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{"created":"2022-01-31T14:56:11.273998+00:00","id":"lit16159","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 164-175. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0164.txt","language":"de","ocr_de":"XI.\nReisebilder aus Holland in Briefen an Hm. Prof. Purkyne.\n[Prager Vierteljahrschrift 185t. Bd XXXII. Mise. S. /.]\nUtrecht, den 8. September 1550.\nIch habe den Plan, direct von Br\u00fcssel \u00fcber Ostende nach London zu geben, aufgegeben und es vorgezogen, einen Umweg durch Holland zu machen ; erstaunen Sie daher nicht, von Utrecht aus einen Brief von mir zu erhalten. Ich habe einen guten Theil von Holland und seinen naturhistorischen Reichth\u00fcmern gesehen und es ist mir \u2014 im Begriffe, beide zu verlassen \u2014 ein wahres Bediirfniss, Ihnen meine Comptes rendus zu \u00fcberschicken. Wenn es mir auch kaum gelingen wird, jetzt schon die F\u00fclle der verschiedenen neuen Eindr\u00fccke zu einem einheitlichen, abgerundeten Bilde zu sammeln, so darf ich doch hoffen, manche nicht uninteressante Einzelnheiten herauszugreifen und als Material, in bunter Folge, aufzuspeichern.\nIn Utrecht zogen uns besonders Schroeder van der Kolk, Harting und Bonders an. Der Erste ist trotz seines sehr vorger\u00fcckten Alters und seiner vielen Gesch\u00e4fte ein noch sehr eifriger und th\u00e4tiger Forscher, wovon seine sch\u00f6ne, mit Geist geordnete, namentlich pathologisch-anatomische Sammlung den besten Beweis giebt. Unter seinen vielen mikroskopischen Pr\u00e4paraten, welche zum grossen Tlieile sehr gut und seit Jahren conservirt sind, interessirten mich nebst den sch\u00f6nen Injectionen die Durchschnitte durch die graue Substanz des R\u00fcckenmarks ganz besonders, obschon sie zu den weniger gut erhaltenen geh\u00f6rten und nicht mehr ganz \u00fcberzeugend waren. \u2014 Das Interesse war ein historisches : denn es sind dieselben Pr\u00e4parate, nach denen Schroeder sich seine Ansicht \u00fcber den netzf\u00f6rmigen Zusammenhang der multipolaren Ganglienkugeln unter einander und mit den Nervenfasern bildete. Schroeder kam mir w\u00e4hrend seiner Demon-","page":164},{"file":"p0165.txt","language":"de","ocr_de":"Keiseliilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\n165\nstration wie Kassandra vor, deren prophetische Ahnungen auch erst die Zeit bewahrheitete. Schroeder\u2019s Ansichten haben eine elegante Einfachheit und bestechende Uebersichtlichkeit. Ihre Best\u00e4tigung w\u00e4re sehr erfreulich. Nehmen Sie die Beobachtung von Wagner und Lecckart \u00fcber den Uebergang der blassen Forts\u00e4tze der multipolaren Ganglienzellen in dunkelrandige, wahre Nervenfasern, so ist der erste Schritt dazu gethan. \u2014 Die Methode zur Aufbewahrung mikroskopischer Pr\u00e4parate in feuchtem Zustande ist Schroeder und Harting gemeinschaftlich. Die conservirende Fl\u00fcssigkeit ist arsenige S\u00e4ure von verschiedenem Concentrationsgrade. Ein besonderer Klebestoff, dessen Kecept sich in Harting\u2019s grossem Werke: \u00bbHet Mikroskop\u00ab findet, befestigt das Deckgl\u00e4schen an das Objectglas und hindert das Verdunsten der Fl\u00fcssigkeit und das Eindringen der Luft vollst\u00e4ndig. Harting besitzt solche Pr\u00e4parate, welche sich seit 6 Jahren und dar\u00fcber in brauchbarem Zustande erhalten haben. Die Methode, die Sie in Breslau angewendet haben, unterscheidet sich von der Utrechter nur durch die Anwendung von Kopallack statt jenes Klebestoffes. \u2014 Die Kunst zu injiciren wird von Schroeder und Harting in einem hohen Grade von Vollkommenheit getrieben. Sie bewahren ihre In-jectionen theils in trockenem, theils in feuchtem Zustande auf, und wenden entweder opake oder durchsichtige Massen an. Die mit durchsichtigen Massen injicirten Pr\u00e4parate kann man auch bei durchfallendem Lichte besehen : sie haben eine besondere Klarheit. Die Methode mit durchsichtigen Farben zu injiciren, ist, so viel ich weiss, zuerst in Utrecht erfunden worden : Gerlach hat sie sp\u00e4ter mit Erfolg ge\u00fcbt. \u2014 Harting besitzt eine Sammlung von 6000 mikroskopischen Pr\u00e4paraten. welche Objecte aus allen drei Reichen der Natur enthalten und f\u00fcr die Vielseitigkeit seiner Forschungen zeugen. Ein vortrefflich gef\u00fchrter Katalog setzt auch den Fremden in den Stand, sich in dem enormen Material zurecht zu finden. Mit dieser systematischen Table des mati\u00e8res kann jedes Verlangen im Augenblick befriedigt werden. Welche Vortheile aus einer derartigen Sammlung f\u00fcr den Unterricht entspringen, ist durch sich selbst klar. Ein physiologisches Institut kann dieselbe kaum entbehren. Freilich erhalten das geringe conservative Bestreben der sogenannten todten Natur und die destructiven Tendenzen des Chemismus den Gustos fortw\u00e4hrend in Athem, allein dies kann keine Widerlegung des Gesagten sein. Eines dieser vielen Pr\u00e4parate muss ich doch speciell erw\u00e4hnen, weil es ein wichtiges Factum f\u00fcr die mikroskopische Anatomie des Nervensystems, welche in der neuesten Zeit so m\u00e4chtige Fortschritte gemacht hat, constatirt. Man sieht an demselben den Inhalt der bipolaren Ganglienkugeln \u2014","page":165},{"file":"p0166.txt","language":"de","ocr_de":"1G6\nReisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\nwenn ich nicht irre von Esox lucius\u2014in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Axencylinder der entspringenden Nervenfasern. Wagner hat vor einiger Zeit die \u00bbketzerische\u00ab Ansicht ausgesprochen, dass der Axencylinder das Wesentliche am Nerven sei, dass derselbe von der Markscheide zwar als einer blos umh\u00fcllenden, isolirenden Schichte \u00fcberzogen werde, aber unmittelbar nach seinem Urspr\u00fcnge aus der Ganglienkugel und eine Strecke vor seiner Endigung nackt gefunden werde. Der eine Theil dieser Anschauung wird durch Harting\u2019s Pr\u00e4parate f\u00fcr den besondern Fall best\u00e4tigt. Sie erinnern sich vielleicht noch, dass mir schon in Breslau, bei meinen Untersuchungen \u00fcber den Nervus acusticus des St\u00f6rs, dieselben Ideen Uber den Axencylinder gekommen sind, dass ich sie aber als unbewiesene Meinung noch nicht auszusprechen wagte. Dass durch das Harting\u2019scIic Pr\u00e4parat die Existenz des Axencylinders, welchen die Mikroskopiker durch Sie kennen gelernt haben, auch im lebendigen Nerv mehr als wahrscheinlich wird, kann kaum bezweifelt werden. Seine Darstellbar-keit ist schon seit Ihren Ver\u00f6ffentlichungen anerkannt worden.\nDie Mikroskopie wird in Utrecht mit der Gr\u00fcndlichkeit und dem Ernste einer exacten Wissenschaft getrieben, und nicht, wie das wohl anderw\u00e4rts zuweilen passirt. als Liebhaberei und Gem\u00fcths- und Augenerg\u00f6tzung. Eine gr\u00fcndliche mathematische und p h y s i k a-1 i s c h e Bildung, welche sich in Holland wie eine Tradition forterbt, und ein exacter Geist sind in der ganzen Methode der dortigen Forscher nicht zu verkennen. Man kann hier lernen, wenn man es nicht schon weiss, dass man zum Mikroskopiren mehr als ein Paar gesunder Augen mitbringen muss. Die Mikrometrie, wohl von Niemand so weit ausgebildet als von Harting, li\u00e2t durch eben diesen Forscher eine ganz neue Bedeutung und an Breite der Anwendung gewonnen. Seine Recherches microm\u00e9triques sind aber im Allgemeinen viel zu wenig ber\u00fccksichtiget und ihrem p r i n c i p i e 11 e n Werthe nach ungen\u00fcgend gew\u00fcrdiget worden. \u00bbEine sp\u00e4tere Zeit wird die Gleichgiltigkeit der Zeitgenossen, deren Viele theils vor einem Wurzelzeichen einer algebraischen Formel erschrecken, theils aus Bequemlichkeit oder Beschr\u00e4nktheit ihrer Bestrebungen, theils aus anderen Gr\u00fcnden die mathematische Behandlung ignoriren, s\u00fchnen\u00ab. Der Weg, welchen Harting angebalmt hat, muss in der Zukunft betreten und fortgebaut werden.\nHierbei f\u00e4llt mir ein, dass eine grosse Anzahl unserer Studenten seit den letzten zwei Jahren zu den medicinischen Studien zugelassen wurde, welche es nicht der M\u00fche wertli gefunden haben, sich hinreichende mathematisch - physikalische Vorkenntnisse zu erwerben. Es","page":166},{"file":"p0167.txt","language":"de","ocr_de":"Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purky\u00f9e.\t167\nist dies selir zu bedauern; denn die Studien, welche diese jungen Leute vers\u00e4umt haben, sind es gerade, welche wesentlich dazu beitragen, den wissenschaftlichen Geist zu wecken und zu erziehen. Doch l\u00e4sst sich aus diesem Uehelstande, welcher am Ende noch jetzt beseitigt werden kann, nicht etwa die Unzul\u00e4ssigkeit der Lehrfreiheit de-monstriren, noch dieser Uebelstand der Lehrfreiheit seihst in die Schuhe schieben, sondern einfach der Schluss ziehen, dass dem nat\u00fcrlichen Mangel an Urtheil und der alles \u00fcberst\u00fcrzenden Begierde, in die Mysterien der Heilkunst eingeweiht zu werden, durch zweckm\u00e4ssige hodegetische Vortr\u00e4ge ahzuhelfen und zuvorzukommen sei.\nDie R\u00e4umlichkeiten, \u00fcber welche Harting zu verf\u00fcgen hat, sind zwar nichts weniger als brillant, allein immerhin gen\u00fcgend und gut ben\u00fctzt. Einige Einrichtungen und Vorrichtungen, die ich daselbst gesehen habe, scheinen mir der Nachahmung werth, und ich schreibe Ihnen \u00fcber dieselben, damit Sie vielleicht Aehnliches in Ihrem neu zu gr\u00fcndenden Institute f\u00fcr Physiologie ins Werk setzen m\u00f6chten. \u2014 Die Art des Lichtes ist f\u00fcr eine Localit\u00e4t, in welcher mikroskopirt werden soll, jedenfalls eine Hauptsache, und es muss darauf besondere R\u00fccksicht genommen werden. Wenn man kein horizontales Licht bekommen kann, welches doch eigentlich das am besten brauchbare ist, weil nur dann unsere Spiegel an den Mikroskopen die gr\u00f6sstm\u00f6gliclie Quantit\u00e4t Licht reflectiren k\u00f6nnen, \u2014 ich meine, wenn das durch die Lage und Umgebung in der Localit\u00e4t gegebene Licht nicht horizontal einf\u00e4llt \u2014 so muss man daf\u00fcr sorgen, dass es diese Einfallsrichtung erh\u00e4lt, wenn auch nur zum Theil. Zu diesem Ende bringt man eine grosse, mattgeschliffene Glastafel am Fenster an, welche nach Bedarf vorgeschoben und entfernt werden kann. Es wird dadurch im Wesentlichen dasselbe erreicht, was eine dem Fenster gegen\u00fcber stehende erleuchtete Mauer bewirkt. Den Hauptvorth eil gew\u00e4hrt die mattgeschliffene Glastafel, wenn die Sonne direct in das Fenster hereinscheint, an dem mikroskopirt wird. \u2014 Eine weitere treffliche Vorrichtung ist ein Tisch, in dessen Tafel eine Glasplatte eingesetzt ist, welche von unten her durch einen zwischen den Tischbeinen angebrachten, entsprechend grossen Planspiegel erleuchtet werden kann. Dieser Tisch wird zum Pr\u00e4pariren von Gegenst\u00e4nden gebraucht, welche eine durchfallende Beleuchtung erfordern. Die Arme liegen fest und bequem auf, und die H\u00e4nde arbeiten sicher ; zugleich l\u00e4sst sich eine Loupe, wenn sie noting ist, sehr leicht mit ihrem Stativ placiren. Noch will ich einen Apparat zum Zeichnen mikroskopischer Gegenst\u00e4nde erw\u00e4hnen, welcher mir n\u00fctzlicher scheint, als alle die Camerae lucidae und Soemmering\u2019schen Spiegelehen, indem das Bild auf eine Weise aufgefangen wird, dass es","page":167},{"file":"p0168.txt","language":"de","ocr_de":"168\nReisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\nmehrere Personen zn gleicher Zeit sehen k\u00f6nnen. Er ist eine Camera obscura, in welcher die einfache Linse durch ein zusammengesetztes Mikroskop ersetzt ist und besteht aus einem abgestutzten Kegel aus Pappe, dessen nach oben gerichtete Basis durch eine matt geschliffene Glastafel geschlossen ist. Seine ahgestutzte Spitze aber wird durch ein Gestell \u00fcber dem Ocular des Mikroskopes fixirt. Ist Alles geh\u00f6rig eingestellt, so erscheint das mikroskopische Bild auf dem matten Glase projicirt, und kann nun nicht nur skizzirt, sondern auch einem Collegium von mehreren Personen demonstrirt werden. Zur Vermehrung der Intensit\u00e4t und Deutlichkeit des Bildes wird alles st\u00f6rende Licht durch eine dunkle weite Kapuze, die man Uber den Kopf schl\u00e4gt, ahgehalten.\nDas anatomische Museum, welches wir mit Hakting besuchten , enth\u00e4lt nebst dem regul\u00e4ren anatomischen R\u00fcstzeug an Pr\u00e4paraten noch eine grosse Menge plastischer, schematischer Darstellungen aus der Entwickelungsgeschichte f\u00fcr den didactischen Bedarf. Wachspr\u00e4parate und vergleichend anatomische Darstellungen fehlen auch nicht. Von dieser Menge von Gegenst\u00e4nden habe ich mir namentlich ein Skelet und das dazu geh\u00f6rende, in Wachs nachgebildete Gehirn notirt und halte die Sache f\u00fcr wichtig genug, sie Ihnen mitzu-theilen. \u2014 Das Skelet geh\u00f6rte einem erwachsenen Menschen an, und bietet das Bemerkenswerthe dar, dass die rechte obere Extremit\u00e4t viel k\u00fcrzer und zarter, mit einem Worte in allen Dimensionen viel kleiner als die linke Extremit\u00e4t, obschon ganz wohlgebildet ist. Das Gehirn zeigt eine unsymmetrische Entwickelung der Hemisph\u00e4ren des grossen sowohl, als des kleinen Gehirns, und zwar findet sich die linke Hemisph\u00e4re des grossen Gehirns und die rechte des kleinen bedeutend verkleinert, w\u00e4hrend die anderen Hirnh\u00e4lften die normale Entwickelung haben. Vergleichen wir damit den Befund am Skelete (der jedenfalls eine entsprechende Anomalie im Muskel-, Gef\u00e4ss- und Nervensysteme der betreffenden oberen Extremit\u00e4t voraussetzen l\u00e4sst), so werden wir eine \u00fcberraschende Beziehung zwischen der Entwickelung gewisser Tkeile der Centralorgane des Nervensystems und der Entwickelung anderer K\u00f6rpertheile anerkennen m\u00fcssen. Es scheint mir wenigstens nat\u00fcrlicher, darin das Walten eines Gesetzes zu ahnen, als ein blosses Spiel des Zufalls zu sehen, f\n1 Sp\u00e4terer Zusatz. \u2014 E. H. Weber hat in den Berichten d. k. s\u00e4chs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig III. 1840 einen sehr interessanten Artikel \u00fcber die Abh\u00e4ngigkeit der Entstehung der animal. Muskel von den animal. Nerven ver\u00f6ffentlicht, dessen ich hier nachtr\u00e4glich Erw\u00e4hnung thun will, indem er die oben ausgesprochene Ansicht in gewisser Beziehung best\u00e4tigt und erl\u00e4utert.","page":168},{"file":"p0169.txt","language":"de","ocr_de":"Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\n169\nDas Ob serra toi re m\u00e9t\u00e9orologique et magn\u00e9tique haben wir ebenfalls besucht. Es ist ein kleines, mit einem Garten umgebenes Geb\u00e4ude und liegt ausserhalb der Stadt am Boulevard. Seine Einrichtung ist recht zweckm\u00e4ssig. Die einzelnen Instrumente m\u00fcssen auch jeden Laien durch ihre Einrichtung interessiren, so namentlich die selbst registrirenden Windfahnen, Windmesser, Thermometer, Barometer u. s. w., welche die graphische Darstellung ihrer Zust\u00e4nde selbst zeichnen und einmal eingestellt, sich selbst \u00fcberlassen werden und keiner anstrengenden Ueberwachung bed\u00fcrfen. Der th\u00e4tige Director dieser Anstalt Herr Reecke hat wesentliche Verbesserungen an diesen Vorrichtungen angebracht. Unser ber\u00fchmter Landsmann Keeil steht hier, wie \u00fcberall, wo meteorologische und magnetische Studien getrieben werden, in hohem Ansehen, und man begegnet hier, wie \u00fcberall, seinen sinnreich construirten Apparaten.\nDas grosse auf 40 Mann eingerichtete Laboratorium von Mulder ist eine Musteranstalt, und gibt abermals den Beweis, dass f\u00fcr Chemie, welche wie die Physik mehr als irgend eine andere Naturwissenschaft im Rufe einer n\u00fctzlichen und praktisch wichtigen Besch\u00e4ftigung steht, auch mehr als f\u00fcr die bis jetzt noch verkannte Biologie, man mag anfragen und Zusehen, wo man will, gethan wird. -\u2014Sehr befriedigt verliessen wir Utrecht, doch nicht ohne das Versprechen abgelegt zu haben, wieder zur\u00fcckzukehren, nachdem wir Amsterdam, Haarlem und Leyden besucht h\u00e4tten. Wir haben Wort gehalten, wie Sie aus dem Datum des Briefes ersehen.\nA m s t e r d a in, das eben so gut wie Rotterdam den Namen des nordischen Venedig verdient, ist eine ganz eigent\u00fcmliche Stadt, und verfehlt nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ueberall Can\u00e4le, Br\u00fccken, Sckleussen und D\u00e4mme, Waarenkaaren und Treek-scliuiten. l\u00e4rmendes, bunt durcheinander laufendes Volk, das in allen Sprachen spricht, und alle Trachten tr\u00e4gt ! Ueberall Leben, Handel und Wandel ! Man merkt es dem Treiben nicht an, dass ein Damoklesschwert Vernichtung drohend \u00fcber dieser grossen Stadt h\u00e4ngt, dass im Nu Alles unter den Wogen des Y, der Zuyder-See und des Haarlemer-Meeres begraben sein kann. Man merkt es nicht, \u2014 denn die meisten dieser Leute wachsen mit dem Bewusstsein dieser Gefahr auf, und sind an diesen Gedanken so gew\u00f6hnt, dass er sie nicht st\u00f6rt. Dies Gef\u00fchl der Sicherheit tlieilt sich dem Fremden mit, obschon ihn wohl \u00f6fter, als er's gesteht, ein leises Grauen beschleichen mag, wenn er den Amsterdamer mit grosser Seelenruhe und Behaglichkeit \u00fcber die unendliche Wichtigkeit seiner Deiche und Schleussen und die Folgen eines Durchbruches derselben erz\u00e4hlen h\u00f6rt. Der Grund, auf dem Amsterdam","page":169},{"file":"p0170.txt","language":"de","ocr_de":"170\nReisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\nstellt, ist einer der schlechtesten, den man sich denken kann, und muss f\u00fcr jeden Bau erst durch das Einrammen von Piloten verbessert und gekr\u00e4ftigt werden. Die Amsterdamer machen das Sprichwort unwahr : \u00bb wer auf Gott vertraut, hat nicht auf Sand gebaut ; \u00ab denn obschon sie wie alle jene, welche mit Elementarereignissen k\u00e4mpfen m\u00fcssen, aus Verzweiflung, oder um nicht zu verzweifeln, in das r\u00fccksichtslose Walten der ungeheuerlichen Naturkr\u00e4fte die Weisheit Gottes, der Alles zum Besten lenkt, legen, und fromm auf Gott vertrauen, so bauen sie ihre H\u00e4user wenigstens doch auf Sand. Trotz aller Vorkehrungen kommen Senkungen des Terrains \u00fcberall vor. Die H\u00e4user stellen sich mit der Zeit schief, und v\u00f6llig senkrecht stehende Mauern sind selten. Dies gibt den Strassen im Ganzen ein h\u00f6chst lustiges und komisches Ansehen ; denn die H\u00e4user, die noch dazu \u00fcberaus hoch sind, lehnen sich und neigen sich ganz \u00e4ngstlich gegen einander und in die Strasse vor, \u2014 als ob keines mehr gerade stehen k\u00f6nnte. Es sieht aus, wie eine regul\u00e4re Stadt in einem verzogenen Spiegelglase betrachtet. Dies Alles macht aber der Nettigkeit und dem Comfort im Inneren der H\u00e4user durchaus keinen Eintrag. Von Sammlungen sahen wir nur die des Hrn. Prof. Vkolik, welche sehr werthvolle pathologisch-anatomische und vergleichend-anatomische Gegenst\u00e4nde enth\u00e4lt. Unter vielen anderen befinden sich da auch ein Kind mit angeborener Ichthyosis ; (doch ist dies kein so ausgezeichneter Fall, wie der in W\u00fcrzburg, welchen Heinrich M\u00fcller in den Verhandlungen der dortigen medici-nisch physikalischen Gesellschaft beschrieben hat;, und zwei F\u00e4lle von Ossification der Symphysis ossium pubis beim Weibe ; daun ein Nar-wallsch\u00e4del mit z wci Stossz\u00e4hnen und viele sehr kostbare Skelete. Die Pr\u00e4parate, welche Schroeder van der Kolk und Vrolik \u00fcber die tiefen Venen der oberen Extremit\u00e4t der V\u00f6gel gemacht haben, sind hier aufgestellt. Man sieht, dass die Abbildungen, die diese Forscher davon gegeben haben, sehr naturgetreu sind, und dass die Venen die Arier, brachialis in der That mit einem ganz engmaschigen Netze umspinnen. Die doppelten Venae brachiales beim Menschen sind noch eine schwache Beminiscenz an jenen Plexus der V\u00f6gel. Auf eine liaeh-ahmungswttrdige Weise ben\u00fctzt Vrolik die Missgeburten, welche man so h\u00e4ufig unbenutzt als blos abschreckende Beispiele in den Museen stehen sieht. Zuerst wird n\u00e4mlich die Haut abgebalgt und sorgf\u00e4ltig \u00fcber eine genau gearbeitete Puppe gezogen, so dass die Gestalt und was man sonst noch \u00e4usserlich wahrnehmen konnte, in gar nichts alterirt ist; der enth\u00fcllte Kern kann dann in ausgedehntester Weise untersucht, und zur Anfertigung von Pr\u00e4paraten und des Skeletes verwendet werden. Man erh\u00e4lt so aus Einem Vieles. \u2014 Vrolik hat die","page":170},{"file":"p0171.txt","language":"de","ocr_de":"171\nReisebilder aus Holland in Briefen an Ilrn. Prof. Purkyne.\nseltene Gelegenheit, welche ein Platz wie Amsterdam bietet, werth-volle ausl\u00e4ndische Thiere zu untersuchen, nicht unbenutzt vor\u00fcber gehen lassen, seine Mappen strotzen von vergleichend-anatomischem Material, namentlich was Myologie anbelangt. \u2014 Der z o o 1 o g i s c h e Garten Amsterdam's, den wir in Begleitung Vrolik\u2019s besuchten, obwohl nicht so bedeutend als andere Anstalten dieser Art, \u00e4ussert immerhin seine wohlth\u00e4tigen Wirkungen auf die naturhistorische Bildung des Publikums, und enth\u00e4lt manches seltene sch\u00f6ne Exemplar von exotischen Thieren, deren Viele die holl\u00e4ndischen Kolonieen bewohnen. Ein Thier ist namentlich von ganz besonderem Interesse und als Unicum zu betrachten, indem es lebendig sonst nirgends in Europa gehalten wird. Es ist ein Reptil von bedeutender Gr\u00f6sse \u2014 die Sala-mandra maxima \u2014 welche \u00e4hnlich wie das Lepidosiren, der Dodo eine zoologische Nuss ist, die verschiedene Fachm\u00e4nner zu knacken versuchten. Dies Exemplar lebt schon seit 11 Jahren in der Menagerie, befindet sieh ganz wohl, und macht noch keine Miene das Zeitliche zu segnen, so dass die gelehrte Welt wohl noch einige Zeit auf die interessante Monographie \u00fcber dasselbe wird warten m\u00fcssen. Hr. Prof. Jan van der Hoevex in Leyden hat uns einige wichtige zoologische Aufschl\u00fcsse \u00fcber dieses r\u00e4thselhafte Thier gegeben, auf die ich sp\u00e4ter zur\u00fcck komme. Eine beil\u00e4ufige Vorstellung von dem Aeusseren desselben kann man dadurch gewinnen, dass man in Gedanken einen unserer Tritonen bis zu einigen Fuss L\u00e4nge vergr\u00f6ssert, dabei den Kopf recht breit und das Maul recht weit ausfallen l\u00e4sst. Die Haut, dunkelbraun von Farbe, ist \u00fcbers\u00e4t mit unz\u00e4hligen, dicht stehenden Warzen, welche wahrscheinlich Dr\u00fcsenplaques enthalten; die Augen, welche verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig sehr klein sind, muss man ordentlich unter Erhabenheiten der Haut des Kopfes suchen. Ob seine Spermatozoiden wohl Flimmers\u00e4ume haben m\u00f6gen ?\nDie Amsterdamer Anatomie befindet sich in einem wunderlichen uralten Geb\u00e4ude, welches frei auf einem Platze in der unmittelbaren Nachbarschaft des Ghetto steht. Es erinnert sehr an die Pfalz im Rhein. Das Interesse, welches wir an ihr nahmen, war ein historisches, \u2014 und das nimmt sie auch in hohem Maasse in Anspruch. Die innere Einrichtung ist ganz alterthiimlich und dem barokken Aeusseren entsprechend. Es macht den Eindruck, als ob noch Alles so liege und stehe, wie zu den Zeiten von Ruysch. Das braune, ehrw\u00fcrdig finstere Holzget\u00e4fel an den W\u00e4nden und an dem Plafond, die schweren geschnitzten Th\u00fcren, die K\u00e4sten mit dem geschn\u00f6rkelten Rococozierrath, fier specifische modrige Geruch der Antiquit\u00e4ten, wie z. B. alte B\u00fccher dm an sich haben, und welcher einem hier wie ein Aschermittwochs-","page":171},{"file":"p0172.txt","language":"de","ocr_de":"172\nEeisebilder aus Holland in Briefen an Hrn Prof Purkyne.\ngedanke aus allen Ecken entgegenwellt, die trefflichen Portraits verblichener Celebrit\u00e4ten, die in ihrem altvaterischen Cost\u00fcm, in gravit\u00e4tischer Haltung zum Tlieil zu lebensvollen Gruppen vereiniget sind, \u2014 Alles das bringt eine Gesammtwirkung hervor, dass wenig Phantasie dazu geh\u00f6rt, sich um einige Menschenalter zur\u00fcck versetzt zu w\u00e4hnen und dem Gedanken Kaum zu geben, es k\u00f6nnte eine Allongeper\u00fccke in der Th\u00fcre erscheinen und fragen, was man da wolle ! \u2014 Im Vorlesesaale zieren die bunten Wappen verschiedener ehemaliger Professoren den Plafond; im Centrum prangt das von Kuysch.\nDie \u00e4lteste holl\u00e4ndische Universit\u00e4tsstadt, welche deshalb auch ein historisches Recht auf ihre Existenz und ihren Fortbestand zu haben glaubt, und auf dieses Recht in der schwebenden Mediatisirungsfrage der holl\u00e4ndischen Universit\u00e4ten, deren in diesem kleinen Lande offenbar zu viele existiren, gewaltig pocht \u2014 Leyden n\u00e4mlich, ist mit Sammlungen am reichsten und besten bedacht. Weder Utrecht, noch Amsterdam, noch Groningen, noch sonst eine Stadt kann sich mit Leyden in dieser Hinsicht messen. Das naturhistorische Museum, das japanische Museum, die Sammlung indischer, \u00e4gyptischer und r\u00f6mischer Alterth\u00fcmer u. s. w. sind h\u00f6chst bedeutend.\nDas Museum der Alterth\u00fcmer enth\u00e4lt unter Anderem eine ganze Suite von Mumien und von indischen Gottheiten in Duplicaten von verschiedener Gr\u00f6sse und verschiedenem Material. Darunter sch\u00f6ne, gut erhaltene, und aus Stein gehauene Exemplare der G\u00f6tter Brahma, Wischnu und Scliiva von bedeutenden Dimensionen. In der Betrachtung \u201edieser sonderbaren mystischen Gestalten versunken, dr\u00e4ngte sich mir der Gedanke auf, dass es doch eine sehr interessante Sache w\u00e4re, eine vollst\u00e4ndige Reihe der plastisch dargestellten Gottesgedanken aller V\u00f6lker und aller Zeiten zu sammeln und aufzustellen, um sie mit einem grossen Blicke zu \u00fcbersehen. Wie viele fortgeerbte traditionelle Ideen, welch tiefe Symbolik ! Man w\u00fcrde ein wesentliches St\u00fcck der Entwickelungsgeschichte der Menschheit vor sich haben.\nDas j a panische M useu m ist wohl in seiner Art das ansehnlichste, das existirt, und man m\u00fcsste in der That einen Ort \u2014 Japan selbst ausgenommen \u2014 lange suchen, wo so Vielerlei von japanischen Gegenst\u00e4nden aufgespeichert w\u00e4re. Das Staunen w\u00e4chst, wenn man erf\u00e4hrt, dass es die Frucht jahrelanger Bem\u00fchungen und aufopfernder Th\u00e4tigkeit eines E i nz i g e n ist. Der Mann, dessen Sammelgenie diese grossartige Sammlung geschaffen hat, ist Hr. v..Siebold, dessen Familie in den Annalen der Wissenschaft seit beinahe einem Jahrhundert gl\u00e4nzt, und den \u00bbChirurgus inter Germanos prineeps\u00ab zum wissenschaftlichen Stammvater hat. Siebold hat durch seine Be-","page":172},{"file":"p0173.txt","language":"de","ocr_de":"Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\n173\nStrebungen sein Leben mehr als einmal aufs Spiel gesetzt. Man erz\u00e4hlte uns, dass ihn die japanische Polizei \u00fcber dem Entwurf einer Karte von Japan ertappt habe, was in Japan so verp\u00f6nt zu sein scheint, wie das Copiren von Festungswerken bei uns in Europa. E r hat sich zwar der Todesstrafe, die man ihm zugedacht hatte, durch eine geschickte Ausrede zu entziehen gewusst, seinen Dienern aber wurde einfach der Bauch aufgeschlitzt zur Strafe f\u00fcr das Verbrechen, einem Ausl\u00e4nder bei einem so hochverr\u00e4therischen Beginnen behilflich gewesen zu sein.\nInteressant sind die chirurgisch-anatomischen Darstellungen des menschlichen K\u00f6rpers, welche die J\u00fcnger Aesculapsin Japan behufs des Aderlassens verfertigt haben. Die Topographie der haupts\u00e4chlichsten Venen, wie z. B. der Cephalica, ist gar nicht unrichtig. Die Anatomie der inneren Theile ist etwas confus.\nDas naturhistorische oder sogenannte Reichs-Museum ist auch ein reiches Museum, und begreift eine Skeletsammlung in sich, die die gr\u00f6sste in der Welt ist und etwa 5000 Nummern enth\u00e4lt. Selbst die seltensten Thiere sind hier beinahe alle in Duplicaten vorhanden. Von der Salamandra maxima hat man ein Skelet, einen einzelnen Kopf und ein kleines Weingeistexemplar. Van der Hoeven, welcher nns herumf\u00fchrte, demonstrirte uns, dass die Salamandra maxima eigentlich kein Salamander, sondern eine Art Menopoma sei; denn (wie wir uns auch \u00fcberzeugten) ihr Skelet stimmt mit dem von Menopoma vollkommen \u00fcberein, differirt aber bez\u00fcglich der Kopfknochen bedeutend von den Salamandern. Deshalb hat Van der Hoeven das Thier umgetauft, und nennt es Cryptobranchus japonicus \u2014 wie es scheint, mit vollem Rechte. \u2014 Wir trafen in dieser Anstalt zuf\u00e4llig mit Prof. Hyrtl zusammen, welcher eben von der Naturforscherversammlung in Edinburgh zur\u00fcckkehrte, und auf der R\u00fcckreise nach Wien begriffen war.\nDie ber\u00fchmte alte Anatomie in Leyden, an welcher Albin lehrte, nimmt eine Kirche ein, welche somit aus einem Tempel Gottes in einen Tempel der Natur verwandelt wurde. Die Sammlung ist weniger bedeutend, als durch einige Curiosa interessant. Man bewahrt hier einige sonderbare Pr\u00e4parate von Albin und Ruysch. Die baroken Einf\u00e4lle des Letzteren bei der Aufstellung anatomischer Gegenst\u00e4nde sind aus seinem Thesaurus anatomicus (wo er zuerst Felsen aus Blasen-, Nieren- und Gallensteinen aufbaut, und mit einem Wald von Arterienb\u00e4umen bepflanzt, und unter dem Schatten derselben dann Embryonen, von denen einige ihre Thr\u00e4nen mit Taschent\u00fcchern aus injicirtem Mesenterium und anderem Stoffe, trocknen, in malerischen.","page":173},{"file":"p0174.txt","language":"de","ocr_de":"174\nReisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\ntief symbolischen Stellungen h\u00f6chst sinnreich gruppirt hinl\u00e4nglich bekannt. Eines seiner Pr\u00e4parate betrifft den Arm eines Kindes, der sammt einer netten, zierlichen Spitzenmanchette in Spiritus gesetzt ist. Im Pr\u00e4parirsaale h\u00e4ngt das Kniest\u00fcck eines Mannes, dem man in K\u00f6nigsberg durch die Gastrotomie ein ansehnlich langes Messer, das er in effigie dem Beschauer vorzeigt, ausgeschnitten hat, ohne durch diese Operation seinem Lehen ein Ziel zu setzen. Diese merkw\u00fcrdige Historie passirte im vorigen Jahrhundert und ist gerichtlich beglaubigt. Prof. Halbertsma, welcher erst k\u00fcrzlich als Lehrer der Anatomie angestellt wurde, zeigte uns eines der vielen hundert Mikroskope, welche Leeuwenhoek verfertigt und besessen bat. Es ist aus Silber und von h\u00f6chst einfacher Structur. Die einfache Linse ist in eine mit einem kleinen Griffe versehene Platte eingesetzt, und der Objectivtr\u00e4ger besteht aus einem St\u00e4bchen, das in verschiedener Richtung verschiebbar ist, sich auf- und niederschrauben, der Linse n\u00e4her und ferner stellen, und nacli rechts \u00f9nd links neigen l\u00e4sst. Der Beleuchtungsspiegel fehlt ganz ; man nimmt das Instrumentchen in die Hand, und h\u00e4lt es beim Durchseben gegen den Himmel. Es w\u00e4re unbegreiflich, wie Leeuwenhoek mit einer solchen Maschine seine trefflichen Beobachtungen habe machen k\u00f6nnen, wenn 'sich nicht nachweisen liesse, dass seine Linsen ganz vorz\u00fcglich waren, und klare reine Bilder gaben. Von dem an die Londoner Akademie geschenkten Instrumente vergr\u00f6sserte nur eine Linse l\u00f6Omal im Durchmesser, die \u00fcbrigen alle weniger. Dem Gebrauche niedriger aber klarer Vergr\u00f6sserung ist der Mangel an groben T\u00e4uschungen bei Leeuwenhoek zuzuschreiben. Leber die Richtigkeit dieses Principes der Beobachtung, lieber klare und niedrige, als hohe und undeutliche Vergr\u00f6sserungen anzuwenden, kann kein Zweifel sein. Schon Leeuwenhoek sagt in einem seiner Briefe : \u00bb se multorum annorum experientici didicisse, lentes, quae, magnopere augerent, et minus essent perspicuae, postponendas esse iis. quae minus quidem augerent, sed perspicuitate et clara luce illas superarent.\u00ab \u2014 Halbertsma hat eine f\u00fcr die Geschichte der Mikroskopie wichtige Abhandlung \u00bbde Leeuwenhoekii meritis\u00ab als Inauguraldissertation geschrieben. Holland ist die Wiege der Mikroskopie, und man kann es gewissermassen von den Holl\u00e4ndern verlangen, dass sie es als eine Pflicht ansehen. Material zu der Geschichte derselben zu liefern. \u2014Einer sehr instructiven Suite von verwundeten und geheilten Stossz\u00e4hnen von Elephanteu h\u00e4tte ich bald zu erw\u00e4hnen vergessen. In der Keimh\u00f6hle solcher Z\u00e4hne flnden sich tropfsteinartige Ausw\u00fcchse, welche im Katologe als Exostosen aufgef\u00fchrt sind, und ganz und gar an das mikroskopische Verhalten der inneren Oberfl\u00e4che der Keimh\u00f6hle, wie ich sie an jungen","page":174},{"file":"p0175.txt","language":"de","ocr_de":"Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.\n175\nZ\u00e4hnen beschrieben und abgebildet habe, erinnern. Mir war es interessant , die Substanz zu untersuchen, und Prof. Halbertsma hatte die Gef\u00e4lligkeit, mir einen mikroskopischen Durchschnitt zu fertigen. Die Untersuchung ergab, dass diese Ausw\u00fcchse keine Exostosen waren, indem keine Knochensubstanz zu finden war, sondern eine mehr oder weniger durchsichtige formlose Masse mit deutlichen Zahnkan\u00e4lchen an vielen Stellen.\nAuch f\u00fcr die Geschichte der Chirurgie habe ich Einiges an der Leydener Anatomie gefunden. Im Zimmer des jeweiligen Professors sind die Portraits dreier in der Geschichte der Lithotomie bekannter M\u00e4nner, n\u00e4mlich das von Frire Jaques , von Row und von einem Amsterdamer Schmied van Doot. Der erste ist als Erfinder des Seitensteinschnittes, der zweite als der gl\u00fccklichste Steinschneider des 17. und aller Jahrhunderte bekannt, indem ihm von mehreren tausend Patienten keiner gestorben sein soll. Textor nennt ihn den \u00bbschlauen Holl\u00e4nder\u00ab, weil er seine Operationsmethode geheim hielt und als lukratives Monopol betrachtete, die st\u00fcrmischen, neugierigen Fragen seiner Sch\u00fcler und Collegen aber stets mit den Worten abfertigte : \u00bb Celsum lecjitote\u00ab, n\u00e4mlich jene dunkle Stelle des Celsus \u00fcber den Steinschnitt. \u2014 Der Amsterdamer Schmied, welcher ein gew\u00f6hnliches Messer in der einen, und einen ansehnlichen, in Silber gefassten lllasen-stein in der andern h\u00e4lt, und ein sehr selbstgef\u00e4lliges und selbstbewusstes Gesicht macht, k\u00f6mmt durch folgende Geschichte in diese gelehrte Gesellschaft. Er hatte sich laut einer im Jahre 1651 ausgefertigten gerichtlichen Urkunde mit jenem Messer, das auf dem Bilde abgebildet und in natura vorhanden ist, unter Beihilfe seines Lehrjungen selbst operirt, und von seinem Steine, der in Silber gefasst aufbewahrt wird, geholfen. Die Sache scheint unglaublich. Jedenfalls m\u00fcsste er die Sectio alta ausgef\u00fchrt haben, da er am Damme doch kaum operirt haben konnte. \u2014 Hrn. Schlegel, einen Deutschen, der als Gustos am Reichs-Museum fungirt, haben wir auch besucht. Er hat vor einigen Jahren eine h\u00fcbsche Arbeit Uber den Giftapparat der Schlangen in den Nova Acta Ac. Leop. ver\u00f6ffentlicht, worin er beweist, dass viele Schlangen, Uber deren Giftigkeit widersprechende Angaben gemacht worden waren, in der That giftig seien und einen gerinnten Giftzahn besitzen, aber weiter hinten im Munde, und nicht wie die anderen ganz vorn in Form beweglicher Hauer, woraus sich diese Unsicherheit in den Angaben erkl\u00e4ren l\u00e4sst.","page":175}],"identifier":"lit16159","issued":"1879","language":"de","pages":"164-175","startpages":"164","title":"Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:56:11.274003+00:00"}
