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{"created":"2022-01-31T16:07:12.543160+00:00","id":"lit16153","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 40-69. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0040.txt","language":"de","ocr_de":"V.\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne,\n[Zeitschr. f. wissensch. Zoologie etc. 1850. Bd. II. S. %O\u00f6. \u2014 Bearbeitung seiner Inaugural - I) issertatio n : Obse rvationes novae cte structura denlium peniliori. W\u00fcrzburg, 2. Juli 1850.]\n(Hierzu Tafel (> und 7).\nA. Vom Schmelz.\nDer Schmelz \u00fcberzieht als eine mehr oder weniger dicke Schichte, welche an M\u00e4chtigkeit gegen die Basis der Krone constant abnimmt, einen bedeutenden Theil des \u00fcber den Rand der Alveolen hervorragenden St\u00fcckes der Zahnsubstanz (.Substantia tubulosa). Die Linie, bis zu welcher sich der Schmelz\u00fcberzug heraberstreckt, kann man die Be-grenzungslinie des Schmelzes oder kurz Schmelzgrenze nennen. Sie ist an den verschiedenen Arten der Z\u00e4hne verschieden gekr\u00fcmmt, und unter der Loupe betrachtet, mehr oder weniger gezackt : ausnahmsweise finden sich schmale oder breitere Zacken Fortsetzungen der Schmelzsubstanz), welche bis eine Linie weit \u00fcber die legitime Grenze hinausreichen. Diese Gestalt der Schmelzgrenze ist von Interesse, insofern sie eine eigenth\u00fcmliche Beschaffenheit des Schmelzorgans \u2022' Organon adamantinae) voraussetzt, und ich f\u00fchre sie dcsshalb an.\nDie Schichte der Schmelzsubstanz nimmt, wie gesagt, an Dicke gegen die Basis der Krone nach und nach ab und ist gew\u00f6hnlich gleich-m\u00e4ssig abgelagert, ohne andere \u00e4usserlicli auffallende Spuren eines gleichsam stossweisen oder unterbrochenen Bildungsprocesses, als die sp\u00e4ter anzuf\u00fchrenden verschiedenen Unebenheiten der \u00e4usseren Schmelzoberfi\u00e4che ; manchmal jedoch ist der Schmelz durch deutliche, rund um die Krone laufende Furchen, welche oft bis auf die Zahn-","page":40},{"file":"p0041.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nII\nSubstanz einzuschneiden scheinen, in entsprechende ringf\u00f6rmige W\u00fclste abgetheilt und erscheint in Folge dessen als eine Schichte von sehr ungleichm\u00e4ssig wechselnder M\u00e4chtigkeit, woraus auf eine St\u00f6rung der Function des Schmelzorgans w\u00e4hrend der Bildung des Zahnes geschlossen werden darf. Die Breite der W\u00fclste, welche am h\u00e4ufigsten am unteren Tlieile des Schmelzes Ins 4, 5 . . . an Zahl Vorkommen, betr\u00e4gt oft den dritten Theil einer Linie und dar\u00fcber. Diese Formen, die an \u00fcbrigens ganz gesunden und normalen Z\u00e4hnen zu linden sind, machen den Uebergang zu den krankhaften Bildungen des Schmelzes.\nWeder die innere, noch die \u00e4ussere Oberfl\u00e4che des Schmelzes ist glatt und eben. Die erstere zeigt kleine, durch vorspringende B\u00fcndel von Prismen gebildete , rundliche H\u00f6cker und papillenartige Erhabenheiten und diesen entsprechende Vertiefungen, welche in allen Abstufungen \u2014 bald auffallend entwickelt, bald ganz verstrichen \u2014 zu finden sind : die letztere l\u00e4sst neben geringen unregelm\u00e4ssigen Unebenheiten fast immer noch ein besonderes System von feinen, sehr zahlreichen, regelm\u00e4ssigen Furchen und W\u00fclstclien erkennen, auf welche ich schon oben als eine Spur des eigenth\u00fcmliehcn normalen Ablage-rungsprocesses der Schmelzsubstanz zum Unterschiede von den beschriebenen groben Furchen und W\u00fclsten, die nur der Ausdruck eines gest\u00f6rten, ver\u00e4nderten Bildungsprocesses sind, hingewiesen habe.\nNat\u00fcrlich sucht man an alten, \u00fcberhaupt an abgenutzten Z\u00e4hnen h\u00e4ufig vergebens nach dieser zierlichen Zeichnung, wenigstens an jenen Theilen der Krone, welche durch die mechanischen Einfl\u00fcsse beim Gesch\u00e4fte des Kauens am meisten leiden. Auffallend ist aber der Umstand, dass ich die regelm\u00e4ssig wulstige Beschaffenheit der Schmelzoberfl\u00e4che an den ersten oder sogenannten Milchz\u00e4hnen niemals entdecken konnte, dass somit dieselbe ein charakteristisches Zeichen f\u00fcr die zweiten oder bleibenden Z\u00e4hne zu sein scheint, aus welchem auf eine Verschiedenheit in der Ablagerung des Schmelzes der bleibenden und der vorl\u00e4ufigen Z\u00e4hne zu schliesscn w\u00e4re. Uebrigens muss ich, um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, gleich hier bemerken, dass an der Krone der Milcliz\u00e4lme, an denen der Schmelz noch nicht v\u00f6llig gebildet, noch nicht in seiner ganzen Dicke abgelagert ist, auch ein System von Streifen in die Augen f\u00e4llt, welches jedoch von dem in Bede stehenden wohl zu unterscheiden ist und erst sp\u00e4ter gew\u00fcrdigt werden wird.\nWas nun die Furchen und W\u00fclste auf der \u00e4usseren Oberfl\u00e4che des Schmelzes n\u00e4her betrifft, so ist zu bemerken, dass sie gerade oder wellenf\u00f6rmig hin und lier gebogen, aber stets in querer Richtung an dem Schmelz rings herum und in sich selbst zur\u00fcck laufen. Sie be-","page":41},{"file":"p0042.txt","language":"de","ocr_de":"42\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nhalten ihre quere Richtung1 auch an dem unteren Theile der Krone streng hei und gehen nicht mit der Schmelzgrenze parallel, wenn diese gezackt oder stark nach oben oder unten ausgebogen ist. Die Breite und die Tiefe einer und derselben Furche, sowie die Breite und die H\u00f6he eines und desselben Wulstes sind manchen Schwankungen unterworfen, so dass die ganze Zeichnung, betrachtet unter einer gen\u00fcgenden Ycrgr\u00f6sserung, an Regelm\u00e4ssigkeit verliert. Vergleicht man Furchen und W\u00fclste aus verschiedenen Regionen der Zahnkrone, so f\u00e4llt es gleich in die Augen, dass sie da nicht \u00fcberall gleich erscheinen, sondern gew\u00f6hnlich ganz stetig und nach und nach von unten nach oben an Breite zunehmen. An der Schmelzgrenze findet man die W\u00fclste am wenigsten breit und ganz dicht gedr\u00e4ngt stehend, indem auch die dazwischen liegenden Furchen sehr schmal sind. Je n\u00e4her man der Spitze der Zahnkrone r\u00fcckt, desto breiter werden nach und nach die W\u00fclste und die trennenden Furchen ; zugleich nehmen sie an Deutlichkeit ab und verschwinden nahe unterhalb der Spitze endlich ganz. Diese Zunahme an Breite bedingt, dass die Zahl der W\u00fclste, welche auf eine Maasseinheit geht, von der Basis gegen die Spitze hin immer kleiner werden muss. Einige Messungen, welche ich dar\u00fcber anstellte, ergaben, dass auf den dritten Theil einer Linie von den W\u00fclstchen nahe an der Schmelzgrenze etwa 28\u201424, weiter oben 12\u201410, endlich ganz oben, wo sie schon undeutlich wurden, nur noch 6\u20144 derselben kamen. Man untersucht die Verh\u00e4ltnisse hei auffallendem Lichte mit einer starken Loupe oder einer angemessenen Vergr\u00f6sserung des Mikroskops. Es h\u00e4ngt viel davon ab, wie man die Oberfl\u00e4che des Schmelze\u00bb gegen das einfallende Licht stellt: denn die wulstige Beschaffenheit derselben kommt nur dadurch zum Vorschein, dass die W\u00fclstchen zarte Schatten werfen. Bei unzweckm\u00e4ssiger Beleuchtung sieht man von dem Allen nichts. Untersucht man Fl\u00e4chenschliffe des Schmelzes, welche mit Schonung der \u00e4usseren Oberfl\u00e4che gefertigt wurden, bei durchfallendem Licht und mit starker Vergr\u00f6sserung, so wird man allerdings aus der Noth wendigkeit der Ver\u00e4nderung der Focal-distanz auf die Unebenheiten der Oberfl\u00e4che auch einen Schluss machen k\u00f6nnen; allein es d\u00fcrfte nicht leicht m\u00f6glich sein, durch diese Methode zu einer \u00fcbersichtlich en Anschauung zu kommen, weil bei starker Vergr\u00f6sserung, welche zur Beurtheilung der Dimension der Tiefe durch die Focaldistanz doch unbedingt nothwendig ist, das Gesichtsfeld relativ sehr klein, und wenig vom Objecte auf einmal zu \u00fcbersehen ist.\nWir haben bisher die Ausdehnung und verschiedene M\u00e4chtigkeit der Schmelzschichte, sowie die Beschaffenheit ihrer \u00e4ussern und innern Oberfl\u00e4che betrachtet und hiermit gleichsam den Raum abgesteckt,","page":42},{"file":"p0043.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n43\nwelchen die Schmelzprismen auszuf\u00fcllen haben : es ist nun zu untersuchen, auf welche Weise dies Letztere geschieht, d. h. in welcher Art sich die Schmelzprismen aneinander reihen und zu einem Ganzen verbinden.\nMan studirt die Faserung des Schmelzes an hinreichend d\u00fcnn geschliffenen Durchschnitten, welche in verschiedener Lichtung durch die Zahnkrone gef\u00fchrt werden, und kommt, indem man die einzelnen Bilder combinirt, schliesslich zu einer Totalanschauung derselben. Es sind nicht blos fertige, entwickelte Z\u00e4hne zu untersuchen, sondern namentlich auch in der Entwickelung begriffene, an welchen manche Verh\u00e4ltnisse besonders leicht und deutlich zu erkennen sind.\nMan wird sich auf diese Art bald \u00fcberzeugen, dass der Schmelz, wie seit den trefflichen Arbeiten von Pukktnk und Ketzlus allgemein angenommen wird, aus einer \u00fcberaus grossen Menge von einzelnen Fasern \u2014 den sogenannten Schmelzprismen \u2014 wirklich bestehe; allein man wird auch oft genug Pr\u00e4parate bekommen, an welchen der Schmelz ganz oder zum Theil als eine durchscheinende, unregelm\u00e4ssig streitige, fast structurlose Masse erscheint, und die Existenz der Schmelzprismen problematisch werden k\u00f6nnte. Die Unvollkommenheit des Schliffes ist in manchen F\u00e4llen Schuld daran: oft findet sich dies Verhalten aber an ganz gelungenen Pr\u00e4paraten. Im ersten Falle kommen die Prismen nach llepinselung des Schliffes mit sehr verd\u00fcnnter Salzs\u00e4ure gew\u00f6hnlich doch zum Vorschein. Durch diese Behandlung treten zugleich an den Prismen die bekannten Querstreifen, welche \u00fcbrigens h\u00e4utig auch ohne dieselbe vollkommen klar zu erkennen sind, sehr deutlich hervor und geben ganzen Partieen der Schmelzprismen das Ansehen von animalen Muskelfasern. Diese Querstreifen machen nicht immer denselben Eindruck ; sie sind bald scharf, fein und eng zusammengedr\u00e4ngt, bald breiter, schatten\u00e4hnlich und weiter von einander abstehend, nudes scheint ihr Auftreten nicht immer durch gleiche Momente bedingt. Tragen die Querstreifen den ersten Charakter, so k\u00f6nnen sie vielleicht als Ausdruck des schichtenweisen Verirdungsprocesses der Schmelzprismen angesehen werden; haben sie die letzteren Eigenschaften, so lassen sie sich wohl \u2014 \u00e4hnlich wie die Querstreifen der Muskelb\u00fcndel \u2014 durch die varicose Beschaffenheit, welche ich an manchen Schmelzprismen gesehen habe, erkl\u00e4ren.\nAn den Schmelzprismen, welche, wie man wenigstens vermutlich durch eine besondere Zwischensubstanz zusammengehalten und zusammengekittet werden und als einzige erkennbare histologische Elemente in ihrer Gesammtheit die Substantia a\u00e4amantina dent,um darstellen, kann man ein centrales und ein peripherisches Ende, eine centrale,","page":43},{"file":"p0044.txt","language":"de","ocr_de":"44\nBeitr\u00fcge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\ndem Zahnbein zugewendete, und eine peripherische, frei zu Tage liegende Endfl\u00e4che und die Seitenfl\u00e4chen, mit welchen sie sich gegenseitig ber\u00fchren, unterscheiden. Die Summe der centralen Endfl\u00e4chen der Erismen bildet die innere, die Summe der peripherischen die \u00e4ussere Oberfl\u00e4che des Schmelzliberzugs. Von beiden Fl\u00e4chen muss, wie sich aus dem Vorhergehenden von selbst ergiebt, die erstere kleiner sein, als die letztere. Erw\u00e4gt man die im Allgemeinen bekannte Structur des Schmelzes, so kann man dieses Verh\u00e4ltniss nur dann begreifen , wenn etwa die Zahl der peripherischen Enden der Prismen gr\u00f6sser ist, als die Zahl jener Enden, welche bis an die Zahnsubstanz stossen, oder wenn die peripherischen Enden einen bedeutenderen Dickedurchmesser und somit auch eine gr\u00f6ssere Endfl\u00e4che h\u00e4tten, als die centralen, oder wenn die Prismen gegen die Zahnsubstanz hin dichter und inniger an einander l\u00e4gen, als nach aussen u. s. w. Von den angef\u00fchrten drei M\u00f6glichkeiten l\u00e4sst sich nur die zweite an vielen Orten mit aller Bestimmtheit als factisch vorhanden nachweisen; es ergiebt n\u00e4mlich eine directe Messung der Schmelzprismen wirklich ein mehr oder weniger auffallendes Dickerwerden derselben gegen das peripherische Ende hin. Unentschieden muss jedoch bleiben \u2014 wiewohl es nicht unwahrscheinlich ist \u2014, ob auch noch eine Vermehrung der Prismen in den peripherischen Lagen des Schmelzes \u2014 etwa durch Theilung derselben, oder durch Einschaltung neuer Prismen, welche, zwischen die alten eingekeilt, nicht bis an die Zahnsubstanz, wohl aber bis zur \u00e4ussern Schmelzoberfl\u00e4che reichen \u2014 stattfindet. Ebenso ist ein Auseinandertreten der Prismen mit entsprechender Vermehrung der problematischen Zwischensuitstanz nach dem, was ich gesellen habe, nicht bestimmt nachzuweisen.\nWas die Richtung der Schmelzprismen betrifft, so ist dar\u00fcber im Allgemeinen Folgendes zu bemerken. Das peripherische Ende eines Prisma\u2019s muss mit dem centralen Ende entweder in gleicher H\u00f6he, d. h. in derselben Querschnittsebene der Krone liegen, oder in ungleicher H\u00f6he, und dann entweder tiefer oder h\u00f6her stehen, als jenes; das peripherische Ende muss ferner mit dem centralen Ende entweder in derselben L\u00e4ngsschnittsebene liegen, oder nicht. Durch Combination dieser F\u00e4lle erhalten wir a priori alle irgend m\u00f6glichen Richtungen der Schmelzprismen. Dass diese gedachten L\u00e4ngs- und Querschnittsebenen, nach welchen wir die verschiedene Richtung der Schrnclz-prismen beurtheilen, auf einander senkrecht stehen, und dass die ersteren immer durch die ideale L\u00e4ngsaxe der Zahnkrone gehen m\u00fcssen, brauche ich kaum zu erw\u00e4hnen.\nHorizontal und schr\u00e4g nach aussen und abw\u00e4rts verlaufende","page":44},{"file":"p0045.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n45\nPrismen kommen nur in dem untersten Theile des Schmelzes vor : im Allgemeinen sind die Prismen jedoch mehr oder weniger steil nach aussen und oben gerichtet ; in der Spitze stellen sie aufrecht. Eine Abweichung der Richtung aus der L\u00e4ngsschnittsebene findet fast hei allen Prismen statt.\nDer Verlauf der Schmelzprismen ist ebenso mannigfaltig, als ihre Richtung. Wir sehen die Prismen in der verschiedensten Weise von der innern zur dussent Schmelzoberfl\u00e4che ziehen, bald ganz gerade gestreckt, bald einfach gekr\u00fcmmt, bald wellenf\u00f6rmig gebogen, bald wirklich geknickt u. s. w. Ihr letztes peripherisches Ende ist stets gerade gestreckt und steht sehr h\u00e4ufig senkrecht auf der \u00e4usseren Schmelzoberfl\u00e4che auf. Die Prismen haben gruppenweise immer denselben Verlauf und bilden so gew\u00f6hnlich um die ganze Krone herum Schichten von regelm\u00e4ssigem Ansehen. Betrachtet man den Schmelz mit dem blossen Auge oder einer Loupe, indem man der Zahnkrone eine gewisse, schwer zu beschreibende Neigung gegen das einfallende Licht giebt, so wird es nach einigen Versuchen meist gelingen, ein System von abwechselnd auf einander folgenden dunklen und helleren Streifen in der Substanz des Schmelzes erscheinen zu sehen, welche \u00e4hnlich, wie die oben beschriebenen W\u00fclstchen, in querer Richtung um die Zahnkrone rings herum ziehen, jedocli viel breiter sind, als diese, sich \u00f6fters gabelf\u00f6rmig theilen und nicht immer in sich selbst zur\u00fccklaufen. Diese eigentli\u00fcmliche Zeichnung liegt nicht oberfl\u00e4chlich , sondern gleichsam in der Dicke des Schmelzes, und macht den Eindruck, als ob sie durch ein Structurverh\u00e4ltniss der tieferen Lagen des Schmelzes hervorgebracht w\u00fcrde. Dies ist auch in der That so : denn nimmt man Z\u00e4hne aus dem Zahns\u00e4ckchen, an denen der Schmelz noch nicht in seiner ganzen Dicke abgelagert ist, und betrachtet ihn bei auffallendem Lichte, so sieht man das eben beschriebene Streifensystem mit aller Deutlichkeit ganz oberfl\u00e4chlich liegen, zum Beweise, dass dasselbe durch einen eigentli\u00fcmlichen Verlauf der Schmelzprismen in den tieferen Schichten bedingt wird und im fertigen Zahn, nach yollendeter Ablagerung des Schmelzes, durch die peripherischen Schichten, welche die tieferen sp\u00e4ter \u00fcberdecken, allerdings nur durchschimmern kann.\nDieses Streifensystem hatte ich im Sinne, als ich vorhin darauf aufmerksam machte, die an den unausgebildeten Milchz\u00e4hnen verkommende Zeichnung nicht etwa f\u00fcr die an den bleibenden Z\u00e4hnen beschriebene wulstige Beschaffenheit der \u00e4usseren Sehmelzoberfl\u00e4clie zu nehmen.\nHervorgebracht werden aber diese abwechselnd auf einander fol-","page":45},{"file":"p0046.txt","language":"de","ocr_de":"-1(5\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie (1er menschlichen Z\u00e4hne.\ngendcn hellen und dunkleren Streifen durch die regelm\u00e4ssigen Zickzackbewegungen der Schmelzprismen, indem die Lichtstrahlen unter verschiedenen Winkeln auf die Seitenfl\u00e4chen der Prismen auffallen und daher bald in das Auge des Beobachters reflectirt werden, bald keine in dieser Lichtung reflectirende Oberfl\u00e4che finden, wodurch dann notli-wendig helle und dunkle Stellen entstehen m\u00fcssen. W\u00fcrden alle Prismen gerade gestreckt auf dem k\u00fcrzesten Wege von der innern zur \u00e4ussern Oberfl\u00e4che des Schmelzes ziehen und niemals gruppenweise einen gebogenen Verlauf haben, so k\u00f6nnten solche helle und dunkle Streifen gar nicht entstehen. Da die letzten peripherischen Enden der Prismen gerade gestreckt verlaufen, so erkl\u00e4rt es sich, warum diese Zeichnung nur an unausgebildeten Z\u00e4hnen ganz oberfl\u00e4chlich, an ausgebildeten hingegen aus der Tiefe hervorschimmernd erscheint.\nVon der Richtigkeit der gegebenen Erkl\u00e4rung kann man sich auf folgende Weise leicht \u00fcberzeugen. Man untersuche zuerst mit einer m\u00e4ssigen Vergr\u00f6\u00dferung an einem nicht allzu d\u00fcnnen Fl\u00e4chenschliffe des Schmelzes den Verlauf der Prismen Lei durchfallendem Lichte und vertausche, nachdem man eine gen\u00fcgende Anschauung davon erhalten hat, das durchfallende Licht mit einer zweckm\u00e4ssigen Beleuchtung von oben, um die beschriebenen hellen und dunklen Streifen zu sehen. Durch Vergleichung beider Bilder, unter Ber\u00fccksichtigung der Richtung der einfallenden Lichtstrahlen, wird sich dann heraussteilen, dass an dem ganzen Ph\u00e4nomen nur die verschiedene Reflexion der Lichtstrahlen, welche durch die verschiedene Neigung der Biegungen der Prismen gegen das Licht bedingt wird, Schuld ist. Wird n\u00e4mlich das Pr\u00e4parat, w\u00e4hrend man es genau beobachtet und einen oder mehrere Streifen aufmerksam und unverwandt mit dem Auge fixirt, auf dem Objecttische so gedreht, dass die Biegungen der Prismen, welche erst durch ihre bestimmte Neigung die Lichtstrahlen zur\u00fcckwarfen, nun nach und nach in die entgegengesetzte Stellung zum Lichte gebracht werden, und umgekehrt was am besten auf dem drehbaren Tische der Obeuh\u00e4useii\u2019-schen Mikroskope geschieht), so bemerkt man, wie die Streifen nach und nach an Deutlichkeit abnehmen und einer gleichm\u00e4ssigen Beleuchtung und Erhellung des Objects Platz machen und schliesslich in der entgegengesetzten Schattirung allm\u00e4hlich wieder zum Vorschein kommen. Die bei der fr\u00fcheren Stellung des Objects zum einfallenden Lichte hell erscheinenden Streifen werden nach einer Drehung von beil\u00e4ufig 180\" dunkel, die dunkel erscheinenden hell. Wird das Object in derselben Richtung weiter gedreht, so l\u00f6st sich die Streifung abermals in eine gleichm\u00e4ssige Erhellung auf, und ist man endlich nach einer Drehung von 3(50\u00b0 auf den alten Fleck gekommen, so erscheint die Schattirung","page":46},{"file":"p0047.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n47\nganz, nie am Anfang des Versuchs. Zur Bereitung der Pr\u00e4parate f\u00fcr diese Untersuchung w\u00e4hlt man am besten junge Z\u00e4hne, die das Streifensystem deutlich erkennen lassen, und deren Schmelz noch nicht vollst\u00e4ndig abgelagert ist, weil man dann wenigstens an den unteren Theilen der Zahnkrone kaum gen\u00f6tliigt ist, etwas von der d\u00fcnnen Schmelzschicht abzuschleifen. Will man nicht zugleich den Verlauf der Prismen bei durchfallendem Lichte untersuchen, sondern blos den Wechsel in der Schattirung der Streifen je nach ihrer Stellung gegen das Licht studiren, so gen\u00fcgt es, den ganzen Zahn in einer passenden Weise auf dem Objecttische zu befestigen.\nAn Querschnitten des Schmelzes, welche nicht allzu d\u00fcnn ausgefallen sind, kann man sich stellenweise von dem regelm\u00e4ssig gebogenen Verlaufe der Prismen gleichfalls eine Anschauung verschaffen, und zugleich bei Ver\u00e4nderung der Focaldistanz die Bemerkung machen, dass sich die Prismen lagenweise \u00fcberkreuzen. Bei gr\u00f6sserer Focaldistanz sieht man z. B. die Prismen nach links gebogen; verringert man die Focaldistanz, um den Verlauf der tiefer liegenden Prismen zu sehen, so zeigen sich dieselben oft in der entgegengesetzten Lichtung gekr\u00fcmmt.\nAn L\u00e4ngsschliffen bedingt die eigenth\u00fcmliclie Faserung des Schmelzes andere Bilder und Erscheinungen. Da n\u00e4mlich die Prismen je nach ihren Biegungen tlieils in der Ebene des Schliffes liegen, theils sich mit derselben kreuzen, so m\u00fcssen sie abwechselnd bald quer oder schr\u00e4g durchschnitten, bald der L\u00e4nge nach von einander getrennt werden. Weil aber ferner der Verlauf der Prismen gruppenweise derselbe ist, so erscheinen an L\u00e4ngsschliffen des Schmelzes regelm\u00e4ssig abwechselnde Schichten von quer oder schr\u00e4g) und l\u00e4ngs durchschnittenen Prismen, welche bei auffallendem Lichte ziemlich genau hellen und dunklen Streifen entsprechen, indem diese Schattirung nicht etwa nur durch den verschiedenen Reflex des Lichtes von den durch den Schliff erzeugten Oberfl\u00e4chen der Prismen, sondern haupts\u00e4chlich von der Neigung der Prismen gegen die auffallenden Lichtstrahlen abh\u00e4ngt. Man sieht die Streifen schon mit freiem Auge. S'e haben nahe an der Schmelzgrenze eine horizontale oder selbst etwas nach aussen und abw\u00e4rts geneigte Richtung ; weiter oben stellen sie sich mehr auf und ziehen schr\u00e4g von unten und innen nach aussen und oben; sie verlaufen gerade gestreckt oder nach unten convex gekr\u00fcmmt und nehmen im Allgemeinen an Breite nach unten zu. Ich habe bis 55 helle und eben so viele dunkle Streifen in einer Reihe gez\u00e4hlt.\nUm das Verh\u00e4ltniss dieses Streifensystems zu dem vorher beschriebenen, von der Fl\u00e4che aus gesehenen zu untersuchen, schneide man","page":47},{"file":"p0048.txt","language":"de","ocr_de":"48\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\neinen Zahn der L\u00e4nge nach in zwei H\u00e4lften, schleife die Schnittfl\u00e4che glatt und betrachte mit einer Loupe die neu entstandene Kante, wobei man zu gleicher Zeit die Durchschnittsfl\u00e4che und die \u00e4ussere Oberfl\u00e4che des Schmelzes \u00fcbersehen wird. Bei geh\u00f6riger Beleuchtung erscheinen dann die Streifensysteme beider Fl\u00e4chen auf einmal, und man wird die Ueberzeugung gewinnen, dass dieselben in wesentlicher Beziehung mit einander stehen, indem sic eigentlich blos ein verschiedener Ausdruck eines und desselben Structurverh\u00e4ltnisses sind und wesentlich durch dieselben Ursachen bedingt werden. Demgem\u00e4ss machen die den auf einander folgenden Schichten der quer und l\u00e4ngs durchschnittenen Prismen entsprechenden Streifen, welche an L\u00e4ngsschliffen beobachtet werden, ganz denselben Wechsel von Dunkel- und Hellsein durch, wie die Streifen an dem Fl\u00e4chenschnitte, wenn man das Pr\u00e4parat dem auffallenden Lichte auf die oben beschriebene Weise durch allm\u00e4hliche Drehung unter verschiedenen Winkeln entgegensetzt. Man sieht die Streifen dann am deutlichsten, wenn man sie der Richtung der Lichtstrahlen parallel stellt; dreht man den Oberh\u00e4user\u2019sehen Objecttisch um 00 \u00b0, so verschwindet die Zeichnung so ziemlich ganz, und das Object erscheint gieielim\u00e4ssig erleuchtet; dreht man um weitere 90\u00b0, so kommt die Streifung wieder zum Vorschein, allein, so zu sagen, als negatives Bild. Die Streifen, die fr\u00fcher dunkel waren, sind jetzt hell, und umgekehrt. Eine weitere Drehung um 90\u00b0 macht die Streifung wieder verschwinden, welche schliesslich jedoch abermals, und zwar ganz so, wie vor der Drehung, auftritt, wenn der Kreisbogen vollendet wird.\nSo ist dies wenigstens gew\u00f6hnlich der Fall ; doch k\u00f6nnen nat\u00fcrlich durch eine besondere Anordnung der Prismen Abweichungen von diesem Schema bedingt werden.\nEs ist \u00fcbrigens nicht nothwendig, die beschriebene Erscheinung unter dem Mikroskope zu beobachten ; es gen\u00fcgt, wenn man sich mit dem Zahn in der Hand an\u2019s Fenster stellt und eins der beiden Streifen-systeme mit der Loupe betrachtet, und dann seine Stellung gegen das Licht ver\u00e4ndert. Schliesslich will ich noch bemerken dass man sich das Fixiren eines oder mehrerer Streifen sehr erleichtert, wenn man mit Dinte oder auf irgend eine andere Weise die betreffende Stelle markirt.\nNachdem ich hiermit eine m\u00f6glichst klare Darstellung der Richtung, des Verlaufs und der Anordnung der Schmelzprismen, mit einem Worte, der Faserung des Schmelzes zu geben versucht habe, will ich noch einige Bemerkungen \u00fcber die Hohlr\u00e4ume und Kan\u00e4lchen im Schmelze, sowie \u00fcber die F\u00e4rbungen des Schmelzes hinzuf\u00fcgen.","page":48},{"file":"p0049.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n49\nWas die ersteren betrifft, so muss ich von vorn herein gestehen, dass ich mich von der Existenz eines ausgebildeten, vollst\u00e4ndigen R\u00fchrensystems im Schmelze, welches, wie die Tubuli der Zahnsubstanz, zur Leitung der Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit bestimmt w\u00e4re, durchaus nicht \u00fcberzeugen konnte. Alles, was man von Hohlr\u00e4umen bisher unter verschiedenen Namen beschrieben hat, und was ich selbst gesehen habe, tr\u00e4gt tlieils den Charakter des Zuf\u00e4lligen, Unwesentlichen, theils den Charakter von Kunstproducten. Im normalen, v\u00f6llig gesunden Schmelz liegen die Prismen dicht an einander und lassen keine Zwischenr\u00e4ume zwischen sich. Nichtsdestoweniger findet man sehr h\u00e4ufig im Schmelze Hohlr\u00e4ume von der mannigfachsten Form, Gr\u00f6sse, Lage und Richtung. Die Schmelzr\u00e4ume sehen bald den feinsten Ver\u00e4stelungen der Zahncan\u00e4lchen, mit denen sie auch oft Zusammenh\u00e4ngen, vollkommen \u00e4hnlich, bald haben sie einen gr\u00f6sseren Durchmesser und eine unregelm\u00e4ssige Gestalt, doch waltet die L\u00e4ngendimension gew\u00f6hnlich vor; theils sind sie einfach, tlieils ver\u00e4stelt. Sie gehen ferner entweder mit der Richtung der Schmelzprismen parallel, oder sie durchbrechen die Prismen schr\u00e4g. Man st\u00f6sst in allen Regionen des Schmelzes auf diese Hohlr\u00e4ume, welche oft in bedeutender Anzahl, in ganzen B\u00fcscheln oder Reihen vorhanden sind; doch w\u00e4hlen namentlich die gr\u00f6sseren unter ihnen mit Vorliebe die der Zahnsubstanz zun\u00e4chst gelegenen Schichten. Gegen die Zahnsubstanz spitzen sie sich dann gew\u00f6hnlich rasch oder nach und nach zu, w\u00e4hrend ihr breiteres Ende mehr oder weniger weit in die oberfl\u00e4chlichen Schichten des Schmelzes hineinragt, und gehen mit ihrem zugespitzten Ende h\u00e4ufig in ein Aestchen eines Zahnr\u00f6hrchens, von dem sie wie von einem Stiele getragen werden, unmittelbar \u00fcber. Die meisten Schmelzr\u00e4ume stehen weder unter einander, noch mit den Zahncan\u00e4lchen in Verbindung.\nDiese verschiedenen Hohlr\u00e4ume sind entweder schon w\u00e4hrend der ersten Ablagerung des Schmelzes gebildet worden, oder aber erst sp\u00e4ter auf zuf\u00e4llige Weise durch verschiedene Ursachen entstanden.\nZun\u00e4chst sind hier aus der zweiten Kategorie Spr\u00fcnge und Risse zu erw\u00e4hnen, welche entschieden in Folge von mechanischen Einfl\u00fcssen, mitunter w\u00e4hrend des S\u00e4gens und Schleifens der Z\u00e4hne auftreten. Sie sind von verschiedener Gestalt und Ausdehnung, gehen oft mit der Faserung des Schmelzes parallel und erstrecken sich meist durch die ganze Dicke des Schliffes hindurch, w\u00e4hrend die Schmelzr\u00e4ume anderen Ursprungs gew\u00f6hnlich mitten in der Substanz liegen. Dies ist jedoch kein durchgreifender Unterschied, und es h\u00e4lt \u00fcberhaupt schwer, ein untr\u00fcgliches Kriterium, ein sicheres Merkmal anzugeben, nach welchem man in speciellen F\u00e4llen ohne Gefahr einer T\u00e4uschung \u00fcber die Bedeu-\nCzermak, \u00d6chril\u2019ten.\t4","page":49},{"file":"p0050.txt","language":"de","ocr_de":"50\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\ntung solcher Gebilde urtheilen k\u00f6nnte. Man wird h\u00e4ufig keine gen\u00fcgende Rechenschaft von den Gr\u00fcnden gehen k\u00f6nnen, die den Beobachter bestimmen, in dem einen Falle Etwas f\u00fcr ein Kunstproduct zu halten, und in dem anderen Falle f\u00fcr einen Bildungsfehler oder ein pathologisches Product zu erkl\u00e4ren. Trotzdem d\u00fcrfte es doch nicht immer unm\u00f6glich sein, eine bestimmte Meinung auszusprechen.\nlieber das Verhalten der Schmelzsubstanz gegen auffallendes und durchgehendes Licht ist im Allgemeinen zu bemerken, dass nicht nur die verschiedenen Z\u00e4hne darin bedeutend von einander abweichen, indem dasselbe bald rein weiss ist, bald hingegen einen Stich ins Gelbe oder Blaue hat, theils stark durchscheinend, theils mehr opak gefunden wird, sondern dass auch der Schmelz\u00fcberzug desselben Zahnes an verschiedenen Punkten und in verschiedenen Schichten in dieser Hinsicht eine ungleichm\u00e4ssige Beschaffenheit zeigt. Nicht selten findet man zwar Z\u00e4hne, deren Schmelz ganz gleichm\u00e4ssig gef\u00e4rbt ist; allein an vielen L\u00e4ngs- und Querschliffen fallen bei passender Beleuchtung hellere und dunklere Flecken und Streifen auf, welche anderer Natur sind, als die oben beschriebenen von dem Verlaufe der Prismen abh\u00e4ngenden. Bei oberer Beleuchtung sieht man die opakeren Stellen weiss, die durchsichtigen dunkel, weil die ersteren das Licht reflectiren, die letzteren aber durchlassen. Bei durchfallendem Lichte entsprechen den ersteren mehr oder weniger intensiv gelbliche, gelblichbraune, braune bis schwarzbraune F\u00e4rbungen ; die letzteren erscheinen ganz klar und durchsichtig.\nDie hellen und dunklen Flecken, welche auf Quer- und L\u00e4ngsschliffen Vorkommen, bedeuten nat\u00fcrlich nichts Anderes, als dass der Schmelz in gr\u00f6sserer oder geringerer Ausdehnung ein verschiedenes Verhalten gegen das Licht habe; die hellen und dunklen Streifen, die oft sehr regelm\u00e4ssig angeordnet sind, sind hingegen der Ausdruck einer schichtenweisen F\u00e4rbung des Schmelzes. Auf L\u00e4ngsschliffen ziehen diese Streifen, welche meist von verschiedener Breite und nicht immer gleich weit von einander abstehen, sehr steil von unten und innen nach aussen und oben ; sie kreuzen sich wegen ihrer mehr aufrechten Stellung mit jenen Streifen, welche den Schichten der quer und l\u00e4ngs durchschnittenen Prismen entsprechen. Auf Querschliffen sind die Streifen je nach der Gestalt der Zahnkrone kreisf\u00f6rmig oder in Form einer andern krummen-Linie gebogen, und laufen entweder in sieh selbst zur\u00fcck und bilden keine geschlossene Linie, indem die F\u00e4rbung pl\u00f6tzlich oder nach und nach an bestimmten Punkten aufh\u00f6rt ; sie gehen einander nahezu \u00fcberall parallel, sind aber fast immer excentrisch gelagert, so dass die am meisten peripherisch gelegenen Streifen von","page":50},{"file":"p0051.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n51\nder \u00e4usseren Contour des Schmelzes unterbrochen werden. Combiniren wir beide Anschauungen, so werden wir leicht erkennen, dass die gef\u00e4rbten Schichten, welche auf dem Durchschnitt sich als Farbenlinien darstellen, die Gestalt von hohlen Kegeln haben, deren abgestutzte Spitzen an die innere Schmelzoberfl\u00e4che stossen, deren Basen aber bis an die \u00e4ussere Schmelzoberfl\u00e4che reichen. Die Fl\u00e4chen, welche man durch die abgestutzten Spitzen sowohl, als durch die Basen legen kann, entsprechen nat\u00fcrlich nicht immer genau den Querschnittsebenen der Zahnkrone ; denn sonst d\u00fcrften auf Querschliffen die in sich selbst zur\u00fccklaufenden Streifen nicht excentrisch liegen und nicht, wie so h\u00e4ufig geschieht, durch die \u00e4ussere Contour des Schmelzes unterbrochen werden.\nWas die Ursache dieses Verhaltens des Schmelzes gegen das Licht sei, l\u00e4sst sich in den meisten F\u00e4llen vorl\u00e4ufig nicht angeben. Die letzten Ursachen bestimmter F\u00e4rbungen sind ja \u00fcberhaupt noch nicht genau ermittelt. Nur in einigen wenigen F\u00e4llen glaube ich mich \u00fcberzeugt zu haben, dass die beschriebenen Streifen nicht immer von einer eigent\u00fcmlichen physikalischen oder chemischen Beschaffenheit des Schmelzes lierrtihren, sondern dass sie manchmal auch durch sehr zahlreiche, d\u00fcnne Schmelzcan\u00e4lehcn, welche in einer dichten Leihe angeordnet sind, bedingt werden. \u2014\nB. Von der Zahnsubstanz.\nDie Histogen\u00e8se der Zahnsubstanz [Substantia dentalis sen hdmlosa) ist leider noch sehr wenig gekannt und kaum in ihren Grundlinien skizzirt.\nWie sich die Gewebtheile der Pulpa zu einer festen, structurlosen, von mannigfach ver\u00e4stelten R\u00f6hrchen durchzogenen Substanz umwandeln ; auf welche Weise namentlich die Zahncan\u00e4lchen sich herausbilden; was mit den in allen Theilen der Pulpa ausgebreiteten Gef\u00e4ssen w\u00e4hrend der mit der fortschreitenden Bildung der Zahnsubstanz parallel gehenden Verkleinerung der Pulpa geschieht u. s. w. ; dies sind lauter Fragen, welche noch nicht als ausgemacht und gen\u00fcgend beantwortet angesehen werden k\u00f6nnen. So sehr ich gew\u00fcnscht H\u00e4tte, zur Ausf\u00fcllung dieser L\u00fccke Etwas beizutragen, so musste ich doch aus Mangel an hinreichendem Material auf den Versuch einer vollst\u00e4ndigen Darstellung der Entwicklungsweise der Zahnsubstanz verzichten und mich vorl\u00e4ufig nur damit begn\u00fcgen, einige Structurverh\u00e4ltnisse derselben, welche bisher noch nicht gen\u00fcgend gew\u00fcrdigt wurden, einer genauem Untersuchung zu unterwerfen. \u2014","page":51},{"file":"p0052.txt","language":"de","ocr_de":"52\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie (1er menschlichen Z\u00e4hne.\nDie Zalmsubstanz, welche bekanntlich die gr\u00f6sste Masse der Ziilme ausmacht, bedingt, wie man sagt, durch ihre Form die Gestalt des ganzen Zahns. Dies ist im Allgemeinen richtig, obschon man dabei nicht vergessen darf, dass die Zahnsubstanz nirgends frei zu Tage liegt, sondern an der Spitze vom Schmelze, welcher nach unten an M\u00e4chtigkeit abnimmt, an dem \u00fcbrigen frei gelassenen Theile vom Cement, welches nach unten an M\u00e4chtigkeit zunimmt, \u00fcberzogen wird. Die \u00e4ussere Begrenzung des Zahnes h\u00e4ngt daher auch von den Umrissen des Schmelzes und Gementes ab, da deren \u00e4ussere Oberfl\u00e4chen nicht mit jener der Zahnsubstanz parallel gehen. Denken wir uns sowohl den Schmelz- als den Cement\u00fcberzug hinweg, so w\u00fcrde der nun blos aus der Zahnsubstanz bestehende Zahn eine andere Form erhalten, als er urspr\u00fcnglich hatte. In der Zahnsubstanz befindet sich eine H\u00f6hle zur Aufnahme der Pulpa\u2014 die Keimh\u00f6hle, welche an der Wurzel, oder wenn mehrere Wurzeln vorhanden sind, an jeder derselben mit einem oder mehreren L\u00f6chelchen ausm\u00fcndet. Die W\u00e4nde der Kcim-h\u00f6hle sind bis auf den untersten Theil in der Wurzel von der Zahnsubstanz gebildet, an der genannten Stelle aber vom Gement. Man kann demnach eine innere der Pulpa zugewendete und eine \u00e4ussere vom Schmelz und Gement \u00fcberzogene Oberfl\u00e4che der Zalmsubstanz unterscheiden.\nHistologisch betrachtet, besteht die Zahnsubstanz aus einer festen, f\u00e4rb- und structurlosen Grundsubstanz und aus einer \u00fcberaus grossen Anzahl von feinen ver\u00e4stelten Kan\u00e4lchen, welche in der Grundsubstanz eingebettet sind. Ich habe die Grundsubstanz structurlos genannt, weil dieselbe im ausgebildeten Zustande in der That sowohl an L\u00e4ngs- als an Querschliffen structurlos erscheint und nur k\u00fcnstlich durch besondere Pr\u00e4paration in scheinbar eigent\u00fcmliche Elemente zerlegbar ist : damit soll zwar durchaus nicht gesagt sein, dass die Grundsubstanz nicht durch Verschmelzung gesonderter Elementartheile entstehe und niemals Spuren ihres Bildungsproeesses an sich trage, das aber wollte ich allerdings aussprechen, dass ich nicht im Stande war, irgend eine Structur in der v\u00f6llig entwickelten Grundsubstanz nachzuweisen. Die Fasern, aus welchen man den Zahnknorpel bestehend beschrieb, halte ich f\u00fcr Kunstproducte und glaube, dass der Grundsubstanz nur eine Spaltbarkeit in verschiedener Richtung zukommt. Da das Zahnbein schichtenweise abgelagert wird, wovon sich noch h\u00e4utig Spuren aut dem Durchschnitte desselben finden, so ist es leicht denkbar, dass der Zusammenhang zwischen diesen Schichten unter g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden zu l\u00f6sen sein werde. Mir ist es gelungen, entsprechend der Schichtung, ganze Lagen der Zalmsubstanz abzusprengen, welche vollkommen","page":52},{"file":"p0053.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n53\nglatte Oberfl\u00e4chen hatten. Die Spaltbarkeit des Zahnknorpels nach dem Verlaufe der Zahnr\u00f6hrchen ist gleichfalls zu erkl\u00e4ren, und es scheint mir, dass man auf dieses Verhalten der Zahnsubstanz keine weiteren Schl\u00fcsse bez\u00fcglich einer faserigen Structur derselben bauen darf. Denn wenn man nicht zu gleicher Zeit nachweisen kann, wie sielt die Elementarfasern des Zahnknorpels, welche zwischen je zwei Kan\u00e4lchen liegen sollen, auf dem Querschnitte verhalten : so ist ihre Existenz mehr als problematisch. Es ist die Breite dieser Zahnfasern wohl gemessen worden, allein von ihrer Dicke ist nichts angemerkt. Wie soll man sich ihre Anordnung vorstellen, wenn eine derselben nur zwischen je zwei Kan\u00e4lchen liegen soll; wie ihr Verhalten an den Ver\u00e4stelungsstellen der Zahnkan\u00e4lchen, und wie bei den Anastomosen ? Eine klare Einsicht in solche Structur Verh\u00e4ltnisse kann man nur dann erhalten, wenn man dieselben von mehreren Seiten untersucht, was bez\u00fcglich der Zahnfasern nicht geschehen ist.\nIn Erw\u00e4gung des Gesagten bin ich der Meinung, dass die Elementartheile, aus denen die Grundsubstanz des Zahnbeins entsteht, im Verlaufe des normalen, ungest\u00f6rten Entwicklungsprocesses innig mit einander verschmelzen und in der Bildung einer structurlosen Masse v\u00f6llig aufgehen. Wir besitzen f\u00fcr jetzt kein Mittel, die entwickelte Grundsubstanz in ihre urspr\u00fcnglichen Elementartheile aufzul\u00f6sen, und wir haben somit ein volles Recht, sie vorl\u00e4ufig f\u00fcr structures zu erkl\u00e4ren. Die Spuren einer Schichtung, sowie die Spaltbarkeit nach dem Laufe der Kan\u00e4lchen k\u00f6nnen nicht f\u00fcr einen Ausdruck von Structur der Grundsubstanz im engern Sinne des Wortes genommen werden. Es kommt hier wesentlich darauf an, sich dar\u00fcber zu verst\u00e4ndigen, welchen Begriff man mit dem Worte Structur verbinden will. Unter Structur im engern Sinne glaube ich aber in der Gewebelehre die Art der Zusammensetzung einer Substanz aus besonderen, selbst\u00e4ndigen, histologischen Elementen verstehen zu m\u00fcssen. Die Schichten, in welche sich die Zahnsubstanz theilen l\u00e4sst, und die faserigen Fetzen, welche vom Zahnknorpel gerissen werden k\u00f6nnen, wird man aber gewiss nicht zu histologischen Elementartheilen rechnen k\u00f6nnen. Im weitern Sinne kann man Structur gleichbedeutend nehmen mit Zusammensetzung \u00fcberhaupt, was ein Begriff von weit gr\u00f6sserem Umfang ist. Eine schichtenweise Zusammensetzung hat die Grundsubstanz allerdings, allein auch diese ist gew\u00f6hnlich gleichsam latent.\nDie \u00e4ussere Oberfl\u00e4che der Zahnsubstanz wird, wie gesagt, theils vom Schmelz, theils vom Cement \u00fcberzogen, und zwar gew\u00f6hnlich so vollst\u00e4ndig \u00fcberzogen, dass es zu den Ausnahmen geh\u00f6rt, wenn die Sclunelzgrcnze nicht zugleich genau der obern Begrenzungslinie des","page":53},{"file":"p0054.txt","language":"de","ocr_de":"54\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nCements entspricht, und so am Halse des Zahnes gr\u00f6ssere Stellen unbedeckt bleiben. Der Theil der Oberfl\u00e4che, welcher mit dem Schmelz in Ber\u00fchrung kommt, ist meistentheils uneben und entspricht vollst\u00e4ndig der Beschaffenheit der iimern Schmelzoberfl\u00e4che; er ist, so zu sagen, ein Abdruck der letzteren : der Theil, welcher an das Cement st\u00f6sst, ist hingegen fast ganz glatt und eben.\nDie Zahnsubstanz grenzt sich gew\u00f6hnlich sehr scharf gegen die beiden sie bedeckenden Substanzen ab ; zwischen Schmelz und Zahnsubstanz ist dies immer der Fall, das Cement ist jedoch manchmal weniger scharf gegen die Zahnsubstanz abgesetzt. Man findet nicht selten die \u00e4usserste Schicht der Zahnsubstanz ganz homogen beschaffen und auf Durchschnitten als einen d\u00fcnnen, hellen Streif zwischen die Substanzen gleichsam hineingeschoben. Auch an jungen Z\u00e4hnen, welche ihren Cement\u00fcberzug noch nicht vollst\u00e4ndig erhalten haben, erscheint diese Schicht sehr deutlich, und es liegt nahe, zwischen ihr und der Membrana prueformativu eine Beziehung zu suchen.\nDie innere der Keimh\u00f6hle zugewendete Oberfl\u00e4che der Zahnsubstanz zeigt eine ganz besondere Beschaffenheit, welche aller Ber\u00fccksichtigung werth ist. Um dieselbe zu untersuchen, macht man einen Fl\u00e4chenschnitt von der Wand der Keimh\u00f6hle und schleift mit Schonung der zu untersuchenden Seite, also von aussen her das Scheibchen so d\u00fcnn, als es notlnvendig erscheint. Die Gewohnheit, beim Zubereiten der Zahnschliffe abwechselnd bald die eine, bald die andere Seite derselben auf den Stein zu legen und abzuschleifen, mag daran Schuld haben, dass die eigent\u00fcmliche Beschaffenheit der Wand der Keimh\u00f6hle noch nicht genau erkannt ist: denn es gen\u00fcgen einige wenige Z\u00fcge \u00fcber den Schleifstein, um dieselbe zu verwischen oder ganz und gar zu vernichten. Das so bereitete Pr\u00e4parat legt man mit der abgeschliffenen Fl\u00e4che auf das Objectgl\u00e4schen, damit die zu untersuchende Seite dem Beobachter unmittelbar zugewendet sei. und betrachtet es mit einer 3\u2014HIOmaligen Vergr\u00f6sserung. Die Zahnsubstanz erscheint dann an ihrer inneren Oberfl\u00e4che nicht als ein gleichm\u00e4ssiges Ganze, sondern bestehend aus Kugeln von verschiedenem Durchmesser, welche in verschiedenem Grade unter einander zu einer Masse verschmolzen sind, und auf welcher die Zalmkan\u00e4lchen gegen die Keimh\u00f6hle ausm\u00fcnden. Bei Beleuchtung von oben erkennt man diese tropfsteinartige Beschaffenheit der innern Oberfl\u00e4che der Zahnsubstanz sehr deutlich durch die verschiedene Beleuchtung der kugligen Erhabenheiten und durch die Schatten, welche sie werten. Man hat es hier offenbar mit einem Entwicklungsstadium der Zahnsubstanz zu thun, denn je \u00e4lter der Zahn ist, desto weniger auffallend ist im Allgemeinen dies Verhalten, und","page":54},{"file":"p0055.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne\nuo\ndesto gleichm\u00e4ssiger wird die ( iberfl\u00e4che der Wand der Keimh\u00f6hle ; in ganz alten Z\u00e4hnen kommen wieder bedeutendere Unebenheiten daselbst vor, welche jedoch nicht kuglig sind, sondern ein narbenartig verzogenes Ansehen haben. Am besten ist es, das Pr\u00e4parat von einem Zahn zu machen, dessen Wurzel noch nicht v\u00f6llig geschlossen ist. Auf solchen Pr\u00e4paraten \u00fcberzeugt man sich leicht, dass die Grundsubstanz der zuletzt gebildeten Schichte des Zahnbeins wenigstens theilweise in Form von Kugeln auftritt, welche unter einander und mit den Kugeln der vorletzten Schichten verschmelzen, und dass der Durchmesser derselben gegen die Peripherie der Zahnsubstanz im Allgemeinen immer kleiner und kleiner, ja punktf\u00f6rmig wird. Die Mehrzahl dieser Kugeln ist von einem oder mehreren R\u00f6hrchen von innen nach aussen quer durchbohrt. Sehr h\u00e4utig jedoch erscheinen sie ganz homogen und enthalten kein R\u00f6hrchen.\nSo verh\u00e4lt sich die Sache von der Fl\u00e4che aus gesehen vgl. Taf. 6, Fig. I . Auf Quer- und L\u00e4ngsschliffen, welche durch die Keimh\u00f6hle gehen, nimmt sich diese Beschaffenheit der innern Oberfl\u00e4che der Zahnsubstanz nat\u00fcrlich anders aus. W\u00e4hrend die Zahnr\u00f6hrchen bei der ersten Ansicht dem Beobachter ihre Lumina zukehrten, pr\u00e4sentiren sie sich auf Quer- und L\u00e4ngsschliffen von der Seite. Die zum Theil verschmolzenen Kugeln, welche mehr oder weniger kreisrund erschienen, m\u00fcssen im Durchschnitt halbkuglige Erhabenheiten darstcllen und der der innern Oberfl\u00e4che der Zahnsubstanz entsprechenden Contour das Ansehen geben, als ob sie aus lauter Segmenten von Kreislinien zusammengesetzt w\u00e4re. Je weniger die Kugeln verschmolzen sind, desto \u00e4hnlicher erscheinen sie auch am Durchschnitt vollst\u00e4ndigen Kugeln. Man sieht zugleich, wie die die Kugeln durchbohrenden R\u00f6hrchen Th eile der Zahnkan\u00e4lchen sind, welche erst bei der Verschmelzung der Grundsubstanz mit dem ihrer Richtung entsprechenden Zahnr\u00f6hrchen zusammenstossen und ein Ganzes bilden. Es gelingt \u00fcbrigens nicht immer, Quer- und L\u00e4ngsschliffe zu fertigen, welche zu dieser Untersuchung taugen, weil eben wegen der Unebenheit des zu untersuchenden Randes beim Schleifen, aber namentlich beim S\u00e4gen der Scheibchen leicht Besch\u00e4digungen stattfinden.\nNimmt man ganz junge, in der Bildung begriffene Z\u00e4hne frisch aus dem Zahns\u00e4ckchen heraus und betrachtet, nachdem man den Zahn einfach in zwei H\u00e4lften gespaltet hat, die innere Oberfl\u00e4che der neugebildeten Zahnsubstanz, so findet man die Kugeln in der beschriebenen Weise, wie an den Pr\u00e4paraten von trocknen und weiter entwickelten Z\u00e4hnen, wieder; nur scheinen die Kugeln nicht oberfl\u00e4chlich, sondern in der Substanz der neuentstandenen Zahnmasse zu liegen.","page":55},{"file":"p0056.txt","language":"de","ocr_de":"56 Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nUebrigens muss ich gestehen, dass mir die Bedeutung dieser Kugeln nicht klar geworden ist, und ich wage es nicht, eine bestimmte Ansicht \u00fcber die Art ihrer Entstehung auszusprechen ; doch kann ich nicht unbemerkt lassen, dass die Kugel an den frischen, jungen Z\u00e4hnen nach Zusatz von Salzs\u00e4ure verschwinden, und demnach die Ver-muthung nahe liege, dass die anorganischen Substanzen w\u00e4hrend des Verirdungsprocesses in Form von Kugeln abgelagert werden m\u00f6chten. Dar\u00fcber kann jedoch nur eine genaue Untersuchung der Entwicklung des Zahngewebes einen vollst\u00e4ndigen Aufschluss geben. Erinnern m\u00f6chte ich hier noch an die Entwicklung der Substanz der Fisch-scliuppen, welche einige Analogie mit der der Zahnsubstanz zu besitzen scheint. Man findet n\u00e4mlich an der untern Fl\u00e4che der Schuppe \u00e4hnliche K\u00f6rper, wie die Kugeln der Zahnsubstanz, welche untereinander und mit der schon gebildeten Masse der Schuppe verschmelzen und sich nach Zusatz einer S\u00e4ure aufl\u00f6sen.\nMag dem aber sein wie ihm wolle, soviel steht fest, dass die in einem gewissen Entwicklungsstadium begriffene Zahnsubstanz in Form von solchen Kugeln auftritt, wie sic an der Wand der Keimh\u00f6hle oben beschrieben wurden, und dass diese Kugeln unter einander verschmelzen und verschmelzen m\u00fcssen, um die legitime Zahnsubstanz darzustellen. Eine Best\u00e4tigung dieses Ausspruchs erh\u00e4lt man dadurch, dass unter Umst\u00e4nden diese Verschmelzung nicht stattfindet, und die Kugeln ihre Gestalt nicht aufgeben, und dass dann an verschiedenen Stellen mitten in der Zahnsubstanz Hohlr\u00e4ume gefunden werden, welche eben durch das Nichtverschmelzen der Kugeln nothwendig entstehen. Diese L\u00fccken, welche zwischen den Kugeln bleiben, sind von sehr verschiedener Gestalt und Gr\u00f6sse1 . Ich nenne sie Interglobularr\u00e4ume. Weil die Bedeutung dieser Kugeln nicht genau erkannt, und es nicht gewiss ja unwahrscheinlich' ist, ob die Kugeln zclligen Elementen entsprechen, so habe ich gerade diese Bezeichnung gew\u00e4hlt, um nicht mit dem Namen eine Deutung auszusprechen.\nDie Interglobularr\u00e4ume kommen in verschiedener Ausdehnung und Anzahl zu verschiedenen Punkten in der Zahnsubstanz namentlich j\u00fcngerer Z\u00e4hne vor; am sch\u00f6nsten und von \u00fcberraschend grosser Ausdehnung sali ich sie in dem Pr\u00e4parate von einem Eckzahn eines 15j\u00e4hrigen Knaben, welches sich im Besitze des llrn. Prof. K\u00f6lliker befindet.\nDie Interglobularr\u00e4ume finden sich an zwei verschiedenen\n1 Ich habe eine vorl\u00e4ufige Mittheilurig dieser Untersuchungen in dem ersten Bande der Yerhandl. der physik.-medic. Gesellschaft in W\u00fcrzburg gemacht, S. (il.","page":56},{"file":"p0057.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n57\nPunkten, erstens l\u00e4ngs der Grenze zwischen der Zahnsubstanz und dem Cement, und zweitens dort, wo die Schichten, in welchen die Zahnsubstanz abgelagert wird, an einander stossen. An beiden Fundorten sind die Interglobularr\u00e4ume im Wesentlichen ganz gleich; nur darin unterscheiden sie sich einigermaassen, dass die Kugeln, welche sie begrenzen, nicht gleich gross sind. Ich habe oben bemerkt, dass die Kugeln gegen die Peripherie der Zahnsubstanz an Durchmesser im Allgemeinen abnehmen. Daher m\u00fcssen die Interglobularr\u00e4ume an der Grenze zwischen Zahnsubstanz und Cement von kleineren Kugeln begrenzt werden und \u00fcberhaupt cet. par. kleiner sein, als jene, welche mehr gegen die Mitte der Zahnsubstanz Vorkommen. leb habe (Taf. 7:, Fig. 5 eine Abbildung von den Interglobularr\u00e4umen an der Grenze zwischen der Zahnsubstanz und dem Gemente gegeben ; sie stellen sich als kleine, unregelm\u00e4ssig zackige H\u00f6hlen dar, welche deutlich durch das Auseinandertreten von kleinen bis 3/oon Wiener Linie im Durchmesser haltenden Kugeln der Grundsubstanz entstehen, und haben auf dem Durchschnitt einige Aehulichkeit mit verk\u00fcmmerten Knochenk\u00f6rperchen, f\u00fcr welche sie auch gehalten wurden. Sie bilden meist ein zusammenh\u00e4ngendes Stratum rings um die Zahnsubstanz herum und grenzen nach aussen an die oben erw\u00e4hnte structurlose Lamelle, welche zwischen Cement und Zahnsubstanz eingeschaltet gefunden wird. Betrachtet man das Stratum dieser Interglobularr\u00e4uine aut einem Fl\u00e4chenschlifif, so bemerkt man, dass sie \u00f6fter in bestimmten Abs\u00e4tzen dichter stehen, und erkennt diese Anh\u00e4ufungen mit unbe-watfnetem Auge als quer um die Zahnsubstanz laufende, durch die d\u00fcnne Cementlage durchschimmernde weisse Linien. Am ausgezeichnetsten sah ich die beschriebenen Interglobularr\u00e4ume an einem Pr\u00e4parat von einem leider nicht n\u00e4her bestimmten Thierzahne, welches sich in der Sammlung der W\u00fcrzburger mikroskopischen Anstalt befindet vgl. Taf. 7, Fig. 6 .\nWas die gr\u00f6sseren Interglobularr\u00e4ume betrifft, so liegen dieselben, wie gesagt, meist in Gruppen beisammen, welche mit der Schichtung der Zahnsubstanz in Beziehung stellen.\nTaf. (i Fig. 3 und Taf. 7 Fig. 4 habe ich einige abgebildet; doch sind es nicht von den gr\u00f6ssten.\nMan sieht (Fig. 3), wie die Zalmkan\u00e4lchen von den Hohlr\u00e4umen in ihrem Laufe unterbrochen werden. Die begrenzenden Kugeln, welche von den Zahnkan\u00e4lchen von innen nach aussen quer durchbohrt werden, sind oft von sehr ungleicher Gr\u00f6sse \u2014j*-pq>\tim(l 311\nbedeutender Anzahl vorhanden.","page":57},{"file":"p0058.txt","language":"de","ocr_de":"58\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nBei auffallendem Lieht erscheinen die Interglobularr\u00e4ume ganz weiss, hei durchfallendem schwarz und undurchsichtig. Behandelt man den Schliff mit einer Fl\u00fcssigkeit, welche leicht in die feinen Forchen der Zahnsubstanz eindringt z. B. mit Terpentin\u00f6l), so f\u00fcllen sielt die Interglobularr\u00e4ume mit derselben und werden ganz durchsichtig und hell, und ihre Begrenzungen treten sehr deutlich hervor. Es ist kein Zweifel, dass die gl\u00e4nzend weisse Farbe der Interglobularr\u00e4ume von derselben Ursache abh\u00e4ngt, wie jene silberweisse Beschaffenheit der Zalmkan\u00e4lchen \u2014 n\u00e4mlich von der Anf\u00fcllung mit Luft. Ich habe auch weiter kein erhebliches Contentum in ihnen finden k\u00f6nnen.\nUeber die Interglobularr\u00e4ume muss ich \u00fcbrigens im Allgemeinen noch Folgendes bemerken. Die Gestalt der Interglobularr\u00e4ume ist in den meisten F\u00e4llen so beschaffen, dass man ihre Begrenzung durch Kugeln auf den ersten Blick erkennt ; manchmal ist dies schon schwieriger. Es giebt aber auch Hohlr\u00e4ume, an denen man eine Begrenzung durch sph\u00e4rische Fl\u00e4chen geradezu nicht naehweisen kann, und man d\u00fcrfte geneigt sein, zu vermuthcn, dass es in der Zahnsubstanz noch Hohlr\u00e4ume andern Ursprungs, als die Interglobularr\u00e4ume, g\u00e4be.\nDie iu Frage stellenden H\u00f6hlen sehen den Knochenk\u00f6rperchen manchmal sehr \u00e4hnlich, nur dass sie oft viel gr\u00f6sser sind, als diese.\nEs w\u00e4re demnach zu untersuchen, ob dies etwa wirklich vielleicht ver\u00e4nderte Knochenk\u00f6rperchen sind, und ob sie \u00fcberhaupt den Interglobularr\u00e4umen beizuz\u00e4hlen w\u00e4ren '\nNach meinen Beobachtungen muss ich die erste Frage negativ beantworten, die zweite aber bejahen.\nZur Begr\u00fcndung meines Ausspruchs habe ich zu bemerken, dass diese Hohlr\u00e4ume sicli gegen die Zahnkan\u00e4lchen gerade so verhalten, wie die Interglobularr\u00e4ume, n\u00e4mlich die Zahnkan\u00e4lchen in ihrem Laufe unterbrechen, d. h. dass die R\u00f6hrchen auf der einen Seite, so zu sagen, in dieselben einm\u00fcnden, auf der andern Seite aus ihnen eut-springen. Wollte man nun diese Hohlr\u00e4ume durchaus fiir Knochenk\u00f6rperchen arischen, so m\u00fcssten die Zalmkan\u00e4lchen den Ausl\u00e4ufern der Knochenk\u00f6rperchen analog gesagt werden, wozu man gar keine Veranlassung hat.\nFerner ist zu erw\u00e4gen, dass die Kugeln factisch auf sehr verschiedene Weise zu einem Ganzen unter einander verschmelzen, wie uns ein Blick auf Fig. I lehrt, und dass es daher ganz gut erkl\u00e4rbar ist, wenn ein Interglobularraum keine sph\u00e4rische Begrenzung hat. Man braucht also diese Hohlr\u00e4ume nicht von den Interglobularr\u00e4umen, als verschiedene Gebilde, zu trennen.","page":58},{"file":"p0059.txt","language":"de","ocr_de":"59\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nUebrigens ist hierzu noch anzuf\u00fchren, wie verschieden in einem und demselben und in verschiedenen Z\u00e4hnen das Ansehen jener Interglobularr\u00e4ume ist. welche an der Grenze zwischen Gement und Zahn-substanz liegen : bald erscheinen n\u00e4mlich die sie begrenzenden Kugeln deutlich und unverkennbar, bald hingegen ganz und gar verwischt.\nMan wird aber doch nicht glauben wollen, dass diese Hohlr\u00e4umc einmal durch das Auseinanderweiclien oder Nichtverschmelzen der Zahnsubstanzkugeln, das andere Mal auf eine andre Weise entstehen.\nDemnach halte ich die betreffenden Hohlr\u00e4ume f\u00fcr wahre Interglobularr\u00e4ume und glaube \u00fcberhaupt an die M\u00f6glichkeit, dass L\u00fccken, welche l\u00e4ngere Zeit hindurch zwischen den Kugeln bestanden haben, selbst sp\u00e4ter noch in ihrer Gestalt ver\u00e4ndert werden, ja selbst noch verschwinden k\u00f6nnen.\nOb Knochenk\u00f6rperchen in der Zahnsubstanz \u00fcberhaupt Vorkommen, ist aber eine andre, schwer zu entscheidende Frage. Nach dem, was ich gesehen habe, m\u00f6chte icli es noch bezweifeln. Man darf nicht jeden ramificirten Hohlraum gleich f\u00fcr ein Knochenk\u00f6rperchen erkl\u00e4ren. Ein Knochenk\u00f6rperchen ist ein aus einer Zelle durch einen bestimmten Entwicklungsvorgang entstandenes Gebilde, und daher sind Hohlr\u00e4ume, welche auf eine andre Weise und nicht aus einer Zelle sich herausbilden, wenn sie auch vollst\u00e4ndig den Knochenk\u00f6rperchen \u00e4hnlich s\u00e4hen, durchaus nicht mit diesen zu verwechseln.\nMir ist \u00fcbrigens mitten unter den Kan\u00e4lchen der Zahnsubstanz Dis jetzt noch niemals ein Hohlraum vorgekommen, welcher einem ausgebildeten, legitimen Knochenk\u00f6rperchen vollst\u00e4ndig gleich gesehen h\u00e4tte. Wenn auch eine histologische Verwandtschaft zwischen Knochen- und Zahnsubstanz zugegeben wird : so ist es darum noch nicht nothwendig, dass Elemente der einen in der andern Vorkommen m\u00fcssen. Wo immer Zahnsubstanz und Knochenmasse in unmittelbare Ber\u00fchrung treten, wie z. B. auch bei pathologischen Ablagerungen von Knochensubstanz innerhalb der Keimh\u00f6hle, lindet man zwischen den Grundsubstanzen Beider eine mehr oder weniger scharfe, oft sehr auffallende Grenze und Verschiedenheit der F\u00e4rbung. Es w\u00e4re die Frage, ob Knochenk\u00f6rperchen auch in verschiedener Grundsubstanz Vorkommen k\u00f6nnen. Obgleich dieselbe nicht zu verneinen ist, so m\u00f6chte ich doch noch, den Nachweis durch Beobachtungen abwarten, dass gew\u00f6hnliche Knochenk\u00f6rperchen mitten in der Zahnsubstanz hier und da wirklich zu finden sind.\nDie Beschreibung der Hohlr\u00e4ume der Zahnsubstanz f\u00fchrt uns zur Betrachtung der Zahnkan\u00e4lchen, welche constante und wesentliche Formbestamltheile der Zahnsubstanz sind. Heber den Verlauf und","page":59},{"file":"p0060.txt","language":"de","ocr_de":"60\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\ndie Anordnung derselben besitzen wir sehr genaue Untersuchungen, und ich halte es f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig, das dar\u00fcber Gesagte noch einmal zu sagen. Nur das m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen, dass die Zahnkan\u00e4lchen \u00f6fter, als man gew\u00f6hnlich annimmt, einen unregelm\u00e4ssigen, wirren Verlauf Italien : namentlich ist dies der Fall in dem Wurzeltheile der Zahnsubstanz und in der Pars alveolaris.\nSo bekannt auch der Verlauf und die Anordnung ist, und so oft die Zalinkan\u00e4lchen Gegenstand genauer Untersuchungen waren, so giebt es doch noch in Bezug auf dieselben mehrere streitige Punkte. Abgesehen von der Art ihrer Entstehung, von der wir nichts Genaues wissen, sind es namentlich die zwei Fragen, welche noch nicht \u00fcbereinstimmend von den verschiedenen Forschern beantwortet sind : erstlich, ob die Zahnr\u00f6hrchen eigene Wandungen besitzen : und zweitens, auf welche 'Weise die Aeste der Zahnr\u00f6hrchen endigen.\nNach meinen Untersuchungen halte ich mich f\u00fcr \u00fcberzeugt, dass die ausgebildeten, normalen Zahnkan\u00e4lchen allerdings selbst\u00e4ndige Wandungen besitzen, welche aber nicht in allen Z\u00e4hnen mit derselben Deutlichkeit nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Am Besten sieht man die Wandungen an Querschliffen, an denen die Zahnkan\u00e4lchen quer oder schr\u00e4g durchschnitten sind. Es erscheint um das punktf\u00f6rmige Lumen der Zahnr\u00f6hre ein mehr oder weniger breiter, meist gelblich gef\u00e4rbter Saum, welchen schon Purkink als den Durchschnitt der Wandung gedeutet hat. In manchen F\u00e4llen ist die \u00e4ussere Contour dieses Saumes in der That nicht scharf, und man kann versucht sein, denselben f\u00fcr eine optische T\u00e4uschung auszugeben: allein h\u00e4ufig genug sieht man die \u00e4ussere Contour so scharf und bestimmt, dass man durchaus nicht den geringsten Zweifel haben kann, dass dieser Saum wirklich der Durchschnitt einer selbst\u00e4ndigen Wandung sei. Hiernach bleibt nur anzunehmen, dass die Wandungen der R\u00f6hrchen in vielen F\u00e4llen \u00fcberaus d\u00fcnn oder vielleicht durch irgend einen Vorgang ganz verschwunden sind. Gegen die feineren Verzweigungen hin nehmen die Wandungen unter allen Umst\u00e4nden an Dicke ab.\nWas die zweite Frage betrifft, so habe ich gesehen, dass die Zahnr\u00f6hrchen auf verschiedene Weise endigen. Die Zahnr\u00f6hrchen theilen sich au allen m\u00f6glichen Stellen ihres Verlaufs in Aeste, ganz nahe an der Keimh\u00f6hle, weiter entfernt von ihr, und oft erst unmittelbar an der Peripherie. H\u00e4ufig geben die Haupt\u00e4ste eine unendlich grosse Anzahl \u00fcberaus feiner Zweigehen w\u00e4hrend ihres ganzen Verlaufes ab vgl. Fig. 5j.\nDie durch die Theilungen entstandenen Aeste eines Zahnkan\u00e4lchens anastomosiren nun entweder mit den Aesten anderer R\u00f6hrchen,","page":60},{"file":"p0061.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nGl\noder sie endigen frei, und dann laufen sie bald fein aus, bald m\u00fcnden sie in verschiedene Hohlr\u00e4ume ein. Tn der Krone gelten sie h\u00e4ufig in die Schmelzr\u00e4ume \u00fcber Fig. 3'; es l\u00e4sst sich wenigstens die Contour des Zalmr\u00f6hrchens unmittelbar, ohne Unterbrechung, in die des Schmelzkan\u00e4lchens verfolgen. In dem \u00fcbrigen Theile der Zahnsubstanz stehen sie aber tlieils mit den Interglobularr\u00e4umen an der Grenze zwischen Zahnsubstanz und Cement in Verbindung (Fig. 5), oder sie erstrecken sich noch weiter in das Cement hinaus und treffen auf die Ramificationen der Knochenk\u00f6rperchen.\nEs ist offenbar zu weit gegangen, die freien Endigungen der Zahnr\u00f6hrchen der Idee einer regelm\u00e4ssigen Circulation des Zahnsaftes zu Liebe durchweg zu l\u00e4ugnen, und \u00fcberall Anastomoseu zu selten, welche zur Durchf\u00fchrung dieser Idee in so ausgedehnter Weise nicht einmal unumg\u00e4nglich nothwendig sind. Wahr ist es allerdings , dass die Anastomoseu der Zahnr\u00f6hrchen bis in die neueste Zeit zu wenig ber\u00fccksichtigt wurden. Schliesslich muss ich noch an das schon oben erw\u00e4hnte Verhalten der R\u00f6hrchen zu den grossen Interglobularr\u00e4umen erinnern, welche die Continuit\u00e4t derselben unterbrechen und in unmittelbarer Verbindung mit ihnen stehen.\nDas Zahnbein wird also nach dem Mitgetheilten von einem fast in allen Theilen zusammenh\u00e4ngenden R\u00f6hren- und H\u00f6hlensysteme durchzogen, welches ohne Zweifel zur Leitung des Ern\u00e4hrungssaftes und nicht zur Aufbewahrung freier erdiger Restandtheile bestimmt ist.\nMan hat die Vermuthung ausgesprochen, dass die Circulation der Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit in diesem zusammenh\u00e4ngenden Gef\u00e4sssysteme \u00e4hnlich vor sich gehen m\u00f6ge, wie jene des lllutes in den Arterien, Ca-pillaren und Venen. Betrachtet man jedoch die gegebenen Verh\u00e4ltnisse n\u00e4her, so muss man gestehen, dass durchaus keine Anhaltspunkte zur strengen Durchf\u00fchrung einer solchen Annahme vorhanden sind. Es d\u00fcrfte namentlich schwer zu begreifen sein, durch welche Kr\u00e4fte eine regelm\u00e4ssige Fortbewegung und Stromrichtung der Fl\u00fcssigkeit bedingt werden solle. Man k\u00f6nnte zwar glauben, dass durch das rhythmische Anschwellen der Pulpa w\u00e4hrend der Systole ihrer arteriellen Gef\u00e4sse auch eine rhythmische Bewegung in der Fl\u00fcssigkeit hervorgerufen werden m\u00fcsste ; allein erstlich ist zu bedenken, dass der Unterschied der Blutanf\u00fcllung w\u00e4hrend der Systole und Diastole in so kleinen Arterien, wie in denen der Pulpa, kein erheblicher sein wird, und zweitens sind durch die starren, dem Luftdruck widerstrebenden Wandungen der Zahnr\u00f6hrchen so eigenthtunliche physikalische Verh\u00e4ltnisse gesetzt, dass man denselben erst volle Rechnung tragen m\u00fcsste, bevor man das rhythmische Anschwellen der Pulpa -als ein bewegendes","page":61},{"file":"p0062.txt","language":"de","ocr_de":"62\nBeitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nMoment des Zahnsaftes proclamiren d\u00fcrfte. Ein andres Moment, welches jedenfalls eine Bewegung der Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit bedingen muss, ist die Ausschwitzung neuer Fl\u00fcssigkeit aus den Gef\u00e4ssen der Pulpa. Ich glaube daher, dass die Ern\u00e4hrungsfltissigkeit keineswegs in dem R\u00f6hrensysteme des Zahnbeins stagnirt, sondern dass sic in unregelm\u00e4ssiger , nicht genau determinirter Richtung bewegt werde, und dass in Bezug auf die Gef\u00e4sse der Pulpa endosmotische und exosmotische Str\u00f6mungen in der Fl\u00fcssigkeit zu Stande kommen k\u00f6nnen. \u2014 Auch auf dem Durchschnitte der Zahnsubstanz kommen \u00e4hnlich. wie an jenem des Schmelzes, eigenthiimliche Streifen vor. Auf Querschnitten sind sie kreisrund, oval, oder nach einer andern krummen Linie gebogen; auf L\u00e4ngsschnitten laufen sie schr\u00e4g von aussen und unten nach innen und oben, und zwar auf beiden Seiten der Keimh\u00f6hle ; oberhalb der Keimh\u00f6hle vereinigen sich die Streifen der einen Seite mit jenen der andern bogenf\u00f6rmig, oderstossen, wie dies namentlich in dem \u00e4ussersten Theile der Spitze geschieht, unter einem mehr oder weniger spitzen Winkel zusammen Fig. 2 . Da die Grundsubstanz des Zahnbeins v\u00f6llig durchsichtig ist, und die gl\u00e4nzend weisse. perlmutterartige Beschaffenheit der Zahnsubstanz nur durch die mit Luft gef\u00fcllten Hohlr\u00e4ume in derselben bedingt wird, so muss diese Streifung von besonderen Verh\u00e4ltnissen der Zahnkan\u00e4lchen und der Interglobularr\u00e4ume abh\u00e4ngen. Diese regelm\u00e4ssige Streifung ist gleich den Jahresringen im Holze der Ausdruck einer schichtenweisen Ablagerung und stimmt genau mit der Kr\u00fcmmung der Lagen \u00fcberein, in welchen die Zahnsubstanz abgesetzt wird. Untersucht man Hei durchfallendem Lichte die hei der Beleuchtung von oben Hell erscheinenden Streifen genau, so erkennt man, dass au diesen Stellen entweder Interglobularr\u00e4ume vorhanden sind (Fig. \"2 , oder dass die Zahnkan\u00e4lchen local erweitert oder wellenf\u00f6rmig gebogen sind, wodurch nothwendig eine Vergr\u00f6sserung der das Licht refleetirenden Fl\u00e4che gesetzt ist. Es kommen oft alle diese Momente zu gleicher Zeit zusammen, oft jedoch findet sich nur das eine oder das andere Verh\u00e4ltniss als Grund der hellem F\u00e4rbung. \u2014\nC. Vom Cement.\nWie der Schmelz die Krone, so \u00fcberzieht das Cement den Hals und die Wurzel der Z\u00e4hne als eine mehr oder weniger m\u00e4chtige Schicht. Gegen das untere Ende der Wurzel nimmt die Dicke der Cementschicht zu.\nHistologisch betrachtet besteht das Cement aus denselben Formelementen. wie die Knochensubstanz , mit Ausnahme derHaversianischen","page":62},{"file":"p0063.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne. <33\nKan\u00e4lchen, welche ich noch nicht im Cement gesehen habe. Man findet zwar dann und wann ansehnlich dicke Kan\u00e4le im Cement ; allein dieselben schienen mir immer einen andern Charakter zu haben, als wahre Knochenkan\u00e4lchen. Ich besitze ein Pr\u00e4parat von einem sehr alten Zahne, in dessen Cement sich eine bedeutend grosse Menge verzweigter , dicker und varic\u00f6ser Kan\u00e4le befinden, welche, mannigfach gebogen, in verschiedener Richtung das Cement durchziehen, aber durchaus nicht wie Haversianische Kan\u00e4lchen ausseh en. Auch in der Sammlung des Breslauer physiologischen Instituts sali ich ein Pr\u00e4parat, in welchem das Cement von zahlreichen dicken Kan\u00e4lchen durchbohrt war, die von aussen nach innen zogen und mit ihren blinden Enden mitunter bis in die Zahnsubstanz hineinreichten. Sie waren theil weise mit Luft gef\u00fcllt, einige von ihnen am Ende gabelf\u00f6rmig getlieilt. Sie standen theils in Gruppen bei einander, welche aus einer gemeinschaftlichen Vertiefung der \u00e4ussern Oberfl\u00e4che des Cements entsprangen, theils verliefen sie isolirt. Auch diese Kan\u00e4lchen erinnerten nicht an die im Knochen vorkommenden verzweigten R\u00f6hren, welche unter dem Kamen der Haversianischcn Kan\u00e4lchen bekannt sind.\nDie Knochenk\u00f6rperchen des Cements stimmen im Allgemeinen mit jenen der Knochen \u00fcberein ; nur sind ihre Ausl\u00e4ufer meist zahlreicher, feiner, und von wirrem Verlauf, so dass man beide Sorten von Knochenk\u00f6rperchen gew\u00f6hnlich auf den ersten Blick aus einander kennen kann. Die Entstehung der Knochenk\u00f6rperchen aus Zellen ist sehr sch\u00f6n an jenen Stellen der schmelzfaltigen Thierz\u00e4hne zu erkennen, wo Cement und Schmelz zusammenstossen. Die Knochenzellen liegen oft ganz isolirt in der letztem Substanz und zeigen die Verdickung ihrer Wandungen sehr deutlich. Ich habe Fig. 7 eine Abbildung davon gegeben.\nNebst den Knochenk\u00f6rperchen kommen noch d\u00fcnne Kan\u00e4lchen vor, welche manchmal wie Spr\u00fcnge aussehen und nicht selten sehr zahlreich, verzweigt und von gekr\u00fcmmtem Verlaufe sind : ihre Richtung ist quer durch das Cement hindurch vergl. Fig. 5).\nDiese verschiedenen Hohlr\u00e4ume des Cements stehen h\u00e4ufig unter einander in Verbindung; doch kann man sich leicht \u00fcberzeugen, dass im Cement kein zusammenh\u00e4ngendes R\u00f6hrensystem'besteht; ja man findet an vielen Pr\u00e4paraten lange Strecken weit oder \u00fcberhaupt gar keine Spur irgend eines dieser Hohlr\u00e4ume, und das Cement erscheint homogen.\nDie Grundsubstanz des Cements hat sehr h\u00e4ufig das Ansehen einer lamell\u00f6sen Zusammensetzung, wie jene der Knochensubstanz ; doch ist dieselbe nicht immer so deutlich und regelm\u00e4ssig, wie im Knochen.","page":63},{"file":"p0064.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nG 4\nDie \u00e4ussere Oberfl\u00e4che des Cements ist nicht ganz glatt und eben. Manchmal l\u00e4sst sie, \u00e4hnlich wie die \u00e4ussere Schmelzoberfl\u00e4che, eine regelm\u00e4ssig wulstige, mikroskopisch untersucht aber wohl immer eine k\u00f6rnige Beschaffenheit deutlich erkennen. \u2014\nD. Von den Nerven.\nDie Nerven, welche f\u00fcr die Z\u00e4hne bestimmt sind, stammen bekanntlich aus dem Nervus trigeminus und treten durch die kleinen L\u00f6chelchen an der Wurzel der Z\u00e4hne in die Keimh\u00f6hle ein, um sich in der Pulpa zu verbreiten. Die Blutgef\u00e4sse begleiten die Nerven in grosser Anzahl und l\u00f6sen sich an der Oberfl\u00e4che der Pulpa in ein reiches Capillar-netz auf.\nUm den Verlauf und die Anordnung der Nerven zu studiren, bricht man die Keimh\u00f6hle vorsichtig auf und nimmt dann mit m\u00f6glichster Schonung, ohne gewaltsames Zerren, die ziemlich lose in der Keimh\u00f6hle liegende Pulpa heraus.\nAn einem frischen Pr\u00e4parate findet man die Cfef\u00e4sse gew\u00f6hnlich sehr sch\u00f6n mit Blut injicirt und kann wegen der Menge derselben kaum etwas von den Nerven unterscheiden. Es ist daher noth wendig, ein Reagens anzuwenden, welches die Grundsubstanz der Pulpa durchsichtig und die Blutgef\u00e4sse verschwinden macht, sowie das Blut entf\u00e4rbt.\nEssigs\u00e4ure taugt hierzu gar nichts, weil nach ihrer Einwirkung eine Menge Kernbildungen auftretcn, welche auf der einen Seite soviel schlecht machen, als auf der andern Seite durch die Essigs\u00e4ure verbessert wird. Als ein dem Zwecke entsprechendes , sehr vorz\u00fcgliches Mittel ist hingegen eine mehr oder weniger ges\u00e4ttigte Natronl\u00f6sung zu empfehlen. Dieses auf der W\u00fcrzburger Mikroskopie sehr h\u00e4utig angewendete Reagens hat die Eigenschaft, nicht nur die Grundsubstanz der Pulpa vollkommen durchsichtig, sondern auch die bluterf\u00fcllten Gef\u00e4sse ganz und gar verschwinden zu machen, die Nerven hingegen nicht alsogleich anzugreifen, obschon dies nach l\u00e4ngerer Einwirkung und bei st\u00e4rkeren Concentrationsgraden endlich doch geschieht. Man hat aber immerhin Zeit genug, die Ausbreitung der Nerven, welche mit \u00fcberraschender Klarheit hervortreten, hinreichend genau zu verfolgen und zu durchsuchen. H\u00e4rtungsversinke mit Sublimat, wie ich sie an anderen Orten mit gutem Erfolg h\u00e4ufig angewendet habe, f\u00fchrten liier nicht zum Ziel, weil die Substanz der Pulpa sehr undurchsichtig wurde und, trotz aller angewendeten Mittel, blieb. Vorl\u00e4ufig ist das Natron das beste Reagens, um die Nerven der Pulpa sichtbar zu machen.","page":64},{"file":"p0065.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n65\nDie Anordnung und das Verhalten der Nerven in der Pulpa ist lange nicht so einfach, als man sich bisher vorgestellt hat. Was zun\u00e4chst die Anordnung betrifft, so treten die Primitivfasern, in viele B\u00fcndelclien gesondert, in die Pulpa ein und verlaufen gerade gestreckt von unten nach oben gegen die Spitze. Die B\u00fcndelclien sind von ver-schiedner St\u00e4rke; manche unter ihnen enthalten blos zwei bis drei Fasern ; auch einzelne Primitivfibrillen sieht man h\u00e4ufig in der Richtung der B\u00fcndel verlaufen.\nIm Allgemeinen sind die st\u00e4rkeren B\u00fcndel mehr central, die schw\u00e4cheren mehr peripherisch angeordnet. Nicht selten findet zwischen den einander n\u00e4her gelegenen B\u00fcndeln ein Austausch der Fasern statt, so dass dadurch eine Art von langmaschigem Plexus entsteht ; doch ist es f\u00fcr die Nerven der Pulpa charakteristisch, dass sie lange Strecken ganz isolirt verlaufen.\nVerfolgt man die B\u00fcndel weiter, so sieht man, dass sie sich schliesslich in ein wirres Nervengeflecht aufl\u00f6sen, welches ganz oberfl\u00e4chlich , in den \u00e4ussersten peripherischen Schichten der Pulpa liegt und an M\u00e4chtigkeit nach unten abnehmend bis \u00fcber die Mitte der Pulpa herabsteigt. Die Nervenfasern laufen da sehr unregelm\u00e4ssig, in mannigfachen Biegungen durch einander.\nDie mehr peripherisch gelegenen B\u00fcndel tragen haupts\u00e4chlich zur Bildung des untern und mittlern Abschnittes der oberfl\u00e4chlichen Ner-venverbreitung hei, die mehr central gelegenen zur Bildung des obern Abschnittes.\nDies w\u00e4re ein allgemeines Schema der Verbreitungsweise der Nerven in der Pulpa, aus dem man ersieht, dass die Nerven nicht brevi manu an die Peripherie treten, sondern dass ihre eigentliche Endverbreitung erst dann stattfindet, wenn sie an der Bildung eines mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen central gelegenen Plexus Theil genommen haben.\nDas Verhalten der Nerven innerhalb dieses allgemeinen Schema\u2019s ihres Verlaufs ist folgendes. Die Primitivfibrillen verj\u00fcngen sich nach und nach und erscheinen, nachdem sie in das oberfl\u00e4chliche Netz getreten sind, blass contourirt. Theilungen der Primitivfasern kommen an verschiedenen Punkten vor. Ich habe wiederholte Theilungen der Zahnnervenfasern nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Schwein, bei der Katze, dem Hunde und dem Kalbe beobachtet.\nUeber die eigentliche peripherische Endigung der Nervenfasern kann ich nichts Genaues angeben; von der Existenz der so h\u00e4ufig beschriebenen Endumbiegungssehlingen konnte ich mich nicht \u00fcberzeugen. Wohl sah ich schlingenf\u00f6rmige Umbiegungen der Nerven-\nCzerraak, Schriften.\t5","page":65},{"file":"p0066.txt","language":"de","ocr_de":"66 Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nfasern, namentlich in ihrer oberfl\u00e4chlichen Verbreitung; allein ich konnte niemals bemerken, dass die Faser nach ihrer Umbiegung die Pulpa wirklich wieder verlasse; denn entweder bog sie sich nach l\u00e4ngerem oder k\u00fcrzerem Verlauf abermals gegen die Spitze hinauf oder verschwand dem Blicke spurlos.\nOb die Aeste der Zahnnervenfasern frei endigen, ob sie Endschlingen oder Netze bilden, oder was sonst mit ihnen geschieht, muss icli unentschieden lassen. \u2014\nNoch in einem andern zum Zahnapparate geh\u00f6renden Gewebe abgesehen von der Pulpa, in welcher man von der Existenz der Nerven schon lange wusste), habe ich Nerven gefunden \u2014 n\u00e4mlich im Periost der Z\u00e4hne.\nEs ist bekannt, dass sich zwischen der \u00e4ussern Oberfl\u00e4che der Zahnwurzel und der Innenfl\u00e4che der Alveolen, haupts\u00e4chlich wohl zur Befestigung der Z\u00e4hne , eine straffe Zellgewebsmasse befindet, welche man als ein gemeinschaftliches Periost der Alveole und des Zahnes an-sehen kann. Bricht man einen Zahn aus seiner Alveole heraus, so ' bleibt diese Zellgewebsmasse in gr\u00f6sserer oder geringerer Ausdehnung auf dem Zahne sitzen, und es gen\u00fcgt f\u00fcr die mikroskopische Untersuchung, Partieen derselben vorsichtig mit dem Messer abzupr\u00e4pariren. In solchen Fetzen nun habe ich sehr h\u00e4ufig Nerven und Blutgef\u00e4sse gefunden, nachdem icli zur Vermehrung der Durchsichtigkeit das Pr\u00e4parat mit Essigs\u00e4ure behandelt hatte. Mir ist es nicht bekannt, dass an dieser Stelle schon fr\u00fcher Nerven beschrieben worden sind.\nDer Reichthum der Z\u00e4hne an sensitiven Nerven ist \u00fcberaus gross, und es erkl\u00e4ren sich zum Theil hieraus die enormen Schmerzen, welche in Folge von pathologischen Processen oder sonstigen Vorg\u00e4ngen an unserm Zahnapparate auftreten, und die bedeutende Empfindlichkeit gegen gewisse Reize, trotz der \u00fcberwiegenden Masse unempfindlicher, starrer Substanzen, welche die Z\u00e4hne zusammensetzen ; obschon auf der andern Seite gerade diese starren, mit so viel unorganischen Be-standtheilen durchdrungenen Substanzen in ihrer besondern Anordnung um die sensitiven Apparate herum auch wieder Verh\u00e4ltnisse setzen, welche als g\u00fcnstige Momente f\u00fcr die Reizung der Nerven betrachtet werden m\u00fcssen und selbst dann eine gr\u00f6ssere Schmerzhaftigkeit und Empfindlichkeit der Z\u00e4hne bedingen w\u00fcrden, wenn auch nicht so viele sensitive Nerven vorhanden w\u00e4ren.\nIcli reflectire hierbei einmal auf den Umstand, dass die nervenreiche Pulpa in einer beschr\u00e4nkten, mit starren, unnachgiebigen Wandungen versehenen H\u00f6hle eingeschlossen ist und daher bei entz\u00fcndlichen Processen, welche mit Exsudatbildung innerhalb der Keimh\u00f6hle","page":66},{"file":"p0067.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n67\neinhergehen, sehr leicht einem bedeutenden Drucke ausgesetzt werden kann, welcher unter anderen Verh\u00e4ltnissen durch die M\u00f6glichkeit, dem Drucke des Exsudats auszuweichen, vielleicht sehr gering sein w\u00fcrde, \u2014 und dann auf die Leichtigkeit des Zustandekommens von Ersch\u00fctterungen in so starren, harten K\u00f6rpern, wie die Zahnsubstanzen, und die besondere Leitungsf\u00e4higkeit derselben f\u00fcr gewisse Reize. Als Beispiel f\u00fcr den letztem Umstand f\u00fchre ich das bekannte Factum an, dass man zwischen den Z\u00e4hnen die feinsten Sandk\u00f6rnchen mit Leichtigkeit bemerkt, w\u00e4hrend dieselben zwischen den Fingern kaum eine erhebliche Empfindung verursachen k\u00f6nnen.\nDie Empfindlichkeit eines sensitiven Organs h\u00e4ngt wesentlich allerdings nur vou der absoluten Menge der sensitiven Nervenprimitiv-fibrillen ab ; allein es ergiebt sich aus dem Gesagten, dass die Structur und Beschaffenheit des Organs in verschiedner Weise modificirend auf diese Eigenschaft ein wirken kann.\nDie Bestimmung der Z\u00e4hne ist, als Werkzeuge zur Verkleinerung der Speisen zu dienen. Die reiche Ausstattung dieser mechanischen Werkzeuge mit sensitiven Nerven l\u00e4sst aber vermuthen, dass sie beim Acte des Kauens noch eine andere Rolle spielen werden, und dies ist auch wirklich der Fall. Die Z\u00e4hne geh\u00f6ren n\u00e4mlich mit zu den zahlreichen Organen des Tastsinnes es sind gleichsam colossal entwickelte Tastpapillen und vermitteln verschiedene sinnliche Wahrnehmungen. Sie haben deshalb auch \u2014 gleich den \u00fcbrigen sensitiven Vorrichtungen in der Mundh\u00f6hle \u2014 noch die Bestimmung, die Th\u00e4tigkeit. der motorischen Apparate beim Kauen mit beherrschen und zweckdienlich regu-liren zu helfen. Der Act des Kauens ist ein sehr zusammengesetzter, obschon der blos mechanische Theil desselben ganz einfach ist. Die motorischen Vorrichtungen allein ohne die sensitiven Apparate der Mundh\u00f6hle k\u00f6nnten keine zweckm\u00e4ssige Verkleinerung der Speisen zu Stande bringen, und zwar schon darum, weil sie \u00fcberhaupt gar nicht in Th\u00e4tigkeit gesetzt w\u00fcrden, wenn wir nicht durch die sensitiven Nerven belehrt w\u00fcrden, dass sich Speisen im Munde befinden. Es ist elien die Function der sensitiven Apparate, also auch der Z\u00e4hne, uns w\u00e4hrend des Kauens \u00fcber die Lage und Beschaffenheit der Speisen in Kenntniss zu setzen und zu erhalten, wodurch dann der Kraftaufwand und die Art der Bewegung der Zunge, des Unterkiefers und der anderen hierher geh\u00f6rigen beweglichen Theile bestimmt wird.\nDamit die Z\u00e4hne als Tastwerkzeuge wirken und \u00fcberhaupt Empfindungen vermitteln, m\u00fcssen die Nerven der Pulpa gereizt werden. Die Nerven, welche ich im Zahnperiost gefunden habe, will ich vorl\u00e4ufig gar nicht in Rechnung bringen, indem Versuche \u00fcber die Empfindlich-","page":67},{"file":"p0068.txt","language":"de","ocr_de":"68 Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\nkeit des Periosts \u00fcberhaupt, welche auf der W\u00fcrzburger Mikroskopie angestellt wurden, ein negatives Resultat gegeben haben). Eine Reizung dieser Nerven kann aber (wenn der Zahn ganz unversehrt ist), von aussen her nur entweder durch eine Bewegung des ganzen Zahnes hervorgebracht werden, wodurch eine Zerrung der Nerven oder ein Druck auf die in die Wurzel eintretenden Nervenst\u00e4inmchen ausge\u00fcbt wird, oder durch eine totale oder partielle Ersch\u00fctterung, welche jedoch von einer gewissen Heftigkeit sein muss, damit sie sich bis zu den Nerven hinein fortpflanzt. W\u00e4rme, K\u00e4lte und andere specifische Reize m\u00fcssen durch die Substanzen des Zahnes bis zu den Nerven fortgeleitet werden, um auf dieselben einwirken zu k\u00f6nnen.\nWas die Sch\u00e4rfe der Empfindung in den Z\u00e4hnen betrifft, so ist dieselbe ziemlich gering, indem wir nur unklar unterscheiden k\u00f6nnen, wo, an welchen Stellen ein bestimmter Zahn ber\u00fchrt wird. Der wirre Verlauf der Nerven in der peripherischen Ausbreitung derselben kann dies vielleicht einigermassen erkl\u00e4ren ; \u00fcberdies ist noch der Umstand zu ber\u00fccksichtigen, dass die durch die Ber\u00fchrung an einer Stelle erzeugten Ersch\u00fctterungen sicli in gr\u00f6sserer Ausdehnung der festen Zahnsubstanz mittlieilen, und daher bei jeder Ber\u00fchrung wohl alle Nerven, freilich mehr oder weniger stark, ersch\u00fcttert und gereizt werden m\u00fcssen. Es ist hiernach eigentlich sehr bemerkenswerth, dass die Z\u00e4hne relativ doch noch so viel Sch\u00e4rfe der Empfindung haben.\nMan hat hier an den Z\u00e4hnen ein sch\u00f6nes Beispiel, in welcher Weise die Beschaffenheit eines sensitiven Organs und die physikalische Qualit\u00e4t seiner Substanzen bestimmend und modificirend auf die Brauchbarkeit und die Function desselben einwirken kann.\nWenn die Nerven in den Z\u00e4hnen wirklich auch so angeordnet und eingerichtet w\u00e4ren, dass sie nocfi weit sch\u00e4rfer, als in ihrer jetzigen Anordnung, gleichzeitige und r\u00e4umlich von einander entfernt einwirkende Reize in der Empfindung r\u00e4umlich zu sondern im Stande w\u00e4ren, so w\u00fcrden die Z\u00e4hne aus dem angegebenen Grund wahrscheinlich doch keine feinf\u00fchlenden und ausgezeichneten Tastwerkzeuge sein, obschon sie nat\u00fcrlich trotzdem feinf\u00fchlend genannt werden m\u00fcssten.\nEs verhielte sich dabei gerade so, wie bei einem Auge, welches aus einer sehr scharf empfindenden Retina und aus einem sehr unvollkommenen, ganz undeutliche Bilder entwerfenden optischen Apparate best\u00e4nde.\nDieses Auge w\u00fcrde zwar ein sehr schlechtes, unbrauchbares Seh-werkze u g sein ; allein es w\u00fcrde immerhin die auf seiner Retina entworfenen Bilder bis auf die kleinsten Zerstreuungskreise genau und","page":68},{"file":"p0069.txt","language":"de","ocr_de":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne.\n69\nscharf wahmelimen und deshalb als ein feinf\u00fchlendes Organ betrachtet werden m\u00fcssen.\nDie Sch\u00fcrfe der Empfindung in einem Organe h\u00e4ngt wesentlich blos von der Anordnung der Nerven ab n\u00e4mlich von der relativen Menge Primitivfasern, welche gesonderte Empfindungen vermitteln : auf (fen Bau und die physikalische Qualit\u00e4t desselben kommt gar nichts an, sobald die Nerven nur \u00fcberhaupt durch \u00e4ussere Gegenst\u00e4nde in einen Reizungszustand versetzt werden k\u00f6nnen, weil sonst die sensitive b \u00e4higkeit dieses Organs gar nicht in die Erscheinung treten kann \u2014 ausgenommen durch subjective Empfindungen.\nIch schliesse hiermit diese Betrachtungen, welche sich in ausgedehntem Maasse \u00fcber die neuro-physiologischen Verh\u00e4ltnisse der Z\u00e4hne anstellen Hessen, weil mich dies weit \u00fcber die Grenzen einer anatomischen Abhandlung hinausf\u00fchren w\u00fcrde : nur das will ich noch bemerken , dass das eben Gesagte zur Erl\u00e4uterung meiner an einem andern Orte \u00fcber diesen Gegenstand ausgesprochenen Ansichten dienen kann.\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nTafel 6 und 7.\n1 ig. 1 stellt die eigenth\u00fcmliche Beschaffenheit der inneren Oberfl\u00e4che des Zahnbeins dar. Die Zeichnung ist nach einem Pr\u00e4parate von einem zweiten oder bleibenden menschlichen Zahne, dessen Wurzel noch nicht v\u00f6llig geschlossen war, gefertigt.\nPjg. 2. L\u00e4ngsschnitt eines Eckzahns bei schwacher Vergr\u00f6sserung.\nEig. \u00f6. Interglobularr\u00e4ume in der Zahnsubstanz der Krone, und Schmelzr\u00e4ume. L\u00e4ngsschliff. Vergr\u00f6sserung 400.\nFig. 4. Zahnsubstanzkugeln im Querschnitt. Aus der Krone eines Mahlzahns.\nEig. 5. L\u00e4ngsschliff von einem untern Eckzahn eines 15j\u00e4hrigen Knaben. Eine Stelle im untern Drittel der Wurzel.\nFig. 0. Interglobularr\u00e4ume an der Grenze zwischen Cement und Zahnsubstanz. Das Pr\u00e4parat ist aus einem nicht n\u00e4her bestimmten Thierzahne gemacht.\nFig. 7. Querschnitt eines Mahlzahnes vom Pferde. Eine Stelle, wo Cement und Schmelz unmittelbar aneinander stossen.","page":69}],"identifier":"lit16153","issued":"1879","language":"de","pages":"40-69","startpages":"40","title":"Beitr\u00e4ge zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:07:12.543166+00:00"}
