The Virtual Laboratory - Resources on Experimental Life Sciences
  • Upload
Log in Sign up

Open Access

Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen und dem Accomodationszustande der Augen (sammt Zusatz)

beta


JSON Export

{"created":"2022-01-31T13:27:18.650460+00:00","id":"lit16167","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 243-269. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0243.txt","language":"de","ocr_de":"XIX.\nUeber den\nZusammenhang zwischen der Convergenz der Augen-axen und dem Accommodationszustande der Augen\n(sammt Zusatz .\n[Wiener akadem. Sitzungsberichte 1834 u. 1833 {Physiologische Studien'.]\n(Hierzu Fig. 6, 7 u. 8 auf Taf. 12; Fig. 9 u. 10 auf Taf. 13 und Fig. 3 u. 4 auf\nTaf. 15;.\nDie Erfahrung lehrt, dass derAccommodationszustand der Augen immer der Entfernung des Durchkreuzungspunktes der Sehaxen entspricht, so, dass eine Ver\u00e4nderung des Convergenzwinkels der Sehaxen auch eine Ver\u00e4nderung des Accommodationszustandes der Augen und umgekehrt zur Folge hat.\nSelbst wenn ein Auge geschlossen ist, gilt dieses Gesetz.\nDie gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit der fraglichen Vorg\u00e4nge von einander l\u00e4sst sich mathematisch ausdr\u00fccken und in eine Formel bringen. In der Fig. 6 auf Taf. 12) sei A das linke, B das rechte Auge, c der Drehpunkt des linken, b der des rechten Auges, bc die Entfernung der beiden Drehpunkte von einander : \u00ab \u00ab' a\" a\" a* a** Punkte in welchen sich die Sehaxen ab und ac unter demselben Convergenzwinkels a schneiden. Diese Punkte liegen daher mit den Punkten b und c in einer Kreislinie, deren Centrum sich in C befindet.\nDer Winkel \u00ab ist offenbar durch die drei Seiten der Dreiecke abc, a\u2019bc, a\"bc .... etc. bestimmt.\nAus den gegebenen drei Seiten eines dieser Dreiecke muss nun \u00ab berechnet werden. Die erhaltene Formel hat aber f\u00fcr alle F\u00e4lle Geltung, und ist der exacte Ausdruck des oben aufgestellten physiologischen Gesetzes. In dem Dreieck abc ist :\nio*","page":243},{"file":"p0244.txt","language":"de","ocr_de":"244 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergent der Augenaxen etc.\nab = de cos a -f-\tb c\tcos \u00df\t. . .\t.\t1 ;\nde \u2014 ab cos a -j-\tbc\tcos y\t...\t.\t(2)\nbc = ab cos \u00df +\tde\tcos y\t. . .\t.\t(3)\nMan multiplicire (1) mit a'b,\t2) mit de\tund\t(3) mit \u2014 6 c, so er-\nh\u00e4lt man :\ndb'2 =\ta'b de\tcos\ta + ab \u25a0 b e cos \u00df\nde2 =\tdb de\tcos\ta -)- 6 c de cos y\n\u2014 6 c2 =\t\u2014\tdb b c\tcos\t\u00df \u2014 rt'c 6 c cos y.\t\u2014\tMan\taddire\ndiese 3 Gleich, a'b2\tde2 \u2014 be2\t= 2db \u2022 de cos a\tund\tsetze\tda\ncos a \u2014 1\u20142 sin2\t.\na'b'2 + a'c2 \u2014 bc2 2a'b a'c\n= 1\u2014 2 sin2\ndaher\n9 cir)2 JL ______ 1 _____ a l>2 a'c2 \u2014 &c2____________ ~a'b a'c \u2014 ,a'c\u20192 + a'd \u2014 ^c'2) _\n2\t2a'b \u25a0 a'c\t2a'b \u25a0 a'c\nb c2 \u2014 [a'c \u2014 a'b 2_______ bc -)- a'c \u2014 a'b) (bc \u2014 a'c + a'b)\n2a'b \u2022 a'c\n2a'b \u25a0 a'c\nalso\n\u2122 ~ = y\n[bc + a'c \u2014 a'b) [bc \u2014 a'c -f- a'b)\n4a'b \u25a0 a'c\nNennen wir bc \u2014 d, a'b == r, de \u2014 /, so erhalten wir\n\u2022 u i /\nsm T = V '\n(d -j\u2014 / \u2014 r\u2019 d -4r \u2022 J\nF\u00fcr den speciellen Fall, wenn der Kreuzungspunkt der Sehaxen in der Medianlinie liegt, so dass l = r ist, l\u00e4sst sich die Formel sehr\nvereinfachen, n\u00e4mlich : sin ~ = y.\n<1 bedeutet die Distanz der Drehpunkte der Augen, / und r die Entfernung des Accommodationspunktes f\u00fcr das linke und f\u00fcr das rechte Auge. Dies ist jedoch nicht ganz genau, indem der Abstand des Accommodationspunktes nicht vom Drehpunkte des \u00c4ugest\u2014sondern von der Fl\u00e4che der Cornea gerechnet werden muss. Daher ist / eigentlich = /.-)- 12mm, wo l den Abstand des Accommodationspunktes und die 12mra die Entfernung des Drehpunktes von der Cornea nach Listing\u2019s Messung bedeuten.\n>\u25a0 ist aber = q + 12mm. Diese Werthe von r und / sind in der Formel zu substituiren.\nDer Verband zwischen einer bestimmten Stellung der Augenaxen und den nach unserer Formel dazu geh\u00f6rigen Accommodationszust\u00e4n-den der Augen ist sehr innig, doch keineswegs absolut. Schon M\u00fcller fand, dass wenn man mit einem Auge nach dem Monde sieht.","page":244},{"file":"p0245.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 245\nuiul das zweite anfangs geschlossene Auge \u00f6ffnet, trotz der Accommodation f\u00fcr die Entfernung des Mondes, ein Doppelbild wahrgenommen wird, welches allerdings sehr rasch durch schnelle Correction der Augenstellung in ein Bild znsaminenfliesst. Ueberdies haben M\u00fcllek und Plateau auch einen geringen Einflnss der Willk\u00fcr auf die Accommodation. ohne dass die Axen der Augen sich nothwendig dabei verstellen. beobachtet. M\u00fcller kommt daher zu dem Schl\u00fcsse, dass \u00bbjene Verbindung (der Accommodation mit der Augenstellung secun-d\u00e4r. aber nicht eines die constante Ursache des anderen sei\u00ab. (Vergl. Mi ller\u2019s Handbuch der Physiologie. Coblenz 1840. Bd. II, S. 337 .\nDurch die sp\u00e4teren Versuche von Volkmann, Ruete und Don-ders wurde M\u00fcller's Ansicht Uber das gegenseitige Verh\u00e4ltniss von Accommodation und Augenstellung nicht nur best\u00e4tigt, sondern es zeigte sich, das das geheime Band, welches die beiden \\ org\u00e4nge verkn\u00fcpft, noch weit lockerer geschlungen sei, als cs urspr\u00fcnglich den Anschein hatte.\nVolkmann hat nachgewiesen, dass das Resultat des oben citirten M\u00fcLLEK sehen Versuches beim Fixiren des Mondes, nicht nur f\u00fcr grosse Entfernungen der Gegenst\u00e4nde, wie M\u00fcller meinte, sondern auch innerhalb der deutlichen Sehweite erzielt werden kann. Wird ein Auge mit der hohlen Hand bedeckt, und fixirt das andere Auge irgend einen Gegenstand, der sich in der deutlichen Sehweite befindet, so tritt derselbe allemal im Doppelhilde auf, wenn man das bedeckte Auge frei macht. Das deutlichste Bild und der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen fallen somit nicht immer zusammen.\nHieraus folgert Volkmann nicht nur, dass es \u00bbzwei verschiedene Bewegungs-Apparate zur Regulirung der Augenstellung und der Accommodation gehen m\u00fcsse\u00ab, sondern auch, dass \u00bbbeide Apparate einer gesonderten Th\u00e4tigkeit f\u00e4hig sind. Das Zusammenwirken beider, behufs des deutlichen Sehens, wird, nach Volkmann, Sache der Gew\u00f6hnung. von der wir nicht f\u00fcglich ablassen k\u00f6nnen, so lange die Verh\u00e4ltnisse fortbestehen, unter welchen sie entstanden ist. Sehen wir aber nur mit einem Auge, oder wohl gar durch Kartenlocher, so \u00e4ndern sich die Bedingungen, und jede der beiden Th\u00e4tigkeiten geht ihren eigenen Weg, ohne die andere ins Schlepptau zu nehmen\u00ab. (Wagner\u2019s Handwb., Bd. III, Art. \u00bbSehen\u00ab, S. 308).\nRuete machte darauf aufmerksam, dass Menschen, deren Augen eine ungleiche Sehweite haben, doch nicht schielen. wenn nicht der sogenannte Consensus der Muskeln durch andere Ursachen gest\u00f6rt ist, was doch, wie Ruete meint, eintreten m\u00fcsste, wenn die Stellung der","page":245},{"file":"p0246.txt","language":"de","ocr_de":"246 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nAugen gegen einander mit dem Accommodationszustande in causalem Zusammenh\u00e4nge st\u00fcnde.\nFreilich sind alle F\u00e4lle, auf welche Ruete sich bezieht, von sehr geringer Bedeutung zur Feststellung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Accommodation und Augenstellung, da sie blos eine abnorme oder k\u00fcnstliche, und nicht eine willk\u00fcrliche Ver\u00e4nderung des Refractionszustandes des einen Auges betreffen.\nUebrigens best\u00e4tigt Ruete auch Volkjiann\u2019s oben angef\u00fchrte Versuche, und stellt ferner die Behauptung auf, dass Jemand, der willk\u00fcrlich mit beiden Augen stark nach innen schielen kann, und dabei ein gutes Accommodationsverm\u00f6gen besitzt, abwechselnd mit dem einen und mit dein andern Auge bei gleich bleibender Convergenz der Sehaxen ein Buch zu lesen im Stande sei, welches in verschiedener Entfernung vom Kreuzungspunkte der Sehaxen gehalten wird. Lehrb. der Ophthalmologie 1845, S. 103).\nDondees endlich hat folgende zwei hierher geh\u00f6rige Versuche angegeben.\nSieht man mit einem Auge frei, mit dem anderen aber durch die gr\u00f6ssere Oeffnung einer konisch sieh verj\u00fcngenden Papierrolle, nach einem in der deutlichen Sehweite gehaltenen Buche, so findet man, dass die beiden Gesichtsaxen nicht auf dieselben Zeilen gerichtet sind, und selbst mit der gr\u00f6ssten M\u00fche nicht auf denselben Buchstaben gerichtet werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend doch jedes Auge beharrlich f\u00fcr den Abstand des Buches accommodirt ist und bleibt.\nDer zweite DoxuKE.s\u2019sehe Versuch giebt zugleich ein Mittel an die Hand, die Grenze der Unabh\u00e4ngigkeit zwischen Augenstellung und Accommodation zu bestimmen und besteht darin, dass man einen Gegenstand bei ver\u00e4nderter Convergenz der Sehaxen durch verschieden starke concave und convexe Brillen fixirt. Da es unter diesen Umst\u00e4nden doch gelingt, das Object deutlich und einfach zu sehen, so muss sich je nach der Beschaffenheit der Brille, der Refractionszustand der Augen unabh\u00e4ngig von der gleich bleibenden) Convergenz der Augenaxen ge\u00e4ndert haben. Die Brennweiten jener convexen und concaven Linsen, bei deren Gebrauch das Verm\u00f6gen den fixirten Gegenstand deutlich und einfach zu sehen, verloren geht. geben einen Anhaltspunkt zur Bestimmung der Gr\u00f6sse der gegenseitigen Unabh\u00e4ngigkeit der fraglichen Functionen. Donders : Over het verband Lauschen het convergeren der gezigtsassen en den accommoclatie-toestand der nagen. Ned. Lancet 2. Serie, 2. Jaarg. S. 156 . \u2014\nIm Folgenden erlaube ich mir meine eigenen Untersuchungen \u00fcber","page":246},{"file":"p0247.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 247\nden vorliegenden Gegenstand, und die Resultate, welclie ich mit meinen Augen erhalten habe, mitzutheilen.\nWas zun\u00e4chst die von M\u00fcller, Volkmann, Ruete und Dundees gemachten Angaben betrifft, so kann ich deren Ergebnisse nach meinen Erfahrungen fast durchgehends best\u00e4tigen. Nur in zwei Punkten hin ich zu abweichenden Resultaten gekommen.\nWenn ich Donders recht verstehe, so ist es ihm unter keiner Bedingung gelungen, die beiden Sehaxen durch eine willk\u00fcrliche Anstrengung der Augenmuskeln auf denselben Buchstaben zu richten, wenn das eine Auge durch eine Papierd\u00fcte mit sehr kleiner Oeffnung, das andere Auge frei nach einer Druckschrift sieht.\nHat die Oeffnung der Papierd\u00fcte einen mehr als liniengrossen Durchmesser, so dass das Gesichtsfeld nicht gar zu beschr\u00e4nkt ist, so kostet es mich eine nur geringe Anstrengung, die Augenstellung zu corrigiren. Aber seihst dann, wenn die Oeffnung der D\u00fcte sehr klein ist, hin ich oft nach mehrmaliger vergeblicher und sehr bedeutender Anstrengung, noch immer im Stande gewesen, die Augenaxen in demselben Punkte zum Durchschneiden zu bringen.\nDer Angabe Ruete\u2019s, dass man hei starkem Schielen nach innen ein Buch, welches in einer gr\u00f6sseren Entfernung gehalten wird, als der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen sich befindet, abwechselnd mit einem und dann mit dem andern Auge, ohne Ver\u00e4nderung der Augenstellung, lesen k\u00f6nne, muss ich f\u00fcr meine Person entschieden widersprechen, obschon ich die von Ruete zu diesem Versuche geforderten Eigenschaften \u2014 ein gutes Accommodationsverm\u00f6gen und die Fertigkeit stark nach innen zu schielen \u2014 in hohem Grade besitze. Ja ich glaube sogar behaupten zu d\u00fcrfen, dass Ruete\u2019s Angabe kein besonderes Vertrauen verdient, da Ruete nicht sagt, dass er selbst den Versuch angestellt habe, und da ferner gar keine Erscheinungen angef\u00fchrt sind, durch welche man sich \u00fcberzeugen k\u00f6nnte, dass die Personen, welchen Ruete diese Mittheilung verdankt, richtig beobachtet haben, wozu besonders in dieser Sph\u00e4re Uebung und Geschick geh\u00f6ren, die eben nicht Jedermanns Sache sind.\nWenn ich ein Buch vor mir aufgeschlagen habe, und nach Ruete\u2019s Vorschrift stark nach innen schiele, so dass der Kreuzungspunkt der Sehaxen vor die Buchfl\u00e4che f\u00e4llt, und \u00bb die Reihen der Lettern doppelt\u00ab erscheinen, dann bin ich unter keiner Bedingung im Stande, mit v\u00f6lliger Klarheit die Buchstaben zu sehen; denn erzwinge ich die passende Accommodation, so tritt unab\u00e4nderlich auch die Correction der Augenstellung f\u00fcr die Entfernung des Objectes ein. Freilich, wenn es sich bei diesem Versuche nur um das Lesen, und","page":247},{"file":"p0248.txt","language":"de","ocr_de":"24S Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nnicht um deutliches Sehen handelte, dann k\u00f6nnte man Ruble's Angabe schon gelten lassen, indem das Lesen auch bei unvollkommener Accommodation m\u00f6glich ist. \u2014\nDie Doppelreihe von Versuchen, welche ich hier folgen lasse, umfasst alle m\u00f6glichen F\u00e4lle der Trennung, des Zusammenhanges der beiden Functionen, und ersch\u00f6pft von dieser Seite somit den Gegenstand. Die erste Keilte [A] bezieht sich auf die F\u00e4lle, ob und in wN weit bei festgehaltener Accommodation die Sehaxen vor oder hinter den Accommodationsp unkt zur Durchkreuzung zu bringen sind, w\u00e4hrend die zweite Keilte \u00a3 die F\u00e4lle behandelt, wobei unverr\u00fcckter Augenstellung der Accommodationspunkt vor oder hinter den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen fallen soll.\nIch habe die Augen unter keine k\u00fcnstlichen Bedingungen gebracht, wie z.B. Doxders, sondern alle Resultate durch blosse willk\u00fcrliche Anstrengung erzielt.\nA. 1. Halte ich ein aufgeschlagenes Buch in der deutlichen Sehweite vor mich hin, so gelingt es mir, durch eine willk\u00fcrliche Anstrengung der Augenmuskeln, den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen in verschiedene Entfernung hinter die Buchfl\u00e4che fallen zu lassen, w\u00e4hrend doclt beide Augen f\u00fcr den Abstand des Buches accomniodirt bleiben. Bei myopischen Individuen findet dieses Verh\u00e4ltniss der Accommodation zur Augenstellung immer Statt, wenn sie entfernte Objecte fixiren. Dabei erscheint die Druckschrift nat\u00fcrlich im Doppelbilde. Je weiter hinter das Buch der Kreuzungspunkt der Sehaxen f\u00e4llt, desto weiter treten auch die Doppelbilder auseinander.\nDer Abstand der Doppelbilder ist gleich dem Abstande der beiden Punkte, wo die Sehaxen die Buchfl\u00e4che schneiden, und zeigt also an. um wie viel das eine Auge nach aussen gedreht worden sei, wenn das andere unverr\u00fcckt geblieben ist.\t-\u2014\nDie Fig. 7 auf Taf. 12 erl\u00e4utert den ganzen Vorgang. Es sei A C die Buchfl\u00e4che, L das linke, R das rechte Auge ; m ein Buchstabe, welcher zuerst von beiden Augen fixirt wird, und daher einfach und deutlich erscheint.\nWird nun das Auge R nach aussen gedreht, so dass die Verl\u00e4ngerung seiner Axe den Punkt n trifft, w\u00e4hrend das Auge L seine Stellung beibeh\u00e4lt, so ist dann o der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen. und \u00ab\u2019 der Convergenzwinkel, welcher kleiner ist. als der fr\u00fchere Winkel a.\nDer Buchstabe m muss nun im Doppelbilde erscheinen, und zwar steht rn . das zweite Bild von m, eben so weit von m auf der linken Seite ab, als der Punkt n von m auf der rechten Seite entfernt ist, in-","page":248},{"file":"p0249.txt","language":"de","ocr_de":"Uelter den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 249\ndem m und n an demselben Punkte im Raume gesellen werden, weil ihre Bilder auf identische Stellen der Netzhaut, die gelben Flecke, fallen. Die Bilder, welche das rechte und das linke Auge von der Druckschrift vermitteln, erscheinen \u00fcber einander verschoben. Das rechte Auge vermittelt das linke, das linke Auge das rechte der Doppelbilder. Die punktirte Linie A' C zeigt die Stellung des dem rechten Auge entsprechenden Doppelbildes in Beziehung auf das dem linken Auge entsprechende Bild A C. Da die Augen trotz der Verstellung der Augenaxen beharrlich f\u00fcr die Entfernung der Buch-fl\u00e4clie accommodirt bleiben, so haben diese Doppelbilder das Eigen-th\u00fcmliche, dass immer eines derselben scharf und deutlich gesehen werden kann. Wo sonst beim Binocularselieu Doppelbilder zu entstehen pflegen, dort fallen sie meist beide in das indirecte Sehfeld, und entstehen immer unter ung\u00fcnstigen Accommodationsverli\u00e4ltnissen, k\u00f6nnen daher auch nie scharf und deutlich erscheinen.\nJe nachdem man die Aufmerksamkeit in dem einen oder in dem anderen Auge concentrirt, kann man den Wettstreit der Sehfelder, der unter den Bedingungen des Versuches nothwendig eintreten muss, zu Gunsten dieses o<Jer jenes Auges entscheiden, und bald mit dem rechten, bald mit dem linken Auge mit aller Deutlichkeit die Buchstaben sehen und lesen. Beil\u00e4ufig will ich bemerken, dass sich die Pupille merklich verkleinert, wenn man die Augenaxen wieder unter dem alten und legitimen Convergenzwinkel a sich kreuzen l\u00e4sst.\nIch bin, w\u00e4hrend des Anstellens des aus einander gesetzten Versuches, im Stande, die Doppelbilder nach Belieben mehr auseinander treten zu lassen, und dann wieder zu einem Bilde zu verschmelzen. Es giebt jedoch f\u00fcr meine Willk\u00fcr einen gr\u00f6ssten Abstand der Doppelbilder. den ich trotz aller Anstrengung nicht \u00fcberschreiten kann \u2014 dann ist die Grenze der Unabh\u00e4ngigkeit der Augenstellung von dem betreffenden Accommodationszustande erreicht. F\u00fcr verschiedene Accom m o d a tions zu st\u00e4nde sind die Grenze n der Unabh\u00e4ngigkeit nicht dieselben.\nStelle ich den mitgetheilten Versuch mit einem mehrere Fuss weit entfernten Objecte, oder mit noch entfernteren Gegenst\u00e4nden an, z.B. mit dein Fenster eines auf der entgegengesetzten Seite der Strasse liegenden Hauses, mit einem Kirchthurm und dergl., so kann ich die Doppelbilder weit mehr aus einander treten lassen, als wenn ich den Versuch mit einem nur wenige Zoll entfernten Gegenst\u00e4nde vornehme.\nUnter solchen Umst\u00e4nden bringe ich die Augenaxen zum Parallelismus, ja selbst zur Divergenz.\nDie Augenaxen schneiden sich dann hinter meinem Kopfe. Ich","page":249},{"file":"p0250.txt","language":"de","ocr_de":"250 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nliefere li i e r m i t den Beweis, dass man die Augenaxen willk\u00fcrlich divergiren lassen kann.\nUm keinen Zweifel Uber die Richtigkeit dieser Behauptung zu lassen, habe ich Fig. 8 (Taf. 12) entworfen, wo .1C den fixirten, mehrere Fuss breiten und an 100 Schritte entfernten Gegenstand bedeutet. L ist das linke, R das rechte Auge. Beide Augen fixiren zuerst den Funkt C. Ich hin nun im Stande die Augen so zu stellen, dass A C im Doppelhilde erscheint und zwar so, dass das Bild, welches vom linken Auge stammt, rechts neben das Bild des rechten Auges zu stehen kommt und die Punkte A' und C sich decken. Die Stellung dieses Bildes entspricht also der Linie A' C. Dieses Verhalten erkl\u00e4rt sich einfach aus dem Umstande, dass das linke Auge um den Winkel \u00df nach aussen gedreht, mit seiner optischen Axe den Punkt .1 des Objectes traf. Nun verl\u00e4ngere man die Linien .1 c und Cb bis sie sich schneiden, so findet man o als den hinter den Augen gelegenen Durchkreuzungspunkt der Augenaxen. a' ist der Divergenz- oder der negative Con-vergenzwinkel der Sehaxen.\nBei genauerer Betrachtung der Fig. 7 und Fig. S erkennt man leicht, wie man durch eine sehr einfache Construction oder durch eine eben so einfache Rechnung das jeweilige Verh\u00e4ltniss zwischen dem Refractionszustande der Augen und dem Convergenzwinkel der Sehaxen ganz genau bestimmen kann.\nKennt man die Entfernung b c der Drehpunkte der Augen von einander1), ferner den Abstand der Augen von dem Gegenst\u00e4nde und endlich die Entfernung der Doppelbilder von einander, so kann man nach dem in Fig. 7 und Fig. S gegebenen Schema f\u00fcr jeden speciellen Fall eine genaue Zeichnung entwerfen und die Gr\u00f6sse der Trennung des legitimen Zusammenhanges zwischen Accommodation und Augenstellung angeben.\nStatt der umst\u00e4ndlichen Construction l\u00e4sst sich folgende einfache Berechnung anstellen. F\u00fcr den in Fig. 7 dargestellten Fall verh\u00e4lt sich\n1 Die Bestimmung des Abstandes der Drehpunkte der Augen von einander geschieht nach Listing folgendermaassen : Man fixirt einen sehr entfernten Gegenstand, z. B. eine entfernte Kirchthurmspitze, einen Blitzableiter u. dgl. und bringt knapp vor jedem Auge ein durchl\u00f6chertes Kartenblatt an. Hat man die L\u00f6chelchen f\u00fcr jedes Auge genau centrirt, so braucht man nur die Entfernung der L\u00f6chelchen von einander zu messen, und hat dann mit hinreichender Genauigkeit die gesuchte Distanz. Listing hat sich zu diesen Messungen einen eigenen Apparat construiren lassen, an welchem die Verschiebung zweier fein durchl\u00f6cherter Metallplatten vermittelst einer Mikrometerschraube geschieht und durch einen Nonius sehr genau abgelesen wird.","page":250},{"file":"p0251.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 251\nm o : m o -f- mc = m n : bc und no : no + nb = m n : bc. Es ist also :\nm c \u25a0 m n\tn b \u25a0 m n\nDa man somit alle drei Seiten der Dreiecke m o n und cob kennt, so l\u00e4sst sich nach der Eingangs gegebenen Formel der Winkel a' leicht finden.\nF\u00fcr den zweiten Fall Fig. 8), l\u00e4sst sich dasselbe Verfahren auwenden, nur verh\u00e4lt sich dann\nob : ob -j- b C = cb : AC und oc : oc -f- c.4 = cb : AC.\nIst der gr\u00f6sste Abstand der Doppelbilder, welchen ein Beobachter f\u00fcr einen bestimmten Accommodationszustand zu erzwingen im Stande ist, der Construction oder Berechnung zu Grunde gelegt, so gibt das gefundene Verli\u00e4ltniss von \u00ab' zu der Entfernung des Accommodations-punktes die individuelle Grenze der Unabh\u00e4ngigkeit der Augenstellung von dem Accommodationszustande der Augen.\nIch erreiche hiermit auf einem viel einfacheren Wege eben so viel, als Dondees durch seine oben mitgetheilte Methode. Ich ver-muthe, dass man nach Dondees\u2019 Methode gr\u00f6ssere Grenzwerthe erhalten wird, als nach der meinigen, weil die k\u00fcnstlichen Bedingungen, unter welche Dondees die Augen bringt, die gesonderte Th\u00e4tig-keit der beiden Functionen unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend bei meinem Versuche die Idosse willk\u00fcrliche Anstrengung der Augenmuskeln die Tendenz zur Correction der Augenstellung \u00fcberwinden muss.\nUebrigens bezieht sich die Dondees\u2019sehe Messungsmethode eigentlich auf die weiter unten unter B 1 und 2 beschriebenen F\u00e4lle der Trennung des behandelten functionellen Zusammenhanges. \u2014\nEs wird nicht Jedermann sogleich gelingen, den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen hinter den Gegenstand fallen zu lassen, f\u00fcr dessen Entfernung der Ilefractionszustand der Augen eingerichtet ist. Nur durch anhaltende und anstrengende Uebungen erlangt man die Fertigkeit durch den Gegenstand gleichsam hindurchzusehen \u2014 ohne zugleich den Accommodationszustand zu \u00e4ndern. Am leichtesten erreicht man den Zweck, wenn man ein Auge abwechselnd schliesst und \u00f6ffnet, denn beim Oeffnen des geschlossenen Auges erscheint, wie schon vor Volkmann\u2019s Angaben bekannt war, der fixirte Gegenstand im Doppelbilde ; und zwar sieht das eben ge\u00f6ffnete Auge den Gegenstand auf der entgegengesetzten Seite des Bildes, welches das andere offene Auge erzeugt, und zugleich etwas tiefer. W\u00e4hrend des Sehliessens und Oeffnens hat also das Auge seine Stellung in verticaler und horizontaler Richtung ver\u00e4ndert. Die Verschiebung in verticaler","page":251},{"file":"p0252.txt","language":"de","ocr_de":"252 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nRichtung corrigirt sich heim Oeffnen des Auges fast augenblicklich. Das Auseinandertreten der Bilder in horizontaler Richtung hingegen kann man nach manchen vergeblichen Versuchen nicht nur beliebig lange festhalten, sondern auch bis zu dem Maximum steigern lernen, welches unmittelbar nach dem Oeffnen des geschlossenen Auges auf-tritt. Je weiter der Gegenstand entfernt ist, desto m\u00fchsamer und anstrengender wird der Versuch und gelingt mir nicht mehr ohne die Beih\u00fclfe des Schliessens und Oeffnens eines Auges. Ich habe auch bemerkt, dass die Augenmuskeln nach lange fortgesetztem Experimen-tiren leicht so erm\u00fcden, dass die schon oft gelungenen Versuche durchaus nicht gelingen wollen.\nDas Wachsen der Schwierigkeit des Versuches mit der Zunahme der Entfernung des Gegenstandes kann nicht befremden : denn man muss bedenken, dass die Augenaxen schon den Parallelismus erreicht haben, wenn der Abstand der Doppelbilder gleich ist dem Abstande der Drehpunkte der Augen, und bereits zu divergiren beginnen, wenn der Abstand der Doppelbilder noch um ein Minimum gr\u00f6sser wird.\nF\u00fcr entferntere Gegenst\u00e4nde ist der Abstand der Doppelbilder aber sehr bald gleich, ja gr\u00f6sser als der Abstand der Drehpunkte. Dass man unter diesen Umst\u00e4nden beim Versuch mit entfernteren Gegenst\u00e4nden die Augenmuskeln mehr anstrengen muss, als wenn die Objecte n\u00e4her liegen, ist wohl begreiflich, wenn man im ersteren Fall Objecte von ungleich gr\u00f6sserer Breite als im zweiten Falle, in dem gleichen relativen Maasse zu Doppelbildern auseinandertreten lassen will.\nIch rathe aus diesem Grunde Jenen, welche sich von der Richtigkeit meiner Angabe \u00fcber das willk\u00fcrliche Divergirenlassen der Augenaxen durch Autopsie \u00fcberzeugen wollen, Gegenst\u00e4nde zum Versuch\" V.u w\u00e4hlen, welche nur einige Fuss weit entfernt sind. Es wird Ihnen hier leichter gelingen, den Durchkreuzungspunkt hinter den Accom-modationspunkt aus freien St\u00fccken fallen zu machen, als bei entfernteren Objecten. Hat man nur erst ein Doppelbild zu Stande gebracht, dann erfolgt das weitere Auseinandertreten desselben mit Leichtigkeit, wenn man der nun eintretenden auf eigenth\u00fcmlichc Art sich f\u00fchlbar machenden Bewegungs-Tendenz der Augen nicht hemmend entgegenwirkt, sondern dieselbe durch willk\u00fcrliche Anstrengung bef\u00f6rdert.\nA 2. Bei unver\u00e4nderter Accommodation f\u00fcr die Entfernung des Gegenstandes wollte es mir durchaus nicht gelingen, den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen vor den Gegenstand fallen zu lassen. Presbyopische Individuen befinden sich hingegen durch die Mangel-","page":252},{"file":"p0253.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augeuaxen etc. 253\nliaftigkeit ihres Accommodationsverm\u00f6gens stets in diesem Falle, wenn sie nahe Gegenst\u00e4nde tixiren. Sobald ich den Convergenzwinkel der Sehaxen durch willk\u00fcrliche Drehung der Augen nach innen ver-gr\u00f6sserte, trat auch stets die entsprechende Ver\u00e4nderung des Accom-modationszustandes ein. (Vgl. das zu Ruete\u2019s Behauptung Bemerkte, so wie das weiter unten unter B 2 Gesagte.)\nB 1. Ich komme nun zu dem zweiten Paar von Versuchen, welche sich von den unter A mitgetheilten Experimenten, wie bereits erw\u00e4hnt, dadurch unterscheiden, dass es sich hier darum handelt zu zeigen, ob und in wie weit, bei beharrlich'festgehaltener Augenstellung der Accommodationszustand willk\u00fcrlich ge\u00e4ndert werden k\u00f6nne, w\u00e4hrend dort gezeigt wurde, in wie rveit bei festgehaltenem Accommodations-zustande der Convergenzwinkel der Sehaxen willk\u00fcrlich vergr\u00f6ssert oder verkleinert werden kann.\nSpannt man einen d\u00fcnnen Faden senkrecht zur Gesichtsfl\u00e4che und in der Medianlinie auf, so wird er, wenn man einen beliebigen Punkt desselben mit beiden Augen fixirt, bis lauf eben diesen Punkt doppelt gesehen werden. Fixirt man die Mitte des Fadens, so erscheinen zwei F\u00e4den, die sich in der Mitte durchkreuzen, und von denen der eine, dessen dem Auge zugekehrtes Ende vor dem Durchkreuzungspunkte links liegt, dem rechten; der andere, dessen dem Auge zugekehrtes Ende vor dem Durchkreuzungspunkte re dits liegt, dem linken Auge geh\u00f6rt. Zugleich wird man bemerken, dass jeder dieser F\u00e4den nur eine kurze Strecke in der Mitte klar und deutlich gesehen wird, w\u00e4hrend die Deutlichkeit gegen das dem Auge zu-und abgewendete Ende immer mehr abnimmt, und einer nebelhaften Verbreitung des Fadens Platz macht. Jeder Faden erscheint in Form einer Accommodationslinie i. w. S. (vgl. Nr. XVII . Die Accommoda-tionspunkte derselben fallen mit dem Durchkreuzungspunkte der F\u00e4den und daher auch der Sehaxen zusammen, wie in Fig. 9 (Taf. 13) dargestellt ist.\nWenn man den Blick auf dem Faden hin und her schweifen l\u00e4sst, so r\u00fccken in demselben Maasse der Durchkreuzungspunkt der Doppelbilder und die d\u00fcnnen deutlich gesehenen Stellen des Fadens hin und her \u2014 in Folge des gesetzm\u00e4ssigen Zusammenhanges zwischen der Augenstellung und dem Accommodationszustande.\nEs gelingt jedoch bei beharrlich festgehaltener Augenstellung f\u00fcr einen n\u00e4hern Punkt als den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen zu accommodiren.\nDer Durchkreuzungspunkt der Doppelbilder bleibt dann unverr\u00fcckt , w\u00e4hrend die beiden deutlichen. den Accommodationslinien im","page":253},{"file":"p0254.txt","language":"de","ocr_de":"254 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nengeren Sinne entsprechenden Stellen der F\u00e4den den Augen sich n\u00e4hern. (Siehe Fig. 10 auf Taf. 13).\nDer Durchkreuzungspunkt der Doppelbilder liegt dann jenseits der deutlichen Stelle des Fadens.\nDas Resultat dieses Versuches stimmt ganz mit dem des unter A 1 beschriebenen Versuches \u00fcberein \u2014 nur mit dem Unterschiede, dass das gesetzwidrige Verh\u00e4ltniss des Accommodationszustandes zur Augenstellung dort durch willk\u00fcrliche Aenderung der Augenstellung, hier durch Aenderung des Accommodationszustandes erzwungen wurde.\nSchon Plateau und M\u00fcllek theilten nach Beobachtungen an sielt mit, dass sie durch eine Ab\u00e4nderung des Refractionszustandes das Undeutlichwerden der Gegenst\u00e4nde ohne Ver\u00e4nderung der Stellung der Augen, also ohne Erzeugung von Doppelbildern hervorbringen k\u00f6nnten. M\u00fcller glaubte zwar anfangs, dass dennoch Doppelbilder, welche sich zum Tlieile decken und desshalb der Wahrnehmung entgehen , vorhanden sein d\u00fcrften, kam aber sp\u00e4ter von dieser Ansicht mit Recht zur\u00fcck. Mein oben angef\u00fchrter Versuch mit dem Faden gibt hier\u00fcber die vollste Gewissheit, indem bei der unbedeutendsten Verstellung der Augen der Durchkreuzungspunkt der beiden Bilder des Fadens verschoben wird, entweder dem Auge n\u00e4her r\u00fcckt, oder von dem Auge sich entfernt. Nun liess sich aber bei gelungenen Versuchen keine Spur einer solchen Verr\u00fcckung des Durchkreuzungspunktes beobachten, also muss in diesen F\u00e4llen die Convergenz der Sehaxen unver\u00e4ndert geblieben sein, und konnte nicht an eine Entstehung von Doppelbildern gedacht werden, welche etwa zur Erkl\u00e4rung des Undeutlichwerdens der Gegenst\u00e4nde zu ben\u00fctzen gewesen w\u00e4ren.\nAuch diesen Versuch kann man, wie den unter A 1 beschriebenen zur Bestimmung der Gr\u00f6sse der Trennung des Zusammenhanges zwischen Augenstellung und Accommodation ben\u00fctzen.\nMan braucht nur den Abstand zwischen dem Durchkreuzungspunkt der beiden Bilder des Fadens und den Accommodationspunkten mit dem Zirkel direct zu messen. Diese Messung auszuf\u00fchren, ist jedoch aus doppeltem Grunde schwierig, indem erstlich der Accommo-dationspunkt in der Accommodationslinie i. e. S. nicht markirt ist, und weil zweitens \u00fcberdies jene Punkte des Fadens, f\u00fcr welche das Auge accommodirt ist, indirect gesehen werden. Die gesuchte Distanz kann also nur gesch\u00e4tzt, nicht eigentlich gemessen werden.\nJene Stelle des Fadens, f\u00fcr welche die Augen accommodirt sind, erscheint im Doppelbilde, w\u00e4hrend f\u00fcr den e i n f a c h gesehenen Durchkreuzungspunkt nicht accommodirt ist. und derselbe daher in einem","page":254},{"file":"p0255.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 255\nzerstreuten Bilde erscheint. Dies ist ein bemerkenswerther Beitrag zur Lehre von den Doppelbildern, welche beim Sehen mit zwei Augen entstehen.\nB 2. Bei unverr\u00fcckter Convergenz der Sehaxen, f\u00fcr einen jenseits des Durchkreuzungspunktes gelegenen Punkt des Fadens zu accommodiren. Din ich durchaus nicht im Stande.\nDies Resultat entspricht ganz der unter A 2 gemachten Mittheilung, dass ich aus freien St\u00fccken den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen nicht v o r den Accommodationspunkt fallen lassen kann.\nSobald ich f\u00fcr ferner gelegene ' Punkte accommodire, stellt sich auch unab\u00e4nderlich der entsprechende gesetzm\u00e4ssige Convergenz-winkel der Augenaxen her.\nObschon f\u00fcr mich unter gewissen k\u00fcnstlichen Bedingungen der Punkt, f\u00fcr welchen die Augen accommodirt sind, jenseits des Durchkreuzungspunktes der Sehaxen liegen kann, so ist doch die Trennung des Zusammenhanges der Accommodation mit der Augenstellung , in dieser Richtung meiner Willk\u00fcr ganz entzogen.\nSolche k\u00fcnstliche Bedingungen liefert der oben citirte Donders\u2019-sche Versuch mit convexen Brillen. Die Sehaxen behalten beim Versuche dieselbe Neigung gegen einander, aber der Refractionszustand der Augen \u00e4ndert sich in der Weise, dass er f\u00fcr einen entfernteren Punkt als den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen passt, indem die die Brennweite des Auges verk\u00fcrzende Wirkung der convexen Brillen durch die Accommodation f\u00fcr die Ferne compensirt werden muss.\nDies Verhalten scheint mir von Wichtigkeit, da sich hieraus zweierlei folgern l\u00e4sst: Erstens, dass beim DoxDERs\u2019schen Versuche gewisse Bedingungen obwalten, welche diese Trrennung des Zusammenhanges derart beg\u00fcnstigen, dass ohne dieselben der Zusammenhang in der angegebenen Richtung durch blosse Willk\u00fcr, wie es scheint, gar nicht gel\u00f6st werden kann ; und zweitens, dass der Verband zwischen Accommodation und Augenstellung in verschiedenen Richtungen, in verschiedenen Graden fest und innig ist.\nIch weiss nicht ob die mitgetheilten Beobachtungen aus einer individuellen Beschaffenheit meiner Sehorgane zu erkl\u00e4ren sind. oder ob sie sich auf ein allgemein g\u00fcltiges physiologisches Gesetz beziehen, und ob ich nicht selbst, durch anhaltend fortgesetzte Uebungen, die Trennung des Zusammenhanges der beiden Functionen auch in dieser Richtung am Ende doch noch in meine Willk\u00fcr bekommen k\u00f6nnte : allein so viel steht f\u00fcr mich unter allen Umst\u00e4nden fest, dass der Verband zwischen beiden Functionen in der unter A 2","page":255},{"file":"p0256.txt","language":"de","ocr_de":"256 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nund B 2 behandelten Beziehung inniger und fester ist, als i n j e d e r a n d e r e n.\nAm Eing\u00e4nge dieses Paragraphes habe ich als ein empirisch gefundenes physiologisches Gesetz, den Satz aufgestellt, dass der \u00bbAccommodationszust\u00e4nd der Augen iinmer der Entfernung des Durchkreuzungspunktes der Sehaxen entspricht, so dass eine Ver\u00e4nderung des Convergenz-winkels der Augenaxen auch eine Ver\u00e4nderung des Accommodationszust\u00e4nd es d e r A u g e n u n d umgeke h r t zur Folge hat.\u00ab\nUeber die Richtigkeit dieses Satzes kann kein Zweifel sein, denn nur unter den in ihm enthaltenen Bedingungen ist ein deutliches Sehen mit beiden Augen m\u00f6glich, allein die Vollst\u00e4ndigkeit der Entwickelung des aufgestellten Gesetzes fordert noch die Erl\u00e4uterung einer Conse-quenz, welche in der Formulirung des Gesetzes nicht ausdr\u00fccklich aufgenommen ist.\nUnterwirft mau Fig. (3 Taf. 12 einer aufmerksamen Betrachtung, so wird man finden, dass, da d e r A c c o m modationszustand de r Augen immer der Entfernung des Durchkreuzungspunktes der Sehaxen entspricht, der Accommodationszust\u00e4nd der Augen sich \u00e4ndern kann, ohnedassderConvergenzwinkel der Augenaxen ver\u00e4ndert wird.\nDies scheint mit obigem Gesetze im Widerspruche zu stehen, genauer genommen ist es jedoch eine nothwendige Consequenz aus demselben. Die in einem M\u00fcller\u2019sehen Horopter gelegenen Punkte liegen in verschiedener Entfernung von den Augen, verlangen aber den gleichen Convergenzwinkel der Sehaxen, um einfach geselle\u00efxzu werden, weil sie in der Peripherie eines Kreises liegen, welche die Drehpunkte der beiden Augen gleichfalls enth\u00e4lt und weil die derselben Sehne entsprechenden Peripheriewinkel unter sich gleich sind.\nDa die im Horopterkreise liegenden Punkte die Durchkreuzungspunkte der Sehaxen sind, jedes Auge aber f\u00fcr die Entfernung dieses Durchkreuzungspunktes accommodirt ist, und da ferner bis auf einen Punkt \u00ab in Fig. 6 alle \u00fcbrigen dem einen Auge n\u00e4her stehen als dem anderen, so folgt daraus, dass der Accommodationszust\u00e4nd des rechten Auges nur dann mit dem des linken Auges \u00fcbereinstimmt; wenn die Augen den in der Medianlinie gelegenen Punkt u in Fig. 6 fixiren, w\u00e4hrend in allen \u00fcbrigen F\u00e4llen die beiden Accommodationszust\u00e4nde nach einem bestimmten Verh\u00e4ltnisse ditferiren.\nL\u00e4sst man beide Augen s\u00e4mmtliche rechts von der Medianlinie gelegenen Punkte des Horopters in ihrer stetigen Folge fixiren. so","page":256},{"file":"p0257.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxcn etc. 257\nr\u00fcckt der Accommodationspunkt des linken Auges immer weiter ab. w\u00e4hrend der des rechten Auges sich immer mehr n\u00e4hert, indem sich f\u00fcr das linke Auge die Entfernung der Punkte immer mehr vergr\u00f6ssert und dann ihr Maximum erreicht, wenn die Sehaxe durch den Mittelpunkt C des Horopters geht. Nachdem die Entfernung des Accommo-dationspunktes ihr Maximum erreicht hat, wird sie wieder kleiner, allein der Accommodationspunkt steht dem rechten Auge, dem die Punkte des Horopters von Anfang an n\u00e4her ger\u00fcckt sind, stets n\u00e4her, als dem linken Auge. F\u00fcr die linke H\u00e4lfte des Horopters gilt dasselbe wie von der rechten, nat\u00fcrlich mutatis mutandis.\nJe kleiner der Durchmesser des Horopters ist, desto bemerklicher erscheinen die Differenzen zwischen den Accommodationszust\u00e4nden der Augen, da sich aus Nr. XVII ergeben hat, dass die Accommoda-tionslinien i. e. S. f\u00fcr kleinere Entfernungen immer k\u00fcrzer ausfallen und daher Differenzen hervortreten lassen, welche f\u00fcr gr\u00f6ssere Entfernungen spurlos verschwinden w\u00fcrden.\nDie erforderliche Differenz der Accommodationszust\u00e4nde beider Augen kann so bedeutend werden, dass es den Augen unm\u00f6glich wird, dieselben festzuhalten, z. B., wenn man dem einen Auge einen Gegenstand so sehr n\u00e4hert, dass das andere denselben, knapp am Nasenr\u00fccken vorbeisehend, eben noch wahrnehmen kann. Mit grosser Anstrengung wird man unter diesen Umst\u00e4nden die Entstehung eines Doppelbildes verhindern k\u00f6nnen. Erzwingt man ein einfaches Bild, dann kann man durch abwechselndes Schliessen und Oeffnen der Augen sich \u00fcberzeugen, dass nicht mehr beide Augen f\u00fcr den fixirten Gegenstand accommodirt sind.\nAus dem eben Mitgethcilten ergibt sich, dass es ganz normale Verh\u00e4ltnisse gibt, wo f\u00fcr einen bestimmten Convergenzwinkel das eine Auge f\u00fcr einen entfernteren, das andere f\u00fcr einen n\u00e4her gelegenen Punkt accommodirt ist, als wenn die Augen unter demselben Winkel in einem in der Medianlinie gelegenen Punkt convergiren und einen gleichen Refractionszustand angenommen haben, und ferner, dass der Verband der beiden Functionen gewisse nat\u00fcrliche Grenzen hat, \u00e4hnlich wie die Beweglichkeit der Gelenke in gewissen Richtungen limitirt ist. Demnach m\u00fcssen wir die Formulirung des behandelten physiologischen Gesetzes etwa folgendermassen \u00e4ndern, um allen Verh\u00e4ltnissen Rechnung zu tragen.\nWo ein deutliches Sehen mit beiden Augen m\u00f6glich ist, entsprechen die Refractionszust\u00e4nde der Augen immer der relativen Entfernung des Durchkreuzungspunktes der Schaxen, so zwar, dass j ede Ver\u00e4nderung\nCzermak, Schriften.\t17","page":257},{"file":"p0258.txt","language":"de","ocr_de":"258 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nder Augenstellung eine entsprechende Ver\u00e4nderung der Refractionszust\u00e4nde der Augen, und umgekehrt, zur Folge hat.\nSchliesslich erlaube ich mir noch einige Gedanken \u00fcber das Wesen dieses Zusammenhanges mitzutheilen.\nVolkmann bezeichnet den Verband zwischen Accommodation und Augenstellung schlechthin als \u00bbSache der Gew\u00f6hnung\u00ab. Mir scheint jedoch diese Erkl\u00e4rungsweise nicht auszureichen, obschon sie ohne Zweifel ein berechtigtes Moment enth\u00e4lt. Ich glaube, dass die Be-wegungscentra f\u00fcr die verkn\u00fcpften Th\u00e4tigkeiten in einem solchen organischen Verh\u00e4ltnisse und Zusammenh\u00e4nge gedacht werden m\u00fcssen, dass sich der Reiz, welchen der Wille auf das eine derselben aus\u00fcbt, nothwendig auch auf das andere \u00fcbertr\u00e4gt und daselbst ein bestimmtes Quantum Bewegung ausl\u00f6st.\nDer Beweis f\u00fcr diese Art der Verkettung liegt, wie mir scheint, darin, dass selbst das verdeckte Auge seine Stellung um ein Bestimmtes \u00e4ndert, wenn das offene einen anderen Accommodations-zustand annimmt (vgl. M\u00fcller a. a. O. S. 3361. Zu bemerken ist jedoch dabei, dass, wenn das geschlossene oder verdeckte Auge auch in Folge der Ver\u00e4nderung des Refractionszustandes des offenen seine Stellung nothwendig \u00e4ndert, diese Aenderung doch niemals eine genaue Einstellung desselben auf jenen Gegenstand, welchen das offene Auge fixirt, nach sich zieht, indem, wie oben gezeigt wurde, beim Oeffnen des geschlossenen Auges Doppelbilder wahrgenommen werden. Die genaue Correction der Augenstellung erfolgt erst dann, wenn beide Augen offen sind \u2014 und zwar rasch und unwillk\u00fcrlich. Eri&\u00f6g-licht und geleitet wird die Correction durch die Doppelbilder, indem dieselben in dem Maasse sich decken, als die Stellung der Augen verbessert wird; sie sind daher der Leitstern der corrigiren-denTh\u00e4tigkeit. Es ist hiermit etwa so wie mit den zweckm\u00e4ssigen Bewegungen, welche wir unbewusst zur Erhaltung des Gleichgewichtes ausf\u00fchren, wobei uns gewisse durch den Verlust des Gleichgewichtes gesetzte Empfindungen leiten.\nWie m\u00e4chtig diese instinctive Correction, welche i n F o 1 g e des Bestrebens einfach und deutlich zu sehen, und in Folge der Gew\u00f6hnung eintritt. sei, ersieht man aus den Versuchen mit Brillengl\u00e4sern, welche Donders angegeben hat. (Siehe oben S. 246 . Ich habe schon fr\u00fcher darauf hingewiesen, dass diese Versuche Bedingungen setzen m\u00fcssen, unter welchen die Trennung des legitimen und gewohnten Zusammenhanges zwischen Accommodation und Augenstellung leichter m\u00f6glich ist und selbst in j ener Richtung, in wel-","page":258},{"file":"p0259.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 259\neher die Trennung aus freien St\u00fccken, mir zum wenigsten, niemals gelingen wollte.\nHier, glaube ich. hat man den Schl\u00fcssel zu diesem R\u00e4thsel. Beim DoNDE\u00dfs\u2019schen Versuche sieht man eben mit beiden Augen und w\u00fcrde doppelt und undeutlich sehen, wenn sich die Augen den, von der Norm etwas abweichenden Bedingungen des Versuches nicht f\u00fcgen wollten. Es macht sich hier die Tendenz einfach und klar zu sehen geltend, und erzwingt, selbst gegen die bisherige Gewohnheit, die geforderte ungew\u00f6hnliche Combination von Augenstellung und Accommodation.\nStellt man den DoNDERs\u2019schen Versuch an, so befindet man sich ganz in der Lageeines Kindes, das ebene rstsehenler nt; nur dass das Kind noch keinen alten Verbindungen zwischen den Th\u00e4tig-keiten entgegenzuwirken hat, wie wir. Dass die gesetzm\u00e4ssige Verkettung der beiden Functionen auf die oben angedeutete Art zu Stande kommt, und durch Gew\u00f6hnung befestigt wird, unterliegt wohl kaum einem Zweifel, dennoch bin ich aber der Meinung, dass der fragliche Zusammenhang \u00fcberdies eine organische Grundlage haben d\u00fcrfte. Schon oben setzte ich einen materiellen Zusammenhang der Bewe-gungscentra der beiden Functionen voraus, um die Mitbewegungen des geschlossenen Auges begreiflich zu machen. Hier glaube ich diese Voraussetzung noch durch die Hinweisung auf die verschiedene Festigkeit des Verbandes in verschiedenen Richtungen und auf die bestimmten individuellen Grenzen, welchen man, beim Versuche den gesetz-massigen Zusammenhang zwischen Accommodation und Augenstellung willk\u00fcrlich zu st\u00f6ren, \u2014 und selbst beim DoNDERs\u2019schen Versuche \u2014 begegnet, st\u00fctzen zu k\u00f6nnen : man m\u00fcsste denn diese individuellen Grenzen und den verschiedenen Grad des Zusammenhanges in verschiedenen Richtungen, schlechthin f\u00fcr das Resultat der Gew\u00f6hnung erkl\u00e4ren wollen. Wogegen man aber ein wenden k\u00f6nnte, dass sich die Gew\u00f6hnung offenbar nur auf ein bestimmtes Verh\u00e4ltniss von Accommodation und Augenstellung, und nicht auf Grenzen der Trennung dieses Zusammenhanges beziehen kann.\nAbgesehen davon, k\u00f6nnte man weiter fragen, wie soll, vorausgesetzt der Zusammenhang beruhte auch noch auf einer materiellen Beziehung der Bewegungscentra, wie soll die durch die oben mitge-theilten Versuche bewiesene w i 1 ljk \u00fc r 1 i c h e Trennung des Zusammenhanges m\u00f6glich sein? Ganz auf dieselbe Weise wie es m\u00f6glich ist, dass ein Kind, das anfangs alle Finger zu gleicher Zeit beugt und streckt, nach und nach die einzelnen Finger isolirt bewegen lernt, und in seine Gewalt bekommt.\n17*","page":259},{"file":"p0260.txt","language":"de","ocr_de":"260 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nZusatz.\nIch habe seit der Ver\u00f6ffentlichung der I. Abtheilung dieser \u00bbStudien\u00ab auch einige neue iu diese Abhandlung geh\u00f6rige Versuche und Beobachtungen gemacht, welche ich hier nachzutragen mir erlaube, weil dieselben, wie mir scheint, zur Aufkl\u00e4rung der Art jenes eigen-thtimlichen Zusammenhanges zwischen Accommodation und Augenstellung wesentlich beitragen und zur weiteren Best\u00e4tigung meiner am Schl\u00fcsse des Paragraphen \u00fcber diesen Punkt ausgesprochenen Ansicht dienen d\u00fcrften.\na Mit der willk\u00fcrlichen Vergr\u00f6sserung des Convergenz-winkels der Sehaxen ist selbst dann eine Einstellung des Accommoda-tionsapparates f\u00fcr die N\u00e4he unab\u00e4nderlich verkn\u00fcpft, wenn die Augen bereits f\u00fcr einen n\u00e4heren Punkt, als den Durchkreuzungspunkt der Sehaxen accommodirt sind.\nVon der Richtigkeit dieser beachtenswerthen Thatsache kann man sich leicht \u00fcberzeugen, wenn man den Donders\u2019sehen Versuch mit der Papierd\u00fcte anstellt, und sich bem\u00fcht die hinter der Buchfl\u00e4che sich schneidenden Sehaxen durch willk\u00fcrliche Vergr\u00f6sserung des Convergenzwinkels auf oder in derselben zum Durchschneiden zu bringen. In Fig. 3 Taf. 15' ist L das linke. II das rechte Auge, / und r sind ihre respectiven Drehpunkte, A B die in deutlicher Sehweite befindliche Buchfl\u00e4che, und D die vor das linke Auge gehaltene Papier-dlite. Die Sehaxen schneiden sich hinter der Buchfl\u00e4che in C, w\u00e4hrend die Augen f\u00fcr die Entfernung der Druckschrift und nicht f\u00fcr die Entfernung des Punktes C accommodirt sind. Es findet hier also eine ungesetzm\u00e4ssige Combination zwischen Accommodation und Augenstellung statt, welche nur entweder durch Ver\u00e4nderung des Acconnno-dationszustandes oder des Convergenzwinkels der Sehaxen corrigirt werden kann.\nWendet man das rechte Auge so weit nach innen, dass seine Seh-axe den vom linken Auge durch die Papierdiite hindurch fixirten Punkt m trifft, so sollte man erwarten, dass sich der Accommodationszustand der Augen nicht \u00e4ndern werde, indem die falsche Augenstellung durch die willk\u00fcrlich herbeigef\u00fchrte Vergr\u00f6sserung des Convergenzwinkels der Sehaxen corrigirt wird. Diese Erwartung wird jedoch wie der Versuch lehrt \u2014 vollkommen get\u00e4uscht, denn w\u00e4hrend man den Convergenzwinkel der Sehaxen vergr\u00f6ssert, accommodircn sich die Augen f\u00fcr die N\u00e4he, so zwar, dass wenn der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen endlich mit dem Punkte m zusammenf\u00e4llt, die Accommo-","page":260},{"file":"p0261.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Couvergenz der Augenaxen etc. 261\ndationspunkte der Augen mit den n\u00e4her gelegenen Punkten a und b zusammenfallen und die Druckschrift wohl nicht mehr im Doppelhilde, daf\u00fcr aber undeutlich, d. h. in Zerstreuungskreisen erscheint. Die gesetzm\u00e4ssige Combination von Accommodation und Augenstellung bleibt also in \u00e4hnlicher Weise gest\u00f6rt, wie vor der beabsichtigten Correctionsbewegung, weil der Zusammenhang der Centrai der beiden Functionen von der Art ist, dass sie in dieser Ilich tun g durch den Willensimpuls nicht isolirt, sondern nur gemeinschaftlich erregt werden k\u00f6nnen.\nb) H\u00e4lt man die gewonnene Augenstellung, bei welcher m der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen ist, fest und versucht die Augen, welche f\u00fcr die Entfernung der Punkte \u00ab und b eingestellt sind, f\u00fcr m zu accommodiren \u2014 wodurch das gesetzm\u00e4ssige Verh\u00e4ltniss zwischen Accommodation und Augenstellung herbeigef\u00fchrt werden w\u00fcrde \u2014, so wird die Correctionsbewegung um so mehr M\u00fche und Anstrengung kosten, je mehr das Gesichtsfeld des linken Auges durch die Papier-diite beschr\u00e4nkt ist, ja es wird bei j edem Versuche die Augen f\u00fcr m zu accommodiren, der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen wieder hinter die Buch fl\u00e4che AB fallen, d. h. die Correction wird gar nicht gelingen, wenn wegen der Kleinheit der Oeffnung der Papier-diite ein weiter unten hervorgehobener Umstand nicht eintreteu kann, \u2014 und zwar aus demselben Grunde, welchen wir f\u00fcr die Fruchtlosigkeit der willk\u00fcrlich eingeleiteten Correction der Augenstellung bei dem zuerst er\u00f6rterten Versuche angegeben haben.\nAus den beiden Versuchen ersieht man, wie Recht ich hatte, Volkmann gegen\u00fcber zu behaupten : \u00bbDass die Bewegungscentra f\u00fcr die verkn\u00fcpften Th\u00e4tigkeiten bez\u00fcglich der angegebenen Combination derselben in einem solchen organischen anatomischen Verh\u00e4ltnisse und Zusammenh\u00e4nge gedacht werden m\u00fcssen, dass sich der Reiz, welchen der Wille auf das eine derselben aus\u00fcbt, nothwendig auch auf das andere \u00fcbertr\u00e4gt und daselbst ein bestimmtes Quantum Bewegung ausl\u00f6st\u00ab.\nc Wenn man in dem sub a beschriebenen Versuche die Dondeks -sche Papierd\u00fcte wegl\u00e4sst, so tritt die Vergr\u00f6sserung des Convergenz-winkels der Sehaxen ohneunserZuthun\u2019 . durch die instinctive\n1 Ja man muss sich sogar jedes vehementeren bef\u00f6rdernden Willenseinflusses enthalten, da sonst leicht auch hier die unter a und b erw\u00e4hnte Uebertragung des Impulses auf beide Bewegungscentra sich einstellt und die Correction vereitelt.","page":261},{"file":"p0262.txt","language":"de","ocr_de":"262 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nCorrection \u2014 und dann ohne eine Accoinmodationsbe-wegung f\u00fcr die N\u00e4he \u2014 ein.\nHat man in dem sub b) mitgetheilten Versuche die Augenaxen durch willk\u00fcrlichen Impuls in m zum Durchschneiden gebracht, wobei die Accominodationspunkte der Augen bis a und b (vgl.Fig. 3, Taf. 15) ger\u00fcckt sind, und bem\u00fcht sieh nun vergebens die Augen f\u00fcr m zu accommodiren, so wird man finden, dass sich diese Correction augenblicklich ohne unser Zuthun herstellt, wenn man die beschr\u00e4nkende Papierdtite rasch entfernt oder ihre vordere kleine Oeffnung betr\u00e4chtlich vergr\u00f6ssert wird, weil die Correction nur durch die Doppelbilder \u2014 welche durch die feine Oeffnung der Papierd\u00fcte auf eine punktf\u00f6rmige Fl\u00e4che beschr\u00e4nkt, bedeutungslos sind \u2014 erm\u00f6glicht und geleitet wird, indem dieselben in dem Maasse sich decken und deutlich gesehen werden, als die richtige Combination von Augenstellung und Accommodation zu Stande kommt. Dies ist nun der Umstand, auf welchen ich oben sub b hingewiesen habe, ohne dessen Vorhandensein sich keine Correction einstellen kann.\nd Von welch bedeutendem Einfl\u00fcsse die instinctive Tendenz deutlich u n d einfach zu sehen auf die Verkn\u00fcpfung und Combination eines bestimmten Accommodationszustandes der Augen mit einer bestimmten Stellung der Sehaxen ist, und dass die dieser Tendenz entsprechende instinctive Correction falscher Coinbina-tionen von Augenstellung und Accommodationszustand nur durch die Zerstreuungskreise und Doppelbilder, welche die falschen Combina-tionen setzen, erm\u00f6glicht und geleitet wird \u2014 etwa so, wie wir durch gewisse Empfindungen geleitet werden, unbewusst zweckm\u00e4ssige Bewegungen zur Erhaltung des Gleichgewichtes auszuf\u00fchren \u2014 ersieht man mit Sicherheit aus folgenden zwei Reihen von Versuchen.\nZu der einen Reihe z\u00e4hlen die Versuche, in welchen wir die Augen unter solche Verh\u00e4ltnisse bringen, dass die beiden leitenden Momente der corrigirenden Th\u00e4tigkeit nicht in Wirksamkeit treten k\u00f6nnen, und deren gemeinsames Resultat darin besteht, dass die sonst gewohnten, gesetz- und zweckm\u00e4ssigen Combinationen von Accommodationszustand und Augenstellung nicht zu Stande kommen.\nW\u00e4hrend die andere Reihe Versuche enth\u00e4lt, welche \u2014 da beide leitenden Momente in voller Wirksamkeit sind \u2014 das \u00fcbereinstimmende Resultat geben, dass allerdings innerhalb gewisser Grenzen selbst ungewohnte, und dem gew\u00f6hnlichen Combinationsgesetze widersprechende Combinationen beider Functionen. welche zum Theil vgl. oben A2 und B2 durch willk\u00fcrliche Trennung des","page":262},{"file":"p0263.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 263\nZusammenhanges der Accommodations- und Augenbewegungen durchaus nicht oder nur in ungleich geringerem Grade zu erzwingen sind, \u2014 in Erscheinung treten.\nJ. Zu den Versuchen der ersten Reihe rechne ich :\na. die oben sub a) und b) mitgetheilten Versuche, wo das Gesichtsfeld des Einen Auges durch die feine Oeffnung in der Spitze der Papierd\u00fcte beschr\u00e4nkt wird, ferner\n\u00df. die Schliessung oder blosse Bedeckung des Einen Auges, in Folge deren die Stellung der Augen bei gleichbleibendem oder wenig ver\u00e4ndertem Accommodationszustande \u2014 selbst wenn man sich bem\u00fcht hat die richtige Stellung festzuhalten \u2014 der-maassen ver\u00e4ndert, so zu sagen desorientirt wird, dass nach Oeffnung oder Aufdeckung des geschlossen oder bedeckt gewesenen Auges der Durchkreuzungspunkt der Sehaxen mehr oder weniger weit hinter den Accommodationspunkten, d. h. jenseits derselben, gefunden wird.\n2. Zu den Versuchen der zweiten Reihe sind zu z\u00e4hlen :\n7.. die Versuche mit concaven und convexen Brillengl\u00e4sern Dox-DERS) 1 .\n\u00df. das Stereoskopiren mit rechtseitigen und verkehrten Doppelbildern im freien Sehen2 :\n\u25a0[. das Stereoskopiren durch die verschiedenen gebr\u00e4uchlichen Stereoskope. Ich habe n\u00e4mlich die meines Wissens bisher noch von Niemandem hervorgehobene Bemerkung gemacht, dass alle, wie immer mit Linsen, Prismen oder Spiegeln) construirten Stereoskope eine Trennung der gew\u00f6hnlichen Combinationen von Accommodations-zustand und Stellung der Augen verlangen, selbst dann, wenn das stereoskopische Bild bei einem bestimmten Convergenzwinkel der Sehaxen mit dem legitim zu diesem Winkel geh\u00f6rigen Accommodationszustande gesehen werden kann, was sogleich deutlich ist, wenn man erw\u00e4gt, dass die beiden Bilder des Gegenstandes ebene Zeichnungen sind, welche bei wechselndem Convergenzwinkel einen nahezu gleich bleiben den, f\u00fcr die Entfernung der Bildebene passenden Accommodationszustand noting machen.\nIch sagte \u00bbnahezu gleichbleibenden Accommodationszustand\u00ab, weil dies streng genommen nicht der Fall ist, wie sich aus der Betrachtung der Fig. 4 Taf. I.\"> ergibt, welche ein Wireatstoxe'sclies Spie-\n1\tBonders: Ned. Lancet 2. Serie, 2. Jaarg., S. 150.\n2\tVergl. IL Mayer: Pogg. Annal. Bd. LXXXV, Seite 1S9, und besonders auch G. Meissner a. a. 0., Seite 117.","page":263},{"file":"p0264.txt","language":"de","ocr_de":"204 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\ngelstereoskop darstellt, obschon Differenzen, wie die zwischen \u00ab A\" und a'B\" (namentlich wenn die Bilder klein und mehre Zolle von den Spiegeln entfernt sind ' allerdings g\u00e4nzlich vernachl\u00e4ssigt werden k\u00f6nnen.\nBeil\u00e4ufig erlaube ich mir noch anzumerken, dass die er\u00f6rterten Verh\u00e4ltnisse einen nicht unwesentlichen Unterschied zwischen dem Sehen wirklicher K\u00f6rper und dem Stereoskopiren durch stereoskopische Apparate begr\u00fcnden, welcher, wie mir scheint, erkl\u00e4rt, warum uns die plastischen Bilder (namentlich Landschaften im Stereoskope mit ungewohnter, ich m\u00f6chte sagen unnat\u00fcrlicher Klarheit und Sch\u00e4rfe entgegentreten, und dann, warum das Stereoskopiren durch Stereoskope eine f\u00fchlbare Anstrengung, welcher auch wohl Erm\u00fcdung folgt, kostet, w\u00e4hrend wir unter \u00fcbrigens gleichen Umst\u00e4nden beim Betrachten wirklicher, nach drei Dimensionen des Raumes ausgedehnter K\u00f6rper nichts von diesen Folgen sp\u00fcren.\n8. Hierher geh\u00f6rt endlich auch das, was ich oben \u00fcber das Sehen der Punkte des M\u00fceeeif selten Horopterkreises gesagt habe.\ne) Meine am Ende vorstehender Abhandlung angedeutete Ansicht \u00fcber die Art der Verkn\u00fcpfung der Accommodations- und Convergenz-bewegungen will ich nun etwas ausf\u00fchrlicher und bestimmter behandeln, mit Beziehung auf die von R. Wagner angebahnte, auf mikro-tomischer Basis ruhende Innervations-Theorie, welche mir bereits seit geraumer Zeit durch meinen hochverehrten Lehrer Prof. Purkyne bekannt und gel\u00e4ufig ist1 .\n1 P\u00fcrkyne tr\u00e4gt sieli n\u00e4mlich schon seit der durch ihn gemachten Entdeckung der mehrfach geschw\u00e4nzten Ganglienzellen der grauen Substanz mit ganz \u00e4hnlichen hypothetischen Ideen \u00fcber die Innervations-Erscheinungen in den Centralorganen, wie solche in j\u00fcngster Zeit R. Wagner nach so manchen neuen, ermunternden, mikroskopisch-anatomischen Thatsachen, welche Purkyne damals nur erst ahnen konnte, ausgesprochen hat. Ja Purkyne thcilt schon seit Jahren diese Ideen in seinen Vorlesungen den Zuh\u00f6rern mit. Durch vorliegende Anmerkung k\u00f6nnen und sollen II. Wagner\u2019s grosse Verdienste um die Gestaltung einer exaete-ren Nervenphysiologie durchaus nicht geschm\u00e4lert werden. Die Absicht meiner Mittheilung ist nur die, hier an den Mann zu erinnern, in dessen auserw\u00e4hltem, durchaus urspr\u00fcnglichem Geiste schon so mancher folgenreiche Gedanke aufgegangen war, der wie im vorliegenden Falle, erst sp\u00e4ter an anderen Orten, von anderen H\u00e4nden zur Reife gebracht wurde. So hatte Purkyne lange vor Schwank die Grundz\u00fcge der Zellentheorie erfasst und in aller Stille f\u00fcr sich und seine Freunde und Sch\u00fcler bearbeitet, allein der k\u00fchnere und weniger zur\u00fcckhaltende Schwann hat, wie Purkyne in einer Besprechung der Schwann\u2019sehen Untersuchungen scherzweise sich ausdr\u00fcckte, die Braut, die er ( Purkyne ) l\u00e4ngst kannte und um die er schon lange warb, heimgef\u00fchrt. Obsclion es keinem Zweifel unterliegt, dass Purkyne sowohl die Innervations- als die Zellentheorie weit fr\u00fcher als Wagner und Schwann erfasst und aufgebaut hat, so kann doch diese","page":264},{"file":"p0265.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Zusammenhang zwischen clor Convergenz der Augenaxen etc. 265\nVorher erlaube ich mir die Stelle aus R. Wagner\u2019s neurologischen Untersuchungen zu citircn. welche sich auf die sogenannten Mitbewegungen bezieht.\nR. Wagner sagt* 1 : \u00bb Ich nehme zwei Classen von Mitbewegungen an : 1 : Solche, welche angeboren und durch einen unab\u00e4nderlichen Mechanismus das ganze Leben auf eine nicht zu beseitigende dem Zwecke der Functionen dienende Weise mit anderen automatischen oder intendirteu Bewegungen zwangsm\u00e4ssig verbunden sind. Dahin rechne ich z. B. die Contraction der Pupille bei kr\u00e4ftiger Zusammenziehung der Mm. recti interni in der Convergenzstellung beider Augenaxen beim Nahesehen. Ich erkl\u00e4re dies aus einer anastomoti-sclien Verbindung der multipolaren Ganglienzellen im Kerne des Nerv, oculomotor ins unterhalb der Sylvischen Wasserleitung, welche die 1 r-sprungsfasern des M. rectus internus abgeben, mit anderen Ganglienzellen. aus denen die Sphincterenmuskelfasern der Iris ihre Nerven erhalten2). 2 Zur zweiten Classe von Mitbewegungen rechne ich diejenigen, h\u00f6chst zahlreichen, welche sich durch Uebung beseitigen lassen, z. B. die bei intendirten Bewegungen einzelner Finger wider den Willen miterfolgenden Bewegungen anderer Finger. Hier tritt die allbekannte Erfahrung auf, dass in Folge vielf\u00e4ltiger Uebung alle isolirten Erregungen einzelner Muskeln und Muskelapparate uns allm\u00e4hlich leichter werden, daher denn auch Kinder noch mit vielen Mitbewegungen behaftet sind. welche Erwachsene l\u00e4ngst unbemerkt beseitigt haben. Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist nach meiner Annahme zahlreicher anastomotischen Verbindungen zwischen den die einzelnen Muskeln beherrschenden multipolaren Ganglienzellen leicht\u00ab.\nThatsache keine Bedeutung f\u00fcr die Priorit\u00e4tsfrage gewinnen, da Purkyxe die M\u00fche gescheut hat, seine l\u00e4ngst gehegten Ideen der Oeffentlichkeit zu \u00fcbergehen.\nIch aber glaubte nichts destoweniger \u2014 als J\u00fcnger dieses Meisters \u2014 die Verpflichtung zu haben, den mitgetheilten Sachverhalt, wenn auch nur gleichsam als biographische Notiz, zur Sprache zu bringen.\n1\tNachrichten v. d. G. A. Universit\u00e4t und der k. Gesellschaft d. Wissensch. zu G\u00f6ttingen. (i. M\u00e4rz 1S54, Nr. 26, S. 9S.\n2\t\u00bbDass ich die im Bezirke der Hirnnerven, z. B. in der Region der Sinnesnerven vorkommenden Bewegungen meinem Systeme von multipolaren Ganglienzellen unferordne und im Wesentlichen dieselben Bedingungen, wie im Rticken-marke anzunehmen geneigt bin, habe ich schon in meiner letzten Mittheilung \u00bb\u00bb\u00fcber die Elementarorganisation des Gehirnes\u00ab\u00ab erw\u00e4hnt. Wem f\u00fcr die Sinnesnerven, wie namentlich f\u00fcr Seh- und H\u00f6rnerven die Annahme eigener excitomoto-rischer Fasern noch bedenklicher erscheinen mag, als f\u00fcr die R\u00fcckenmarksnerven, dem m\u00f6chte ich entgegnen, dass gewiss ein Theil der Reflexbewegungen, welche man sich durch die Fasern der Sinnesnerven vermittelt denkt, den excitirenden Fasern des Trigeminus und Vagus zukommt . . .\u00ab","page":265},{"file":"p0266.txt","language":"de","ocr_de":"266 Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nI\n\u00bbDie Willensimpulse werden nach dem einfachen Gesetze der Uebung und Gewohnheit, die zur Eealisirung ihrer Zwecke n\u00f6thigen Bahnen schon finden lassen. Dies kann unm\u00f6glich f\u00fcr einen so fein gegliederten und seiner Seele im normalen Zustande so dienstbaren Organismus schwer fallen, welcher im Stande ist, beim Gesang die feinsten Spannungsverh\u00e4ltnisse zu empfinden und f\u00fcr das Bed\u00fcrfniss der Modulationen seiner Stimme abzu\u00e4ndern, ohne dazu der anatomischen Kenntnisse zu bed\u00fcrfen\u00ab.\nDie Art der Verkn\u00fcpfung der Accommodations- und Augenbewegungen , wie wir dieselbe durch die mitgetheilten Versuche genauer kennen gelernt haben, passt vollst\u00e4ndig weder in die eine, noch in die andere Classe von Mitbewegungen, welche Wagner aufgestellt hat. Die Verh\u00e4ltnisse sind in unserem Falle so complicirt, dass wir die charakteristischen Merkmale beider Classen von Mitbewegungen vorfinden :\n\u00ab Nach meinen bisherigen Erfahrungen sind die will k \u00fc r 1 i e Ire Erregung einer Convergenzbewegung der Augen mit einer Accommo-dationsbewegung f\u00fcr die N\u00e4he, und eine willk\u00fcrliche Erregung einer Accommodationsbewegung f\u00fcr die Ferne mit einer relativen Divergenzbewegung der Augen zwangsm\u00e4ssig verbunden, so da\\s diese beiden Bewegungen zu den Mitbewegungen der ersten Classe geh\u00f6ren.\nInnerhalb sehr enggesteckter Grenzen geh\u00f6ren auch diese Mitbewegungen f\u00fcr manche Individuen, wie mir Coccirs in Leipzig mit-getheilt hat, in die zweite Classe. Mag dem sein wie ihm wolle, der von mir aufgedeckte Unterschied der Innigkeit des Verbandes, welcher diese Bewegungen verkn\u00fcpft, und des Verbandes, welcher die sub \u00df angef\u00fchrten Bewegungen zusammenkettet, bleibt zu Hecht bestehen.]\n\u00df) W\u00e4hrend die Mitbewegungen, welche durch die willk\u00fcrliche Erregung einer relativen Divergenzbewegung der Sehaxen oder einer Accommodationsbewegung f\u00fcr die N\u00e4he gew\u00f6hnlich ausgel\u00f6st werden, zu den Mitbewegungen der zweiten Classe zu z\u00e4hlen sind, weil dieselben, wie ich gezeigt habe, durch Uebung innerhalb gewisser Grenzen zu beseitigen sind.\ny) Ferner sind die Bewegungscentra beider Functionen, ebenfalls innerhalb bestimmter Grenzen, in Folge unbewusster, instinctive r Erregung einer isolirtenTh\u00e4tigkeit f\u00e4hig. 1\nHiernach werden wir sehr verschiedene Inner vations-\n1 Vergl. oben sub <T .","page":266},{"file":"p0267.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc. 267\nbahnen zur Erkl\u00e4rung dieser eigenth\u00fcmlich verkn\u00fcpften Bewegungen annehmen m\u00fcssen. Versuchen wir, eingehend auf die WAGNER\u2019sche Hypothese, uns eine bestimmte Vorstellung dar\u00fcber zu bilden, so werden wir hinsichtlich der sub a betrachteten willk\u00fcrlichen Erregungen eine anastomotische Verbindung der multipolaren Ganglienzellen im Kerne des N. oculomotor ins, welche die Ursprungsfasern des M. rectus internus abgeben, mit anderen Ganglienzellen, aus denen der Accommodationsapparat, welcher die Adaption f\u00fcr die N\u00e4he besorgt, seine Bewegungsnerven erh\u00e4lt \u2014 und ferner eine anastomotische Verbindung der Ganglienzellen des Centralorganes f\u00fcr die Accommoda-tionsbewegungen, welche die Adaption f\u00fcr die Ferne vermitteln, mit anderen Ganglienzellen, von welchen die Fasern f\u00fcr den M. reclus externus und die anderen Ausw\u00e4rtsroller der Augen entspringen, annehmen m\u00fcssen.\nHinsichtlich der sub \u00df er\u00f6rterten willk\u00fcrlichen Impulse, welche in Folge vielf\u00e4ltiger Uebung die Centra der beiden Functionen innerhalb gewisser Grenzen isolirt erregen k\u00f6nnen, werden wir mit Wagner die Annahme \u00bbzahlreicher anastomotischer Verbindungen zwischen den die einzelnen Muskeln gewisse Augen- und Acconnno-dationsmuskeln beherrschenden multipolaren Ganglienzellen \u00ab machen. Durch die Annahme mehr oder weniger zahlreicher Anastomosen zwischen den Ganglienzellen w\u00fcrde also nach Wagner\u2019s Vorstellungen zu erkl\u00e4ren sein, warum die Uebertragung eines willk\u00fcrlichen Impulses von einem Centrum auf das andere, in dem ersten Falle sub er, bei weniger Anastomosen, schwerer, als im zweiten Falle sub \u00df , bei zahlreicherer anastomotischer Verbindung, verhindert werden k\u00f6nnen. Vielleicht erscheint es Manchem plausibler die Annahme umzukehren und den innigeren Verband durch mehr, den l\u00f6sbareren Verband hingegen durch weniger Anastomosen zu erkl\u00e4ren. Hier hat die Phantasie noch ganz freien Spielraum.\nWas endlich die sub y betrachteten isolirten Erregungen der Centra der beiden Functionen durch unwillk\u00fcrliche, instinctive Impulse betrifft, so m\u00f6chte man, wie mir scheint, beinahe zur Statuirung excitir en der Fasern geneigt sein, deren peripherische Enden entweder in die Retina oder in den Theil des Sensoriiuns, in welchem die Gesichtsvorstellungen zu Stande kommen, und deren centrale Enden in gewisse Ganglienzellen der beiden Centra zu verlegen w\u00e4ren.\nDass die isolirte Th\u00e4tigkeit der Centra der beiden Functionen in Folge der instinctiven und der willk\u00fcrlichen Impulse nur innerhalb gewisser Grenzen, d. h. nur bis zu einer limitirten","page":267},{"file":"p0268.txt","language":"de","ocr_de":"2GS Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen etc.\nGr\u00f6sse der ausgel\u00f6sten Bewegungen, m\u00f6glich ist, d\u00fcrfte sich aus der f\u00fcr gr\u00f6ssere Bewegungen ben\u00f6thigten gr\u00f6sseren Intensit\u00e4t des Impulses und dem dadurch bedingten gr\u00f6sseren Erregungsbezirke erkl\u00e4ren lassen. Hierauf deutet schon Wagner, indem er sagt1 ; : \u00bbNehme ich die multipolaren Ganglienzellen als Knotenpunkte f\u00fcr Innervations-prccesse an, so liegt allerdings eine Schwierigkeit darinnen, zu erkl\u00e4ren, warum die Erregungen von einer Faser bald in der ersten Zelle ruhen bleiben, bald auf benachbarte oder entferntere, oft sehr viele Zellen und die von denselben abgehenden Commissuren und Fasern \u00fcbergehen. Dies kann nun m\u00f6glicher Weise tlieils von der Intensit\u00e4t der Reize, tlieils von der ganzen Stimmung der multipolaren Ganglienzellen, die jedenfalls variabel ist \u2014 z. B. abh\u00e4ngig von der Blutzufuhr, von specifisclien Reizmitteln, wie Strychnin u. s. w. herr\u00fchren.\u00ab\nMan k\u00f6nnte hier auch an eine Verschiedenheit der Impulse und Innervationsprocesse denken, welche etwa der Verschiedenheit zwischen gew\u00f6hnlichen und polarisirten Lichtstrahlen analog w\u00e4re. N\u00e4hme man dann noch in dem Inhalte der Nervenzellen und F\u00e4den gewisse den Elasticit\u00e4tsunterschiedcn des Licht\u00e4thers in doppeltbrechenden Substanzen analoge Ver\u00e4nderungen an, so liesse sich begreifen -Varum die Erregungen bald in den ersten Zellen liegen bleiben m\u00fcssen, bald auf mehrere Zellen u. s. w. \u00fcbergehen.\nUm etwaigen Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, erkl\u00e4re ielr schliesslich erstens, dass ich die oben aufgestellte Hypothese f\u00fcr nichts weiter ausgebe und angesehen wissen will, als f\u00fcr einen anspruchslosen Versuch die in Folge des eigenth\u00fcmlichcn Zusammenhanges zwischen den Accommodations- und Augenbewegungen zu beobachtenden Erscheinungen mit einer bestimmteren Vorstellung von der anatomischen Anordnung der Innervationsbahnen in Beziehung zu bringen, \u2014 und zweitens, dass ich, trotz des Eingehens anf R. Wagner\u2019s Innervationstheorie, doch weit entfernt bin, seine sonstigen Ansichten \u00fcber die Function der Centralorgane, wie sie dieser Physiologe in dem zweiten Tlieile seines anthropologischen Vortrages \u00fcber \u00bbMenschensch\u00f6-pfnng und Seelensubstanz\u00ab G\u00f6ttingen, G. Wiegand 1854, auszusprechen den Mutli hatte, zu theilen oder gutzuheissen.\nf In der vorstehenden Abhandlung habe ich nachgewiesen, dass man im Stande sei die Augenaxen willk\u00fcrlich zur Divergenz zu bringen, zugleich aber irrt h\u00fc ml ich bemerkt, dass dies, wenn der Gegenstand, dessen Auseinahdertreten in Doppelbilder als Maass der\n' A. a. O., S. 93.","page":268},{"file":"p0269.txt","language":"de","ocr_de":"Ucber den Zusammenhang zwischen der Couvergenz der Augenaxen etc. 269\nDivergenz dient und f\u00fcr den die Augen accommodirt bleiben, n\u00e4her liege, leichter gelinge \u2014 im entgegengesetzten Falle dagegen schwerer. Ich berichtige hiermit diesen Irrthum dahin, dass es wohl schwieriger sei, einen entfernteren Gegenstand in verkehrte Doppelbilder auseinander treten zu lassen, als einen n\u00e4heren, dass aber, wenn dies einmal gelungen ist, die Divergenzstellung der Augenaxen bei Fixirung eines entfernteren Gegenstandes leichter zu erzwingen sei, als bei Fixirung eines n\u00e4heren.\nAuch nehme ich die Gr\u00fcnde, durch die ich den berichtigten Irrthum zu st\u00fctzen glaubte, als falsch zur\u00fcck, halte aber die von mir gemachte Beobachtung mit aller Bestimmtheit fest, dass man durch Uebung in den Stand gesetzt werde, die Augenaxen willk\u00fcrlich und im freien Sehen divergiren zu lassen, und ferner, dass man auf die von mir angegebene Weise die Gr\u00f6sse des Divergenz winkeis messen k\u00f6nne u. s. w.\nBeil\u00e4ufig f\u00fchre ich hier an, dass Turtual, obschon er noch keine Ahnung davon hatte, dass man die Augenaxen willk\u00fcrlich divergent stellen k\u00f6nne, doch bereits erkannt hatte, dass die Augenaxen unter gewissen ungew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden in Divergenz gerathen. Turtual 1 sagt n\u00e4mlich : \u00bb Beim Sehen nach dem Monde ist wegen der grossen Entfernung der Stand der Sehaxen als parallel anzunehmen ; dennoch erscheint nach Befreiung des verdeckten linken Auges anf\u00e4nglich rechts ein Nebenmond, die Couvergenz jenseits des Objectes ist also hier in eine Divergenz der Axen \u00fcbergegangen. \u00ab \u2014 Noch w\u00e4re hier an eine Arbeit H. Meyer\u2019s1 2) in Z\u00fcrich zu erinnern, in welcher bereits die m\u00f6gliche Divergenz der Augenaxen untersucht und vermittelst des Stereo.skopes demonstrirt wurde.\n1\tDie Dimension der Tiefe im freien Sehen und im stereoskopischen Bilde. M\u00fcnster 1842, S. 11.\n2\tPogg. Annal. Bd. 85, 1852, S 207.","page":269}],"identifier":"lit16167","issued":"1879","language":"de","pages":"243-269","startpages":"243","title":"Ueber den Zusammenhang zwischen der Convergenz der Augenaxen und dem Accomodationszustande der Augen (sammt Zusatz)","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T13:27:18.650465+00:00"}

VL Library

Book Section
Permalink (old)
http://vlp.uni-regensburg.de/references?id=lit16167
Licence (for files):
Creative Commons Attribution-NonCommercial
cc-by-nc

Export

  • BibTeX
  • Dublin Core
  • JSON

Language:

© Universitätsbibliothek Regensburg | Imprint | Privacy policy | Contact | Icons by Font Awesome and Icons8 | Powered by Invenio & Zenodo