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Ueber das Accomodationsvermögen des Auges

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{"created":"2022-01-31T16:14:06.990729+00:00","id":"lit16162","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 198-202. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0198.txt","language":"de","ocr_de":"XIV.\nUeber das Accommodationsverm\u00f6gen des Auges.\n[Prager Vierteljahrschrift tS\u00f6i. Bd. XLIII. S. 109.]\nDie Ermittlung der Ver\u00e4nderungen des optischen Apparates der Augen beim Sehen in verschiedenen Entfernungen, und die Erkenntnis des diese V er\u00e4nderungen vermittelndenApparates, ist seit Kepler ein stehendes Problem der Physiologie. Wenige Probleme aus dem gesammten Gebiete der Physiologie sind h\u00e4ufiger Gegenstand der Untersuchung gewesen und haben eine gr\u00f6ssere Fluth von Hypothesen veranlasst ! \u2014 Viele Forscher, von Haldat bis auf Exgel , haben sich\u2019s leicht gemacht, und den Knoten statt zu l\u00f6sen \u2014 zerhauen, indem sie das ganze Accommodationsverm\u00f6gen, entgegen den elementarsten Gesetzen der Dioptrik, einfach gel\u00e4ugnet haben. Keine der bisher aufgestellten Hypothesen hat sich einer allgemeinen Annahme und Anerkennung erfreut. Dies ist nicht zu wundern, denn es fiel keinem der Forscher ein, den sichern Weg der empirischen Untersuchung zu gehen, und die factisch vorhandenen Accommoda-tionsver\u00e4nderungen durch optische Hilfsmittel zu suchen: sondern man begn\u00fcgte sich mit mehr oder weniger sinnreichen theoretischen Speculationen, die allerdings stets etwas Richtiges enthielten und zur Erkl\u00e4rung m\u00f6glicherweise ausreichen konnten, aber nicht zu erweisen waren. Erst in neuester Zeit haben Cramer in Groningen 1 und sp\u00e4ter Helmholtz in K\u00f6nigsberg2 ; den einzig richtigen Weg der\n1 Het Accommodatievermogen der Oogen, physiologisch toegelicht, door A. Cramer te Groningen. Den 21. Mai 1S52 door de Hollandsche Maatschappij der Wetenschappen te Haarlem met de Gouden Medaille en de premie von 150 Gulden bekroond. Te Haarlem bij de Erven Loosjes. 1S53.\nUeber die im Auge eintretenden Ver\u00e4nderungen bei abge\u00e4nderter Accommodation von H. Helmholtz. Mnnatsber. der Berl. Akad. 1S53. Febr. S. 137\u2014 139).","page":198},{"file":"p0199.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das Accommodationsverm\u00f6gen des Auges.\n199\nForschung, welchen zuerst Bonders als solchen bezeichnet hatte, betreten und sind, unabh\u00e4ngig von einander, zu gleichenRes ultaten gekommen. Dieser Umstand erweckt jedenfalls ein noch gr\u00f6sseres Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Angaben, als es so bew\u00e4hrte Forscher wie Cramer und Helmholtz ohnehin verdienen und besitzen.\nDie inneren Ver\u00e4nderungen des Auges beim Accommodiren flir die N\u00e4he bestehen n\u00e4mlich in dem Conv ex er- Wer den der vordem Fl\u00e4che der Linse. Beim Sehen in die Ferne plattet sich die vordere Fl\u00e4che der Linse wieder ab. Es ist klar, dass die Brennweite des Auges im ersten Falle ab-, im zweiten zunehmen muss. Die Linse ver\u00e4ndert dabei ihren Platz durchaus nicht, sie r\u00fcckt weder vor-noch r\u00fcckw\u00e4rts, sondern es ver\u00e4ndert sich nur der Kr\u00fcmmungshalbmesser der vordem Linsenfl\u00e4che. Dies Alles ergiebt sich aus der genauen Beobachtung der relativen Stellung und Gr\u00f6sse der von Purkine entdeckten Reflexbildchen im Auge. Die Cornea reflectirt bekanntlich als ein convexer Spiegel ein aufrechtstehendes Bildchen, ebenso die vordere Linsenfl\u00e4che, w\u00e4hrend die hintere Linsenfl\u00e4che als ein concaver Spiegel ein verkehrtes Bildchen zur\u00fcckwirft. Sieht man von der Seite ins Auge, so erscheinen diese drei Bildchen in bestimmter Entfernung hintereinander. L\u00e4sst man nun das beobachtete Auge f\u00fcr die n\u00e4chste N\u00e4he accommodiren, so beobachtet man folgende Erscheinung. Das Corneabildchen und das Bildchen der hintern Linsenfl\u00e4che \u00e4ndern weder Platz, noch Gr\u00f6sse. Das mittlere, durch die vordere Linsenfl\u00e4che bedingte Bildchen hingegen r\u00fcckt weiter nach vorn und verkleinert sich auffallend.\nEs versteht sich von selbst, dass das beobachtete Auge bei der Ver\u00e4nderung der Accommodation vollkommen ruhig bleiben muss, und keine seitliche Bewegung ausf\u00fchren darf. Cramer hat, die Beobachtung zu erleichtern, ein eigenes Instrument, das Ophthalmoskop, angegeben. Eine einfache optische Construction zeigt, dass die mitge-theilte Erscheinung sich nur durch das Convexer-Werden der vorderen Linsenfl\u00e4che erkl\u00e4ren kann. W\u00fcrde die ganze Linse ihren Platz \u00e4ndern, dann m\u00fcsste nebst dem mittleren auch das dritte, verkehrte Bildchen verr\u00fccken, was jedoch nicht der Fall ist. \u2014 Cramer betrachtet das Spiegelbild einer Kerzenflamme. Helmholtz l\u00e4sst zwei senkrecht \u00fcbereinanderstehende Lichtpunkte spiegeln.\nDie Lehre vom Accommodationsverm\u00f6gen hat, wie sich aus dem Mitgetheilten ergiebt, einen sehr bedeutenden Fortschritt gemacht ; \u2014 allein zum v\u00f6llig befriedigenden Abschl\u00fcsse ist die Sache doch noch nicht gediehen. Es fehlen n\u00e4mlich noch genaue und ausf\u00fchrliche Messungen der endlich erkannten Accommodationsver\u00e4nde-","page":199},{"file":"p0200.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das Accommodatiousverm\u00fcgen des Auges.\n-200\nrungen. Helmholtz giebt zwar an, dass der Kr\u00fcmmungshalbmesser der vordem Linsenfl\u00e4che in der Ruhe. d. h. beim Sehen in die Ferne, 10 bis 11 Mill, betrage und beim Sehen in die n\u00e4chste N\u00e4he beil\u00e4ufig nur halb so gross sei. Dies reicht jedoch lange nicht hin, die Frage \u00fcber die Accommodations-Grosse zu erledigen.\nWenn genauere Messungen vorliegen werden, dann wird man vor Allem berechnen m\u00fcssen, ob das Maximum der Ver\u00e4nderung des Kr\u00fcmmungshalbmessers, d. h. das ganze Accommodationsintervall, hinreicht, den gr\u00f6ssten Anpassungsumfang gesunder Augen zu erkl\u00e4ren. \u2014 So lange dies nicht geschehen ist, sind wir noch immer nicht sicher, ob die Zunahme und Abnahme des Kr\u00fcmmungshalbmessers der vorderen Linsenfl\u00e4che die einzige Ver\u00e4nderung im Auge beim Sehen in verschiedenen Entfernungen sei, und ob das Problem ersch\u00f6pfend gel\u00f6st ist. Vorl\u00e4ufig k\u00f6nnen wir uns freilich mit der von Cramer und Helmholtz \u00fcber allen Zweifel festgestellten, factisch vorhandenen Accommodationsver\u00e4nderung zur Erkl\u00e4rung der variablen Brennweite des Auges begn\u00fcgen, und sind wir aller der unerquicklichen Hypothesen los, welche namentlich von den Augen\u00e4rzten zum Hausgebrauch ersonnen und vertheidigt wurden. Es handelt sich nun darum, die Ursache zu finden, welche die Ver\u00e4nderung des Halbmessers der vordem Linsenfl\u00e4che bedingt, \u2014 den Apparat, der sie vermittelt. Helmholtz hat sich vorl\u00e4ufig \u00fcber diesen Punkt nicht ausgesprochen. Er macht nur die Bemerkung, dass die Linsen keine Contractilit\u00e4t, wohl aber eine bedeutendeElasticit\u00e4t besitzen, so dass sie in Folge eines Druckes leicht ihre Gestalt ver\u00e4ndern, dann aber die fr\u00fchere Gestalt vollst\u00e4ndig wieder annehmen, wenn der nicht allzu lang andauernde Druck wieder aufgehoben wird. Cramer hingegen hat auch diesen Punkt auf empirischem Wege zu erledigen gesucht, und ist zu dem Resultate gelangt, dass die Iris und der Tensor chorioideae den muscul\u00f6sen Apparat darstellen, welcher den gestaltver\u00e4ndernden Druck auf die Linse austtbt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass durch die Zusammenziehung der auf der Linse auf liegenden Iris und durch die antagonistische Wirkung des Tensor chorioideae die er\u00f6rterte Ver\u00e4nderung der Gestalt der Linse f\u00fcr das Nahesehen leicht und vollst\u00e4ndig .erkl\u00e4rt werden kann, namentlich wenn man der mechanischen Betrachtung die von Gramer mitgetheilten schematischen Augendurchschnitte zu Grunde legt, welche wesentlich von den gangbaren Zeichnungen sich unterscheiden. Cramer zeichnet z. B. keine hintere Augenkammer, sondern l\u00e4sst die Iris dicht auf der vordem Linsenfl\u00e4che aufliegen. Arlt stimmt in diesem Punkte mit Cramer \u00fcberein, was Ersterem nur angenehm sein kann, da Arlt","page":200},{"file":"p0201.txt","language":"de","ocr_de":"Ueher das Accommodationsverfahren des Auges.\n2111\nsehr -gelungene, sorgf\u00e4ltig conservirte Augendurchschnitte besitzt. Ckamee reizte auf elektromagnetischem Wege die Iris, und erzielte auf diese Art die Accommodationsver\u00e4nderung. Er begn\u00fcgte sich jedoch nicht mit diesem directen Beweise, sondern f\u00fchrte noch einen gewissermassen negativen Beweis f\u00fcr die pr\u00e4tendirte Wirkung der Iris. Cramer spaltete die Iris von der Pupille aus gegen die Peripherie hin, durch einen Schnitt, und wendete den elektromagnetischen Reiz abermals an \u2014 doch unter diesen Umst\u00e4nden ohne Erfolg; Beweis genug, dass es die Iris war, welche im unversehrten Zustande die Gestaltver\u00e4nderung der Linse bewirkte.\nSo \u00fcberzeugend auch Cramer\u2019s Experimente und Betrachtungen (das N\u00e4here findet sich in dessen ausgezeichneter oben citirter Preisschrift f\u00fcr die angegebene Rolle der Iris sprechen m\u00f6gen, so bin ich doch \u00fcberzeugt, dass Cramer\u2019s Lehre auf viele Gegner stossen wird, welche sich mit dieser Vorstellung nicht werden befreunden k\u00f6nnen oder wollen. Auch ist in neuester Zeit wirklich auch schon ein anderer Thcil des Auges als Anwendungsapparat bezeichnet worden. L. Fick1 behauptet, dass \u00bb die Uvea der Apparat sei, welcher die Adaption f\u00fcr das Nahe- oder Fernesehen durch Linsenbewegung (??) und Linsenformver\u00e4nderungen vermittelt, indem sie wechselnde Blutquanta bald vor, bald hinter die Linse versetzt.\u00ab Fick beschreibt ich verweise auf die eitirte Abhandlung) n\u00e4mlich eine ganz eigenth\u00fcmliche Gef\u00e4ssfor-mation in der Chorioidea und den Ciliarforts\u00e4tzen, die keine Aelmlick-keit mit den gew\u00f6hnlichen Vegetationsapparaten des Gef\u00e4sssystems hat, und offenbar eine andere Rolle als diese spielen muss. \u00bbUeber-blickt man alles Vorgetragene, und denkt sich die in die Augenkammer hineinragenden Processus ciliares als erectile und contractile Gelasse , so ist bei constanter Gestalt des Bulbus ein Apparat gegeben, durch welchen die Anf\u00fcllung der Processus ciliares, vermittelst der Fl\u00fcssigkeit der vordem Augenkammer, einen Druck auf die vordere Linsenkapsel, und die Entleerung der Processus ciliares einen Druck auf die hintere Linsenkapsel aus\u00fcben muss.\u00ab Durch diesen Antagonismus erkl\u00e4rt dann Fick auf ziemlich einleuchtende Weise ein geringes Vor- und Zur\u00fcckr\u00fccken der Linse und das Convexer-Werden ihrer vorderen Fl\u00e4che. Das Blut spielt hiebei, wie man sieht, eine Hauptrolle, ohne das unter dem bestimmten Drucke fliessende Blut ist nach der Ansicht Fick\u2019s keine Accommodationsver\u00e4nderung denkbar. Nun aber hat Cramer seine Reizversuche an frischen, aber a u s g e s c h n i 11 e n e n, Seehundsaugen angestellt,\n1 Ueber die Adaption des Auges von Ludwig Fick. Mit einer Nachschrift von Adolph Fick. M\u00fcller s Archiv. 1S53. Heft V. S. 449, .","page":201},{"file":"p0202.txt","language":"de","ocr_de":"202\nUeber das Accommodationsverm\u00f6gen des Auges.\nund es scheint mir daher keinem Zweifel zu unterliegen, dass Fick\u2019s Ansicht allen Jenen, welche nur das mindeste Vertrauen in Cramer\u2019s Versuche setzen, als unhaltbar erscheinen muss, wenn dieselbe den einzigen Grund der Accommodation aufgedeckt haben soll. Ich glaube aber, dass eine Verschmelzung der Ansichten von Fick und Cramer m\u00f6glich und zweckdienlich ist. Ich bringe dieselbe hiermit in Vorschlag. Es scheint mir, die Wirkung der Iris, wie dieselbe durch Cramer zuerst erkannt wurde, m\u00fcsste wesentlich unterst\u00fctzt und vergr\u00f6ssert werden, wenn die Ciliarforts\u00e4tze durch ihre Contractilit\u00e4t und Erectilit\u00e4t einen verschiedenen und entsprechenden F\u00fcllungsgrad, und in Folge dessen ein verschiedenes Volumen, annehmen k\u00f6nnten. Cramer\u2019s Hypothese w\u00fcrde durch diesen Vermittlungsvorschlag neuerdings gest\u00fctzt und Fick\u2019s Idee, welche so, wie sie ihr Autor ausspricht, unhaltbar ist, doch verwerthet.\nIch stelle mir den Mechanismus der Accommodation nun etwa folgendermassen vor. Das Zunehmen der Convexit\u00e4t der vorderen Linsenfl\u00e4che f\u00fcr das Nahesehen wird vermittelt durch den Druck, welchen 1. die Iris unmittelbar auf einen Theil der vordem Fl\u00e4che der Linse und mittelbar durch die prall angef\u00fcllten, erigirten Ciliarforts\u00e4tze auf die Zonula Zinnii u. s. w. auf die Peripherie der Linse, und 2. der durch den sich spannenden Tensor chorioideae Br. nach vom gedr\u00e4ngte Glask\u00f6rper von hinten auf die Linse aus\u00fcbt. \u2014 Die elastische, auf die angegebene Weise gedr\u00fcckte Linse muss nat\u00fcrlich nach jener Gegend ausweichen, wo ihre Masse keinen oder den geringsten Widerstand findet, und diese Gegend ist die Pupille. In dieser Gegend muss also die Linse convexer werden. L\u00e4sst der geschilderte Druck nach und entleeren sicli \u00fcberdies die Ciliarforts\u00e4tze, deren Blut einfach abfiiesst und nicht hinter der Linse, wie Fick meint, sicli ansammeln kann, indem gar kein Grund vorhanden ist, dies anzunehmen, so nimmt die elastische Linse mehr oder weniger vollst\u00e4ndig ihre fr\u00fchere Gestalt an, und es plattet sich die vordere Fl\u00e4che wieder ab.\nMan ersieht hieraus, dass ich bei meinem Vermittlungsvorschlag ganz der CRAMER\u2019schen Ansicht folge, nur dass ich von Fick\u2019s sonst unhaltbarer Idee ein brauchbares Moment, die F\u00fcllung und Entleerung der Ciliarforts\u00e4tze, entlehne und so mit Cramer\u2019s Lehre verbinde, dass die pr\u00e4tendirte Wirkung der Iris um so einleuchtender und bedeutender wird. \u2014 Das der CRAMER\u2019schen Lehre hiermit beigefiigte Moment ist j edocli kein noth wendiges, sondern nur ein beg\u00fcnstigendes, und kann auch, wie Cramer's Keizversuche beweisen, ganz wegbleiben.","page":202}],"identifier":"lit16162","issued":"1879","language":"de","pages":"198-202","startpages":"198","title":"Ueber das Accomodationsverm\u00f6gen des Auges","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:14:06.990734+00:00"}

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