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{"created":"2022-01-31T13:51:26.825132+00:00","id":"lit15013","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 5-29. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0005.txt","language":"de","ocr_de":"I.\nDas Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe,\nVortrag, gehalten den 9. Januar 1867. (Mit Tafel 1 und 8 Holzschnitten.)\nGeehrte Versammlung!\nMan spricht in allen Sprachen von Menschen ohne Herz \u2014 und meint damit Menschen ohne Gern\u00fcth; dagegen sagt man von einem gemiithvollen Menschen, er habe Herz ; \u2014 ein gutes, ein schlechtes, ein hartes, ein weiches Herz u. s. w. ; solcher fig\u00fcrlichen Redensarten, in denen das Herz eine ethische Bedeutung bekommt , gibt es unz\u00e4hlige !\nDer Gegenstand, mit welchem ich Sie heute Abend genauer bekannt zu machen und in ernsterer Weise zu unterhalten bem\u00fcht sein werde, betrifft das menschliche Herz \u2014 und was mich dazu bestimmte, gerade diesen Gegenstand an diesem Orte zu besprechen, ist einfach der Wunsch, Ihnen die Antwort des Physiologen zu geben auf die naheliegende Frage : Wie kommt das Herz zu jener ethischen Bedeutung, welche ihm der Sprachgebrauch aller V\u00f6lker und Zeiten beilegt , da es seiner eigentlichen Natur nach doch nichts anderes ist, als ein zwar h\u00f6chst sinnreiches, im Grunde aber h\u00f6chst prosaisches Pumpwerk, welches das Blut in den Gef\u00e4ssr\u00f6hren des K\u00f6rpers in kreisender Bewegung umhertreibt; \u2014 ein Pumpwerk, bestehend aus rhythmisch sich zusammenziehenden sogenannten Fleisch- oder Muskelfasern und versehen mit beweglichen Klappen oder Ventilen, aus sehnigen H\u00e4utchen gewebt. \u2014\nWie kommt das Herz als ein grob materieller Fleischklumpen zu einer Beziehung zu den idealsten Regungen unsers Gemiithslebens ?\nDass \u00fcbrigens eine geheimnissvolle und innige materielle Bezie-","page":5},{"file":"p0006.txt","language":"de","ocr_de":"6\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nliung zwischen Herz und Gemtith existirt, welche der Sprachgebrauch nicht unberechtigt bis zur Identificirung der beiden Ausdr\u00fccke steigert \u2014 das ist eine Thatsache der t\u00e4glichen Erfahrung. Wer von uns h\u00e4tte sein Herz nicht st\u00e4rker und rascher pochen gef\u00fchlt hei einer frohen Nachricht, welche der elektrische Draht unverhofft brachte? \u2014 oder wenn freudiges Gelingen die M\u00fchen langer Arbeit lohnte, ungeduldige Erwartung den qu\u00e4lend langsamen Schritt der Zeit verw\u00fcnschen liess? Wer vonr'uns h\u00e4tte nicht empfunden, dass das Herz wiederum tr\u00e4ge, schwach und langsam schlug, wenn tiefe Entmuthigung oder Trauer die Stimmung unseres Gem\u00fcthes verd\u00fcsterte? Ja die meisten werden schon erfahren haben, dass das Herz momentan ganz Stillstehen konnte, wenn eine ersch\u00fctternde Kunde sie unerwartet \u2014 wie ein Blitz aus heiterem Himmel \u2014 traf, oder eine unmittelbare Gefahr mit all\u2019 ihren \u00fcberw\u00e4ltigenden Schrecken pl\u00f6tzlich an sie herantrat !\nIn der That, wem sollten entgangen sein die so verschiedenartigen Ver\u00e4nderungen der Herzth\u00e4tigkeit w\u00e4hrend der Momente enthusiastischer Begeisterung, zorniger Wallung, peinlicher Verlegenheit, sittlicher Entr\u00fcstung, angstvoller Erwartung, l\u00e4hmenden Schreckens,\n\u00fcberw\u00e4ltigender Freude----------? Doch wozu die Beispiele h\u00e4ufen,\nvielleicht hat sich eben jetzt, w\u00e4hrend ich davon spreche, in mancher Brust hier im Saale \u2014 infolge wach gerufener Erinnerungen und Gef\u00fchle die Energie und Zahl der Herzschl\u00e4ge ge\u00e4ndert ! \u2014\nKurz, in zartbesaiteten wie in derbem Naturen ist der Parallelismus der Gem\u00fcths- und Herzbewegungen ein so auffallender, dass es niemand wundernehmen kann, wenn der innige Zusammenhang beider Erscheinungen seit jeher die Aufmerksamkeit der Menschen gefesselt und zur fig\u00fcrlichen Vertauschung von Gemtith und Herz veranlasst hat.\nWelches sind nun aber die geheimnissvollen F\u00e4den jenes wunderbaren Zusammenhangs ? Welches sind die verborgenen Wege, die so direct vom Sitze des Gem\u00fcthslebens zum Herzen f\u00fchren \u2014 dem mechanischen Centrum des Blutkreislaufs?\nDurch welche Einrichtungen und Vorg\u00e4nge wird der offenkundige Parallelismus zweier so differenter Th\u00e4tigkeiten vermittelt?\nDiese Fragen nach dem gegenw\u00e4rtigen Standpunkt der Experimentalphysiologie zu beantworten ; eine Erkl\u00e4rung zu gehen, wie die Regungen des Gem\u00fcthes vermittelst des Nervensystems die Th\u00e4tigkeit des Herzens beeinflussen, dies eben soll den eigentlichen Gegenstand meines heutigen Vortrags ausmachen!\nZun\u00e4chst muss ich Sie jedoch eine Strecke Weges durch das wenig anmuthige Gebiet anatomisch-mechanischer Vorstellungen f\u00fchren, um","page":6},{"file":"p0007.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n7\nSie auf einen Standpunkt zu bringen, von dem aus sich uns ein lohnender Einblick in diese Seite des r\u00e4thselhaften Getriebes unseres seelisch-materiellen Doppelwesens er\u00f6ffnen wird !\nBeginnen wir mit der anatomischen Betrachtung der \u00e4ussern Gestalt und des innern Baues des menschlichen Herzens.\nDie Gestalt unseres Herzens hat eine nur sehr entfernte Aehnlichkeit mit jener des Coeur-As der Spielkarten\n\u2014\twie Sie unbedenklich zugeben werden, wenn Sie einen Blick auf diese Tafel (vgl. Fig. 1) werfen, welche in kolossalem Maassstabe ') ein menschliches Herz mit seinen grossen zu- und abf\u00fchrenden Gef\u00e4ssen von vorn gesehen darstellt \u2014 selbst wenn Sie von den letztem ganz abstrahiren wollen.\nEs ist eine stumpf kegelf\u00f6rmige, aus ungemein verwickelt angeordneten, sogenannten Muskelfasern gewebte Fleisch masse, welche durch eine L\u00e4ngsfurche in eine rechte [V,K] und in eine linke ( 1\", K') H\u00e4lfte und durch eine ringsum laufende Querfurche in einen obern ( V, V] und in einen untern (K, K') Abschnitt\n\u2014\talso in vier verschmolzene Theile getheilt wird.\nIm Innern schliesst das Herz eine H\u00f6hle ein, welche entsprechend der L\u00e4ngsfurche durch eine fleischige Scheidewand in zwei vollkommen getrennte H\u00e4lften zerf\u00e4llt, so dass wir mit Recht von einem rechten und von einem linken Herzen reden k\u00f6nnen ; \u2014 w\u00e4hrend entsprechend der Querfurche von der Innenfl\u00e4che der Wandungen jeder dieser Herzh\u00e4lften sehnige Lappen oder Zipfel entspringen, die durch Sehnenf\u00e4den nach unten befestigt sind, und \u2014 wenn sie sich gegeneinander legen, je einen obern d\u00fcnnwandigen und einen untern dickwandigen Raum abgrenzen.\nDer erstere heisst die Vorkammer oder der Vorhof, der letztere die Kammer oder der Ventrikel, und das ganze Herz besitzt somit vier R\u00e4ume \u2014 zwei Kammern und zwei Vorkammern.\nSehen wir uns diesen innern Bau in unserer bildlichen Darstellung an, nachdem wir durch einen ersten Schnitt die beiden Herzh\u00e4lften\nK\nFig. 1. Halbschematische Ansicht eines menschlichen Herzens von vorn. Etwa 1 Je nat\u00fcrliche Gr\u00f6sse.\nV die rechte, V die linke Vorkammer; K die rechte, K1 die linke Kammer; H die untere, H' die obere Hohlvene ; S, S' der linke und der rechte Ast der Lungenschlagader ; L, V rechte und linke Lungenvene; A die grosse K\u00f6rperschlagader oder Aorta mit ihrem Bogen und ihren zum Kopf und den obern Extremit\u00e4ten gehenden Aesten.\n1 Vgl. die Anmerkung auf S. 8.","page":7},{"file":"p0008.txt","language":"de","ocr_de":"8\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nFig. 2. Die \"beiden H\u00e4lften des Herzens.\nM die Durchschnittsfl\u00e4che der senkrechten Scheidewand des Herzens. Die Bedeutung der \u00fcbrigen Buchstaben wie in Fig. t.\nvon einander getrennt1) (vgl. Fig. 2) und durch einen zweiten, einen Fl\u00e4chenschnitt, jederseits die vordere Wand abgetragen haben, um das Herz und die grossen Gef\u00e4sse zu er\u00f6ffnen (vgl. Fig. 3).\nMit diesen vier Hohlr\u00e4u-A\tmen des Herzens stehen\n'*\tmehrere grosse Blutgef\u00e4ss-\nr\u00f6hren in Verbindung, welche, wie die verschiedene Dicke ihrer durchschnittenen Wandungen andeutet, von zweierlei Art sind.\nDie d\u00fcnnwandigen m\u00fcnden in die Vorkammern und f\u00fchren das Blut aus allen Theilen des K\u00f6rpers zum Herzen, sie heissen Venen oder Blutadern (H, H' und L, V).\nDie dickwandigen entspringen aus den Kammern, und durch\nsie treibt die Th\u00e4tigkeit des Herzens das Blut wieder heraus, welches letztere in ihren Verzweigungen zu allen K\u00f6rpertheilen gelangt ; sie heissen Arterien oder Schlagadern [S, S' und .1). An ihrem Ursprung finden sich taschenf\u00f6rmige Klappen, die sogenannten T a -s chenventile, welche, wenn sie durch das Blut aufgebl\u00e4ht und gegeneinander gepresst werden, die Arterien gegen die Kammern zu verschlies-\nFig. 3. Schematischer Durchschnitt der beiden Herzh\u00e4lften und ihrer zu- und abf\u00fchrenden Gef\u00e4ssst\u00e4mme.\nDie linke Kammer K' ist viel dickwandiger als die rechte K.\nEbenso sind die Wandungen der Arterien (S, S' und A) st\u00e4rker als die der Venen (Zf, Zf' und L, L}). Im Grunde der Kammern befinden sich warzenf\u00f6rmige Vorspr\u00fcnge der Fleischw\u00e4nde, von denen feine Sehnenf\u00e4den ausgehen, die sich an die R\u00e4nder und unteren Fl\u00e4chen der zwischen Kammer und Vorkammer befindlichen Zip fei kl app en ansetzen. An den Urspr\u00fcngen der\"Arterien sieht man die halbmondf\u00f6rmigen oder Taschenklappen.\nseu, in entgegengesetzter Richtung sich aber leicht \u00f6ffnen lassen. Wo die Vorkammern in die Kammern einm\u00fcnden, sind gleichfalls\n1 Bei der Vorlesung wurde ein eigens zu diesem Zwecke verfertigtes, zerlegbares Bildscliema des Herzens von kolossalen Dimensionen benutzt.","page":8},{"file":"p0009.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n9\nklappenartige Vorrichtungen angebracht, welche jedoch nicht taschenf\u00f6rmig sind, sondern dreieckige, segelartige sehnige Lappen oder Zipfel darstellen und deshalb Zipfel klapp en heissen. Sie sind nach unten durch feine Sehnenf\u00e4den, die von ihren R\u00e4ndern und von ihren untern Fl\u00e4chen ausgehen, an warzenf\u00f6rmig vorspringende muskul\u00f6se Zapfen der Kammerwand befestigt : werden sie von unten her durch das andringende Blut aufgebl\u00e4ht \u2014 wie Segel vom Winde \u2014 so legen sie sich aneinander und verscliliessen dem Blute den R\u00fcckweg in die Vorkammer , w\u00e4hrend sie dem Blutstrom aus der Vorkammer nach der Kammer hin kein Hinderniss entgegenstellen. Jede Kammer ist daher ein Raum, der nach zwei Seiten durch Klappen geschlossen werden kann.\nSetzen wir in unserm zerlegbaren Bildschema die abgeschnittenen Vorderw\u00e4nde wieder auf (vgl. Fig. 2), und schieben wir die beiden Herzh\u00e4lften zusammen, indem wir die Lungenarterie auf die Aorta bringen und ihren linken Ast (S) unter dem Aortenbogen durchstecken, so haben wir wieder das ganze Herz vor uns (vgl. Fig. 1), dessen innerer Bau Ihnen wol klar geworden sein wird !\nDie aus den Kammern hervortretenden Arterien ver\u00e4steln sich b\u00e4um f\u00f6rmig in immer feinere Aeste und l\u00f6sen sich endlich innerhalb der Organe in Netze von mikroskopisch feinen R\u00f6hrchen, \u2014 den sogenannten Haarr\u00f6hrchen oder Capil-largef\u00e4ssen auf. Aus diesen Capillar-gef\u00e4ssnetzen entstehen durch allm\u00e4hliche Verschmelzung immer st\u00e4rkere R\u00f6hrchen, die Venen, welche schliesslich in die Vorkammern m\u00fcnden.\nDie Blutgef\u00e4sse bilden also ein allseitig geschlossenes, vielfach verzweigtes, ringf\u00f6rmig in sich zur\u00fccklaufendes R\u00f6hrensystem, dessen Centrum das Herz ist.\nDen Zusammenhang der Abschnitte dieses Systems erkennen Sie aus dem Schema (Fig. 4).\nAus der linken Kammer entspringt die dickwandige arterielle R\u00f6hre a. ver\u00e4stelt sich baumf\u00f6rmig und l\u00f6st sich endlich in allen Th eilen des K\u00f6rpers K in ein Capillarnetz c auf. Aus diesem entspringen\nFig. 4. Schema des GS-e fass systems. H das Herz mit seinen Klappenvorrichtungen; a die Ver\u00e4stelung der grossen K\u00f6rperschlagader Aorta; c das Capillarnetz, in welches sich dieselbe in den Theilen des K\u00f6rpers K aufl\u00f6st; v die grossen K\u00f6rpervenen ; a' die Lungenschlagader, c' das Capillarnetz der Lunge L, v' die Lungenvene. Die Pfeile zeigen die Richtung des Blutstroms innerhalb des Gef\u00e4ssr\u00f6hreneirkels an.","page":9},{"file":"p0010.txt","language":"de","ocr_de":"10\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\ndie d\u00fcnnwandigen ven\u00f6sen R\u00f6hren v, welche in die rechte Vorkammer m\u00fcnden. Diese communicirt mit der rechten Kammer, ans welcher wieder ein dickwandiges arterielles Rohr a' entspringt, das sich baumf\u00f6rmig ver\u00e4stelt und in der Lunge L, und zwar au s s chli e s s -lieh in der Lunge, in das Capillarnetz <:' aufl\u00f6st, dessen mikroskopische R\u00f6hrchen wieder zu starkem d\u00fcnnwandigen ven\u00f6sen Gef\u00e4ssen v' verschmelzen, die als Lungenvenen direct in die linke Vorkammer und durch diese endlich in die linke Kammer f\u00fchren. Wir sind an unserm Ausgangspunkte wieder angelangt,, indem wir den ganzen R\u00f6hren-cirkel durchliefen. Sie sehen, dass derselbe aus zwei H\u00e4lften besteht. Die kleinere H\u00e4lfte desselben f\u00fchrt durch die Lunge L und verbindet die rechte Kammer mit der linken Vorkammer, die gr\u00f6ssere H\u00e4lfte umfasst den ganzen K\u00f6rper K und verbindet die linke Kammer mit der rechten Vorkammer. Da beiderseits Vorkammer und Kammer direct communiciren, so schliesst das Herz die kleine oder Lungenh\u00e4lfte mit der grossen oder K\u00f6rperh\u00e4lfte des Gef\u00e4sssystems zu einem einzigen und ganzen R\u00f6hrencirkel zusammen.\nAusgestattet mit der Kenntniss der Anatomie des Herzens und des Gef\u00e4sssystems, k\u00f6nnen wir nun zur physiologischen Betrachtung der Herzth\u00e4tigkeit und der mechanischen Leistung des Herzens als eines Pumpwerks \u00fcbergehen.\nDie Th\u00e4tigkeit des Herzens besteht in rhythmischen, d. h. nach bestimmtem Rhythmus abwechselnden Zusammenziehungen und Erschlaffungen der contractilen Fleischw\u00e4nde seiner vier Abschnitte. Den Zustand der Zusammenziehung nennt man Systole, den Zustand der Erschlaffung Diastole.\nW\u00e4hrend der Diastole (Erschlaffung) f\u00fcllen sich die Herzh\u00f6hlen mit Blut und werden erweitert und ausgedehnt; w\u00e4hrend der Systole hingegen verengern sie sich und entleeren das in ihnen enthaltene Blut.\nDie beiden Herzh\u00e4lften arbeiten genau synchronisch, d. h. die Vorkammern beider H\u00e4lften verfallen genau zur selben Zeit in Systole und dann in Diastole, ebenso die beiden Kammern ; dagegen arbeitet Vorkammer und Kammer derselben Seite ungleichzeitig.\nEs erfolgt n\u00e4mlich die Systole der Vorkammern w\u00e4hrend der Diastole der Kammern und umgekehrt ; auch dauert bei den Vorkammern die Diastole weit l\u00e4nger als die Systole, w\u00e4hrend bei den Kammern Systole und Diastole etwa die gleiche Dauer haben.\nDer Rhythmus der Herzbewegung wird dadurch ein complicirter, und man fasst ihn noch am leichtesten auf, wenn man sich zun\u00e4chst das ganze Herz, alle vier Abschnitte desselben, in Diastole \u2014 erschlafft denkt.","page":10},{"file":"p0011.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe. 1 1\nZuerst tritt die kurze Systole der beiden Vorkammern auf \u2014 dann folgt sofort die lange Systole der Kammern, w\u00e4hrend die Vorkammern bereits wieder erschlaffen und erschlafft bleiben; sodann geht auch die Systole der Kammern in Diastole \u00fcber und damit ist wieder das ganze Herz erschlafft und verharrt einige Momente in diesem Zustand, welchen man die Pause nennen kann, \u2014 bis wieder die Systole der Vorkammern die Reihe der Bewegungen beginnt, deren einmaliger Ablauf eineu sogenannten Herzschlag darstellt. Der Herzschlag zerf\u00e4llt also in drei Momente: 1. Moment, charakterisirt durch die Systole der Vorkammern; 2. Moment, charakterisirt durch die Systole der Kammern; 3. Moment, charakterisirt durch die diastolische Erschlaffung s\u00e4mmtlicher Herzabschnitte.\nDer erste Moment nimmt sich, musikalisch gesprochen, nur wie ein Auftakt oder Vorschlag aus zu dem zweiten Moment, w\u00e4hrend der dritte Moment, die Pause, sehr variable Zeitwerthe hat.\nAuf diese blos beschreibende Auseinandersetzung des Rhythmus der Herzbewegungen will ich mich jedoch nicht beschr\u00e4nken. Ich will Ihnen denselben vielmehr an einem blossgelegten lebendig schlagenden Thierherzen unmittelbar zur Anschauung bringen.\nErschrecken Sie nicht, meine verehrten Damen und Herren ! Es soll dabei keine jener Grausamkeiten Ihnen vor Augen gef\u00fchrt werden, welche man den Physiologen \u2014 freilich gedankenlos genug \u2014 so sehr zum Vorwurf macht. Ich sage gedankenlos, weil man im blinden Eifer der thierfreundlichen Entr\u00fcstung eben nicht daran denkt, einerseits, dass der Fortschritt der Wissenschaft und Kenntniss vom Leben ohne experimentelle Eingriffe in den lebenden Organismus absolut unm\u00f6glich ist ; andererseits aber, dass die Grausamkeiten unserer glorreichen Schlachtfelder und \u2014 unserer K\u00fcchen quantitativ wie qualitativ jene der physiologischen Laboratorien bei weitem \u00fcbertreffen.\nKann man aber in den Jubel der Via triumplialis mit Begeisterung einstimmen ; kann man sich dem Gen\u00fcsse einer leckem Sch\u00fcssel lebendig aufgebrochener Austern, lebendig gesottener Krebse, zu Tode gehetzten Wildes, einer Pastete aus Fettlebern gestopfter G\u00e4nse u. s. w. u. s. w. mit ruhigem Behagen hingeben \u2014 dann wird man sich doch wol auch ohne Gewissensbisse erlauben d\u00fcrfen, Experimente an lebenden Thieren zu machen und die hervorgerufenen Erscheinungen mit Gem\u00fcthsruhe und ungest\u00f6rter Aufmerksamkeit zu beobachten ! \u2014 Oder ist etwa die Befriedigung materieller leiblicher Gen\u00fcsse und ehrgeiziger staatlicher Machtforderungen gr\u00f6sserer, ja auch nur gleicher Opfer werth, als die Befriedigung eines der h\u00f6chsten und edelsten Bed\u00fcrfnisse des menschlichen Geistes \u2014 des wissenschaftlichen","page":11},{"file":"p0012.txt","language":"de","ocr_de":"12\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nF o r s c h u n g s t r i e b s ? \u2014 Der brutalen Thierqu\u00e4lerei wird kein Yer-nlinftigcr das Wort reden \u2014 das wissenschaftliche Experiment ist aber keine Thierqu\u00e4lerei. Und wenn wir hier auch nicht das jesuitische: \u00bbDer Zweck heiligt die Mittel\u00ab auf unsere Fahne schreiben wollen, so k\u00f6nnen wir immerhin behaupten, dass der Zweck die Verantwortung f\u00fcr das Mittel mit tragen m\u00fcsse. Doch genug !\nIch habe Ihnen ja gleich von vornherein die beruhigendsten Versicherungen \u00fcber die Natur meiner Demonstration gegeben, und wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich bei Beginn der Vorlesung einen Frosch durch meinen Assistenten enthaupten und auf diese Weise in ein besseres Jenseits bef\u00f6rdern liess, um ihm sein fortpulsirendes Herz herauszuschneiden, so wird diese Mittheilung Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit f\u00fcr den anzustellenden Versuch hoffentlich ebenso wenig beeintr\u00e4chtigen, als der Appetit und das heitere Gleichgewicht der Gem\u00fcthsstimmung einer Tischgesellschaft gest\u00f6rt wird, welcher man eine Sch\u00fcssel gebratener Tauben vorsetzt \u2014 trotzdem dass jeder Theilnehmer sehr gut weiss, wie vor wenigen Stunden diesen unschuldigen , gefiederten Gesch\u00f6pfen die H\u00e4lse umgedreht und die K\u00f6pfe grausam abgerissen wurden.\nIch kehre zu dem Herzen unseres auf dem Altar der Wissenschaft geopferten Frosches zur\u00fcck. Dasselbe hat wie gesagt, nicht aufgeh\u00f6rt zu pulsiren \u2014 ja es kann, gegen Trockniss und K\u00e4lte gesch\u00fctzt, noch Stunden lang fortfahren rhythmisch und kr\u00e4ftig zu schlagen, wie wenn es noch imgest\u00f6rt an seinem nat\u00fcrlichen Platze, im lebenden K\u00f6rper s\u00e4sse.\nEs eignet sich somit vortrefflich zur Demonstration des Rhythmus der Herzbewegung. Bei der Gr\u00f6sse dieser Versammlung w\u00fcrde der Versuch jedoch vergeblich sein, das winzige Object den einzelnen Theilnehmern herumzuzeigen. Um dennoch zum Ziele zu kommen und Sie alle zu Augenzeugen der rhythmischen Th\u00e4tigkeit des Herzens zu machen, werde ich eine kleine optische Vorrichtung benutzen, welche ich vor einigen Jahren f\u00fcr solche Gelegenheiten ersonnen und Kardioskop, d. h. Herz- oder Pulsspiegel genannt habe (vgl. Fig. 5).\nDer Pulsspiegel ist ein kleines, leichtes Spiegelchen von Glas oder Metall, welches durch den leisesten Anstoss um eine horizontale Axe hebelartig auf- und abbewegt werden kann und mit dem pulsirenden K\u00f6rper so in Ber\u00fchrung zu bringen ist, dass sich die Pulsationen des letztem auf dasselbe \u00fcbertragen. Indem nun die Spiegelfl\u00e4che mit grellem Lichte beleuchtet wird, entsteht durch Reflexion auf einer gegen\u00fcber liegenden Wand ein weithin sichtbares Lichtbild, welches","page":12},{"file":"p0013.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n13\ndie hebelf\u00f6rmigen Bewegungen des Spiegelchens und somit die Bewegungen des pulsirenden K\u00f6rpers genau und in vergr\u00f6\u00dfertem Maassstabe zur Anschauung bringt.\nIch werde also fur unsern Zweck zwei solcher Spiegelchen nehmen, das eine auf die Vorkammer, das andere auf die Kammer des schlagenden Froschherzens legen, sodann eine concentrirte Beleuchtung erzeugen und die entstandenen Lichtbilder vertical \u00fcbereinander auf jenen weissen Schirm werfen. Sie gestatten, dass ich f\u00fcr einige Augenblicke s\u00e4mmtliche Lichter im Saale ausl\u00f6schen lasse, um den Raum m\u00f6glichst zu verdunkeln.\nFig. 5. Das Kardioskop.\nMan erkennt das ausgeschnittene Froschherz auf der horizontalen Platte des verschiebbaren Tr\u00e4gers, Auf der Herzkammer (links) sowol als auf den Vorkammern (rechts) liegen kleine viereckige Korkpl\u00e4ttchen, in welche die Spitzen von Nadeln eingestochen sind, die in den horizontalen Axen festsitzen, welche die Spiegelchen (von . denen das eine nur durch punktirte Linien angedeutet ist) vermittelst kleiner, federnder Messingh\u00fclschen tragen.\nDie in der Finsterniss wie ein paar Mondscheiben leuchtenden, auf- und niederbewegten Lichtbilder werden den Rhythmus der Aufeinanderfolge von Systole und Diastole der Vorkammer und Kammer des winzigen Froschherzens Ihnen allen sichtbar wiedergeben (vgl. Fig. 6).\nSie sehen jetzt in der That zwei mondscheibenartige Lichtbilder auf jener Wandtafel, welche sich nach einem bestimmten Rhythmus auf- und niederbewegen. Jedes derselben geht von einem bestimmten Punkte, den es w\u00e4hrend der Ruhe einnimmt, nach unten und kehrt alsbald nach oben auf denselben Punkt zur\u00fcck. Das Heruntergeken bedeutet Systole, das Zur\u00fcckkehren nach oben Diastole des betreffenden Herzabsclmitts.","page":13},{"file":"p0014.txt","language":"de","ocr_de":"14\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nBemerken Sie, wie das obere, den Vorkammern entsprechende Lichtbild einen kurzem Weg macht, und l\u00e4ngere Zeit in Ruhe verharrt, als das untere Lichtbild, welches den Bewegungen der Kammer folgt. Bemerken Sie ferner, wie es das obere Lichtbild ist, welches nach\nFig. 6. Dient zur Erl\u00e4uterung der Demonstration des Rhythmus der Herzbeweguug vermittelst\ndes Kardioskops.\nBei B erkennt man eine der Laterna-magica \u00e4hnliche Beleuchtungsvorrichtung, hei C das Kardioskop \u2014 letzteres unverh\u00e4ltnissm\u00e4ssig gross, und im strengen Profil gezeichnet, um die Stellung der Spiegel-chenund der Nadeln, die Korkpl\u00e4ttchen auf den beiden Herzabschnitten, sowie den Gang der Lichtstrahlen deutlich sichtbar zu machen. Zur Vermehrung der Deutlichkeit sind \u00fcberdies punktirte und ausgezogene Linien verwendet worden , und zwar die erstem f\u00fcr die Lichtstrahlen , das Spiegelchen und die Nadel, welche mit der Kammer in Beziehung stehen , die letztem f\u00fcr die gleichnamigen Objecte, die auf die Vorkammer Bezug haben. Endlich wurde auch noch die Kammer im Moment der Systole gezeichnet, um \u00fcber die diastolisch-platten Vorkammern hinweg sichtbar zu werden.\nT ist eine mit weissem Papier \u00fcberzogene grosse Wandtafel, welche schr\u00e4g aufgeh\u00e4ngt, die mondscheibenartigen Lichtbilder in einer senkrechten Linie \u00fcbereinander auff\u00e4ngt. Das obere entspricht, wie sich leicht verfolgen l\u00e4sst, den Vorkammern, und nimmt augenblicklich seine h\u00f6chste Stellung \u2014 die Ruhestellung f\u00fcr die Diastole ein; w\u00e4hrend das untere der Kammer entspricht und seine tiefste Stellung \u2014 die Stellung f\u00fcr das Maximum der systolischen Contraction einnimmt. \u2014\njeder Ruhepause den Ablauf der Bewegungen von neuem beginnt und einleitet, und wie das untere Lichtbild sich erst dann zu bewegen anf\u00e4ngt, wenn das obere seinen Niedergang bereits vollendet hat und eben den R\u00fcckweg antritt. Ja, sieht es nicht fast aus, wie wenn das obere Lichtbild erst niederzucken m\u00fcsste, um das untere zu erreichen, anzustossen und in Bewegung zu setzen ?","page":14},{"file":"p0015.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des .Nervensystems auf dasselbe.\t15\nDurcli l\u00e4ngere Betrachtung dieses zierlichen Schauspiels wird es Ihnen leicht sein, den Rhythmus des Herzschlags vollst\u00e4ndig aufzufassen.1)\nIch lasse die Lichter im Saale wieder anz\u00fcnden \u2014 eine kleine St\u00f6rung, die leicht zu vermeiden gewesen w\u00e4re, wenn wir uns hier im Rosensaale bereits einer Gasbeleuchtung erfreuten ! \u2014\nNachdem ich Ihnen eben den Rhythmus der Herzth\u00e4tigkeit auseinandergesetzt und an einem ausgeschnittenen Froschherzen durch mein Kardioskop anschaulich gemacht habe, gehe ich jetzt zur Erl\u00e4uterung des Mechanismus des Herzens als eines Pumpwerkes \u00fcber, d. h. zur Erkl\u00e4rung der Art und Weise, wie das Herz durch die abwechselnden Zusammenziehungen und Erschlaffungen seiner vier Abschnitte und durch das Spiel seiner Klappen oder Ventile das Blut im Cfef\u00e4sssystem des K\u00f6rpers in einer kreisenden Bewegung von bestimmter Richtung umhertreibt.\nWerfen Sie nochmals einen Blick auf die Durchschnittszeichnung der beiden Herzh\u00e4lften (Fig. 3), und denken Sie sich, dass alle vier Abschnitte in Erschlaffung begriffen und vollst\u00e4ndig mit Blut gef\u00fcllt sind.\nNach dem auseinandergesetzten Rhythmus der Herzbewegung\n1 Um dem Leser eine Vorstellung von der beschriebenen Demonstration mit dem Kardioskop zu geben und ihn zugleich in den Stand zu setzen, sich den Rhythmus der Herzbewegung mit derselben Anschaulichkeit vorzuf\u00fchren, wie wenn er einer solchen Demonstration selbst beiwohnte, habe ich die Fig. 7 auf der Tafel 1 entworfen. Der Leser braucht n\u00e4mlich diese Tafel nur herauszunehmen, auf ein St\u00fcck Pappe aufziehen und die schwarze Scheibe sowie die weissen Spalten an ihrer Peripherie sauber ausschneiden zu lassen, dann eine lange dicke Stecknadel genau durch den Mittelpunkt der Scheibe in einen Kork zu stossen, um die Scheibe um eine horizontale Axe leicht drehbar zu machen, und endlich den Kork, in welchem die als Drehungsaxe dienende Nadel steckt, an einen Stiel zu befestigen, mit der linken Hand den Stiel zu halten , mit der andern die Scheibe nach rechts in Schwung zu versetzen und vom R\u00fccken der Scheibe her durch die Spalten am Rande in einen Spiegel zu blicken, in welchem sich die Zeichnung der schwarzen Scheibe mit ihren weissen Kreisfl\u00e4chen spiegelt (vgl. das Figiirchen neben der schrvarzen Scheibe); so wird er \u2014 wenn ihm derartige optische Vorrichtungen \u00fcberhaupt noch nicht bekannt sein sollten \u2014 mit Staunen gewahren, dass sich die weissen Kreisfl\u00e4chen innerhalb der viereckigen Felder lebhaft auf- und niederbewegen und zwar gen au in derselben Art und mit demselben Rhythmus wie die mondscheiben\u00e4hnlichen Lichtbilder der Herzspiegel-clien bei der durch Fig. 6 erl\u00e4uterten Demonstration. Die obern, mehr nach der Peripherie liegenden weissen Kreisfl\u00e4chen entsprechen dem Vorkammerlichtbilde, die untern dem Kammerlichtbilde auf der Wandtafel T in Fig. 6. Sie f\u00fchren genau dieselben Bewegungen aus wie jene Lichtbilder bei der wirklichen Demonstration, und k\u00f6nnen daher wie diese den Rhythmus der Herzbewegungen vollkommen anschaulich machen.","page":15},{"file":"p0016.txt","language":"de","ocr_de":"16\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\ntritt die kurze Zusammenziehung oder Systole der Vorh\u00f6fe zuerst auf, und zwar beginnt sie an den M\u00fcndungen der grossen Venenst\u00e4mme und pflanzt sich mit grosser Geschwindigkeit \u00fcber die ganze Vorkammer fort.\nDer gr\u00f6sste Theil des eingeschlossenen Blutes wird infolge dessen durch die klaffenden Zipfelklappen in die schon gef\u00fcllten Kammern hineingetrieben und muss dieselben pl\u00f6tzlich ausdehnen. Wie nun die kurze Zusammenziehung der Vorkammer nachl\u00e4sst, schliessen sich die Zipfelklappen sofort, indem das in die erschlaffende Vorkammer aus dem \u00fcberf\u00fcllten und gespannten Ventrikel infolge elastischen R\u00fcckschlags zur\u00fcckstrebende Blut die einzelnen Zipfel segelartig hervorw\u00f6lbt und gegeneinanderpresst. Ein Umschlagen der Zipfel nach oben verhindern die Sehnenf\u00e4den, die vom Rande und der untern Fl\u00e4che derselben nach unten zu den warzenf\u00f6rmig vorspringenden Muskel-Zapfen des Grundes der Kammern gehen. Das Blut versperrt sich auf diese Weise selbst den R\u00fcckweg und bleibt in der Kammer eingeschlossen.\nDies alles ist das Werk eines Augenblicks am Ende der Vorhofsystole, und wenn nun auf die Vorliofsystole, wie Sie sahen, sofort die Systole der Kammer erfolgt, so muss sie das in ihr eingeschlossene Blut durch die sich in dieser Richtung leicht \u00f6ffnenden Taschenventile in die Arterien hineintreiben, da kein anderer Weg offen steht, auf dem das gepresste Blut entweichen k\u00f6nnte, denn die geschlossenen Zipfelklappen schliessen nur um so sicherer und fester, je mehr der Druck von unten w\u00e4chst.\nNachdem sich die Kammer von Blut entleert hat, verf\u00e4llt sie in Erschlaffung. Das Blut w\u00fcrde nun sofort aus den \u00fcberf\u00fcllten Arterien in dieselbe zur\u00fcckstr\u00f6men, wenn nicht die Taschenventile der Arterienwurzeln durch das zur\u00fcckstrebende Blut selbst im Augenblicke entfaltet, aufgebl\u00e4ht, gegeneinandergepresst und geschlossen w\u00fcrden, wie vorhin die Zipfelklappen zwischen Vorhof und Ventrikel.\nDie erschlaffende Kammer kann sich also nur von der Vorhofseite her mit neuem Venenblute f\u00fcllen, denn die Zipfelklappen \u00f6ffnen sich in dieser Richtung widerstandslos, w\u00e4hrend die Taschenventile fest geschlossen bleiben.\nIn dem nun eintretenden Moment der Pause wird das in allen vier Abschnitten erschlaffte Herz wieder vollst\u00e4ndig mit Blut aus den Venen gef\u00fcllt und der folgende Herzschlag pumpt es neuerdings in die Arterien hinein \u2014 und so fort und fort, so dass durch den angegebenen Mechanismus der Herzpumpe dieVenen immerfort entleert, die Arterien immerfort gef\u00fcllt werden.","page":16},{"file":"p0016s0001table1.txt","language":"de","ocr_de":"Czermak, g es. Sehrifteiv H.Bd.\nTa f. /.\nVerlag r.Wtih Engel\u00e4S\u00e4\u00e4, Leipzig\nHlkpAnshv.J li.Baerl( Leipzig","page":0},{"file":"p0017.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n17\nDie Herzpumpe f\u00f6rdert nur in der Richtung you den Venen gegen die Arterien, nicht aber umgekehrt, weil die Ventile nur in der ersten Richtung sich \u00f6ffnen, in der letzteren aber, wie angegeben, absolut schliessen.\nSo also wirkt das Herz als Pumpwerk ! Wie kommt nun durch diese rhythmische Herzwirkung eine continuirliche Kreislaufbewegung des Blutes innerhalb des in sieh geschlossenen Gef\u00e4ssr\u00f6hrencirkels zu Stande1?\nEinfach so : Wir sahen, dass das Blut durch das schlagende Herz aus den Venen fort und fort in die Arterien hin\u00fcbergepumpt wird. Mit jedem Herzschlag steigt der Druck und die Spannung des Blutes in den sich \u00fcberf\u00fcllenden elastischen Arterien, wodurch, beil\u00e4ufig bemerkt, der sogenannte Puls entsteht, w\u00e4hrend Druck und Spannung in den sich entleerenden Venen f\u00e4llt.\nDa nun die Arterien mit den Venen durch die Capillarr\u00f6hrchen unmittelbar Zusammenh\u00e4ngen, so muss das Blut aus den Arterien durch die Capillaren hindurch in die Venen \u00fcberstr\u00f6men.\nWohin sonst k\u00f6nnte auch das in die Arterien eingepumpte Blut entweichen? Direct ins Herz zur\u00fcck kann es nicht, weil die Taschenventile an den Arterienwurzeln den Weg in dieser Richtung sperren, anderweitige Oeffnungen in den W\u00e4nden gibt es nicht \u2014 also muss das Blut gegen die Capillaren fliessen und durch die Capillaren in die Venen hineingepresst werden und in diesen wieder nach dem Herzen zur\u00fcckstr\u00f6men.\nIndem nun die Spannung und Ueberf\u00fcllung der Arterien eine solche H\u00f6he erreicht, dass eine genau gleiche Blutmenge continuirlich aus den Arterien durch die Capillaren in die Venen Uberstr\u00f6men muss, als das pumpende Herz rhythmisch aus diesen letzteren in die Arterien hin\u00fcbertreibt \u2014 so wird Ihnen ohne Zweifel klar sein, wie sich auf diese Weise durch die rhythmische Herzth\u00e4tigkeit eine das ganze Leben hindurch dauernde Circulation des Blutes von der angegebenen Str\u00f6mungsrichtung innerhalb des Gef\u00e4ssr\u00f6hrencirkels herstellt ! \u2014\nWerfen wir jetzt nochmals einen Blick auf das Schema der Ge-f\u00e4ssr\u00f6hrencirkel (vgl. Fig. 4), um den Kreislauf und die augenf\u00e4lligen Ver\u00e4nderungen des str\u00f6menden Blutes innerhalb des Gef\u00e4sssystems im Zusammenh\u00e4nge zu verfolgen, so ergibt sich Folgendes :\nDas Blut str\u00f6mt vom linken Ventrikel durch die Arterien (\u00bb) nach den Capillaren (c) aller K\u00f6rpertheile (Aj, in denen es Sauerstoff abgibt, Kohlens\u00e4ure aufnimmt und seine hellrothe Farbe verliert; dann str\u00f6mt es aus diesen K\u00f6rpercapillaren durch die Venen (u) in den rechten Vorhof, aus dem rechten Vorhof in die rechte Kammer (wie\nCzermak, Schriften. II.\t2","page":17},{"file":"p0018.txt","language":"de","ocr_de":"18\nPopul\u00e4re pbjrsiologische Vortr\u00e4ge.\nder krumme Pfeil anzeigt), aus der reckten Kammer durcli die Lungenarterien (a\u2019) in die Capillaren (c') tier Lunge {.\u00a3), in denen es wieder Sauerstoff aus der Luft aufnimmt, Koklens\u00e4ure und Wasser dampf abgibt und wieder kellrotk wird, und gelangt durck die Lungenvenen (v'j in den linken Vorkof, um endlick wieder in die linke Kammer zur\u00fcckzukommen und den angegebenen Kreislauf (in der Ricktung der Pfeile) neuerdings zu beginnen und (solange die Herztk\u00e4tigkeit andauert) continuirlick fortzusetzen.\nDer er\u00f6rterte Kreislauf bestekt aus zwei Abscknitten : dem sogenannten grossen oder K\u00f6rperkreislauf und dem kleinen oder Lungenkreislauf. Die Arterien des grossen Kreislaufs (a) fttkren liell-rotkeS j sogenanntes arterielles Blut, die Venen [v] dagegen dunkles oder ven\u00f6ses Blut \u2014 umgekekrt im kleinen Kreislauf ; die Arterien (\u00ab') fttkren da dunkles oder ven\u00f6ses, die Venen (v\u2019) kingegen kelles arterielles Blut.\nIn Fig. 4 sind die Abschnitte des Gef\u00e4sssystems, welclie dunkles Blut fttkren, durcli eine leickte Sckattirung ausgezeicknet. Der Begriff Arterie und Vene wird nickt durck die F\u00e4rbung des Blutes bestimmt, das sie fttkren, sondern durck die Ricktung, in welcker sie es fttkren. Arterien sind solcke Gef\u00e4sse, die das Blut vom Herzen weg nack der Peripherie fttkren; Venen kingegen solcke, in denen Blut zum Herzen zur\u00fcckkommt.\n\u00fcm Ihnen endlich noch beil\u00e4ufig den Sinn und die Bedeutung der ganzen Einrichtungen und Erscheinungen des Blutkreislaufs verst\u00e4ndlich zu macken, muss ick Sie daran erinnern, was schon Mephisto sagt, als er vom widerstrebenden Faust die Unterschrift des Pactes mit einem Tr\u00f6pfchen Blut verlangt: \u00bbBlut ist ein ganz besonderer Saft!\u00ab In der That, Blut ist auch ein ganz besonderer Saft von h\u00f6chster physiologischer Bedeutung \u2014 denn das Blut stellt, physiologisch betrachtet, die grosse Vorrathskammer von Kraft und Stoff dar, in welche alle Einnahmen an Ern\u00e4krungs- und Brennmaterial durck die Verdauungs- und Atkmungswerkzeuge fliessen, und aus welcher auch wiederum alle Ausgaben zur Erkaltung der Structur und der Lebenstli\u00e4tigkeiten der einzelnen Organe, und somit des ganzen Organismus bestritten werden. Ohne den Wechsel und die Erneuerung de\u00e4:Blutes kann das Leben nickt bestehen \u2014 ja, wird der Zufluss von hellrothem, lebenskr\u00e4ftigem Blut einem einzelnen Organe abgeschnitten, so stellt es seine Tk\u00e4tigkeit ein und stirbt bei lebendigem Leibe ab \u2014 denn jedes Organ sch\u00f6pft nur aus dem durck seine Capillargef\u00e4sse str\u00f6menden Blute die materiellen Bedingungen seiner Erhaltung und Kraftentwickelung und gibt an","page":18},{"file":"p0019.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n19\ndasselbe dagegen die Zersetzungsproducte und R\u00fcckst\u00e4nde seines Verbrauchs ab.\nDeshalb also muss das Blut circuliren, wenn es nicht alsbald ersch\u00f6pft und unbrauchbar werden soll, sondern wenn es im Gegen-theile sich in seiner normalen lebenskr\u00e4ftigen Zusammensetzung behaupten und dem ganzen Organismus auf die Dauer das Leben erhalten soll.\nDeshalb haben auch die speciellen Circulationsverh\u00e4ltnisse des Blutes in den einzelnen Organen und die dieselben beherrschenden Herzbewegungen und Gef\u00e4ss Verengerungen und Gef\u00e4sserweiterungen eine so hohe Bedeutung f\u00fcr alle Lebensth\u00e4tigkeiten, m\u00f6gen sie nun blos materieller oder zugleich auch h\u00f6herer, geistiger Natur sein.\nAuf diese wenigen Andeutungen muss ich mich f\u00fcr jetzt beschr\u00e4nken ; jedenfalls werden dieselben gen\u00fcgen, um Sie den weiten Abstand der unmittelbaren, mechanischen Wirkungssph\u00e4re des Herzens von \u2014 und zugleich die, wenn auch entfernte Beziehung derselben z u dem Erscheinungskreise des Gemtitkslebens \u2014 mit dem es nichtsdestoweniger in so wunderbar innigem Zusammenh\u00e4nge steht \u2014 ermessen zu lassen.\nVielleicht ist es mir bei einer andern Gelegenheit verg\u00f6nnt, Ihnen das reiche Bild der vegetativen Lebensvorg\u00e4nge, welches icli hier kaum im fl\u00fcchtigsten Umriss skizziren konnte, im Detail auszumalen ! \u2014 F\u00fcr heute habe ich jedoch eine andere Aufgabe zu l\u00f6sen !\nAlles was ich bisher behandelt, waren Mittheilungen, welche nur zum Verst\u00e4ndniss des eigentlichen Hauptthemas meines Vortrags f\u00fchren sollten \u2014 zum Verst\u00e4ndniss der physiologischen Erkl\u00e4rung jenes oft erw\u00e4hnten Zusammenhangs zwischen den Regungen des Gemttths und der Th\u00e4tigkeit des Herzens.\nLassen Sie uns hier einen Moment Stillstehen und einen raschen Blick auf das bisher Dargelegte zur\u00fcckwerfen !\nZuerst haben wir die \u00e4ussere Gestalt und den innern Bau des Herzens betrachtet; sodann haben wir die rhythmische Th\u00e4tigkeit und den Mechanismus der Herz pumpe er\u00f6rtert: und endlich haben wir die hierdurch hervorgebrachte Kreislaufsbewegung des Blutes innerhalb des grossen und kleinen Gef\u00e4ssr\u00f6hrencirkels kennen gelernt und ihre Beziehung zur Erhaltung aller Lebens\u00e4usserungen ber\u00fchrt.\nJetzt \u2014 nachdem Sie mit dem Wesen und der functioneilen Bedeutung der Bewegungen des Herzens n\u00e4her vertraut sind \u2014 jetzt kann ich zur Auseinandersetzung des Einflusses schreiten, welchen das Nervensystem auf das Herz aus\u00fcbt, \u2014 woraus sich dann von selbst\n2*","page":19},{"file":"p0020.txt","language":"de","ocr_de":"20\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nergeben wird, wie und auf welche Weise die Regungen des Gemttths, eben vermittelst des Nervensystems, den Herzschlag zu ver\u00e4ndern im Stande sind !\nIndem ich diese letzte Auseinandersetzung beginne, muss ich Ihnen zun\u00e4chst erkl\u00e4ren, wie es \u00fcberhaupt zu den rhythmischen Zusammenziehungen und Erschlaffungen der Herzabschnitte kommt.\nDas Herz enth\u00e4lt die Bedingungen seiner rhythmischen Th\u00e4tig-keit in sich selbst \u2014 denn nicht nur beim Frosche, wie Sie selbst vorhin sahen, \u2014 und noch jetzt an den Bewegungen der durch die Beleuchtung im Saale verblassten mondscheibenartigen Lichtbilder des fortarbeitenden Kardioskops wahrnehmen k\u00f6nnen \u2014 sondern auch bei den h\u00f6heren Wirbelthieren, ja \u2014 wie Versuche an eben Enthaupteten lehren, sogar beim Mensch en. f\u00e4hrt das aus dem K\u00f6rper ganz herausgeschnittene Herz einige Zeit fort regelm\u00e4ssig rhythmisch zu schlagen.\nDie Anregung und Triebkraft zu seiner rhythmischen Th\u00e4tigkeit empf\u00e4ngt das Herz n\u00e4mlich unmittelbar von einem besondern Nerven system, welches im Herzen selbst eingebettet ist \u2014 und aus zerstreuten H\u00e4ufchen von mikroskopisch kleinen sogenannten G-anglienbl\u00e4schen oder Nervenzellen besteht, aus denen zahlreiche Nervenf\u00e4dchen entspringen, deren feinste Ausl\u00e4ufer in die Fleischoder Muskelfasern des Herzens eindringen und daselbst ihr Ende finden. In den Ganglien- oder Nervenzellen entstehen durch die ununterbrochenen Ern\u00e4hrungsvorg\u00e4nge jene der Nervensubstanz eigen-th\u00fcmlichen E r r e g u n g s z u s t \u00e4n d e, welche sich als motorische oder Bewegungsimpulse -\u2014 wie elektrische Depeschen im telegraphischen Leitungsdraht \u2014 innerhalb der Nervenf\u00e4dchen bis in die Herzmuskelfasern hinein fortpflanzen und die letztem zur Zusammenziehung veranlassen !\nDiese motorischen Impirlse und die von ihnen veranlassten Zusammenziehungen der Herz Wandungen erfolgen aber deshalb rhythmisch unterbrochen durch Momente der Ruhe und Erschlaffung \u2014 weil die in den Nervenzellen entstehenden Erregungszust\u00e4nde auf Widerst\u00e4nde stossen und sich daher erst nach Ueberwindung dieser Widerst\u00e4nde \u2014 also rhythmisch unterbrochen \u2014 fortpflanzen und auf die Muskelfasern \u00fcbertragen k\u00f6nnen.\nW\u00e4ren innerhalb des Herznervensystems keine Einrichtungen zur Entstehung solcher Widerst\u00e4nde vorhanden, so k\u00f6nnte es auch begreiflich keinen rhythmischen Wechsel von Zusammenziehung und Erschlaffung, von Systole und Diastole geben, weil die Herzwandungen infolge des ununterbrochenen Nervenreizes fortw\u00e4hrend zusammen-","page":20},{"file":"p0021.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\t21\ngezogen bleiben w\u00fcrden, oder wir m\u00fcssten, a u f j e d e Erkl\u00e4rung im voraus verzichtend, annehmen, dass die Entstehung des Nervenreizes nun einmal eine rhythmisch unterbrochene sei !\nDie Rhythmik des Herzens findet also ihre einfache und vollst\u00e4ndige Erkl\u00e4rung in der Voraussetzung von Widerstandseinrichtungen im Herznervensystem.\nFig. 8. Mechanisches Schema zur Erl\u00e4uterung der Inueivation aes Herzens.\nB Wasserreservoir mit Deckel (d), getragen von dem Holzgestell B, F, F1, F\". An der Abflussrohre a, deren M\u00fcndung bei o ist, befindet sich der Haupt* oder Sperrhahn H. Bei h ist ein zweiter oder Kegu-lationshahn, der mit einem Zeiger z auf der im Profil gezeichneten Kreisemtheilung streift; er dient zur Vergr\u00f6sserung und Verkleinerung der Abfluss\u00f6ffnung o. S ein nm die horizontale Axe frei beweglicnes, durch eine verticale Scheidewand in zwei F\u00e4cher getheiltes Gef\u00e4ss oder Schiffchen. Das Lager (i) der horizontalen Axe ist am Ende des Stahlprismas p, p' aufgeschraubt, i\u00bb eine aut demselben Prisma, durch die Schraube s h\u00f6her und tiefer einstellbare Messingh\u00fclse, welche eine Metallgabel tragt, deren horizontale Arme o, o' zur Unterst\u00fctzung des Schiffchens S dienen, wenn es nach rechts oder links umkippt. (Siehe die punktirten und die ausgezogenen Umrisse von S.) B' Ahflussreservoir, dessen ftohre \u00ab' das Brett B' des Gestells durchbohrt ; ff Glascylinder zum Auffaugen des abfliessenden V assers.\nUm Ihnen das Gesagte anschaulich zu machen und zu zeigen, wie eine ununterbrochene Triebkraft durch Einschaltung und Ueber-windung von Widerst\u00e4nden in einzelne rhythmische Impulse zerlegt wird, erlaube ich mir Ihnen ein mechanisches Schema vor Augen zu stellen, welches ich vor einigen Jahren als ein didaktisches H\u00fclfsmittel","page":21},{"file":"p0022.txt","language":"de","ocr_de":"22\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nzur Erl\u00e4uterung der Innervation des Herzens eingerichtet und beschrieben habe (Fig. 8).\nWir werden es im weitern Verlaufe unserer Unterhaltung noch \u00f6fter benutzen. Sie sehen hier auf einem Holzgestelle B, F, F1 F2 ein Wasserreservoir (R) mit dem Deckel [d).\nWenn ich den Hauptbahn desselben (//) \u00f6ffne \u2014 so str\u00f6mt das Wasser ununterbrochen in den Glascylinder. Schalte ich jedoch einen Widerstand ein in Form eines zweif\u00e4cherigen um eine horizontale Axe beweglichen Gef\u00e4sses oder Schiffchens (S), so sehen Sie, wie das Wasser sofort rhythmisch unterbrochen i n einzelnen Pul sen ab flies st \u2014 indem sich das Wasser so lange in dem einen Fache des schr\u00e4g gestellten Schiffchens anh\u00e4ufen muss, bis es den Widerstand desselben \u00fcberwindet und das Ganze zum Umkippen bringt, worauf dasselbe Spiel am zweiten Fache beginnt und das Schiffchen rhythmisch hin-und hergeworfen wird.\nHier haben Sie ein anschauliches Bild, in welcher Weise das Herznervensystem mit seinen Widerstandseinrichtungen die rhythmischen Herzbewegungen zu Stande bringen k\u00f6nnte, \u2014 denn unsere Maschine arbeitet ganz \u00e4hnlich rhythmisch wie das Herz \u2014 so verschieden auch sonst die beiden Apparate sind.\nDie ununterbrochene Triebkraft in der Maschine ist das aus dem Reservoir fallende Wasser \u2014 im Herznervensystem ist die Triebkraft die in den Ganglien continuirlich entstehende Nervenerregung.\nBeide Triebkr\u00e4fte stossen im weitern Verlaufe auf Widerst\u00e4nde und k\u00f6nnen sich (da sie diese erst \u00fcberwinden m\u00fcssen, um wirksam zu werden) nur rhythmisch unterbrochen \u00e4ussern \u2014 am Herzen durch den Wechsel von Systole und Diastole \u2014 an der Maschine durch das pendelartige, durch Ruhemomente unterbrochene Umkippen des Schiffchens (S;.\nDas eben betrachtete, dem Herzen eigenthumliche Nervensystem mit seinen Widerstandsvorrichtungen \u2014 durch dessen automatische, d. h. selbstst\u00e4ndige Th\u00e4tigkeit die rhythmischen Bewegungen des Herzens nach Zahl und Energie veranlasst und unmittelbar beherrscht werden; besitzt jedoch keine absolute anatomische und physiologische Selbstst\u00e4ndigkeit ! Es h\u00e4ngt vielmehr durch zwei functioneil verschiedene Nervenfaserz\u00fcge mit dem Gehirn zusammen und wird auf diesen beiden Wegen von den Zust\u00e4nden des Gehirns in seiner Th\u00e4tigkeit \u2014 (von der wie gesagt die Zahl und Energie der Herzschl\u00e4ge unmittelbar abh\u00e4ngt) \u2014 beeinflusst.\nEs entspringen n\u00e4mlich von zwei differenten Gegenden im Innern des Gehirns zwei besondere Nervenfaserz\u00fcge, welche zum Herzen","page":22},{"file":"p0023.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n23\nund den Blutgef\u00e4ssen hinabsteigen und (daselbst ibr Ende findend) verschiedene Wirkungen auf die Th\u00e4tigkeit des Herznervensystems und somit auf den Herzschlag selbst aus\u00fcben.\nDie neuere Experimentalphysiologie, welche sich die Aufgabe stellt die normalen Lebensvorg\u00e4nge zu ermitteln und aus den erkannten materiellen Bedingungen mit Nothwendigkeit herzuleiten \u2014 d. h. zu erkl\u00e4ren \u2014 bat hier\u00fcber folgende wichtige Thatsachen sichergestellt.\na)\tDer eine dieser Nervenfaserz\u00fcge, welcher vom Gehirn durch das B\u00fcckenmark und weiterhin zum Theil durch die Bahnen des sogenannten sympathischen Nervensystems an seinen Bestimmungsort gelangt \u2014 enth\u00e4lt Nerven, die (wenn sie gereizt werden) die Th\u00e4tigkeit des Herznervensystems erh\u00f6hen, indem sie die in den Ganglien entstehenden Triebkr\u00e4fte und Beizungszust\u00e4nde mittelbar oder unmittelbar vermehren. Die Energie'der Herzarbeit w\u00e4chst infolge dessen. Der Entdecker jenes Theiles dieser Nerven, welche die Frequenz der Herzschl\u00e4ge unmittelbar erh\u00f6hen. mein Vorg\u00e4nger im Amte, Professor von Bezold, hat dieselben deshalb die excitirenden Nerven genannt. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass jener andere Theil dieser Nerven, welcher die Herzth\u00e4tigkeit nur mittelbar oder indirect vermehrt, die schon l\u00e4ngst bekannten Gef\u00e4ss-nerven sind, welche gar nicht ins Herz selbst gelangen, sondern in den contractilen Wandungen der Gef\u00e4sse ihre Verbreitungsgebiete haben. Aber, indem sie die Gef\u00e4sswandungen zur Zusammenziehung veranlassen und hierdurch eine m\u00e4chtige Steigerung des Blutdrucks bewirken, vermehren sie ebenfalls \u2014 wenn auch nur indirect \u2014 die Energie der Herzth\u00e4tigkeit.\nEs w\u00fcrde mich zu weit f\u00fchren, wollte ich Ihnen genauen Bericht \u00fcber die Fortschritte abstatten, welche seit den bahnbrechenden Untersuchungen von Bezold\u2019s auf diesem Gebiete der Experimentalphysiologie gemacht worden sind. F\u00fcr unseren Zweck gen\u00fcgt es zu wissen, dass es Nerven gibt, deren Bahnen man kennt, welche das Herz excitiren, gleichg\u00fcltig oh sie dies mittelbar, wie die Gef\u00e4ssnerven, oder unmittelbar, wie die von Bezold\u2019scIlen Nerven thun.\nb)\tDer zweite der beiden die Th\u00e4tigkeit des Herznervensystems beeinflussenden Nervenfaserz\u00fcge, welcher auch vom Gehirn entspringend, direct in der Bahn des sogenannten herumschweifenden Nerven oder Nervus vagus an beiden Seiten des Halses zum Herzen hinabsteigt, f\u00fchrt hingegen Nerven, deren Beizung die Herzth\u00e4tigkeit hemmen, indem sie die Widerstandseinrichtungen des Herznerven-systems verst\u00e4rken, so dass sich die Pausen zwischen den Herz-","page":23},{"file":"p0024.txt","language":"de","ocr_de":"24\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nschlagen vergr\u00f6ssern und das Herz sogar l\u00e4ngere Zeit in Erschlaffung stillsteht.\nMan hat sie die hemmenden oder regulirenden Nerven genannt: sie wurden vor Decennien von den Gebr\u00fcdern Weber in Leipzig entdeckt.\nUm Ihnen die erw\u00e4hnten Wirkungen der excitirenden sowol als der regulirenden oder hemmenden Nerven recht anschaulich zu machen, greife ich wieder zu unserer Maschine (Fig. 8), welche, wie wir sahen, nach demselben mechanischen Princip arbeitet wie das Herznervensystem. \u2014 An ihr m\u00fcssen sich daher auch die excitirenden und die hemmenden Wirkungen demonstriren lassen. Die erste re n dadurch, dass wir die Triebkraft vergr\u00f6ssern \u2014 indem wir den Regulationshahn pf des Wasserreservoirs (R) weiter aufdrehen. Ich setze die Maschine in Gang, indem ich den Haupthahn (H) \u00f6ffne. Nun drehe ich den zweiten Hahn {h) um einige Grade weiter auf. Sie sehen, die Zahl und Energie der Pulsationen des Schiffchens [S) vermehrt sich sofort. H\u00f6rt die Reizung der excitirenden Nerven auf, so stellt sich die fr\u00fchere Schlagfolge wieder her. An unserm Schema geschieht dasselbe, wenn ich dem Hahn (h) durch Zur\u00fcckdrehen seine fr\u00fchere Stellung wiedergebe. Die letzteren, die hemmenden Wirkungen hingegen imitiren wir durch Vergr\u00f6sserung des Widerstandes \u2014 also dadurch, dass wir das Umkippen des Schiffchens erschweren, indem wir es schr\u00e4ger stellen. Dazu dient die Schraube (s), welche die Gabel (g, g') an dem Prisma (p, p') verstellt. Ich schraube die Gabel tiefer herunter und, Sie sehen, die Pausen zwischen zwei Umkippungen des Schiffchens S vergr\u00f6ssern sich sehr merklich, weil sich nun eine gr\u00f6ssere Menge Wasser ansammeln muss, um das Schiffchen zum Umkippen bringen zu k\u00f6nnen \u2014 ja, wenn ich die Gabel pl\u00f6tzlich eine gr\u00f6ssere Strecke hinunterschraube, so bleibt das Schiffchen l\u00e4ngere Zeit ganz bewegungslos \u2014 (Stillstand des Herzens in Diastole).\nZum Herznervensystem, welches die Herzbewegungen unmittelbar beherrscht, zur\u00fcckkehrend, darf ich wol sagen, dass Ihnen nun die entgegengesetzte Wirkung der hemmenden und der excitirenden Nerven auf dasselbe anschaulich geworden sein wird.\nDurch die von den Gehirnzust\u00e4nden abh\u00e4ngige \u00e4usserst mannich-fach abgestufte Gegenwirkung, d. h. durch die Steigerung oder Schw\u00e4chung des einen oder des anderen, oder beider dieser Einfl\u00fcsse wird thats\u00e4chlich in jedem Momente des Lebens die Th\u00e4tigkeit des Herznervensystems bestimmt und von dieser h\u00e4ngt dann unmittelbar die H\u00e4ufigkeit und St\u00e4rke der Herzschl\u00e4ge in ihrer unendlichen Mannichfaltigkeit ab !","page":24},{"file":"p0025.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n25\nEs kommen liier im Allgemeinen die folgenden vier F\u00e4lle in Betracht.\n1)\tIst der erregende Einfluss des Gehirns auf die excitirenden Nerven sowol als auf die hemmenden ein sehr geringer oder gleich Null, so arbeitet das Herz energielos, die Pulse sind verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig selten und schwach.\n2)\tSteigt einseitig der excitirende Einfluss, so nimmt die Zahl der Herzschl\u00e4ge immer mehr zu, ohne dass die Energie der Schl\u00e4ge entsprechend vermehrt w\u00fcrde. Der Herzschlag ist h\u00e4ufig, aber schwach.\n3)\tUeberwiegt pl\u00f6tzlich die Wirkung der hemmenden Nerven, so bleibt das Herz k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit in Erschlaffung ganz Stillstehen, oder schl\u00e4gt nur in l\u00e4ngeren Pausen fort ; die Energie der einzelnen Schl\u00e4ge ist aber vermehrt. Der Herzschlag wird also selten, aber stark sein.\nEndlich 4) steigert sich die Reizung in beiden Nervenbahnen zugleich, so kommt es zu jener st\u00fcrmischen Herzaction, welche so viele unserer heftigen und leidenschaftlichen Gem\u00fcthsaffecte begleitet. Das Herz pocht stark und zugleich sehr frequent. So also beherrscht das Gehirn vermittelst jener beiden Nervenbahnen den Herzschlag. \u2014\nWerden diese Bahnen durchschnitten, so ist das verkn\u00fcpfende Band zerrissen \u2014 der Einfluss des Gehirns auf das Herz ist damit vernichtet! Beweis genug, dass es keinen andern, etwa gar mysteri\u00f6sen Zusammenhang vermittelst der ber\u00fcchtigten sogenannten Lebenskraft zwischen Hirn und Herz gibt.\nIch k\u00f6nnte Ihnen begreiflicherweise alle diese vier m\u00f6glichen F\u00e4lle an dem mechanischen Schema durch entsprechende Handhabung des Regulationshahns [h) und der Widerstandsschraube (s) anschaulich vorf\u00fchren. Ich k\u00f6nnte auf mechanisch ganz analoge Einfl\u00fcsse und ganz so, wie wir am Herzen beobachten, seltene und schwache, h\u00e4ufige und schwache, seltene, aber s ff a r\u2019k e und endlich h\u00e4ufige und starke Pulsationen des Schiffchens in allm\u00e4hlichem oder pl\u00f6tzlichem, regelm\u00e4ssigem und unregelm\u00e4ssigem Wechsel hervorbringen; \u2014 allein hierauf verzichte ich und will Ihnen lieber den dritten Fall \u2014 die hemmende Wirkung der pl\u00f6tzlichen Reizung der in der Yagusbahn verlaufenden Nerven am lebenden Menschen \u2014 an mir selbst durch ein Experiment unmittelbar zeigen !\nIch habe n\u00e4mlich die Entdeckung gemacht, dass mein rechter Nervus vagus, durch eine Eigenth\u00fcmlichkeit seiner Lagerungsverh\u00e4ltnisse und Umgebung am Halse \u2014 an einer bestimmten Stelle dem","page":25},{"file":"p0026.txt","language":"de","ocr_de":"Fig. 9. Vorrichtung zur elektromagnetischen Markirung der Pulsschl\u00e4ge durch Glockensignale.\n26\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nL der elektromagnetische L\u00e4utapparat, e der Elektromagnet, der den Anker a des Hebels /' so lange anzieht, als der aus der Batterie B stammende elektrische Strom in den Leitungsdr\u00e4hten d dl, d- kreist. Im Moment der Unterbrechung des Stromes f\u00e4llt der Hebel/' und wippt (wie die punktirte Linie zeigt) mit seinem Kugelende nach der Glocke g, welche ein lautes Tonsignal gibt. R, P1, R2 und R3 ist ein vierseitiger Messingrahmen ; der Schenkel Rz ist in seiner vorderen H\u00e4lfte wie abgebrochen gezeichnet, damit er die dahinter liegenden Theile des Apparats nicht verdecke ; man wird ihn leicht in Gedanken erg\u00e4nzen. Der vierseitige Mes sin grahmen ist durch zwei bewegliche, mit Leder gef\u00fctterte Blechschienen, von denen nat\u00fcrlich nur die rechte, A, zu sehen ist, auf dem Vorderarm fixirt, indem jede Schiene drei H\u00e4kchen hat, um welche in 8ter-touren ein festes Seidenband gef\u00fchrt ist, dessen Ende zwischen den Fingern der Hand herabh\u00e4ngt. Auf dem Schenkel R3 des Messingrahmens ist eine elastische Stahlfeder F, F' aufgeschraubt, deren abgerundetes Vorderende genau auf die pul-sirende Arterie des Handgelenkes dr\u00fcckt und durch jeden Pulsschlag eraporgehoben wird. Vermittelst der Schraube S' kann die Spannkraft der Pulsfeder F, F1 vermehrt und vermindert werden. Dort,wo sich diese Feder nach abw\u00e4rts zu kr\u00fcmmen beginnt, ist ein Metallpl\u00e4ttchen m angenietet, mit welchem die Gabel des Hebels if3 artikulirt. Das vordere Hebelende tr\u00e4gt eine quergestellte vertical aufgebogene Stahlschneide n und besitzt links eine Bohrung, durch welche die Schraube S durchgeschraubt ist. Die Schraube S steht mit ihrem unteren Ende auf dem Ende der Pulsfeder F, F1 auf, und wird von derselben mit auf- und niederbewegt. Da ihr Gewinde durch die Bohrung des Hebel-endes H3 geht, so nimmt sie diesen Hebel und seine Stahlschneide n bei ihren Bewegungen auch mit. Auf der Schneide n ruht aber der Holzhebel H, welcher um die Axe x, x' sehr leicht beweglich ist, und durch eine zarte Feder /' gegen die Schneide n sanft angedr\u00fcckt wird, so'dass er den Bewegungen derselben genau folgen muss. Auf diese Weise werden nun die Hebungen und Senkungen der Pulsfeder P, F' auf den Holzhebel H \u00fcbertragen, dessen freies Ende sie nat\u00fcrlich in ver-gr\u00f6ssertem Maassstabe ausf\u00fchrt. Mit dem Beginn jedes Pulsschlags der Handgelenkarterie steigt der Holzhebel in die H\u00f6he und sinkt dann wieder herab, um mit dem n\u00e4chsten Schlage wieder emporzusteigen. Das freie Ende des Holzhebels steht durch eine bewegliche Gabel b mit einer elektrischen Contactvorrichtung so in Verbindung, dass diese letztere genau im Momente des Beginns jeder Pulsbewegung den elektrischen Strom der Batterie {B) unterbricht und das Glockensignal im L\u00e4utewerk L ausl\u00f6st.\nMeine Contactvorrichtung besteht aus zwei horizontalen zweiarmigen Mel allhebeln Hl und H2, deren Axenlager, elektrisch isolirt an dem Hartgummiw\u00fcrfel (W) der Platte (P) angebracht sind, die durch das Verbindungsst\u00fcck ( 7) mit dem aufgebundenen Messingrahmen R, R\\ R2, K3 der MAKEY\u2019schen Pulsvorrichtung zusammenh\u00e4ngt. Der Hebel H2 ist in seinen Axenlagern, die von der auf der Hinterfl\u00e4che des W\u00fcrfels W befestigten Metallplatte ausgehen , sehr leicht beweglich ;","page":26},{"file":"p0027.txt","language":"de","ocr_de":"L Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\n27\ndr\u00fcckenden Finger so zug\u00e4nglich ist, dass er mechanisch gereizt werden kann. Ich Mn daher im Stande, jeden Augenblick durch Druck mit dem Finger auf jene Stelle der rechten Seite des Halses die Hemmungsnerven meines Herzens zu reizen und dasselbe f\u00fcr einige Momente zum Stillstand zu bringen.\nUm Ihnen aber meine Herzschl\u00e4ge wahrnehmbar zu machen, werde ich mir den M,\\key sehen Pulshebel oder Spliygmographen dort an mein Handgelenk anschnallen, wo die Aerzte den Puls zu f\u00fchlen pflegen. Jeder Herz- oder Pulsschlag hebt den aufgebundenen Hebel \u2014 f\u00fcr die N\u00e4hersitzenden deutlich sichtbar \u2014 in die H\u00f6he. Damit aber alle Anwesenden im Saale, auch die entfernt Sitzenden, gleichzeitig an dem Experiment theilnekmen k\u00f6nnen, habe ich mit dem MAEEY\u2019schen Pulshebel eine elektrische Contactvorrichtung von meiner Erfindung in Verbindung gebracht, welche jeden Pulsschlag durch ein elektromagnetisches Glockensignal markirr. Die Anordnung des ganzen Apparats ist aus der Zeichnung (Fig. 9) ersichtlich.\nIch schnalle den MAEEY\u2019schen Spliygmographen links an mein Handgelenk, und nun k\u00f6nnen Sie meine Puls- und Herzschl\u00e4ge sehen und nach den Glockensignalen z\u00e4hlen.\nWenn ich jetzt am Halse dr\u00fccke und die Hemmungsnerven reize, so werden Sie sofort den Herzstillstand und das Seltenerwerden des Pulses wahrnehmen. Eins, zwei, drei \u2014 ich dr\u00fccke am Halse, vier, Herzstillstand, f\u00fcnf, Pause, sechs, Pause, sieben, acht, neun u. s. w. Die fr\u00fchere Frequenz hat sich bereits wiederhergestellt. Lassen Sie uns den Versuch nochmals wiederholen. \u2014 Derselbe Erfolg !\nJedesmal nach Application des Druckes auf jene Stelle der rechten Seite meines Halses, wo die Vagusbahn verl\u00e4uft, in welcher die Hemmungsnerven des Herzens vom Gehirn zum Herzen ziehen, erfolgt\nsein vorderes Ende ist durch 6 mit H verbunden; sein hinteres Ende tr\u00e4gt eine Schraube S2 mit einem Platinkn\u00f6pfchen c. Der obere Hebel 2?1 geht hingegen mit einerSpur von Reibung in seinen Axenlagern a' und /, indem / ein federnder Metallstreifen ist, der durch die Schraube S3 s mehr oder weniger gespannt und an den Theil des Hebels, aus dem die Axe x2 hervortritt, beliebig stark und schwach angedr\u00fcckt werden kann. Das hintere Ende des Hebels Hl tragt ein Platinkn\u00f6pfchen c\\ welches mit c im Contact ist; das vordere Ende aber ein Kn\u00f6tchen aus nicht leitendem Elfenbein (k). Yerfolgt man vom + Pol der Batterie B aus die Leitung f\u00fcr den elektrischen Strom , so f\u00fchrt der Draht d2 nach der mit plus bezeichueten Metallplatte ; von da durch die Axenlager in den Hebel iZ2, und weiter durch die in Ber\u00fchrung befindlichen Platinkn\u00f6tchen c und c' nach H1. Das federnde Axenlager \u2022(/) stellt die Verbindung mit der mit minus bezeichneten Seitenplatte des W\u00fcrfels (TT) her, von wo der Draht d ausgeht, der sich mit dem einen Ende der Spirale des Elektromagneten e verbindet, w\u00e4hrend das andere Ende derselben durch den Draht d' an den Minus-Pol der Batterie B angeschraubt ist. Die Stromleitung ist wie man sieht unter diesen Umst\u00e4nden geschlossen, der Elektromagnet zieht den Anker a an, die Kugel der Feder f ist gehoben. So wie nun ein Pulsschlag erfolgt, wird der Hebel H gehoben, zieht durch b den vorderen Arm des Hebels H2 mit empor, wodurch der Contact zwischen den Platinkn\u00f6tchen c und c aufgehoben und das Glockensignal ausgel\u00f6st wird. Im Verlaufe der fortschreitenden Hebung des Hebels H st\u00f6sst der mitgezogene Hebel H2 gegen das nicht leitende Elfenbeinkn\u00f6tchen k, wodurch der elektrische Strom zwar nicht geschlossen wird, wodurch aber der mit etwas Reibung gehende Hebel Hl in eine solche Stellung und Neigung gebracht wird, dass sich noch w\u00e4hrend des Herabsinkens von Zf und H2 der Contact zwischen c und cf und damit die Leitung f\u00fcr den Strom wiederherstellt \u2014 um mit dem Beginn des n\u00e4chsten Pulsschlags wieder unterbrochen zu werden und ein neues Glockensignal auszul\u00f6sen.\nSo also werden die Pulsschl\u00e4ge durch meinen Apparat einer beliebig grossen Versammlung akustisch vernehmbar, und kann jede Aenderung ihrer Frequenz \u2014 wie bei dem Vagusdruckversuch \u2014 deutlich zu Geh\u00f6r gebracht werden. \u2014\u25a0","page":27},{"file":"p0028.txt","language":"de","ocr_de":"28\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nHerzstillstand und Verl\u00e4ngerung der Pausen zwischen den einzelnen Pulsen, welche allm\u00e4hlich ihre fr\u00fchere Frequenz wieder erlangen. Bemerkenswerth ist es noch, dass auf den in der Zwischenzeit zwischen zwei Pulsen ausge\u00fcbten Druckreiz der zweite Puls immer noch ohne merkliche Verz\u00f6gerung eintritt. Erst auf diesen folgt der Herzstillstand und die manifeste Verl\u00e4ngerung der Pausen zwischen den Herzschl\u00e4gen.\nMit dem Eintritt eines Herzschlags sind also im Herznervensystem, welches die Schl\u00e4ge unmittelbar beherrscht, die Kr\u00e4fte f\u00fcr den folgenden Schlag immer schon so weit vorbereitet und disponirt, dass die Hemmungsnerven keine Macht mehr \u00fcber dieselben haben.\nIch bin zu Ende !\nMit diesem Experiment haben wir den langen Weg durch das Gebiet der anatomischen, mechanischen und physiologischen Vorstellungen zur\u00fcckgelegt, welcher uns zum versprochenen Ziele f\u00fchren sollte.\nWas ich Ihnen nun noch zum Schl\u00fcsse sagen will, sind einfache Folgerungen aus den mitgetheilten Thatsachen und Erkl\u00e4rungen.\nIch kann mich daher kurz fassen.\nSie haben erfahren, dass und wie die Erregungszust\u00e4nde des Gehirns, welche, beil\u00e4ufig bemerkt, erregender oder l\u00e4hmender Natur sein, und sich in beiden Formen den im Gehirn liegenden Urspr\u00fcngen der excitirenden und der hemmenden Herznerven mittheilen k\u00f6nnen, auf die Herzth\u00e4tigkeit in der verschiedenartigsten Weise modificirend und bestimmend ein wirken.\nInsofern nun die Gem\u00fcthsbewegungen Erregungszust\u00e4nde des Gehirns sin d oder doch von solchen stets begleitet werden, wird Ihnen klar geworden sein, auf welche Weise dieselben, eben vermittelst des aufgedeckten Nervenmeckanismus die Herzbewegungen zu beeinflussen verm\u00f6gen.\nSo also kommt z. B. der pl\u00f6tzliche Herzstillstand bei einer ersch\u00fctternden Gem\u00fcthsbewegung, die eine Trauerbotschaft pl\u00f6tzlich hervorgerufen, dadurch zu Stande, dass dabei jener Hirntheil, aus dem die hemmenden Herznerven entspringen, ersch\u00fcttert wird, und dass sich diese Erregung innerhalb der Hemmungsnervenbahnen am Halse herab fortpflanzt \u2014 wie eine Depesche im elektrischen Telegraphendraht \u2014 und auf die Widerstandsvorrichtungen im Herzen \u00fcbertr\u00e4gt.\nSo werden bei freudigen Gem\u00fctksaffecten, wo die Pulse rascher und h\u00f6her schlagen, jene beiden Hirnregionen materiell gereizt, aus denen einerseits die excitirenden, andererseits die hemmenden Nerven ihren Ursprung nehmen und, indem sich diese Beizungen gleichzeitig","page":28},{"file":"p0029.txt","language":"de","ocr_de":"I. Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe.\t29\nbis zum Herzen fortpflanzen, dasselbe durch ihre Gegenwirkung, wie wir sahen, zu raschen und zugleich starken Schl\u00e4gen veranlassen.\nUnd so in allen F\u00e4llen ! Die angef\u00fchrten Beispiele m\u00f6gen gen\u00fcgen, denn den allgemeinen Schl\u00fcssel zur Erkl\u00e4rung s\u00e4mmtlicher m\u00f6glichen F\u00e4lle habe ich Ihnen oben gegeben.\nWem diese Erkl\u00e4rungen zu mechanisch r zu materiell erscheinen, der m\u00f6ge Folgendes bedenken.\nWelche Ansicht, welchen Glauben \u00fcber den Zusammenhang von Materie und Geist, von Leib und Seele man auch immer haben mag, \u2014 ob man materialistischen oder idealistischen, monistischen oder dualistischen Anschauungen huldige, \u2014 gleichviel! \u2014 dass es sich bei allen jenen Gem\u00fcthsbewegungen, welche notorisch mit Ver\u00e4nderungen des Herzschlages einhergehen, um materielle Reizungs-oder L\u00e4hmungszust\u00e4nde gewisser Theile des Gehirns handelt, das ist eine \u00fcber alles Meinen und Glauben erhabene, absolut feststehende Thatsache !\nUnd jene beiden Eervenfaserz\u00fcge, die auf verschiedenen Wegen vom Gehirn zum Herzen und den Gef\u00e4sswandungen ziehen, sind die F\u00e4den, welche den wunderbaren Zusammenhang zwischen den Gem\u00fcths- und den Herzbewegungen kn\u00fcpfen \u2014 denn es gibt factisch keinen andern Zusammenhang zwischen den fraglichen Erscheinungen.\nIn diesen Nervenfaserztigen haben wir die geheimnissvolle Einrichtung gefunden, in ihnen das materielle Substrat jener Vorg\u00e4nge kennen gelernt, welche den Parallelismus zweier so differenter Th\u00e4tig-keiten wie Herz- und Gem\u00fcthsbewegungen vermitteln.\nIch aber habe Ihnen damit die exacte physiologische Antwort auf die Frage gegeben : Wie das Herz zu j euer hohen ethischen Bedeutung kommt, welche ihm der Sprachgebrauch aller V\u00f6lker und aller Zeiten beilegt.","page":29}],"identifier":"lit15013","issued":"1879","language":"de","pages":"5-29","startpages":"5","title":"Das Herz und der Einfluss des Nervensystems auf dasselbe: Vortrag, gehalten den 9. Januar 1867","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T13:51:26.825137+00:00"}
