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Ueber die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge (sammt Zusatz)

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{"created":"2022-01-31T16:26:11.504973+00:00","id":"lit16169","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 279-287. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0279.txt","language":"de","ocr_de":"XXI.\nUeber die\nunempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge\n(sammt Zusatz).\n[ Wiener (iluidcmischc SiizungsbcriclUc fS\u00f6\u00e4 u. iSSo (Physiologische Studien;.]\nHuiock (M\u00fcll. Arch. 1818. S. 91 u. ff'.) war der Erste, welcher die Entdeckung gemacht hatte, dass am blinden Fleck \u00bbeine erg\u00e4nzende Th\u00e4tigkeit der Vorstellung\u00ab rege ist. Er hatte bereits die Beobachtung gemacht, dass eine wcissc Scheibe an der Stelle des Fleckens weise, eine schwarze schwarz erscheint, und dass selbst Umrisse, wo sie durch die nicht sehende Stelle gehen, erg\u00e4nzt werden. Hueck irrte nur darin, dass er meinte, \u00bbder nicht sehende Fleck entstehe durch das Eintreten der Gcf\u00e4sse\u00ab (vusa central in).\nDie neueren Untersuchungen \u00fcber diesen Gegenstand von Weber '), von Volkmann\"1 2) und von Fick und Du Bois3) haben die Hueck sehe Anschauung best\u00e4tigt und gezeigt, dass die der Eintrittsstelle des Sehnerven \u2014 (und nicht -der vusa cenlralia) \u2014 entsprechende Fl\u00e4che als eine r\u00e4umliche Gr\u00f6sse im Sehfelde repr\u00e4sentirt ist, und dass sie, da sie keine Lichteindr\u00fccke dem Scnsorium liefert, durch welche der Raum erf\u00fcllt werden k\u00f6nnte, durch einen Act der Einbildungskraft, durch ein Phantasma ausgef\u00fcllt wird. Die in die blinde Stelle \u00bbhincingebildcte\u00ab Empfindung h\u00e4ngt zum Thcil von der Qualit\u00e4t der Erregung der unmittelbaren Nachbarschaft (welche Volkmann der K\u00fcrze wegen mit r bezeichnet) der Eintrittsstelle des Sehnerven ab. Uebcrdies hat Volkmann, welcher den Gegenstand unter den genann-\n1\tE. II. \\VLimit, Berichte \u00e4lter die Verhandlungen der k\u00fcn. s\u00e4chsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. Sitzung am IS. Dec. 1852.\n2\tVoi.KMANN, Bericht \u00fcber die Verhandlungen der k\u00f6n. s\u00e4chsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. Sitzung am '10. April 1852.\n3\tFick und Du Bois (Miilier\u2019s Archiv 1853).","page":279},{"file":"p0280.txt","language":"de","ocr_de":"280 Ueber die unempfindliche Stelle der Itetimi im menselilielion Auge.\nten neueren Forschern am vollst\u00e4ndigsten behandelt hat, noch darauf hingewiesen, dass das bei A (dem Punkte des Sehfeldes, in welchem die Eintrittsstelle \u00ab des Sehnerven und die ihr in dem anderen Auge entsprechende identische Stelle a localisirt sind) Sichtbare ein Mise h-ling sei, zu dessen Entstehung nicht nur der Erregungszustand von r, sondern auch von a' beitr\u00e4gt. Der Factor r f\u00fcllt die L\u00fccke nur durch einen Aet der Vorstellung \u2014 ein Phantasma, w\u00e4hrend sie der Factor a durch eine Th\u00e4tigkeit des unmittelbaren Empfindens erf\u00fcllt. Empfindung und Einbildungskraft concurrircn also beim Ausf\u00e4llen jener L\u00fccke.\nMan kann hiernach die in den beiden L\u00fccken des Sehfeldes auftretenden (Mischlings-) Empfindungen mit Voi.kmaxn -m-zwei Reihen ordnen.\n\u00bbA. Dieselben haben vorherrschend die Qualit\u00e4t der durch r gesetzten Emjifindung\u00ab.\n\u00bb15. Dieselben haben vorwiegend die Beschaffenheit der von \u00ab' ausgehenden Empfindung\u00ab.\nEs w\u00e4re nun zu ermitteln, unter welchen Bedingungen die Erscheinungen der Reihe A, unter welchen anderen die der Reihe B ein-treten.\nAd A. Nach Volkmann\u2019s Erfahrung gibt die Vorstellung dann den Ton an, wenn der physiologische Process in r lebhafter ist als in a'.\nAd 15. Die Empfindung bildet den vorherrschenden Factor in allen F\u00e4llen, wo r und \u00ab' den gleichen Vortheil des Lichteinflusses gemessen, d. h. wo beide Augen zuin Sclien ben\u00fctzt werden.\nEs sei zu erwarten, meint Voi.kmann, dass \u00fcberall, wo Vorstellung und Empfindung als Folgen eines gleich intensiven physiologischen Processes auftreten. die Empfindung die st\u00e4rkere sei.\nDiese Erwartung best\u00e4tigt sich jedoch nicht durchgchends. Voi,k-mann selbst f\u00fchrt einen Versuch an, der das ganz unerwartete Resultat gibt, dass die lebhafte Vorstellung nicht immer \u00fcber die matte Empfindung siegt, und ich werde weiter unten einen Versuch angeben, wo hingegen die schwache Vorstellung sogar die starke Empfindung verdr\u00e4ngt.\nWenn man eine schwarze Scheibe auf weissem Grunde bei einer solchen Stellung der Augen betrachtet, dass ihr Bild auf <i und auf a f\u00e4llt, so nimmt man die schwarze Scheibe mit aller Deutlichkeit wahr. In diesem Falle f\u00e4llt das weisse Licht des Grundes auf r und das Schwarz der Scheibe auf a\u2019. Warum, fr\u00e4gt Volkmann, siegt nun nicht der Eindruck von r \u00fcber den von welches sich im Minimum seiner","page":280},{"file":"p0281.txt","language":"de","ocr_de":"Ucbcr die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge. 2S1\nThiitigkeit befindet? \u2014 Noch auffallender ist folgendes Ergebniss. Man stelle eine Scheidewand zwischen beiden Augen auf, so dass das Gesichtsfeld in zwei Tlicile getheilt wird, deren jeder nur von einem Auge \u00fcbersehen wird.\nNun beleuchte man die linke H\u00e4lfte des Gesichtsfeldes sehr grell, w\u00e4hrend die rechte H\u00e4lfte in m\u00f6glichst vollst\u00e4ndiger Finsterniss erhalten wird. Man erh\u00e4lt dieselben Bedingungen, wenn man ein Auge schliesst und bedeckt, das andere aber auf eine hell erleuchtete Fl\u00e4che richtet.\nMan sollte unter solchen .Verh\u00e4ltnissen erwarten, dass die blinde B\u00fccke des rechten Auges, welches im Dunkel ist, daher im Minimum seiner Th\u00e4tigkeit sich befindet, mit der Empfindung des lebhaft erregten Punktes a gef\u00fcllt werden w\u00fcrde, so dass im dunklen Gesichtsfelde des rechten Auges an der Stelle A eine helle Scheibe erschiene.\nNichts desto weniger lehrt aber das Experiment, dass das rechte Auge eine gleichm\u00e4ssig dunkle Fl\u00e4che sieht, dass trotz des in r weniger als in a lebhaften physiologischen Processes dennoch das durch r ausgel\u00f6stc dunkle Phantasma die durch a vermittelte Empfindung verdr\u00e4ngt.\nDie Untersuchungen \u00fcber den MAiuoTTH\u2019schen Fleck sind, wie man hieraus ersieht, noch lange nicht geschlossen und jede Vervollst\u00e4ndigung des Inventars der Thatsachen muss willkommen sein. Deshalb erlaube ich mir noch folgende Mittheilungen zu machen, welche einen, von den oben citirten Autoren g\u00e4nzlich \u00fcbersehenen Weg weisen, auf welchem die vorliegende Frage, die von allen Seiten untersucht werden muss, in Angriff genommen werden kann.\nDieser Weg, in anderer Beziehung bereits mit grossem Erfolg betreten, f\u00fchrt durch die Sph\u00e4re des sogenannten subj ectiven Sehens.\n1. Zun\u00e4chst erinnere ich.an die Erscheinung, welche man im Finstern beobachtet, wenn man die Augen sehr kr\u00e4ftig und pl\u00f6tzlich auf die Seite wendet. Man sicht dann bekanntlich zwei mehr oder weniger helle feurige Kreise oder Halbkreise, deren Ort der unmittelbaren Umgebung der Eintrittsstellen der beiden Sehnerven entspricht. Die Erkl\u00e4rung der Entstehung dieser feurigen Hinge kann, wie mir scheint, nur in einer durch die Drehung des Auges gesetzten Zerrung der die Eintrittsstelle der Sehnerven umgebenden empfindlichen Hegion der Hctina gefunden werden. Schon die frappante Aehnlichkcit dieser feurigen Hinge mit den von Serke d\u2019Uz\u00c8s ') genau untersuchten Phosphenen deutet auf ihren mechanischen Ursprung. Bemerkcns-\n1 Essai sur les Phosph\u00e8ues etc. Paris 1S53. Vic. Masson.","page":281},{"file":"p0282.txt","language":"de","ocr_de":"282 Ucber die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Augo.\nworth ist der Umstand, dass liier keine feurige Fl\u00e4che, sondern ein feuriger Kreis oder Halbkreis entstellt. Es scheint, dass die durch Zerrung bewirkte Heizung der Nachbarschaft r der Eintrittsstelle des Sehnerven in der Finsterniss nicht hinreicht, um ein die ganze L\u00fccke f\u00fcllendes Phantasma auszul\u00f6sen.\n2.\tStellt man den obenerw\u00e4hnten Versuch bei geschlossenen Augenlidern und das Gesicht gegen das cinstr\u00f6mende Tages- oder Sonnenlicht gekehrt an, so bemerkt man in dem durch die durchscheinenden Augenlider roth-orange gef\u00e4rbten Gesichtsfelde statt der zwei feurigen Hinge zwei kleine rundliche Scheiben von ges\u00e4ttigter blauer Farbe. Diese blauen Scheiben entsprechen den blinden Flecken dem Orte nach, sind aber von gr\u00f6sserem Fl\u00e4cheninhalt, als diese.\nDas eben gewonnene Resultat ist in doppelter Hinsicht bemer-kenswerth. Erstlich: warum entsteht hier eine Scheibe und nicht wie im ersten Versuche nur ein Hing oder Halbring, da doch die Ausdehnung und Intensit\u00e4t der mechanischen Zerrung der Hctina-Elementc dieselben sind? Zweitens: warum ist die Scheibe blau? Die F\u00e4rbung der Scheibe steht offenbar in Beziehung zur Farbe des ganzen Gesichtsfeldes und hat nichts mehr oder weniger Auffallendes als die blaue F\u00e4rbung eines jeden von aussen mechanisch gereizten Hctina-punktes, wenn die Lichtstrahlen das Gesichtsfeld durch die geschlossenen Augenlider hindurch r\u00f6tlilich-orange erhellen.\nErw\u00e4hnen muss ich noch, dass man, wenn man die Wendung der Augen langsam vornimmt, um das Auftreten der Scheiben bequem beobachten zu k\u00f6nnen, zuerst einige weisslicho Fleckfcn walirnimmt, welche erst sp\u00e4ter bei fortgesetzter oft beinahe schmerzlicher Drehung der Augen Zusammenfl\u00fcssen, und eine ges\u00e4ttigte blaue F\u00e4rbung annehmen.\n3.\tVersucht man die Eintrittsstellen der Sehnerven hei ge\u00f6ffneten Augen durch eine ausgiebige seitliche oder nach aufw\u00e4rts gerichtete Drehung derselben zur Anschauung zu bringen, und w\u00e4hlt man als Hintergrund den gleiehm\u00e4ssig umw\u00f6lkten Himmel oder eine wcissc Wand, so wird man an der Stelle der blauen Scheiben zwei dunkle blecken bemerken. Man kann cs nun leicht so einrichten, dass sich auf der weissen Wand gerade dort, wo einer der dunklen Flecken erscheint, ein schwarzer Punkt befindet. Dieser schwarze Punkt wird dann verschwinden, wenn er mit dem dunklen Fleck zusammentrifft, so dass man sich \u00fcberzeugen kann, dass der blinde Fleck in jenem dunklen Fleck miteinbegriffen, aber kleiner als dieser sein muss. Es versteht sich von selbst. dass hierbei das andere Auge geschlossen","page":282},{"file":"p0283.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge.\nsein muss, sonst verschwindet der schwarze Punkt gar nicht, weil er von d gesehen wird.\nDiese Versuche gelingen nicht zu allen Tageszeiten gleich gut. Des Morgens gleich nach dem Aufstehen ist die Retina hei Vielen am empfindlichsten gegen diese Art der Reizung. Es giebt auch Individuen, denen diese Versuche gar nicht gelingen wollen. Anderen gelingen sic wieder nur dann, wenn sie die Augen nach einer bestimmten Seite drehen. Bei Bewegung der Augen in anderen Richtungen treten die Erscheinungen sehr mangelhaft oder gar nicht ein.\nHier sclilicssen sich die Erscheinungen an, welche die galvanische Reizung der Retina hervorbringt, indem die Eintrittsstelle des Sehnerven durch den elektrischen Strom auf cigcnth Um liehe Art sichtbar gemacht wird. Ich lasse hier die Worte Purkink\u2019s folgen, welcher die \u00bbgalvanische Lichtfigur\u00ab zuerst zum Gegenstand einer umfassenderen und gr\u00fcndlicheren Untersuchung gemacht hat ').\n\u00bbBrachte ich den Leiter des Kupferpols in den Mund, und ber\u00fchrte mit dem Leiter des Zinkpols den Augenapfel, so erschien in dem fr\u00fcher finstern Gesichtsfelde an der mir sonst wohlbekannten Eintrittsstelle des Sehnerven eine hellviolette lichte Scheibe ; im Axenpunkte des Auges war ein rautenf\u00f6rmiger dunkler Fleck, mit einem rautenf\u00f6rmigen gelblichen Lichtbande umgeben, darauf folgte ein gleiches finsteres Intervall und noch ein etwas schw\u00e4cher leuchtendes gelbliches Rautenband; die \u00e4ussorste Peripherie des Gesichtsfeldes aber deckte ein schwacher, licbtviolctter Schein, der, wie man das Auge rollte, abwechselnd an einzelnen Stellen heller wurde. Somit zeigte sicli hier der Gegensatz des Sauren und Alkalischen, des Zink- und Kupferpols als Peripherisches und Centrales, als Nerveneintritt und Axen-punkt. Hob ich die Ber\u00fchrung auf, so kehrten sich die Farben um. Wechselte ich die Pole, brachte ich den Kupferpol ins Auge, den Zinkpol in den Mund, so kehrten sich die Farben so wie auch die Lichtend Schattenpartien um. Am Eintrittsortc des Sehnerven war ein kreisrunder finsterer Fleck mit einem hellvioletten Scheine umgeben, der als ein hellviolettes Rautenband gegen die Mitte des Gesichtsfeldes auf- und niederstieg, und sich mit zwei convergirendcn Schenkeln auf der entgegengesetzten Seite schloss ; diesem nach innen war ein finsteres Intervall und im Axenpunkte des Sehfeldes eine gl\u00e4nzende hellviolette Rautenfl\u00e4chc \u00ab.\nMan ersieht hieraus, dass die Eintrittsstelle des Sehnerven je nach\n1 Neue Beitr\u00e4ge zur Keimtniss des Sehens in sulijectiver Hinsicht von Johann Pukkine. Berlin 1S25, bei G. Reimer, S. J5.","page":283},{"file":"p0284.txt","language":"de","ocr_de":"284 Uebcr die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge.\nder Richtung des elektrischen Stromes, als helle oder dunkle Scheibe erscheint.\nEs entsteht nun die Frage, ob diese Erf\u00fcllung des blinden Flecks mit Helligkeit oder Dunkel auf die oben mitgctheiltc Weise zu erkl\u00e4ren ist oder nicht; ob die Erf\u00fcllung der L\u00fccke in Folge der gereizten, empfindlichen Umgebung r der Eintrittsstelle des Sehnerven durch ein Phantasma vermittelt wird, oder ob vielleicht der blinde Fleck nur f\u00fcr das Lieht unempfindlich, gegen\u00fcber dem elektrischen Reize aber gar nicht blind ist; a priori l\u00e4sst sieli diese M\u00f6glichkeit gar nicht bestreiten, liier k\u00f6nnte folgendes Experiment entscheiden. Es m\u00fcsste ein Individuum zun\u00e4chst eine genaue Projection seines blinden Fleckes auf eine Tafel entwerfen, in der Art wie es Fick und Du Bois gethan, und dann vor dieser Tafel bei offenem Auge die galvanische Lichtfigur hervorrufen. W\u00fcrde cs sich herausstellcn, dass sich die galvanische Figur der Eintrittsstelle und die Projection des blinden Fleckes genau decken, so d\u00fcrfte man schlicsscn, dass die empfindliche Umgebung r der Eintrittsstelle aus dem \u00bbSpiele geblieben ist, und der blinde Fleck zur Lichtempfindung durch den elektrischen Strom angeregt wurde. W\u00fcrde die galvanische Figur gr\u00f6sser erscheinen, als die Projection des blinden Fleckes, dann kann man sicher sein, dass die empfindliche Umgebung r der Eintrittsstelle gewiss mit im Spiele ist, ob allein ? ob zugleich mit einer vermutheten Lichtempfindung in der blinden \u00bbStelle? bliebe problematisch.\nEbenfalls ungewiss bliebe die Entscheidung, wenn die galvanische Figur kleiner als die Projection ausfielc, obschon es dann allerdings wahrscheinlicher w\u00e4re, dass die Lichtempfindung im Centrum der blinden Stelle durch den Strom direct erregt worden sei.\nIch war verhindert durch eine vor\u00fcbergehende krankhafte Reizbarkeit meiner Augen, den angegebenen Versuch selbst anzustellen und muss daher f\u00fcr jetzt darauf verzichten, diesen Punkt zu erledigen.\nVielleicht verfolgen Andere den von mir betretenen Weg.\n\u00ab\nZusatz.\na) Die subjectiveu Erscheinungen , welche vorz\u00fcglich bei starker Drehung der Augen nach der rechten oder der linken Seite in der Gegend der Eintrittsstelle des Sehnerven wahrgenommen werden, sind je nach der Richtung und der Art, in welcher das Auge gedreht wird, hinsichtlich der Gr\u00f6sse, der Gestalt, der Qualit\u00e4t und Intensit\u00e4t merklich verschieden, indem die Ausdehnung und Beschaffenheit der Reizung, der die Ncrvcn-Elcmente der Retina und des Opticus dabei ausgesetzt werden, wesentlich von der Spannung und Zerrung des","page":284},{"file":"p0285.txt","language":"de","ocr_de":"lieber die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge. 285\nOpticus abhiingen, welche bei den bekannten topographisch-anatomischen Verh\u00e4ltnissen dieses Nerven in der Augenh\u00f6hle, je nach der Richtung und Gr\u00f6sse der forcirteu Drehung des Auges verschieden sein m\u00fcssen. Wendet man z. B. beide Augen stark nach einer Seite, wobei sich das eine Auge nach innen, das andere nach aussen drehen muss, so wird man bei aufmerksamer Beobachtung finden, dass weder die Gestalt noch die Gr\u00f6sse, noch auch die F\u00e4rbung und die Intensit\u00e4t der beiden an den Eintrittsstellen der Sehnerven wahrnehmbaren Lichtph\u00e4nomene vollkommen gleich sind. Wenn man den Versuch bei geschlossenen Augenlidern im Sonnenlichte oder nahe vor der Milchglas-Glocke einer intensiv leuchtenden Lampe ausf\u00fchrt, dann bemerkt man leicht, dass das subjective Licht-ph\u00e4nomen in dem nach innen gewendeten Auge schon bei einer wenig forcirt.cn Seitendrehung der Augen in Form eines Punktes auftritt, der nach innen an Ausbreitung zunehmend, bis zu einer rundlichen, gleicli-m\u00e4ssig blaugcfarbtcn Fl\u00e4che sich ausdehnt ; w\u00e4hrend cs f\u00fcr das nach aussen gewendete Auge einer weit forcir ter en Seitendrehung bedarf, um in der Gegend der Eintrittsstelle des Opticus die subjective Farbenerscheinung, welche sich hier als ein weisslich, blau und heller r\u00f6thlich-orange gesprenkelter, unregelm\u00e4ssiger Fleck von geringerer Gr\u00f6sse als im anderen Auge darstellt, hervorzurufen.\nIch begn\u00fcge mich hier im Allgemeinen auf die Unterschiede der beiden Lichtph\u00e4nomene hingewiesen zu haben, und verzichte auf eine detaillirtc vergleichende Beschreibung derselben, weil icli das Ph\u00e4nomen in dem nach aussen gewendeten Auge zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenem Grade der Drehung allzu wechselnd in Zeichnung und F\u00e4rbung fand.\t,\nL\u00e4sst man mit der forcirteu Drehung der Augen pl\u00f6tzlich nach, so erscheinen an der Stelle der beobachteten, hellere r\u00f6thlich-orange gef\u00e4rbte Flecke, gleichsam subjective Blendungsbilder, welche nach einigen Augenblicken wieder verschwinden : in dem nach aussen gedrehten Auge erscheint das Blendungsbild gew\u00f6hnlich von aussen her durch einen gl\u00e4nzenden halbmondf\u00f6rmigen Strich eingefasst.\nb Stellt man den Versuch in der Dunkelheit an, so treten statt der eben beschriebenen farbigen Flecken bekanntlich feurige Halbkreise und Kreise hervor. Nach Purkynb\u2019s Beobachtung bestehen diese Halbkreise h\u00e4ufig ans mehreren conccntrischcn, durch dunkle Zwischenr\u00e4ume getrennten Lichtstreifen. Ihre Concavit\u00e4t. ist nach derselben Seite gekehrt, nach welcher die beiden Augen gewendet werden.\nSchliessen sich bei foreirtcr Drehung die feurigen Halbkreise zu ganzen Kreisen oder Ringen, so ist die neu hinzu gekommene","page":285},{"file":"p0286.txt","language":"de","ocr_de":"280 Ucbcr die unempfindliche Stelle der Retina im mcnsc,b\u00fcchen Auge.\nH\u00e4lfte gew\u00f6hnlich lichtschw\u00e4cher als die urspr\u00fcngliche, in welcher h\u00e4ufig, namentlich in dem nach aussen gewendeten Ange, sein- gl\u00e4nzende Lichtfunken aufspr\u00fchen.\n\u00bbSehr auffallend und vorl\u00e4ufig unerkl\u00e4rlich ist der Umstand', dass die beiden Lichterscheinungen im Dunkeln fast ganz gleich aus-selien, w\u00e4hrend sic doch hei erleuchtetem Gesichtsfelde (s. oben sub a) so wesentliche Unterschiede zeigen. Hiermit h\u00e4ngt noch die andere \u00bbSchwierigkeit zusammen, wie man es zu erkl\u00e4ren habe, dass die fraglichen Erscheinungen bei erleuchtetem Gesichtsfelde eine fl\u00e4chen\u00ab-f\u00f6rmige, in der Dunkelheit aber eine ringf\u00f6rmige Ausdehnung haben, da doch die mechanische Reizung der optischen Nervcn-Elcmcntc in beiden F\u00e4llen ganz dieselbe ist. Wie der Mangel des objectivai Lichtes in dem einen, das Vorhandensein desselben in dem anderen Falle eine solche Verschiedenheit der Erscheinungen bedingen kann, d\u00fcrfte f\u00fcr jetzt v\u00f6llig unbegreiflich bleiben, da sich die beiden Formen der Ersch einungen nicht etwa wie positive und negative Photographien zu einander verhalten. F\u00fcr jetzt wage ich nur die Vcrmuthung zu \u00e4ussern, dass die optischen Ncrven-Elcmentc durch die Zerrung des \u00bbSehnerven wohl in verschiedene Reizzust\u00e4nde versetzt werden m\u00f6gen, welche in der Dunkelheit nur einfache und gleichartige Lichtempfindungen ausl\u00fcsen, welche aber die Verschiedenheit der Reizung erst qualitativ zu offenbaren und die Mamotte'scIic blinde L\u00fccke mit einem Phantasma zu f\u00fcllen im Stande sind, wenn sie mit der Erregung durch objectives Licht com bi ui rt sind.\nc; \u00bbStellt man den Versuch vor einer nicht allzu grell beleuchteten weissen Wand an, so erscheint in dem nach innen gedrehten Auge ein dunkler ins Gr\u00fcne stechender rundlicher Fleck, in dem nach aussen gedrehten Auge aber ein Fleck von r\u00f6thlichcr Farbe, der nach innen und etwas nach unten von einem dunklen ins Gr\u00fcne ziehenden kleineren Fleck, der bei forcirtcrcr Augendrehung eine halbmondf\u00f6rmige Gestalt annimmt, begrenzt wird. Dieser Halbmond scheint dem feucrigen Halbkreise im finstern Gesichtsfelde zu entsprechen.\nd Was die \u00bbgalvanische Lichtfigur\u00ab und die wichtigen Fragen betrifft, welche ich an diese Erscheinung kn\u00fcpfte, so habe ich cs meiner Augen wegen leider noch immer verschieben m\u00fcssen, weitere und entscheidende Versuche anzustcllcn. Ich bedaure daher um so mehr, dass es Herrn Ruetk1) nicht gefallen hat, die Untersuchung\n1 Bildliche Darstellung der Krankheiten des menschlichen Auges. 1. u. 2. Lieferung. Leipzig 1851, S. 01, Tal'. VllI, Tig. 10 und 11.","page":286},{"file":"p0287.txt","language":"de","ocr_de":"Ucbor die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Aase. 287\nder \u00bbgalvanischen Lichtfigur\u00ab auf dem von mir bezeichnctcn Wege fortzuf\u00fchren, sondern, dass er es vorgezogen hat, die schon von Fvkkyxk viel klarer und ersch\u00f6pfender beschriebenen Erscheinungen, in unvollkommener Weise zu reproducircn '), ohne auch nur Pukkynk's Beobachtungen zu citiren ! Ruhte spricht fast nur von den farbigen Erdichtungen an der Macula lutea. Das Verhalten der Eintrittsstelle des Sehnerven ber\u00fchrt er nur ganz oberfl\u00e4chlich ; ja nach den grell und pr\u00e4chtig, aber unwahr illuminirten Abbildungen Taf. VIII, Fig. X und XI zu urthcilen. ist ihm der schon von Purkyne ausdr\u00fccklich hervorgehobene Gegensatz zwischen Axcnpunkt der Retina und Eintrittsstelle des Sehnerven ganz entgangen !\nUnbegr\u00fcndet und willk\u00fcrlich erscheint es mir \u00fcberdies, wenn Ruhte, a. a. O. S. G2, sagt: \u00bbDie gelbrothc Farbe in der Peripherie der Retina bei der Anwendung der + Elcktrieit\u00fct, ist das Resultat der directen Thiitigkeit der Retina ( ? ), in welche sie durch die unmittelbare Einwirkung der Elcktrieit\u00fct versetzt wird, w\u00e4hrend die blaue Farbe in der Mitte die Folge des Ilervortretcns der Complcmcn-t\u00e4rfarbc an der Stelle ist, die sicli in relativer Ruhe befindet (?). Die Farben bei der Application der \u2014 Elcktrieit\u00fct auf das Auge sind ganz dieselben, wie bei der nur ist die Vertheilung eine andere, indem liier das Centrum erleuchtet (?) ist, w\u00e4hrend in der Peripherie die blaue Complcment\u00e4rfarbc subjectiv (?) hervortritt.\u00ab\nRuhte gibt nicht an, welche Gr\u00fcnde ihn zu der Annahme berechtigen, dass eine der Farben, und dass gerade das Blau eine Contrast far be sei. Das Gegentheil liesse sich eben so gut \u2014 behaupten ! \u2014\n' Ich glaube bezweifeln zu m\u00fcssen, dass Herrn Ruhte die erste Abthcilmig meiner \u00bbPhysiologischen Studien\u00ab erst nach der Vollendung seines Werkes zuge-kounnen ist, doch wage ich nicht, dies mit Bestimmtheit auszuspreelien.","page":287}],"identifier":"lit16169","issued":"1879","language":"de","pages":"279-287","startpages":"279","title":"Ueber die unempfindliche Stelle der Retina im menschlichen Auge (sammt Zusatz)","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:26:11.504978+00:00"}

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