Fl\u00fcgel nach aufw\u00e4rts geht, recht \u00e4hnlich denen beim Schlag nach abw\u00e4rts.","page":122},{"file":"p0123.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel\n123\nso wird beim Schlage nach unten durch den nach aufw\u00e4rts wirkenden Luftdruck die distale Feder stets st\u00e4rker nach oben gehoben als die benachbarte proximale, legt sich also an diese an, so dass der Fl\u00fcgel eine geschlossene Fl\u00e4che bildet. Beim Schlag nach oben erf\u00e4hrt wieder die distale Feder einen st\u00e4rkeren Druck als die benachbarte proximale, diesmal von oben; sie hebt sich jetzt von der letzteren ab, es entsteht eine Spalte zwischen beiden, und so stellt der Fl\u00fcgel keine zusammenh\u00e4ngende, sondern eine von Spalten durchzogene Fl\u00e4che dar, durch welche die Luft leicht streichen kann.\nc)\tEs kommt dabei weiter in Betracht, dass der Luftwiderstand jeder Schwungfeder, da sie nur durchWeichtheile befestigt ist, eine Drehung um ihren \u201eHauptkiel\u201c ertheilt, dadurch bedingt, dass die breite median angeorduete Fahne einen gr\u00f6sseren Luftwiderstand erf\u00e4hrt als die schmale laterale Fahne. Man kann sieh von der Tendenz dieser Drehung einfach \u00fcberzeugen, indem man eine Schwungfeder an ihrer Spule leicht zwischen den Fingern h\u00e4lt und durch die Luft schwingt. Sie wird dann bei normaler Stellung durch die Abw\u00e4rtsbewegung so gedreht, dass die schmale Fahne nach unten gewendet wird, durch die Aufw\u00e4rtsbewegung im entgegengesetzten Sinne. Auch diese Drehung wirkt mit bei dem jalousieen-artigen Schluss, und dem \u00d6ffnen der Fl\u00fcgelfl\u00e4che. Sie bewirkt eine nach vorn gerichtete Componente des Luftdruckes auch bei der Hebung des Fl\u00fcgels.\nd)\tAuch jede einzelne Schwungfeder zeigt eine Fl\u00e4chenkr\u00fcmmung, die der des gesammten Fl\u00fcgels \u00e4hnlich ist. Sowohl L\u00e4ngsachse (Hauptkiel) als auch ein senkrecht auf dieselbe gef\u00fchrter Schnitt zeigt eine nach aufw\u00e4rts gerichtete Couvexit\u00e4t.\ne)\tDie Biegsamkeit der Federn muss im selben Sinne wirken. Indem der Hauptkiel beim Schlage nach unten seine Kr\u00fcmmung vermindert, beim Schlag nach oben vergr\u00f6ssert, vermehrt sich im ersten Falle die wirksame Fl\u00e4che und verkleinert sich im zweiten.\nEs ist leicht, sich zu \u00fcberzeugen, dass, wie die beiden Punkte d und e postuliren, der Luftwiderstand jeder Schwungfeder wirklich nach der Bewegungsrichtung wesentliche Differenzen zeigt. Ich habe zu diesem Zwecke einzelne Schwungfedern in die oben geschilderte Rotationsvorrichtung eingespannt. Der Kiel wurde undrehbar fixirt. Hier ein Beispiel eines solchen Versuches, deren ich eine grosse Anzahl, s\u00e4mmtlich mit gleichartigen Resultaten, ausgef\u00fchrt habe.","page":123},{"file":"p0124.txt","language":"de","ocr_de":"124\nS i g m. Bxner:\nA. Dritte Schwungfeder eines Buteo vulgaris.\nZur Ausf\u00fchrung von 22 Umdrehungen wurden hei den in Columne 1 angegebenen Gewichten die in Columne 2 und 3 genannte Zahl von Secunden\nbeansprucht.\nBelastendes Gewicht in g\tZ\u00e4hlungen\tMittel in Sec.\t\t\n20\t18,3; 19,4; 18,6\t18,8\tBauchseite\tvoraus\n30\t15,4; 15,0; 15,3\t15,2\t11\t\u00bb\n'50\t11,4; 11,7; 11,3\t11,5\t11\tii\n70\t9,5; 9,9; 9,7\t9,7\t\t\u00bb\n100\t8,4; 8,1; 8,2\t8,2\t1?\t\u00bb\n150\t6,7; 6,3; 6,7\t6,6\t1)\t\u00bb\n20\t17,2; 17,9; 17,3\t17,5\tR\u00fcckseite\tvoraus\n30\t14,1; 14,0; 14,0\t14,0\t1)\t\u00bb\n50\t10,8; 10,7; 11,0\t10,8\t11\t\u00ab\n70\t9,0; 9,0; 9,0\t9,0\t11\t\u00bb\n100\t7,3; 7,3; 7,6\t7,4\t11\tii\n150\t5,7; 5,4; 5,6\t5,6\t11\t\u00bb\nB. Elfte Schwungfeder eines Buteo vulgaris.\nBelastendes Gewicht in g\tZ\u00e4hlungen\tMittel in Sec.\t\t\n10\t14,2; 14,3; 14,0\t14,2\tBauchseite\tvoraus\n20\t9,5; 9,7; 9,8\t9,7\t5?\tii\n30\t8,3; 8,0; 8,1\t8,1\t\u00bb\t\u00bb\n50\t6,1; 6,3; 6,2\t6,2\t\t\u00bb\n70\t5,4; 5,4; 5,3\t5,4\t\t\u00ab\n100 .\t4,3; 4,6; 4,3\t4,4\t\u00bb\t\u00bb\n150\t3,3; 3,7; 3,6\t3,5\t\th\n10\t13,2; 13,0; 13,1\t13,1\tR\u00fcckseite\tvoraus\n20\t9,6; 9,8; 10,0\t9,8\t\u00bb\t\u00bb\n30\t8,0; 7,9; 8,0\t8,0\t11\tii\n50\t5,7; 6,3; 5,8\t5,9\t17\t\u00bb\n70\t5,0; 5,1; 5,1\t5,1\t11\t17\n100\t3,8; 4,0; 4,0\t3,9\t11\tn\n150\t2,7; 2,7; 3,0\t2,8\t1)\tn\nMan sieht also auch hier wieder den Unterschied im Luftwiderstand nach der Richtung des Fl\u00fcgelschlages und die Zunahme dieses Unterschiedes bei der Steigerung der Geschwindigkeit.\nNach den sch\u00f6nen Untersuchungen von E. Mascha \u00fcber den Bau und die feinere Structur der Schwungfedern\u2018) schien es nicht ausgeschlossen, dass auch jede Fl\u00e4cheneinheit einer Federfahne verschiedene Durchl\u00e4ssigkeit f\u00fcr Luft, je nach der Richtung, zeigt. Ich\n1) Ueber die Schwungfedern. Zeitschr. f. wiss. Zoologie Bd. 77 S. 606. 1904.","page":124},{"file":"p0125.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\t125\nhabe mehrere Methoden versucht, diese Frage experimentell zu beantworten, bin dabei wegen der Zartheit des Baues einer Federfahne auf grosse Schwierigkeiten gestossen und habe keinen Anhaltspunkt gewonnen, eine Ungleichheit anzunehmen. Eine Schwungfeder \u00fcber den Ausschnitt eines Aluminiumbleches so aufgekittet, dass sie keine Verbiegungen erfahren konnte, und mit dem Botationsapparat in Drehung versetzt, zeigte keinen Unterschied beim Wechsel der Richtung. Oder es wurde ein St\u00fcck der Fahne zwischen zwei R\u00f6hren von gleichem Durchmesser, deren Querschnitte einander bis auf die Fahnendicke gen\u00e4hert- waren, so eingekittet, dass der Kitt die Erg\u00e4nzung der R\u00f6hrenwandungen und die Fahne eine Querwand im Lumen bildete; dann habe ich ein gegebenes Luftquantum unter bestimmten Druck in der einen und in der anderen Richtung hindurchgeleitet, und konnte keinen Unterschied in der Dauer wahrnehmen, welche f\u00fcr die Rassirung desselben durch die Fahne erforderlich ist. Obwohl auf die Intactheit der Structur der Federfahnen in beiden F\u00e4llen sorgf\u00e4ltig geachtet war, stimmten die Resultate bei den Wiederholungen der Versuche doch nicht in so befriedigender Weise, dass ich die Gewinnung eines positiven Resultates bei Anwendung vollkommenerer Methoden f\u00fcr ausgeschlossen hielte. Bedeutend aber sind die Unterschiede, das kann aus meinen Versuchen doch mit Sicherheit geschlossen werden, gewiss nicht.\nII. Physiologie ues Schwirrens.\nDie vorstehenden Untersuchungen haben ergeben, dass die mechanischen Leistungen eines vibrirenden Fl\u00fcgels der vorgetragenen Vermuthung \u00fcber das Schweben der Raubv\u00f6gel nicht widersprechen Jetzt fragt es sich, ob auch die physiologische Grundlage f\u00fcr diese mechanischen Leistungen des Fl\u00fcgels vorhanden sind, ob sich also hinl\u00e4nglich starke, die Fl\u00fcgel bewegende Muskeln nach weisen lassen, welche die Eigenschaft besitzen, sehr rasch aufeinander folgende vibrirende Contractionen auszuf\u00fchren, wie sie hier vorausgesetzt wurden. Stark m\u00fcssen die Muskeln sein,, sonst.k\u00f6nnte der Raubvogel nicht geraume Zeit im Schweben verharren.\nVon den Fliegmuskeln der Insekten wissen wir seit langem durch Marey1) und durch die stroboskopischen Beobachtungen\n1) 1. c.\nE. Pfl\u00fcger, Archiv f\u00fcr Physiologie.\nBd. 114.","page":125},{"file":"p0126.txt","language":"de","ocr_de":"126\nSigm. Exner:\nv. Fl eis ch Ts1), dass sie in \u00fcberaus rasch folgende und kurz dauernde Contractionen zu verfallen verm\u00f6gen2), und auch von gewissen V\u00f6geln ist eine grosse, wenn auch nicht so weitgehende Frequenz ihrer Muskelzuckungen bei k\u00fcnstlicher Reizung bekannt. Und zwar sind es gerade die Fliegmuskeln, wie bei Insekten, so auch bei V\u00f6geln, die auch sehr frequente Reize noch mit Einzelzuckungen beantworten, wo andere Muskeln oder die Muskeln anderer Thiere schon lange einen gleichm\u00e4ssigen Tetanus, d. h. eine eon-tinuirliche Verk\u00fcrzung zeigen. Mare y erhielt beim Vogelmuskel noch keinen continuirlichen Tetanus, wenn er 70 Reize in der Secunde einwirken liess.\nMir war es nat\u00fcrlich darum zu thun, zu ersehen, ob die grossen Brustmuskeln eines Vogels, der sicher die F\u00e4higkeit des Schwebens besitzt, auch diesen Typus der Bewegungsf\u00e4higkeit zeigen. Ich ex-perimentirte also an drei M\u00e4usebussarden. Jedesmal wurden zwei lange Nadeln in den Museulus pectoralis der linken Seite eingestochen, die als Elektroden dienten. Das Thier war durch Aether an\u00e4sthesirt und schlief so fest, dass es auch keine selbstst\u00e4ndigen Bewegungen ausf\u00fchrte. Schon ein Vorversuch zeigte, dass man bei Reizung mittelst eines Du Bois-Reymond\u2019 sehen Inductionsapparates vibrirende Bewegungen der Federn erhielt, die den oben beschriebenen im K\u00e4fig beobachteten merklich gleich waren. Auch bei der genaueren Untersuchung dienten als Reiz Ind'uctionsschl\u00e4ge. Der prim\u00e4re Strom war entweder durch die Engel mann\u2019sehen St\u00e4be oder durch eine elektromagnetisch in Vibration erhaltene Stahlfeder mit Quecksilbercontact rhythmisch unterbrochen. Die Fl\u00fcgelbewegungen -wurden theils von einer passend zugeschnittenen Schwungfeder direct, theils nach dem Principe der Pince myo-graphique (Marey) durch Luft\u00fcbertragung, theils mittelst am Oberarmknochen befestigtem Faden und der M a r e y \u2019 sehen Myographion-Einrichtung mit Federspannung3) auf einen berussten rotirenden Cylinder aufgeschrieben. Es ergab sich, dass entsprechend der steigenden Reizfrequenz die Anzahl der Zitterbewegungen von 10 auf 15,6, 20, 30,3, 36,6, 46,4, 60,1 und 73,1 per Secunde anstieg\n1)\tArch. f. Anat. u. Physiol., Physiol. Abth. 1886.\n2)\tYgl. auch A. Rollett, Beitr\u00e4ge zur Physiologie der Muskeln. Denkschriften der Wiener Akad. d. Wissensch. Bd. 53.\n3)\tMarey, Du mouvement dans les fonctions de la vie p. 166. Paris 1868.","page":126},{"file":"p0127.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel,\n127\nund dass bei Verwendung des Quecksilbercont\u00e4ctes stets jede zweite Zuckung h\u00f6her war, augenscheinlich bedingt durch die bekannte st\u00e4rkere Wirkung des Oeffnungsschlages. Bei den h\u00f6heren Frequenzen von 60,1 und 73,1 per Secunde waren die Wellen der gezeichneten Curve schon so gering, dass man sie mit freiem Auge kaum mehr sehen konnte, und die Z\u00e4hlung, somit die Feststellung ihrer Ueber-einstimmung mit der Reizfrequenz, nur unter der Lupe m\u00f6glich war.\nAls muskelphysiologisch interessant mag hervorgehoben werden, dass am Myogramm die kleinen Wellen der Vibration superponirt auf grossen und langen Wellen erscheinen, wie dies auch schon Marey beobachtet hat, welche grossen Wellen den Athembewegungen entsprechen. Sie zeigen sich auch, wenn das Myogramm vom Humerus aus aufgenommen ist, und beweisen, dass der Muskel unabh\u00e4ngig von den ihm durch die k\u00fcnstliche Reizung ertheilten Impulsen seine regelm\u00e4ssigen Athemverk\u00fcrzungen vornehmen kann.\nIch versuchte ferner die Zitterbewegungen vom Centralnervensystem aus k\u00fcnstlich zu erzeugen. Es war leicht an der Grosshirnhemisph\u00e4re eine Stelle zu finden, deren Reizung Bewegung und zwar Entfaltung des Fl\u00fcgels der gegen\u00fcberliegenden Seite bewirkt. Sie liegt weit vorne, nahe der Medianebene, und hat auch, aber viel geringere, Wirkung auf den Fl\u00fcgel derselben Seite, wie dies ja bei den Rindenfeldern niederer Wirbelthiere die Regel ist. Ganz in der N\u00e4he d\u00fcrfte auch die Stelle f\u00fcr das gegen\u00fcberliegende Bein sein, denn bei st\u00e4rkerer Reizung beugt sich Fl\u00fcgel und Bein zugleich. Die so erzeugten Fl\u00fcgelbewegungen sind aber ruhige Streckungen, von dem Charakter jener, wie wir sie bei Rindenreizung an S\u00e4uge-thieren zu sehen gewohnt sind. Zitterbewegungen konnte ich trotz mannigfaltigen Suchens von diesem Theile des Gehirns nicht aus-l\u00f6sen. Wohl aber erhielt ich sie, wenn ich mit den Elektroden in die Tiefe des Gehirns vordrang. Leider bin ich bei der Schwierigkeit der Beschaffung des Versuchsmaterials nicht dar\u00fcber klar geworden, welches der subcorticalen Centren als Ursprungsst\u00e4tte der Schwirrbewegung zu betrachten ist. Sicher ist, dass Reizung des Querschnittes der Medulla oblongata dieselben erzeugt, es ist mir aber wahrscheinlich geworden, dass sie auch bei Reizung h\u00f6herer Organe entstehen, und die Medulla nur die F\u00e4higkeit hat, diese Art der Impulse in ihrer eigenartigen Frequenz den R\u00fcekenmarkseentren und durch sie den Nerven und Muskeln zuzuf\u00fchren.\nWie sich aus diesen Versuchen ergibt, sind wir nicht ge\u00fc\u00f6thigt,\n9*","page":127},{"file":"p0128.txt","language":"de","ocr_de":"128\nSigm. Einer:\njene an den Raubv\u00f6geln beobachtete Zitterbewegung als den Ausdruck fibrill\u00e4rer, nicht coordinirter, Muskelzuckungen aufzufassen, haben vielmehr den Thieren die F\u00e4higkeit zuzusprechen, den Humerus und damit den ganzen Fl\u00fcgel in Vibrationen zu versetzen, welche auf alle Schwungfedern gleichzeitig wirkend, sehr wohl im Stande sind, mechanische Effecte von der oben geschilderten Art zu erzeugen.\nIch habe in den geschilderten Versuchen \u00fcber die mechanische Wirkung der Vibration sehr geringe Frequenzen verwendet. Wir sehen jetzt, dass wir bei den schwebenden V\u00f6geln ein Mehrfaches derselben und damit auch eine viel gr\u00f6ssere Wirkung voraussetzen d\u00fcrfen. Mit der Elongation hingegen bin ich bis an jene Grenze gegangen, die mir vereinbar schien mit dem Bilde, das der schwebende Vogel bietet, d. h. bis an die Grenze, bei welcher die Vibrationen f\u00fcr den Beobachter noch nicht erkennbar sind. Ich muss aber doch der Vermuthung Ausdruck geben, es k\u00f6nnten diese Elongationen thats\u00e4chlich viel kleiner sein. Es bezieht sich diess vor Allem auf jene V\u00f6gel, die nicht wie Raubv\u00f6gel kreisend emporsteigen, die aber doch die F\u00e4higkeit haben, mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln so weite Strecken unter kaum merklichem Sinken zur\u00fcckzulegen, dass dies nach dem Principe eines Fallschirmes oder nach denudes Verbrauches der gewonnenen Bewegungsenergie schwer erkl\u00e4rbar scheint. Ich erinnere an den Auerhahn oder den Fasan, der an einer Berglehne aufgest\u00f6rt, sich mit kr\u00e4ftigen, weithin h\u00f6rbaren Fl\u00fcgelschl\u00e4gen vom Boden erhebt, dann aber pfeilschnell mit ausgespannten Fl\u00fcgeln \u00fcber das Thal \u201eabreitet\u201c und den gegen\u00fcberliegenden Hang oft noch fast in derselben H\u00f6he erreicht, in der er abgeflogen ist. Sollte er dieses geringe Absinken auch schwirrenden Fl\u00fcgelschl\u00e4gen verdanken ? Herr Inspector Al. Kraus hat mich auf meine Frage nach solchen Fl\u00fcgelbewegungen gerade auch auf Fasane und deren Verwandte, die \u00fcbrigen H\u00fchnerv\u00f6gel, aufmerksam gemacht, und es ist wohl jedem aufmerksamen Beobachter der Vogelwelt das Bild des Puters oder des Pfaues gel\u00e4ufig, der vor der Henne das Rad schl\u00e4gt, die Fl\u00fcgel gegen den Boden spreizt und mit denselben vibrirende Bewegungen ausf\u00fchrt. Diese gleichen in der That vollkommen jenen der Raubv\u00f6gel, abgesehen von der Fl\u00fcgelstellung, und es kann ihnen der genannte mechanische Effect wohl zugemuthet werden.\nEinmal, erinnere ich mich, einsam auf einer Berghohe unter einem Baum stehend, das Rauschen oder Brausen eines gr\u00f6sseren","page":128},{"file":"p0129.txt","language":"de","ocr_de":"129\nUeber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\nRaubvogels1) geh\u00f6rt zu haben, der sich, mich nichi bemerkend, in meiner n\u00e4chsten N\u00e4he ohne Fl\u00fcgelschlag nach abw\u00e4rts gleiten liess ; ebenso ist wohl das Sausen eines Fasans, der ohne Fl\u00fcgelschlag dahinzieht, allgemein bekannt. Ich habe dieses Ger\u00e4usch fr\u00fcher immer f\u00fcr den Ausdruck des Luftwiderstandes gehalten, der die Federn so in Vibration versetzt, wie die Zunge einer Pfeife durch den Luftstrom oder wie eine passende Gerte durch das Wasser geschwungen in Vibration ger\u00e4th. Jetzt halte ich es nicht f\u00fcr ausgeschlossen , dass dieses Ger\u00e4usch auf das durch die Muskelaction bedingte Schwirren der Federn zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. S. E. Peal2) berichtet von schwebenden Wasser- und Raubv\u00f6geln: \u201eIf near, the feather-tips make a loud musical ,sing\u2018, and the presence often first known by it.\u201c Ein solcher musikalischer Klang spricht eher f\u00fcr ein Analogon des Muskeltones, vermittelt durch die Federn, als f\u00fcr die von der Reibung an der Luft bedingte Vibration der Federn.\nIII. Die Ansichten Anderer \u00fcber das Schweben.\nDie Literatur \u00fcber das Schweben ist sehr gross und \u00fcberaus zerstreut, indem das Problem in Werken mechanischen Charakters, besonders die Flugtechnik betreffend3), in solchen biologischen In haltes und in descriptiven Arbeiten behandelt ist. Es kann deshalb nicht meine Absicht sein, die Ansichten aller Autoren vorzuf\u00fchren, um so weniger als der gr\u00f6ssere Theil der mir durch Citate bekannt gewordenen Publicationen in den zur Verf\u00fcgung stehenden Bibliotheken nicht gefunden werden konnte4). Es gen\u00fcgt wohl auch, wenn ich mich an den Typus der bisher aufgestellten Theorien des Schwebens halte. Doch vorher einiges Thats\u00e4ehliche.\nIn Drehm\u2019s Thierleben8) findet sich eine sch\u00f6ne Beschreibung vom Schweben des Albatros und die- Angabe von Jonan, nach welcher dieses Thier bei Windstille alle f\u00fcnf Minuten, bei st\u00e4rkerem\n1)\tEr d\u00fcrfte auch einer Bussardart angeh\u00f6rt haben\n2)\tThe Nature t. 23 p. 10.\n3)\tVgl. Prechtl, Ueber den Flug der V\u00f6gel. Wien 1846. \u2014 W. Winter, Der Vogelflug. Ackermann, M\u00fcnchen 1895. \u2014 Brettoni\u00e8re, Revue scientif. (4) t. 9 (2) p. 83. 1898.\n4)\tZ. B. Joh. Olshansen, Das Segeln und Schweben der V\u00f6gel. G\u00e4a, Natur und Lehen 27. Jahrg. 1891. \u2014 S. F. Ahlhorn, Zur Mechanik des Vogelfluges. Naturw. Verein in Hamburg Bd. 14. 1896. \u2014 Lilienthal, Der Vogelflug als Grundlage .... Berlin 1889.\n5)\t1. c. Bd. 3 S. 183.","page":129},{"file":"p0130.txt","language":"de","ocr_de":"130\nSigm. Exner:\n\"Wind alle sieben Minuten mit den Fl\u00fcgeln sehl\u00e4gt. W. Winter1 2) hat seine Beobachtungen haupts\u00e4chlich an M\u00f6ven und Schwalbenarten angestellt und gibt die folgende Beschreibung des Segelfluges, unter welchem Namen er das Dahingleiten des Vogels durch die Luft versteht, bei welchem er mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln ohne Fl\u00fcgelschlag flache Wellen beschreibt, indem er abwechselnd sinkt und steigt: \u201eDer Segelflug, von welchem das Kreisen blos eine Unterart ist, ist aber dadurch charakterisirt, dass er erstens der Zeit nach gleichsam unbeschr\u00e4nkt ist, so dass ein Vogel nicht nur einige Secunden oder Minuten, sondern sogar mehrere Stunden, ja den ganzen Tag segeln kann, ohne dass er mit den Fl\u00fcgeln schl\u00e4gt\u201c.\n\u201eEin weiteres charakteristisches Merkmal ist das, dass am Schl\u00fcsse des Segelfluges die Energie des Vogels nicht geringer ist als am Anfang, dass er also an H\u00f6he nicht verloren, an Geschwindigkeit nicht eingeb\u00fcsst hat, dass sogar in vielen F\u00e4llen der Vogel an H\u00f6he gewonnen hat, wie insbesondere meistens beim Kreisen, oder dass seine Geschwindigkeit gewachsen ist. In jedem Falle hat er w\u00e4hrend des Segelfluges die Luftreibung \u00fcberwunden, also wirklich Arbeit geleistet, ohne von seiner Arbeitsf\u00e4higkeit etwas abgegeben und auch ohne mit den Fl\u00fcgeln selbst gearbeitet, zu-haben \u201cz). Derselbe Autor sagt an einer anderen Stelle3): \u201eHier und da sieht man einen Falken, einen Bussard, eine Gabelweihe hoch oben im Winde stehen, die Fl\u00fcgel ausgespannt und ruhig, den Kopf gegen den Wind haltend. Ich muss leider gestehen, dass ich eine Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr nicht zu geben weiss\u201c. Letztere Beobachtung kann ich best\u00e4tigen und habe sie ungez\u00e4hlte Male, besonders an M\u00f6ven in aller Ruhe wiederholen k\u00f6nnen, das Thier im Gesichtsfeld des Fernrohres haltend.\nIndem Winter sagt, er k\u00f6nne f\u00fcr dieses \u201eim Winde-Stehen\u201c eine Erkl\u00e4rung nicht geben, ist damit meines Erachtens auch der Verzicht auf die Deutung des Schwebefluges und des Kreisens ausgesprochen, denn wenn der Vogel anscheinend ohne Fl\u00fcgelschlag die Wirkung der Schwere, eventuell des Windes aufhebt und an einem Orte des Raumes stehen bleibt, so hat man hier doch wohl das r\u00e4thselhafte Ph\u00e4nomen in der einfachsten Form vor sich; denn ob dann die den Druck des Windes aufhebende Kraft noch etwas zu-\n1)\tDer Vogelflug. M\u00fcnchen 1895.\n2)\t1. c. S. 124.\n3)\t1. c. S. 168.","page":130},{"file":"p0131.txt","language":"de","ocr_de":"131\nUeber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\noder abnimmt, der Vogel also gegen den Wind anschwebt, oder in der Richtung desselben abgeweht wird, ob die gegen die Schwere wirkende Kraft desselben noch zu- oder abnimmt, er also etwas steigt oder f\u00e4llt, kommt f\u00fcr die L\u00f6sung des Problems nicht mehr wesentlich in Betracht.\nEs f\u00e4llt demnach auch Winter\u2019s Erkl\u00e4rung des Schwebefluges nicht gl\u00fccklich aus. Er stellt sieh einen Vogel vor, der zun\u00e4chst bei Windstille eine Fluggeschwindigkeit von z. B. 2 m gewonnen hat. Wenn dieser sich jetzt mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln sinken l\u00e4sst, so gewinne er dadurch an Geschwindigkeit, und wenn er bei der nun erreichten Geschwindigkeit durch Steuerung die L\u00e4ngsachse seines K\u00f6rpers durch die Horizontale nach aufw\u00e4rts (nat\u00fcrlich mit dem Kopf voraus) dreht, so dr\u00fccken seine nun schief gestellten Fl\u00fcgel gegen die Luft, wodurch eine nach aufw\u00e4rts gerichtete Componente entsteht, die ihn hebt. Winter meint, er m\u00fcsse im reibungslos gedachten Raume nun ebenso hoch aufsteigen, wie er sich erst habe sinken lassen, gleich einer Kugel in der kreisf\u00f6rmig gebogenen Rinne. Es leuchte nun ein, dass, wenn der Vogel ebenso verf\u00e4hrt, ihm aber beim Aufdrehen ein Wind von z. B. 8 m Geschwindigkeit entgegen weht, jetzt die nach aufw\u00e4rts gerichtete Componente gr\u00f6sser sein m\u00fcsse, er also \u00fcber die H\u00f6he seines Ausgangspunktes gehoben werde. Im Winde also k\u00f6nne der Vogel segeln und durch den Segelflug steigen.\nDer wesentliche Irrthum in dieser Deduction ist wieder durch die Betonung der relativen Bewegung des Vogels zur Erde statt zur umgebenden Luft verursacht. Denn der Vogel, den Winter bei Windstille eine Geschwindigkeit von 2 m erreichen l\u00e4sst, ehe der Schwebeflug beginnt, muss bei einer Windgeschwindigkeit von 8 m durch Fl\u00fcgelschl\u00e4ge erst eine Geschwindigkeit gegen die Luft von 10 m erreichen, um dem auf der Erde stehenden Beschauer die Geschwindigkeit von 2 m zu zeigen. Er verh\u00e4lt sich dann in der Luft genau so wie der von Winter bei Windstille betrachtete Vogel, nur hat er eine Anfangsgeschwindigkeit gegen die Luft nicht von 2 m, sondern von 10 m. Er kann demnach auch im reibungslosen Medium nicht h\u00f6her steigen, als er vorher gesunken ist, denn ob die Anfangsgeschwindigkeit 2 oder 10 m ist, hat, wie Winter ja auch annimmt, keine Bedeutung.\nAehnlich nun steht es mit zahlreichen Erkl\u00e4rungsversuchen, die von der \u201eAusn\u00fctzung des Windes\u201c sprechen. Winter, der das","page":131},{"file":"p0132.txt","language":"de","ocr_de":"132\nSigm. Exner:\nSegeln nur durch den Wind f\u00fcr erm\u00f6glicht h\u00e4lt und sagt, es finde im eigentlichen Sinne auch nur bei starkem Winde statt, berichtet an einer anderen Stelle1), dass das Kreisen \u201ean Mauerseglern, Raubv\u00f6geln und M\u00f6ven bei schwachem Winde oder sogar, wenn unten Windstille ist, recht leicht zu beobachten\u201c sei. Er sah es also bei Windstille und setzte nur voraus, dass in der H\u00f6he des Vogels Wind wehe.\nParseval2) nennt das Schweben \u201eeine Bewegung, die, soweit sie nicht blos ein verlangsamtes Fallen ist, nur aus der Mitwirkung der verschiedenen Luftstr\u00f6mungen erkl\u00e4rt werden kann\u201c, und H. Strasser schliesst sich in seiner eingehenden Untersuchung \u201eUeber den Flug der V\u00f6gel\u201c3) dieser Anschauung an. Er macht auf die Unzweckm\u00e4ssigkeit aufmerksam, die darin liegt, den Vogel stets in seiner Bewegung zur Erde statt in der zur umgebenden Luft zu betrachten, und verweist in dieser Beziehung auf die Arbeiten von Rayleigh4), Airy5) und Courtenay6), welche Forscher schon im Jahre 1883 auf die ausschliessliche Bedeutugg der relativen Bewegung zwischen Vogel und Luft hingewiesen haben. Rayleigh war in dieser kurzen und b\u00fcndigen Mittheilung meines Wissens der erste, der das Problem physikalisch richtig erfasst und erl\u00e4utert hat. Es bestand f\u00fcr ihn sowie f\u00fcr A i r y und Courte n a y allerdings > in der durch eine Beschreibung kreisender V\u00f6gel (besonders Pelikane) von Peal7) angeregten Frage, wie kann der Vogel \u201eohne mit den Fl\u00fcgeln zu arbeiten\u201c H\u00f6he gewinnen? Angesichts dieses Problems war es geboten, jede M\u00f6glichkeit in Betracht zu ziehen, und die Frage, oh die M\u00f6glichkeit in der Natur auch verwirklicht ist, in zweite Linie zu stellen. Es ist das grosse Verdienst Rayleigh\u2019s, eine solche M\u00f6glichkeit aufgedeckt zu haben. Sie besteht in der Ausn\u00fctzung der ungleichen Windgeschwindigkeit, in benachbarten Luftregionen, die der kreisende Vogel abwechselnd aufsucht. Die Vorstellung, welche er entwickelt, ist die folgende: Das Thier befinde sich \u00fcber der Grenze zweier Luftschichten, die sich\n1)\t1. c. S. 160.\n2)\tDie Mechanik des Yogelfluges S. 6. J. F. Bergmann, Wiesbaden 1889.\n3)\t. Jena\u2019sche Zeitschr. f. Naturwiss. Bd. 19. 1886. .\n4)\tThe Nature t. 27 p. 534.\n5)\tEbenda p. 590.\n6)\tEbenda t. 28 p. 28.\n7)\tEbenda t. 23 p. 10.","page":132},{"file":"p0133.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c'' der Raubv\u00f6gel.\n138\nin derselben Richtung bewegen, die obere mit gr\u00f6sserer, die untere mit geringerer Geschwindigkeit. \u201eDer erste Schritt, wenn n\u00f6thig, ist, dass er sich leew\u00e4rts wendet und nun langsam durch die .Trennungsebene, abf\u00e4llt. Im Sink\u00e8n zum Niveau dieser Ebene gewinnt er relative Geschwindigkeit.\u201c (zur umgebenden Luft), \u201ewelche aber f\u00fcr den zu erreichenden Zweck bedeutungslos ist, da sie durch einen Verlust an H\u00f6he;erkauft wird; aber mit dem Ueberschreiten der Trennungsebene entsteht ein wirklicher und effectiver G\u00e9winn. Indem er n\u00e4mlich in die tiefere Schicht eintritt, ist die ihm eigene Geschwindigkeit thats\u00e4ehlich unver\u00e4ndert, aber seine Geschwindigkeit gegen\u00fcber der umgebenden. Luft. ist erh\u00f6ht. Der Vogel muss sich nun innerhalb des : tieferen Stratums wenden, bis seine Bewegung windw\u00e4rts gerichtet ist, und dann in die obere Luftschicht zur\u00fcckkehren; indem er sie erreicht, entstellt ein zweiter Gewinn an relativer Geschwindigkeit.: Dieser: Vorgang kann augenscheinlich unendlich oft wiederholt werden\u201c.\nEs versteht sich von selbst, dass er jeden Gewinn an relativer \u2022Geschwindigkeit in Steigarbeit, umsetzen kann.\nAus meinen vorstehenden Darlegungen erhellt, warum ich'die L\u00f6sung des Problems vom Schweben auch durch Rayleigh\u2019s unanfechtbaren Gedankeh : nicht f\u00fcr erbracht halte. Denn erstens schweben die Raubv\u00f6gel auch bei Windstille, und wenn diese auch nie absolut sein .mag, so kann man bei einem Zustande der Atmosph\u00e4re, der uns als Windstille erscheint, doch keine so grossen -Differenzen der Windgeschwindigkeit annehmen, wie sie hier vorausgesetzt Werden m\u00fcssen. Zweitens m\u00fcsste der Vogel, da er nur die Differenzen der Luftgeschwindigkeiten benutzt, immer in der Richtung des Windes fortgetragen werden, * also im besten Falle Cycloide beschreiben, was sicher nicht der Fall ist. Drittens tritt, wie oben hervorgehoben, das Problem in der einfachsten Form dann hervor, wenn der Vogel ruhig in der Luft steht, d. h. ohne Fl\u00fcgelschlag seinen Ort gegen\u00fcber der Erdoberfl\u00e4che festh\u00e4lt. Dieses Stehen kommt meines Wissens allerdings nur bei Wind vor, und der Vogel ist dann immer gegen den Wind gewendet, aber anzunehmen, dass er in dieser Lage die Ungleichheiten der Windgeschwindigkeit an seinem Orte ausnutzt, seheint mir gewagt, bis an die Unm\u00f6glichkeit grenzend. Unz\u00e4hlige Male habe ich auf einer Insel bei Istrien (Brioni maiore) M\u00f6wen zur Zeit ihres Brutgeseh\u00e4ftes absichtlich oder zuf\u00e4llig beunruhigt und gesehen, wie sie \u00fcber meinem Kopfe zu-","page":133},{"file":"p0134.txt","language":"de","ocr_de":"134\tSigm. Exner:\nsammengeschaart, schreiend jeden meiner Schritte durch das Geb\u00fcsch und die Felsen mit den Augen verfolgten und erst an ihre Brutpl\u00e4tze zur\u00fcckkehrten, wenn ich mich weit von denselben entfernt hatte. Sie fliegen dabei und kreisen wie Raubv\u00f6gel, sich ohne sichtbaren Fl\u00fcgelschlag emporhebend, theilweise aber stehen sie anscheinend ganz ruhig, den Kopf gegen den Wind gewendet, und verharren viele Seeunden in solcher Lage; bisweilen scheinen sie dabei vom Winde massig abgetrieben zu werden, bisweilen r\u00fccken sie etwas gegen denselben vor oder weichen seitlich ab, oft aber stehen sie, wie gesagt, geraume Zeit vollkommen fix gegen die Erde. Es sind flache 20\u201460 m \u00fcber das Wasserniveau sich erhebende H\u00fcgel, \u00fcber deren plateauartigen Gipfeln ich die Erscheinung beobachtet habe; wie sollten da Geschwindigkeitsdifferenzen des Windes angenommen werden, welche an derselben Stelle des Raumes ablaufend, zu jeder Stunde des Tages immer und immer wieder die Erhaltung des Vogels in der Luft bewirken?\nIch habe gelegentlich meines wiederholten Aufenthaltes auf dieser Insel auch Gelegenheit gehabt, von meinem Wohnungsfenster aus durch Stunden die M\u00f6wen unter Benutzung von Fernrohren zu beobachten, und habe mich \u00fcberzeugt, dass die hypothetischen Vibrationen der Fl\u00fcgel dieser V\u00f6gel beim Stehen gegen den Wind sehr klein sein m\u00fcssen. Denn wenn man das Thier bei g\u00fcnstiger Stellung gerade von hinten oder von vorne sieht, so erscheint der Fl\u00fcgel sehr schmal und scharf conturirt.\nUnter solchen Umst\u00e4nden konnte ich aber auch folgende Beobachtung machen: die M\u00f6we steht ohne Fl\u00fcgelschlag 5\u201410 m \u00fcber der bewegten Wasserfl\u00e4che und bemerkt auf derselben eine Beute; sie l\u00e4sst sich dann rasch,, ebenfalls ohne Fl\u00fcgelschlag' sinken. Im Momente aber, wo sie etwa nur mehr Va m von derselben entfernt ist., bemerkt man eine sehr rasche Vibration der Fl\u00fcgel und des Schwanzes, welche erst ganz geringe Elongation hat, dann aber an Elongation zu- und gleichzeitig an Frequenz abnimmt, bis die typischen Fl\u00fcgelschl\u00e4ge daraus geworden sind, durch welche sich das Thier \u00fcber den Wellen h\u00e4lt, w\u00e4hrend es mit dem Schnabel die Beute fasst. Dieser ganze Process dauert kaum eine Secunde und macht den Eindruck, als w\u00fcrden die hypothetischen Vibrationen rasch an Frequenz ab- und an Elongation zunehmen und dadurch sichtbar werden. Auch hoch oben in der Luft habe ich zweimal das Auftreten von Schwirren (auch am Schw\u00e4nze) beobachtet. Ferner","page":134},{"file":"p0135.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Kaubv\u00f6gel.\n185\nhabe ich bei solchen Gelegenheiten, wenn heftiger Wind war, gesehen, dass die l\u00e4ngsten Schwungfedern durch die Kraft des Windes verbogen werden k\u00f6nnen. Macht eine schwebende M\u00f6we eine Schwenkung, so dass sie kurze Zeit von einer seitlichen Componente des Windes getroffen wird, so k\u00f6nnen die Spitzen der Fl\u00fcgel nach aufw\u00e4rts oder abw\u00e4rts (im Sinne des horizontalen Vogelk\u00f6rpers) verbogen werden, wie die Fig. 2 schematisch zeigt. Es ist auffallend, wie in einem solchen Momente der Eindruck des kr\u00e4ftelosen Sehwebens verschwindet und man sich unwillk\u00fcrlich nach dem\n/\nFig. 2.\nSt\u00fctzpunkt des Thieres umsieht, durch welchen das Verbiegen durch den Wind wie bei einem belaubten Zweig verst\u00e4ndlich und anschaulich wird.\nObwohl also das Theorem Rayleigh\u2019s sicher keine allgemeine L\u00f6sung des Schwebeproblems gibt, suchte ich mir doch eine Vorstellung dar\u00fcber zu bilden, von welcher Gr\u00f6ssenordnung seine Wirkungen sein k\u00f6nnten. Eine genaue Rechnung l\u00e4sst sich dar\u00fcber nat\u00fcrlich nicht ausf\u00fchren, doch habe ich versucht ein Maass f\u00fcr den Fall zu gewinnen, dass ich f\u00fcr die Wirkung die g\u00fcnstigsten Annahmen mache.\nWir wollen untersuchen, wie gross die Differenz der Windgeschwindigkeit in den beiden benachbarten Luftschichten sein muss, damit der Vogel nach dem genannten Principe in der Schwebe erhalten wird. Wie schon Airy1) hervorgehoben hat, kann man sich die beiden Luftstr\u00f6mungen von verschiedener Geschwindigkeit auch nebeneinander vorstellen. Wir wollen das thun und sie in einer scharfen\n1) 1. c.","page":135},{"file":"p0136.txt","language":"de","ocr_de":"136\t\u201e\tSigm. Exn\u00e9r:\nTrennungsfl\u00e4che aneinander stossen lassen; wollen weiter voraussetzen, dass der Vogel ohne Arbeitsleistung und in unendlich kurzer Zeit aus einer Schicht in die andere \u00dcbertritt, indem er sich dabei um 180\u00b0 wendet. Da die progressive Bewegung der ganzen Luft nicht in Betracht kommt (ausser sofern der Vogel vom Winde vertragen wird), f\u00fcr die Schwebeleistung vielmehr nur die relative Geschwindigkeit der beiden aneinander grenzenden Luftmassen, so k\u00f6nnen wir uns weiter vorstellen, dass, wenn diese Geschwindigkeitsdifferenz n Meter per Secunde ist, zwei Luftmassen aneinander vorbeistreichen, von denen die eine die Geschwindigkeit von nk m nach einer Richtung, die andere die Geschwindigkeit von n/a m nach der entgegengesetzten Richtung hat. Der Vogel w\u00fcrde, mit irgendeiner Anfangsgeschwindigkeit ausgestattet, sich erst gegen die Luftstr\u00f6mung der einen Richtung stellen und sich von ihr heben lassen, wobei er seine Geschwindigkeit gegen die Luft allm\u00e4hlich verliert, bis sie ganz geschwunden ist, er also wie in ruhender Luft zu Boden fallen w\u00fcrde. In diesem Momente hat er eine Geschwindigkeit von W2 m nach der einen Seite. Tritt er jetzt in die andere Luftschicht ein, indem er sich wendet, so hat er im ersten Momente eine relative Geschwindigkeit zu derselben von n Metern, welche nun wieder bis auf 0 herabsinkt ; in diesem Momente hat er sich wieder zu wenden und in die erste Luftschicht \u00fcberzutreten, wobei er abermals in dieser mit der Geschwindigkeit von n Metern beginnt, u. s. f. In jedem Momente wirkt dabei die gegen die schief gestellten Fl\u00fcgel senkrecht wirkende Kraft, die wir in eine verticale, der Schwere entgegenwirkende, und eine horizontale, den Vogel in der Windrichtung vertragende, zerlegen k\u00f6nnen. Diese letztere Com-pon\u00e8nte wirkt in entgegengesetzter Richtung, je nachdem er sich in der ersten oder in der zweiten Luftschicht befindet. Stellen wir uns vor, er wechsele die Luftschichten unendlich oft in der Zeiteinheit, so werden sich die Wirkungen der horizontalen Componenten aufheben, der Vogel wird in Bezug auf diese beiden Luftmassen keine translatorische Geschwindigkeit acquiriren, d. h. er ist innerhalb derselben festgehalten, w\u00e4hrend die verticale Componente dauernd auf ihn einwirkt.\nWir haben dann das Problem reducirt auf das eines an der Schnur festgehaltenen Drachens, dessen schiefe Ebene die Fl\u00e4chenausdehnung und die Neigung der Fl\u00fcgel des schwebenden Vogels hat. Der Wind, welcher einen so grossen und so gestellten Drachen","page":136},{"file":"p0137.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\t137\nin der Luft zu erhalten vermag, hat eine Geschwindigkeit, die auch den Vogel, von gleichem Gewichte in der Schwebe erh\u00e4lt.\nIch glaube, es lehrt uns die Erfahrung an dem Leistungsverm\u00f6gen der Drachen unmittelbar, dass wir Differenzen der Windgeschwindigkeit von solcher Gr\u00f6sse unm\u00f6glich jedesmal voraussetzen d\u00fcrfen, wenn wir einen Vogel kreisen sehen.\nDoch versuchen wir es, Zahlenwerthe zu gewinnen.\nEs sei in Fig. 3 ab die Richtung des herrschenden Windes, f f die gegen denselben gestellte schiefe Ebene (der Fl\u00fcgel), c e der auf diese Ebene ausge\u00fcbte Druck des Windes und cd die der Schwerkraft entge^up^nchtet-e verticale Componente dieses Druckes.\nd\nDer Druck, welchen ein Luftstrom auf eine senkrecht gegen seine Richtung gestellte Fl\u00e4che aus\u00fcbt, k\u00f6nnte in einer ersten Ann\u00e4herung proportional gesetzt werden der Dichtigkeit der Luft (o) und dem Quadrate ihrer Geschwindigkeit. Indem wir voraussetzen wollen, dass die bei Einwirkung des Luftstromes auf eine gegen seine Richtung schief gestellte Ebene resultierende senkrechte Componente eben hinreicht, der Schwere des Vogels das Gleichgewicht zu halten, k\u00f6nnen wir dieses Gewicht (mg) ausdr\u00fccken:\nmg = q (v sin a)2f cos a,\noder wenn wir das Gewicht G in Kilogramm ausdr\u00fccken und g = 10 annehmen\nG = TV q(v sin a)2 f cos a,\nwobei a den Winkel bedeutet, den die schiefe Fl\u00e4che mit der Richtung des Windes einschliesst, und f die Gr\u00f6sse der Fl\u00e4che, ausgedr\u00fcckt in Quadratmetern.","page":137},{"file":"p0138.txt","language":"de","ocr_de":"138\nSigm. Exner:\nIch habe in diese Formel die Gr\u00f6ssen eingesetzt , welche einer meiner Bussarde, an denen ich experimentirte, zeigte. Das Gewicht desselben betrag 0,627 kg; die Fl\u00fcgelfl\u00e4che mit dem Planimeter gemessen 0,1643 qm. Die Dichte der Luft ist mit 1,29 angenommen.\nDie so berechnete Windgeschwindigkeit, die unter den vorausgesetzten Umst\u00e4nden den Yogel im Gleichgewicht gehalten, d. h. vor dem Sinken gesch\u00fctzt h\u00e4tte, ist f\u00fcr verschiedene Winkelgrade der Neigung seiner Fl\u00fcgel (Winkel a) in der zweiten Columne der folgenden Tabelle eingesetzt.\nWer die flugtechnische Literatur kennt, weiss, dass die oben genannte Formel der experimentellen Pr\u00fcfung nicht Stand gehalten hat, dass vielmehr der Winddruck gr\u00f6sser gefunden wurde.\nGl\u00fccklicher Weise verf\u00fcgen wir \u00fcber eine diesbez\u00fcgliche Berechnung, die von Lord Rayleigh selbst herr\u00fchrt1). Die Formel, welche er entwickelt, in unsere Zeichen \u00fcbertragen, lautet: mg ==. 0,0024 f v2 sin \u00ab.\nSie enth\u00e4lt die Maasse in Centimeter-Gramm-Secunden und gilt nur f\u00fcr kleine Winkel a. Auch nach dieser Formel habe ich die Rechnung durchgef\u00fchrt, nat\u00fcrlich nur f\u00fcr Winkel, bei welchen noch ann\u00e4hernde Richtigkeit vorausgesetzt werden kann. Die gefundenen Werthe sind in der dritten Columne verzeichnet.\nWinkel a (Stellung der Fl\u00fcgelfl\u00e4che gegen die Horizontale)\tv (Windgeschwindigkeit) nach der Formel Cr = 0,129 (v sin cif f cos \u00ab in Meter-Secunden\tv nach der Formel von Rayleigh Cr = 0,0024 fv2 sin \u00ab in Meter-Secunden\n75\t11,0\t\n65\t9,2\t\u2014\n55\t8,7\t\u2014\n45\t9,2\t\t -\n37\t10,1\t\u2014\n30\t12,0\t8,1\n25\t13,5\t8,8\n20\t16,4\t9,8\n15\t21,4\t11,1\n10\t31,6\t13,7\n5\t62,4\t19,4\nWie man sieht, sind alle diese Zahlen viel zu gross, um das Schweben der V\u00f6gel nach dem Rayleigh\u2019sehen Theorem zu erkl\u00e4ren. Sie geben ja nur die Differenzen der Windgeschwindigkeit in den\n1) The mechanical principles of flight. Scientific papers by John William\nStrutt (Baron Rayleigh) vol. 4 p. 462. Cambridge 1903.","page":138},{"file":"p0139.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n139\nverschiedenen Luftschichten an, auf Grund deren die Tiere sich in der Horizontalen erhalten sollen. Diese Differenzen sind schon so gross, dass sie Windgeschwindigkeiten darstellen, bei denen ein Kreisen der Raubv\u00f6gel \u00fcberhaupt kaum mehr vorkommt, h\u00f6chstens ein \u201eStehen gegen den Wind\u201c, bei dem wieder von einer Ausnutzung der verschiedenen Windgeschwindigkeiten kaum die Rede sein kann. Auch kommt in Betracht, dass ja die Voraussetzungen so g\u00fcnstig als denkbar f\u00fcr das genannte Theorem eingef\u00fchrt worden sind, indem ich annahm, dass der Vogel dauernd die relative Geschwindigkeit gegen die Luft hat, welche gleich ist der berechneten Differenz, w\u00e4hrend er dieselbe thats\u00e4chlich nur im ersten Momente des Ueber-trittes in die andere Luftschicht haben kann, und ich keine Kraftverluste f\u00fcr den Uebertritt sowie f\u00fcr die Ueberwindung der Reibung annabm. Von den angef\u00fchrten Zahlen haben f\u00fcr uns nur die ein Interesse, welche f\u00fcr Winkel, die kleiner als 15\u00b0 sind, gefunden wurden, denn der unmittelbare Anblick lehrt, dass die Fl\u00fcgel des schwebenden Vogels in der Regel keinen gr\u00f6sseren Winkel mit der Horizontalen einschliessen.\nIch habe in der zweiten Columne der vorstehenden Tabelle auch die bei gr\u00f6sseren Neigungswinkeln gewonnenen Zahlen angef\u00fchrt, erstens um zu zeigen, bei welchen Winkelgraden n\u00e4herungsweise die g\u00fcnstigsten Verh\u00e4ltnisse zum Ansteigen herrschen, zweitens weil man bisweilen thats\u00e4chlich sieht, dass der Vogel sieh sehr steil gegen den Wind stellt und sich dabei rasch hebt. Es geschieht dies aber nur selten und nicht im eigentlichen Schweben und Kreisen. Man ersieht aus der Tabelle, dass die g\u00fcnstigste Stellung zum Steigen die ist, bei welcher seine Fl\u00fcgelfl\u00e4chen ca. 55 0 C. mit der Horizontalen einschliessen. Nebenbei bemerkt, geht schon aus dieser Thatsache die Unzul\u00e4nglichkeit des R a y 1 e i g h \u2019 sehen Theorems hervor, denn w\u00e4re es richtig, so w\u00fcrde der Vogel beim Schweben sich gewiss in einer \u00e4hnlichen Stellung befinden und nicht nahezu horizontal liegen.\nMan kann gegen die vorgef\u00fchrte Berechnung den Einwand erheben, dass sie sich auf ebene Fl\u00e4chen bezieht, die Fl\u00fcgel aber nach unten concav sind und dadurch nachweislich einen gr\u00f6sseren Luftwiderstand bieten. Es ist aber nicht anzunehmen, dass der dadurch erzielte Vortheil das grosse Minus deckt, das die Rechnung ergeben hat, zumal wenn man bedenkt, dass der Fl\u00fcgel nicht wie jene Fl\u00e4chen, an denen experimentirt wurde, absolut undurchl\u00e4ssig f\u00fcr Luft ist.","page":139},{"file":"p0140.txt","language":"de","ocr_de":"14Q\nSigm. Exner:\t-\u25a0\u25a0\u25a0\u25a0\u2022\nWenn ' C \u00f6artenay t). auf die;aufsteigenden Luftstr\u00f6mungen hinweist , die der Vogel zum Kreisen und Aufsteigen auszunutzen vermag , so kann an solchen Luftstr\u00f6men'(angesichts der vom Winde: getragenen d\u00fcrren Bl\u00e4tter) und an der M\u00f6glichkeit ihrer Ausnutzung durch den Vogel nicht gezweifelt werden.\nAber dass darauf das regelm\u00e4ssige Kreisen, Schweben und Emporschrauben als gewohnheitsgem\u00e4sse Locomotion vieler Thiere beruht, wird niemand glauben, der diese Thiere zu sehen gewohnt ist. Auch S. E, Peal berichtet \u00fcber das Kreisen der Wasserv\u00f6gel in Asam als eine t\u00e4glich zu beobachtende Erscheinung.\nIch will diese Betrachtungen mit dem Citate einer Stelle aus dem Buche von Parseval schliessen1 2), die ich gefunden hatte, nachdem meine Versuche \u00fcber den mechanischen Effekt der Zitter-bewogungen des Fl\u00fcgels l\u00e4ngst abgeschlossen waren, und die mich sehr \u00fcberraschte. Die Stelle bezieht sich auf das Kreisen und lautet: \u201eHierbei sind es nicht unmerkliche Zitterbewegungen der Federn, wie man behauptet hat, auch nicht die in langen Pausen vereinzelt folgenden Fl\u00fcgelschl\u00e4ge: \u00fcberhaupt nicht die eigene Kraft des Vogels, sondern die Bewegung der Atmosph\u00e4re, ; der geschickt ausgenutzte Wind ist es, der dem Vogel die Schwebearbeit leistet.\u201c\nAlle meine Nachforschungen dar\u00fcber, wer jene Zitterbewegungen als die Grundlage des Sehwebens angegeben hat, sind erfolglos geblieben. Es ist das die einzige Angabe \u00fcber Zitterbewegungen, die ich \u00fcberhaupt in der Literatur vorfand.\nZusammenfassung.\nDie mir bekannt gewordenen Theorien des Sehwebens sind ungen\u00fcgend , indem sie gr\u00f6sstenteils physikalische Thatsachen in missverstandener Weise zur Erkl\u00e4rung heranziehen ; im Principe richtig ist nur das von Lord Rayleigh aufgestellte Theorem von der Ausnutzung der Verschiedenheiten der Windgeschwindigkeit in benachbarten Luftschichten sowie die Anschauung Courtenay\u2019s von der Verwertung aufsteigender Luftstr\u00f6me. Beide aber reichen auch im Entferntesten nicht aus, eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das thats\u00e4ckliche Verhalten der V\u00f6gel zu geben, denn\n1)\tl. c.\n2)\tMechanik des Vogelfluges S. 121. J. F. Bergmann, Wiesbaden 1889.","page":140},{"file":"p0141.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n141\n1.\tdieselben kreisen bei anscheinender Windstille, w\u00e4hrend sie nach jenen Anschauungen nur bei St\u00fcrmen kreise\u00fc k\u00f6nnten ;\n2.\tsie kreisen auch, ohne in der Richtung des Windes vertragen zu werden, was mit jenen Theorien unvereinbar ist;\n3.\tsie leisten Schwebearbeit auch ohne zu kreisen oder ihre H\u00f6he zu wechseln, indem sie l\u00e4ngere Zeit \u201eim Winde stehen\u201c.\nEs ist vielmehr mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass das Schweben auf demselben mechanischen Principe wie der gew\u00f6hnliche Flug beruht, n\u00e4mlich auf der \u00dcbertragung lebendiger Kraft durch die Muskelaction an die Luft, welche in Folge der Fl\u00fcgelbewegungen nach hinten und unten geschoben wird. Nur geschieht diese Verschiebung beim Schweben durch Fl\u00fcgelschl\u00e4ge von sehr grosser Frequenz und sehr geringer Elongation. Die Annahme eines solchen \u201eSehwirrens\u201c st\u00fctzt sich auf Folgendes:\n1.\tauf die Thatsaehe, dass das Problem des Fliegens in der Thierwelt allgemein nach zwei Typen gel\u00f6st ist, dem des gew\u00f6hnlichen Fl\u00fcgelschlages, wie ihn die Tagsebmetterlinge, und dem des \u201eSehwirrens\u201c, das die Nachtschmetterlinge (und viele andere Insecten) als normale Locomotionsbewegung zeigen;\n2.\tdie beiden Typen des Fluges finden sich auch in der Vogelwelt, indem die meisten dieser Thiere den gew\u00f6hnlichen Flug mit wenigen aber ausgiebigen Fl\u00fcgelbewegungen \u00fcben, w\u00e4hrend die \u201eSchwirrv\u00f6gel\u201c ihren Namen daher haben, dass ihre Fl\u00fcgelbewegungen von grosser Frequenz und geringer Elongation sind;\n3.\tdass ein Vogel zwischen den beiden Typen der Flugbewegung willk\u00fcrlich abwechseln kann, zeigt der R\u00fcttelfalke, wenn auch an ihm beim \u201eR\u00fctteln\u201c die Fl\u00fcgelbewegungen noch nicht den vollendeten Typus des \u201eSehwirrens\u201c angenommen haben, dieselben vielmehr mit freiem Auge noch zu sehen sind;\n4.\tman kann das Schwirren bei Raubv\u00f6geln und anderen V\u00f6geln, die zu schweben pflegen, direct sehen (in der Voliere). Sie nehmen dabei Stellungen ein, die vollkommen jenen beim Schweben gleichen, so dass vorauszusetzen ist, man habe es in solchen F\u00e4llen mit Schwebe-Uebungen zu thun, da die V\u00f6gel ja unter gleichen Umst\u00e4nden auch Uebungen im gew\u00f6hnlichen Fluge vornehmen;\n5.\tman kann das Schwirren bei schwebenden V\u00f6geln (im Freien) h\u00f6ren, indem sie durch einen \u201emusikalischen Klang\u201c ihre Ann\u00e4herung verrathen ;\nE. Pfl\u00fcger, Archiv f\u00fcr Physiologie. Bd. 114.\n10","page":141},{"file":"p0142.txt","language":"de","ocr_de":"142\tSigm. Exner: Ueber das \u201eSchweben\u201c der Raubv\u00f6gel.\n6.\tdass die Brustmuskeln der Raubv\u00f6gel (im Gegensatz zu vielen anderen Thieren) das Verm\u00f6gen besitzen, die Fl\u00fcgelknochen in Vibration bis \u00fcber 70 per Secunde zu versetzen, l\u00e4sst sich experimentell unmittelbar nachweisen, ebenso, dass ihr Centralnervensystem Impulse dieser Frequenz an die Nerven und Muskeln zu \u00fcbertragen vermag;\n7.\tin Folge des eigenth\u00fcmlichen Baues des Fl\u00fcgels und der einzelnen Schwungfedern bewirken, wie das Experiment erweist, die zitternden Bewegungen derselben bei passender Stellung einen so m\u00e4chtigen Luftstrom, dass derselbe rechnungsm\u00e4ssig als Ausdruck der erforderlichen Schwebearbeit betrachtet werden kann.\nIch weiss wohl, dass wir gl\u00fccklicher Weise in der Physiologie nicht gewohnt sind, mit derartigen \u201eIndicienbeweisen\u201c zu arbeiten, wie ich sie hier vorgef\u00fchrt habe, halte uns aber bei Vorhandensein von solchen f\u00fcr berechtigt, sie zur Bildung unserer Meinung heranzuziehen, zumal in dem vorliegenden Falle, wo es unabsehbar ist, wann und wie wir in die Lage kommen sollten, das physiologische Verhalten eines hoch in den L\u00fcften schwebenden Vogels genauer zu studiren.","page":142}],"identifier":"lit13148","issued":"1906","language":"de","pages":"109-142","startpages":"109","title":"\u00dcber das Schweben der Raubv\u00f6gel","type":"Journal Article","volume":"114"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:01:35.551449+00:00"}
