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Eine Modification des Scheiner'schen Versuches (sammt Zusatz)

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{"created":"2022-01-31T16:25:02.004886+00:00","id":"lit16170","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 288-295. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0288.txt","language":"de","ocr_de":"XXII.\nEine Modification des Scheiner\u2019sehen Versuches\n(sammt Zusatz).\n/ Wiener akademische Sitzungsberichte 1854 u. 1855 (Physiologische Studien'.] (Hierzu Fig. 14 u. 15 auf Tal\u2019. 13 und Fig. S u. !) auf Taf. U>).\nSchon im Jahre 1847 halte ich den Scmcmm\u2019sehen Versuch, welcher in der physiologischen Optik so h\u00e4ufig zur Anwendung kommt, auch zur Beobachtung der Farbenmischung in einem Auge eingerichtet und benutzt.\nIch befestigte n\u00e4mlich vor jede Ocffnung des Kartcnblattes ein (Has von bestimmter Farbe. Blickt man durch ein SciiRixKidschcs Doppelloch nach einem hellen Hintergr\u00fcnde, so bemerkt man bekanntlich zwei helle Scheiben. welche sieh mehr oder weniger decken , so dass ein beiden gemeinschaftlicher Kaum vorhanden ist: diesen gemeinsamen Kaum nenne ich das \u00bbInterfcrcnzfcld\u00ab.\nEs versteht sich von selbst, auf welche Art ich durch obige Vorrichtung meinen Zweck erreichte. Jede der beiden hellen \u00bbScheiben erschien in der Farbe des vor die entsprechende Oelfnnng befestigten Glases, \u2014 das Interfcrcnzfcld wurde von beiden Farben bestrahlt, und musste in einer Vittelfarbe erscheinen, um welche cs sich eben handelte.\nZu meiner grossen Verwunderung fand ich, nachdem eine grosse Menge von farbigen Glasplatten durchprobirt worden war, dass nur Roth und Blau ihre Mischfarbe, Violet, gaben, w\u00e4hrend fast alle \u00fcbrigen Grundfarben im Interfcrcnzfcld ein helles Grau meist mit einem Stich ins R\u00fcth liehe oder eine schmutzige Missfarbe erscheinen Hessen.","page":288},{"file":"p0289.txt","language":"de","ocr_de":"Eine Modification des Sclieincr\u2019sclien Versuches.\n289\nDamals scliol) ich diese auffallende Erscheinung auf die Unreinheit der Farben im Glase und vermuthete, dass mit reinen Speetrum-farben Resultate zu erhalten w\u00e4ren, welche der gew\u00f6hnlichen Farbenlehre besser entsprechen sollten. Um Spectrum-Farben zum Versuche anwenden zu k\u00f6nnen, hatte ich mir vorgenommen, zwei kleine um eine horizontale Axc drehbare Glasprismen vor die Oeffmmgen des Karten-blattcs anzubringen, und durch die verschiedene Stellung der Prismen verschiedene Farben durch die Oeffnung des Kartenblattes fallen zu lassen.\nSeither hat bekanntlich Htoi.Hiroi/rz (M\u00fcll. Arch. 1852) seine neue Theorie der zusammengesetzten Farben entwickelt, und die auffallendste, meiner Erfahrungen, dass n\u00e4mlich Gelb und Blau weisslieh Grau und durchaus nicht Gr\u00fcn gab, zu einer allgemein g\u00fcltigen Tliat-saelic erhoben.\nBedeckte ich bloss eine Oclfnung des SciiKiNEit\u2019schcn Doppelloches mit einem farbigen Glase, so erschien mir der dem unbedeckten Loche entsprechende Zerstreuungskreis mit einem zarten Hauche der complement\u00e4rcn Farbe des Glases \u00fcberflogen. Betrachte ich eine Nadel durch ein so vorbereitetes Doppelloch , so erscheint mir ein farbiges Doppelbild derselben und zwar ist das eine Bild von der Farbe des Glases, das andere com p 1 em ent\u00e4 r gef\u00e4rbt.\nDas Belegen der Oeffmmgen des Sciikixku'sehen Do])pelloches mit farbigen Gl\u00e4sern hat, abgesehen von diesen Beobachtungen der Farbenmischung in einem Auge, noch einen anderen Vortheil, und dieser betrifft die Demonstration des Scheinlon\u2019scben Versuches selbst. Betrachtet man n\u00e4mlich eine Nadel, \u00ablie man gegen das Licht h\u00e4lt, durch das farbige\u201cDoppclloch, so erscheint im lnterferenzfeld auch ein farbiges Doppelbild der Nadel und zwar hat das eine der Doppelbilder die Farbe des vor der rechten, das andere die Farbe des vor der linken Oeffnung befestigten Glases. Das Doppelbild, welches der rechts gelegenen Oeffnung seine Entstehung verdankt, erscheint in der Farbe des Glases, das vor der links gelegenen Oe 11 -nnng angebracht ist, und umgekehrt, indem die gegen das Licht betrachtete Nadel zwei .Schattenkegel durch die farbigen Oeffmmgen in das Auge wirft, welche, wenn sic im lnterferenzfeld auf der Retina projicirt werden, und die Farbe ihrer Oeffnung daselbst auf lieben, in der Farbe der andern Oeffnung erscheinen m\u00fcssen. Man ersieht hieraus wie sich unter diesen Umst\u00e4nden ans der Farbe des Doppelbildes unmittelbar bestimmen l\u00e4sst, welcher Oeffnung cs angeh\u00f6rt..\nIn gewisser Entfernung erscheint die Nadel bekanntlich einfach\nCzcrinak, Schriften.\t19","page":289},{"file":"p0290.txt","language":"de","ocr_de":"290\nKino Modification des Sclieinor'schon Versuches.\nund dann ist sie schwarz, weil beide Schattenkegcl auf denselben \u25a0 Punkt der Netzhaut auftreffen und alles Licht daselbst aufheben.\nBetrachtet man durch das farbige Doppelloch statt der Nadel einen feinen Lichtpunkt, so erscheint derselbe als farbiger Doppelpunkt, und zwar geh\u00f6rt der Punkt zur Oeffnung gleicher Farbe. Es sei die rechte Oeffnung des Doppelloches mit einer gelben, die linke Oeffnung mit einer blauen Glasplatte bedeckt, so wird der Gang der Lichtstrahlen, welche von einem Lichtpunkte [A) ausgehen, folgender sein. (Taf. 13, Fig. 14).\nBringt man ein bei A durchl\u00f6chertes Kartenblatt vor die Doppcl-\u00f6ffnung und l\u00e4sst von A zwei feine Strahlenkegel durch die farbigen Gl\u00e4ser bei y und b einfallen, so bildet sich rechts ein gelbes (y), links ein blaues (\u00df) Bild des Punktes A.\nDa die Retina alle Eindr\u00fccke umgekehrt nach aussen setzt, so sehen wir unter diesen Umst\u00e4nden das gelbe Bild links und das blaue rechts, wie die beiden Sehstrahlen anzci gen [\u00df\u00df\\ yy).\nEntfernt man den Punkt A so weit, dass die Vereinigungsweite der Lichtstrahlen vor die Netzhaut fallen, dann erscheint uns das rechte Bild gelb und das linke blau, weil dann die linke Oeffnung ihr Bild objectiv rechts von dem Bilde der rechten Oeffnung auf die Netzhaut wirft, wie Fig. 15 der Taf. 13 zeigt.\nBefindet sich A in der passenden Sehweite, so erscheint ein einfacher Punkt von weisscr Farbe, indem dann das gelbe und blaue Bild auf denselben Netzhautpunkt fallen.\nZusatz.\na) Um mit Bequemlichkeit das SciiEiNEu\u2019sche Doppelloch mit verschiedenfarbigen Gl\u00e4sern zu bedecken und die durch diese Modification erm\u00f6glichten Erscheinungen zu beobachten, habe ich mir folgenden einfachen Apparat construiren lassen. Vgl. Fig. 8 (Taf. Hi). Es ist eine geschw\u00e4rzte Messing-platte, in welcher sich eine quer ovale Oeffnung befindet, an dem Holzstiele S befestigt. An dieser Platte sind 2 um die Punkte A und Ji drehbare Scheiben in der Art befestigt, dass sic sich \u00fcber der Mitte der querovalen Oeffnung ber\u00fchren. Jede der Scheiben tr\u00e4gt knapp an der Peripherie 7 runde Ocffnungen (0, 1, 2, 3, 4, 5, 6), in welchen Gl\u00e4schen von rotlier, oranger, gelber, gr\u00fcner, blauer und violctcr Farbe eingesetzt sind. Die Oeffnung mit dem Zeichen 0 ist leer gelassen. Die abnehmbare Spange I) tr\u00e4gt in ihrem Ringe das in ein St\u00fcckchen Zinnfolie (Stanniol eingestochene Doppelloch. welches so \u00fcber die beiden eingestellten Oeffnungen zu","page":290},{"file":"p0291.txt","language":"de","ocr_de":"Eine Modification des Sclieincr\u2019schen Versuches.\n291\nliegen kommt, dass jedes Loch von einem anderen farbigen Gl\u00e4schen verlegt wird. H\u00e4lt man den Apparat knapp vor ein Auge und blickt nach dem glciehniiissig unnv\u00f6lkten Himmel, so sicht man zwei gef\u00e4rbte Kreise, welche in der Mitte \u00fcber einander greifen und in diesem \u00bbIuterferenzfelde\u00ab eine eigcnth\u00fcmlichc Mischfarbe erzeugen.\nMan kann leicht durch Drehen der die farbigen Gl\u00e4schen tragenden Scheiben alle m\u00f6glichen Combinationen der verschiedenen Farben einstellen, so dass dieser Apparat sehr gut zur Untersuchung der Farbenmischung in einem Auge und subjectiver Farbenerscheinungen u. s. w. gebraucht werden kann. \u2022\nb) Stellt man den Apparat so ein, dass das eine Loch \u00fcber die Hoffnung 1, 2, 3, 4, 5 oder \u00f6, das andere hingegen \u00fcber die Oeffnung o zu liegen kommt, so f\u00e4llt durch das erstere farbiges, durch das letztere weisses Licht ins Auge. Das Intcrfcrenzfeld wird dann von weissem und farbigem Lichte zu gleicher Zeit bestrahlt. Unter diesen Umst\u00e4nden erscheinen die Nctzhautstellen, welche nur von weissem Lichte getroffen werden, wie ich bereits mitgetheilt habe, nicht rein weiss, sondern complcmcnt\u00e4r gef\u00e4rbt zu der Farbe des angewendeten Glases, vgl. Fig. 9 (Taf. 1(5). Daher ist sowohl die ganze kreisf\u00f6rmige Fl\u00e4che, welche dem das weisse Licht durchlassenden L\u00f6chelchen entspricht, bis auf das Intcrfcrenzfeld, das mit einem Hauch der Farbe des angewendeten Gl\u00e4schens \u00fcberzogen ist, complcmcnt\u00e4r dazu gef\u00e4rbt, als auch jede Stelle des Interferenzfeldes, an welcher ein durch das gef\u00e4rbte L\u00f6chelchen einfallcnder Schatten die gef\u00e4rbten Strahlen eliminirt und die weissen allein Zur\u00fcckbleiben.\nDas letztere findet statt, wenn man eine Nadel, welche sich diesseits oder jenseits des Accommodationspunktes befindet, gegen einen hellen Hintergrund^ am besten gegen den umw\u00f6lkten Himmel gehalten, betrachtet. Die Nadel wirft dann durch jedes L\u00f6chelchen ein Schattenbild auf das Intcrfcrenzfeld. Das eine Schattenbild hebt die farbigen, dass andere die weissen Strahlen an den getr\u00f6denen Netzhautstellen auf, welche daher im ersten Falle nur durch die weissen, im zweiten nur durch die farbigen Strahlen erregt werden, so dass das eine Bild der Nadel in der Farbe des angewendeten Gl\u00e4s-chens, das andere hingegen complcmcnt\u00e4r gef\u00e4rbt erscheint.\nDiese subjectiv auftretenden complement\u00e4ren F\u00e4rbungen finden durch das Princip des Contrastes ihre ungezwungene Erkl\u00e4rung, welche Br\u00fccke ') mit gewohnter Klarheit folgcndermasscn ausgef\u00fchrt hat :\n1 Br\u00fccke : \u00bbUntersuchungen \u00fcber subjective Farben\u00ab. Denkschr. <1. msith.-naturw. Classe \u00fc. kais. Akad. d. Miss, in Wien. I3d. III, ls\u00f6l.\n19*","page":291},{"file":"p0292.txt","language":"de","ocr_de":"292\nEine Modification des Scheinor sclien Versuches.\n\u00bb Wenn sich mm gleich in der physikalischen Theorie der l|arhen\\ durchaus kein Anhaltspunkt findet, um die Coinplement\u00e4rfarben an und f\u00fcr sielt als Gegens\u00e4tze zu betrachten, so ist cs doch auf der anderen Weite unzweifelhaft, dass sie f\u00fcr die subjective Anschauung Gegens\u00e4tze bilden, indem sic sich neben oder nach einander empfunden verst\u00e4rken; wenn aber ihre Eindr\u00fccke im Wcnsorium einander decken, sieh gegenseitig zerst\u00f6ren, und cs l\u00e4sst sicli leicht die Mechanik aufdecken, durch welche uns eine Farbe so afficiren kann, dass wir ihren Gegensatz, ihr Complement zu sehen glauben, wenn dasselbe weder objectiv, noch als Erregungszustand in den peripherischen Thcilcn unserer Bchnervcn-Elemcnte existirt. Wenn wir angeben, dass \u00fcberhaupt irgend eine Farbe vorhanden sei, so sagen wir damit, dass die Eichtwcllcnsystcmc verschiedener Wchwingungsdauer nicht in solchen Amplituden mit einander combinirt sind, dass sie sich unter einander zu Weiss oder Grau ncutralisircn. Unser ganzes llrthcil filter Farben muss also wesentlich von der Vorstellung abh\u00e4ngen, welche wir vom neutralen Grau oder, wenn cs sicli um h\u00f6here Lichtintensi-t\u00e4ten handelt vom reinen Weiss haben. Wenn das Gcd\u00e4chtniss in unseren Winnen ein absolutes und mithin die Vorstellung vom Weiss in uns eine unwandelbare w\u00e4re, so w\u00fcrden wir auch immer richtig \u00fcber die Farben urtheilcn, d. h. wir w\u00fcrden Gr\u00fcn f\u00fcr gr\u00fcn, Roth f\u00fcr rotli etc. erkl\u00e4ren. Dem ist aber nicht so ; verm\u00f6ge der Unvollkommenheit unseres sinnlichen Ged\u00e4chtnisses nennen wir zu verschiedenen Zeiten Dinge weiss, welche sich neben einander als h\u00f6chst verschiedenfarbig erweisen. W\u00e4ren wir nun disponirt, ein Licht weiss zu nennen, welches z. 11. einen Ucbcrschuss an Gr\u00fcn enth\u00e4lt, so w\u00fcrden wir zu derselben Zeit das reine Weiss f\u00fcr rotli erkl\u00e4ren, und wiederum ein andermal k\u00f6nnten wir dieses selbe reine Weiss f\u00fcr gr\u00fcn erkl\u00e4ren, wenn wir disponirt w\u00e4ren, ein Licht mit einem Ueberschussc an rotlicn \u00bbStrahlen f\u00fcr weiss zu halten.\n\u00bbEs ist nun hinreichend bekannt, dass wenn wir pl\u00f6tzlich eine grosse Menge farbigen Lichtes auf unsere Augen wirken lassen, z. 11. wenn wir durch ein farbiges Gl\u00e4schen sehen, die Farbe desselben im ersten Augenblicke mit der vollen Energie auf uns wirkt, diese aber von Moment zu Moment abnimmt und zwar in solchem Maasse, dass Leute, welche eine farbige Grille tragen, oft nachdem sic dieselbe kurze Zeit vor den Augen gehabt haben, sich nicht mehr deutlich bewusst sind, dass sie die Gegenst\u00e4nde in anderen als in den nat\u00fcrlichen Farben scheu. In demselben Maasse aber, in dem f\u00fcr uns die Energie des Farbeneindruckes verloren geht, muss offenbar auch unsere \\ orstellung vom \\\\ eiss ver\u00e4ndert werden, und wir werden des-","page":292},{"file":"p0293.txt","language":"de","ocr_de":"Eine Modification des Soheiucr sehen Versuches.\n293\nhalb unmittelbar disponirt, das reine Weiss oder das neutrale (\u00abrau, fiir eomplcment\u00e4r gef\u00e4rbt zu halten, ja wenn die Verschiebung unserer Vorstellung von Weiss bedeutend ist, so kann uns sogar ein gef\u00e4rbter Gegenstand in der zu seiner wahren Farbe complemcnt\u00e4rcn erscheinen. Denke Ich mir z. 15. ich sehe durch ein rein gr\u00fcnes Glas und die Energie des Eindruckes dieser Farbe sei schon so gesunken, dass icli gemischtes Licht mit einem betr\u00e4chtlichen Uebersehuss von Gr\u00fcn schon f\u00fcr weiss erkl\u00e4ren w\u00fcrde, so m\u00fcsste ich offenbar ein anderes gemischtes Lieht, in dem ein geringerer Uebersehuss von Gr\u00fcn vorhanden w\u00e4re, schon f\u00fcr rotli erkl\u00e4ren, obgleich ich im Normalzust\u00e4nde meiner Empfindungen keinen Augenblick angestanden haben w\u00fcrde, es gr\u00fcn zu nennen. Auf diese Weise glaube ich, erkl\u00e4ren sich am ungezwungensten die oben tingef\u00fchrten Beobachtungen.\u00ab\nBeil\u00e4ufig erlaube ich mir hier darauf aufmerksam zu machen, dass Bii\u00fccku durch die citirtc Auseinandersetzung eine h\u00f6chst interessante Analogie zwischen den Gesichtsempfindungen und den W\u00e4rmc-und K\u00e4lteempfindungen, welche, wie E. 11. Wkiikii gezeigt hat, ebenfalls nach einem subjcctivcn, ver\u00e4nderlichen Maassstabe bcurtlieilt werden, aufgedeckt hat. Je nachdem der Nullpunkt unseres subjcctivcn Thermometers in der einen oder der anderen Lichtung verschoben ist, erkl\u00e4ren wir bekanntlich eine und dieselbe objective Temperatur bald f\u00fcr warm, bald f\u00fcr kalt u. s. w. Ich m\u00f6chte behaupten, dass man unter den Th\u00e4tigkeitserselicinungen der \u00fcbrigen Sinne ebenfalls analoge Verh\u00e4ltnisse finden w\u00fcrde, wenn man unter den Geruchs-, Geschmacks- und Geh\u00f6rs-Empfindungen solche subjective Gegens\u00e4tze oder Complcmente, wie unter den Empfindungen des Temperatur- und Gesichtssinnes entdecken k\u00f6nnte. F\u00fcr das Geh\u00f6r findet sich im Leiche der musikalischen T\u00f6ne nichts destoweniger, wie ich glaube, eine entfernte Analogie.\nEs ist n\u00e4mlich bekannt genug, dass derselbe Ton, derselbe Accord bald einen angenehmen, harmonischen, bald einen unangenehmen disharmonischen Eindruck macht. Spielt oder singt man z. B. die G-ditr Tonleiter, so ist man gen\u00f6thigt die siebente Stufe von /'auf fis zu erh\u00f6hen, weil unserem Geh\u00f6r die Tonfolge efy in der diatonischen G-dur Tonleiter widerstrebt. Dieselbe Tonfolgc efy befriedigt uns aber vollst\u00e4ndig, wenn wir die Tonleiter statt mit G mit G beginnen, ja, nachdem wir die C-dur Tonleiter gespielt oder gesungen haben, k\u00f6nnen wir auch die Octave von G bis # h\u00f6ren lassen und/' statt fis intoniren, ohne dass unser Geh\u00f6r den geringsten Anstoss daran nimmt. Die musikalische Geltung eines 'F\u00f6nes oder Accordes wird eben nach dem Grundton oder der Touica bcurtlieilt, desshalb \u00e4ndert","page":293},{"file":"p0294.txt","language":"de","ocr_de":"294\nEine Modification des Scliciner'sclien Versuches.\nI\nsich jene Geltung f\u00fcr dieselben objectivcn T\u00f6ne und deren melodisch^ oder harmonische Combinationen, je nachdem die subjective Auffassung diesen oder jenen Ton als Grundton festh\u00e4lt. \u2014\nDas eine der im Intcrfercnzfcldc entstehenden complement\u00e4r zu einander gef\u00e4rbten Doppelbilder einer Nadel (vergl. oben sub b geh\u00f6rt unter die Erscheinungen der farbigen Schatten, welche man gew\u00f6hnlich auf andere Weise hervorzurufen pflegt. Unter den Bedingungen meines oben angef\u00fchrten Versuchs tritt die subjective F\u00e4rbung des Schattens mit gr\u00f6sster Kcinheit und Intensit\u00e4t hervor, so dass sich der angegebene Versuch vor den anderen Arten, farbige Schatten zu erregen, zur Demonstration besonders empfiehlt.\nWas die Erscheinung selbst angeht, so k\u00f6nnen wir uns die Frage stellen: \u00bbob der Farbe des Schattens wirklich der Erregungszustand der betreffenden Netzhautstelle entspreche oder nicht\u00ab und werden dieselbe mntulis mutandis mit Br\u00fccke (a. a. <)., folgcndcrmaassen er\u00f6rtern: \u00bbBetrachte ich den rothen Schlagschatten, welchen ein K\u00f6rper hinter einer gr\u00fcnen Glastafel auf einen weissen Grund wirft, so ist sicher, dass das dem Schatten entsprechende Netzhautfeld nicht von rotlicm sondern nur von neutralem weissem, grauem) Lichte erregt wird. Ich kann auch nicht annehmen, dass das gr\u00fcne Licht auf diesem Netzhautthcile roth inducirt ; denn Gr\u00fcn inducirt, wie wir oben gesehen haben, nicht die ihm compleuicnt\u00e4re, sondern die ihm gleiche Farbe. Man kann also nur annchmen, entweder, dass der Erregungszustand jenes Netzhautfeldes der Wirkung des neutralen Lichtes entspricht, und nur die durch das gr\u00fcne Licht in unserem Scnsorium hervorgebrachte Verstimmung bewirkt, dass wir ihn als Both empfinden, oder dass das gr\u00fcne Licht die Netzhaut so ver\u00e4ndert, dass die von ihm nicht getroffenen Stellen von neutralem Licht in einen Erregungszustand versetzt werden, der dem Both entspricht. Da wir aber oben gesehen haben, dass wir in F\u00e4llen, in welchen der Erregungszustand eines Netzhautfeldes sicher nur dem Grau oder gar dem Graugr\u00fcn entspricht, lediglich durch die Verstimmung unseres Sensoriums Both empfanden, so w\u00fcrde die letztere der beiden Annahmen eine unn\u00f6thige und durch nichts gerechtfertigte Hypothese sein. Dasselbe, was \u00fcber die rothen Schatten im gr\u00fcnen Lichte gesagt ist, gilt von den gelben Schatten im violetcn Lichte. Bei den gr\u00fcnen Schatten im rothen Lichte kann man allerdings darauf rechnen, dass das Both auf dem dem Schatten entsprechenden Thcile der Netzhaut das ihm complement\u00e4re Gr\u00fcn inducire, aber man darf dies nicht auf andere Farben \u00fcbertragen, che man sich auf die oben von mir beschriebene Weise \u00fcberzeugt hat.","page":294},{"file":"p0295.txt","language":"de","ocr_de":"Eine Modification des Sclieinei-\u2019schen Versuclies.\n295\n(lass sie wirklich im Stande sind, ihre Complement\u00e4rfarben zu induciren.\u00ab\nAnmerkung. Nachdem ich bereits diese Zus\u00e4tze vollendet hatte, kamen mir die Verhandlungen der naturf. Oeselisch, in Basel 1854, 1. Heft in die ll\u00e4nde, worin sich ein interessanter Aufsatz von Fr. Burckiiardt : \u00bbUebcr Binoeularsehcn\u00ab (S. 123) findet. Ich habe f\u00fcr jetzt weder Zeit noch Kaum, um genauer auf diese Arbeit eiugehcn zu k\u00f6nnen und muss mich darauf beschr\u00e4nken zu bemerken, (hiss Bubokiiardt auf \u00e4hnliche Versuche \u00bb\u00fcber den Zusammenhang zwischen Accommodation und Augcristellung\u00ab gekommen ist, wie ich, dass wir aber nichts destoweniger in manchen Punkten nicht unbedeutend von einander abweichen.","page":295}],"identifier":"lit16170","issued":"1879","language":"de","pages":"288-295","startpages":"288","title":"Eine Modification des Scheiner'schen Versuches (sammt Zusatz)","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:25:02.004891+00:00"}

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