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{"created":"2022-01-31T16:11:52.534254+00:00","id":"lit16161","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 189-197. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0189.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\n[Prager Vierteljahrschrift 1855. Bd. XXXVII. S. 97.]\nDie Reihe von Versuchen, deren Resultate im Folgenden mitge-theilt sind, begann im M\u00e4rz 1851 und wurde, je nachdem sich Zeit und Gelegenheit darbot, bis zum August fortgesetzt. Meinem Freunde, Prof. H. Hlasiwetz, verdanke ich den gr\u00f6ssten Theil der genaueren W\u00e4gungen, welche auf den vortretflichen, aber keine grosse Belastung vertragenden Wagen des hiesigen chemischen Laboratoriums vorgenommen wurden. Die Veranlassung zu diesen Untersuchungen gaben einige Versuche, welche ich zur Bestimmung des absoluten K\u00f6rpergewichtes verschiedener Thiere angestellt hatte. Die Vergleichung desselben vor und nach der T\u00f6dtung des Thieres hatte n\u00e4mlich ergeben, dass das todte Thier stets leichter war, als das lebende. Der Gewichtsverlust war gleich nach dem Tode deutlich wahrzunehmen und lag immer ausserhalb der Grenzen der Beobachtungsfehler. Es schien mir interessant genug, genauere quantitative Bestimmungen des Gewichtsverlustes vorzunehmen und diese ganze Erscheinung weiter zu verfolgen, um dem Grunde derselben auf die Spur zu kommen.\nIch experimentirte mit kleineren S\u00e4ugern (Mus musculus, Lepus cuniculus, Spermophilus citillus. Cctvia cobaya . . . etc.), V\u00f6geln (.Fnn-tjilla serinus, Loxia coccothraustes, Strix otus, Stnx noctua . . . etc.j, und Reptilien [Coluber natrix, Lacer la agilis . . . etc). Das zu opfernde Thier wurde auf die Wage gebracht, und nachdem es sich vollst\u00e4ndig beruhigt hatte, mit Genauigkeit gewogen. Alsdann t\u00f6dtete ich das Thier auf die eine oder die andere Art und trug die scrupul\u00f6seste Sorge daf\u00fcr, dass weder etwas verloren ging, noch auch hinzukam, was die Reinheit des Versuchs h\u00e4tte st\u00f6ren k\u00f6nnen. Die wiederholten W\u00e4gungen des todten Thieres wurden mit Ber\u00fccksichtigung der seit der T\u00f6dtung verflossenen Zeit vorgenommen, so dass sowohl die absolute,","page":189},{"file":"p0190.txt","language":"de","ocr_de":"190\nUeber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\nals die relative Zunahme des Gewichtsverlustes bestimmt wurde. Die gefundenen Werthe stellte ich tabellarisch zusammen ; die eine Zahlenreihe enth\u00e4lt die Zeit der W\u00e4gungen, die andere das jeweilige absolute Gewicht. Aus der Differenz zweier Posten l\u00e4sst sich die Ver\u00e4nderung des Gewichtes f\u00fcr eine bestimmte Zeiteinheit und somit der relative Gewichtsverlust leicht berechnen. Diese Tabellen gewinnen an Ueber-sichtlichkeit, wenn der Gewichtsverlust durch eine Curve ausgedr\u00fcckt wird. Ich entwarf mir zu dem Ende eine Scale, deren Grade einer gewissen Zeiteinheit entsprachen und liess dieselbe von einer zweiten Scale rechtwinklig durchkreuzen, deren Abtheilungen eine bestimmte Gewichtseinheit repr\u00e4sentirten. Ich erhielt auf diese Weise eine Anzahl von Vierecken und Durchkreuzungspunkten, welche je nach ihrer Lage und Entfernung vom Nullpunkte eine verschiedene quantitative Bedeutung bekamen. War schon vor dem Versuche ein solches Schema entworfen, so konnte der Verlust gleich nach jeder W\u00e4gung graphisch notirt werden. Um beim Entw\u00fcrfe der Scalen Linien zu ersparen, bezog ich die Grade auf gr\u00f6ssere Gewichts- und Zeiteinheiten, und theilte sie nur dort, wo es Noth that, nach einer kleineren Maasseinheit ein. Nach meinen bisherigen Versuchen werden, wenn man genau sein will, die Eintheilungen f\u00fcr den Anfang der Curve kleiner sein m\u00fcssen als sp\u00e4ter, weil unmittelbar nach der T\u00f6dtung des Thieres, wegen des anfangs relativ gr\u00f6sseren Gewichtsverlustes mehr W\u00e4gungen noth-wendig erscheinen, als w\u00e4hrend den folgenden Zeitabschnitten. Je zahlreicher die W\u00e4gungen bei gleicher Dauer des Versuches vorgenommen werden, desto genauer dr\u00fcckt die Curve die allm\u00e4hlichen Ver\u00e4nderungen des Gewichtes aus. Aus der Steilheit, mit welcher die Curve nach der einen Seite hin abf\u00e4llt, ersieht man die relative Gr\u00f6sse dieser Ver\u00e4nderungen, die absolute Gr\u00f6sse derselben l\u00e4sst sich an der fortlaufend numerirten Scale der Gewichtseinheiten ablesen. Die Reste, welche nach Abzug des bei jeder W\u00e4gung gefundenen Verlustes von dem Gesammtgewichte des lebenden Thieres \u00fcbrig bleiben, k\u00f6nnen leicht an den passenden Stellen notirt werden. Eine solche graphische Darstellung ist eine table \u00e0 double entr\u00e9e, und es l\u00e4sst sich, wenn die Curve des Gewichtsverlustes genau gearbeitet ist, f\u00fcr jeden beliebigen Zeitpunkt der Verlust, und umgekehrt f\u00fcr jede Gr\u00f6sse des Verlustes die seit der T\u00f6dtung verflossene Zeit, ohne Rechnung, finden.\nAus einer grossen Menge von Versuchen, welche ich tabellarisch zusammengestellt habe, theile ich hier nur drei im Detail mit und lasse darauf das aus s\u00e4mmtlichen Versuchen gewonnene Resultat folgen.\n1. Ein junges Kaninchen Lepus cimiculus) wog lebend 17 Unzen und 84 Gran Med. Gew.","page":190},{"file":"p0191.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\n191\n'/2 Stunde nach der Strangulation hatte es 5 Grau,\n3Vj\tStunden \u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t15\t\u00bb\n1172\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t21\t\u00bb\n1972\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t30\t\u00bb\n2772\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t37\t\u00bb\n3672\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t.\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t47\t\u00bb von seinem\nGewichte verloren.\nAus dieser Tabelle ergibt sich, dass der Gewichtsverlust nach der ersten halben Stunde relativ am gr\u00f6ssten war. In den darauf folgenden 3 Stunden betrug derselbe schon nur 10 Gran, was auf die halbe Stunde 12/;J Gran Verlust abwirft. W\u00e4hrend den letzten 33 Stunden ist der Verlust = 32 Gran und es k\u00e4me demnach auf die halbe Stunde etwa 72 Gran.\n2.\tEine Lacerta agilis wog lebend 22,605 Gramm. Nachdem ihr etwa 4 Minuten lang der Brustkorb stark zusammengedr\u00fcckt worden war und der Tod eingetreten zu sein schien, ergab die erste W\u00e4gung einen Verlust von 0,046 Gramm.\n5 Minuten nach dieser ersten W\u00e4gung hatte sie 0,086 Gramm 12\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,116\t\u00bb\n19\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,156\t\u00bb\n26\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,176\t\u00bb\tvon\nihrem Gewichte verloren. W\u00e4hrend der letzten W\u00e4gung bewegte sich das Thier pl\u00f6tzlich wieder, indem es nicht v\u00f6llig get\u00f6dtet worden war. Der Druck auf den Thorax wurde nun von Neuem und verst\u00e4rkt angewendet, bis das Thier endlich kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Nach 3 Stunden zeigte sich ein Verlust von 0,352 oder eigentlich von 0,276, weil die fr\u00fcher verlorenen 0,176 Gramm abgezogen werden m\u00fcssen. Nach 3y2 Stunden betrug der Verlust 0,368 Gramm, nach 2172 Stunden 0,552 Gramm. Werden die vor dem Eintritte des Todes, innerhalb der 30 Minuten verlorenen 0,176 Gramm hinzuaddirt, so erh\u00e4lt man die Werthe 0,444 und 0,728. Der Gesammtverlust, den das 22,605 Gramm schwere Thier w\u00e4hrend des Zeitraumes von etwa 22 Stunden, unter den angegebenen Umst\u00e4nden, erlitten hat, bel\u00e4uft sich demnach auf 0,728 Gramm, was nahezu den 31. Theil seines K\u00f6rpergewichts ausmacht.\nAuch aus dieser Tabelle ergibt sich eine Unregelm\u00e4ssigkeit in der Zunahme des Gewichtverlustes. Besonders bemerkenswerth ist die rasche Abnahme des Gewichtes w\u00e4hrend des langen Todeskampfes.\n3.\tZwei lebende M\u00e4use {Mus musculus) wogen zusammen 18,836 Gr. Beide wurden sofort durch starken Druck auf den Thorax get\u00f6dtet und","page":191},{"file":"p0192.txt","language":"de","ocr_de":"192\nUeber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\n18 Minuten sp\u00e4ter gewogen; Verlust 0,038 Gramm.\n30\t\u00ab\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,057\t\u00bb\n70\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,058\t\u00bb\n4^2 Stunden\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,071\t\u00bb\n24\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t\u00bb\t0,196\t\u00bb\nWird der Verlust zu gleichen Tkeilen auf beide Thiere, welche nahezu dieselbe Gr\u00f6sse hatten, vertheilt, so kommt auf Eines ein Totalverlust von 0,098 Gramm oder einem 95stel seines K\u00f6rpergewichtes.\nDas allgemeine Resultat, welches sich aus s\u00e4mmtlichen Versuchen ergehen hat, ist kurz folgendes : DieThi'erewerdenvonihrem Tode an, bis zum Zerfallen durch dieF\u00e4ulniss oder bis zur v\u00f6lligen Mumification fortw\u00e4hrend leichter; der Gewichtsverlust nimmt jedoch ungleichm\u00e4ssig zu und w\u00e4chst, unter \u00fcbrigens gleichen Umst\u00e4nden, anfangs am bedeutendsten.\nEs handelt sich nun darum, die ganze Erscheinung zu erkl\u00e4ren und mit bekannten Vorg\u00e4ngen in Zusammenhang zu bringen.\nBetrachtet man die Gewichtsverh\u00e4ltnisse eines lebenden Thieres w\u00e4hrend der mannigfaltigen, gesetzin\u00e4ssig oder zuf\u00e4llig wechselnden vitalen Trocesse, so findet man, dass das gesammte K\u00f6rpergewicht, abgesehen auch von den durch das Lebensalter in gr\u00f6sseren Zeitabschnitten gesetzten Differenzen, fortw\u00e4hrenden, oft sehr betr\u00e4chtlichen Schwankungen unterworfen ist. Der menschliche wie der thierische K\u00f6rper beh\u00e4lt streng genommen fast keinen Augenblick das gleiche Gewicht bei. Freilich k\u00f6nnen die in sehr kurzen Zeitr\u00e4umen stattfindenden, oft unendlich kleinen Schwankungen, auf unseren Wagen nicht nachgewiesen werden, doch lassen sie sich nichts desto weniger voraussetzen. Der Gewichtsverlust und die Gewichtszunahme des lebenden K\u00f6rpers werden durch das Zusammenwirken unz\u00e4hliger innerer und \u00e4usserer Vorg\u00e4nge mit Nothwendigkeit bedingt. Es steht hierbei die Aufnahme von Stoffen aus der umgebenden Aussenwelt mit den Ausscheidungen, den verschiedenen Se- und Excretionen, in antagonistischem Verh\u00e4ltnisse. Die stofflichen Einnahmen und Ausgaben m\u00fcssen hier im weitesten Sinne genommen werden, sowohl hinsichtlich der chemischen und physikalischen Beschaffenheit, als der dabei th\u00e4tigen Organe. Eine Unterscheidung der Einnahmen in solche, durch welche Stoffe \u00fcberhaupt in den K\u00f6rper kommen z. B. Essen, Trinken und in solche, welche die Stoffe erst zu eigentlichen Be-stan dt heilen des Organismus machen (z. B. die Aufsaugung des Cliylus), ist f\u00fcr den n\u00e4chsten Zweck der angeregten Betrachtung nicht uothwendig. Dasselbe gilt von einer \u00e4hnlichen Eintkeilung der Aus-","page":192},{"file":"p0193.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\t1 9T\ngaben. Der Organismus f\u00e4llt als ein lebendiges Ganze, mit allen seinen Werkzeugen in die Wagschale und soll als solches, w\u00e4hrend der gesetz-m\u00e4ssigen, physiologischen Th\u00e4tigkeit derselben in Bezug auf das Gewicht untersucht werden. Der Zusammenhang der vitalen Functionen mit den Schwankungen des K\u00f6rpergewichtes soll hier aufgedeckt werden.\nDie Einnahmen machen den Organismus schwerer, die Ausgaben leichter. Ueberwiegen die einen die anderen, so resultirt ein Gewinn oder ein Verlust an Gewicht f\u00fcr das Individuum. Der Fall ist denkbar, dass sich beide entgegengesetzte Factoren das Gleichgewicht halten, und das K\u00f6rpergewicht f\u00fcr eine k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit dasselbe bleibt.\nF\u00fcr die normale Entwickelung gilt als Gesetz, dass das tkierische und menschliche Individuum mehr einnimmt und weniger ausgibt, so lange es in seiner k\u00f6rperlichen Ausbildung begriffen ist : sp\u00e4ter kommen die Factoren des Gesammtgewicktes im Allgemeinen auf gleiche H\u00f6he : in der Periode der Decrepidit\u00e4t ersetzen die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr, und nach dem Tode geht der Verlust an Masse und Gewicht unaufgekalten fort. Freilich unterliegt das skizzirte Schema einer Menge von individuellen Ausnahmen. Es darf \u00fcberdies nicht vergessen werden, dass immer noch nothwendige und zuf\u00e4llige Schwankungen in dem antagonistischen Verh\u00e4ltnisse der Einnahmen und Ausgaben eintreten, welche ohne St\u00f6rung des ganzen Ganges in das. Schema aufgenommen werden m\u00fcssen.\nEs Hesse sich hiernach eine Curve des K\u00f6rpergewichtes f\u00fcr ein individuelles Dasein entwerfen, welche mit der Enstehung des Organismus anhebt und mit der Aufl\u00f6sung desselben endet. Diese graphische Darstellung m\u00fcsste in der Entfernung betrachtet, als eine Linie erscheinen, welche rasch aufsteigt, nach und nach eine gr\u00f6sste H\u00f6lie erreicht und beh\u00e4lt, und endlich wieder herabsinkt. In der N\u00e4he und genauer angesehen, w\u00fcrde die Linie wie mit zitternder Hand gezogen , die angedeutete Kr\u00fcmmung vollenden und mehr oder weniger regelm\u00e4ssige, gr\u00f6ssere und kleinere Biegungen im Zickzack zeigen. \u2014 Diese Curve des K\u00f6rpergewichtes ist die Kesultirende zweier Compo-nenten, welche in entgegengesetzten Kicktungen wirken, die eine von unten nach oben, die andere von oben nach unten ; jene entspricht den Einnahmen, diese den Ausgaben. Die Ver\u00e4nderungen des specifischen Gewichtes des Individuums, welche streng genommen gleichfalls als Componenten betrachtet werden k\u00f6nnen, sind im Allgemeinen allzu unbedeutend, und d\u00fcrfen vernachl\u00e4ssigt werden. Man kann vollends davon absehen, wenn man von vornherein das Volumen des Indivi-\nCzermak, Schriften.\t13","page":193},{"file":"p0194.txt","language":"de","ocr_de":"194\nUeber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\nduums nicht ber\u00fccksichtigen will und die Beobaclitungsniethode darnach w\u00e4hlt. \u2014 Das letzte absteigende St\u00fcck der Curve des K\u00f6rpergewichtes stellt den durch die oben mitgetheilten Versuche direct nachgewiesenen, nach dem Tode fortdauernden Gewichtsverlust dar. welchem keine vitalen Einnahmen entgegenwirken. Von den Ausgaben, welche das Leichterwerden bedingen, hat der Tod die Mehrzahl gleichfalls sistirt, in ununterbrochener Wirksamkeit bleiben aber jene Ausgaben , welche nicht unmittelbar von dem Leben des Organismus ab-h\u00e4ngen, und diese sind es daher, welche die fragliche Erscheinung erkl\u00e4ren m\u00fcssen.\nMan hat die stofflichen Ausgaben nach verschiedenen Einthei-lungsgr\u00fcnden unterschieden ; so nach dem Aggregationszustande des Ausgeschiedenen in feste, fl\u00fcssige und gasf\u00f6rmige ; nach der chemischen Beschaffenheit : nach den betheiligten Organen etc. Eine weitere Eintheilung ist durch die interessanten Versuche von Ludwig und Rahn Ueber die Beih\u00fclfe der Nerven zur Speichelsecretion. Z\u00fcrich angebalmt worden, n\u00e4mlich nach dem Grade der Abh\u00e4ngigkeit vom Nervensysteme. Die Ausgaben, um welche es sich hier handelt, m\u00fcssen durch einen rein chemisch-physikalischen Vorgang bedingt sein, da sie das Leben \u00fcberdauern, und dunst- oder gasf\u00f6rmiger Natur sein, weil sie nicht unmittelbar wahrgenommen werden k\u00f6nnen : ferner m\u00fcssen sie auf der freien, von der Haut und den Schleimh\u00e4uten \u00fcberkleideten Oberfl\u00e4che des K\u00f6rpers stattfinden, indem alle anderen Wege der Ausfuhr von Stoffen verlegt sind.\nNach Allem l\u00e4sst sich mit Bestimmtheit behaupten, dass die fragliche Ausscheidung nichts anderes ist, als die Ausd\u00fcnstung, das schon w\u00e4hrend des Lebens vorsickgehende und noch fortw\u00e4hrende Verdiinsten der fl\u00fcssigen Bestandtheile des K\u00f6rpers und das Verfl\u00fcchtigen von Gasen. Das beschriebene Leichterwerden nach dem Tode ist der Ausdruck des durch die Verd\u00fcnstung gesetzten Substanzverlustes. Das get\u00f6dtete Individuum verh\u00e4lt sich hier im Wesentlichen gerade so, wie eine der Verd\u00fcnstungsr\u00f6hren, welche Liebig bei seinen Versuchen \u00fcber den Verd\u00fcnstungsdruck Unters, \u00fcber einige Ursachen der S\u00e4ftebewegung im thierischen Organismus. IS48. angewendet hat.\nDie gegebene Erkl\u00e4rung des Gewichtsverlustes reicht vollkommen aus. Die nach dem Tode eintretenden Verh\u00e4ltnisse, welche man mit dem Leichterwerden noch in Beziehung bringen k\u00f6nnte, als das Erkalten der Leiche, das Aufh\u00f6ren der Respirations- und Blutbewegung u. s. w., beziehen sich entweder auf die Ver\u00e4nderung des specifischen Gewichtes, und es gen\u00fcgt, darauf im Allgemeinen hingewiesen zu haben, oder sie wirken nur modificirend auf die Raschheit, das Quan-","page":194},{"file":"p0195.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\n195\ntum der Verd\u00fcnstung ein, und dann werden damit keine wesentlich neuen Erkl\u00e4rungsgr\u00fcnde, sondern nur Bausteine zum Ausbau der vorgetragenen Ansicht geliefert.\nWird das Entweichen des Wasserdunstes und der Gase verhindert, so kann auch kein Gewichtsverlust zu Stande kommen. Es beweist dies folgender Versuch, durch welchen zugleich jeder Nebengedanke an irgend eine dynamische Wirkung verbannt wird. Ich brachte in eine d\u00fcnnwandige Glasr\u00f6hre vier wohlabgetrocknete lebende Tritonen und schmolz die offenen Enden auf dem Glasbl\u00e4sertische zu. Die miteingeschlossene Luft reichte hin, den Thieren mehrere Stunden das Leben zu fristen. Die Bohre sammt Einschluss wurde sorgf\u00e4ltig gewogen und das Gewicht notirt. Nach geraumer Zeit \u2014 die Thiere lebten noch \u2014 gab die wiederholte W\u00e4gung dasselbe Resultat. 30 Stunden sp\u00e4ter waren s\u00e4mmtliche Thiere zu Grunde gegangen, es zeigte sich aber noch immer keine Spur einer Gewichtsabnahme.1 * * *\nWie bereits oben mitgetheilt wurde, ist der Gewichtsverlust in der ersten Zeit nach der T\u00f6dtung des Thieres verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig am gr\u00f6ssten und nimmt sp\u00e4ter ungleichm\u00e4ssig zu. Wenn die gegebene Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens richtig ist, so kann es keine Schwierigkeiten haben, auch diese Schwankungen nach ihren Bedingungen einzusehen. Der anfangs bedeutendere Verlust beruht zum Tlieil auf] der letzten vitalen Th\u00e4tigkeit der Haut w\u00e4hrend des Todeskampfes ;Todes-schweiss , zum Theil geht der Verdunstungsprocess rascher vor sich, so lange das Thier noch warm ist und noch nicht viel Feuchtigkeit verloren hat. Dies entspricht ganz den Versuchen von Krause. welche beweisen, dass die Verdunstung durch die unverletzte Epidermis hindurch wirklich stattfindet. Handw. d. Physiolog. B. II, S. 158,. Ein durch ein St\u00fcck d\u00fcnner Epidermis verschlossenes, mit Wasser gef\u00fclltes Gl\u00e4schen verlor in den ersten Tagen 0,35\u20140,21 Gran in 24 Stunden, sp\u00e4ter im Mittel 0,1 \u2018Gran. Die letzte vitale Th\u00e4tigkeit der Haut w\u00e4hrend des Todeskampfes ist \u00fcbrigens einer der Gr\u00fcnde, warum die Art, auf welche man das zum Versuch bestimmte Thier t\u00f6dtet, nicht ganz gleichg\u00fcltig ist f\u00fcr die Gr\u00f6sse des anf\u00e4nglichen Gewichtsverlustes. Der oben unter 2 angef\u00fchrte Versuch mit der Lacerta agilis kann als Beleg daf\u00fcr dienen.\nDie Gr\u00f6sse der Zunahme des Gewichtsverlustes \u00fcberhaupt, als be-\n1 Nach 5/t Jahren hatte sich in der R\u00f6hre eine betr\u00e4chtliche Menge einer\nmissf\u00e4rbigen Jauche angesammelt, welche nebst den freien Gasen unter anderen\nUmst\u00e4nden l\u00e4ngst verschwunden w\u00e4re und einen ansehnlichen Gewichtsverlust\ngesetzt h\u00e4tte. Die Thiere sind \u00e4usserlich vollkommen wohlerhalten.\n13*","page":195},{"file":"p0196.txt","language":"de","ocr_de":"196\nUeber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\ndingt durch die Verdunstung, h\u00e4ngt aber wesentlich von den hygro-metrischen und barometrischen Verh\u00e4ltnissen der Atmosph\u00e4re und der Temperatur ab. Es kann der Fall eintreten , dass durch die Zust\u00e4nde der das Thier umgebenden Medien nicht nur ein absoluter Stillstand der Verdunstung \u2014 also auch der Abnahme des Gewichtes, eintritt, sondern dass sogar das Gegentheil von dem bisher Besprochenen geschieht , n\u00e4mlich eine Aufnahme von Stoffen, namentlich von Wasser, aus der Luft und dem gem\u00e4ss eine Zunahme des K\u00f6rpergewichtes. Wenn der K\u00f6rper z. B. schon vorher mehr Fl\u00fcssigkeit verloren h\u00e4tte, als die Atmosph\u00e4re im Augenblicke selbst bes\u00e4sse, so w\u00fcrde dies unvermeidlich sein. Die mehr oder weniger auf fallenden Schwankungen des Gewichtsverlustes, sowohl im Anf\u00e4nge, als auch sp\u00e4ter, werden sich also auf den h\u00e4ufigen, oft schnellen und periodischen Wechsel der angef\u00fchrten \u00e4usseren Verh\u00e4ltnisse zur\u00fcckf\u00fchren lassen und nehmen wir dazu nebst den er\u00f6rterten inneren Bedingungen noch die individuellen Verh\u00e4ltnisse in Betracht, als: Alter, Gr\u00f6sse, Wohlgen\u00e4hrtheit u. s. w., so d\u00fcrften wir wohl s\u00e4mmtliche maassgebende Momente ersch\u00f6pft haben, welche hierher bezogen werden k\u00f6nnen.\nDie Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rpergewichtes, welche auch in pathologischer Hinsicht von praktischer Wichtigkeit sind, wie neuere Erfahrungen zeigen, haben wir bis \u00fcber die Vernichtung des individuellen Lebens hinaus verfolgt, und damit die Auffassung jener physikalischen Verh\u00e4ltnisse des thierischen Organismus vervollst\u00e4ndigt, welche durch die skizzirte Curve des K\u00f6rpergewichtes graphisch dargestellt wurden, n\u00e4mlich seiner Beziehungen zur Schwere.\nSchliesslich will ich noch eines weitverbreiteten Vorurtheiles gedenken, dessen Berichtigung und Deutung wohl hier Platz finden kann. Es gilt als Erfahrungssatz, dass der Tod die Leichen nicht nur strecke, sondern auch schwerer mache. Der Volksglaube behauptet also das Gegentheil von dem, was im Vorhergehenden als eine allgemeine und nothwendige Erscheinung nachgewiesen wurde. \u2014 Es versteht sich von selbst, dass der menschliche K\u00f6rper, auf welchen dies zun\u00e4chst bezogen wird, keine Ausnahme von dem Naturgesetze machen kann, sondern aus den angegebenen Gr\u00fcnden nach dem Tode an Gewicht verlieren muss, wie alle thierischen Organismen. Irgend eine Wahrheit liegt jedoch diesem, wie den meisten Vorurtheilen zu Grunde. Die fraglichen im Volke gemachten Erfahrungen sind nicht unrichtig, nur m\u00fcssen sie anders ausgelegt und das Resultat, zu dem sie f\u00fchren, anders formulirt werden.\nWenn man einen Lebenden heben oder tragen soll, so gibt man ihm oder er sich seihst eine passende Stellung ; er legt den Arm um","page":196},{"file":"p0197.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode.\n197\nden Hals des Tr\u00e4gers, er zieht die Beine an, u. s. w. Durch die bewusst oder unbewusst angenommene Attit\u00fcde wird das Gewicht auf mehrere Punkte vertheilt und erscheint dem Tr\u00e4ger geringer, ertr\u00e4glicher. Es h\u00e4ngt von der Art, wie die Last gefasst wird, zum grossen Tlieil die Beurtheilung ihrer Gr\u00f6sse ah, da der Kraftaufwand je nach dem Angriffspunkte ein sehr verschiedener ist, ohne dass sich dabei das Gewicht des Gegenstandes \u00e4ndern w\u00fcrde. \u2014Der Lebende hilft also auf die angedeutete Art dem Tr\u00e4ger ; er kann sich \u00bbleicht machen\u00ab, wie man zu sagen pflegt \u2014 der Leichnam hingegen f\u00e4llt haltungslos zusammen oder streckt seine Glieder starr und steif ton sich und wird daher meist unter sehr ung\u00fcnstigen mechanischen Momenten gehoben und getragen werden m\u00fcssen.\nNehmen wir nebst diesem mechanischen Grunde f\u00fcr einzelne F\u00e4lle noch einen psychologischen, die Scheu vor dem Leichname, hinzu, so d\u00fcrfte die Entstehung jenes Vorurtheiles gen\u00fcgend gerechtfertigt und gedeutet sein.\nDa der Tod nicht schwerer, sondern in der That leichter macht, so muss die Formulirung der im Volke gemachten Erfahrungen insoweit berichtiget werden, als es nun heisst, dass die Leichname nicht schwerer, sondern nur s c li w e r e r z u t r a g e n sind, als Lebende.","page":197}],"identifier":"lit16161","issued":"1879","language":"de","pages":"189-197","startpages":"189","title":"Ueber den Gewichtsverlust der Thiere nach dem Tode","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:11:52.534259+00:00"}
