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{"created":"2022-01-31T16:13:33.750468+00:00","id":"lit16175","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 358-366. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0358.txt","language":"de","ocr_de":"XXVIII.\nlieber das sogenannte Problem des \u201eAufrechtsehens\u201c,\n[ Wiener akademische Sitzungsberichte iS\u00f6\u00f6 Physiologische Studien).]\nHierzu Fig. 2'und \u00f6 auf Tafel lit,.\nZur Zusammenstellung; der folgenden Bemerkungen, welche ich irn Wesentlichen bereits im Jahre 1850 in der W\u00fcrzburger Aula als quaestio promovendi \u00f6ffentlich vorgetragen habe, bin ich durch eine kurze Notiz von Ludwig Fick M\u00fcll. Arch. 1854, S. 220) veranlasst worden; indem dieselbe den vorliegenden Gegenstand, anstatt ihn seiner endlichen Erledigung n\u00e4her zu bringen, wieder in jene heillose Verwirrung zur\u00fcckzuwerfen droht, welche die Bem\u00fchungen Volk-.uann\u2019s und Lotze\u2019s f\u00fcr alle Zukunft beseitigt zu haben schienen.\nFick begn\u00fcgt' sich n\u00e4mlich nicht nur die alte Ansicht von der umgekehrten Einpflanzung der Retinalelemente in jenen Leibestheil, in welchem die Seele wohnt, \u2014 allerdings mit anerkennungswerther Entschiedenheit und Sch\u00e4rfe \u2014 einfach aufzuw\u00e4rmen : \u2014 und das ist docli kein Fortschritt! sondern er meint damit wofern icli ilm richtig verstanden habe , sogar auch den ^tats\u00e4chlichen Parallelismus des Gesichtssinnes und des Tastsinnes im Urtheil \u00fcber die Lage der Objecte ersch\u00f6pfend erkl\u00e4rt zu haben, was eben als ein gef\u00e4hrlicher R\u00fcckschritt bezeichnet werden muss und um so \u00fcberraschender ist, als eine Erneuerung dieses Irrthums nach dem. was Volkmann 1 von der \u00bbRichtung der Gesichtsobjecte\u00ab gelehrt hat, in der That unbegreiflich erscheint.\nFick ignorirt ganz und gar, dass die Vorstellung von der Richtung der Gesichtsobjecte erwiesenermaassen wesentlich aus dem Bewusstsein der Muskelbewegung resultirt, welche die Augen auf das\n1 Handw\u00f6rterbuch d. Phys. Art. \u00bbSehen\u00ab, S. '!4ti\u2014:U(>.","page":358},{"file":"p0359.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber \u00ablas sogenannte Problem des Aufrechtsellens.\n359\nfixirtc Object einstcllt, mul. dass wir dein Oben und Unten erst, nachdem wir die ver\u00e4nderlichen Lagen unseres eigenen K\u00f6rpers beur-theilen gelernt haben, eine von unserer momentanen wirklichen \u00bbStellung unabh\u00e4ngige Bedeutung geben k\u00f6nnen, indem wir cs auf die vorgestellte aufrechte K\u00f6rperstellung reduciren ! \u2014 Uebrigens ist es durchaus nicht meine Absicht im Folgenden die ganze Angelegenheit von A bis -Q noch einmal zu er\u00f6rtern und das, was bereits an andern Orten und viel besser, als ich es verm\u00f6chte, gesagt ist, zu reproduciren. Es gen\u00fcge in diesem Bezug die Hinweisung auf Volk-maxx und Lotze1). Ich will liier nur einen dunklen Punkt, den Einzigen, der, wie ich glaube, noch immer nicht als erledigt betrachtet werden kann, aufzuhellen versuchen.\nDieser Punkt bezieht sich auf den \u00bb Grund aller Irrtlnimer \u00ab, als welchen Lotze das bekannte Vorurtheil bezeichnet \u00bbals l\u00e4ge in der wirklichen Stellung des Netzhautbildes f\u00fcr sich allein schon ein Motiv f\u00fcr die Seele, es in gleicher Lichtung wahrzunehmen,\u00ab \u2014 in Folge dessen man sich einbildet, \u00bbweil auf der Betina das Bild des Fuss-punktes der Objecte der Stirn n\u00e4her liege, m\u00fcsse es auch im empfundenen \u00bbSehfeld ihr n\u00e4her also oben erscheinen\u00ab \u2014 und davon spricht, \u00bbdass das Netzhautbild u m gekehrt'2 werden m\u00fcsse, gleich als w\u00e4re seine wirkliche Lage durch ihr blosses Dasein schon f\u00fcr die Seele nicht nur von Bedeutung \u00fcberhaupt, sondern als bildete sie sogar eine Art von Hinderniss f\u00fcr das Aufrechtsehen, das durch eine besondere Anstrengung der \u00bbSeele hinwegger\u00e4umt werden m\u00fcsse.\u00ab\nLotze fertigt dieses Vorurtheil durch einige Bemerkungen, die sicli aus seinen Grundprincipien ergeben, sehr kurz ab, w\u00e4hrend es Voekmanx ganz umgeht; allein diese Behandlung eines Punktes, welcher als \u00bbGrund aller Irrthtimer\u00ab bezeichnet worden ist, r\u00e4cht sicli an den Erkl\u00e4rungsversuchen der beiden ber\u00fchmten Forscher.\nIch bin wenigstens \u00fcberzeugt, dass es der oberfl\u00e4chlichen Behandlung dieses Punktes allein zuzuschreiben ist, dass die \u00fcbrigens eben\n1\tMed. Psychologie 1S52, S. 302\u2014309.\n2\tBei dieser Gelegenheit kann ich cs nicht unterlassen, wie sch\u00f6n fr\u00fcher einmal, an die Bedeutung der \u00bbVorstudien zur Topologie von J. B. Listing (abgedruckt aus den G\u00f6ttinger Studien, 1S47; G\u00f6ttingen bei Vaudenhoeck undRuprecht 1$4$) f\u00fcr die naturwissenschaftliche Terminologie aufmerksam zu machen, indem sie wahrhaft unentbehrlich sind, um den Sinn gewisser topologischer Ausdr\u00fccke, wie, \u00bbumgekehrt\u00ab, \u00bbverkehrt\u00ab, \u00bbverkehrt und umgekehrt zugleich\u00ab .... etc., die in der Sprache des gemeinen Lebens der Pr\u00e4eision entbehren, und manchmal selbst von den M\u00e4nnern der Wissenschaft, wie z. B. von Pick a. a. 0., und selbst von Lotze a. a. 0., S. 369, unrichtig angewendet werden, f\u00fcr den wissenschaftlichen Gebraiu h festzustellen.","page":359},{"file":"p0360.txt","language":"de","ocr_de":"360\tUeber das sogenannte Problem des Aufrechtsehens,,\nso klaren und scharfsinnigen, als ersch\u00f6pfenden und gr\u00fcndlichen Auseinandersetzungen Volkmaxn\u2019s und Lotze\u2019s die Leser doch nicht ganz befriedigt haben und nicht befriedigen konnten, da es sich hier um ein allerdings nur halbverstandenes und unexact ausge-dr\u00fccktes, aber vollkommen berechtigtes Moment handelt, das sieli nicht bei Seite schieben, sondern nur durch ausdr\u00fcckliche Anerkennung erledigen lasst.\nDiese dunkle L\u00fccke in den von Yolkmaxn und Lotzk versuchten L\u00f6sungen des Problems will ich nun in den folgenden Zeilen ausf\u00fcllen, indem ich mich bem\u00fchen werde jenes Vorurtheil sammt seinen Conse-quenzen zu erkl\u00e4ren und zu erledigen, d. h. aufzudecken, welches berechtigte Moment ihm versteckt zu Grunde liegt, zu zeigen wie es entsteht und endlich den Th eil Wahrheit, den es enth\u00e4lt, in den Erk 1 \u00fcrungsversuchen f\u00fcr immer zur Geltung zu bringen. \u2014\nNach einem hinreichend allgemeinen von allen Physiologen \u00bballer Farben\u00ab zugegebenen Ausgangspunkt mich umsehend, f\u00e4llt mir die folgende \u00bbStelle der vortrefflichen Med. Psychologie von Lotzk S. 362) in die Augen: \u00bbMan k\u00f6nnte behaupten, jede Netzhautfaser \u00fcbe verm\u00f6ge der Lage 1 ihrer centralen Endigungsstelle im Gehirn einen ihr ganz allein eigenth\u00fcmlichen Einfluss auf die Seele aus, und erzwinge demgem\u00e4ss auch die bestimmte Localisirung ihrer Empfindung\u00ab.\nAn diesen Satz. gegen den hoffentlich Niemand etwas einzuwenden haben wird. will ich meine weiteren Bemerkungen ankn\u00fcpfen und sogleich hervorheben, dass er mit gleicher Berechtigung und Sicherheit hinsichtlich der Nerven des Tastorgans und der durch diese vermittelten Empfindungen gilt.\nAuch die centralen Endigungsstellen der Ta st nerven m\u00fcssen im Gehirn solche Lagen haben, dass sie verm\u00f6ge derselben einen jeder von ihnen eigenth\u00fcmlichen Einfluss auf die Seele aus\u00fcben und demgem\u00e4ss auch die bestimmte Localisirung ihrer Empfindung erzwingen k\u00f6nnen.\nDa nun aber durch einen bekannten sein- einfachen Versuch2)\n1 Es ist kaum noting, um Missverst\u00e4ndnisse zu verh\u00fcten, daran zu erinnern, dass hier unter \u201cLage\u00ab ganz allgemein irgendwelche bestimmte organisch begr\u00fcndete Beziehungen und nicht etwa ausschliesslich nur einfach topologische positorische Beziehungen zu verstehen seien !\n- Der Versuch, auf welchen ich mich hier beziehe, ist neuerlich ineinemdick-leibigen Werke von Serres d Uz\u00c8s Sur les phosph\u00e8nes. Paris 1853) mit grosser Weitschweifigkeit behandelt worden und besteht wesentlich darin, dass man mit einem festen K\u00f6rper, einer stumpfen Bleistiftspitze z. B. durch die geschlossenen","page":360},{"file":"p0361.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das sogenannte Problem des Aufrechtsehens.\n361\nerwiesen werden kann, dass ein diametraler Gegensatz zwischen der Localisirung der durch die Retina und der durch das Tastorgan vermittelten Empfindungen existirt : so ergibt sich mit Nothwendigkeit die allgemeine F o r d e r u n g. dass a u c h die \u00bb L a g e \u00ab d e r centralen Endigungsstellen der Seh- und der Tastnervenfasern eine in dieser Beziehung entgegengesetzte sein m\u00fcsse.\nDiese allgemeine und unbestreitbare Forderung ist es. welche nach meiner Meinung jenes vollkommen berechtigte, von Lotze und Volkmann nicht hinreichend gew\u00fcrdigte Moment darstellt, welches in dem oben ger\u00fcgten Vorurtheil enthalten ist.\nVie nun diese Forderung in dem immer wiederkehrenden Gedanken an die Nothwendigkeit einer Umkehrung des Netzhautbildes ihren unexacten Ausdruck finden konnte. leuchtet sofort ein. wenn man bedenkt, dass wir gewohnt sind von den Wahrnehmungen des 'fast- und Muskelgef\u00fchls anzunehmen, dass sie uns bei nat\u00fcrlicher Stellung der peripherischen Eindr\u00fccke, auch eine vollkommen richtige und entsprechende Auskunft \u00fcber die wirklichen Lagenverh\u00e4ltnisse der Dinge geben. Denn es muss uns, da wir das Gleiche von den Wahrnehmungen des Gesichtssinnes stillschweigend voraussetzen, zugleich aber mit Sicherheit wissen. dass die Netzhautbilder eine umgekehrte Lage haben, nat\u00fcrlicherweise die umgekehrte Lage der Netzhautbilder in dieser Beziehung, als ein Hinderniss f\u00fcr das Aufrechtsehen erscheinen und zu dem Gedanken verleiten, dass in dem Bewusstsein eine \u00bbunmittelbare N\u00f6thigung\u00ab liege, welche die Umkehrung der umgekehrten Netzhautbilder vollbringt.\nHiermit d\u00fcrfte die Entstehung des ger\u00fcgten Vorurtheiles hinreichend erkl\u00e4rt sein und \u2014 um die Aufgabe, welche ich mir gestellt habe, vollst\u00e4ndig zu l\u00f6sen \u2014 bleibt nur noch \u00fcbrig der von mir for-mulirten und oben ausgesprochenen allgemeinen und berechtigten\nLider hindurch einen massigen und umschriebenen Druck auf das Auge ausiibt, welcher sowohl die Lider als die Retina an gleicher Stelle trifft und demgem\u00e4ss auch gleichzeitig zwei Empfindungen, eine Tastempfindung Druckbildj und eine Lichtempfindung (Phosphen) erregt, welche eine Vergleichung ihrer gegenseitigen Position gestatten. Vergleicht man nun wirklich die Localisirung dieser Empfindungen, so \u00fcberzeugt man sich leicht, dass beiderlei Bilder auf entgegengesetzten Seiten der Seliaxe liegen. Dr\u00fcckt man n\u00e4mlich mit dem Bleistift im Dunkeln, das geschlossene Auge von oben , so f\u00fchlt man den Druck oben, w\u00e4hrend das Lichtbild unten erscheint, dr\u00fcckt man hingegen den unteren Theil der Lider und der Netzhaut, so f\u00fchlt man den Druck unten, das Lichtbild erscheint oben u. s. w.","page":361},{"file":"p0362.txt","language":"de","ocr_de":"362\nlieber das sogenannte Problem des Aufrechtschens.\nForderung, welche jenem Vorurtheil versteckt zu Grunde liegt, in den Erkl\u00e4rungsversuchen des Problems Gen\u00fcge zu leisten.\nUm diese Angelegenheit zu erledigen, bin ich gezwungen auf die beiden, schroff sich gegen\u00fcber stehenden Grundansehauungen \u00fcber das Wesen der Seele einzugehen, da es mir nicht einfallen kann, die grosse Streitfrage der Zeit, welche von beiden Anschauungen die alleinseligmachende, einzig richtige sei ? hier entscheiden zu wollen.\n1.\tIst man, wie Fick , \u00fcberzeugt, dass die Seele, wenigstens in Beziehung auf ihre Empfindungsf\u00e4higkeit ein Kaum sei, in welchen hinein sieh die r\u00e4umlichen Bilder begeben, um da Platz zu nehmen, und setzt man \u2014 nicht stillschweigend wie bisher, sondern ausdr\u00fccklich \u2014 voraus, dass die Bilder des Tastorgans in derselben Lage von der tastenden Fl\u00e4che bis zur Seele fortr\u00fccken; so wird man auch, in Folge unserer allgemeinen Forderung, anzunehmen sich gezwungen sehen, dass das Netzhautbild im Verlauf des Sehnerven um ISO\" um seine Axe gedreht werden m\u00fcsse, d. h. dass die Einpflanzung der Ketinae 1 emente in den Leibesthei 1, in we 1 chem die Seele wohnt, die umgekehrte als in der Retina sein m\u00fcsse.\nDenn es ist nichts als wohlfeiler Spott, es plausibler oder \u00bbgeistreicher\u00ab und durch seine \u00bbUngew\u00f6hnlichkeit\u00ab anziehender finden zu wollen, wenn man das Nctzhautbild parallel mit sich zum Gehirn fort-schreiten liesse, daf\u00fcr aber der Seele eine umgekehrte Stellung im Sehhirn g\u00e4be oder wenn man das Tastbild statt des Retinabildes auf dem Wege'von der Peripherie zum Centrum eine Umkehrung erleiden liesse !\nUnter den gemachten Voraussetzungen ist also Das, was oben nach Lotzk als ein Vorurtheil bezeichnet wurde, gar kein Vorurtheil, sondern eine noth wen di ge C on sequenz, und ist mau offenbar gezwungen die alte von Fick neuerdings vertretene Erkl\u00e4rung des \u00bbAufrechtsehens\u00ab der umgekehrten Netzhautbilder anzunehmen \u2014 ohne noch desshalb, wie Fick vgl. den Eingang der Abhandlung , in jenen, ebenfalls alten Irrthum verfallen zu m\u00fcssen, dass damit zugleich auch schon Das erkl\u00e4rt sei. was Einige \u00bbdie Richtung des \u00bbSeliens\u00ab nennen.\n2.\tWenn man aber glaubt, dass es hinreicht \u00bban die bodenlose Ungereimtheit erinnert zu haben, die noch immer ohne die mindeste \\ orstellung von dem. was Empfinden oder Wahmehmen heisst, sich in der Erkl\u00e4rung der psychischen Erscheinungen ergeht\u00ab, um die eben er\u00f6rterten Vorstellungen \u00fcber das Wesen der \u00bbSeele zu beseitigen; wenn man annimmt, dass, um \u00fcberhaupt wahrgenommen werden zu","page":362},{"file":"p0363.txt","language":"de","ocr_de":"Ucber das sogenannte Problem des Aufreehtschens.\n;u>:i\nk\u00f6nnen, jedes r\u00e4umliche Bild, welches in den \u00e4usseren Sinnen ist, in eine Summe \u00bbintensiver Erregungszust\u00e4nde der Seele\u00ab \u00fcbergehen muss, \u00bbdie weder relative Lagen Verh\u00e4ltnisse unter einander mehr haben, noch zusammengenommen eine Lage gegen aussen\u00ab; dann kann man freilich auch von einer Umkehrung des Netzhautbildes, buchst\u00e4blich genommen, wie vorhin sub 1, nicht mehr sprechen, obschon diesen Worten nichts destoweniger ein gewisser Sinn bleibt, denn cs gilt auch hier die Frage: Welche Beziehung existirt zwischen der objectivcn R\u00e4umlichkeit der Retinafl\u00e4che und der wahrgenommenen R\u00e4umlichkeit des Sehfeldes, oder anders ausgedr\u00fcckt,\u2022 welche Position nimmt das gesehene Bild zu dem obj ectiven Bild oder Reiz auf der Netzhaut ein ?\nDiese Frage darf gestellt werden, weil wir unsere Vor st el-1 u n g von der wirklichen Lage der gereizten Netzhautpunkte, \u00fcber welche uns sowohl das Tast- und Muskelgef\u00fchl, als gewisse physikalische Betrachtungen sicheren Aufschluss geben, mit der Localisirung der durch dieselben vermittelten Lichtempfindungen vergleichen k\u00f6nnen; und sie muss gestellt werden, weil wir zwischen zwei an sich m\u00f6glichen Beantwortungen zu entscheiden haben.\nEs kann n\u00e4mlich jede Erregung eines diesseits der Sehaxe gelegenen Netzhautpunktes einen Einfluss auf die Seele aus\u00fcben, verm\u00f6ge dessen das durch sie erlangte Bild sich mit einem Raumpunkte associirt. der im Raumbilde entweder jenseits oder ebenfalls diesseits der Sehaxe, deren Richtung uns immer genau bekannt ist, liegt.\nDie Gelegenheit zur exacten Ermittelung dieser so zu sagen topologischen Beziehungen findet sich in jenem, oben citirten bekannten Versuche, wo die unmittelbare Vergleichung der Localisation eines Druck- und eines Lichtbildes, welche durch einen und denselben Eindruck an Orten des Tastorganes und der Retina, die, gegenseitig sich deckend, beide auf derselben Seite der Sehaxe liegen, erregt werden, und ferner in dem folgenden ebenfalls bekannten Versuche.\nMan steche mit einer Nadel ein feines L\u00f6chelchen in ein Kartcn-blatt und halte dasselbe gegen einen hellen Hintergrund in solcher Entfernung vom Auge. dass es diesseits des Accommodationspunktes zu stellen kommt, so f\u00e4llt die Vereinigungsweite der durch das L\u00f6chelchen hindurchtretenden Strahlen hinter die Netzhaut, auf die Netzhaut aber ein Zerstreuungskreis. Vgl. Taf. 19. Fig. 2 ;. Schiebt man nun ein zweites Kartenblatt ganz nahe am Auge von einer beliebigen Seite gegen die Mitte der Pupille vor, so wird der Zerstreuungskreis auf der Retina von derselben Seite her verdunkelt vgl.","page":363},{"file":"p0364.txt","language":"de","ocr_de":"3(54\tUeber das sogenannte Problem des Aufrechtsehens.\nTaf. 19. Fig. 2 , w\u00e4hrend der gesehene Zerstreuungskreis von der diainetralentgegengesetzteu Seite'her sich verdunkelt.\nBefindet sich das L\u00f6chelchenjenseits des Accommodatiouspuuktes, so f\u00e4llt abermals ein Zerstreuungskreis auf die Netzhaut, in diesem Falle jedoch nicht weil die Lichtstrahlen hinter, sondern vor der Retina im Punkte 0 Taf. 19. Fig. 3 ihre Vereinigung finden. Schiebt man jetzt das zweite Kartenblatt wieder gegen'die Pupille vor, so wird der Zerstreuungskreis auf der. Retina, wie Fig. 3 lehrt, von der entgegengesetzten Seite verdunkelt werden, w\u00e4hrend man nichts destoweniger den Zerstreuungskreis im Sehfelde sich von derselben Seite lier verdunkeln sieht, von welcher das zweite Kartenblatt gegen die Mitte der Pupille vorgeschoben wird.\nEs unterliegt somit nicht dem leisesten Zweifel, dass von den beiden oben aufgestellten M\u00f6glichkeiten die erste wirklich rea-lisirt ist. Abgesehen von dieser experimentellen Beantwortung der Frage, kann man auch durch eine sehr einfache Ueberlegung. a priori zu der festen l eberzeugung gelangen, dass bei der bestehenden Organisation unseres Auges und bei der beabsichtigten Harmonie der Localisation durch das Sehen mit der d u r c h Muskel- u n d T a s t s i n n die Herstellung der eben er\u00f6rterten Beziehungen eben so noth wendig gewesen sei, als die umgekehrte Lage des Netzhautbildes.\nWas den letzten Punkt betrifft, so hat bereits Lorzn a. a. 0. S. 36S schlagend nachgewiesen. dass gewisse sinnlose Widerspr\u00fcche und optische Zweckwidrigkeiten f\u00fcr unser Auge. in welchem sich die Bilder auf dem concaven Hintergr\u00fcnde projiciren und dessen Drehpunkt vor dem Bilde, zwischen ihm und dem Objecte liegt, nur durch ein umgekehrtes Netzhautbild zu vermeiden waren.\nWas nun aber den ersten Punkt angeht, so hat Lotze\u2019s Darstellung eine L\u00fccke, welche ich eben auszuf\u00fcllen suche.\nSetzen wir den Fall, dass die umgekehrten Bilder in derselben Lage, welche sie auf der Netzhaut einnehmen, auch im Raume wahrgenommen oder localisirt w\u00fcrden: so erg\u00e4ben sich trotz des umgekehrten Netzhautbildes, sogleich wieder \u00bbsinnlose Widerspr\u00fcche\u00ab. Denn dann w\u00fcrde nicht nur die Augenaxe sieh heben m\u00fcssen, um das Bild eines von uns unten gesehenen Objectpunktes auf die Stelle des deutlichsten Sehens zu r\u00fccken, sondern auch die tastende Hand m\u00fcsste eine Bewegung ausf\u00fchren, die nach oben gerichtet w\u00e4re, um von dem Orte des Auges ausgehend denselben unten gesehenen Punkt zu erreichen. Aelmliehe Disharmonien w\u00fcrden dann auch hinsichtlich des Rechts und des Links unvermeidlich sein.","page":364},{"file":"p0365.txt","language":"de","ocr_de":"lieber das sogenannte Problem des Aufreelitsehens.\n365\nKurz also : die umgekehrte Lage des Netzhautbildes w\u00fcrde unter diesen Umstand en, trotz ihrer sonstigen Noth wendigkeit, in der That ein Hinderniss sein, f\u00fcr das Aufrechtsehen, d. h. f\u00fcr die Harmonie unserer r\u00e4umlichen Weltauffassung, wenn die erregten Netzhaut punkte nicht zugleich die F\u00e4higkeit bes\u00e4ssen, die umgekehrte Localisation der durch sie vermittelten Bilder zu erzwingen.\nDass und in w eiche m Sinne wir daher auch bei den hier gemachten Voraussetzungen \u00fcber das Wesen der Seele, von der Notlnvendigkeit einer abermaligen Umkehrung des Netzhautbildes sprechen k\u00f6nnen, leuchtet wohl von selbst ein !\nWas endlich das \u00bbMechanische\u00ab behufs der Herstellung und Erkl\u00e4rung der factischen und als noth wendig erkannten Beziehungen zwischen Gesichtssinn, Tust- und Muskelgef\u00fchl betrifft, so werden wir, wenn wir mit Lotzk festhalten, dass \u00bbjede dieser Beziehungen nur durch eine bestimmt geordnete Verflechtung und Wechselwirkung einer sensiblen Netzhautfaser mit motorischen Nervenf\u00e4den hervorgebracht werden kann\u00ab, auch annehmen m\u00fcssen, dass die unteren Funkte der Retina durch ihre Nervenfasern so mit jenen motorischen Elementen verbunden sind, dass sie im Raumbilde des Muskelgef\u00fchls oben, die oberen so, dass sie unten etc. . . . erscheinen, w\u00e4hrend bez\u00fcglich der Nervenfasern des Tastorgans, entsprechend unserer oben ausgesprochenen allgemeinen Forderung, nothwendig das Entgegengesetzte gelten wird. \u2014 Hiermit ist unsere Aufgabe gel\u00f6st. \u2014\nBeil\u00e4ufig will ich zuletzt noch an meine Versuche \u00fcber das \u00bbVerkehrtf\u00fchlen\u00ab vgl. >S. 346) erinnern, und kann dabei die Bemerkung nicht unterdr\u00fccken, dass sich auf Grund dieser Versuche finden von Lotze verketzerten Gedanken an eine Drehung der Fasern um 180\u00b0 im Verlaufe des Opticus auch hier ein Ausdruck finden l\u00e4sst, der ihn \u00fcber das Niveau einer \u00bbbodenlosen Ungereimtheit\u00ab erhebt. Denn, da die angezogenen Versuche, welche freilich immer nur an einem schon ge\u00fcbten Tastorgan anzustellen sind, lehren, dass durch Verschiebung oder eigentlich Verkehrung (Perversion; der Lage der sensiblen Hautpunkte auch die Objecte verkehrt wahrgenommen werden, so w\u00fcrden die durch die Erregung der sensiblen Hautpunkte wahrgenommenen Tastbilder umgekehrt erscheinen m\u00fcssen, wie die Bilder auf der Retina, wenn, caeteris paribus, das Hautst\u00fcck um 186\" um seinen Mittelpunkt gedreht werden k\u00f6nnte oder wenn die betreffenden Nerven eine totale Kreuzung erfahren k\u00f6nnten, so dass die unteren sensiblen Punkte die oberen, die oberen die unteren . . . etc. w\u00fcrden.","page":365},{"file":"p0366.txt","language":"de","ocr_de":"lieber das sogenannte Problem des Aufrechtselieus.\n\u25a0m\nWarum sollte es nun, selbst unter den LoTzn'schen Voraussetzungen , gar so ungereimt sein. einen dem Verlaufe dieser Tastnerven \u00e4hnlichen \\ erlauf der Netzhautfasern anzunehmen ? \u2014 wir brauchen ja mit dieser Hypothese keine einzige der wesentlichen Forderungen; die sich aus Lotze's Principicn ergeben, \u00fcber Bord zu werfen !\nMan k\u00f6nnte h\u00f6chstens einwenden, dass diese Annahme \u00fcberfl\u00fcssig sei. obschon man. wenn man einmal darauf ausgeht die psychischen Erscheinungen physiologisch zu erkl\u00e4ren und sich \u00fcber die im Seelenorgan getroffenen Einrichtungen bestimmtere Vorstellungen zu bilden, keinen Gedanken, falls er nur an sich brauchbar ist, von der Hand weisen sollte, den sp\u00e4tere Erfahrungen leicht best\u00e4tigen k\u00f6nnten.","page":366}],"identifier":"lit16175","issued":"1879","language":"de","pages":"358-366","startpages":"358","title":"Ueber das sogenannte Problem des \"Aufrechtsehens\"","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:13:33.750474+00:00"}
