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Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien

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{"created":"2022-01-31T16:14:42.398338+00:00","id":"lit16157","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 114-156. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0114.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien,\n//. Zweier \u00e4gyptischer Mumien, \u2014 Sitsmgsber. d. k. Aead. rf. Wissensch. in Wien. 1851. Octoberheft, lid. IX. S. 417 ',\n1. eines Mumienarmes aus dem Caveau de St. Michel, \u2014 Zeitschr. /'. wissenseh. Zoologie\n1854. Bd. VI. S. 298.]\n(Hierzu Taf. 9).\n1.\nDu, \u2022ch die g\u00fctige Vermittelung des Hern, Hofrathes Sacher-Masoch erhielt das physiologische Institut in Prag aus der Sammlung des b\u00f6hmischen Museums zwei \u00e4gyptische Mumien zum Geschenke. Als Assistent des genannten Institutes hatte ich Gelegenheit, diese beiden Antiquit\u00e4ten, welche mein Interesse in vielfacher Beziehung erregten, genauer zu untersuchen. Was ich gefunden und beobachtet habe, ist in Folgendem mitgetheilt, und wird, wie ich hoffe, als ein Beitrag zur Vervollst\u00e4ndigung der Kenntnisse von den Mumien Aegyptens nicht unwillkommen sein. Ueber den Fundort und die \u00fcbrigen Verh\u00e4ltnisse unserer beiden Exemplare habe ich leider nichts ermitteln k\u00f6nnen, was in arch\u00e4ologischer Beziehung von Bedeutung w\u00e4re. Man weiss von ihnen nur. dass sie zu sehr verschiedenen Zeiten \u201each Prag gebracht wurden und seit einer langen Reihe von Jahren im Besitze des b\u00f6hmischen Museums sind. In unser Institut kamen sie im Fr\u00fchjahr 1851, verpackt in einer einfachen Kiste. Der Sarkophag, welcher die eine der Mumien eingeschlossen haben soll, ist in der Sammlung des Museums geblieben.","page":114},{"file":"p0115.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n115\nI.\nDie gr\u00f6ssere der beiden Mumien war noch vollst\u00e4ndig in ihren Binden eingewickelt. Es mochten h\u00f6chstens die oberfl\u00e4chlichsten fehlen, welche vielleicht auch in diesem Falle beschrieben und verziert waren (Zierbinden).\nDie kleinere Mumie hingegen musste schon fr\u00fcher einmal einer ziemlich rohen Untersuchung unterlegen sein und war zum Theil abgewickelt und zerbrochen. Sie erschien weniger gut conservirt, woran wohl die Zerst\u00f6rung des Zusammenhanges und der Einfluss des wechselnden Klimas die meiste Schuld haben mag. Der Kopf war bei jener fr\u00fcheren Untersuchung vom Rumpfe getrennt, das Gesicht bis auf die Knochen entbl\u00f6sst und der Thorax von hinten ge\u00f6ffnet worden. S\u00e4imnt-lich\u00e8 Hals-, fast alle Brustwirbel nebst den Rippen. dem Brustbeine, den Schulterbl\u00e4ttern und Schl\u00fcsselbeinen fehlten, so dass in der Brustgegend nichts \u00fcbrig blieb, als vorne die \u00fcber einen Zoll dicke Lage der einh\u00fcllenden Binden, welche seitlich die beiden Arme in ihrer urspr\u00fcnglichen Stellung mit einschloss. In der Bauchgegend war ein tiefes Loch in die H\u00fcllen gegraben : wahrscheinlich hatte man damals nach einer Papyrus-Rolle oder sonst einer Beigabe gesucht.\nDie Art derE i n wi ck e lun g konnte ich namentlich an der gr\u00f6sseren Mumie genau studiren. Es folgte. Lage auf Lage, bald eine Menge schmaler Binden, regelm\u00e4ssig und symmetrisch gewickelt, bald ein gr\u00f6sserer Lappen, der sich \u00fcber ganze K\u00f6rpertheile ausdehnte und hie und da Ballen von Fetzen \u00fcberdeckte, mit welchen die \u00fcbriggeblie-benen Vertiefungen ausgestopft waren. Ueber die verschiedenen Arten der Wicklung sind schon von mehreren Autoren, welchen ein gr\u00f6sseres Material zu Gebote stand, sehr detaillirte Angaben gemacht worden, und ich verweise um so mehr auf dieselben, als ich Uber diesen Punkt nichts Neues beizubringen w\u00fcsste.\nDie Menge des zur Einwickelung einer Mumie verwendeten Materials ist sehr bedeutend und es muss die f\u00fcr die Hunderttausende von Mumien aufgebrauchte Gesannntmenge eine abenteuerliche Summe geben. Nach der Masse, die ich selbst von der gr\u00f6sseren Mumie abgewickelt habe, kann ich die Angabe des bekannten Reisenden F. W. Sieber 1 , nach welcher 500 bis 40UO Ellen Stoff verbraucht wurden, nicht f\u00fcr \u00fcbertrieben halten.\nDas Gewebe der Lappen und Binden, in welche unsere beiden\n1 F. W. Sieber: Beschreibendes Verzeichniss der in den Jahren 1817 nnd 1818 auf einer Krise durch Greta, Aegypten und Pal\u00e4stina gesammelten Alter-thiimer etc., nebst einer Abhandlung Uber \u00e4gyptische Mumien. V ien 1820.","page":115},{"file":"p0116.txt","language":"de","ocr_de":"116 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nMumien eingewickelt waren, ist ziemlich grob, aber sehr gleich gearbeitet. Ich habe die Fasern desselben mikroskopisch und chemisch untersucht. Sie waren nicht platt und drehten sich unterWasser nicht spiralig zusammen, wie die Fasern der Baumwolle ; sie waren vielmehr gerade gestreckt rundlich, und stimmten auch sonst mit den Bastzellen des Leines und des Hanfes \u00fcberein. Im Durchschnitt haben sie einen Durchmesser von 0,006\u20140,008 Wiener Linien, doch kommen auch dickere von 0,012'\" und viel feinere von 0,004'\" vor. Mit Iodund Schwefels\u00e4ure behandelt, quollen die Fasern rasch auf und f\u00e4rbten sich sch\u00f6n blau ; der Primordialschlauch setzte sich sehr deutlich als ein braungelber Faden von den blauen Verdickungsschichten ab, welche in ziemlich regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden ringf\u00f6rmig eingeschn\u00fcrt waren. Das Verhalten gegen diese Keagentien unterscheidet die Fasern nun auch von jenen des Hanfes und vervollst\u00e4ndigt ihre Ueberein-stimmung mit denen des Leins. Vgl. Die Pflanzenzelle, der innere Bau und das Leben der Gew\u00e4chse von Du. Schacht, Berlin 1852, S. 214\u2014217 ; ferner Taf. IX, Fig. 10 ;. Demnach muss ich das fragliche Gewebe an unseren Mumien f\u00fcr Leinwand erkl\u00e4ren.\nJomard *) findet zwar wie er glaubt in Uebereinstimmung mit Herodot , welcher \u00fcberall, wo von dem Zeuge zum Einwickeln der Mumien die Rede ist, den Ausdruck Byssus braucht , dass das Gewebe durchg\u00e4ngig aus Baumwolle gemacht sei, allein er gibt doch auch eine Ausnahme von der Regel zu. Die Mumien aus den Katakomben von Pliilae sind n\u00e4mlich nach seiner Beschreibung in \u00fcberaus grobe Flachsleinwand gewickelt. Rouyer1 2) behauptet entgegen Caylus und Rouelle, dass das Gewebe nicht immer ein Baumwollenstoff, sondern sehr h\u00e4ufig Leinwand sei. Gerade die mit mehr Sorgfalt behandelten Mumien, so auch jene des Ibis, sind nach ihm meist in Leinwand eingewiekelt.\nThomson und Bauer3 endlich wollen bei der mikroskopischen Untersuchung einer \u00fcberaus grossen Menge von Proben der verschiedensten Gewebe, welche an den Mumien gefunden wurden, auch nicht eine Baumwollenfaser erkannt haben und erkl\u00e4ren alles Mumienzeug f\u00fcr Leinwand, den Byssus der Alten aber demgem\u00e4ss f\u00fcr Flachs. (Vgl. hier\u00fcber bes. C. Ritters : Ueber die geograpli. Verbreitung der Baumwolle und ihr Verh\u00e4ltniss zur Industrie der V\u00f6lker alter und neuer Zeit, I. Abschnitt, S. 19. Berlin 1852, beiDiimmler).\n1\tDescription de l\u2019Egypte, seconde \u00e9dition. Paris 1821, tom. Ill, p. 71.\n2\tDescription de 1 Egypte, seconde \u00e9dition. Paris 1822, tom. VI, p. 477.\n3\tThomson : Ueber das Gewebe an den \u00e4gyptischen Mumien. Liebig\u2019s Ann. Band 69.","page":116},{"file":"p0117.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n117\nVon Papyrus-Rollen, Amuleten und dgl., fand ich weder bei der gr\u00f6sseren noch hei der kleineren Mumie eine Spur ; es w\u00e4re denn eine lose um den linken Oberarm der ersteren gebundenes Strickchen, von welchem in keiner der mir bekannten einschl\u00e4gigen Schriften Erw\u00e4hnung geschieht, hierher zu rechnen. Die kleinere Mumie k\u00f6nnte m\u00f6glicher Weise schon fr\u00fcher dieser Dinge beraubt worden sein. Uebrigens sind namentlich die Papyrus-Rollen selten genug und scheinen nur besonders ausgezeichneten Personen, unter welche unsere beiden Mumien wohl nicht geh\u00f6rt haben, .beigegeben worden zu sein. Es darf desshalb gar nicht Wunder nehmen, wenn diese interessanten Beigaben fehlen.\nNach v\u00f6lliger Enth\u00fcllung ergab sich die gr\u00f6ssere Mumie als der K\u00f6rper eines erwachsenen weiblichenl n d i v i d u u m s, die kleinere als der eines Knaben von etwa 15 Jahren. Ich habe schon oben angegeben , in welchem Zustande sich die kleinere Mumie befand, als ich sie zur Untersuchung bekam. Trotz der beschriebenen Zerst\u00f6rung war ich jedoch nichts destoweniger im Stande, die wesentlichsten Verh\u00e4ltnisse mit Sicherheit zu ermitteln. Zum Theil verdanke ich gerade diesem Umstande einige wichtige Aufschl\u00fcsse, \u00fcber die Erhaltung der Structur verschiedener Gewebe, welche nur durch die, an diesem Exemplare eben gestattete, r\u00fccksichtslosere Untersuchung zu erhalten waren.\nDie Gr\u00f6sse des K nabe n vom Scheitel bis zur Sohle habe ich ann\u00e4hernd auf 1,35 m bestimmt.\nDie Stellung, in welcher derselbe mumificirt und eingewickelt worden war, liess sich aus der relativen Lage der vorhandenen Theile im Allgemeinen ganz gut erkennen. Ob der abgetrennte Kopf auf der nicht mehr vorhandenen Halswirbels\u00e4ule etwas nach vorne geneigt war, konnte freilich auf keine Weise ermittelt werden, ist aber wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen. Der Rumpf und die Beine sind gerade gestreckt; die letzteren einander wohl gen\u00e4hert doch nicht bis zur Ber\u00fchrung, indem zun\u00e4chst nicht nur jedes Bein, sondern auch jeder Kuss f\u00fcr sich mit Leinwand umwickelt worden war 1 . Die Arme sind gleichfalls gerade gestreckt, dabei aber nach vorne und einw\u00e4rts gerichtet, so dass sich die H\u00e4nde Uber der Schooss-gegend kreuzen. Nach Sieber (a. a. O., S. 18) findet man gew\u00f6hnlich daselbst, zwischen den zusammengeneigten H\u00e4nden, jene merkw\u00fcrdigen Papyrus-Rollen, welche die Biographie des Verstorbenen\n1 Selbst jede einzelne Zehe fand ich mit Bindfaden umwickelt. Aehnlich berichtete Jomard (a. a. 0., S. 70) u. A.","page":117},{"file":"p0118.txt","language":"de","ocr_de":"1 18 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nenthalten sollen ; seltener trifft man sie in den Achselgruben oder an den F\u00fcssen an \u2014 falls sie \u00fcberhaupt vorhanden sind.\nDie Haut und die von ihr bedeckten Weichtheile waren zu mehr oder weniger dicken pergamentartigen Schienen zusammengetrocknet, welche aussen schmutzig dunkelbraun, auf der Innenfl\u00e4che hellbraun, ja selbst weisslich gef\u00e4rbt erschienen, und vielfach geborsten, den Knochen fast \u00fcberall nur lose auflagen. Die \u00e4usseren Geschlechtstheile waren auffallend gut eonservirt. Namentlich der Penis, welcher seine eigene, einfache H\u00fclle und um diese, der Eichel entsprechend, einen abziehbaren Ring von Leinwandstreifen hatte, zeigte sich vollkommen erhalten. Seine L\u00e4nge betrug \u00fcber 4 cm, seine Dicke etwa 1 cm, die Lichtung der Harnr\u00f6hre 1 mm. Die Glans war nicht abgesetzt, doch konnte ich auch von einem Pr\u00e4putium nichts bemerken, welches den freien Rand derselben h\u00e4tte \u00fcberdecken k\u00f6nnen. Uebrigens hat man in Aegypten, wie es scheint ganz allgemein, an den 14 j\u00e4hrigen Knaben die Beschneidung vorgenommen' , und der Mangel der Vorhaut w\u00fcrde nur darauf hindeuten, dass dieser Knabe \u00fcber 14 Jahre alt war. An Querschnitten des Penis, welche in Wasser aufgeweicht waren, konnte ich die Corpora cavernosa penis und den Schwellk\u00f6rper der Harnr\u00f6hre mit unbewaffnetem Auge deutlich unterscheiden.\t'\nVon einer Vergoldung oder F\u00e4rbung der Genitalien war durchaus nichts wahrzunehmen. Der Mangel dieser sonderbar angebrachten Verzierung zeugt entweder f\u00fcr die wenig ausgezeichnete sociale Stellung des betreffenden Individuums, oder es erkl\u00e4rt sich derselbe durch das jugendliche Alter des Mumificirten. M\u00f6glicher Weise k\u00f6nnte dies Exemplar aber auch aus einer Zeit stammen, wo das Vergolden und F\u00e4rben der Cadaver noch nicht oder nicht mehr Mode war.\nDie vordere Bauchwand hatte, offenbar durch die erw\u00e4hnte Zerst\u00f6rung der deckenden Binden, sehr gelitten und brach trotz der vorsichtigen Behandlung ein. Ich kann desshalb nicht mit Bestimmtheit angeben, ob in derselben eine Oeffnung, behufs der Entfernung der Eingeweide, bestanden hat oder nicht.\nIn der Beckenh\u00f6hle fand ich eine schwarze, por\u00f6se, schlacken-artige Masse, welche auf dem durch eine grosse Oeffnung in der Damm-gegend hereingestopften Leinwandpfropf aufsass und nach vorne in\n1 Jomard citirt als Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr diese Sitte der alten Aegypter den heiligen Ambrosius a. a. O., S 83;, welcher, bez\u00fcglich der M\u00e4dchen, \u00e4hnliches berichtet: \u00bb... et feminae apudeos eo dem anno (sc. decimo quarto) circumcidi ferun-tur; quod ab eo videlicet anno incipiat flagrare passio virilis et feminarum menstrua sumant exordia\u00ab.","page":118},{"file":"p0119.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n119\nbeide Foramina obturata reichte. Die hintere obere Partie dieser Schlacke nahm eine compacte aber weichere, braungef\u00e4rbte Substanz ein.\nDie fraglichen Massen, welche offenbar anstatt der Eingeweide in den Bauch gebracht worden waren, f\u00fcllten die Beckenh\u00f6hle nicht ganz aus, und lagen ziemlich lose in dem bezeichneten Raume, so dass ihre Entfernung keine Schwierigkeiten verursachte. Auf dem Platinblech gegl\u00fcht, verfl\u00fcchtigten sie sich bis auf einen unbedeutenden R\u00fcckstand.\nVon den Weichtheilen des Kopfes war nach jener fr\u00fcheren, rohen Untersuchung nichts \u00fcbrig geblieben, als die pergamentartig zusammengetrocknete Kopfschwarte und die beiden sehr wohl erhaltenen, 15 mm langen und 28 mm breiten, zierlich gerundeten Ohren, an welchen Helix und Antihelix, die Crura furcata, Tragus und Antitragus mit aller Deutlichkeit zu sehen sind.\nDie Lage des Ohres bietet ebenso wenig als jene des \u00e4usseren Geh\u00f6rganges die geringste Abweichung von der Norm dar. Es ist bekannt, dass man eine Zeit lang die h\u00f6here Lage des Ohres, welche in den Darstellungen der bildenden K\u00fcnste Aegyptens oft bis zur Cari-catur gesteigert ist, als eine Eigent\u00fcmlichkeit im ethnographischen Charakter der alten Aegypter angesehen hat. Nach Morton\u2019s 1 ausgedehnten Untersuchungen, mit welchen meine Beobachtungen an unseren beiden Mumien \u00fcbereinstimmen, ist der kn\u00f6cherne \u00e4ussere Geh\u00f6rgang weder h\u00f6her noch tiefer angebracht, als bei anderen Racen. Die h\u00f6here Lage des Ohres, falls sie die nat\u00fcrliche Erkl\u00e4rung des schon von Winkelmann an den menschlichen Darstellungen der alten Aegypter bemerkten Proportionsfehler wirklich abgeben sollte, k\u00f6nnte sich demnach nur auf die \u00e4usseren knorpeligen Tlieile beziehen. Aber auch diese zeigen durchaus nichts Abweichendes, weder in der Gestalt noch in der Lage. Morton bemerkt zwar, dass sich durch das Zusammentrocknen der Weichtheile das Lagenverh\u00e4ltniss des Ohres an den Mumien etwas ge\u00e4ndert haben k\u00f6nnte, allein er scheint, mit Recht, selbst nicht viel Gewicht auf diesen Einwurf gelegt zu haben. Uebri-gens f\u00fchrt er auch an, dass der besprochene Fehler in der Zeichnung, an den K\u00f6pfen aller Nationen, welche auf den \u00e4gyptischen Gem\u00e4lden Vorkommen, h\u00e4ufig zu sehen sei. (Vgl. a. a. 0. Plate XIV .\nVon den Haaren fand ich nach sorgf\u00e4ltiger Untersuchung einzelne rotlibraun gef\u00e4rbte Reste auf der Kopfhaut; in feinen Durch-\n1 Crania aegyptiaca ; or observations on egyptian Ethnography, derived from Anatomy, History and the Monuments, by S. G. Morton M. D. London, 1844.","page":119},{"file":"p0120.txt","language":"de","ocr_de":"120 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nschnitten der aufgeweichten Schwarte konnte ich sie in gr\u00f6sserer Anzahl entdecken. Das Kopfhaar war an diesem Exemplar keinesfalls rasirt worden. Es wurde vielmehr ohne Zweifel erst von sp\u00e4ter eingedrungenen Insecten zum gr\u00f6ssten Tlieil zerst\u00f6rt. Schamhaare waren nicht vorhanden.\nDie Untersuchung der Z\u00e4hne war mir wegen des jugendlichen Alters dieses Individuums von besonderem Interesse. Es ist bekannt, dass Blumenbach wiederholt auf die eigenth\u00fcmliche Form der stark abgenutzten Z\u00e4hne der Mumien aufmerksam gemacht und die Ver-muthung ausgesprochen hat, dass dieselbe kaum gen\u00fcgend durch das blosse Abschleifen beim Kauen harter Nahrung erkl\u00e4rt werden m\u00f6chte, sondern ihren Grund wohl in einer urspr\u00fcnglich verschiedenen Bildung der Z\u00e4hne habe. Prichard f) u. A. fanden diese Conjectur, welche bei der Wichtigkeit des Gegenstandes alle Ber\u00fccksichtigung verdiente, durch die Untersuchung von Kindermumien v\u00f6llig unbegr\u00fcndet, indem bei diesen alle Z\u00e4hne, sowohl die bleibenden als die Milchz\u00e4hne, genau denen anderer Kinder des gleichen Alters \u00e4hnlich waren, und kamen zu der Ueberzcugung, dass das besondere Aussehen der Z\u00e4hne Erwachsener von der Beschaffenheit ihrer Nahrungsmittel abh\u00e4ngen muss, wenn es nicht etwa durch Abfeilen oder eine analoge Gewohnheit hervorgebracht wurde.\nAn unserem Sch\u00e4del waren die Z\u00e4hne vollz\u00e4hlig, wohlerhalten und in sehr geringem Maasse abgenutzt ; ich kann daher einen nicht unwichtigen Beitrag zur Entscheidung der angeregten Frage liefern, indem das Alter des Knaben vielleicht gerade das passendste zu der betreffenden Untersuchung sein m\u00f6chte. Ich fand im Ganzen 28 Z\u00e4hne, von denen 14 auf den Oberkiefer und 14 auf den Unterkiefer kommen. Von den letzten Mahlz\u00e4hnen den sogenannten Weisheitsz\u00e4hnen konnte ich im Oberkiefer keine Spur entdecken, im Unterkiefer waren sie wohl schon angelegt, aber noch nicht durchgebrochen. Die Schneidez\u00e4hne hatten meisseiartig zugeisch\u00e4rfte Kronen, mit vorderer convexer, und hinterer concaver Fl\u00e4che wie gew\u00f6hnlich ; die Eckziilme conisch zugespitzte Kronen, und an der hinteren Seite eine Hache mittlere Eeiste ; die Backenz\u00e4hne zeigten auf der Kaufl\u00e4che einen \u00e4usseren und einen inneren H\u00f6cker, die Mahlz\u00e4hne 1\u20145 H\u00f6cker. Auch die Dimensionen der Kronen und H\u00e4lse der Z\u00e4hne waren die gew\u00f6hnlichen. Kurz, ich fand nicht die geringste Abweichung vom normalen Zahnbau, welche man als eine besondere Eigenth\u00fcmlichkeit h\u00e4tte bezeichnen k\u00f6nnen.\n1 J. C. Prichard: Naturgeschichte des Menschengeschlechts, Leipzig 1840, Bel. II, S. 265 u. f.","page":120},{"file":"p0121.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n121\nDie Abn\u00fctzung der sehr dicht an einander stehenden Z\u00e4hne deutet trotz ihres geringen Grades bei der Jugend des Individuums auf sein-harte Nahrungsmittel, vielleicht auch auf die relative Weichheit der Schmelzsubstanz. Die Z\u00e4hne des Unterkiefers zeigten sich mehr abgenutzt als jene des Oberkiefers, was mit der freien Beweglichkeit des ersteren im Zusammenhang steht. Die unteren Schneidez\u00e4hne waren etwas schr\u00e4g von hinten und oben nach vorne und unten abge-schliffen, die oberen Schneidez\u00e4hne aber dem entsprechend auf ihrer hinteren concaven Fl\u00e4che ausgewetzt, und an der Schneide schr\u00e4g von vorne nach hinten und oben abgestutzt. Die Substantia tubulosa sah an den Stellen, wo der Schmelz\u00fcberzug bereits durchgerieben war, als ein schmaler gelber Querstrich hervor. Die unteren Eckz\u00e4hne trugen nach aussen und vorne auf ihrer Spitze eine absch\u00fcssige Facette, die oberen nach hinten und innen. Das kaum entbl\u00f6sste Zahnbein markirte sich als ein gelber Punkt. Die H\u00f6cker der Backen- und Mahlz\u00e4hne waren, in sehr verschiedenem Grade, quer angeschliffen. Auf der rechten Seite, namentlich im Unterkiefer, hatten sie mehr gelitten als auf der anderen Seite. Dies Verhalten und die Richtung und Lage s\u00e4mmtliclier Abn\u00fctzungsfl\u00e4chen beweisen, dass der Knabe meist auf der rechten Seite gekaut hat. \u2014 Schliesslich erlaube ich mir noch die Bemerkung. dass, obgleich die oben angef\u00fchrten Untersuchungen an Kindermumien und meine eben mitgetheilte Beobachtung keinen Zweifel \u00fcber den normalen, gew\u00f6hnlichen Charakter des Zahnbaues dieser Exemplare lassen, dennoch eine weitere Ber\u00fccksichtigung- des Gegenstandes notliwendig ist, weil wir, namentlich seit Morton\u2019s umfassenden Arbeiten. mit Bestimmtheit wissen, dass die Mumien sehr verschiedenen Kacen angeh\u00f6ren.\nDie Knochen, welche zum grossen Theil fast vollkommen skeletisirt waren, trugen das Gepr\u00e4ge des jugendlichen Alters unverkennbar an sich. Die Mehrzahl der Epiphysen war noch nicht mit den Diapliysen verwachsen. Auch die paarigen Beckenknochen, welche in der Gelenkpfanne f\u00fcr den Kopf des Oberschenkels zusammenstosseu, um daselbst sp\u00e4ter innig mit einander zu verwachsen, waren vollkommen getrennt. Am Sch\u00e4del hatte die Vereinigung des Keilbeiu-k\u00f6rpers und des Basilartheiles des Hinterhauptbeines noch nicht Statt gefunden.\nAls Spuren der Trennung des Stirnbeines in zwei seitliche H\u00e4lften und der anf\u00e4nglichen Selbst\u00e4ndigkeit des Zwischenkiefers, fanden sich Uber der Nasenwurzel eine senkrechtstehende, rudiment\u00e4re Naht, auf dem harten Gaumen zwei vom Foramen incisivum nach aussen ziehende feine Spalten. Die Stirnh\u00f6hlen sind m\u00e4ssig entwickelt. Die Sch\u00e4del-","page":121},{"file":"p0122.txt","language":"de","ocr_de":"122 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nknochen, welche nach Einigen bei den alten Aegyptern auffallend massiv und fest gewesen sein sollen, boten hinsichtlich ihrer Dicke durchaus nichts Abweichendes dar.\nMorton, welchem ein bedeutendes Material zu Gebote stand, sagt \u00fcber die Beschaffenheit der Mumiensch\u00e4del : \u00bb the structure of the cranial bones is as thin and delicate as in the European, and a ponderous skull is of unfrequent occurrence. \u00ab Hiernach w\u00e4ren die Dicke und Schwere der Sch\u00e4delknochen als rein individuelle Eigenth\u00fcmliehkeiten aufzufassen.\nDie Formen des Sch\u00e4dels sind ausnehmend rein und sch\u00f6n. Von obenlier betrachtet, stellt sich der Umriss des Sch\u00e4dels als ein Oval dar. Die Gesichtsknochen werden bei dieser Ansicht v\u00f6llig von der m\u00e4chtig entwickelten Hirnschale verdeckt, und nur die Nasenbeine und die Anf\u00e4nge der Jochbogen ragen an der vorderen Peripherie ganz unbedeutend hervor. Die gr\u00f6sste L\u00e4nge des Sch\u00e4dels von der Glabella bis zum H\u00f6cker des Hinterhauptbeines betr\u00e4gt = 0,176 m; die gr\u00f6sste Breite f\u00e4llt nach vorne und unten vom Scheitelbeinh\u00f6cker und misst = 0,142 m. Der Umfang des Sch\u00e4dels ist = 0,512 m, und die gr\u00f6sste H\u00f6he, von der vorderen Peripherie des Vor. magnum bis zum Scheitel \u2014 (), 136 m.\nBei der Seitenansicht bemerkt man keine Spur von Prognathismus. Das Gesicht ist verh\u00e4ltnissin\u00e4ssig klein und die Kiefer nicht im mindesten vorgestreckt. An der Nasenwurzel biegt sich die Profillinie sehr unbedeutend ein. Von der Naht zwischen den Nasenbeinen und dem Stirnbeine bis zum unteren Bande der Alveolen der Schneidez\u00e4hne betr\u00e4gt die Entfernung 0,064 m. Die H\u00f6he des Alveolarfortsatzes von der Spina nasalis anterior inferior Ins zu seinem unteren Rande ist = 0,016 m. Der Gesichtswinkel erreicht fast 90 \u00b0. Von vorne betrachtet ist das flache Gesicht auf seine L\u00e4nge ziemlich breit. Besonders auffallend ist die Breite der wenig gew\u00f6lbten Nasenwurzel (\u2014 0,026 mp Die ger\u00e4umigen Augenh\u00f6hlen stehen weit aus einander. Die Entfernung der beiden Jochbeine betr\u00e4gt 0,105 m, der Abstand der h\u00f6chsten Punkte der Jochbogen = 0,125 m.\nDie Gestalt des Unterkiefers zeigt nichts Auffallendes. Vom Con-dglus bis zum hinteren Kieferwinkel habe ich 0,051 m gemessen, vom Kinnwinkel senkrecht hinauf zum Rande der Alveolen = 0,027 m.\nNach der Sch\u00e4delform muss ich diese Mumien in die Abtheilung der Gentes dolichocephalae orthognathae stellen. Herr Professor Retzius aus Stockholm hat w\u00e4hrend seines letzten Besuches in Prag den Sch\u00e4del gesehen und ist derselben Meinung. Die von","page":122},{"file":"p0123.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. | 23\nihm1; fr\u00fcher beschriebenen Mumiensch\u00e4del stimmen in ihren Formen nicht vollkommen mit dem in Iiede stehenden \u00fcberein, indem dieselben weit mehr an den Negertypus erinnern und mit Wahrscheinlichkeit \u00bbKopten oder den uralten Einwohnern Aegyptens angeh\u00f6rt haben.\u00ab\nDie Race, zu welcher unser Sch\u00e4del zu z\u00e4hlen ist, n\u00e4her zu bestimmen, hat grosse Schwierigkeiten. Nach einer genauen Vergleichung desselben mit den zahlreichen Abbildungen, Avelche Morton dessen wichtiges Werk \u00fcber die Crania aegyptiaca mir durch die G\u00fcte des Herrn Prof. Retzius zugekommen war von den, an den verschiedensten Orten gefundenen Mumiensch\u00e4deln gibt, glaube ich jedoch, dass unser Sch\u00e4del noch die meiste Uebereinstimmung mit jenen Formen hat, welche Morton zu seinem \u00bbPelasgic Type\u00ab rechnet.\nMorton fand n\u00e4mlich, dass die Mumiensch\u00e4del tlieils zur Neger-race, tlieils zur kaukasischen geh\u00f6ren und innerhalb dieser Grenzen mehrere Typen zeigen. Von der ersteren tindet sich der echte \u00bbNegro\u00ab-Typus und ein weniger reiner, der \u00bbNegroid\u00ab genannt wird; vender letzteren der \u00bbPelasgic-Type\u00ab, \u00bbSemitic-Type\u00ab und \u00bbEgyptian-Type\u00ab.\nSchliesslich muss ich noch erw\u00e4hnen, dass an unserem Sch\u00e4del nicht nur das Siebbein, sondern auch ansehnliche Stiieke der benachbarten Knochen (Keilbein, Stirnbein pars horizontalis], Oberkiefer, Thr\u00e4nenbein etc) durch die Exc\u00e9r\u00e9bration v\u00f6llig zerst\u00f6rt worden sind. Der Vomer ist jedoch trotzdem fast ganz geblieben. Die \u00e4gyptischen Balsamirer haben n\u00e4mlich, wie man seit langer Zeit weiss, das Gehirn meist entfernt und durch Harzmassen ersetzt. Dabei verfuhren sie auf verschiedene Art ; entweder sie nahmen das Gehirn, wie in unserem Falle, durch die Nase heraus, oder sic bahnten sich durch die Weichtheile des Nackens einen Weg zum Foramen magnum des Hinterhauptbeines und entfernten das Gehirn durch diese Oeflnung. An vielen Mumien scheint das Gehirn jedoch nicht ber\u00fchrt worden zu sein.\nDiese Verschiedenheiten scheinen tlieils durch die angewandte Sorgfalt und die Fortschritte in der Kunst des Balsamirens, tlieils durch Localgebr\u00e4uche bedingt gewesen zu sein. Die Mumien von Theben haben das Siebbein meist zerst\u00f6rt, jene von Memphis seltener. Morton fand unter 26 der letzteren nur 5 mit durchl\u00f6cherter Nase. A. a. 0., S. 26 .\nDie weibliche Mumie, welche im Allgemeinen besser erhalten war, als die so eben beschriebene, bot manches bemerkenswerthe\n1 Prof. A. Retzids : Ueber die Form des Knochenger\u00fcstes des Kopfes bei den verschiedenen V\u00f6lkern. M\u00fcll. Archiv 1848, S. 270.","page":123},{"file":"p0124.txt","language":"de","ocr_de":"1 24 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nYerh\u00e4ltniss dar. Ich lasse zun\u00e4chst die Gr\u00f6ssenbestimmnugen\nfolgen.\nSie maass vom Scheitel bis zur Sohle............= 1,53 m\nDie L\u00e4nge der Arme bis zu den Fingerspitzen betrug . . = 0,695 -Davon kommen 0,290 auf den Oberarm, 0,225 auf den Radius, und 0,180 auf die Hand.\nDer Oberschenkel, vom grossen Trochanter an gemessen,\nhatte eine L\u00e4nge von............................=\t0,400\t-\nDer Unterschenkel von................................\u2014\t0,350\t-\nDer Fuss von der Ferse zur Spitze der grossen Zehe . . =\t0,225\t-\nYon einer Schulterh\u00f6he zur anderen...................=\t0,300\t-\nVon einer Spina anterior superior des Darmbeines zur anderen ...............................................=\t0,270\t-\nDer gr\u00f6sste Abstand der Darmbeink\u00e4mme................=\t0,300\t-\nVon der vorderen Fl\u00e4che der Schambeinfuge zur hinteren\ndes Kreuzbeines......................................=0,150-\nL\u00e4nge der Wirbels\u00e4ule................................=\t0,645\t-\nDie Formen des Sch\u00e4dels weichen von jenen des oben beschriebenen in mehrfacher Hinsicht ab, doch finden sich im Allgemeinen \u00fcbereinstimmende Verh\u00e4ltnisse.\nVon obenher betrachtet, ist der Umriss ein von beiden Seiten abgeflachtes, mehr in die L\u00e4nge gezogenes Oval. Das Gesicht ist hei\ndieser Ansicht dem Blicke v\u00f6llig entzogen. Die gr\u00f6sste L\u00e4nge (von\nder Glabella zum Hinterhaupth\u00f6cker).....................= 0,183 m\nDie gr\u00f6sste Breite, welche Uber und hinter die Ohren f\u00e4llt =0,110 -Der Umfang..............................................= 0,525 -\nDie geringste Breite [= 0,105 m) ist vorne in der Schl\u00e4fengegend. Im Profil f\u00e4llt das bedeutende Hervorstehen des Hinterhauptes auf. Der Gesichtswinkel ist ansehnlich gross, die Profillinie des Gesichts wenig geneigt. Die Kiefer sind nicht vorgestreckt. Das Individuum geh\u00f6rt also jedenfalls unter die dolichocephalischen Orthognathen. Von vorne betrachtet ergiebt sich das Gesicht als sehr breit, im Ver-h\u00e4ltniss zu den merklich abgeflachten Schl\u00e4fen. Die L\u00e4nge des Gesichts vom Kinn bis zur Nasenwurzel = 0, 105 m. Die Augen stehen weit auseinander; die Nasenwurzel ist auffallend breit, wenig gew\u00f6lbt, aber aufgerichtet. Die Jochbeine stehen stark hervor, die Entfernung von einem zu dem anderen betr\u00e4gt = 0,115 m. Die Jochbogen liegen 0,131 m auseinander. Von den durch Morton aufgestellten Typen scheint mir der \u00e4 g y p t i s c h e zu den vorliegenden Formen ziemlich zu passen, obschon das flache Gesicht nicht genug prominirt. Zur","page":124},{"file":"p0125.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n125\nNegerrace geh\u00f6rt weder dieser noch der andere Sch\u00e4del, zum semitischen Typus eben so wenig, das ist gewiss.\nDemnach bliebe die Wahl zwischen dem pelasgischen und \u00e4gyptischen Typus. Den Sch\u00e4del des Knaben glaubte ich eher zum pelasgischen Typus stellen zu m\u00fcssen, weil die Charaktere des \u00e4gyptischen noch weniger stimmen wollten. Morton sagt n\u00e4mlich: -\u00bbthe Egyptian form differs from the Pelasgic in having a narrower and more receding forehead, while the face being more prominent, the facial angle is conse-quently less\u00ab. Der Sch\u00e4del des Weibes jedoch spielt durch seine seitliche Abflachung mein- in diese Formen her\u00fcber. Die Kreuzung der Racen einerseits und die noch immer nicht hinreichend festgestellten Charaktere der Typen andererseits machen das Schwankende der Bestimmung in diesem und in anderen F\u00e4llen begreiflich.\nDie Uebergangsformen Hessen sich wohl mit gr\u00f6sserer Bestimmtheit unterbringen, wenn nur die Haupttypen besser charakterisirt w\u00e4ren und die ganze Methode der Untersuchung exacter w\u00e4re. Der Weg, welchen Retzius ') durch seine wichtigen Arbeiten angebahnt hat, scheint mir aus der bisherigen Unsicherheit herauszuf\u00fchren. Auf die Betrachtung der Sch\u00e4delformen darf sich jedoch die anthropologische Untersuchung nicht beschr\u00e4nken. Die Proportionen des Rumpfes und der Glieder m\u00fcssen in gleicher Vollst\u00e4ndigkeit behandelt und ber\u00fccksichtigt werden. Carus hat in seiner Physis einen ganzen Abschnitt der Betrachtung der Gr\u00f6ssenverh\u00e4ltnisse der K\u00f6rpertheile gewidmet. In \u00e4hnlicher Weise w\u00fcrden alle Racen durchzuarbeiten sein. Als Resultat erg\u00e4be sich dann wo m\u00f6glich eine Anzahl mathematischer Formeln, welche der pr\u00e4cise Ausdruck f\u00fcr die charakteristischen For-men der Racen w\u00e4ren. \u2014\nDie Stellung, in welcher die Mumie eingewickelt worden war, ist die eines ausgestreckt Liegenden. Der Kopf ist etwas gehoben, wie wenn er auf einem Kissen ruhte. Der Rumpf und die Beine sind gerade gestreckt. Die Arme, im Ellenbogengelenke leicht gebogen, laufen an den Seiten herunter, so dass die H\u00e4nde mit der Palmarfl\u00e4che an den Schenkeln liegen und der Mittelfinger jederseits bis gegen die Mitte des Femur reicht. Dies ist die gew\u00f6hnliche Richtung der Arme bei weiblichen Mumien ; die M\u00e4nner hatten meist di\u00e9 Arme \u00fcber der Brust gekreuzt1 2);\u00bb Zwischen den zusammengeneigten Beinen bleibt wegen der Breite des Beckens ein dreieckiger Raum, dessen Spitze\n1\tVergl. dieses Naturforschers zerstreute craniologischen Aufs\u00e4tze in Miiller\u2019s Archiv.\n2\tJomard a. a. O., S. 86.","page":125},{"file":"p0126.txt","language":"de","ocr_de":"1 26 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nnach abw\u00e4rts siebt. Die Ferse des linken Fusses ist stark nach iunen gedreht.\nDie H a u t und die Weicktheile sind ziemlich stark zusanim engetrocknet und bilden eine feste, lederartige Masse, welche auf der Oberfl\u00e4che schmutzig schwarzbraun gef\u00e4rbt ist und nirgends eine Spur von Vergoldung oder Bemalung zeigt. An ihr bemerkt man deutliche Eindr\u00fccke der festgeschn\u00fcrten Binden, und zahlreiche Falten und Bunzeln. Ihr Zusammenhang mit den Knochen ist meist noch sehr innig, es finden sich keine so ausgedehnten leeren Zwischenr\u00e4ume unter den Weichtheilen, wie an dem zuerst beschriebenen Exemplare.\nDie Ohren sind, wie schon oben bemerkt wurde, an ihrem gew\u00f6hnlichen Platze und vollkommen erhalten. Das Ohrl\u00e4ppchen reicht ziemlich tief herunter und steht, wie die ganze Ohrmuschel, nach hinten frei ab. Die Ohren erscheinen lang und schmal.\nDie Nase zeigt deutliche Spuren, dass die Exc\u00e9r\u00e9bration durch dieselbe vorgenommen worden ist. Der knorpelige Theil ist etwas eingesunken. plattgedr\u00fcckt und deckt, wie eine Klappe, den Eingang zur Nasenh\u00f6hle, doch so, dass ein rechtes gr\u00f6sseres und ein linkes kleineres Nasenloch gebildet wird. Die unteren B\u00e4nder der Ossa nasalia springen auf dem Nasenr\u00fccken etwas vor.\nDie Lippen schliessen fest aufeinander; die untere deckt die obere. Die Mundwinkel stehen tief und die Lippenspalte erh\u00e4lt dadurch die Gestalt eines bogenf\u00f6rmigen, seichten Einschnittes, dessen Concavit\u00e4t nach abw\u00e4rts sieht. Die Mundh\u00f6hle musste ich uner\u00f6ffnet lassen.\nDie oberen Augenlider sind stark gew\u00f6lbt und haben ihre Cilien. Der Baum zwischen dem eingesunkenen Auge und den Lidern ist mit Harz ausgefiillt. Die unteren Lider kehren ihren freien Band nach einw\u00e4rts. Die Lidspalten, welche jedenfalls lang geschlitzt waren, sind daher nicht geschlossen, obgleich die oberen Augenlider herabgelassen sind.\nDie Br\u00fcste stellen zwei nach unten abgerundete, platte, runzelige Hautfalten dar, welche bis zur siebenten Bippe herabreichen. Sie sind in diesem Falle durch die Binden fest an den Thorax angedr\u00fcckt worden. An anderen Exemplaren findet man sie mit Harz ausgegossen oder mit Byssus ausgestopft, so dass sie ihre nat\u00fcrliche Bundung haben (SiEBEii a. a. O., S. 14;. Ihr Umfang ist sehr bedeutend. Die Aegyp-terinnen hatten bekanntlich sehr grosse Milchdr\u00fcsen\n1 Yergl. Blumenbach: De generis humani varietate nativa. Editio terlia G\u00f6l-lingae 1795, p. 358. \u00bbAliae gentes amplitudine et turgore mamma um conspicuae, ut","page":126},{"file":"p0127.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n127\nYou den \u00e4usseren Gesclileclitstheilen fand ich die Labia majora als zwei wohlgerundete volle Hautfalten, welche durch einen, in der Damm\u00f6ffnung steckenden Leinwandpfropf weit auseinander getrieben waren. Von den Nymphen glaube ich die Rudimente erkannt zu haben. Die Klitoris war nicht deutlich. Die Damm\u00f6ffnung f\u00fchrte unmittelbar in die Beckenh\u00f6hle ; die inneren Geschlechtstheile sind jedenfalls ausgeschnitten, und wahrscheinlich ganz entfernt worden.\nDie Haare am Kopfe waren gelblichbraun und rothbraun gef\u00e4rbt. Es scheint dies nicht ihre nat\u00fcrliche Farbe gewesen zu sein. Doch l\u00e4sst sich dar\u00fcber eben so wenig, als \u00fcber die wahre Farbe der Haut mit Sicherheit urtlieilen. Der Einfluss der zur Balsamirung verwendeten Stoffe, auf die F\u00e4rbung der Theile ist nicht zu bestimmen. Die Haare sind \u00fcbrigens ziemlich kurz geschnitten und liegen schlicht und ungekr\u00e4uselt am Sch\u00e4del an. Bei weiblichen Mumien findet man sonst \u00f6fter langes und coiffirtes Haar.\nIn der Hinterhauptgegend, etwas nach rechts, bemerkte ich eine mehr als Handteller grosse, v\u00f6llig kahle Stelle, welche wahrscheinlich durch eingedrungene Insecten entbl\u00f6sst worden war. Es ist kaum anzunehmen,. dass man es mit einer Tonsur oder dergleichen zu thun hat. denn in der Mitte der kahlen Stelle standen noch 3 bis 4, mehrere Linien lange H\u00e4rchen. Auffallend bleibt es mir aber, dass auf PL XLIX der grossen, von der franz\u00f6sischen Expedition gelieferten Description de l\u2019Egypte, an dem Hinterhaupte einer m\u00e4nnlichen Mumie eine ganz \u00e4hnliche kahle Stelle abgebildet ist1 .\nDie Cilien an den Augenlidern waren, mit einzelnen Ausnahmen, nicht licht wie das Kopfhaar, sondern dunkel rothbraun bis schwarz. Dies spricht f\u00fcr die obige Annahme des Farbenwechsels der Haare in Folge der Balsamirung.\nDie Schamhaare fehlten. Es scheint bei den alten Aegyptern, wie noch heut zu Tage bei den meisten Orientalen, die Entfernung dieser Haare gebr\u00e4uchlich gewesen zu sein2 .\nDie N\u00e4gel der Finger und Zehen waren kurz geschnitten und zeigten keine Spur einer Vergoldung. Ihre Farbe ist r\u00f6thlich braun, ob in Folge einer k\u00fcnstlichen F\u00e4rbung, welche heute noch Sitte in\nAegyptii; Juvenale jam \u00bb\u00bbIn Mero\u00eb crasso majorent infante papillam\u00ab\u00ab tanquam rem vulgarem et omnibus communem memorante. \u00ab\n1\tIn der Erkl\u00e4rung zur PI. 49 , heisst es : Les cheveux sont courts, et manquent \u00e0 la partie post\u00e9rieure de la t\u00e8te, p. 171. \u2014 Description de l\u2019Egypte. Tom. X. Explication des Planches.\n2\tJomard a. a. 0., S. S3 : \u00bb Les deux sexes sont \u00e9pil\u00e9s, l'un comme l\u2019autre. \u00ab","page":127},{"file":"p0128.txt","language":"de","ocr_de":"1 28 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nAegypten sein soll1), oder durch die llalsamirung, kann ich nicht entscheiden.\nSchon der verschiedene Zustand, in welchem sich die Weichtheile befinden, l\u00e4sst vermuthen, dass der Leichnam des Knaben nach einer andern Methode balsamirt worden war, als jener des Weibes. Diese Vermuthung wird zur Gewissheit, wenn man erf\u00e4hrt, das unmittelbar auf dem K\u00f6rper der weiblichen Mumie, der ganzen Ausdehnung nach namentlich auf dem Kopfe, den Ohren, der Nase, auf und unter den Augenlidern, am Halse, in der Claviculargegend, in der Achselh\u00f6hle, auf dem Bauche, unter den Br\u00fcsten, in der Leistengegend, zwischen den Schenkeln und an H\u00e4nden und F\u00fcssen), mehr oder weniger dicke Lagen von schwarzem Mumienharz aufgestrichen waren, welche meist ziemlich leicht abgesprengt werden konnten ; w\u00e4hrend bei dem Knaben kaum eine Spur davon zu finden war. obschon die seinem K\u00f6rper aufliegenden Leinwandst\u00fccke mit einem \u00e4hnlichen, harzigen Stoffe impr\u00e4gnirt zu sein schienen, und beim Verkohlen einen weihrauch-\u00e4hnlichen Geruch von sich gaben.\nDie weibliche Mumie hatte ferner in den Bauchdecken \u00fcber dem linken Darmbein eine 72 mm lange und 45 mm breite ovale Oeffnung, welche in die Bauchh\u00f6hle f\u00fchrte und nicht znsammengen\u00e4ht2) sondern durch einen Leinwandpfropf, in \u00e4hnlicherWeise wie die Damm\u00fctfnung, verstopft war.\nAn der Mumie des Knaben hingegen konnte ich wohl die letztere, nicht aber die Oeffnung in den Bauchdecken nachweisen. Freilich liess die erw\u00e4hnte Morschheit der Bauchdecken keine vollkommen gen\u00fcgende Untersuchung zu, und die Anwesenheit jener seitlichen Oeffnung h\u00e4tte mir aus diesem Grunde entgehen k\u00f6nnen ; allein nacli sorgf\u00e4ltiger Ber\u00fccksichtigung aller Verh\u00e4ltnisse bin ich nichts destoweniger der Ueberzeugung, dass die Seiten\u00f6ffnung wirklich gefehlt hat.\nAuch der Inhalt der K\u00f6rperh\u00f6hlen beweist die Verschiedenheit des Verfahrens beim Einbalsamiren der beiden Mumien. Bei dem Knaben fand sich, wie oben mitgetheilt wurde, nichts im K\u00f6rper, als jene schlackenartige por\u00f6se Masse, welche einen Theil der Beckenh\u00f6hle ausf\u00fcllt. Anders bei der weiblichen Mumie. Ich schnitt, da dieses Exemplar m\u00f6glichst geschont werden musste, mit einer Runds\u00e4ge aus der Brust und der Bauchwand ein grosses viereckiges St\u00fcck heraus, welches, der Bequemlichkeit wegen, nach der Quere halbirt wurde\n1\tRouyer a. a. O., S. -183 und Sieber a. a. 0., S. 16.\n2\tVergl. Rouyer (a. a. 0., S. 479) . . . \u00bb Cette ouverture ne m\u2019a point paru recousue, comme le dit H\u00e9rodote, les bords avaient seulement \u00e9t\u00e9 rapproch\u00e9s et se maintenaient ainsi par la dessication.\u00ab","page":128},{"file":"p0129.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 129\nund wie ein Deckel die gemachte Oeffnung schloss, und bahnte mir auf diese Weise den Weg zur Untersuchung der Brusth\u00f6hle sowohl als der Bauchh\u00f6hle.\nDie Brusth\u00f6hle fand ich fast ganz leer. Das Herz und die Lungen waren entfernt worden, eben so das Zwerchfell, von welchem rechts an der vordem Brustwand nur noch ein kleines Rudiment zu sehen ist. Hinter dem Sternum, nach oben, macht die das Cavum thoracis auskleidende braune Haut eine vorspringende Duplicatur, welche als Rest des vordem Mediastinum anzusehen ist. Auf der linken Seite der Wirbels\u00e4ule konnte ich die Aorta durch den ganzen Brustraum nach oben verfolgen und alle Einzelnheiten des Aortenbogens nach-weisen. Die Aorta war knapp am Herzen abgeschnitten worden. Nach hinten und innen vom Bogen der Aorta erkannte ich mit aller Deutlichkeit die Luftr\u00f6hre, deren halbe Knorpelringe zu schmalen, auf dem Durchschnitt schwarzbraun gef\u00e4rbten Spangen zusammengetrocknet waren. An der hinteren Wand der linken Thoraxh\u00e4lfte reichte bis zur vierten Rippe hinauf eine dicke Schichte schwarzen Mumienharzes, welches von dem Balsamirer nach Entfernung der Brusteingeweide in fl\u00fcssigem Zustande durch jene Seiten\u00f6ffnung in den Bauchdecken hereingegossen wurde und im Flusse erstarrte. In die rechte Thoraxh\u00e4lfte ist nichts von dem Harze eingedrungen.\nDie Grenze zwischen der Bauchh\u00f6hle und der Brusth\u00f6hle bilden zwei untereinander durch F\u00e4den zusammenh\u00e4ngende Ballen von Leinwandfetzen, welche rechts und links von dem letzten St\u00fcck der Brustwirbels\u00e4ule festgestopft worden waren. Die Bauchh\u00f6hle ist ganz aus-gef\u00fcllt mit unregelm\u00e4ssigen knolligen Massen, welche \u00fcber und \u00fcber mit Harz umgeben, und zu einem festen Klumpen zusammengebacken erscheinen. Gleich unter dem Leinwandballen, welcher die rechte Thoraxh\u00e4lfte von der Bauchh\u00f6hle trennte, lag jedoch ein isolirtes keilf\u00f6rmiges St\u00fcck, welches sich leicht herausnehmen liess, und bei n\u00e4herer Untersuchung als ein Convolut von Ged\u00e4rmen ergab, und eine schwarze, lederartige, d\u00fcnne Platte, welche gefaltet und zusammengerollt war. Nachdem ich diese letztere in Wasser aufgeweicht und von den Harzmassen gereinigt hatte, erkannte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, dass es die abgezogene Epidermis der rechten Fusssohle war. Die ganze Zeichnung der Tastlinien pr\u00e4sentirte sich mit ausgezeichneter Sch\u00e4rfe. Eine genaue Besichtigung der Fusssohlen bewies, dass die Epidermis beiderseits von der Ferse bis zu den Zehen fehlte.\nDie Epidermis der Zehen h\u00f6rte am Grunde derselben mit einem scharfen gezackten Rande auf. Die vordere Contour des in der Bauch-\nCzermak, Schriften.\n9","page":129},{"file":"p0130.txt","language":"de","ocr_de":"130 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nh\u00f6lile gefundenen St\u00fcckes der Epidermis passte niclit mehr genau an den unteren Rand der Epidermis der Zellen des rechten Fusses, allein es blieb dennoch nicht der geringste Zweifel, dass das St\u00fcck daselbst abgeschnitten worden war. Die Epidermis der linken Fusssohle habe ich nicht gefunden, doch wird sie ohne Zweifel auch im Bauche stecken. Die \u00fcbrigen mit Harz bestrichenen und \u00fcbergossenen Massen, welche als ein grosser unregelm\u00e4ssiger Klumpen die Bauchh\u00f6hle erf\u00fcllten, konnte ich nicht herausnehmen und n\u00e4her untersuchen, denn sonst h\u00e4tte die Integrit\u00e4t der Mumie geopfert werden m\u00fcssen; man darf jedoch, nach dem bereits Mitgetheilten, mit Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dass es Reste von Eingeweiden sind.\nSiebek (a. a. O., S. 14 fand h\u00e4ufig in den Mumien, welche sorgf\u00e4ltig balsamirt waren, Klumpen von zusammengedr\u00fcckten, mit Balsammasse bestrichenen Ged\u00e4rmen. Die Behauptung des Porphy-rius, dass die Priester die Eingeweide des Verstorbenen unter bestimmten Gebeten in den Nil geworfen haben sollen, d\u00fcrfte demnach auf eine geringere Anzahl von F\u00e4llen zu beschr\u00e4nken oder nicht auf s\u00e4mmtliche Eingeweide zu beziehen sein.\nRouyer scheint niemals Eingeweide in den Mumien gefunden zu haben, denn er sagt (a. a. 0., S: 478) bei Gelegenheit der Seiten\u00f6ffnung in den Bauchwandungen : \u00bb L'ouverture, . . . se faisait , sans doute, non seulement pour retirer les intestins qu\u2019on ne retrouve dans aucun de ces cadavres dess\u00e9ches, mais encore pour mieux nettoyer la cavit\u00e9 du bas-ventre, et pour la remplir d\u2019une plus grande quantit\u00e9 de substances aromatiques et r\u00e9sineuses h . . .\nDie Manipulation, welche die Aegypter bei ihren Einbalsamirungen befolgten, kennen wir theils durch die Berichte alter Schriftsteller, theils aus der Untersuchung der Mumien selbst ; die antiseptischen, harzigen, aromatischen etc. Stoffe jedoch, welche dabei verwendet wurden, sind uns sehr unvollst\u00e4ndig bekannt. Die alte Kunst des Balsamirens muss demnach eigentlich zu den verloren gegangenen gerechnet werden. Die neueren Methoden unterscheiden sich sehr wesentlich von ihr und haben noch nicht Zeit gehabt zu beweisen, dass sie vorz\u00fcglicher oder doch wenigstens gleich gut sind. Uebrigens d\u00fcrfte der Verlust dieser Kunst leicht zu verschmerzen sein.\nIn anderer Weise als die Aegypter haben auch die alten Guan-chen, welche die canarischen Inseln bewohnten, ihre Todten balsamirt. Die in den Grotten von Teneriffa gefundenen Mumien sind nicht in Leinwand, sondern in Binden von Ziegenledcr eingewickelt, und zeichnen sich durch ihre Leichtigkeit vor allen anderen aus. Unterleib","page":130},{"file":"p0131.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 131\nund Brust sind mit einer Art K\u00f6rnern oder aromatischen Kr\u00e4utern angef\u00fcllt, unter denen das Chenopodium ambrosioides niemals fehlen soll. Die peruanischen Mumien zeigen wieder eine andere Zubereitungsweise und Stellung ; sie sitzen n\u00e4mlich ganz zusammengekr\u00fcmmt, so dass die Knie fast das Kinn ber\u00fchren, w\u00e4hrend die Mumien der Guanchen aufrecht stehen.\nDie alten Aegyptier selbst hatten weit mehr als jene drei, dem Preise nach verschiedenen, Einbalsainirungsmetlioden, von welchen Herodot und Diodor erz\u00e4hlen. Dies beweisen alle neueren an Mumien angestellten Untersuchungen. So unterscheidet Sieber (a. a. 0., S. 16) im Allgemeinen zwar nur drei Arten von Mumien, n\u00e4mlich mit Harz ausgegossene, ausgetrocknete und mit Salz impr\u00e4gnirte, behauptet aber, dass kein Exemplar die n\u00e4mliche Behandlung vcrrathe, wie das andere. Ebenso stellt Rouyer, welcher als Membre de la Commission des sciences et des arts mit der franz\u00f6sischen Expedition Aegypten besuchte, nach seinen an Ort und Stelle gemachten ausgedehnten Beobachtungen, mehrere Arten von Mumien auf.\nRouyer scheidet zun\u00e4chst die Mumien, welche auf der linken Seite eine Oeftnung in den Bauch decken haben, von jenen, welche nirgends eine solche Oeftnung zeigen, und betrachtet dann jede dieser Gruppen f\u00fcr sich. Die Zerst\u00f6rung des Siebbeins in Folge der Exc\u00e9r\u00e9bration wird in beiden Hauptgruppen beobachtet.\nUnter den Mumien mit der Seiten\u00f6ffnung gibt es a solche, welche mit balsamischen und adstriugirenden Stoffen behandelt wurden, und bi solche, welche mit Salz impr\u00e4gnirt sind. Von den sub a begriffenen Mumien sind die Einen mit aromatischen Harzen, die Anderen mit Asphalt oder Bitumen ausgef\u00fcllt. Dasselbe gilt von den sub b rangir-ten Mumien. Diese letzteren bedecken sich, entwickelt und der Atmosph\u00e4re ausgesetzt, mit einer Efflorescenz von Glaubersalz. Unter den Mumien ohne Seiten\u00f6ffnung, deren Eingeweide durch den After entfernt worden sind, gibt es ebenfalls zwei Sorten: a\u00ef solche, welche gesalzen und dann getrocknet wurden, und b solche, welche nebst-dem noch mit Pisasphalt umgeben und ausgef\u00fcllt wurden.\nRouyer beschreibt das Aussehen und die Beschaffenheit der Weiclitlieile der einzelnen, nach diesen verschiedenen Methoden zubereiteten Arten von Mumien ziemlich ausf\u00fchrlich und genau; allein nichts destoweniger kann ich versichern, dass keines seiner Schemen vollkommen mit dem, was ich an unseren Mumien beobachtet habe, \u00fcbereinstimmt. Die gr\u00f6ssere weibliche Mumie geh\u00f6rt jedenfalls in Rouyer\u2019\u2019s erste Gruppe, aber selbst die Charakteristik der mit Bitumen\n9*","page":131},{"file":"p0132.txt","language":"de","ocr_de":"1 32 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nausgegossenen Mumien passt nicht ganz auf sie l), noch weniger die anderen.\nEs scheint, dass das Einbalsamiren der Leichname, obschon durch religi\u00f6se, mit dem Glauben an die Seelenwanderung zusammenh\u00e4ngende Vorschriften geboten, dennoch in Bezug auf die dabei verwendeten Mittel und Methoden, der Kunst und der industriellen Con-currenz, innerhalb gewisser Grenzen, freigegeben war, und nicht nach starren durch den Ritus festgesetzten, unwandelbaren Normen vorgenommen werden musste. Jedenfalls erkl\u00e4ren sich die Verschiedenheiten in der Behandlungsweise der Mumien leicht durch die f\u00fcr die verschiedenen Kasten geltenden Gesetze, ferner durch die Verschiedenheit der Localgebr\u00e4uche, welche auch in anderer Beziehung maassgebend erscheinen, und endlich durch die Verm\u00f6gensumst\u00e4nde und das Belieben der betreffenden Familien und durch die Fortschritte, der mit der Einbalsamirungskunst zusammenh\u00e4ngenden Wissenschaften.\nDie Sitte, die Verstorbenen durch das Balsamiren gegen die v\u00f6llige Zerst\u00f6rung auf die Dauer zu sch\u00fctzen, herrschte von dem grauesten Alterthume bis in die erste Zeit der christlichen Chronologie und wurde ungef\u00e4hr zwei und zwanzig Jahrhunderte lang fast ununterbrochen ge\u00fcbt. Die Verschiedenheiten der Mumien, sowohl hinsichtlich der Zubereitungsart, als der ethnographischen Charaktere, verlieren abgesehen auch von den oben angef\u00fchrten Momenten, einem solchen Zeitraum gegen\u00fcber, alles Befremdende.\nII.\nDie \u00e4gyptischen Mumien sind seit langer Zeit ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Man betrachtet mit Staunen und Interesse die wohl erhaltenen Formen menschlicher K\u00f6rper, welche seit den fr\u00fchen Tagen der an den Nilufern aufgebl\u00fchten Cultur und Civilisation dem Zahne der Zeit getrotzt haben. Die Verg\u00e4nglichkeit organi-\n\u25a0 Kouyer a. a. O., S. 480: \u00bbLes momies remplies de bitume pur ont une couleur noir\u00e2tre; la peau est dure, luisante comme si elle avait \u00e9t\u00e9 couverte d'un vernis; les traits du visage ne sont point alt\u00e9r\u00e9s; le ventre, la poitrine et la t\u00e8te sont remplis d'une substance r\u00e9sineuse, noire, dure, ayant peu d\u2019odeur: cette mati\u00e8re que fai retir\u00e9e de l\u2019int\u00e9rieur de plusieurs momies, m'a pr\u00e9sent\u00e9 les m\u00eames caract\u00e8res physiques et a donn\u00e9 \u00e0 l\u2019analyse chimique les m\u00eames r\u00e9sultats que le bitume de Jud\u00e9e qui se trouve dans le commerce. Ces sortes des momies qu\u2019on rencontre assez commun\u00e9ment dans tous les caveaux, sont s\u00e8ches, pesantes, sans odeur, difficiles \u00e0 d\u00e9velopper et \u00e0 rompre. Presque toutes ont le visage, les parties naturelles, les mains et les pieds dor\u00e9s : elles paraissent avoir \u00e9t\u00e9 pr\u00e9par\u00e9es avec beaucoup de soin; elles sont tr\u00e8s peu susceptibles de s\u2019alt\u00e9rer et n\u2019attirent point l\u2019humidit\u00e9 de l\u2019air.","page":132},{"file":"p0133.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 133\nsclier Bildungen ist so sehr Gegenstand der t\u00e4glichen Lebenserfahrung, dass auch der Ungebildete von der Thatsache ergriffen wird, dass dem ewigen Kreislauf des Stoffes in diesem Falle Halt geboten worden ist.\nDas Bewusstsein, dieselben Gestalten vor sich zu haben, welche vor mehr als ein, zwei Jahrtausenden die lebendigen Tr\u00e4ger jener geheimnissvollen, in ihren Tr\u00fcmmern noch grossartigen, \u00e4gyptischen Welt gewesen, reizt wohl selbst eine wenig bewegliche Phantasie den Schleier der Vergangenheit zu l\u00fcften, sich zur\u00fcck zu versetzen in das lebendige Treiben des volkreichen Theben, des alten Memphis, und all die kleinen Freuden und Leiden des Daseins, all die bedeutenden Fragen und Anschauungen, welche einst diese Herzen und K\u00f6pfe bewegt und beherrscht haben, auferstehen zu lassen !\nDer wissenschaftlichen, n\u00fcchternen Betrachtung bieten die Mumien nicht minder Stoff zu ernsten, ergiebigen Studien, als sie den sinnigen Beschauer gem\u00fcthlich erregen.\nWas dem Geologen die pflanzlichen und thierischen Versteinerungen sind, welche die vorweltlichen Perioden charakterisiren und die Geschichte des Erdk\u00f6rpers in grossen, lebendigen Z\u00fcgen skizziren helfen, das sind dem Anthropologen solche Antiquit\u00e4ten, wie die Mumien, f\u00fcr seine Sph\u00e4re. Die Mumien sind auch I ossilien, welche der rastlose Forschungstrieb aus den dunkeln Hypogeen hervorgr\u00e4bt und zwischen den Bl\u00e4ttern der Geschichte abgelagert findet, wie die Petrefacten in den Schichten der Erde.\nDas alte Aegypten, wie es sich nach seinen nat\u00fcrlichen Bedingungen mit Kotliwendigkeit entwickelt hat, ist eine untergegangene Formation, welche mit Baudenkm\u00e4lern, Sculpturen, Bilderwerken, und so mancher fortwirkenden Anschauung in die Gegenwart hereinragt.\nNeben dem arch\u00e4ologischen Interesse haben die Mumien auch ein physiologisches. Es ist zu ermitteln, in wie weit es durch das Einbal-samiren gelungen ist, den menschlichen K\u00f6rper zu erhalten und die unvermeidliche Zersetzung und Zerst\u00f6rung der organischen Elemente zu verhindern.\nBisher hat man sich damit begn\u00fcgt, die oft sehr vollkommene Erhaltung der allgemeinen Formen des K\u00f6rpers, der Gesichtsz\u00fcge und die Anwesenheit der Kopfhaare, der Augenbrauen, der Cilien, der N\u00e4gel etc. zu bewundern. Es ist meines Wissens noch kein erheblicher Versuch gemacht worden, die Beschaffenheit der Mumien mit Hilfe des Mikroskopes zu untersuchen. Ich erinnere mich nur dunkel, dass mir Queckett in London beil\u00e4ufig eine Abbildung von Mumienhaaren in einem Journal f\u00fcr Mikroskopie gezeigt hat. Es ist mir aber nicht m\u00f6glich, diese Quelle n\u00e4her zu bezeichnen.","page":133},{"file":"p0134.txt","language":"de","ocr_de":"134 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nDie mikroskopische Untersuchung der Mumien, welche ich iu ziemlich ausgedehntem Umfange unternahm, hat mir bewiesen, dass die Erhaltung der organischen Formen noch viel weiter geht, als man bisher wohl allgemein geglaubt hat. Ich zweifle gar nicht, dass man im Stande w\u00e4re, eine ziemlich vollst\u00e4ndige Histologie der Mumien zu schreiben, wenn das gen\u00fcgende Material zu Gebote st\u00fcnde.\nDass sich nicht alle Mumien zu diesen Untersuchungen gleich gut eignen werden, versteht sich nach dem \u00fcber die verschiedenen Methoden der Einbalsamirung Bekannten wohl von selbst. Auch die Behandlung der zu untersuchenden Theile, so wie die Bereitung der mikroskopischen Pr\u00e4parate selbst, muss passend gew\u00e4hlt und mit der geh\u00f6rigen Umsicht ausgef\u00fchrt werden. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man nicht gleich von der begonnenen Untersuchung abstehen darf, wenn sie keinen augenblicklichen Erfolg hat, denn h\u00e4ufig ist nur die unzweckm\u00e4ssige Behandlung des Objectes und nicht die schlechte Conservirung daran Schuld. Man darf sich nicht gleich mit dem Gedanken an die M\u00f6glichkeit der Zerst\u00f6rung eines Gewebes beruhigen. Dies bemerke ich f\u00fcr Jene, welche die Gelegenheit haben sollten, \u00e4hnliche Untersuchungen, wie die folgenden anzustellen.\nEine wesentliche Vorsichtsmaassregel, um sich vor T\u00e4uschungen zu bewahren, denen man leicht zum Opfer fallen k\u00f6nnte, will ich noch beil\u00e4ufig erw\u00e4hnen. Es ist dies die genaue Messung der betreffenden Gewebsbestandtlieile und die Vergleichung der gefundenen Gr\u00f6ssenverh\u00e4ltnisse mit den normalen Dimensionen dieser Formelemente.\nAm Schl\u00fcsse der Abhandlung findet sich zur gr\u00f6sseren Bequemlichkeit eine tabellarische Zusammenstellung und Vergleichung meiner s\u00e4mmtlichen Messungen mit jenen, welche K\u00f6llikee in seinem Lehrbuche der mikroskopischen Anatomie des Menschen geliefert hat.\nIch habe von beiden Mumien Theile der mikroskopischen Betrachtung unterworfen und werde es weiter unten, bei der Beschreibung der Gewebe, stets angeben, woher ich dieselben genommen habe.\nDie Mumie des Knaben durfte ich nach Bed\u00fcrfniss zerst\u00fcckeln und verarbeiten, da an derselben Nichts zu halten war. Mit der weiblichen Mumie, welche als interessante Reliquie der Sammlung des physiologischen Institutes einverleibt wurde, musste ich jedoch schonender verfahren und entnahm derselben nur kleinere St\u00fccke, wie sie gerade zur mikroskopischen Untersuchung ansreichten.\n1. Von der Haut.\nIch habe von beiden Mumien Hautst\u00fccke aus verschiedenen Regionen des K\u00f6rpers untersucht. Ich liess dieselben theils in Wasser","page":134},{"file":"p0135.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n135\naufweichen und fertigte dann Durchschnitte an, theils schnitt ich gleich vom Trockenen d\u00fcnne Lamellen und behandelte sie mit Terpentin\u00f6l, welches mir bei dieser ganzen Untersuchung die wesentlichsten Dienste geleistet hat. Das Derma mit dem Papillark\u00f6rper habe ich \u00fcberall in der entsprechenden Form erkannt. Das Bindegewebe zeigte meist eine deutliche lamell\u00f6se Anordnung, und l\u00f6ste sicli an der dem K\u00f6rper zugewendeten Seite in die Maschen des Unterhautzellgewebes auf. Zwischen den B\u00fcndeln desselben fand ich viele gr\u00f6ssere und kleinere, anscheinend homogene, unregelm\u00e4ssige, braunroth gef\u00e4rbte Kl\u00fcmpchen einer spr\u00f6den Masse von muscheligem Bruch. Schon mit blossem Auge unterschied ich an den meisten Hautdurchschnitten die gl\u00e4nzenden Bruchfl\u00e4chen dieser harzartigen Substanz und war im ersten Augenblicke geneigt an eine Injection mit Harzmasse zu denken\nDie Behandlung solcher Pr\u00e4parate mit kaustischer Natronl\u00f6sung lehrte mich jedoch bald, dass diese Massen nichts als die, in den Maschen des Unterhautzellgewebes steckenden, durch den Process der Einbalsamirung zusammengebackenen Fettzellen sind. Das Natron wirkte in der gewohnten Weise auf das Bindegewebe, die einzelnen B\u00fcndel quollen auf und gewannen an Transparenz, w\u00e4hrend jene Massen in einzelne rundliche Bl\u00e4schen mit br\u00e4unlichem Inhalt auseinander flelen, welche einen Durchmesser von 0,02 bis 0,025 W. L. halten, und somit mit den Dimensionen der Fettzellen \u00fcbereinstimmten. Ich habe, Fig. 13, die Fettzellen einer Bindegewebsmasche von der Beere der grossen Zehe der weiblichen Mumie abgebildet.\n2. Von den Epidermoidalgebilden, a) Epidermis.\nDie Oberhaut war nicht an allen Punkten der Haut zugegen ; sie mag zum Tlieil beim Einbalsamiren unbemerkt abgestreift worden oder sonst wie abhanden gekommen sein, zum Theil haben sie die Balsa-mirer, wie das von mir in der Bauchh\u00f6hle der weiblichen Mumie gefundene St\u00fcck der Epidermis der rechten Fusssohle beweist, mit Wissen und Willen abgezogen. Es w\u00e4re zu untersuchen, ob die an den F\u00fcssen und Handtellern h\u00e4ufig vorkommenden Vergoldungen und F\u00e4rbungen, von welchen an unseren Exemplaren, wie bereits erw\u00e4hnt, nirgends eine Spur zu finden ist, auf die vorher entbl\u00f6sste oder noch von Epidermis \u00fcberzogene Lederhaut aufgetragen wurden. Die in der Bauchh\u00f6hle gefundene Epidermis der Fusssohle bot die sch\u00f6nste Gelegenheit zur Untersuchung dieses Gewebes. Mit der Loupe konnte ich auf der \u00e4usseren Fl\u00e4che derselben die den Tastleistehen entspre-","page":135},{"file":"p0136.txt","language":"de","ocr_de":"136 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nclient! angeordneten Schweissporen deutlich sehen. Nach Behandlung mit kaustischer Natronl\u00f6sung quollen die platten Oberhaut-Sch\u00fcppchen zu l\u00e4nglich runden, hellen, kernlosen Bl\u00e4schen in gewohnter Weise auf. Fig. 2 habe ich auf diese Art behandelte Epidenniszellen, welche sich von dem Nagelfalz \u00fcber die Wurzel des Nagels her\u00fcberschieben, dargestellt. An vielen Epidermiszellen bemerkte ich den Wandungen anh\u00e4ngende braune K\u00f6rnchen, welche wohl nichts als Reste von Harzmasse sind. Die abgebildeten Zellen maassen der L\u00e4nge nach 0,016\"', der Breite nach aber 0,013'\".\nAuf Durchschnitten der den Tastfl\u00e4chen der H\u00e4nde und Ftisse angeh\u00f6renden Oberhaut erkannte ich mit voller Deutlichkeit die zierlichen spiralig gewundenen Ausf\u00fchrungsg\u00e4nge der Schweissdr\u00fcsen und Reste des MALPiGHi\u2019schen Netzes.\nb) Nagel.\nDas vom Derma gebildete Nagelbett ist in allen seinen Theilen wohlerhalten ; nach hinten wird es vom Nagelfalz, an beiden Seiten von zwei Hautw\u00fclsten begrenzt; die vom Grunde nach vorn ausstrahlenden L\u00e4ngsleistchen sind ziemlich deutlich ausgepr\u00e4gt. Der Nagel selbst und die mit ihm zusammenh\u00e4ngende Epidermis lassen sich leicht von der Haut abziehen. Seine Farbe ist ein ges\u00e4ttigtes Rothbraun. L\u00e4sst man ihn einige Tage in Wasser liegen, so gibt er einen Theil seines Farbstoffes ab und erweicht, Durchschnitte sind in jeder Richtung leicht zu fertigen.\nDie Oberfl\u00e4che des Nagels ist glatt ; an der unteren Fl\u00e4che findet sich ein deutlicher Abdruck der Leistchen des Nagelbettes. Die Nagelwurzel, welche im Falze steckt, ist um die H\u00e4lfte d\u00fcnner als der 0.2\"' dicke K\u00f6rper und biegsam.\nAuf Durchschnitten zeigen nur die obersten und untersten Schichten eine intensive braunrothe F\u00e4rbung, w\u00e4hrend die Mitte gelblich durchscheinend ist. Parallel mit der Fl\u00e4che tritt eine von den Rissen des Messers und der Schnittrichtung unabh\u00e4ngige Streifung und Punkti-rung auf, welche der Ausdruck der schichtenweisen Anordnung der kernhaltigen Nagelzellen ist. Der braunroth gef\u00e4rbte Streif an der unteren Fl\u00e4che ist das zusammengeschrumpfte Malpighi'sehe Netz des Nagels. Kalte Natronl\u00f6sung dehnt das Nagelgewebe nach einigen Minuten, kochende fast augenblicklich zu \u00fcberaus deutlichen, sch\u00f6nen kernhaltigen Zellen auf, welche sicli gegenseitig polygonal abplatten, isolirt aber vollkommen rundliche Formen annehmen. Die Zellen des MALPiGHi\u2019schen Netzes quellen dabei nicht minder auf, doch werden ihre Kerne fast gleichzeitig durch die energische Einwirkung des Alkali","page":136},{"file":"p0137.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 137\nzerst\u00f6rt. Ich habe dieselbe nachteilige Wirkung auf die Kerne der Malpi\u00f6hi\u2019sehen Zellen auch an frischen Pr\u00e4paraten, heim Aufkochen mit Natron, h\u00e4utig beobachtet : Essigs\u00e4ure bringt diese Kerne deutlich zur Anschauung. Das Stratum Malpighii erscheint somit als eine Lage von kernlosen zartwandigen Bl\u00e4schen. Ich habe, Fig. 1, einen Querschnitt des Nagels vom Ringfinger der weiblichen Mumie, nach Behandlung mit Natron gezeichnet : nach unten sieht man die kernlosen Zellen des MALPiGHi\u2019schen Netzes. Die oberen Schichten der Nagelzellen dehnen sich manchmal nicht so vollst\u00e4ndig aus und erscheinen dann platt und lang Fig. 2 b). Die Nagelzellen haben einen Durchmesser von 0,0 H5\"', die Kerne, welche meist keine ganz regelm\u00e4ssige Gestalt hatten, sind 0,0015 bis 0,002\"' dick und 0,004\"' lang. Die Zellen der Schleimschicht waren etwa um die H\u00e4lfte kleiner als die Nagelzellen.\nc) Haar.\nAls Object der Untersuchung dienten mir vorz\u00fcglich die Kopfhaare der weiblichen Mumie. Ich habe schon oben bemerkt, dass die Farbe derselben verschiedene, hellere und dunklere Schattirungen zeigt, welche wohl aus der Einwirkung der zur Balsamirung verwendeten Stoffe erkl\u00e4rt werden m\u00fcssen ; hier kann ich noch hinzuf\u00fcgen, dass auch die Dicke der Haare ungleich ist, aber mit der ver\u00e4nderten F\u00e4rbung kaum in directer Beziehung steht, obschon die dunkleren Haare meist feiner sind als die helleren. Der Durchmesser der Haare variirt von 0,045\"'bis 0,029'\". Die dachziegelf\u00f6rmig sich deckenden Schuppen des Oberh\u00e4utchens k\u00f6nnen schon bei einfacher Betrachtung des Haares unter Wasser deutlich wahrgenommen werden. Kocht man das Haar mit kaustischer Natronl\u00f6sung, so quillt es wie ein frisches auf, und man erkennt in der weichen, l\u00e4ngsgestreiften Rindensubstanz die langen, spindelf\u00f6rmigen Kerne der Faserzellen und in der Medianlinie die polygonalen, senkrecht an einander gereihten Markzellen, welche \u00f6fter ganz oder streckenweise fehlen. Besonders bemerkens-werth erscheint mir noch der Umstand, dass die Schuppen des Ober-h\u00e4utchens, das sich manchmal als zusammenh\u00e4ngende Membran bauchig von der Corticalsubstanz abhebt, wahrscheinlich in Folge eines bestimmten Concentrations- und Hitzegrades der Natronl\u00f6sung an einigen Pr\u00e4paraten zu Bl\u00e4schen aufgequollen sind vgl. Fig. 3 o). Die Oberhautsch\u00fcppchen frischer Haare konnte ich bisher eben so wenig wie K\u00f6lliker u. A., zum Aufquellen bringen. Man betrachtet bekanntlich gerade das Ausbleiben dieser Erscheinung als ein unterscheidendes Merkmal dieser Schuppen von den gew\u00f6hnlichen Epidermiszellen.","page":137},{"file":"p0138.txt","language":"de","ocr_de":"1 38 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nIch habe au die M\u00f6glichkeit einer T\u00e4uschung gedacht, indem, wenn die Fl\u00fcssigkeit zwischen zwei Sch\u00fcppchen eindringen w\u00fcrde, ein \u00e4hnliches Bild entstehen m\u00fcsste, wie wenn die Wandungen eines und desselben Sch\u00fcppchens durch Imbibition auseinander getrieben werden. Bei genauerem Zusehen hat sich jedoch diese Vermuthung als unstatthaft erwiesen, und die mitgetheilte Thatsache muss als solche stehen bleiben. Vielleicht gelingt es sp\u00e4ter auch an frischen Haaren Aehnliches zu beobachten.\nAn mit Natron gekochten Querschnitten der Haare habe icli in der Corticalsubstanz eine deutliche polygonale Zeichnung bemerkt. Die polygonalen Abtheilungen waren von verschiedener Gr\u00f6sse und Gestalt, und hatten meist in der Mitte einen dunkel contourirten Punkt, welcher sich bei Ver\u00e4nderung der Focaldistauz in die Dicke des Schnittes, als ein d\u00fcnnes St\u00e4bchen, hinein verfolgen liess. Die kleineren Zwischenr\u00e4ume zwischen den Polygonen hatten gew\u00f6hnlich keine oder nur sein-feine Punkte. Diese centralen Punkte hatten einen Durchmesser von \u00fc,000\u00f6\"' bis 0,001\"', w\u00e4hrend der Durchmesser der eckigen Felder zwischen 0,0007'\" und 0,0033\"' schwankte. Diese Messungen stimmen auf so \u00fcberraschende Weise mit den durch K\u00f6lliker angegebenen Dimensionen der Faserzellen der Rinde und ihrer langen d\u00fcnnen Kerne \u00fcberein, dass nicht nur kein Zweifel \u00fcber die Bedeutung jener von mir beobachteten polygonalen Felder und Punkte \u00fcbrig bleibt, sondern zugleich auch der Beweis f\u00fcr die Richtigkeit der Gr\u00f6ssenverh\u00e4ltnisse dieser Elementartheile, welche K\u00f6lliker nach Zerfaserung der mit Schwefels\u00e4ure behandelten Rinde bestimmt hat, geliefert wird.\nDie auf Durchschnitten der Rinde erscheinenden zart contourirten Polygone und rundlichen Punkte, welche ich Fig. 4 von einem marklosen Mumienhaare abgebildet habe, sind nichts anderes als die Querschnitte der \u00fcber und neben einander gereihten Faserzellen der Rindensubstanz und ihrer Kerne. Es ist mir seither wiederholt gelungen, an frischen Haaren dieselbe Beobachtung zu machen.\nDie Schuppen des Oberh\u00e4utchens erscheinen auf dem Querdureh-schnitte der Haare als d\u00fcnne, gebogene St\u00e4bchen, welche in mehreren Lagen den Umkreis der Rinde bedecken (vgl. Fig. 4\u00ab), weil sie sein-nahe \u00fcber einander stehen und wie die Ziegeln eines Daches angeordnet sind, so dass eine senkrecht auf die L\u00e4ngsaxe des Haares gestellte Ebene, welche durch die Dicke des Oberh\u00e4utchens schneidet, auf diesem Wege mehrere Pl\u00e4ttchen treffen muss.\nDas br\u00e4unliche Pigment der Haare war theils in Form von kleinen K\u00f6rnchen an den bekannten Punkten abgelagert, theils machte es sich mehr als eine diffuse, gleichm\u00e4ssige F\u00e4rbung der Substanzen bemerklich.","page":138},{"file":"p0139.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n139\nDie Elemente der inneren Wurzelscheide des Haares habe ich mit aller Deutlichkeit unterschieden. Die Zellen der \u00e4usseren Schichte der inneren Wurzelscheide (Henle\u2019s Schichte) konnten leicht im Zusammenh\u00e4nge und einzeln isolirt werden ; sie hatten, einzeln gemessen, eine L\u00e4nge von 0,013\"'\u20140,02'\" und eine Breite von 0,006'\" und zeigten, wo der Zusammenhang zwischen ihnen noch nicht aufgehoben war, jene charakteristischen Spalten, welche diese Lage so leicht kenntlich machen vgl. Fig. 5). Die innere Schichte der inneren Wurzelscheide Huxley\u2019s Schichte bestand aus polygonalen Zellen, welche keine Spalten zwischen sich Messen und k\u00fcrzer und breiter waren, als die Elemente der \u00e4usseren Schichte. Die Dicke der aus diesen beiden Schichten, der IlENLE\u2019sehen und der HuxLEY\u2019schen zusammengesetzten inneren Wurzelscheide betrug zwischen 0,007'\" und 0,009'\". Nach innen von der HuxLEY\u2019schen Schichte erkannte ich noch die \u00e4ussere Lage des Oberh\u00e4utchens, welches, soweit die innere Wurzelscheide reicht, den Haarbalg auskleidet und aus einzelnen dachziegelf\u00f6rmig sich deckenden Pl\u00e4ttchen besteht. Die Richtung und Anordnung dieser Pl\u00e4ttchen ist im Allgemeinen dieselbe, wie die der Schuppen des Oberh\u00e4utchens am Haarschaft.\nWurden die Haare vorsichtig aus den B\u00e4lgen herausgezogen, so blieb die innere Wurzelscheide an ihrem unteren Ende sitzen, und konnte dann leicht untersucht werden. An Falten der inneren Wurzelscheide, welche auf diese Art isolirt worden war, habe ich, bei geh\u00f6riger Focaleinstellung den Zusammenhang aller erw\u00e4hnten Elemente wie an einem Durchschnitte deutlich \u00fcbersehen k\u00f6nnen.\nNach einem solchen Pr\u00e4parate ist Fig. 6 entworfen; bei a erkennt man die \u00e4ussere oder durchbrochene, bei b die innere Schichte der inneren Wurzelscheide und bei c das Oberh\u00e4utchen, und zwar dessen \u00e4ussere, von Bowman und K\u00f6lliker zuerst beschriebene Lage ; bei d sind kr\u00fcmelige Beste der \u00e4usseren Wurzelscheide angedeutet.\n3. Von dem fibr\u00f6sen und elastischen Gewebe.\nNicht minder wohl erhalten als die bisher abgehandelten Gebilde, sind die B\u00e4nder, die Sehnen und die Aponeurosen. Ich hatte Gelegenheit die verschiedenen fibr\u00f6sen Elemente von beiden Mumien zu untersuchen, und fand ihre physikalischen und mikroskopischen Charaktere im Allgemeinen \u00fcbereinstimmend mit jenen der frisch getrockneten Theile. Wurden die liornartig spr\u00f6den, br\u00e4unlichroth durchscheinenden fibr\u00f6sen Gebilde in Wasser erweicht, so quollen sie fast alle bedeutend auf, und Messen sich leicht in Fasern zerlegen. Nach Zusatz von","page":139},{"file":"p0140.txt","language":"de","ocr_de":"140 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nEssigs\u00e4ure oder Natronl\u00f6sung verschwand die fibrill\u00f6se Structur und machte einem mehr homogenen Ansehen Platz. Dabei traten die Kerne, die Kernfasern und die elastischen Fasern, je nach der ihnen zukommenden Verbreitung, deutlicher hervor. Ich habe den ganzen rechten Arm der Knaben-Mumie in Wasser maceriren lassen und konnte hierauf die Aponeurosen, B\u00e4nder und Sehnen mit dem Scalpell verfolgen, Die B\u00e4nder hafteten meist nur lose an den Knochen, das Lig. carpi transversum hing jedoch noch sehr fest mit den betreffenden Handwurzelknochen zusammen, und hielt durch die straffe Spannung die zur Hohlhand laufenden Sehnen der Fingerbeuger nieder. Auf feinen Querschnitten der B\u00e4nder und Sehnen zeigte sich ihre Zusammensetzung aus einzelnen gr\u00f6sseren und kleineren B\u00fcndeln mit aller Deutlichkeit. In Fig. 7 ist eine kleine Partie des Querschnittes der Sehne des Muse, flexor pollicis longus, bei starker Vergr\u00f6sserung abgebildet. Die grossen unregelm\u00e4ssigen, polygonal abgeplatteten Felder entsprechen seeund\u00e4ren Sehnenb\u00fcndeln, welche durch interstitielles Bindegewebe auseinander gehalten werden. Die schwarzen P\u00fcnktchen im Innern dieser Felder sind die Durchschnitte der Kernfasern, welche nach K\u00f6lliker zwischen den prim\u00e4ren B\u00fcndeln sitzen. Von den Querschnitten der zu den Primitivb\u00fcndeln vereinigten Fibrillen habe ich Nichts wahrgenommen.\nAn vielen Punkten hatten die Sehnen das bekannte auch an Nervenb\u00fcndeln verkommende, quergeb\u00e4nderte Ansehen, welches in beiden F\u00e4llen der optische Ausdruck der regelm\u00e4ssigen, wellenf\u00f6rmigen Biegungen der Primitivfasern ist.\nAn derselben Mumie habe ich noch St\u00fccke vom Periost und Perichondrium. ferner die Fascia lata, die Seitenb\u00e4nder des Kniegelenkes und die Tunica albuginea der Schwellk\u00f6rper des Penis untersucht und in entsprechender Weise erhalten gefunden.\nVon der anderen Mumie lieferte das Ligam. longitudinale unterius der Wirbels\u00e4ule den Beweis, dass auch hier die fibr\u00f6sen Elemente, wie das Bindegewebe \u00fcberhaupt, vor der Zerst\u00f6rung bewahrt worden sind. B\u00fcndel und Fasern waren vollkommen deutlich.\nDas elastische Gewebe habe ich in ausgezeichneter Form in der Fascia lata und in den gelben B\u00e4ndern beobachtet. St\u00fccke der Letzteren verschaffte ich mir bei Er\u00f6ffnung des R\u00fcekgratcanals der weiblichen Mumie.\nDie elastischen Fasern waren dunkel contourirt, einfach, verzweigt, netzf\u00f6rmig verbunden und widerstanden der Einwirkung der Essigs\u00e4ure, ja selbst der Alkalien sehr gut. Der Durchmesser der Fasern der Ligamenta flava betrug 0,0016\"' bis 0,0034\"'.","page":140},{"file":"p0141.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n141\nAls einen Unterschied zwischen frischgetrockneten fibr\u00f6sen Massen und den B\u00e4ndern und Sehnen etc. der Mumien, muss ich schliesslich hervorheben, dass jene durch die Maceration die Durchsichtigkeit verlieren, und ihr weissliches silbergl\u00e4nzendes Ansehen wieder annehmen, w\u00e4hrend diese nach dem Aufweichen eine mehr gelatin\u00f6se Beschaffenheit zeigen.\n4. Von dem Knorpel.\nDie Knorpel waren bei beiden Mumien zu harten, mehr oder weniger spr\u00f6den, gelbbraun oder selbst schw\u00e4rzlich gef\u00e4rbten, durchscheinenden Massen zusammengetrocknet, ohne \u00fcbrigens durch den Wasserverlust ihre Gestalt ganz eingeb\u00fcsst zu haben. In Wasser gelegt quollen sie leicht auf, und verloren ihre mitunter glasartige Spr\u00f6digkeit, so dass ich ohne Schwierigkeit feine Durchschnitte anfertigen konnte. Dabei behielten die Knorpel einen lebhaften Stich ins Gelbbraune.\nVon F a s e r k n o r p e 1 n habe ich die halbmondf\u00f6rmigen Zwischengelenkknorpel des Kniegelenkes der Knaben-Mumie, die Ligamenta intervertebralia der weiblichen Mumie und die Ohrknorpel beider untersucht.\nIn den ersteren fand ich keine Spur von Knorpelzellen, dagegen eine nicht undeutliche Faserung.\nDie Lig. intervertebralia waren in eigenth\u00fcmlicher Weise zusammengetrocknet. Die beiden den Wirbelk\u00f6rpern unmittelbar aufliegeu-genden Knorpellamellen hatten ihre nat\u00fcrliche Form und einen hohen Grad von H\u00e4rte. Die peripherischen Schichten der Bandscheibe waren stark eingezogen, so dass zwischen je zwei Wirbelk\u00f6rpern eine mehr oder weniger tiefe concave Rinne herumlief. Auf Durchschnitten zeigten sich um einen centralen Hohlraum concentrisch gelagerte peripherische Spalten und G\u00e4nge, welche dem centralen Kern und dem geschichteten Bau der Zwischenwirbelb\u00e4nder entsprechen. Mit Wasser behandelt, quollen die Bandscheiben stark auf und Hessen s\u00e4mmtliche Elementartheile und deren bekannte Anordnung deutlich wahrnehmen.\nDie Knorpel des \u00e4usseren Ohres endlich, welche von einem starken Perichondrium eingeh\u00fcllt waren, bestanden aus einer eigenth\u00fcmlich faserigen Grundsubstanz und deutlichen l\u00e4nglich runden, mit ein bis zwei kernartigen Massen ausgef\u00fcllten Zellen. In Fig. 8 habe ich ein St\u00fcck des Ohrknorpels gezeichnet, bei a bemerkt man ovale L\u00fccken der Grundsubstanz, in welchen Knorpelzellen eingebettet waren, die in Folge der Pr\u00e4paration herausgefallen sind.","page":141},{"file":"p0142.txt","language":"de","ocr_de":"142 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nBesonders wohlerlialten waren die Hippenknorpel und die Knorpelringe der Trachea bei der weiblichen Mumie. Sowohl die ersteren als die letzteren hatten auf dem Durchschnitte ein schw\u00e4rzliches, matt gl\u00e4nzendes Ansehen. Die homogene Grundsubstanz zeigte eine feine Granulirung und enthielt reichliche Knorpelzellen, an welchen scharfcontourirte tlieils centrale, theils wandst\u00e4ndige Kerne und mehr oder weniger bedeutende Verdickungsschichten \u00fcberaus deutlich wahrgenommen werden konnten. Die Zellen lagen theils einzeln, theils in Keilten oder H\u00e4ufchen geordnet, welche offenbar Gruppen von Tochterzellen entsprechen (vgl. Fig. 10).\nDie Gelenkknorpel habe ich an der kleineren Mumie untersucht. Ich fand eine fein granulirte, in unregelm\u00e4ssige Fasern reissende Grundsubstanz und meist kernlose, einfache oder zusammengesetzte Knorpelh\u00f6hlen. Die Anordnung der letzteren konnte auf feinen Durchschnitten leicht \u00fcbersehen werden.\nGegen die freie Oberfl\u00e4che lagen sie dicht gedr\u00e4ngt und parallel dem Umriss, in den tieferen Schichten weniger zahlreich und ohne bestimmte Ordnung. An der dem Knochen zugewendeten Seite war ihre L\u00e4ngsaxe mehr oder weniger senkrecht gestellt. Von den zusammengesetzten Zellen des Knorpel\u00fcberzuges der Patella habe ich, Fig. 9, eine Abbildung gegeben.\nZwischen den Gelenkknorpeln und den Knochenenden erkannte ich jene eigenth\u00fcmliche Schichte von ossificirtem Knorpel, welche erst in neuerer Zeit genauer beschrieben worden ist.\nDiese Schichte, von welcher sich der wahre Knochen sehr deutlich mit rundlichen Umrissen absetzt, enth\u00e4lt sehr sch\u00f6ne, grosse Knorpelzellen mit stark verdickten Wandungen, und h\u00e4ngt mit dem Gelenkknorpel weniger innig, als mit dem Knochen zusammen, so dass sie immer am Knochen haften blieb, wenn ich den Gelenkknorpel absprengte. Die Knorpelzellcn erschienen, ohne weitere Behandlung des Pr\u00e4parates, als l\u00e4ngliche, undurchsichtige K\u00f6rper; nach Zusatz von etwas Salzs\u00e4ure aber hellten sie sich auf, und zeigten deutliche Zellkerne und starke Verdickungsschichten. In \u00e4hnlicher Weise verhielten sich die Beste von Knorpelmasse, welche ich zwischen den noch unverwachsenen Diaphysen und Epiphysen gefunden habe. Die Knorpelzellen waren auch hier theils. einfach, theils Mutterzellen mit Tochterzellen, und hatten deutliche Kerne, aber keine auffallend verdickten Wandungen.","page":142},{"file":"p0143.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n143\n5. Von dem Knochengewebe.\nDas Periost hatte sich bei der kleineren Mumie mit den Weich-theilen an den meisten Stellen abgel\u00f6st, an einigen Punkten haftete es jedoch an den Knochen noch fest. Bei der gr\u00f6sseren Mumie war es noch \u00fcberall nachzuweisen.\nDie Knochen selbst liessen an allen Theilen, welche ich untersucht habe, meist sehr reichverzweigte Knochenk\u00f6rperchen, Haver-sianische Can\u00e4lchen und deutliche Lamellensysteme erkennen. Nach Zusatz von verd\u00fcnnter Salzs\u00e4ure traten die allgemeinen und speciellen Lamellensysteme noch sch\u00e4rfer hervor und zerfielen bei geeigneter Behandlung in einzelne Lamellen. Die Knochenk\u00f6rperchen verloren dabei ihre Ausl\u00e4ufer und erschienen als blasse l\u00e4ngliche L\u00fccken.\nBemerkenswerth war mir die auffallende Morschheit der spongi\u00f6sen Substanz der Wirbelk\u00f6rper der weiblichen Mumie, welche sich, wie ger\u00f6stetes Brod, mit dem Messer schneiden liessen.\nDie Markh\u00f6hlen und Markzellen der Knochen fand ich meist ganz leer, doch ist es mir gerade an den morschen Wirbelk\u00f6rpern gelungen, deutliche Beste des fettreichen Markes zu entdecken.\nIch unterschied nach Behandlung des Pr\u00e4parates mit etwas verd\u00fcnnter Natronl\u00f6sung Bindegewebe, Fettzellen und jene kernhaltigen Markzellen, welche Hasse und K\u00f6lliker Tn allem rothen Mark gefunden haben, und Anfangs f\u00fcr pathologische Producte hielten, sp\u00e4ter aber als einen constanten Bestandtheil des Markes gewisser Knochen erkannten.\n6. Von den Z\u00e4hnen.\nIn den Z\u00e4hnen walten die anorganischen Substanzen in einem solchen Grade vor, dass es Niemand Wunder nehmen kann, wenn diese Gebilde bis ins mikroskopische Detail erhalten gefunden werden. Des g\u00fcnstigen Kesultates von vornherein gewiss, verfertigte ich ein Pr\u00e4parat von der zuf\u00e4llig abgebrochenen Krone eines Schneidezahnes und ein anderes von der Wurzel eines anderen Zahnes.\nDer S c h m e 1 z zeigte sich zusammengesetzt aus einzelnen Prismen, welche an mehreren Stellen fein quergestreift und in gewohnter Weise angeordnet waren. Sehr ausgepr\u00e4gt erschienen jene F\u00e4rbungen, die auf L\u00e4ngsschliffen als braungelbe, schr\u00e4g von unten und innen nach aussen und oben aufsteigende Linien sich darstellen. Auf der \u00e4usseren Oberfl\u00e4che des Schmelzes bemerkte ich jene zierlichen quer um die Krone herumlaufenden feinen W\u00fclstchen und Furchen, welche ich","page":143},{"file":"p0144.txt","language":"de","ocr_de":"144 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nimmer nur an den zweiten oder bleibenden Z\u00e4hnen gesehen und an einem anderen Orte ausf\u00fchrlich beschrieben habe. Der untere Theil mehrerer Zahnkronen war mit dicken Ablagerungen von Weinstein umgeben.\nDie homogene Grundsubstanz des Zahnbeines hatte einen merklichen Stich ins Gelbe, besonders an der Spitze der Krone, wo sie wegen der Abnutzung des Schmelz\u00fcberzuges frei zu Tage lag.\nDie Zahncan\u00e4lclien, welche sich auf dem Wege von der Pulpah\u00f6hle zur Peripherie ver\u00e4stelten und verj\u00fcngten, waren namentlich im unteren Theile der Wurzel an manchen Punkten unregelm\u00e4ssig erweitert. An der Grenze zwischen Cement und Zahnbein fand ich die kleinen eckigen Hohlr\u00e4ume, welche ich in meinen \u00bbBeitr\u00e4gen zur mikroskopischen Anatomie der menschlichen Z\u00e4hne\u00ab1 ; als Interglobularr\u00e4ume gedeutet habe, in zahlreicher Menge vor.\nVon den gr\u00f6sseren Interglobularr\u00e4umen, welche mehr im Kronen-theil des Zahnbeines Vorkommen, und wie K\u00f6lliker gezeigt hat, in frischen Z\u00e4hnen nicht ossificirte Dentine enthalten, habe ich nichts bemerkt. Das Cement enthielt stellenweise sehr geh\u00e4ufte, grosse Knochenk\u00f6rperchen mit buschig verzweigten Ausl\u00e4ufern.\nAuf der \u00e4usseren Oberfl\u00e4che des Cements zeigte sich eine \u00e4hnliche Furchung wie auf der Oberfl\u00e4che des Schmelzes.\nIn den Keimh\u00f6hlen*der Z\u00e4hne, welche ich durch Anschleifen ge\u00f6ffnet hatte, fand ich unzweifelhafte Reste der Pulpa. Die mikroskopische Untersuchung dieser m\u00fchsam eroberten Ueberbleibsel konnte jedoch keine deutliche, sichere Spur von Nervenfasern oder Gef\u00e4ssen nachweisen. Dagegen waren die F\u00e4den und Keimk\u00f6rner eines Pilzes, welcher sich in den faserigen der L\u00e4nge nach spaltbaren Rudimenten der Pulpa eingenistet hatte, unverkennbar. Da die untersuchten Z\u00e4hne der kleineren Mumie angeh\u00f6rten, deren entbl\u00f6sstes Gesicht jahrelang dem Einfl\u00fcsse der wechselnden Zust\u00e4nde der Atmosph\u00e4re ausgesetzt war, so kann die Anwesenheit dieses Epiphyten nicht auffallen.\n7. Von den Muskeln.\nBei der Untersuchung, namentlich dieses Gewebes, habe ich die Erfahrung gemacht, wie sehr das Resultat solcher Nachforschungen von der Pr\u00e4parationsmethode und Behandlungsweise der Objecte ab-li\u00e4ngt. Ich suchte lange vergebens nach den sonst so leicht darstellbaren quergestreiften Muskelfasern. Die verschiedensten Reagentien hatte ich ohne Erfolg angewendet ; aus den verschiedensten Regionen\ni Zeitschr. f. wiss. Zool. 1850, Bd. II, S. 295. \u2014 S. o. S. 56.","page":144},{"file":"p0145.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 145\ndes K\u00f6rpers hatte ich Theile, die nothwendig Muskelfasern enthalten mussten, der mikroskopischen Untersuchung unterworfen, und doch wollte mir es nicht gelingen, die unverkennbaren Querstreifen zu entdecken.\nSchon war ich im Begriffe von diesen fruchtlosen Bem\u00fchungen abzustehen, und mich dem Gedanken hinzugeben, dass sich das Muskelgewebe trotz der Einbalsamirung eben doch zersetzt habe, als ich endlich vermittelst einer sonst nicht gerade h\u00e4ufig angewendeten Fl\u00fcssigkeit an das erw\u00fcnschte Ziel gelangte.\nDiese Fl\u00fcssigkeit war das Terpentin\u00f6l, welches die Eigenschaft besitzt, die verschiedensten K\u00f6rper langsam zu durchdringen und aufzuhellen. Die Wirkung des Terpentin\u00f6ls tritt ganz allm\u00e4hlich ein und man muss oft mehrere Stunden zuwarten. Den ersten g\u00fcnstigen Erfolg davon sah ich auf die Fasern des Sphincter palpebrarum der weiblichen Mumie.\nIch hatte mir einen mikroskopischen Durchschnitt von dem rechten oberen Augenlid verfertigt und denselben gleich mit Terpentin\u00f6l behandelt. Das Pr\u00e4parat quoll nach und nach auf, und wurde in hohem Grade durchsichtig; dabei legten sich die im Schnitte enthaltenen B\u00fcndel des Muse, sphincter palpebrarum unter dem leisen Drucke des Deckgl\u00e4schens um und zeigten sich als kurze S\u00e4ulclien von der Seite. Die Querstreifen, welche das Muskelgewebe vor allen anderen Merkmalen charakterisiren und auszeichnen, erschienen nun mit \u00fcberraschender Deutlichkeit auf den umgelegten und theilweise ganz iso-lirten B\u00fcndeln. Dabei machte ich die Bemerkung, dass die einzelnen cylindrischen oder abgeplatteten Bruchst\u00fccke der B\u00fcndel Anfangs keine Spur von Querstreifen hatten und ganz glatt, homogen und braungelb gef\u00e4rbt aussahen, und erst nach einiger Zeit, unter der Einwirkung des Terpentins, eine allm\u00e4hlich immer sch\u00e4rfer sich auspr\u00e4gende Querstreifung erhielten.\nNun erst erinnerte ich mich der glatten, fast hornartigen, braun-gelben Bruchst\u00fccke, welche mir oft in den fr\u00fcheren Pr\u00e4paraten zwischen den Bl\u00e4ttern der Aponeurosen undFascien vorgekommen waren, und erkannte jetzt in ihnen die Reste der vergebens gesuchten Muskelb\u00fcndel, welche nur der Durchdringung mit Terpentin\u00f6l bedurft h\u00e4tten, um sich als solche zu manifestiren.\nIn Fig. 12 habe ich die Muskelb\u00fcndel des Sphincter palpebrarum nach einem mit Terpentin\u00f6l behandelten Pr\u00e4parate abgebildet. Bei A ist ein B\u00fcndel, welches oben noch keine Querstreifen zeigt, w\u00e4hrend dieselben am unteren Ende schon aufzutreten beginnen, dargestellt. Das erste B\u00fcndel linker Hand zeigt bei a die ausgesprochene Tendenz\nCzermak, Schriften.\t10","page":145},{"file":"p0146.txt","language":"de","ocr_de":"146 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nin die BowMAN\u2019schen \u00bbdisks\u00ab zu zerfallen. Ich habe \u00fcberhaupt beobachtet, dass an diesen Muskeln die Theilbarkeit nach der Quere, in Scheiben, gegen die Spaltbarkeit nach der Verlaufsrichtung der Primitivfibrillen bei weitem \u00fcberwiegt. Die abgebildeten Muskelb\u00fcndel hatten eine Dicke von 0,003\"', 0,006\"' bis 0,008\"'.\nDie sichere Ermittelung des Zustandes, in welchem sich das Muskelgewebe der Mumie befindet, ist um so wichtiger, als es unter jene Gewebe geh\u00f6rt, welche am leichtesten und schnellsten der Zersetzung und Zerst\u00f6rung schon durch sehr geringe Grade der F\u00e4ulniss unterliegen.\nNachdem ich die Erhaltung des mikroskopischen Details der Muskeln mit voller Bestimmtheit erkannt habe, verliert die Conservi-rung der meisten anderen Gewebe alles Ueberraschende.\n8. Von den Gef\u00e4ssen.\nDie Art. Aorta, welche ich bei der weiblichen Mumie fast von ihrem Urspr\u00fcnge am Herzen bis in die Bauchh\u00f6hle herunter verfolgen konnte, hatte eine rauhe \u00e4ussere und eine glatte, schw\u00e4rzlich gef\u00e4rbte innere Oberfl\u00e4che. Ihre peripherische Umh\u00fcllung bestand aus verfilztem Bindegewebe. Die eigentlichen Gef\u00e4sswandungen, welche zu einer ziemlich harten, br\u00fcchigen Lamelle zusammengetrocknet waren, verhielten sich auf feinen, in Wasser erweichten, mit Essigs\u00e4ure oder Natronl\u00f6sung behandelten Durchschnitten, ganz so wie frisch getrocknete Theile dieser Arterie. Von derselben Beschaffenheit fand ich auch die grossen vom Aortenbogen abgehenden Arterien.\nIn der vorderen Wand des absteigenden Theiles des Aortabogens waren mehrere nicht unbetr\u00e4chtliche, kalkige Ablagerungen zu bemerken. Diese pathologischen Producte sprechen, nebst der \u00fcbrigen Beschaffenheit des K\u00f6rpers, f\u00fcr ein vorger\u00fcckteres Alter des weiblichen Individuums.\nKleinere Venen, Arterien und Capillargef\u00e4sse glaube ich an verschiedenen Stellen wahrgenommen zu haben: doch wage ich nicht, dies mit Bestimmtheit auszusprechen.\nAn der kleineren Mumie haben mir die Gef\u00e4sse des Penis eine sehr g\u00fcnstige Gelegenheit zur Untersuchung geboten. Ich unterschied auf feinen Querschnitten des Penis mit voller Deutlichkeit die Vena dorsalis penis mit den beiden sic begleitenden Arterien und das zusammengesetzte, schwammige Gewebe der Schwellk\u00f6rper der Kuthe und der Harnr\u00f6hre. Die Gef\u00e4sse hatten eine peripherische Bindegewebs-schichte und eine centrale, den Bingfasern entsprechende, circular","page":146},{"file":"p0147.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 147\ngestreifte Lage. In dem Balkengewebe der Corpora cavernosa, der Basis der Ruthe, bemerkte ich braunrotbe stumpf endigende Streifen, welche vielleicht Beste des gestockten Blutes waren.\n\\on einer Injection der Blutgef\u00e4sse mit antiseptischen Substanzen, welche in den meisten neueren Einbalsamirungsmethoden eine Hauptrolle spielt, findet sich an den \u00e4gyptischen Mumien keine Spur. \u2014\n9. Von den Nerven.\nAn dem in Wasser aufgeweichten rechten Arm der kleinen Mumie konnte ich, wie bereits erw\u00e4hnt, die verschiedenen Fascien, Sehnen und B\u00e4nder mit dem Scalpell verfolgen. Dabei richtete ich nat\u00fcrlich meine Aufmerksamkeit zugleich auf die anderen Gebilde, welche sich etwa noch grob anatomisch darstellen lassen w\u00fcrden, und fand dann auch am Handgelenke, wo die Weichtheile mit dem Knochen in nat\u00fcrlicher Anordnung zusammenhingen, sowohl den Nervus ulnar is * als den N. medianus ; jenen am Radialrande des Erbsenbeines, diesen zwischen den Sehnen des Musculus flexor digitorum profundus und sublimis.\nBeide Nervenst\u00e4mme waren br\u00e4unlich gef\u00e4rbt und von den benachbarten fibr\u00f6sen Gebilden, welche stark aufgequollen und gelatin\u00f6s erschienen, leicht zu unterscheiden. Die topographischen Verh\u00e4ltnisse des Nervus ulnar is und medianus stimmten so genau mit jenen dieser beiden braunen Str\u00e4nge \u00fcberein, dass ich die letzteren schon aus diesem Grunde f\u00fcr nichts anderes halten konnte, als f\u00fcr die Rudimente der genannten Nerven.\nDie mikroskopische Untersuchung ergab nebst den fibr\u00f6sen Elementen, welche der Umgebung und der H\u00fclle angeh\u00f6rten, noch eigen-th\u00fcmliche, gelblich gef\u00e4rbte Fasern von 0,0031'\" bis 0,0062\"' Dicke, welche jedenfalls Nervenfibrillen waren. Diese Fasern hatten wellig gebogene, unregelm\u00e4ssige Contouren und Hessen hie und da eine Runzelung bemerken, wie sie gerinnendes Nervenmark zeigt. Ihre Consistenz und Biegsamkeit erinnerte mich lebhaft an die in Chroms\u00e4ure oder Sublimat geh\u00e4rteten Axencylinder der Nervenfasern. Ihre lichtbrechende Kraft war nicht gering, eben so ihre Durchsichtigkeit, denn wo sich zwei Fasern \u00fcberdeckten, konnte icli die Umrisse der tiefer liegenden durch die Substanz der deckenden Faser hindurch deutlich sehen.\nIn Fig. 11 habe ich mehrere Primitivfasern des N. medianus, w elchen ich nach Durchschneidung des queren Handwurzelbandes zwischen den Sehnen der Fingerbeuger hervorholte, dargestellt. Die abgebildeten Fasern sollen, falls es auf der Tafel gelungen ist, ihren\nio*","page":147},{"file":"p0148.txt","language":"de","ocr_de":"J 48 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nnat\u00fcrlichen Charakter zu treffen, den Eindruck von geh\u00e4rteten Axen-cylindern machen, und m\u00fcssen schon durch ausscliliessende Diagnose als nerv\u00f6se Elemente erkannt werden, da es weder fibr\u00f6se, noch elastische, noch auch muskul\u00f6se Fasern sein k\u00f6nnen.\nIch habe oben hei der Beschreibung der Mumien erw\u00e4hnt, dass die K\u00f6pfe Beider die Spuren der Exc\u00e9r\u00e9bration an sich trugen. In der Sch\u00e4delh\u00f6hle des fast g\u00e4nzlich skeletisirten Kopfes des Knaben fanden sich auch nicht einmal mehr Reste von dem Harze, mit welchem die Balsamirer das entleerte Cranium ausf\u00fcllten.\nBei der weiblichen Mumie war das Gehirn ebenfalls durch die Nase entfernt worden : die Er\u00f6ffnung der ohne Zweifel mit Harz ausgegossenen Sch\u00e4delh\u00f6hle h\u00e4tte mir daher eben so wenig Material zur mikroskopischen Untersuchung des Gehirns verschaffen k\u00f6nnen, als der leere Sch\u00e4del des Knabens. Ich stvnd unter diesen Umst\u00e4nden von der Er\u00f6ffnung des Craniums, dessen v\u00f6llige Erhaltung aus anderen Gr\u00fcnden w\u00fcnschenswerth erschien, gern ah. Dagegen versprach ich mir von der Er\u00f6ffnung des R\u00fcckgratscanals irgend ein bemerkenswer-thes Resultat, denn entweder mussten sich Reste des R\u00fcckenmarks daselbst finden oder doch Aufschl\u00fcsse \u00fcber das Schicksal dieses Organes gewinnen lassen. Ich erbrach den R\u00fcckgratscanal von der Leibesh\u00f6hle aus, indem ich einige der morschen Wirbelk\u00f6rper ohne bedeutende Schwierigkeit entfernte. Unter den vorsichtig abgehobenen Wirbelk\u00f6rpem fand sieh das Ligamentum longitudinale posterius, welches mit denselben ziemlich lose zusammenhing. Nachdem ich auch diese Decke gel\u00fcftet hatte, lag der R\u00fcckgratscanal offen da. Ich \u00fcberzeugte mich nun, dass vom R\u00fcckenmark nicht die geringste Spur vorhanden war, w\u00e4hrend einige Reste der R\u00fcckenmarksh\u00fcllen mit dem erw\u00e4hnten L\u00e4ngsbande zusammenhingen. An der hinteren Wand des R\u00fcckgratscanals entdeckte ich eine Schichte von Harz. Die inneren Oberfl\u00e4chen der Wirbelbogen markirten sich in der Weise durch die Harzschichte hindurch, dass ich sie z\u00e4hlen und ihre Gestalt deutlich erkennen konnte. Es ergab sich als endliches Resultat dieser Untersuchung, dass die Balsamirer nicht nur das Gehirn, sondern auch das R\u00fcckenmark auf k\u00fcnstliche Art entfernt und die geleerten R\u00e4ume mit Harz ausgegossen haben. Das im R\u00fcckgratscanal gefundene Harz war ohne Zweifel aus der Sch\u00e4delh\u00f6hle, welche in liegender Stellung des Cadavers mit Harz gef\u00fcllt wurde, an der hinteren Wand des Canals herabgeflossen.\nIch muss hier an die oben angef\u00fchrte zweite Methode der Exc\u00e9r\u00e9bration erinnern, wo man die Centraltheile des Nervensystems, statt durch die Nase, durch eine quere Oeffnung herauszog, welche von","page":148},{"file":"p0149.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n149\nhinten her durch die Dicke der Nackenmuskeln zwischen Atlas und Hinterhauptbein angelegt wurde. In diesem Falle war dann das R\u00fcckenmark so leicht zug\u00e4nglich, dass es gewiss nebst dem Gehirn entfernt worden ist. Anders verh\u00e4lt es sich bei der Exc\u00e9r\u00e9bration durch die Nase. Es k\u00f6nnte hier die Frage aufgeworfen werden, ob es m\u00f6glich war, bei so ung\u00fcnstiger Lage der Excerebrations\u00f6ffnung die Entfernung des entlegenen R\u00fcckenmarkes zu bewerkstelligen?\nZun\u00e4chst m\u00f6chte ich als Antwort darauf bemerken, dass es selbst schwer halten w\u00fcrde, die Entfernung des Gehirns, namentlich des versteckten Cerebellums, zu begreifen, wenn man sich vorstellen wollte, dass es die Balsamirer unternommen h\u00e4tten mit dem gekr\u00fcmmten Eisen, von welchem man bei den Schriftstellern liest, die unebenen Sch\u00e4delgruben auszur\u00e4umen. Meiner Ansicht nach m\u00fcssen die Balsamirer die Exc\u00e9r\u00e9bration auf eine andere Weise ausgef\u00fchrt haben, \u2014 nach einer Methode n\u00e4mlich, welche sie auch bei der Entfernung der Eingeweide ben\u00fctzt haben, wenn keine Seiten\u00f6ffnung in den Bauchwandungen angelegt worden war. Die angeregten Zweifel werden durch diese nahe liegende, bis jetzt, meines Wissens, noch nicht versuchte Erkl\u00e4rung auf die einfachste Art gel\u00f6st.\nSchon Hekodot erz\u00e4hlt, dass die Balsamirer eine besondere Fl\u00fcssigkeit besassen, welche, beim After eingespritzt, s\u00e4mmtliche Eingeweide zerst\u00f6rt und herausgesp\u00fclt habe. Rouyee sagt hier\u00fcber a. a. O., S. 4S2 Folgendes: \u00bbPoor parvenir \u00e0 faire sortir les intestins sans ouvrir le bas-ventre, selon H\u00e9rodote, on injectait du cedria par le fondement; et pour les pauvres, on se servait d\\.ne liqueur compos\u00e9e, appel\u00e9e sura\u00efma, qui, au bout de quelques jours, entra\u00eenait les visc\u00e8res. Comme on ne peut pas supposer que la r\u00e9sine du c\u00e8dre, qui n\u2019est que balsamique, ait eu la propri\u00e9t\u00e9 de dissoudre les intestins, non plus que cette pr\u00e9tendue liqueur purgative d\u00e9sign\u00e9e dans le texte grec par le nom de sura\u00efma, il est beaucoup plus naturel de croire que ces injections \u00e9taient compos\u00e9es d\u2019une solution de natrvrn rendue caustique , qui dissolvait les visc\u00e8res ; et qu'apr\u00e8s avoir fait sortir les mati\u00e8res contenues dans les intestins, les embaumeurs remplissaient le ventre de cedria ou d\u2019une autre r\u00e9sin\u00e9 liquide, qui se dess\u00e9chait avec le corpse.\nMir erscheint es nunmehr als wahrscheinlich, dass bei der Excerebration dasselbe Verfahren befolgt wurde, um die versteckten Nerven-massen aufzul\u00f6sen und herauszuschwemmen. Wenn man bedenkt, wie unzug\u00e4nglich die Vertiefungen der Sch\u00e4delbasis von der Nase aus sind wie klein die Oeffnuug selbst war und wie sorgf\u00e4ltig jede Zerst\u00f6rung der \u00e4usseren Nase vermieden worden ist, so wird man diese Vermuthung sehr plausibel finden. Jenes.eiserne Instrument mag zur","page":149},{"file":"p0150.txt","language":"de","ocr_de":"150 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nDurchbohrung des Siebbeins, zur Zerreissung der Hirnh\u00e4ute und zur vorl\u00e4ufigen Zerst\u00fcckelung des Gehirns gedient haben, welche einer Injection der corrodirenden Fl\u00fcssigkeit jedenfalls vorausgegangen sein muss. Nach erfolgter Injection und endlicher Zerst\u00f6rung und Entfernung des Gehirns und R\u00fcckenmarks wurde dann ein fl\u00fcssiges Harz in den leeren Sch\u00e4del gef\u00fcllt, welches bis in den R\u00fcckgratscanal herabfloss, woselbst es noch heute zu finden ist.\nFragen wir uns schliesslich, auf welche Weise durch die Einbal-samirungsmethode der alten Aegypter die erstaunlich weit gehende Erhaltung der beiden Mumien, die Conservirung selbst des mikroskopischen Details der Gewebe m\u00f6glich war, so werden wir als die wesentlichsten Momente hervorheben m\u00fcssen :\n1.\tDie antiseptische Wirkung der zur Einbalsamirung verwendeten Stoffe,\n2.\tdie durch das Klima und den Aufbewahrungsort beg\u00fcnstigte Entziehung und Verfl\u00fcchtigung der fl\u00fcssigen Bestandteile, und\n3.\tendlich die Hintanhaltung der atmosph\u00e4rischen Luft und Feuchtigkeit, durch die zahlreichen Binden und den Harz\u00fcberzug, welcher unmittelbar auf dem K\u00f6rper mancher Mumien gefunden wird.\nDie umsichtige Untersuchung anderer Mumien wird zu \u00e4hnlichen, vielleicht noch zu g\u00fcnstigeren Resultaten f\u00fchren. Interessant w\u00e4re es, die Mumien der \u00fcbrigen V\u00f6lker, welche diese Kunst \u00fcbten, gleichfalls mikroskopisch zu untersuchen und die gefundenen Thatsachen mit den Beobachtungen an den \u00e4gyptischen zu vergleichen.\nTrotz der Menge der ausnehmend gut erhaltenen Gewebe gibt es dennoch verschiedene Theile des K\u00f6rpers, deren Structurverh\u00e4ltnisse nicht hinreichend deutlich darzustellen sind, um mit Sicherheit erkannt zu werden. So habe ich die in einen Klumpen zusammengewickelten in der Bauchh\u00f6hle gefundenen Ged\u00e4rme wohl als solche erkannt, war aber nicht im Stande zu bestimmen, welchem Theile des Darmcanals dieselben angeh\u00f6rt haben mochten. Auch die sorgf\u00e4ltigste Untersuchung, die verschiedensten Pr\u00e4parationsmethoden werden h\u00e4ufig genug nicht zum Ziele f\u00fchren. Dies darf wohl gegen\u00fcber den 2000 und mehr Jahren, welche an diesen merkw\u00fcrdigen Ueberbleibsein ferner Tage vor\u00fcbergerauscht sind, gar nicht Wunder nehmen !\n\u00bb77 faut moins s'\u00e9tonner de trouver plusieurs parties alt\u00e9r\u00e9es ou d\u00e9truites dans les momies, que d\u2019en voir tant de conserv\u00e9es e Jomakd :.","page":150},{"file":"p0151.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\n151\nTabelle\nzur Vergleichung der mikrometrischen Bestimmungen der Gewebs-tlieile der Mumien mit den Messungen der frischen Theile nach\nA. K\u00f6llikek.\nGegenstand.\nGr\u00f6ssenverh\u00e4ltniss desselben, in 1U. L. ausgedr\u00fcckt.\n\tVon der Mumie.\tVom Frischen.\nFe ttzeilen im Unterhaut-Zellgewebe . . . .\t0,02 \u20140,026\t0,022 \u20140,034\nEpidermiszellen mit Natronl\u00f6sung be-\t\t\nhandelt; L\u00e4ngsdurchmesser\t\t0,010\t0,02 \u20140,032\nQuerdurchmesser\t\t0,013\t0,016 \u20140,02\nNagelzellen\t\t0,016\t0,016\nKerne der Nagelzellen ; L\u00e4nge \t\t0,004\t0,003 \u20140,0046\nDicke\t\t0,0015\u20140,002\t0,002\nFaserzelleu der Rinde des Haares; Quer-\t\t\ndurchmesser\t\t0,0067\u20140,0033\t0,005 \u20140,002\nSpindelf\u00f6rmige Kerne derselben ; Dicke . . .\t0,0006\u20140,0001\t0,0005\u20140,00012\nZellen der durchbrochenen Schichte der\t\t\ninneren Wurzelscheide; L\u00e4nge\t\t0,013 \u20140,02\t0,016 \u20140,02\nBreite\t\t0,006\t0,004 \u20140,006\nDicke der inneren Wurzelscheide . . . .\t0,007 \u20140,009\t0,006 \u20140,015\nFasern der Lig. /lava\t\t0,0016\u20140,0034\t0,0015\u20140,003\nDicke der quergestreiften Muskelb\u00fcn-\t\t\nd e 1 des Muse, sphincter palpebrarum\t\t0,003 \u20140,008\t0,005 \u20140,016\nPrimitivfibrillen des Nerv, medianus. . .\t0,0031\u20140,0062\t0,001 \u20140,006","page":151},{"file":"p0152.txt","language":"de","ocr_de":"152 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien-.\n2.\nW\u00e4hrend meines Aufenthaltes in Bordeaux im August des Jahres 1853 kam ich mit meinem Reisegef\u00e4hrten, Herrn A. Joukdiek, bei Besichtigung der grossen gothischen Kirche in St. Michel in das sogenannte \u00bb Caveau de St. Michel\u00ab \u2014 ein unterirdisches Gew\u00f6lbe des iso-lirt stehenden Glockenthurmes, welches mit einer betr\u00e4chtlichen Anzahl von wohlerhaltenen, mumificirten Leichnamen angefiillt ist. Im Jahre 1793 hatte man in Folge der Verordnung : die Begr\u00e4bnisspl\u00e4tze in die Umgebungen der St\u00e4dte zu verlegen, auch den Kirchhof von St. Michel umgegraben und cassirt. Dabei fand sicli\u2019s, zu nicht geringem Erstaunen der Bev\u00f6lkerung, dass ein grosser Theil der ausgegrabenen Leichname unzerst\u00f6rt und wohlerhalten war. Diese zuf\u00e4llig mumificirten Leichname wurden dann als eine grosse Merkw\u00fcrdigkeit in das runde Gew\u00f6lbe des Glockenthurms gebracht und daselbst l\u00e4ngs der Wand in einem grossen Kreise aufgestellt zur Besichtigung f\u00fcr Fremde und Einheimische, von denen sich namentlich der weibliche Theil herzudr\u00e4ngt, um, wie in dem \u00bb Chamber of horrors \u00ab des bekannten Wachs-figurcncabinets der Mad. Tissot in London, in Furcht, Grausen und Thr\u00e4nen zu schwelgen.\nDa ich schon fr\u00fcher Untersuchungen \u00fcber den Grad der Conser-viruug k\u00fcnstlicher und zwar \u00e4gyptischer) Mumien angestellt hatte, deren Resultate im IX. Bande, S. 427 der Sitzungsberichte der K. Akademie der Wiss. in Wien vom Jahre 1852 oben S. 112 ver\u00f6ffentlicht wurden, so musste es f\u00fcr mich von Interesse sein, die Mumien des Caveau\u2019s, welche nicht in Folge einer absichtlichen, k\u00fcnstlichen Einbalsamirung, sondern durch das zuf\u00e4llige Zusammentreffen schwer zu ermittelnder nat\u00fcrlicher Umst\u00e4nde entstanden waren, ebenfalls genauer zu untersuchen, um zu sehen, ob und in wie weit sich dieselben, abgesehen von den \u00e4usseren Formen, conservirt haben oder nicht.\nSchon hatte ich ein passendes St\u00fcck einer Mumie, welches abgebrochen auf dem Boden lag, ausersehen und wollte es eben einstecken, als der uns begleitende Kirchendiener mein beabsichtigtes Sacrilegium bemerkte und entschiedenen Protest dagegen einlegte. Mir blieb nichts Anderes \u00fcbrig, als meine Beute wieder abzuliefern und bei einem der Kirchenvorsteher eine Autorisation zu meinem Raube zu erbitten. Der Advocat Herr Dupont, einer der Vorsteher, hat mir die nachgesuchte","page":152},{"file":"p0153.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 153\nErlaubnis sehr bereitwillig gegeben, und icb balte es f\u00fcr eine angenehme Pflicht, demselben hiermit \u00f6ffentlich meinen Dank zu sagen.\nSo kam ich in den Besitz der Hand und des halben Vorderarms einer Mumie aus dem Caveau de St. Michel, welche ich als Material zur vorliegenden Untersuchung verwendet habe.\nMan kennt zwar mehrere Orte in Deutschland und in der Schweiz, wo sich solche mumificirte Leichname finden \u2014 allein meines Wissens hat bisher noch Niemand eine genauere Untersuchung des Zustandes, in welchem sich die einzelnen Gewebe derselben befinden, unternommen, so dass die nachfolgende kurze Mittheilung, welche gewisser-maassen als Anhang zu meinen oben citirten Beobachtungen zu betrachten ist, nicht unwillkommen sein durfte.\nDie \u00e4ussere Haut erscheint als eine dunkelbraune, lederartige Masse, welche zum grossen Theile durch bedeutende lufthaltige R\u00e4ume von den unter derselben befindlichen Weichtheilen und Knochen getrennt ist. An der Hohllmnd in der N\u00e4he des Daumenballens befindet sich eine ziemlich grosse unregelm\u00e4ssige Oeffnung, welche zu den lufthaltigen R\u00e4umen im Innern der Hand f\u00fchrt und bis auf die ent-bl\u00fcssten Knochen des Metacarpus hineinzusehen gestattet.\nBei der mikroskopischen Untersuchung der Haut zeigte sich das Derma und das subcutan\u00e9 Bindegewebe vollkommen wohlerhalten; von dem Papillark\u00f6rper und der Epidermis habe ich jedoch nur sehr undeutliche Spuren auffinden k\u00f6nnen. Die N\u00e4gel waren leider abgefallcn. Inden Maschen des subcutanenBindegewebes, welche meist nur mit Luft gef\u00fcllt waren, kamen einzelne wohlerhaltene H\u00e4ufchen von wasserhellen, polygonal abgeplatteten Fettzellen vor.\nDie Sehnen und B \u00e4 n der, die F a scie n und Aponeuroseu u. s. w. sind so vollkommen conservirt, dass die von denselben gefertigten Pr\u00e4parate kaum von frischen Pr\u00e4paraten unter dem Mikroskope zu unterscheiden seiu d\u00fcrften. Werden diese Theile in Wasser aufgeweicht, so quellen sie wohl auf, nehmen aber nicht mehr das weiss-lich silbergl\u00e4nzende Ansehen des frischen fibr\u00f6sen Gewebes an, sondern sie bleiben durchscheinend. Dieses eigent\u00fcmliche Verhalten des fibr\u00f6sen Gewebes habe ich auch schon bei den \u00e4gyptischen Mumien bemerkt und a. a. O. (S.32 des Separatabdruckes, vgl. oben S. Hl erw\u00e4hnt ; es deutet, wie mir scheint, darauf hin, dass das fragliche Gewebe eine besondere physikalische Ver\u00e4nderung erleidet, wenn es sehr lange in trockenem Zustande aufbewahrt wird. Ferner glaube ich auch bemerkt zu haben. dass die Essigs\u00e4ure weniger rasch auf das fibr\u00f6se Gewebe der Mumien, als auf frisches einwirke \u2014 obsclion die gewohnte Wirkung keineswegs ausbleibt.","page":153},{"file":"p0154.txt","language":"de","ocr_de":"1 54 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nZwischen den Bl\u00e4ttern der Fascien und Aponeurosen fand ich die Beste der quergestreiften Muskelfasern, welche in eine hraungelbe, fast hornartig durchscheinende Masse umgewandelt waren. Dieses Verhalten des Muskelgewebes gleicht vollkommen jenem der Muskeln der \u00e4gyptischen Mumie, wie ich es a.a.O. S. 37 (oben S. 145 beschrieben habe, nur mit dem Unterschiede, dass ich im letztem Falle die Querstreifen durch Behandlung des Pr\u00e4parats mit Terpentin\u00f6l deutlich machen konnte, w\u00e4hrend sich im erstem Falle selbst nach Anwendung dieses Reagens, nur sehr undeutliche Spuren von Primitivb\u00fcndeln und Querstreifen zeigten. An vielen Stellen, so namentlich zwischen den Metaearpus-Knochen waren die Muskelmassen v\u00f6llig verwittert und spurlos verschwunden.\nDie Nerven haben dagegen der Zerst\u00f6rung auf eine \u00fcberraschende Weise widerstanden. Ich konnte dieselben mit dem Scalpell von den Hauptst\u00e4mmen durch die Hohlhand bis gegen die Fingerspitzen als hellbr\u00e4unliche Str\u00e4nge verfolgen. Unter dem Mikroskop erkannte ich mit voller Sicherheit die Fasern des Neurilemms und die einzelnen N e r v e n p r i m i ti v fi b r i 11 e n, welche sich als deutliche mit eoagu-lirtem, kr\u00fcmeligem Nervenmark gef\u00fcllte B\u00f6hren darstellten. Ich habe an frischen Pr\u00e4paraten die structurlose Scheide der Primitivfibrillen niemals so deutlich gesehen, wie hier. Die Nervenfasern der \u00e4gyptischen Mumien hatten ganz das Aussehen von in Chroms\u00e4ure oder Sublimat geh\u00e4rteten Axencylindern a. a. \u00d6. S. 39 und Fig. 11, vgl. oben S. 147, und unterscheiden sich demnach sehr wesentlich von den eben beschriebenen Fasern, was offenbar von den verschiedenen Umst\u00e4nden herr\u00fchrt, unter welchen die beiden Arten von Mumien sich gebildet haben.\nDas Nervenmark der Fibrillen der \u00e4gyptischen Mumien scheint n\u00e4mlich keine Zeit gehabt zu haben, zu coaguliren und in Kr\u00fcmel zu zerfallen, weil es gleich nach dem Tode des Individuums dem Einbal-samirungsprocesse ausgesetzt wurde und unter der Einwirkung der zur Balsamirung verwendeten Stoffe sehr rasch zu einer elastischen Masse erh\u00e4rtete; w\u00e4hrend das Nervenmark der bordeauxer Mumien in seiner Zersetzung durch nichts gehindert, n u r im Zustande der Zersetzung, im g\u00fcnstigsten Falle, eben in einem Anfangs st a di um der Zersetzung durch endliche Eintrocknung) conservirt werden konnte. Aehnliches scheint f\u00fcr die Muskelsubstanz zu gelten, woraus sich dann leicht der schlechtere Zustand, in dem sieh die Muskeln der bordeauxer Mumien befinden, erkl\u00e4ren liesse.\nDie Vater-Pacini sehen K\u00f6rperchen sind entweder verwittert und nicht mehr vorhanden oder sie sind meiner Aufmerksam-","page":154},{"file":"p0155.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien. 155\nkeit entgangen, so viel ist sicher, dass ich keines derselben gefunden habe. Die letztere M\u00f6glichkeit erscheint mir, in Hinsicht auf den wolil-conservirten Zustand der Nerven, die wahrscheinlichere.\nVon dem Gef\u00e4sssystem habe ich die Art er ia r a di a lis untersucht. Sie liess sich noch recht gut in einzelne Lamellen trennen. Ich unterschied die Tunica elastico-conjunctiva Donders und Jansen) mit ihren elastischen und Bindegewebsfasern und die Tunica strata elastica mit den gefensterten H\u00e4uten. Die mittlere elastisch-muskul\u00f6se Haut der Arterie war nicht gut erhalten, wenigstens konnte ich ihre einzelnen histologischen Elemente nicht deutlich wieder erkennen.\nAn den Knorpeln der verschiedenen Gelenke nahm ich die bekannte Structur derselben recht deutlich wahr.\nDass die Structur der spongi\u00f6sen sowohl als der compacten Knochensubstanz in keiner Weise alterirt war, versteht sich wohl von selbst. Vom Knochenmark fand ich nur undeutliche Spuren, indem die Markh\u00f6hlen der Knochen blos mit Luft gef\u00fcllt erschienen. Es fragt sich hierbei, auf welchem Wege und auf welche Art das Mark aus den mit den Weichtheilen und der unverletzten Haut noch v\u00f6llig umgebenen Knochen so vollst\u00e4ndig verschwinden konnte '?\nDas Periost fehlte an manchen Knochen, z. B. den Oss. meta-carpi, ganz vollst\u00e4ndig.\nDie bordeauxer Mumien stehen den \u00e4gyptischen hinsichtlich der Conservirung des mikroskopischen Details ihrer Gewebe kaum nach. Muss man freilich auf der einen Seite zugeben, dass sich die ersteren in Bezug auf ihr Alter mit den letzteren nicht im Entferntesten vergleichen lassen, so darf man auf der andern Seite auch wieder nicht vergessen, dass die bordeauxer Mumien doch mindestens \u00fcber 60 Jahre alt sind und, ohne einbalsamirt und gesch\u00fctzt zu sein, seit dem Jahre 1793 dem wechselnden und zerst\u00f6renden Einfluss der Atmosph\u00e4re, in Folge dessen sie \u00fcber kurz oder lang in Moder verfallen werden, preisgegeben sind. Die Mumien des Caveau de St. Michel liefern uns demnach ein bemerkenswerthes Beispiel von der M\u00f6glichkeit, den ewigen Kreislauf des Stoffes betr\u00e4chtlich zu verlangsamen, ja auf l\u00e4ngere Zeit ganz zu hemmen, d. h. f\u00fcr das Bestehende unsch\u00e4dlich zu machen.","page":155},{"file":"p0156.txt","language":"de","ocr_de":"] 56 Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien.\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nTafel 9.\nFig. 1. Querschnitt des Nagels vom Bingfinger der weiblichen Mumien mit Natron gekocht; a Nagelzellen, b deren Kerne, c MALPiGHi\u2019sches Netz aus zart-wandigeu kernlosen Bl\u00e4schen bestehend; die Kerne sind durch das Natron aufgel\u00f6st worden.\nFig. 2. L\u00e4ngsschnitt desselben Nagels in der N\u00e4he der Wurzel, a Epidermis-zelleu, welche sich vom Nagelfalz \u00fcber den Grund des Nagels heriiberschieben, b abgeplattete Nagelzellen der oberfl\u00e4chlichen Schichten, nicht vollst\u00e4ndig aufgequollen.\nFig. 3. Mit Natronl\u00f6sung gekochtes Kopfhaar der weiblichen Mumie. A das Oberh\u00e4utchen, dessen dachziegelf\u00f6rmig sich deckende Schuppen hie und da zu Bl\u00e4schen ausgedehnt sind (a). B RindensuLstanz mit den langen spindelf\u00f6rmigen Kernen. C Markzellen.\nFig. 4. Querschnitt eines marklosen, 0,006\"'dicken Haares; a Schuppen des Oberh\u00e4utchens, b Durchschnitte der Faserzellen der Bindensubstanz , c Durchschnitte der spindelf\u00f6rmigen Kerne.\nFig. 5. Die \u00e4ussere durchbrochene Schichte der inneren Wurzelscheide.\nFig. 6. Die innere Wurzelscheide; a Henle's Schicht, b Huxley\u2019s Schicht, c \u00e4ussere Lage des Oberh\u00e4utchens.\nFig. 7. In Wasser aufgeweichter Querschnitt der Sehne des Muse, flexor polli-cis longus von der kleineren Mumie.\nFig. 8. Ohrknorpel von der kleineren Mumie; faserige Grundsubstanz (6), welche die Knorpelzellen einschliesst; leere L\u00fccken ausgefallener Knorpelzellen (a).\nFig. 9. Fl\u00e4chenschnitt des Gelenkknorpels der Patella; mehrere Zellen liegen in der Tiefe und erscheinen als dunkle Flecken.\nFig. 10. Knorpelzellen mit sehr stark verdickten Wandungen und deutlichen Kernen; aus dem Rippenknorpel der weiblichen Mumie.\nFig. 11. Nervenfibrillen aus dem Nerv, medianus-, a zwei aufeinander liegende Fasern, welche einen Axencylinder mit der Markscheide vort\u00e4nschen, b eine Faser mit deutlich gerunzelter, dem geronnenen Nervenmark entsprechender Substanz.\nFig. 12. Muskelb\u00fcndel ans dem Ringmuskel der Augenlider ; mit Terpentin\u00f6l behandelt. A ein aus mehreren Bruchst\u00fccken bestehendes B\u00fcndel, dessen oberer Theil noch keine Querstreifen zeigt. Diese Muskeln haben die Tendenz in Scheiben zu zerfallen (o). Die Querstreifen erscheinen oft winkelig gebogen (\u00df, C).\nFig. 13. Unterhaut-Zellgewebe mit einem Neste von Fettzellen, von der Beere der grossen Zehe der weiblichen Mumie; mit Natronl\u00f6sung behandelt.","page":156}],"identifier":"lit16157","issued":"1879","language":"de","pages":"114-156","startpages":"114","title":"Beschreibung und mikroskopische Untersuchungen von Mumien","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:14:42.398346+00:00"}

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