The Virtual Laboratory - Resources on Experimental Life Sciences
  • Upload
Log in Sign up

Open Access

Ueber den Stiel der Vorticellen

beta


JSON Export

{"created":"2022-01-31T16:13:39.620966+00:00","id":"lit16160","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 176-188. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0176.txt","language":"de","ocr_de":"XII.\nUeber den Stiel der Vorticellen,\n[Zeitschr. f. wissensch. Zoologie etc. 1835, Bd. IV. S. 458.] (Hierzu Fig. a u. b auf Tafel J 0).\nDie contractilen Stiele der Gattungen Vorticella und Carchesium sind h\u00e4utig Gegenstand der Untersuchung gewesen : nichtsdestoweniger wurde bisher, wie die nachfolgenden Citate beweisen, weder die Anatomie dieser Gebilde, noch der Mechanismus ihrer eigenth\u00fcmlichen Bewegungen vollst\u00e4ndig erkannt und in \u00fcbereinstimmender Weise erkl\u00e4rt.\nDer als Naturforscher bekannte Exjesuit' F. Schrank war der Erste, der die verschiedenen Bewegungsorgane der Infusorien in anatomischer und mechanischer Beziehung einer ernstem Aufmerksamkeit w\u00fcrdigte und in einer hesondern Abhandlung unter dem Titel: \u00bbUeber die Weise, wie sich die Aufgusstliierclien hei ihren Bewegungen benehmen\u00ab in den Denkschriften der k\u00f6nigl. bayer. Akad. der Wissensch. f\u00fcr 1809 und 1810 beschrieb. Ueber die contractilen Stiele der Vorticellen l\u00e4sst sich Schrank a. a. O. S. 9 auf folgende, etwas confuse Weise vernehmen : .... \u00bbMit Bestimmtheit ihre Mechanik anzugehen, ist vielleicht schlechterdings unm\u00f6glich. Die Erscheinung ist hei allen gestielten Glockenpolypen diese denn auch die, welche einen steifen Stamm haben, \u00e4ussern sie wenigstens in ihren sonderheitliclien Stiel-chen [\u201c?] ), dass ihr Stiel schneller als im Augenblicke, in einem wahren Punkt von Zeit, zusammenschnellt und null wird, ohne dass das aufmerksamste Auge mehr als ein Verschwinden gewahr wird. Was geschehen sei, das lehrt erst die Folge, und so deutlich, dass es nicht die geringste Anstrengung braucht, den Mechanismus einzusehen. Langsam und in Schraubeng\u00e4ngen zieht sich der Stiel wieder auseinander, wie eine schwache Hand eine Uhrfeder, die mit ihrem innersten","page":176},{"file":"p0177.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n177\nEnde an irgend einen unbeweglichen K\u00f6rper befestigt ist, bei ihrem \u00e4ussern Ende ergriffen, in die H\u00f6he ziehen w\u00fcrde. Vielleicht ist dieses Gleiclmiss mehr als Gleichniss, ist Erkl\u00e4rung selbst. Mir scheint es wenigstens sehr wahrscheinlich, der nat\u00fcrliche Zustand dieser Stiele sei eine Spirale, deren s\u00e4mmtliche Windungen in derselben Fl\u00e4che liegen, wie bei einer eingerollten Uhrfeder ; der ausgezogene Zustand sei gewaltsam und werde von der Willk\u00fcr des Tliierchens bewirkt.\u00ab\nIn Ehrenberg\u2019s grossem Werke und in den kleineren Abhandlungen \u00fcber die Infusorien finden sich viele Bemerkungen \u00fcber die Vorticellen. Ehrenberg beschreibt einen Spiralmuskel innerhalb des Stieles, welcher sich bei Carchesium in eben so viele Aeste theilen soll, als der ver\u00e4stelte Stiel selbst. Durch die Verk\u00fcrzung dieses Muskels wird das Zusammenschnellen der Stiele bedingt.\nC. Eckhard tlieilt \u00fcber die Vorticellen Folgendes mit (Die Organisationsverh\u00e4ltnisse der Polygastr. Infus, u. s. w. in Wiegmann',s Arch. 1S46, Bd. I, S. 217) : Die Vorticellen \u00bbsitzen an den Enden einfacher oder zertheilter Stiele, deren Structur bei denen, welche die F\u00e4higkeit sich zur\u00fcckzuschnellen, besitzen, diese ist. Eine Scheide Muskelscheide) Fig. 3 s schliesst einen einfachen Muskel ein, der sich ein wenig Uber der Anheftungsstelle der Scheide an fremden K\u00f6rpern verliert. Der unverkennbare Zusammenhang der Bewegungen des K\u00f6rpers mit denen des Muskelstieles l\u00e4sst schliessen, dass sich der Muskel in das Thier selbst hinein verzweige. Diese Verzweigung zu beobachten, ist mir aber bisher bloss bei Vort. nebulifera gelungen. Ich sah zwei ganz deutliche, obgleich sehr kleine (erst bei einer mehr als 400maligen Vergr\u00f6sserung sichtbare) Fasern Fig. 3 v v sich in den K\u00f6rper hinein erstrecken. Ehrenberg sah eine \u00e4hnliche Fortsetzung des Muskels in den K\u00f6rper bei Vort. convallaria. Ist dieser Stiel nicht contrahirt, so ist auch das Thier in v\u00f6lliger Ausdehnung seines ganzen K\u00f6rpers; sobald es aber diesen zusammenschnellt, namentlich die Mundwimpern einzieht, so verk\u00fcrzen sich auch Scheide (?) und Muskel indem der ganze Stiel sich spiralf\u00f6rmig zusammenwindet) und das Tliierchen f\u00e4hrt an seinem Stiele zur\u00fcck. Dehnt sich der K\u00f6rper wieder aus und werden namentlich recht deutlich die Mundwimpern entfaltet, so geht auch der Stiel wieder; aus seinem verk\u00fcrzten Zustand in den verl\u00e4ngerten \u00fcber. Es scheinen bei diesem Schnellen die Mundwimpern und \u00fcberhaupt die vorderen Theile des K\u00f6rpers von Bedeutung zu sein, da Contraction und Expansion des Stieles und K\u00f6rpers sieh gegenseitig bedingen. Welcher Einfluss auf die so eben beschriebenen Bewegungen der Muskelscheide, und welcher dem Muskel zugeschrieben werden muss, hat sich bis jetzt noch nicht mit Sicherheit ausmitteln\nCzermak, Schriften.\t12","page":177},{"file":"p0178.txt","language":"de","ocr_de":"178\nlieber den Stiel der Vorticellen.\nlassen. So viel ist aber gewiss, dass zum vollkommenen Schnellen dreierlei nothwendig ist : Unversehrtheit der Muskelscheide, Unversehrtheit des Muskels und Anheftung des ganzen Stiels, denn hei Vorticellen, deren Muskel in unversehrter Scheide zerrissen war, bemerkte ich zwar ein Zusammenschnellen des K\u00f6rpers, nicht aber war dasselbe von Einfluss auf Ausdehnung und Zusammenschnellung des Stieles ; ebenso misslang bei anderen, deren Scheide verloren gegangen, der Muskel aber noch mit dem K\u00f6rper verbunden war, jeder Versuch des vollkommenen Schneilens. Iu beiden F\u00e4llen waren die Thiere nicht mehr angeheftet.\u00ab\nDujardin ist ganz anderer Meinung als die beiden eben citirten Forscher. In seiner Histoire naturelle des Zoophytes, Infusoires. Paris 1S41, S. 49 heisst es : -\u00bbLes p\u00e9dicules contractiles des Vorticelles peuvent aussi \u00eatre compt\u00e9s parmi les organes ext\u00e9rieurs des Infusoires. Leur structure et le m\u00e9canisme de leurs mouvements pr\u00e9sentent un des probl\u00e8mes les plus difficiles de cette \u00e9tude. On voit. \u00e0 la v\u00e9rit\u00e9, dans leur cavit\u00e9 centrale, une substance charnue moins transparente, mais ce n'est point, comme on a paru le croire une vraie fibre musculaire : au contraire la partie diaphane enveloppant ce cordon charnu et formant une bande plus mince vers une de ses bords, se contracte seule; et comme elle le fait davantage au bord le plus \u00e9pais il en r\u00e9sulte une courbe en h\u00e9lice dont le bord externe est occup\u00e9 par le tranchant du p\u00e9dicule. Leur substance parait plus r\u00e9sistante, que celle des cils , car on en voit quelque fois, qui restent assez longtemps isol\u00e9s dans le liquide.\u00ab Weiter unten S. 547 : \u2022\u00bbLes particularit\u00e9s de leur ( Vorticelles) forme et de leur double mode d'existence s'observent \u00e9galement chez les Epistylis, mais le p\u00e9dicule contractile leur est exclusivement propre ; c\u2019est un cordon membraneux, plat, plus \u00e9pais sur un de ses bords et contenant de ce cot\u00e9 un canal continu occup\u00e9 au moins en partie par une substance charnue analogue \u00e0 celle de l\u2019int\u00e9rieur du corps. Pendant la contraction ce bord \u00e9pais se raccourcit beaucoup plus que le bord mince, et de l\u00e0 r\u00e9sulte pr\u00e9cis\u00e9ment la forme de tire-bouchon; cependant je ne crois pas que ce soit une fibre charn ue log\u00e9e dans le p\u00e9dicule, qui produise ce raccourcissement, comme le veut M. Ehrenberg.\u00ab\nBez\u00fcglich der Structur des Vorticellenstieles stimmen Ehrenberg und Dujardin, wie man sieht, ziemlich \u00fcberein ; \u00fcber die functionelle Bedeutung der beiden Formbestandtheile des Stieles gehen jedoch ihre Ansichten wesentlich auseinander. Ehrenberg h\u00e4lt seinen Spiralmuskel f\u00fcr contractil, Dujardin hingegen jene durchsichtige Substanz, welche den sogenannten Muskel einh\u00fcllt und von Eckhard unpassend Muskelscheide genannt wird. Ohne vorl\u00e4ufig auf den streitigen Punkt einzugehen, bemerke ich gegen Beide, dass ihre widersprechenden","page":178},{"file":"p0179.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n179\nAuffassungen in gleichem Maasse einseitig und unvollst\u00e4ndig sind. Die Vorticellen ziehen ihre Stiele nicht nur zusammen, sondern strecken sie auch wieder aus. Sucht man das contractile Element, so darf man das expandirende nicht vergessen, denn zum Ausstrecken des Stieles bedarf es ebenso gut einer Kraft, welche sich in irgend einem seiner llestandtheile \u00e4ussert, als zum Zusammenschnellen.\nDer alte Schrank hat trotz aller Mangelhaftigkeit und zum Theil Unrichtigkeit der Beobachtung dennoch die Mechanik des Vorticellenstieles insofern richtiger als Ehrenberg und Dujardin erfasst, als er den motorischen Antagonismus ber\u00fccksichtigt und nicht blos das Zusammenschnellen im Auge hat. Nach Schrank ist das Ausstrecken der Stiele ein activer, durch einen, unter dem Willenseinflusse des Thieres stehenden Apparat bedingter Vorgang, w\u00e4hrend das Zusammenschnellen gewissermaassen passiver Natur ist, indem es nur durch Unterbrechung der expandirenden Th\u00e4tigkeit eingeleitet wird und in der Federkraft der gewaltsam auseinander gezogenen Spirale des Stieles seinen Grund hat. In entgegengesetzter Weise hat in neuerer Zeit F. Gerber die Sache aufgefasst. Er spricht sich dar\u00fcber in seinem Handb. der allgem. Anatomie des Menschen und der Haus-s\u00e4ugethiere. Bern 1840, S. 92 folgendermaassen aus : . . . \u00bbDas Thier ( Vorticella) bewirkt in seiner Umgebung mittels seiner am Becherrande auf W\u00e4rzchen sitzenden Wimpern wirbelnde Bewegungen und erhascht dadurch herbeigef\u00fchrte organische Molecttlen oder kleinere Infusorien, dass es seinen Stiel schnell korkzieherartig zusammenzieht und .'die Glocken\u00f6ffnung schliesst : diese Bewegung gr\u00fcndet sich, wie ich richtig beobachtet zu haben glaube, auf die Zusammensetzung des Stieles aus einem Schwellgef\u00e4ss (?), welches das Thier durch Druck mit einer Fl\u00fcssigkeit f\u00fcllt und so ausstreckt erigirt , und einem feinen spiral um das Gef\u00e4ss gewundenen Muskelfaden, welcher das Zur\u00fcckschnellen bewirkt. So w\u00e4re das einfachste erectile Organ mit dem einfachsten Muskel zur Bildung des vollst\u00e4ndigen motorischen Antagonismus vereinigt.\u00ab Nach Gerber geschieht also sowohl das Einrollen als das Strecken der Stiele activ und durch directen Kraftaufwand des Thieres.\nMeine eigenen Untersuchungen \u00fcber den fraglichen Gegenstand, welche ich bereits vor mehreren Jahren anstellte und nach einer langen Unterbrechung k\u00fcrzlich wieder vornahm, haben mich gelehrt, dass der Stiel der Vorticellen aus einem hyalinen (meist merklich bandartig abgeplatteten) Hauptfaden besteht, welcher einen excentrisch gelagerten, in steil aufsteigenden Schraubentouren um die L\u00e4ngsachse laufenden, feinen Kanal einschliesst. In diesem Kanal befindet sich ein\n12*","page":179},{"file":"p0180.txt","language":"de","ocr_de":"180\nUeber den Stiel der Vorticelien.\nd\u00fcnner, gelblich gef\u00e4rbter Faden, welcher am obern Ende des Stieles in die Substanz des glockenf\u00f6rmigen K\u00f6rpers der Vorticelle, wie es scheint dichotomisch gespalten, \u00fcbergeht, am untern Ende aber, in verschiedener H\u00f6he vom Anheftungspunkte des Stieles auf fremden K\u00f6rpern, sich verliert.\nAn den oft sehr dicken, ver\u00e4stelten Stielen von Carchesium habe ' ich den helikoidalen Kanal, nach innen von dem gelben Faden, noch mit einer blassen, fein granulirten Substanz ausgef\u00fcllt gefunden, welche gewissermaassen einen dritten Faden darstellt, so dass der ganze Stiel aus drei isotropen Helikoiden \u25a0) zusammengesetzt erscheint. Bei den Vorticellen konnte ich bisher diesen granulirten Faden nicht nacli-weisen ; vielleicht haben aber nur die optischen H\u00fclfsmittel dazu nicht ausgereicht.\nIn dem ver\u00e4stelten Stiele von Carchesium besitzt jeder Zweig seinen eigenen, mit jenem des Hauptstammes n i c h t zusammenh\u00e4ngenden helikoidalen Kanal und Faden. Der Faden des Hauptstammes h\u00e4ngt nur mit einem Individuum zusammen. Jedes Individuum schickt in den Zweig, auf dem es sitzt, seinen Faden hinein, dessen L\u00e4nge jener des Zweiges entspricht. Ganz kurze Zweige, welche eben erst durch Theilung entstanden zu sein scheinen, sind mir ganz hyalin vorgekommen und ich konnte in ihnen keine Spur eines Fadens entdecken. Das ganze B\u00e4umchen erscheint daher wie aus lauter einzelnen Vorticelien von verschieden langen Stielen zusammengesetzt.\nNach diesem Verhalten der von mir untersuchten Exemplare muss ich Ehrenberg\u2019s Abbildungen f\u00fcr unrichtig halten. Ehrenberg zeichnet n\u00e2mlichj ^eu Faden des Hauptstammes von Carchesium gleichfalls ver\u00e4stelt, w\u00e4hrend ich niemals eine Ver\u00e4stelung desselben wahrnehmen konnte.\nDie Bestimmung des Windungstypus der Stiele ist nicht ohne Schwierigkeit. Der hyaline Faden der Stiele ist so durchsichtig und die Helikoide von so geringer Lichtung, dass der gelbliche Faden, selbst bei unver\u00e4nderter Focaldistanz, auf seinem ganzen Verlaufe mit fast gleich deutlichen Umrissen erscheint und wie eine ebene, zwischen die Contouren des Stieles gezeichnete Wellenlinie aussieht.\nNur durch eine \u00fcberaus genaue und aufmerksame Einstellung des Mikroskops, bei ged\u00e4mpfter oder schr\u00e4ger Beleuchtung und starker Vergr\u00f6sserung, erf\u00e4hrt man, ob die rechts oder dielinksaufsteigenden\n1 Vergl. \u00fcber die Bedeutung dieser, so wie der weiter unten gebrauchten Ausdr\u00fccke J. B. Listing\u2019s interessante \u00bbVorstudien zur Topologie\u00ab. Gotting. 1S4S.","page":180},{"file":"p0181.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n1S1\nTlieile der scheinbar zur Wellenlinie projicirten Heliko\u00efde auf der dem Beobachter zugewendeten Seite des durchsichtigen'Stieles liegen.\nIch habe mich \u00fcberzeugt, dass hier, \u00e4hnlich wie bei den Sclmecken-schalcn derselben Art, ein doppelter Windungstypus vorkommt. Es finden sich sowohl dexiotrope als laeotrope Stiele. Die Anzahl der Umg\u00e4nge schwankt caeteris paribus nach der L\u00e4nge der Stiele zwischen 0 und 12. Am h\u00e4ufigsten sind 4\u20148 Umg\u00e4nge vorhanden.\nDas Zusammenschnellen der Stiele erfolgt bekanntlich meist so rasch, dass man kaum Zeit hat, den Vorgang zu beobachten und mit Sicherheit zu erkennen. Allein die Stiele bleiben oft lange genug zusammengezogen und strecken sich hinreichend langsam aus, so dass man aus diesen Pr\u00e4missen den Modus des Zusammensclmellens er-schliessen kann. Uebrigens gibt es Mittel, das Zusammenschnellen bedeutend zu verlangsamen und den Modus desselben der directen Beobachtung zug\u00e4nglich zu machen, z. B. die Beimischung einiger Tropfen Sublimatl\u00f6sung.\nDer hyaline Faden des v\u00f6llig zusammengerollten Stieles bildet eine Heliko\u00efde, deren Windungen sich bis zur Ber\u00fchrung n\u00e4hern, und tr\u00e4gt nun l\u00e4ngs seines innern, gegen die Conductrix der Heliko\u00efde sehenden Bandes den Kanal, in welchem der gelbe Faden eingeschlossen ist. Das ist das constante Verh\u00e4ltniss. Vergl. Fig. a und Fig. b, Taf. 10. Die letztere, welche ein St\u00fcck eines nicht v\u00f6llig zusammengerollten Stieles von Carchesium darstellt, zeigt auch die relative Lage des granulirten Fadens. Man hat drei isotrope Heliko\u00ef-deu vor sich, welche zugleich paradrom sind. Das Askoi'd, d. h. jene r\u00f6hrenf\u00f6rmige Fl\u00e4che, welche man tangirend um s\u00e4mmtliche Windungen der Heliko\u00efde legen kann, ist gew\u00f6hnlich ein Cylinder, manchmal aber ein Kegel mit nach abw\u00e4rts gekehrter Spitze.\nStreckt sich der Stiel aus, so geschieht dies, wie gesagt, ungleich langsamer als das Zusammenschnellen, und man kann den ganzen \\ organg genau verfolgen. Die Windungen der ^Heliko\u00efde entfernen sich voneinander und das Asko\u00efd verliert an Lichtung, indem sie immer steiler ansteigen. Dabei entdeckt man ohne Schwierigkeit, dass sich der hyaline Faden, w\u00e4hrend der Streckung, aus dem Zustande der Torsion befreit. Es ergibt sich dies aus den cyklis ch en Bewegungen, welche der glockenf\u00f6rmige K\u00f6rper der Vorticelle um seine L\u00e4ngsachse ausflihrt, w\u00e4hrend er durch den sich streckenden Stiel emporgehoben wird.\nDie Anzahl der Windungen der Heliko\u00efde, welche der zusammen-geschnellte Stiel bildet, entspricht jener der Wandelliuie des ausgestreckten Stieles.","page":181},{"file":"p0182.txt","language":"de","ocr_de":"182\nUeber den Stiel der Vorticellen.\nDie Bewegungen beim Strecken und jene beim Zusammenschnellen des Stieles m\u00fcssen wesentlich dieselben sein, nur erfolgen sie mit verschiedener Geschwindigkeit und nat\u00fcrlich in entgegengesetztem Sinne. Es ist klar, dass man aus den ersteren, welche leicht zu beobachten sind, mit Sicherheit auf die Art der letzteren, welche wegen enormer Raschheit dem Beobachter fast ganz entgehen, scliliessen kann. Uebri-gens habe ich oben von Reagentien gesprochen, welche diesen Uebel-stand beseitigen. Setzt man z. B. einige Tropfen Sublimatl\u00f6sung der Infusion bei, welche man unter dem Mikroskop hat, so wickeln sich alsbald die Stiele mit sehr massiger Geschwindigkeit zusammen und man ist in den Stand gesetzt, die Richtigkeit unseres Schlusses zu best\u00e4tigen. Man sieht, wie sich der K\u00f6rper der Vorticelle beim Einrollen, in Folge der Torsion, welche der hyaline Faden erleidet, dreht und wie der gelbe Faden allm\u00e4hlich an den innern Rand der heliko\u00efdalen Windungen des Stieles gelangt. Die Infusorien vertragen die Beimischung des Sublimats nicht und sterben nach kurzer Zeit ab.\nDer Punkt, von welchem aus das Zusammenschnellen der Stiele sowohl als das Strecken beginnt, ist nicht immer derselbe. Ich habe beide Bewegungen am obern, aber auch am untern Ende der Stiele entspringen sehen. Manchmal schienen mehrere oder alle Windungen zugleich von der Bewegung ergriffen. Ein solcher inniger, urs\u00e4chlicher Zusammenhang zwischen den Bewegungen des Stieles und jenen pes K\u00f6rpers, namentlich der Entfaltung des Wimperkranzes, wie Herr Eckhard will, existirt durchaus nicht, denn man kann es oft sehen, dass die Vorticellen die Wimpern einschlagen, ohne deshalb den Stiel zusammenzuschnellen. Die Beziehung und das Verh\u00e4ltniss dieser Bewegungen zu einander kann man etwa als willk\u00fcrliche Association oder Synergie auffassen. Dazu braucht man auch nicht eine compli-cirte Verzweigung des sogenannten Muskels durch den ganzen K\u00f6rper anzunehmen, wie Herr Eckhard, wahrscheinlich gewissen Ideen \u00fcber die Organisationsverh\u00e4ltnisse der polygastrischen Infusorien zu Liebe, tliut.\nEs handelt sich nun darum, die Mechanik des Vorticellenstieles zu erkl\u00e4ren und den antagonistischen Kr\u00e4ften bestimmte Formelemente anzuweisen. Ich halte daf\u00fcr, dass der hyaline Faden elastischer Natur ist und das Ausstrecken des Stieles bedingt, w\u00e4hrend der gelbe Faden aus contractiler Substanz besteht und das Zusammenschuel-len vermittelt. Der blasse granulirte Faden von Carchesium mag vielleicht eine rein vegetative Function haben. Elasticit\u00e4t und Contractilit\u00e4t reichen vollkommen aus, den motorischen Antagonismus begreiflich zu machen und, gebunden an die genannten Formelemente, alle Einzelheiten der Erscheinung zu erkl\u00e4ren.","page":182},{"file":"p0183.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n1S3\nF\u00fcr den gelben Faden als Vermittler des Zusammensclinellens spricht, wie mir scheint, mit Bestimmtheit der Umstand dass \u00fcberall, wo derselbe zerst\u00f6rt ist, auch keine Spur von Contraction beobachtet wird. Nur so weit als der unversehrte, mit dem lebendigen Thiere zusammenh\u00e4ngende Faden reicht, kann der Stiel zusammengeschnellt werden, der \u00fcbrige Theil des Stieles bleibt unbeweglich. Der gelbe Faden ist der Sitz der contrahirenden Kraft, aber verdient, wie Ecker und K\u00f6lliker gezeigt haben, doch nicht den Namen eines Muskels.\nStirbt eine Vorticelle ab, so l\u00f6st sie sich von dem Stiele los. Man tindet h\u00e4ufig genug unbesetzte Stiele in den Infusionen, welche, namentlich wenn die Thiere durch Sublimat get\u00f6dtet wurden, l\u00e4ngere Zeit zusammengezogen bleiben, sonst aber, wie schon der alte 0. M\u00fcller wusste, durchg\u00e4ngig ausgestreckt sind. In dem ersten Falle befindet sich der gelbe Faden, trotz der Abwesenheit des Thieres, im contrahirten Zustand (Coagulation? Rigor mortis ?). L\u00e4sst man solche Stiele maceriren oder zerst\u00f6rt man den contractilen Faden durch passende Reagentien, so strecken sie sich von selbst aus und bleiben f\u00fcr immer ausgestreckt. Ich habe diesen Versuch oft angestellt. Er beweist , wie ich glaube, mit Evidenz die elastische Natur des hyalinen Fadens und demonstrirt zugleich das antagonistische Verh\u00e4ltniss, in welchem bei den Bewegungen der Stiele der hyaline zum gelben Faden steht. Herrn Gerber\u2019s \u00fcbrigens ganz unbegr\u00fcndete Ansicht, dass der hyaline Faden ein Schwellgef\u00e4ss sei, welches sich durch Druck mit Fl\u00fcssigkeit f\u00fcllen und erigiren soll, wird durch die mitgetlieilte Erfahrung geradezu widerlegt.\nDer hyaline Faden ist nichts als eine homogene, elastische Substanz, welche uns hier in der niedersten Sph\u00e4re der thierischen Organismen zum ersten Male gesondert und geformt entgegentritt. Es verlohnte sich, die elastischen Elemente in ihrer fortschreitenden Entwickelung in \u00e4hnlicher Weise zu verfolgen, wie es Ecker und K\u00f6lliker mit der contractilen Substanz gethan haben.\nSomit h\u00e4tte ich meine Auffassung n\u00e4her begr\u00fcndet und kann nun zur genauem Auseinandersetzung des Mechanismus der Stiele \u00fcbergehen.\nBeil\u00e4ufig erw\u00e4hne ich nur noch, dass der motorische Antagonismus auf unendlich mannichfaclie Weise an Theilen, welche eine bestimmte Bewegung auszuf\u00fchren haben, realisirt werden kann und factisch rea-lisirt ist. Als wesentliche Bedingungen sind immer zwei Kr\u00e4fte anzusehen, derenWirkungensichgegenseitigaufzuhebenim Stande sind. Uebrigens k\u00f6nnen diese Kr\u00e4fte einfach sein oder die Resultirenden aus einer beliebigen Anzahl von Componenten : die eine","page":183},{"file":"p0184.txt","language":"de","ocr_de":"1S4\nUeber den Stiel der Vorticellen.\nvon beiden kann st\u00e4rker sein als die andere oder der anderen gleich ; die Wirkungen der Kr\u00e4fte k\u00f6nnen momentan eintreten oder es kann eine derselben, und zwar die schw\u00e4chere, continuirlich wirken u. s. w. Wir wollen liier nicht versuchen, die m\u00f6glichen F\u00e4lle zu ersch\u00f6pfen. Es m\u00f6gen diese Andeutungen gen\u00fcgen, um den Weg zu bezeichnen, auf welchem man zu einer nach allgemeineren Gesichtspunkten entworfenen Classification einer wichtigen Gruppe von motorischen Apparaten gelangen d\u00fcrfte.\nIn unserm Falle haben wir es mit einem momentan th\u00e4tigen contractilen Faden und einem continuirlich wirkenden, elastischen Faden zu tliun, welche in der beschriebenen Weise eine doppelte, paradrome Heliko'ide bilden. Die schw\u00e4chere Elasticit\u00e4t, welche den Stiel stets gestreckt zu erhalten strebt, wird nur zeitweilig von der st\u00e4rkeren, momentan auftretenden Contractilit\u00e4t \u00fcberwunden. Es ist nun zu zeigen, wie die Art der Zusammenbiegung des elastischen Fadens durch den contractilen, von der angegebenen Position des letztem abh\u00e4ngt.\nBetrachten wir zun\u00e4chst, in welcher Weise ein ausgestreckter, elastischer Cylinder durch die Zusammenziehung eines geradlinigen, excentrisch gelagerten, mit seiner L\u00e4ngsaxe parallelen, contractilen Fadens in seiner Gestalt ver\u00e4ndert werden muss. Es ist klar, dass sich der Cylinder an der Seite, welche dem Faden entspricht, verk\u00fcrzen und in Folge dessen kr\u00fcmmen wird. Die Zusammenziehung kann sich so weit steigern, dass der Cylinder die Gestalt eines ebenen, geschlossenen Binges annimmt, an dessen innere Peripherie der contractile Faden zu liegen kommt. Dies wird noch einleuchtender, wenn man sich den Cylinder in unendlich viele d\u00fcnne Scheiben zerschnitten denkt, deren jede ein St\u00fcck des excentrisch gelagerten Fadens enth\u00e4lt. Jedes solche Scheibchen wird durch die Verk\u00fcrzung des an seiner Peripherie befindlichen Fadenst\u00fcckes an diesem Rande zugesch\u00e4rft und nimmt eine keilf\u00f6rmige Gestalt an. Baut man nun in Gedanken aus diesen keilf\u00f6rmigen Scheiben den Cylinder wieder auf, indem man sie mit ihren gleichnamigen Punkten aufeinander legt, so entsteht nothwendig kein geradliniger, sondern ein eben gekr\u00fcmmter Stab oder ein geschlossener Ring. Von dem Verh\u00e4ltniss zwischen der Menge der Scheiben loder was dasselbe ist: der L\u00e4nge des Cylinders) und dem Zusch\u00e4rfungswinkel der Scheiben (d. h. dem Grade der Verk\u00fcrzung des Fadens h\u00e4ngt es ab, ob man nur ein Segment oder den geschlossenen Ring erh\u00e4lt. Haben die keilf\u00f6rmigen Scheiben verschiedene Zusch\u00e4rfungswinkel d. h. hat sich der contractile Faden an verschiedenen Punkten ungleich stark verk\u00fcrzt , so lassen sich mancherlei, geschlos-","page":184},{"file":"p0185.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n1S5\nsene und offene, ebene Curven zusammenstellen. Mit dem Aufh\u00f6ren der Contraction oder einer an den Faden gebundenen zusammenbiegenden Kraft, dehnt sich der Cylinder wieder geradlinig aus.\nNehmen wir nun an, dass der an der Peripherie des Cylinders befindliche Faden nicht, wie in dem eben betrachteten Falle, parallel mit dessen Axe verl\u00e4uft, sondern sehr \u00e4 g aufsteigt und geh\u00f6rig verl\u00e4ngert eine Heliko'ide um den Cylinder beschreibt, so wird seine Verk\u00fcrzung auch eine andere Folge f\u00fcr die Kr\u00fcmmung des Cylinders haben.\nWir zerschneiden den Cylinder wieder in unendlich viele d\u00fcnne Scheiben, deren jede an einer bestimmten Stelle der Peripherie ein schr\u00e4g aufsteigendes St\u00fcck des contractilen Fadens tr\u00e4gt. Der Zug, welchen das St\u00fcck des Fadens in schr\u00e4ger Richtung ausf\u00fchrt, l\u00e4sst sich in zwei Componcnten zerlegen, von denen die eine parallel mit der senkrechten Axe der Scheibe wirkt, w\u00e4hrend die andere horizontal, d. h. parallel mit dem Scheibenrande zieht. Durch die Wirkung der senkrechten Componente erhalten wir, wie in dem obigen Falle die keilf\u00f6rmige Gestalt der Scheibe, w\u00e4hrend durch die Th\u00e4tigkeit der horizontalen Componente eine Torsion der Scheibe eintreten muss, welche darin besteht, dass ungleichnamige Punkte des obern und des untern Scheibenrandes \u00fcbereinander zu stehen kommen. Die einzelnen Scheiben werden also durch die volle Wirkung des schr\u00e4gen Zuges keilf\u00f6rmig zugesch\u00e4rft und zugleich torquirt.\nLegt man jetzt die Scheiben mit den entsprechenden Punkten der zusammengeh\u00f6rigen Fl\u00e4chen aufeinander, so wird der wieder aufgebaute Cylinder gleichfalls torquirt und gekr\u00fcmmt erscheinen und an seinem concaven Rande den zusammengezogenen Faden einschliessen. Die Kr\u00fcmmungen des Cylinders liegen nun nicht mehr in einer Ebene.\nIst der Cylinder so lang genommen, dass der in gleichm\u00e4ssig schr\u00e4ger Richtung aufsteigende, contractile Faden eine mehr oder weniger steile Heliko'ide um ihn vollendet hat, so ist das Resultat der Zusammenziehung ein helikoidal gewundener und torquirter Cylinder, welcher sich durch seine Elasticit\u00e4t beim Nachlassen der Zusammenziehung aus der Torsion befreit und seine urspr\u00fcngliche, gestreckte Gestalt wieder annimmt. Man sieht leicht, welche F\u00e4lle von compli-cirtcn und einfachen Curvenformen durch die willk\u00fcrliche Ver\u00e4nderung des relativen Verh\u00e4ltnisses der L\u00e4nge und Dicke des Cylinders und des Contractionsgrades und der F\u00fchrung des Fadens zu erreichen sind. Der ebene Ring und die quere Einschn\u00fcrung des Cylinders k\u00f6nnen als Grenzf\u00e4lle betrachtet werden.","page":185},{"file":"p0186.txt","language":"de","ocr_de":"186\nUeber den Stiel der Vorticellen.\nDas er\u00f6rterte Schema passt im Wesentlichen auf den Stiel der Vorticellen und erkl\u00e4rt, warum der elastische Faden im zusammengeschnellten Zustande eine Heliko'ide bilden m\u00fcsse, warum der contractile Faden nach innen zu liegen komme, wie die Torsion des Stieles, welche sich durch die Drehbewegungen des K\u00f6rpers der Vorticelle verr\u00e4th, bewirkt werde, und wie endlich die Streckung des Stieles vor sich gehe.\nIch habe mir nach diesem Schema schon vor mehreren Jahren Modelle angefertigt, welche den Mechanismus des Vorticellenstieles auf sehr instructive Weise versinnlichen. Auf der Wunderscheibe (Phenakistoskop) lassen sich die Bewegungen des Stieles gleichfalls, jedoch nur im Bilde wiedergehen.\nIch kann diese Mittheilung unm\u00f6glich scliliessen, ohne eines \u00fcberaus interessanten physikalischen Versuches zu gedenken, welchen Herr Prof. Petrixa in Prag im vorigen Jahre angestellt und vor kurzem der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien mitgetheilt hat.\nDer Versuch besteht in Folgendem : Man leitet durch eine d\u00fcnne, elastische Drahtheliko'ide, welche an einem passenden Gestell frei herabh\u00e4ngt und mit dem untern Ende in einen Quecksilbernapf taucht, einen massig starken elektrischen Strom. So wie die Kette geschlossen ist, n\u00e4hern sich augenblicklich die einzelnen Windungen des Drahtes und die ganze Heliko'ide verk\u00fcrzt sich. In Folge dessen zieht sich das untere Drahtende aus dem Quecksilbernapf heraus. Damit wird aber die Leitung und der elektrische Strom unterbrochen. Der Grund der Verk\u00fcrzung der Heliko'ide f\u00e4llt weg. Sie streckt sich durch ihre Elasti-cit\u00e4t wieder aus. Das untere Ende taucht in den Napf zur\u00fcck und stellt so die Leitung wieder her. Das Spiel beginnt von Neuem.\nProf. Petrixa erkl\u00e4rt das Zusammenschnellen der Heliko'ide aus dein Gesetze der Anziehung parallel laufender elektrischer Str\u00f6me.\nDie \u00fcberraschende Analogie zwischen diesem Versuche und den Bewegungserscheinungen der Vorticellenstiele wird wohl Niemandem entgehen. Hier wie dort hat man es mit einer Heliko'ide zu thun, welche durch das antagonistische Spiel zweier Kr\u00e4fte sich verk\u00fcrzt und ausstreckt. Sollte sich nicht auch die Erkl\u00e4rung des elektrischen Versuches auf die Bewegungen der Stiele \u00fcbertragen lassen ? In der That, der Gedanke liegt sehr nahe, den Grund des Zusammenschnellens der Stiele gleichfalls in einem von dem Thiere erregten elektrischen Strome zu suchen. An den gelben Faden, den wir den contractilen genannt haben, m\u00fcsste die Entstehung oder Leitung des elektrischen Stromes gebunden gedacht werden, da nach seiner Zerst\u00f6rung das Zusammenschnellen aufh\u00f6rt. Das Vorhandensein elektrischer Str\u00f6me in","page":186},{"file":"p0187.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Stiel der Vorticellen.\n187\nden Vorticellen darf seit den Du Bois\u2019schen Untersuchungen \u00fcber thie-rische Elektricit\u00e4t mit Sicherheit vorausgesetzt werden. So w\u00e4re denn eine solide Basis zur eigentlichen Erkl\u00e4rung dieser Bewegungserscheinungen gefunden.\nBeil\u00e4ufig erw\u00e4hne ich liier der BAREY\u2019schen Spiralfasern, aus denen die Muskeln zusammengesetzt sein sollen. Barry\u2019s Anschauung gewinnt durch Petrina\u2019s Versuch jedenfalls an Bedeutung und verdient eine aufmerksame lie.vision von Seiten der Mikroskopiker. Die Erkl\u00e4rung der Muskelcontraction w\u00e4re, wenn sich die schraubenf\u00f6rmige Structur der Muskelfaser best\u00e4tigt, bei dem gegenw\u00e4rtigen Stande unserer Kenntnisse \u00fcber die elektrischen Zust\u00e4nde der Muskeln und Nerven wesentlich erleichtert. Freilich muss erst die Histologie das entscheidende Wort gesprochen haben, ehe man mit einiger Zuversicht an den Ausbau einer begr\u00fcndeten Theorie der Muskelcontraction schreiten kann.\nIch habe bisher noch nicht Gelegenheit gefunden, Barry's Angaben zu best\u00e4tigen, doch muss ich gestehen, dass die Pr\u00e4parate, welche mir Dr. M. Barry w\u00e4hrend seines Aufenthalts in Prag zeigte, meinen Glauben an die allgemein verbreitete \u00dcowMAx\u2019sche Anschauung wesentlich ersch\u00fcttert haben.\nSchliesslich erlaube ich mir noch auf einen Punkt aufmerksam zu machen. Petrina\u2019s Drahtspirale schnellt allerdings durch die Wirkung des elektrischen Stromes zusammen, d. h. die einzelnen Win d\u00fcngen n\u00e4hern sich fast bis zur Ber\u00fchrung, allein der Draht selbst wird, so viel sich an dem Apparate bemerken l\u00e4sst, nicht verk\u00fcrzt und verdickt.\nEin organischer Spiralfaden, welcher sich in Folge eines elektrischen Stromes wie Petrina\u2019s Drahtspirale zusammenschnellte \u2014 durch Anziehung der Windungen \u2014 w\u00fcrde demnach nicht eigentlich verk\u00fcrzt werden. Der contractile Faden des Vorticellenstiels scheint sich jedoch, nach Allem was ich gesehen habe, nicht nur zusammenzurollen, sondern auch zu verk\u00fcrzen. Die von mir angedeutete Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens k\u00f6nnte also auf den ersten Blick als unzureichend angesehen werden. Allein wenn man bedenkt, dass durch die gegenseitige Anziehung der einzelnen Windungen eine Verdickung des Fadens auf Kosten seiner L\u00e4nge kaum ausbleiben kann, so wird man die Hypothese noch nicht ganz aufzugeben brauchen.\nUebrigens ist durch die Herbeiziehung des Petrin a scheu Versuches \u2014 mag man auch die physiologische Erkl\u00e4rung der Zusammenziehung des eontractilen Fadens auf was immer f\u00fcr einen physikalischen Vorgang zur\u00fcckf\u00fchren \u2014 ohne Zweifel ein wichtiger Fingerzeig","page":187},{"file":"p0188.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Stiel der Vorticellen.\n188\ngewonnen, wie die int Stiele etwa vorhandenen elektrischen Str\u00f6me bei der Erkl\u00e4rung des Zusammenschneilens mit zu verwerthen sind. Prag, den 20. Januar 1853.\nNachschrift. In Ehrexberg\u2019s grossem Atlas finden sich einige Darstellungen von Vorticellen, welche, wenn ihnen keine T\u00e4uschung zu Grunde liegt, alle Beachtung verdienen. In der einen Zeichnung (Taf. XXVI, Fig. V z) ist der zusammengeschnellte Stiel, statt in der Heliko'icle, im Zickzack gebogen: in der andern (Taf. XXVI, Fig. I und Y \u00df) l\u00e4uft der sogenannte Muskel in Gestalt einer Wellenlinie in dem schraubenf\u00f6rmigen Stiele herunter. Ich habe Aelmliches in der Natur nie gesehen und erinnere mich auch nicht, bei Anderen irgend etwas der Art beschrieben gelesen zu haben. Sollten solche Stiele wirklich Vorkommen, was ich jedoch bezweifle, so m\u00f6chte ihr Mechanismus von jenem der gew\u00f6hnlichen Stiele ziemlich verschieden sein. Die wellig gebogene, schlaffe Contour des Fadens w\u00e4hrend der Zusammenrollung des Stieles w\u00fcrde fast geradezu gegen die contractile Natur des sogenannten Muskels sprechen, und man w\u00e4re auf eine rein dynamische Erkl\u00e4rung gewiesen. Der im Zickzack, statt in der Heliko'ide gebogene Stiel k\u00f6nnte vielleicht noch durch eine blos streckenweise Zusammenziehung des contractilen Fadens erkl\u00e4rt werden, wenn der Verlauf desselben zugleich in entsprechender Weise abweichend gefunden w\u00fcrde. F\u00fcr jetzt sind beide Darstellungen sehr r\u00e4thselhaft und verd\u00e4chtig.\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nFig. a und b auf Tafel 10.\nFig. \u00ab. Stellt eine Vorticelle vor, welche durch Behandlung mit Sublimat get\u00f6dtet worden ist. Der K\u00f6rper ist kugelig zusammengezogen. Der Stiel bildet eine enggewundene Heliko\u2019ide, an deren innerem Rande der contractile Faden herunterl\u00e4uft. Am untersten Ende des Stieles ist der contractile Faden zerst\u00f6rt, der elastische Faden hat sich daher ausgestreckt.\nFig. b. Halbschematische Darstellung eines St\u00fcckes des Stieles von Carclie-sium. Es ist eine dreifache dexiotrope und paradrome Heliko\u2019ide. Man unterscheidet den elastischen, den contractilen und den granulirten Faden. Letzterer liegt zwischen den beiden ersteren. Der innere Rand der Heliko\u2019ide ist quergerunzelt. Die Runzeln geh\u00f6ren dem elastischen, und nicht wie Einige glaubten, dem contractilen Faden an.","page":188}],"identifier":"lit16160","issued":"1879","language":"de","pages":"176-188","startpages":"176","title":"Ueber den Stiel der Vorticellen","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:13:39.620971+00:00"}

VL Library

Book Section
Permalink (old)
http://vlp.uni-regensburg.de/references?id=lit16160
Licence (for files):
Creative Commons Attribution-NonCommercial
cc-by-nc

Export

  • BibTeX
  • Dublin Core
  • JSON

Language:

© Universitätsbibliothek Regensburg | Imprint | Privacy policy | Contact | Icons by Font Awesome and Icons8 | Powered by Invenio & Zenodo