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{"created":"2022-01-31T14:54:39.991275+00:00","id":"lit16163","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 203-210. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0203.txt","language":"de","ocr_de":"XV.\nUeber das Wesen der von Dr. C. Thomas auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme.\n[Zeitschr. f. wissensch. Zoologie etc. 1855. Bd. VII. S. 185.]\nHierzu Tafel 10;.\nIn den vorliegenden Zeilen beabsichtige ich den Beweis zu liefern, dass die \u00fcberaus zierlichen eoncentrischen Zeichnungen auf Schliffen von getrockneten Krystalllinsen, welche Dr. Thomas 1 in K\u00f6nigsberg in Pr. zuerst beobachtet, beschrieben und abgebildet hat, ein pr\u00e4gnanter Ausdruck der Linsenfaserung sind, und somit aus der bis jetzt bekannten Structur der Linse entweder zu erkl\u00e4ren sein werden oder aber zu einer andern, bessern Einsicht in die Anordnung der Linsenfasern f\u00fchren m\u00fcssen.\nIndem ich auf diese Weise die wissenschaftliche Bedeutung der m\u00fchsamen und fleissigen Untersuchungen des Dr. Thomas \u00fcberhaupt und seiner neuen Pr\u00e4parationsmethode insbesondere in das rechte Licht zu stellen mich bem\u00fchen werde, hoffe ich einerseits dem Verdienste des Dr. Thomas die demselben geb\u00fchrende Anerkennung, andererseits aber der Wissenschaft eine Errungenschaft, welche in Folge der oberfl\u00e4chlichen W\u00fcrdigung von Seite der Zeitgenossen leicht wieder verloren gehen und vergessen werden k\u00f6nnte, zu sichern.\nDie eben ausgesprochene Bef\u00fcrchtung ist wegen der noch immer nicht feststehenden Ansicht \u00fcber das Wesen der TnoMAs'schen Curvensysteme nicht ganz unbegr\u00fcndet, denn sollte die Ansicht, dass diese zierlichen Zeichnungen nur ein zuf\u00e4lliges optisches Ph\u00e4nomen sind und in keiner directen Beziehung zur Faserung der Linse stehen, eine\n1 Prager Vierteljahrschr. 1854. Bd. XLI. Ausserordentliche Beilage S. 1.","page":203},{"file":"p0204.txt","language":"de","ocr_de":"204 Ueber das Wesen der aut' Linseuschliffen entdeckten Curvensysteme.\nallgemeinere Aufnahme finden, so d\u00fcrften sich die Histologen wohl kaum veranlasst f\u00fchlen, der Thomas'sehen Entdeckung ihre Aufmerksamkeit ernstlich zuzuwenden und auf dem durch dieselbe er\u00f6ffneten Wege fortzuschreiten. und es w\u00fcrde die ganze Sache unfehlbar der Vergessenheit anheimfallen. Zwar hat schon Br\u00fccke* 1) die Behauptung aufgestellt, dass die TnoMAs\u2019schen Curvensysteme mit dem Bau der Linse in directem Zusammenh\u00e4nge stehen, und erkl\u00e4rt, \u00bb dass sie uns einen Blick in die mathematischen Eigenschaften der Curven doppelter Kr\u00fcmmung tliun lassen, welche die Fasern, aus denen die einzelnen Schichten der Linse zusammengesetzt' sind, beschreiben, und dass sie es uns m\u00f6glich machen, den faserigen Bau der Linse bis in tiefere Schichten, in denen keine andere Pr\u00e4paration mehr zu exacten Resultaten f\u00fchrt, ja seihst bis nahezu zum Mittelpunkte zu verfolgen\u00ab, \u2014 allein Thomas selbst (a. a. O. S. 22) vermuthet, dass man \u00bbzur Erkl\u00e4rung des vorliegenden Ph\u00e4nomens noch \u00fcber die Faser hinaus zu feineren Formelementen der Linse seine Zuflucht werde nehmen m\u00fcssen\u00ab, w\u00e4hrend K\u00f6lliker2 es gar f\u00fcr wahrscheinlicher h\u00e4lt, \u00bbdass das ganze Ph\u00e4nomen vom anatomischen Standpunkte aus nicht zu deuten sei\u00ab.\nBei dieser Meinungsverschiedenheit wird der von mir beabsichtigte Beweis f\u00fcr den directen Zusammenhang der TnoMAs\u2019schen Zeichnungen mit der Faserung der Linse wohl nicht unwillkommen sein !\nIch liefere denselben durch eine von Keinem der genannten Autoren hervorgehobene oder gemachte einfache Beobachtung, welche ich an allen den sch\u00f6nen Linsenschliffen, die mir Dr. Thomas vor etwa drei Jahren, bei seinem Aufenthalte in Prag, in grosser Menge zu verehren die Freundlichkeit hatte, best\u00e4tigt gefunden habe. Diese Beobachtung besteht nun darin, dass als die eigentliche und einzige Ursache der Thomas' sehen Curven, die durch die Schliffebene in verschiedener Richtung und Ausdehnung tlieils durchschnittenen, tlieils blossgelegten Linsenfasern deutlich zu erkennen sind. Ein Blick auf Fig. 1 (Taf. 10), welche die THOMAs\u2019schen Curvensysteme, wie sie sich unter einer etwa 350maligen Vergr\u00f6sserung, auf jedem halbwegs genau senkrecht auf die Aequatorebene einer Dorschlinse (parallel zur Seh-axe) gef\u00fchrten Schliffe darstellen, m\u00f6glichst naturgetreu wiedergiebt, wird wohl Jeden von der Richtigkeit meiner Beobachtung \u00fcberzeugen, da die einzelnen Linsenfasern mit ihren gezackten R\u00e4ndern ebenso\n1 Sitznngsber. der Wiener Akad. Bd. VI. S. 2S6.\n1 Mikroskop. Anatomie. Bd. II, 2. Abtheil.. S. 113.","page":204},{"file":"p0205.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das Wesen der auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme. 205\nwenig zu verkennen sind, als ihr Antkeil an der Erzeugung der THOMAs\u2019schen Curvensysteme. Thomas hat seine Abbildungen bei viel zu geringen oder unklaren Vergr\u00f6sserungen aufgenommen, so dass sie nicht mehr als zarte eoncentrische Linien, welche eben nur der Totaleindruck des von mir gezeichneten Details sind, wiedergeben konnten und aus diesem Grunde zweifelhaft lassen mussten, welchen Verh\u00e4ltnissen jene Linien ihren Ursprung verdanken m\u00f6gen. Nachdem ich hiermit das Verhalten der bekannten elementaren Formbestand-theile der Linse auf den Schnittebenen als die alleinige und eigentliche Veranlassung zur Entstehung der THOMAs\u2019schen Curvensysteme .erkannt und nachgewiesen habe, so steht es auch ein f\u00fcr allemal fest, dass diese letzteren der pr\u00e4gnante Ausdruck der Linsenfaserung sein und als das exacteste in Bezug auf den Linsenkern, einzige) Mittel zur Erforschung derselben angesehen werden m\u00fcssen.\nIch kann diese Mittheilung, deren eigentlicher Zweck im Grunde schon erreicht ist, unm\u00f6glich schliessen, ohne dieselbe noch durch die Aufkl\u00e4rung eines Verh\u00e4ltnisses gewissermaassen zu vervollst\u00e4ndigen, welches auf den ersten Blick in der That so paradox erscheint, dass es begreiflich wird, wie dasselbe sowohl von Thomas als von K\u00f6llikeu f\u00fcr absolut unvereinbar mit der bisherigen Ansicht \u00fcber die Structur der Linse erkl\u00e4rt werden konnte, indem es bekanntlich dem Erstem die Vermuthung aufdr\u00e4ngte, dass es n\u00fcthig sein werde, \u00bb\u00fcber die Faser hinaus zu feineren Formelementen der Linse seine Zuflucht\u00ab zu nehmen, dem Letzteren aber die Deutung des ganzen Ph\u00e4nomens \u00bbvom anatomischen Standpunkt aus\u00ab \u00fcberhaupt unm\u00f6glich erscheinen Hess. Ich meine das von Thomas entdeckte Vorhandensein mehr als Eines, n\u00e4mlich zweier, dreier, ja selbst noch mehrerer sich inter-ferirender, concentrischer Curvensysteme, auf einem ebenen Linsenschliffe.\nThomas hebt das Paradoxe dieses Verh\u00e4ltnisses richtig und scharf hervor, wenn er hier\u00fcber sagt a. a. O. S. 21\u201422) : \u00bbes scheine wenigstens einigermaassen bedenklich zu sein, nach einer leichten Ankn\u00fcpfungsweise des vorliegenden Ph\u00e4nomens an die schon lange bekannte Zusammensetzung der Linse aus genau concentrischen und f\u00fcr die Fischlinse auch hinreichend genau sph\u00e4rischen Lamellen zu suchen. Es m\u00fcsste denn sein, dass man es f\u00fcr erlaubt erachtete, der Natur die L\u00f6sung einer Frage aufzub\u00fcrden, deren Aufstellung wenigstens die elementare Mathematik verbietet ; die Frage n\u00e4mlich, wie ein System genau sph\u00e4rischer und concentrischer Lamellen beschaffen gedacht werden m\u00fcsse, um von einem und demselben ebenen Schnitte doch an mehr als einer Stelle tangirt werden zu k\u00f6nnen. Ebenso unzul\u00e4ssig","page":205},{"file":"p0206.txt","language":"de","ocr_de":"206 lieber das Wesen der auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme.\nerscheint es\u00ab, f\u00e4hrt Thomas fort, \u00bbin der Wirbelung der Linsenfasern und der damit verbundenen, doppelten Kr\u00fcmmung derselben auf den concentrischen Lamellen einen allgemeinen Erkl\u00e4rungsgrund dieser Erscheinung zu suchen, denn bei der Linse des Dorsches ist weder von einer Wirbelung, noch von einem Verlauf der Fasern in doppelter Kr\u00fcmmung die Rede\u00ab.\nDa Br\u00fccke, welcher, der Einzige, das Wesen und die Bedeutung der THOMAs\u2019sclien Untersuchungen richtig erkannt und gew\u00fcrdigt hat \u2014 ohne freilich seine einfach hingestellte Ansicht irgendwie zu begr\u00fcnden, auch \u00fcber dieses in mehrfacher Hinsicht interessante Problem nicht n\u00e4her sich ausspricht, so glaube ich nichts Ueberfl\u00fcssiges zu thun, wenn ich, wie gesagt, gewissermaassen als Erg\u00e4nzung meiner obigen Mittheilung, die L\u00f6sung desselben liier anschliesse.\nZuvor bemerke ich nur noch, dass ich der folgenden Betrachtung die Dorschlinse zu Grunde lege, indem f\u00fcr dieselbe, wie Thomas richtig hervorhebt, wegen ihres einfachen Baues \u2014 die Fasern verlaufen in den concentrischen und sph\u00e4rischen Lamellen bekanntlich von Pol zu Pol, wie die Meridiane am Globus \u2014 das scheinbar Paradoxe im Verhalten der concentrischen Curvensysteme am meisten imponirt und f\u00fcr complicirter gefaserte Linsen von selbst hinwegf\u00e4llt, wenn es f\u00fcr die Dorschlinse gehoben ist.\nDenken wir uns f\u00fcr einen Augenblick. dass die concentrischen und sph\u00e4rischen Lamellen der Dorschlinse nicht aus sehr regelm\u00e4ssig ungeordneten Fasern zusammengesetzt w\u00e4ren, sondern aus einer v\u00f6llig structurlosen Substanz best\u00e4nden, so erkennen wir sofort, dass auf einer ebenen Schnittfl\u00e4che der Dorschlinse nur ein einziges System von continuirlichen concentrischen Kreislinien, als Ausdruck des lamel-l\u00f6sen Baues erscheinen k\u00f6nnte und m\u00fcsste. Kommen daher auf den Schliffen wirklicher Dorschlinsen mehrere concentrische Curvensysteme zum Vorschein, so k\u00f6nnen dieselben offenbar nur dem Umstande ihren Ursprung verdanken, dass die Lamellen der Linse eben nicht aus einer structurlosen Substanz bestehen, sondern dass sie aus regelm\u00e4ssig an einander gereihten Fasern zusammengesetzt sind. Es folgt hieraus mit Nothwencligkeit, dass jene \u00fcberz\u00e4hligen paradoxen Curvensysteme als der Ausdruck der Anordnung und des Verlaufes der Linsenfasern anzusehen sind, nicht aber als einfache Folge der concentrischenSchichtungundderlamell\u00f6senStructur der Linse, welcher in der That nur E i n e s dieser Systeme direct entsprechen kann.\nHiermit ist nun schon der scheinbare Widerspruch, das eigentlich Paradoxe des ganzen Problems, an welchem Thomas gescheitert ist,","page":206},{"file":"p0207.txt","language":"de","ocr_de":"lieber das Wesen der auf Lmsenscliliffen entdeckten G'urvensysteme. 207\ngl\u00fccklich beseitigt, denn wenn wir auch in Folge der eben angestellten Ueberlegung, noch nicht die M\u00f6glichkeit der Entstehung der mehrfachen Curvensysteme aus der bekannten Faserung der Dorschlinse begreifen \u2014 das Problem demnach noch nicht als gel\u00f6st betrachten k\u00f6nnen ; so ist doch wenigstens so viel gewonnen, dass wir bei einem Erkl\u00e4rungsversuche nicht mehr gleich von vorn herein auf eine Absurdit\u00e4t stossen, welche jede Hoffnung auf das Gelingen desselben geradezu unsinnig erscheinen l\u00e4sst.\nDie Frage, welche wir jetzt uns stellen werden, ist n\u00e4mlich nicht die : wie ein System von genau sph\u00e4rischen und concentrischen Lamellen beschaffen gedacht werden m\u00fcsse, um von einem und demselben ebenen Schnitte an mehr als einer Stelle tangirt werden zu k\u00f6nnen ? ! \u2014 sondern die : ob concent risch in der Eichtung der Meridiane verlaufende, und in Folge dieser Anordnung eine Kugel zusammensetzende Fasern gegen eine senkrecht auf die Aequatorebeue, parallel zur Axe dieser Kugel gef\u00fchrte plane Schnittfl\u00e4che so gestellt sind, dass ihre auf dieser Fl\u00e4che zum Vorschein kommenden Durchschnitte undEntbl\u00f6ssungen in mehrfachen, sich interferirenden, concentrischen Curvensystemen angeordnet erscheinen m\u00fcssen?\nZur Beantwortung dieser Frage reicht das gew\u00f6hnliche Maass von Imagination nicht aus und l\u00e4sst sich dieselbe verst\u00e4ndlich und exact zugleich, nur mit H\u00fclfe [geometrischer Constructionen geben ; \u2014 obschon wir, nach meiner oben mitgetlieilten Beobachtung Uber die n\u00e4chste Ursache der Entstehung der TuoiiAs\u2019schen Cnrven, a priori sicher sein k\u00f6nnen, in welchem Sinne die Beantwortung ausfallen werde.\nEhe ich zur constructiven Beantwortung der Frage \u00fcbergehe, halte ich es f\u00fcr gut. die Bemerkung einzuschalten, dass man der Dorschlinse wohl einen concentrisch geschichteten Bau, strenggenommen aber keine lamell\u00f6se Structur zuschreiben d\u00fcrfe, weil die sogenannten Lamellen eigentlich nur Kunstproducte und nicht nat\u00fcrliche secnn-d\u00e4re Elementargebilde sind. Die Fasern der Dorschlinse haben n\u00e4mlich einen in die Breite gezogenen sechseckigen Querschnitt und sind demgem\u00e4ss so neben und auf einander geordnet vgl. Fig. 2 . dass die in gleicher Entfernung vom Mittelpunkte der Linse gelegenen Fasern wie a u. b, c u. d, Fig. 2 sich gar nicht ber\u00fchren \u2014 und daher auch keine zusammenh\u00e4ngenden Lamellen, welche die Gestalt von Kugelschalen h\u00e4tten, bilden k\u00f6nnen.\nWill man hier dennoch von Lamellen sprechen, so darf man nicht","page":207},{"file":"p0208.txt","language":"de","ocr_de":"208 Ueber das Wesen der auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme.\nvergessen, dass die Fasern, welche zu einer Lamelle geh\u00f6ren, d. h. in einer und derselben Kugelschale liegen, kein Continuum bilden, sondern durch regelm\u00e4ssige Spalten aus einander gehalten werden, deren Breite der langen Seite des sechseckigen Querschnittes der Fasern entspricht, vergl. Fig. 2.\nIch erw\u00e4hne dies, weil es sich hieraus erkl\u00e4rt, warum auf den Linsenschliffen das den Lamellen direct entsprechende Curvensystem aus regelm\u00e4ssig unterbrochenen Linien besteht, und warum die Unterbrechungen zweier auf einander folgenden Curven dieses Systems so zu sagen alterniren (vergl. Fig. 1). Auf die Construction jener geometrischen Zeichnungen zur\u00fcckkommend, welche unserer unge\u00fcbten Imagination bei der Beantwortung der oben aufgestellten Frage zu H\u00fclfe kommen m\u00fcssen, bemerke ich, dass ich dabei weder auf die eben erw\u00e4hnte Beschaffenheit der Lamellen, noch auf den sechseckigen Querschnitt der Fasern, welcher vielmehr als viereckig angenommen wurde, R\u00fccksicht genommen habe \u2014 um n\u00e4mlich die Verh\u00e4ltnisse durch keine unwesentlichen Bedingungen zu compliciren. Die nach den gew\u00f6hnlichen Regeln gezeichnete Construction Fig. 3 A, B, C ist durch sich selbst klar und bedarf keiner weitern Erl\u00e4uterung. Nur bez\u00fcglich der schachbretartigen Scliattirung will ich anmerken, dass sie lediglich deshalb angebracht wurde, damit die Anordnung der Faserdurchschnitte und -entbl\u00f6ssungen in mehrfachen concentrischen Curvensystemen deutlicher hervortreten m\u00f6ge.\nIst es mir schon oben gelungen, dem THOMAs\u2019schen Paradoxon die Spitze abzubrechen, so habe ich doch erst durch die eben besprochene Construction, das Problem der TnojiAs\u2019schen Curvensysteme, auf eine allgemein g\u00fctige Weise gel\u00f6st. Es liegt nicht in meiner Absicht und w\u00fcrde mich zu weit f\u00fchren, auf dem betretenen Wege ins Specielle einzugehen. Dies \u00fcberlasse ich Jenen, welche sich die Faserung der Linse zum Gegenst\u00e4nde einer eingehenden Untersuchung erw\u00e4hlen werden, und erlaube mir nur noch schliesslich nochmals daran zu erinnern, dass sich Dr. C. Thomas in K\u00f6nigsberg, wenn es ihm selbst auch nicht verg\u00f6nnt war, \u00fcber seine Entdeckung zur Klarheit zu kommen und seinen Untersuchungen, welche ich schon fr\u00fcher in einem Punkte aufzukl\u00e4ren Gelegenheit hatte (siehe Prager Viertel-jahrsclir. Bd. 44, S. 176) 1 , einen solchen Grad von Vollendung zu\n1 Ich erlaube mir hier meine a. a. (). \u00fcber die Saugplatte des R\u00fcssels der Stubenfliege, deren Abdr\u00fccke, wie ich zeigte, von Thomas als eigenth\u00fcmliche \u00bbschildf\u00f6rmige K\u00f6rper\u00ab an einigen Dorschlinsen beschrieben wurden, gemachten Angaben nachtr\u00e4glich zu erweitern und in einem Punkte zu berichtigen.\nDas von mir beschriebene System von aufgeschlitzten, tracheenartigen R\u00f6hren","page":208},{"file":"p0209.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das Wesen der auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme. 209\ngeben, um ihnen eine wissenschaftliche Geltung zu verschaffen, \u2014 doch ohne Frage durch seine neue Pr\u00e4parationsmethode und die hierdurch erm\u00f6glichte Entdeckung der concentrischen Curvensysteme ein bleibendes Verdienst um die Histologie der Krystalllinse erworben habe.\nder Saugplatte ist, was ich \u00fcbrigens bereits fr\u00fcher vermuthet hatte, und nun mit Sicherheit aussprechen kann, in der That kein Abschnitt des Tracheensystems der Fliege, sondern steht vielleicht mit dem unpaaren Ausf\u00fchrungsgange der Speicheldr\u00fcsen, welcher merkw\u00fcrdiger Weise Tracheenstructur besitzt, in Beziehung, was ich jedoch nicht bestimmt behaupten kann.\nDas tracheenartige Ansehen der geschlitzten R\u00f6hren r\u00fchrt nicht, wie ich fr\u00fcher glaubte, von einem platten, im Zickzack gebogenen hornigen Faden her, sondern von vielen einzelnen, quergestellten hornigen St\u00e4bchen, welche die Form einer kleinen Gabel mit zwei kurzen gebogenen Zinken und einem langen, d\u00fcnnen Stiel besitzen, und so geordnet sind, dass die Zinken des 1., 3., 5., 7. ... St\u00e4bchens und das einfache Stielende des 2., 4., 6., 8. . . . St\u00e4bchens den einen, dagegen die Zinken des 2., 4., G., 8. . . . und das einfache Stielende des 1., 3., 5., 7. . . . St\u00e4bchens den andern Rand der aufgeschlitzten R\u00f6hre bilden helfen, indem die Stellung der unmittelbar benachbarten St\u00e4bchen eine entgegengesetzte ist und ihre gleichnamigen Enden abwechselnd nach der einen und nach der andern Seite gerichtet sind.\nPrag, den 12. Januar 1S55.\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nTafel 10.\nFig. 1 stellt die drei concentrischen Hauptcurvensysteme, welche gew\u00f6hnlich auf einem parallel mit der Sehaxe, senkrecht auf die Aequatorebene gef\u00fchrten Schliffe einer Dorschlinse erscheinen, bei einer etwa 350maligen Yergr\u00f6sserung dar. Man erkennt deutlich, dass sich die Curven aus den Contouren der Schnittenden der einzelnen Linsenfasern zusammensetzen. Dort, wo die Fasern in gr\u00f6sserer Ausdehnung auf dem Schliffe erscheinen, ist ihre seitliche Z\u00e4hnelung zu sehen und l\u00e4sst keinen Zweifel \u00fcber die directe Beziehung der Faserung der Linse zu den THOMAs\u2019schen Curvensystemen. Beil\u00e4ufig erlaube ich mir hier noch auf einen, im Texte nicht erw\u00e4hnten Umstand aufmerksam zu machen, welcher insofern von grosser Bedeutung ist und eine genauere Er\u00f6rterung verdient, als er den gew\u00f6hnlichen histologischen Charakter der Curvensysteme wesentlich bedingt.\nC'zermak, Schriften.\n14","page":209},{"file":"p0210.txt","language":"de","ocr_de":"210 Ueber das Wesen der auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme.\nJe nach ihrer topologischen Beziehung zur Schnittebene werden die Linsenfasern n\u00e4mlich theils g\u00e4nzlich durchschnitten, theils in gr\u00f6sserer oder geringerer Ausdehnung angeschnitten, theils endlich nur entbl\u00f6sst. Da nun aber die Fasern meist sehr diinn, d. h. bedeutend bandf\u00f6rmig abgeplattet sind und einen gewissen Grad von Spr\u00f6digkeit besitzen, so br\u00f6ckeln die d\u00fcnnsten und d\u00fcnneren Stellen ihrer Durchschnitte und Anschnitte, beim Schneiden und Poliren der Linsen, h\u00e4ufig ganz heraus, \u2014 und es entstehen dann statt der reinen Schnittenden Furchen und Vertiefungen, welche letzteren den Contouren der ersteren niemals ganz vollst\u00e4ndig entsprechend begrenzt sind. Diese auf die angegebene Weise motivirten Furchen und Gr\u00fcbchen, welche die auf den Schliffen erscheinende Figur der Faserdurchschnitte im Ganzen und im Einzelnen oft nicht unwesentlich ver\u00e4ndern, zeichnen sich, wie bekanntlich alle \u00e4hnlichen mikroskopischen Unebenheiten der Oberfl\u00e4che, durch einen eigenthiiinlichen Lichtschimmer aus, welchen ich in der Zeichnung durch eine zarte Schattirung wieder zu geben versucht habe. Es versteht sich von selbst, dass die er\u00f6rterte Erscheinung weder auf allen Linsenschliffen, noch auf allen Punkten eines Schliffes in gleicher Ausdehnung zu beobachten ist. Die Richtung der Schnittfl\u00e4che, die Dimensionen der Fasern, der gr\u00f6ssere und geringere Grad der Spr\u00f6digkeit ihrer Substanz und endlich die mehr oder weniger sorgf\u00e4ltige und geschickte Pr\u00e4paration kommen hierbei wesentlich in Betracht. \u2014 Diese Andeutungen werden k\u00fcnftigen Beobachtern von Nutzen sein !\nZur weitern Orientirung erw\u00e4hne ich noch, dass die optische Axe der Linie .1 B, die projicirte Aequatorebene aber der Linie CD entspricht.\nFig. 2 stellt ein St\u00fcck eines senkrecht auf den Verlauf der Linsenfasern gef\u00fchrten Schnittes dar.\nFig. 3 liefert den constructiven Beweis, dass die Durchschnitte und Entbl\u00fcs-sungen eoncentrisch in der Richtung der Meridiane verlaufender und in Folge dieser Anordnung eine Kugel zusammensetzender Fasern von viereckigem Querschnitt, auf einer senkrecht auf die Aequatorebene. parallel zur Axe der Kugel gef\u00fchrten planen Schnittfl\u00e4che in mehrfachen, sich interferirenden, concentrischen Curvensystemen angeordnet erscheinen m\u00fcssen. Fig. A zeichnet, nach den gemachten Voraussetzungen, das Verhalten der Fasern auf einer durch die beiden Pole der Kugel gef\u00fchrten Durchschnittsebene, w\u00e4hrend Fig. B das Verhalten der Fasern auf der mit der Aequatorebene zusammenfallenden Schnittfl\u00e4che giebt. Die Linie ab ist in beiden Figuren, A u. B, die Projection jener senkrecht auf den Aequator und parallel mit der Seliaxe gef\u00fchrten Durchschnittsebene, f\u00fcr welche die, auf derselben nothwendig erscheinende Form und Anordnung der Faserdurchschnitte construirt werden soll.\nDie nach bekannten Regeln, durch Combination von A u. B, ausgef\u00fchrte Construction ist nun Fig. C, deren schachbretartige Schattirung bestimmt ist, die Anordnung der Faserschnitte deutlicher sichtbar zu machen. Man wird dabei bemerken, dass die beiden seitlichen Curvensysteme, welche \u00fcbrigens vollkommen congruent sind, eine durchaus entgegengesetzte Schattirung zeigen. Dies r\u00fchrt daher, dass die in dem innersten Kreise des mittlern concentrischen Systems entbl\u00f6ssten Fasern in gerader Zahl vorhanden sind. Der Mittelpunkt der Construction ist zuf\u00e4llig zwischen zwei Fasern, statt in die Halbirungslinie einer Faser gefallen.","page":210}],"identifier":"lit16163","issued":"1879","language":"de","pages":"203-210","startpages":"203","title":"Ueber das Wesen der von Dr. C. Thomas auf Linsenschliffen entdeckten Curvensysteme","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:54:39.991281+00:00"}
