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{"created":"2022-01-31T14:57:44.771533+00:00","id":"lit16177","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 370-391. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0370.txt","language":"de","ocr_de":"XXX.\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n[Wiener akademische Sitzungsberichte 4833 Physiologische Studie\u00bb:.] Hierzu Fig. 4 \u2014 9 auf Taf. 19 .\nDas Folgende enth\u00e4lt die angezeigte1 Fortsetzung jener Untersuchungen, welche >S. 3U3 in Kr. XXV niedergelegt sind. {\nDiese Fortsetzung ist das l\u00eeesultat des Bestrebens das Geb\u00e4ude meiner, die Ansichten Weisek's und Lotzes vermittelnden Lehre zu befestigen und weiter auszubauen.\nUm das Folgende leichter ankn\u00fcpfen zu k\u00f6nnen, sei mir hier eine kurze Revision jener S\u00e4tze gestattet, auf welche icli meine Hypothese gegr\u00fcndet habe.\n1. Jede einzelne Nervenfaser h a t e i n g e w i s s e s Ver\u00e4stelungsgebiet in der Haut. d. h. geht in eine bestimmte Zahl 1, 2. 3 . . . . x sensibler Funkte aus.\nDies k\u00f6nnen wir mit Sicherheit annehmen. m\u00fcssen uns dagegen vorl\u00e4ufig jedes Ausspruchs \u00fcber die Beschaffenheit und Anordnung dieser sensiblen Funkte, so wie \u00fcber das gegenseitige Verh\u00e4lt-niss der Ver\u00e4stelungsbezirke benachbarter Nervenfasern enthalten, da wir trotz aller Bem\u00fchungen der ilikroskopiker die eigentliche Endigungsweise der Nervenfasern in der Haut noch immer nicht genau genug kennen. E. H. Weuek's Annahme, nach welcher die Verbreitungsbezirke der einzelnen Fibrillen scharf begrenzt nebeneinander liegen sollen, ist nicht hinreichend begr\u00fcndet.\nEben so unbegr\u00fcndet und vielleicht noch unwahrscheinlicher war meine 1S49 ausgesprochene Idee einer totalen Interferenz dieser Verbreitungsbezirke, zu welcher ich durch theoretische Gr\u00fcnde und durch\n1 Wiener med. Wochenschrift, I S\u00f6\u00f6, S. 471.","page":370},{"file":"p0371.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n371\ndie Existenz der Nervenplcxus in der Froschinuit verleitet wurde. Ja selbst die Negation der ber\u00fchrten Weber\u2019scIicu Annahme, welche ich noch in meinen letzten Mittheilungen festhalten zu m\u00fcssen glaubte, lasse ich hiermit als nicht hinreichend begr\u00fcndet und als unwesentlich f\u00fcr meine Theorie fallen1 .\n2.\tJeder sensible Punkt, welcher in Erregung versetzt wird, theilt derselben eine eigen th tim liehe F\u00e4rbung, ein \u00bbLocalZeichen\u00ab mit, welches ein bestimmtes Glied eines stetig abgestuften Systems von Localzeichen ist.\nHierbei m\u00fcssen wir cs mm wieder v\u00f6llig unentschieden lassen, worin diese Localzeichen eigentlich bestehen vgl. Lotze, Med. Psychologie, Cap. -1. S. 325 und halten nur fest, dass jeder sensible Punkt mit seinem Localzeichen ein einfaches Element unseres inneren Raumbildes repr\u00e4sentirt.\nEs w\u00e4re freilich auch noch denkbar, dass selbst ein einzelner sensibler Punkt \u2014als ob er gleichsam aus mehreren zusammengeschmolzen w\u00e4re \u2014je nach der Richtung etwa, in welcher der Tastreiz auf ihn einwirkt, verschiedene Localzeichen vermitteln und demgem\u00e4ss auch mehrere einfache Raumelemente repr\u00e4sentireu k\u00f6nnte, oder dass im Gegenthcile zur Herstellung eines Localzeichens die Erregung mehrerer Punkte nothwendig sei. Dies bleibe jedoch bei unserer gegenw\u00e4rtigen l\u2019nkenntniss der Nervenprocesse v\u00f6llig dahingestellt \u2014 so wie auch die Frage, ob die zu einer Stammfaser geh\u00f6rigen sensiblen Punkte ihrer Erregung nur absolut gleiche oder verschiedene Localzeichen mitzutheilen im Stande sind-?\n3.\tDie Feinheit der Abstufung des Systems der Localzeichen scheint mit der relativen Anzahl der seu-si b 1 en Punk t e un d N e r v e n f ib r i 11 e n i n d en v e r s ch i e de n e n Regionen der Haut correspondu-end zu fallen und zu steigen: doch k\u00f6nnen wir jene mit dieser vorl\u00e4ufig in keine andere Beziehung bringen, als dass eben Beide die Feinheit der Abstufung der Localzeichen, wie die relative Anzahl der sensiblen Punkte wesentlich durch die nun einmal bestehenden, aber noch nicht n\u00e4her erkennbaren und zu bezeichnenden, correspondirenden Verh\u00e4ltnisse des centralen und des peripherischen Nervensystems begr\u00fcndet sind.\ni Durch das Gesagte und indem ich noch hinzufiige, dass ich den gereizten Tun, zu dem ich mich hinreissen liess. lebhaft bedaure, glaube ich ein in meiner fr\u00fcheren Mittheilung S. 343, Anmerkung an dem grossen Physiologen begangenes Unrecht wieder gut gemacht zu haben.\n24\u00bb","page":371},{"file":"p0372.txt","language":"de","ocr_de":"372\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nDenn die gr\u00f6ssere Zahl der sensiblen Punkte an sieh bedingt offenbar nicht noth wendig auch einen gr\u00f6sseren Unterschied zwischen den Localzeichen der einzelnen sensiblen Punkte et vice versa.\nJa nicht einmal die Annahme erscheint hinreichend gerechtfertigt. dass der Unterschied der Localzeichen unmittelbar benachbarter Punkte \u00fcberall derselbe sei, obschon dann allerdings die Feinheit der Abstufung der Localzeichen mit der relativen Anzahl der sensiblen Punkte in directe Beziehung gebracht w\u00e4re.\nDamit soll jedoch die fragliche Beziehung, zu deren genaueren Constatirung zun\u00e4chst noch directe Z\u00e4hlungen der sensiblen Elemente in den verschiedenen Hautregionen erforderlich w\u00e4ren, eben so wenig geleugnet, als angenommen werden \u2014 wenn sie auch im Allgemeinen schon nach den bereits vorliegenden Erfahrungen in gewissen Kegionen zu existiren scheint.\n4.\tJe weiter zwei sensible Punkte einer Hautregion aus einander liegen, desto differenter m\u00fcssen auch die ihnen eigenth\u00fcmliehen Localzeichen sein. \u2014wobei wir, wie gesagt, die Frage offen lassen, ob dies nur dann gilt, wenn die sensiblen Punkte mit verschiedenen Stammfasern Zusammenh\u00e4ngen oder auch dann, wenn sie derselben .Stammfaser angeh\u00f6ren.\n5.\tBei der Einwirkung jedes Druckes, jedes Tastreizes w i r d g e w \u00fc h n 1 i c h ein Complex von sensible n Punkten erregt Meissner .\nAllein trotz der Erregung mehrerer sensibler Punkte so zu sagen eines Zerstreuungskreises durch ein einfaches und punktf\u00f6rmig beschr\u00e4nktes Tastobject entsteht doch erfahrungsgem\u00e4ss auf keiner Hautstelle eine vielfache Empfindung, \u2014ja selbst mehrere zeitlich und r\u00e4umlich getrennte Tastreize fliesseu innerhalb bestimmter und f\u00fcr die verschiedenen Hautregionen verschiedener Grenzen zu einer r\u00e4umlich einheitlichen, r\u00e4umlich untrennbaren Wahrnehmung zusammen.\n(3. Es existiren daher in der Haut Bezirke von bestimmter Gr\u00f6sse und Gestalt, welche eine Anzahl I. 2,\n3, 4,__x) von sensiblen, mehr oder weniger gedr\u00e4ngt\nstehenden P u u k t en umfassen, d e r e n L o c a 1 z e i c h e n sich nur un merklich von einander unterscheiden, und in-u e r h a 1 b welcher somit eine W a h r n ehmuug je d w e d e r r \u00e4 u m 1 ic h e n B e zie h un gen der Eind r \u00fc ck e nic h t m e h r m\u00f6glich ist.\nDiese Bezirke nannte ich \u00bb E m p f i n d u n g s k r e i s e \u00ab. Sie m\u00fcssen als Raumeinheiten oder Ranmelemente h\u00f6here r Ordnung bezeich-","page":372},{"file":"p0373.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n373\nnet werden, wenn man jeden sensiblen Punkt mit seinem Localzeichen als ein einfaches Raumelement betrachtet. Ihr Durchmesser bedingt wesentlich die Sch\u00e4rfe des r\u00e4umlichen Wahrnehmungsverm\u00f6gens.\nIn gewisser Beziehung h\u00e4ngt jedoch die Feinheit desselben auch von den so zu sagen mechanischen Verh\u00e4ltnissen der sensiblen Punkte an der Peripherie ab s. unten \u00fcber die \u00bbIrradiationskreise\u00ab \u00a7 S ad 2 .\n7.\tDie Anordnung der Empfindungskreise, welche, wie gesagt, je nach der Hautregion eine bestimmte Anzahl von mehr oder weniger gedr\u00e4ngt stehenden sensiblen Punkten umfassen, muss man sich erf\u00fcll rungsgem\u00e4ss unter dem Bilde von unendlich vielen Kreisen oder Ellipsen1) denken, welche sich so interferiren, dass ihre Mittelpunkte die ganze Hautoberfi\u00e4chc stetig erf\u00fcllen2 . Ich \u00fcbersehe hierbei nicht, dass die sensiblen Punkte \u2014 soweit unsere histologischen Daten reichen \u2014 durch unempfindliches Gewebe getrennt sind.\n8.\tDie durch die Empfindungskreise repr\u00e4sentir-teu Raumeinheiten h\u00f6herer Ordnung fallen insoweit zusammen, als sicli die Empfindungskreise interferiren.\nDie Elemente unseres subjectiven Raumbildes correspondiren eben genau \u2014 auf eine vorl\u00e4ufig unerkl\u00e4rbare Weise \u2014 mit den fixen, geometrischen Verh\u00e4ltnissen der sensiblen Punkte an der Peripherie.\n1). Auf der Mosaik der sensiblen Hautpunkte und der Empfind ungs kr eise k\u00f6nnen sich die Gestalten, Entfernungen und Bewegungen der wahrzunehmenden Tastobjecte gleichsam ab bi Iden: und die Seele wird verm\u00f6ge dieser bestehenden Einrichtung in den Stand gesetzt, die r \u00e4 u m 1 i c h e n B e z i e h u n g e n der die Haut treffenden Reize aus einander zu halten und aiizuschaucn.\nlo. Concentration der Aufmerksamkeit undUebung des Tastorgans endlich k\u00f6nnen das Wahrnehmungsverm\u00f6gen f\u00fcr die Unterschiede der den sensiblen Punkten eigenth\u00fcmlichen Localzeichen ansehnlich sch\u00e4rfen. Auch von der (durch Karcotica u. s. w.) variablen Disposition der Centralorgane ist die Feinheit der Abstufung des Systems der Localzeichen und somit die Gr\u00f6sse der Durchmesser der Empfindungskreise abh\u00e4ngig.\n1 Vielleicht auch unregelm\u00e4ssig begrenzten Fl\u00e4chen ?\n- Jeder sensible Punkt geh\u00f6rt daher vielen Einpfindungskreisen an, nimmt aber in jedem derselben eine andere relative Lage zum Mittelpunkte ein.","page":373},{"file":"p0374.txt","language":"de","ocr_de":"374\nWeitere Beitr\u00fcge zur Physiologie des Tastsinnes.\nZum Beleg- daf\u00fcr lassen sich mancherlei Erfahrungen anf\u00fchren.\nBei vorurtheilsfreier Erw\u00e4gung der mitgetheilten zehn Thesen wird man, wie ich glaube, bald zu der festen Ueberzcugung gelangen, dass meine die Ansichten Rotze\u2019s und Weber's vers\u00f6hnende Theorie des Raumsinnes der Haut auf einer sicheren, unserem gegenw\u00e4rtigen geringen Wissen allein vollkommen entsprechenden und jede voreilige oder nicht hinreichend begr\u00fcndete Annahme streng ausschlies-senden Basis ruhe, und sowohl Jenen, welche die Wahrnehmung der r\u00e4umlichen Beziehungen der \u00e4usseren Objecte auf dem Wege der \u00bbAuffassung\u00ab, als Jenen, welche dieselbe nur auf dem Wege der \u00bbWiedererzeugung der R\u00e4umlichkeit\u00ab erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen meinen, wesentlich gen\u00fcgen d\u00fcrfte. Auch kenne ich keine That-saelie. welche sich nicht auf die ungezwungenste Weise mit meiner Theorie in Zusammenhang bringen und deuten liesse.\nWollte man aber einwerfen, dass meine Theorie Nichts e i g e n t -lieh erkl\u00e4re, indem sie gewissermaassen nur eine Umschreibung der Thatsachen sei, so k\u00f6nnte ich darauf hinweisen, dass Webeu\u2019s, Rotze's und Meissners Hypothesen durchaus Ni dits besser erkl\u00e4ren, dagegen aber zum Tlieil unbegr\u00fcndete Annahmen herbeiziehen, zum Tlieil mit gewissen Thatsachen nicht in Einklang zu bringen sind.\nDer von mir eingcschlagene Weg erscheint mir als der v o r 1 \u00e4 u f i g einzig m\u00f6gliche und der besonnenen empirischen Forschung allein entsprechende.\nl\u2019ebrigens halte ich meine Darstellung durchaus nicht f\u00fcr abgeschlossen, und es ist mir \u00fcberhaupt nur um die Sache, nicht um das Recht haben zu thun, weshalb mir jeder f\u00f6rdernde Widerspruch, jede freundliche Zurechtweisung willkommen sein wird.\nDie Fortbildung der Theorie und die Erforschung der Thatsachen in anderen Richtungen auf eine sp\u00e4tere Zeit verschiebend, beschr\u00e4nke ich mich hier nur darauf, Einiges auszuf\u00fchren und mitzutheilen, was sieh haupts\u00e4chlich auf die Messung der Empfindungskreise, auf die W\u00fcrdigung der von Rotze zusammengestellten Einw\u00fcrfe gegen die Existenz der festen Empfindungskreise \u00fcberhaupt, und auf die experimentelle Begr\u00fcndung dieser Annahme gegen\u00fcber der Rotze-Meiss-NERsehen Hypothese bezieht.\n\u00a7 8. Ueber Messung der Empfindungskreise.\nEs ist Rotze, welcher zuerst darauf aufmerksam gemacht hat, dass der nach Weber s alter Methode als Einheit empfundene Raum,","page":374},{"file":"p0375.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n375\nf\u00fcr ungleich zeitige Erregungen die M\u00f6glichkeit differenter R a u m-emptindung birgt.\nAus dieser Tluitsache ergibt sieh, nach den vorausgeschickten Begriffsbestimmungen, zun\u00e4chst der Schluss, dass die wahren Empfin-dungskreise einen kleineren Durchmesser haben m\u00fcssen, als jene Bezirke, innerhalb welcher zwei gleichzeitige Eindr\u00fccke nicht mehr r\u00e4umlich unterschieden werden, und dann die doppelte Aufgabe : 1. den Grund der verschiedenen Feinheit des Wahrnehmungsverm\u00f6gens f\u00fcr Kaumbeziehungen gleichzeitiger und ungleichzeitiger Erregungen zu ermitteln, und 2. eine Methode aufzufinden, welche die Durchmesser der Empfindungskreise, wo m\u00f6glich, direct und genau misst.\nAd 1. Vor Allem haben wir uns zu erinnern, dass die Erregung der zu einem Empfindungskreise geh\u00f6rigen sensiblen Punkte die M\u00f6glichkeit aller und jeder differenten K a u m empfindung ausschliesst, dass somit Empfindungen nicht eher irgend welche r\u00e4umliche Beziehungen zu einander erhalten k\u00f6nnen, als bis nicht der Abstand der erregten Punkte wenigstens etwas gr\u00f6sser ist, als der Durchmesser eines Empfindungskreises.\nUm einfach die Lage zweier auf einander folgender, zeitlich auseinander gehaltener Eindr\u00fccke zu bcurtheilen, wird es daher \u2014 f\u00fcr den ersten Moment der sp\u00e4teren Ber\u00fchrung \u2014 im Allgemeinen gen\u00fcgen, dass der Abstand der erregten sensiblen Punkte den Durchmesser eines Empfindungskreises \u00fcbersteigt Taf. 19, Fig. 4\u00ab, // , w\u00e4hrend zwei gleichzeitige Erregungen bei demselbenAbst a n d e in eine vielleicht etwas l\u00e4ngliche, aber jedenfalls) r\u00e4umlich untrennbare Empfindung unaufhaltsam zusammenf\u00fcessen m\u00fcssen; da eine deutliche, totale, r\u00e4umliche Unterscheidung und Trennung des gleichen oder verschiedenen qualitativen Inhalts gleichzeitig- erregter Empfindungen offenbar nur m\u00f6glich ist, wenn wir eine Vorstellung von dem dieselben trennenden Zwischenraum bekommen.\nDiese Vorstellung beginnt, nach meiner Lehre von der Interferenz der Empfindungskreise, zu entstehen, nachdem einmal der Abstand der gleichzeitig erregteiffsensiblen Punkte so gross geworden ist, dass sich keine der betreffenden Empfindungskreise mehr interfe-r i r e n 1 Fig. 4 a, c), kann aber erst dann vollkommen deutlich werden, wenn der fragliche Zwischenraum durch ein ganzes Kaumelement h\u00f6herer Ordnung repr\u00e4sentirt wird. d. h. wenn zwischen die\n1 Yergl. oben S. 373 Anmerkung und Thesis Xr. S.","page":375},{"file":"p0376.txt","language":"de","ocr_de":"376\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\neinander zugekehrten Grenzen der betreffenden Empfindungskreise ein ganzer Empfindungskreis zu liegen kommt Fig. 4\u00ab. <1 . \u25a0\nMit diesen Consequenzen, welche sich ans keiner der anderen Theorien so klar ableiten lassen. stimmt es nun auf eine erfreuliche und \u00fcberraschende Weise zusammen, dass (wie mein der Wissenschaft zu fr\u00fch entrissener, ehemaliger Mitsch\u00fcler R. Lichtexfki.s mit feiner Beobachtungsgabe hervorgehoben hat1 * 3)), \u00bbdie Ueberschreitung jener Distanz, f\u00fcr welche zwei gleichzeitige Eindr\u00fccke als unzweifelhafte Einheit erscheinen. nicht sogleich mit dem vollen Bewusstsein einer Doppelempfindung sich verkn\u00fcpft und ebenso umgekehrt\u00ab.\nAusser jenem Raume, in welchem ein Verschmelzen gleichzeitiger Eindr\u00fccke stattfindet, und jenem an dessen Grenzen die beiden Eindr\u00fccke v\u00f6llig getrennt bleiben, existirt also wirklich noch ein mittlerer Raum, in dem die erzielten Empfindungen noch nicht entschieden getrennt, aber auch nicht mehr verschmolzen erscheinen.\nDie Breite dieses mittleren Raumes entspricht, beil\u00e4ufig bemerkt, dem Durchmesser eines Empfindungskreises Fig. 4 c. d und betr\u00e4gt immer weniger als den dritten Tlieil der Distanz zwischen \u00ab und (/.\nHiermit scheint nun der bisher kaum geahnte Grund des Widerspruches der Beobachtungen \u00fcber die Feinheit des Wahrnehmungsverm\u00f6gens f\u00fcr die r\u00e4umlichen Beziehungen gleichzeitiger und ungleich-zeitiger Eindr\u00fccke auf eine sehr einfache, naturgem\u00e4sse. aus meiner Theorie von selbst sich ergebende Weise gen\u00fcgend erkl\u00e4rt zu sein.\nSchliesslich muss ich noch eines interessanten Umstandes gedenken. welcher uns auf ein bisher unber\u00fchrtes, hier in Betracht kommendes Moment hinweist. Ich meine die Bemerkung Hotze's - : \u00bbdass man oft. auch wenn die Zirkelspitzen gleichzeitig aufgesetzt werden, deutlich zwei Empfindungen erh\u00e4lt, die erst sp\u00e4ter zu einer einzigen verschmelzen\u00ab. Es d\u00fcrfte n\u00e4mlich, falls die LotzescIic Beobachtung nicht etwa doch auf einer T\u00e4uschung in Folge ungleichzeitigen Aufsetzens der Zirkelspitzen beruht, hieraus mit Kothweudigkeit auf eine analoge Erlahmungder sensiblen Elemente der Haut und auf eine Abstumpfung des Unterscheidungsverm\u00f6gens des Raumsinnes, wie eine solche im Gebiete anderer Sinne in Folge andauernder Erregung der Nervensubstauz l\u00e4ngst constatirt ist. zu schliessen sein.\nAd 2. Die alte WEBEK'sche Messungsmethode wird, nach den\n1 Vgl. Wiener Sitzungsber. IS51. Bel. VI. S. 341.\n* A. n O. S. 403.\n3 Vgl. Hoppe\u2019s Med. Briefe XII. Heft. IS54. 47. Brief. Hoppe geht jedoch entschieden zu weit!","page":376},{"file":"p0377.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n377\nvorausgeschickten Auseinandersetzungen, zwar neben ihrem historischen, immer noch auch einen praktischen Werth zur Bestimmung der Feinheitsverh\u00e4ltnisse des Kaumsinnes der Haut und zur etwaigen Berechnung des Durchmessers der Empfinduugskreise, welcher, wie oben beil\u00e4ufig bemerkt wurde, stets weniger als den dritten Tlieil der nach Weber gemessenen Abst\u00e4nde betragen muss, behalten; allein sie taugt nur in jener sinnreichen Form, in welcher sie von R. Lich-tenfels angewendet wurde, zu einer genaueren indirecten Messung dieser Diameter, und macht die neue Methode, welche ich auf die Beobachtung der. zur Unterscheidung r\u00e4umlicher Beziehungen ungleichzeitiger Eindr\u00fccke erforderlichen Distanzen zu gr\u00fcnden gedenke, durchaus nicht \u00fcberfl\u00fcssig.\nR. Lichten fees hat n\u00e4mlich in Folge der oben citirten Beobachtung f\u00fcr noting erachtet, nicht nur den Abstand zu messen, bei welchem zwei gleichzeitige Eindr\u00fccke eine deutliche Doppelempfindung zu veranlassen beginnen, sondern auch jenen, bei welchem die Verschmelzung der Eindr\u00fccke zu einer einfachen, r\u00e4umlich untrennbaren Wahrnehmung ihre Grenze hat.\nLeider hat Lichtexfels seine Messungen nur an einer einzigen Stelle (an der Dorsalfl\u00e4che des rechten Unterarmes), bei longitudinalem Ansetzen der Zirkelspitzen in der Mittellinie, ausgef\u00fchrt und sechs derartige Versuchsreihen in der folgenden Tabelle zusammengestellt :\nErgehn iss der\tGrenze der einfachen\tBeginn der deutlichen\t\n\tEmpfindung\tDoppele\tmpnndung\n1. Versuchsreihe\t25 mm\t20\tmm\n2.\t28\t44\t-\n.\u2022(.\t20 5 -\t42-\t5 -\n4.\t27\t44\t-\n5.\t20\t28\t-\nti.\t20\t45\t-\nMittel\t\t20-4 nun\t42\tmm\nGrosse cl. Schwankung\t4\t0\t-\nAus dieser Tabelle ergibt sich, dass, w\u00e4hrend die Grenze der einfachen Empfindung kaum variabel ist, indem die Schwankung von 3 mm auf Rechnung der Beobachtungsfehler kommt, das Urtheil \u00fcber den Beginn der vollen Doppelempfiuduug um die kleine Gr\u00f6sse von 6 mm schwankt, und \u2014 was schon Lichtexfels nicht f\u00fcr zuf\u00e4llig ansieht \u2014 der Raum. in welchem das Urtheil sich zweifelhaft verh\u00e4lt ; 32\u201426. dieselbe Gr\u00f6sse, n\u00e4mlich 6 mm hat.","page":377},{"file":"p0378.txt","language":"de","ocr_de":"378\nWeitere Beitr\u00fcge zur Physiologie des Tastsinnes.\nErscheint cs schon. an und f\u00fcr sich wiinschenswerth. alle Kegionen des Tastorgans nach dem Lichten fees'sehen Verfahren, soweit dasselbe anwendbar ist, zu pr\u00fcfen, so durfte doch die \"Wichtigkeit dieser Aufgabe erst in Erw\u00e4gung der Deutung und Bedeutung, welche die, durch die angezogenen Messungen ermittelten Thatsachcu nach meiner Lehre von den Empfindungskreisen erhalten. recht deutlich in die Augen springen.\nIm Sinne dieser Lehre stellt es sich n\u00e4mlich heraus, dass die von Lichten\u2019fei.s gemessenen Abst\u00e4nde den Punkten \u00ab, c und d meiner Schemen Fig. 5, G, 7 Taf. lv) \u2014 und somit auch die Differenz 32\u20142G = G mm der Differenz ad \u2014 ac = cd entsprechen.\nNun ist aber cd \u2014 G mm nahezu = dem Durchmesser eines Empfindungskreises: es diente also das LichtenFELs\u2019sche Verfahren zur indirecten Messung der Empfindungskreise. In Uebereinstimmung damit w\u00e4re es denn auch, dass der gefundene Durchmesser des Empfindungskreises, n\u00e4mlich G mm, in der That auch weniger als den dritten Th eil von 32 mm,\td.\ti.\tvom\tAbstand ad, und weniger als die H\u00e4lfte vop 2G mm,\td.\ti.\tvom\tAb-\nstand \u00ab c betr\u00e4gt.\nIch darf es hier beil\u00e4ufig wohl als eine sprechende Best\u00e4tigung meiner Deutung anf\u00fchren, dass unter den 32 von Lichten fees a. a. O. mitgetheilten Messungen, welche zum Theil unter normalen Verh\u00e4ltnissen. zum Tlicil nach der Einnahme von Atropin, Daturin, Morphin, Strychnin, Alkohol u. s. w. angestellt wurden, nur zwei \u00fcberdies verd\u00e4chtige F\u00e4lle Vorkommen, in welchen die Gr\u00f6sse cd mehr als den dritten Theil von ad und mehr als die H\u00e4lfte von ac betr\u00e4gt.\nAus meiner Deutung der Thatsaehcn ergibt sich ferner, dass :\n2 cd +\" x = ac, 12 mm -f- x = 26 mm und 3 cd -|- ./\u2022 = ad. lb mm -j- ./\u2022 == 32 mm\t.\nDieses x w\u00e4re aber der doppelte Halbmesser jenes Zerstreuungskreises, welcher jeden auch noch so beschr\u00e4nkten Tastreiz umgibt: es diente also d as LieiiTEXFEC.s\u2019sehe Verfahren auch zur Bestimmung der Zerstreuungskreise.\nIch habe schon oben in der 5. These daraufhingewiesen, \u00bbdass bei der Einwirkung jedes Druckes, jedes Tastreizes ein Complex von sensiblen Punkten erregt wird.\u00ab Hier ist es endlich am Orte, auf dieses wichtige A erh\u00e4ltniss n\u00e4her \u2014 wenn auch nur andeutungsweise \u2014 einzugehen.\nSchon Meissner sagt in seinen vortrefflichen Beitr\u00e4gen zur Anatomie und Physiologie der Haut. Leipzig, 1S53, S. 44 : \u00bbEin jeder Beiz, welcher die Haut an irgend einer Stelle trifft, wird nothwendig,","page":378},{"file":"p0379.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00fcge zur Physiologie des Tastsinnes.\n379\nmag er noch so beschr\u00e4nkt und fein sein, mehr als einen sensiblen Punkt treffen, da. einerseits an vielen Hautstellen die sensiblen Punkte so nahe an einander ger\u00fcckt sind, dass schon die Wirkung des Reizes in gerader, senkrechter Richtung ihrer mehrere treffen muss, und da andererseits neben dieser Wirkung auch eine in seitlicher Richtung, im Umkreise jener, stattfinden muss, gewissermaassen ein Zerstreuungskreis des Reizes gebildet wird;\u00ab..............\u00bbund so ist es denkbar,\ndass vielleicht die Erregung der Punkte, welche dem Zerstreuungsoder Irradiationskreise eines Reizes angeh\u00f6ren, in irgend welcher Weise f\u00fcr die \u00bbSeele das Localzeichen des Reizes ausmacht, dessen eigener qualitativer Inhalt dann durch die Wirkung in gerader Richtung, durch die Erregung der Punkte, welche das Centrum des Irradiationskreises bilden, wahrgenommen w\u00fcrde. \u00ab\nMan kann in der That annehmen, dass die einzelnen Localzeichen der s\u00e4mmtliehen, durch die volle Wirkung des Tastreizes erregten sensiblen Punkte f\u00fcr die erzielte Empfindung ein Localzeichen h\u00f6herer Ordnung zusammensetzen w\u00fcrden, welches, gegen\u00fcber dem rein physikalischen, als der p h y siologische Irradiationskreis zu betrachten w\u00e4re, w\u00e4hrend der eigene qualitative Inhalt des Reizes durch die Erregung der Punkte im Centrum des Irradiationskreises zur Wahrnehmung k\u00e4me.\nVon der Gr\u00f6sse des rein physikalischen Irradiationskreises, welche vom Druck. von der Elastieit\u00e4t der Haut, von der Beschaffenheit der Umgebung u. dgl. abh\u00e4ngt, bekommt man n\u00e4herungsweise eine Vorstellung , wenn man darauf achtet, in welchem Umkreise um den Ber\u00fchrungspunkt herum die Haut, durch eine senkrecht aufgesetzte stumpfe Bleistiftspitze z. B., in Bewegung ger\u00e4th. Schon bei massigem Drucke entsteht eine trichterf\u00f6rmige Vertiefung, nach deren Mittelpunkt hin die Haut gezerrt und angespannt wird. Eine momentane Ber\u00fchrung mag eine \u00e4hnliche kreisf\u00f6rmige Erregungswelle zur Folge haben, wie etwa ein ins Wasser geworfener Stein. Man \u00fcberzeugt sich so, durch Beobachtung der Haut, leicht, dass der physikalische Irradiationskreis einen Durchmesser von einigen Linien bis zu mehreren Zollen haben kann !\nEs ist jedoch nicht anzunehmen, dass der rein physikalische Zerstreuungskreis , dessen Wirkung gegen die Peripherie hin allm\u00e4hlich erstirbt, in seiner ganzen Ausdehnung f\u00fcr den physiologischen, d. h. f\u00fcr das Localzeichen h\u00f6herer Ordnung in der Art verwerthet werde, dass er gewissermaassen ein Hinderniss f\u00fcr die r\u00e4umliche Unterscheidung mehrerer Tastreize abgeben k\u00f6nnte. In welcher m\u00f6glicherweise sehr v a r i a b 1 e n Ausdehnung er aber w i r k 1 i c h in dieser Beziehung","page":379},{"file":"p0380.txt","language":"de","ocr_de":"380\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nals Hindemiss in Betracht kommt, ergibt sieh eben aus dem sp\u00e4ter anzuf\u00fchrenden Verfahren.\nSo findet man aus den obigen Gleichungen x = 14 mm. w\u00e4hrend der rein p h y s i k a 1 i s c h e Zerstreuungskreis gew\u00f6hnlich einen weit gr\u00f6sseren Durchmesser besitzt.\nDies Alles sind Andeutungen. welche in der Zukunft genau verfolgt und bestimmt formulirt werden m\u00fcssen, und welche ich \u00dcberhaupt nur vorbringe. um merken zu lassen, dass icli gewisse Consequenzen und Bedenken nicht \u00fcbersehen habe, die man vielleicht aus der Existenz der Irradiationskreise gegen meine Deutung der Thatsachen wird ziehen und dagegen wird erheben wollen, dass ich das. was oben ad 1 \u00fcber die nothwendigen Abst\u00e4nde der erregten Punkte u, b. c und </, sofern die durch dieselben vermittelten Empfindungen r\u00e4umliche Beziehungen erhalten sollen, sich ergab, hier auch von den Abst\u00e4nden der schattirten Irradiationskreise uaa. \u00dfb\u00df. ycy und \u00f4d\u00f4 vergl. die Schemen Fig. 5. (> und 7, welche die drei m\u00f6glichen F\u00e4lle erl\u00e4utern. wo der Durchmesser der Irradiationskreise kleiner, gleich und gr\u00f6sser ist als der Durchmesser der Empfindungskreise behaupten m\u00f6chte.\nIn den Scheinen Fig. 5, 0 und 7 ist act \u2014 b\u00df = cy = d\u00f6 = %,\nact = \u00df\u00df == yy = \u00f4\u00f4 = x, und daher auch aa cy = au -j- d\u00f6 = .r, ac \u2014 1 a b + x. ad = 3a b -j- x, ab \u2014 cd u. s. w. \u2014\nWas nun die neue Messungsmethode betrifft. welche ich. wie gesagt. auf die Beobachtung u n g 1 e i c h z e i t i g e r Eindr\u00fccke zu gr\u00fcnden gedenke, so besteht sie einfach darin, dass man die Spitzen eines Zirkels nach einander und in bestimmter Distanz von einander, mit der Haut in Ber\u00fchrung bringt und darauf achtet, bei welcher Distanz der Beobachter mit Sicherheit angeben kann, wo sich der sp\u00e4tere Eindruck, ob oben oder unten, rechts oder links von dem fr\u00fcheren, befindet.\nSo lange der Beobachter \u00fcber die Lage des sp\u00e4teren Eindruckes sich irren kann, so lange sind wir berechtigt anzunehmen. dass der gemessene Abstand nicht gr\u00f6sser ist, als der Durchmesser eines Empfindungskreises. Erst wenn der Beobachter die Lage des zweiten Eindruckes mit voller Sicherheit zu bestimmen beginnt, betr\u00e4gt der gemessene Abstand wenigstens den Durchmesser eines Empfindungskreises, welcher somit den unteren Grenzwerth oder vielmehr den Nullpunkt der Seale darstellt.\nDies gilt wahrscheinlich selbst dann. wenn die Irradiationskreise bedeutend gr\u00f6sser sind als die Empfindungskreise. weil sich die Local-","page":380},{"file":"p0381.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n381\nZeichen h\u00f6herer Ordnung auch unter diesen Umst\u00e4nden nicht fr\u00fcher, als es dem Zweck der Messung entspricht, aus hinreichend differenten Raumelementen zusammensetzen k\u00f6nnen : obschon hier die M\u00f6glichkeit einer beil\u00e4ufigen Bestimmung der Richtung, in welcher der zweite Eindruck stattfindet, vielleicht auch schon dann gegeben sein k\u00f6nnte, wenn \u00ab b noch kleiner als der Durchmesser eines Empfindungskreises ist; da die \u00e4ussersteu der, durch beide Irradiationskreise erregten Punkte \u00ab und ,-J, Taf. 19, Fig 8, jedenfalls bereits verschiedenen weit aus einander liegenden Empfindungskreisen angeh\u00f6ren.\nNach dieser Methode w\u00fcrde also n\u00e4herungsweise der Abstand a b gemessen, welcher = cd ist und somit ebenfalls stets weniger als den dritten l'heil von ad und weniger als die H\u00e4lfte von ac betragen muss. Fig. 5, 6, 7}.\nMan sieht leicht ein, wie die neue Methode und das Lichtexfels\u2019 sehe Verfahren gegenseitig sich erg\u00e4nzen und controliren k\u00f6nnen und m\u00fcssen.1\nEinige vorl\u00e4ufige \\ ersuche, meine Methode praktisch in Anwendung zu bringen, haben mich gelehrt, dass ein gew\u00f6hnlicher Zirkel kein passendes Instrument dazu ist, indem die zu messenden Abst\u00e4nde meist so klein sind, dass man das Nacheinander der Ber\u00fchrungen durch Neigen des Zirkels nur sehr unbequem und unvollkommen bewerkstelligen kann.\nIch habe mir daher zu meinen Messungen einen eigenen Stangenzirkel machen lassen, dessen ein Schenkel k\u00fcrzer und in vertiealer Richtung beweglich ist, so dass er bei noch so geringem Abstande von dem andern horizontal verschiebbaren Schenkel beliebig wann mit dem Finger bis auf die Haut herabgedr\u00fcckt werden kann. Vgl. Taf. 19. Fig. 9. und die Erkl\u00e4rung der Abbildungen S. 391 .\nDie folgenden Tabellen enthalten eine Anzahl von Bestimmungen der Gr\u00f6ssen ab, ac und ad, aus welchen sieh x, d. h. der in Betracht kommende Durchmesser des Irradiationskreises, leicht berechnen l\u00e4sst.\nDie Spitzen des zu diesen Messungen gebrauchten Stangenzirkels Fig. 9 hatten einen Durchmesser von je 0,4\"'. Zur Untersuchung sehr feinf\u00fchlender Ilantstellen d\u00fcrften feinere Spitzen n\u00f6thig sein.\n1 Dem wahren Durchmesser der Empfmdungskrcise kann man sich offenbar oft noch mehr n\u00e4hern, wenn man nicht nur die Differenz ad-ac, und die Distanz ber\u00fccksichtigt, welche n\u00f6thig ist, um ungleichzeitige Eindr\u00fccke hinsichtlich ihrer Lage zu bcurtheilen, sondern auch noch die Grenzen jener Bezirke, innerhalb welcher die Lage ungleichzeitiger Eindr\u00fccke nicht mehr wahrgenommen werden kann.","page":381},{"file":"p0382.txt","language":"de","ocr_de":";)S|2\tWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nA. Versuche an einem weiblichen Individuum von 20 Jahren.\nTlieil der Haut\tAbstand der un gleichzeitigen Eindr\u00fccke = ab\tAbstand der gleichzeitigen Eindr\u00fccke\t\n\t\tGrenze der einfachen Empfindung = oc\tBeginn der\tod \u2014 oc = cd j deutlichen Doppel-Empfindung = ad\nHandr\u00fccken ....\t2 \u2022 :j W. !..\t(i \u2022 O W. L.\t\u00ab \u2022 o W. L.\n\t1 \u2022 .V\"\t5 \u2022 <)\"'\t11 \u2022 7'\"\t\u2014\n\t1 \u2022 5\"'\t4 \u2018:i \"\t5 \u2022 1'\"\t\u2014\nMittel . .\t1 \u2022 7'\"\t5 \u2022 1\"'\t11 \u2022 9\"'\tj\t1 \u25a0 S'\"\nVorderarm. Mitte der\t2 \u2022 5'\"\t7 \u2022 0'\"\t10.9'\"\t1\t\u2014\nRiickenfliiche . . .\t1 \u2022 7'\"\t12 \u2022 (>\"'\tIlJ.fl'\"\t\u2014\n\t1 \u2022 7'\"\t\u00f6 \u2022 2\"'\t9 \u2022\t\u2014\n\t1 \u2022 9'\"\tlo . n\"'\t\t \t\n\t2 \u2022 .V\"\t\u2014\t\nMittel . .\t2 \u2022 <>\"'\tS \u2022 5'\"\t11 1\"' | 2-1\u00bb'\"\nB. Versuche an einem m\u00e4nnlichen Individuum von 30 Jahren.\nI Theil der Haut\t\tab\tOC\t\tod\t\tod \u2014 oc = ft/\nHandr\u00fccken ....\t1\t9>\"\t7\t2\t9\t4\"'\t\u2014\n\t1\tS'\"\tC>\t0'\"\tS\t!)\"'\t\u2014\n\t2\t2\"'\ts\t\t\tI\u00bb\t3'\"\t\u2014\nMittel . .\t1\t9'\"\t-\tII'\"\t9 \u2022 2\"'\t\t2 \u25a0 2\"'\nVorderarm. Mitte der\t3\t5\"'\t11\t0\t14\t3'\"\t-4\u2014\nRiickenfliiche . . .\t\u2022\")\t0'\"\tG\t-tu\t11\t3'\"\t\u2014\n\t;$\t\t9\t3'\"\t12\t4\"'\t\u2014\nMittel . .\tI\t0'\"\t\\)\t{)ttt\t12\t-nt i\t3-7'\"\nOlterarm. Mitte der\t4\t-nt 1\t13\tsw\t15\t.3'\"\t\u2014\nRiickenfliiche . . .\t5\t!\"'\t12\tS'\"\tIO\t2\"'\t\u2014\n\t4\t5'\"\t11\t4'\"\t21\t3'\"\t\u2014\n\t5\t\t12\t{)tt,\t\t\t\u2014\nMittel . \u2022\t4\t\u2022S\u2019\"\t12\t5'\"\t\t(1'\"\t1 *\u25a0>'\"\nDie Resultate dieser Messungen, welche auf alle Hautregionen ausgedehnt und mit gr\u00f6sster Sorgfalt gepr\u00fcft werden sollten, stimmen zwar mit den Forderungen meiner Lehre \u00fcberraschend genau zusammen , allein schliesslich muss ich doch hervorheben. dass es in der Natu r d e r S a che. d. h. unserer Empfindungen liegt, dass alle, durch derartige verhiiltnissm\u00e4ssig grobe Messungen gewonnenen Zahlen, nur mit der gr\u00f6ssten Vorsicht und Zur\u00fcckhaltung f\u00fcr oder gegen theoretische Forderungen und Hypothesen zu benutzen sind: indem mancherlei Beobachtungsfehler mit unterlaufen k\u00f6nnen. die sich zum","page":382},{"file":"p0383.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n383\nTlieil vielleicht nicht einmal durch Berechnung von Mittelwertheu, aus sehr zahlreichen Beobachtungen, ganz eliininiren lassen: wodurch in diesem Bezug die M\u00f6glichkeit, d. h. der wissenschaftliche Werth der Messungen freilich ganz in Frage gestellt w\u00fcrde.\nDieses Bedenken erhebe ich nun nat\u00fcrlich auch gegen meine eigenen, in Kr. XXV \u00a71.2 und 3 mitgetheilten Messungen, welche ich \u00fcberdies noch insofern als unvollkommen bezeichnen muss, als sie nur nach einer der alten WEisicifscheu Methode ausgef\u00fchrt wurden.\n\u00a79. Beleuchtung der von Lotze1 zusammengestellten Einwiirfe gegen die Existenz \u201efester\u201c Empfindungskreise.\nObschon Lotze\u2019s Einw\u00fcrfe nur gegen die \u00e4ltere, in der That \u00bbingeni\u00f6s gedachte Deutung der Thatsachen\u00ab von Weiser gerichtet sind und weder Weber's neuere Fassung, welche gewisse allgemein getheilte Missverst\u00e4ndnisse berichtigt hat, noch auch meine eigene Lehre von den Empfindungskreisen wesentlich ber\u00fchren, so bringe ich dieselben doch noch einmal hier zur Sprache. erstens um zu zeigen, wie wenig Lotze berechtigt war am Schl\u00fcsse seiner Auseinandersetzung den Satz : \u00bbdie f e s t e n E m p f i n d u n g s k r e i s e e x i s t i r e u daher nicht,\u00ab ganz allgemein hinzustellen: und zweitens um eine passende Gelegenheit zu haben, einige auf diesen Gegenstand bez\u00fcgliche Bemerkungen von allgemeiner Wichtigkeit anbringen zu k\u00f6nnen.\nWas zun\u00e4chst den ersten Punkt betrifft. so konnte Lotze , nach meinem Daf\u00fcrhalten, in Erw\u00e4gung der von ihm zusammengestellten Bedenken, nur die Existenz solcher festen Empfindungskreise leugnen, wie sie im Sinne der \u00e4lteren WEBEu'schen Lehre gew\u00f6hnlich aber irrth\u00fcmlich aufgefasst wurden, denn die Annahme gewisser Bezirke von bestimmter Gestalt und Gr\u00f6sse, welche in der Haut die n\u00e4chsten Elemente unseres Raumbildes repr\u00e4sentireu und als \u00bbfeste Empfindungskreise\u00ab zu bezeichnen w\u00e4ren, ist im Allgemeinen durch jene Bedenken durchaus nicht widerlegt.\nWenn wir auf die einzelnen Einw\u00fcrfe Lotze s n\u00e4her eingehen. so erkennen wir n\u00e4mlich bald, dass sie dem Wesen der festen Empfin-dungskreisc gar nicht widersprechen.\nSo sagt Lotze a. a. O. S. 402: \u00bbDenken wir uns einen dieser Empfindungskreise, z. B. am Oberarm, wo er ja eine Ausdehnung von mehr als einem Zolle haben kann, aus den Raumpunkten a, b, c, <1\n' A. a. 0.. S. 2i)4.","page":383},{"file":"p0384.txt","language":"de","ocr_de":"384\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nu. s. w. zusammengesetzt, so w\u00fcrde es eine Consequenz der Ansicht von Weber sein, dass nicht nur die gleichzeitige Ber\u00fchrung der Punkte n und (I als eine Empfindung wahrgenonnnen w\u00fcrde, sondern die Empfindung w\u00fcrde auch dieselbe bleiben m\u00fcssen, ob wir nun mit einer einzigen Zirkelspitze d oder \u00ab ber\u00fchren. Wenn wir daher die Zirkelspitze nach manchfaehen Richtungen auf der Haut herumf\u00fchren, ohne doch die Grenzen dieses Empfindungskreises zu verlassen, so k\u00f6nnten wir dadurch keine Wahrnehmung einer Bewegung erhalten, sondern Alles w\u00fcrde sich verhalten, als w\u00fcrde best\u00e4ndig derselbe P u n k t erregt.\u00ab\nHieraus ist aber im besten Falle offenbar nichts weiter zu schliessen, als dass die festen und wahren Empfindungskreise eben einen kleineren Durchmesser haben m\u00fcssen, als jene Bezirke, innerhalb welcher gleichzeitige Eindr\u00fccke zu einer r\u00e4umlich untrennbaren Wahrnehmung verschmelzen, nicht aber etwa, dass \u00fc ber ha u p t keine festen Empfindungskreise existiren.\nDenn mit dem wahren Begriff eines festen Empfindungskreiscs ist es gar nicht unvereinbar, dass Empfindungen, die durch Erregung der zu einem Emj finduugskreise geh\u00f6rigen sensiblen Punkte entstehen . qualitativ verschieden seien und von der ^eele in inten-si v e r Weise aus einander gehalten und unterschieden werden k\u00f6nnten. Die Ununterscheidbarkeit der innerhalb eines Empfindungskreises erzielbaren Empfindungen bezieht sich n\u00e4mlich lediglich auf ihre r\u00e4umlichen Beziehungen, und so ist es denn so lange kein Widerspruch, dass wir es erlernen, eine ruhende Ber\u00fchrung von einer bewegten Ber\u00fchrung selbst innerhalb eines wahren Empfindungskreises wohl zu unterscheiden, so lange, sage ich, als dies nicht durch Wahrnehmung der Verschiedenheit irgend welcher r\u00e4umlichen Beziehungen geschieht und wir nicht zugleich etwa eine Vorstellung von der Richtung dieser Bewegung bekommen.\nDass cs aber wirklich Bezirke in der Haut gibt, innerhalb welcher durch eine leise Ber\u00fchrung mit einem in bestimmter Richtung bewegten K\u00f6rper \u2014 wenn sie ohne alle H a u t v e r s c h i e b u n g erfolgt \u2014 die Vorstellung einer Bewegung ohne angeb bare Richtung erweckt werden kann, ist eine Tkatsache. \u25a0)\n1 So f\u00fchlt man z. B. auch sehr deutlich, dass ein Haar irgend eines unterst\u00fctzten K\u00fcrpertheiles leise bewegt und hin und her gebogen wird, ohne eine Ahnung davon zu haben, in welcher Ri ch tung dies geschieht. Beil\u00e4ufig mache ich darauf noch aufmerksam, dass unser Wahrnehmungsverm\u00f6gen, unter allen r\u00e4 n m liehen Beziehungen, f\u00fcr die Rieh tung bewegter Eindr\u00fccke am sch\u00e4rfsten (an manchen Orten sogar fast unbegrenzt zu sein scheint, indem wir dieselbe","page":384},{"file":"p0385.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nBS5\nMail muss sich wohl h\u00fcten, die Vorstellungen, welche wir dem Kan in sinn des Tastorgans verdanken, mit jenen Wahrnehmungen zu eonfundiren, welche der Tastsinn der Haut vermittelt.\nAchnlich verh\u00e4lt es ich mit einem andern Bedenken, das Lotze S. -101 vorbringt. Loize findet es unvereinbar mit der Existenz fester Empfindungskreise, wenn man im Stande sein sollte, innerhalb eines solchen einen Kreis von einer Kreisfl\u00e4che, einen King von einem gleichgrossen Petschaft zu unterscheiden; allein er h\u00e4tte nur dann liecht, wenn er beweisen k\u00f6nnte. dass die Unterscheidung der beiden Eindr\u00fccke durch den Kaum sinn in Folge der wirklich wahr genommenen, verschiedenen Gestalt und r\u00e4umlichen Ausdehnung der gereizten Hautstelle geschieht, und wenn nicht \u00fcberdies faetiseh Bezirke in der Haut existirten, innerhalb welcher eine solche Unterscheidung ganz unm\u00f6glich ist.\nHinsichtlich der durch die alte WebekscIic Methode direct gemessenen Bezirke, die aber freilich nicht f\u00fcr die wahren Empfindungs-kreise gelten k\u00f6nnen, mag Lotze in gewisser Beziehung nicht Unrecht haben, obschon selbst innerhalb dieser Bezirke die Wahrnehmung der r\u00e4umlichen Beziehungen der durch den Querschnitt eines soliden Stabes und einer gleichgestalteten K\u00f6hre erregten Empfindungen eine so vage ist. dass wir den Umriss und die verschiedene Gestalt jener beiden Tastobjecte nicht zu erkennen im Stande sind, ihre etwaige Unterscheidbarkeit daher wesentlich nur auf unr\u00e4umlichen Kennzeichen beruhen muss.\nEin drittes Bedenken Lotze's bezieht sich lediglich auf die, aus der alten, missverstandenen WEBER\u2019sclien Ansicht fliessende Conse-qnenz. dass die Empfindungskreise \u00bbvon einer ganz schmalen Linie sch\u00e4rfster Unterscheidungsf\u00e4higkeit\u00ab umzogen sein m\u00fcssten. Damit li\u00e2t es nun freilich seine volle Kichtigkcit. allein dieser Einwurf ist nur gegen die alten WEUEii'schen. nicht gegen die Empfindungskreise \u00fc b er h a up t gerichtet.\nViertens endlich weiss Lotze \u00bbder sonderbaren Folgerung nicht zu begegnen, welche K\u00f6u.ikek aus Webe it\u2019s Annahmen zieht. Es seien a. b, c, </. e auf einander folgende Punkte des Oberarms. Zwei\nmeist schon vor Ueberschreitimg eines jener Bezirke angeben k\u00f6nnen, innerhalb welcher uns noch nicht einmal die gegenseitige Lage ungleichzeitiger Eindr\u00fccke deutlich ist. Dies findet aber seine gen\u00fcgende Erkl\u00e4rung wesentlich darin. dass der rein physikalische Zerstreuungskreis eines bewegten Eindruckes keiner Kreiswelle vergleichbar ist, sondern etwa jener Welle, welche ein bewegter Kahn auf dem Wasserspiegel zieht, und \u00fcberdies cneteris paribus in Folge der Hautverschiebung stets gr\u00f6sser ausfallen mag, als der eines unbewegten Eindruckes\nC z o r m :t k , Schriften.\t25","page":385},{"file":"p0386.txt","language":"de","ocr_de":"386\nWeitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\nSpitzen iu \u00ab und b werden als eine empfunden. a und b mithin von derselben Primitivfaser versorgt: aber b und c gleichzeitig erregt, geben auch nur eine Empfindung: die Nervenfaser f\u00fcr c ist also dieselbe wie f\u00fcr b. folglich auch wie f\u00fcr\u00ab: zwei Spitzen in c und d. in (I und e geben wieder nur eine Empfindung, also reichte dieselbe Faser auch bis e. und sofort \u00fcber die ganze K\u00f6rperoberfl\u00e4che. Gleichwohl ist es nach Webeh\u2019s vollkommen best\u00e4tigten Versuchen Thatsache, dass wenn a und b. und dann b und c zusammengereizt nur eine Empfindung geben, doch die gleichzeitige Ber\u00fchrung von u und c deren zwei geben kann. \u00ab\nAuch dieser letzte Einwurf beweist nichts gegen die Existenz der \u00bbfesten\u00ab Empfindungskreise \u00fcberhaupt, an welcher wir daher unbeirrt festhalten k\u00f6nnen: ob auch .m\u00fcssen, wird der folgende Paragraph beleuchten.\nliier will ich nur noch einen scheinbar gewichtigen, speciell gegen meine Lehre von den Empfindungskreisen gerichteten Einwurf, welcher einige Aelmliehkcit mit der zuletzt erw\u00e4hnten \u00bbsonderbaren Folgerung\u00ab K\u00f6li.iker's hat, im Voraus begegnen und damit vielleicht wesentlich zum richtigen Verst\u00e4ndnisse meiner Auffassung der Empfindungskrcise beitragen.\nEs seien a, b. c, d. e, /'. . . auf einander folgende sensible llaut-punkte. Je drei derselben m\u00f6gen zu einem Empfindungskreise geh\u00f6ren: a. b. c fallen mithin in eine Raumcinlieitjh\u00f6herer Ordnung zusammen: aber b. c und d geh\u00f6ren ebenfalls zu einem Empfindungskreise : d f\u00e4llt also mit b und c, folglich auch mit a zusammen u. s. f.\nAuf diesem Wege w\u00fcrde man dazu kommen, dass s\u00e4mmtliehe sensiblen Punkte der Haut nur eine einzige, ungegliederte Kaumeinheit repr\u00e4sentiren. dass somit meine Annahme einer Interferenz der Empfindungskreise ad absurdum f\u00fchre, und aus diesem Grunde unstatthaft sei.\nZu demselben Endresultate w\u00fcrde man gelangen, wenn man jene Argumentation gewissermaassen umkehrtc: weil d einem andern Empfindungskreise angeh\u00f6rt als a, so kann es nicht mit \u00ab zusammeu-falleu. c geh\u00f6rt aber zu einem Empfindungskreise mit d. also kann c wie d wiederum nicht mit \u00ab zusammenfallen, obschon cs mit \u00ab ebenfalls zu einem Empfindungskreise geh\u00f6rt . . . quod est absurdum.\nAllein diese widerspruchsvollen Folgerungen, welche \u00fcbrigens nicht exacter gedacht sind. als wenn man etwa beweisen wollte, dass 1000 Weizenk\u00f6rner keinen Haufen bilden k\u00f6nnen, weil ein Korn und noch eines keinen bilden, oder aber, dass schon ein Korn einen Haufen repr\u00e4sentiren muss, weil 990 d. h. Hum\u2014i K\u00f6rner auch noch","page":386},{"file":"p0387.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes\n387\neinen Haufen ausmachen, beruhen nur auf einem Missverst\u00e4ndnis* meiner Auffassung der Empfindungskreise und ihrer Interferenz. und sind nicht zul\u00e4ssig. Denn die Localzeichen a. \u00df. y . . . deV sensiblen Punkte u. b. c . . ., welche einem Empfindungskreise angeh\u00f6ren, sind durchaus nicht identisch an sich, sondern nur in so fern nalie-z u identisch f\u00fcr uns, als sie eben ein Kaumelement h\u00f6herer Ordnung repr\u00e4sentiren.\nWir haben cs hier mit v e r s c h w i n d e n d k 1 ei n e n Differenzen zu thun. die aber darum noch nicht Null sind.\nDie Empfindungskreise sind nach meiner Auffassung eben nur ein, ich m\u00f6chte sagen, g r a p h i s c h e r A u s d r u c k d er Feinheit der \u00bbfixen\u00ab Gliederung des. an die sensiblen Punkte der Haut gekn\u00fcpften Systems der Localzcichen.\n\u00a7 10. Experimentum crucis.\nLo t'zii und Meissneu leugnen zwar auf der einen Seite die Existenz der \u00bbfesten\u00ab Empfindungskreise ganz und gar, und glauben alle Thatsachen. welche die Physiologie des Tastorgans festgestellt hat, befriedigend nach dem Satze deuten zu k\u00f6nnen, \u00bb dass zwei Empfindungen um so deutlicher geschieden werden je differenter, um so undeutlicher, je identischer ihr qualitativer Inhalt sammt den Localgef\u00fchlen ist. die sich an ihn kn\u00fcpfen\u00ab: allein auf der andern Seite sagen sie selbst : \u00bbes gen\u00fcgt nicht, dass jede Stelle der Haut dem sie treffenden Reiz ein besonderes ihr eigenth\u00fcmliches Localzcichen verleiht, sondern alle diese Localzcichen m\u00fcssen Glieder einer geordneten Reihe, eines abgestuften Systems vergleichbarer Elemente sein\u00ab, und geben also eigentlich denn doch zu. dass die Seele gewissermaasseu ein Bild von den geometrischen Verh\u00e4ltnissen in der Anordnung der sensiblen Hautpunkte \u2014 eben durch jenes abgestuftc System von Localzcichen \u2014 erhalte und im Stande sei, verm\u00f6ge dieser bestehenden Einrichtung die die Haut treffenden Reize, hinsichtlich ihres Ortes, zu bestimmen. Damit ist aber zugleich auch wieder die Existenz der \u00bbfesten\u00ab Em-pfiuduugskreise wenigstens nach meiner Auffassung, nach welcher sie. so zu sagen, nichts anderes sind, als der graphische Ausdruck der Feinheit der fixen Gliederung jenes Systems der Localzeichen, zugestanden 1\nIn der That, behufs einer allseitig befriedigenden Deutung der Thatsachen ist es nicht nur vgl. \u00a7 9 erlaubt, sondern, so weit ich sehe, unumg\u00e4nglich nothwendig. an diesen \u00bbfesten\u00ab Lmpfin-dungskreisen festzuhalten.\n25*","page":387},{"file":"p0388.txt","language":"de","ocr_de":"388\nWeitere Beitr\u00fcge zur Physiologie des Tastsinnes.\nDenn wie wollte man sonst die folgenden Erfahrungen erkl\u00e4ren !\nI. Yergr\u00f6ssert man stetig den Abstand zweier gleichzeitiger Eindr\u00fccke , die bereits so weit von einander entfernt sind. dass sie eine deutliche Doppelempfindnng geben, so w\u00e4chst auch stetig der zwischen den beiden erzielteu'Empfindimgen w a h r g e n o in m e n e Zwischenraum. Meissner sagt: \u00bbIst die Erregung von \u00ab sensiblen Punkten erforderlich. um einen in obigem Meissner s Sinne als physiologische Einheit functionirenden Irradiationskreis zu bilden, so werden die Irradiationskreise zweier Heize, welche innerhalb einer Hantstreeke erfolgen, wo nur a sensible Punkte sind, aus denselben sensiblen Punkten sich zusammensetzen, und somit ein und dasselbe Localzeichen f\u00fcr beide Heize vermitteln, welche also nicht gesondert empfunden werden: sie werden erst gesondert wahrgenommen werden, wenn sic so weit von einander ger\u00fcckt sind, dass ihre Irradiationskreise sich jeder aus o verschiedenen Punkten zusammensetzt, oder vielleicht einen Theil der sie bildenden sensiblen Punkte verschieden haben.\u00ab\nAllein es ist nicht einzusehen, wie damit die. mit der wachsenden Entfernung der Tastreize ccrrespondirende Yergr\u00fcsserung des wahrgenommenen Zwischenraumes, welcher die beiden Empfindungen trennt, erkl\u00e4rt werden soll, da ja schon vom Beginn der deutlichen Doppclemptindung an, die \u00bbIrradiationskreise sich jeder aus a verschiedenen Punkten zusammensetzt\u00ab, ausser man nimmt an, dass eben die Localzeichen der sensiblen Punkte, in Folge der bestehenden Einrichtung des Tastorgans, einem stetig abgestuften, mit den geometrischen Verh\u00e4ltnissen corrcspoudircndcn \u00bbSysteme von fixer Gliederung angeboren.\n2. Nehmen wir an, es seien zwei Zirkelspitzen in solcher En'-fernuug von einander und gleichzeitig auf eine beliebige dehnbare Hautstelle z. 1>. die Lippe aufgesetzt worden, dass sie als zwei r\u00e4umlich gesonderte Eindr\u00fccke wahrgenommen werden, so erkl\u00e4rt sielt dies nach Meissner so, dass bei diesem Abstande jede der beiden Zirkel-spitzen \u00bbo\u00ab verschiedene sensible Punkte, deren Erregung eben erforderlich ist, um \u00bbeinen als physiologische Einheit functionirenden Irradiationskreis zu bilden\u00ab, erregen kann und wirklich erregt, w\u00e4hrend wir nach unserem Principe der festen Empfindungskreise den Grund der Erscheinung darin finden werden, dass die Zirkelspitzen sensible Punkte treffen, welche wall rsch ein lie It um mehr als das Dreifache des Durchmessers eines Emptindungskreises von einander abstehen.\nDehnen wir nun das betreffende Hautst\u00fcck aus wodurch die sensiblen Punkte desselben auf eine gr\u00f6ssere Fl\u00e4che zerstreut werden . und setzen die Zirkelspitzen in derselben Entfernung, wie vor","page":388},{"file":"p0389.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n389\nder Delmuug' wieder auf, so werden dieselben, wie der Versuch lehrt, entweder gar nicht mehr, oder doch durch einen geringeren Zwischenraum getrennt, wahrgenommen.\nAuch diese Erfahrung erkl\u00e4rt sich noch fast gleich gut nach beiden Hypothesen; nach Meissner, indem sich die relative Zahl der sensiblen Punkte, in Folge der Dehnung, dennaassen verringert hat. dass die Zirkelspitzen nun nicht mehr die erforderliche Anzahl von je \u00bb a \u00ab sensiblen Punkten erregen k\u00f6nnen; nach meiner Auffassung, indem die Zirkelspitzen, in Folge der ein- oder allseitigen Vergr\u00f6s-serung des Durchmessers der festen Empfindungskreise, sensible Punkte treffen, welche Empfindungskreisen augelt\u00f6ren, die um weniger Durchmesserweiten von einander entfernt liegen als jene Emptiudungskreise, welchen die vor der Dehnung erregten Punkte angeli\u00f6rten.\nDer Versuch lehrt aber weiter, dass, wenn man unter den angef\u00fchrten Umst\u00e4nden den Abstand der beiden Zirkelspitzen um ein Bestimmtes, das ein gewisses Minimum \u00fcberschreiten muss, ver-gr\u00f6ssert. d i e s e 1 b e r \u00e4 u m 1 i c h e Unterscheidung der Eindr\u00fccke, wie vor der Dehnung der Haut, auch wieder eintritt. trotz der Zerstreuung der sensiblen Punkte und trotz der durch die Spannung etwas ver\u00e4nderten F\u00e4rbung der Tastempfindung.\nDieses leicht zu constatirende Factum l\u00e4sst sich . wie mir scheint, nur dureli die Annahme \u00bbfester\u00ab Empfindungskreise in der Haut auf ungezwungene Weise erkl\u00e4ren, indem es daun von selbst einleuchtet, wie durch die Vergr\u00f6sserung des Abstandes der Zirkelspitzen von einander wieder die Ber\u00fchrung jener Empfindungskreise, zwischen denen die erforderliche Anzahl unber\u00fchrter Baumelemente liegt und mithin die fr\u00fchere r\u00e4umliche Trennung der Eindr\u00fccke erm\u00f6glicht wird ; w\u00e4hrend man nach Meissner s Hypothese durchaus nicht begreift, was das Auseinanderr\u00fccken der Zirkelspitzen n\u00fctzen soll und kann, da ja die Zirkelspitzen bei der durch die Hautausdehnung gesetzten Zerstreuung der sensiblen Punkte, trotz der Vergr\u00f6sserung ihres gegenseitigen Abstandes, doch niemals wieder, wie vor der Dehnung, die erforderlichen \u00bb\u00ab\u00ab sensiblen Punkte zu erregen im Stande sein werden, man m\u00f6chte denn der Annahme der festen Empfindungskreise, nach welcher Alles so einfach sich deuten l\u00e4sst, die Ausflucht vorzuziehen geneigt sein. dass unter den durch die Dehnung eintretenden Verh\u00e4ltnissen e n t w eder eine geringere Anzahl von sensiblen Punkten als \u00bb\u00ab\u00ab schon hinreichend sei, \u00bbum einen als physiologische Einheit fnnctionircuden Irradiationskreis zu bilden\u00ab. o d e r die Zirkelspitzen sich mit gr\u00f6sseren Irradiationskreisen umgeben w\u00fcrden, durch welche","page":389},{"file":"p0390.txt","language":"de","ocr_de":"390\nWeitere Beitr\u00fcge zur Physiologie des Tastsinnes.\nabermals .jene fr\u00fcher \u00bberforderlichen\u00ab \u00bb\u00ab\u00ab sensiblen Punkte erregt werden k\u00f6nnten.\nMeines Erachtens jedoch scheitert an der Erkl\u00e4rung dieser einfachen Versuche und der sub I angef\u00fchrten Erfahrungen, welche uns zur Annahme \u00bbfester\u00ab Empfindungskrcise in der Haut zu zwingen scheinen, die von Meissxkr gegebene, sonst eben so sinnreiche. als elegante Ausf\u00fchrung der Eo rzkschen Principicn.\nIch schliesse mit dem Satze: feste Empfindungskreise existiren daher gewiss, und mit der kurzen Erkl\u00e4rung: Die sensiblen Punkte bilden in der Haut eine Art von Mosaik. von der die Seele durch das, mit der Erregung der sensiblen Punkte verkn\u00fcpfte, stetig, aber mit verschiedener Feinheit abgestufte System von Localzeichen, gewissermaassen ein Bild erh\u00e4lt, zusammengesetzt aus einer Vie 1 hcit von einfachen Kaumclementcn. welche in verschiedener, aber bestimmter Anzahl zu Raumeinheiten h\u00f6herer Ordnung, den sogenannten festen Empfindungskreisen, zusammcnfli essen, so dass d i e S e c 1 e i m S t a n d e i s t, verm\u00f6ge dieser bestehenden Einrichtung die die Haut treffenden Reize hinsichtlich ihres Ortes zu bestimmen.","page":390},{"file":"p0391.txt","language":"de","ocr_de":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes.\n:*9i\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nTafel 1!).\nFig. I erl\u00e4utert den in Nr. XXVI angegebenen neuen Versuch zur Demonstration der Chronusie des Auges, welche sich bei falscher Accommodation geltend macht. K ist der Durchschnitt des Kartenblattes, in das der L\u00f6ehclchenkreis gestochen ist ; \u00abund b sind zwei vom Schnitte getroffene L\u00f6chelchen, tide und bed die durch dieselben ins Auge fallenden Lichtkegel; cv, de die violette, er, d r die rothe Grenze der chromatischen Abweichung. Die erstcre bildet nach ilie letztere vor der Durchkreuzung der Strahlen im zusammengebrochenen Lichtkegel den \u00e4usseren Mantel des Kegels und ist, so weit dies der Fall, durch volle Linien angcdcutct, \u00fcbrigens nur punktirt. Die sechs Ovale repriisentiren die, je nach dein Stande des Accommodationspunktes auf die Netzhaut It. IC, It\", fallenden Zerstreuungskreise der Leuchtpunkte \u00ab und b. Steht der Aecommodations-punkt jenseits des Kartenblattes IC , so bilden die rothen Strahlen die \u00e4tisserste Grenze der Zerstreuungskreise, steht er diesseits desselben /(\"; \u2014 die blauen. Ist das Auge f\u00fcr die Entfernung von \u00ab und b aeeommodirt It , so ist auch die chromatische Abweichung fast Null. Es versteht sich von selbst, dass sich dort, wo sich die Zerstreuungskreise auf der Linie .I.Y ber\u00fchren, die Intensit\u00e4t der Farbens\u00e4ume erheblich verst\u00e4rken muss.\nFig. 2 und '\u25a0} zeigen, dass und warum der Zerstreuungskreis eines Leuchtpunktes, a, durch ein von beliebiger Seite her gegen die Mitte der Pupille vorgeschobenes Kartenblatt K von derselben oder von der entgegengesetzten Seite her auf der Netzhaut verdunkelt werde, je nachdem in Folge des Aceommo-dationszustandes der Vereinigungspunkt der Strahlen u, hinter Fig. 2; oder vor Fig. a die Netzhaut f\u00e4llt.\nFig. 4, 5, G, 7 und 8. Schematische Darstellungen der Empfindungskreise in der Haut, welche die Er\u00f6rterungen des \u00a7 S, Nr. XXX erl\u00e4utern. Fig. 4 ist ein idealer Grcnzfall.\nFig. 0. Neuer Stangenzirkel zu Tastversuchen in nat\u00fcrlicher Gr\u00f6sse. Der k\u00fcrzere Schenkel .1; kann, durch Druck des Fingers auf die Platte d, nach unten verschoben werden und kehrt durch die Wirkung der Feder e, von selbst in seine fr\u00fchere Lage zur\u00fcck. Der l\u00e4ngere Schenkel II ist an der Iliilse II befestigt, welche an der Stange ($. l\u00e4uft und ein viereckiges Fenster hat, dessen zugescli\u00e4rf-ter unterer Rand mit einem Nonius versehen ist, so dass man an der Stangen-t hei lung den Abstand der Zirkelspitzen bis auf Zehntel einer Wiener Linie genau ablesen kann. Da der senkrecht bewegliche k\u00fcrzere Schenkel (A] durch die Schraube r in beliebiger H\u00f6he festgestellt werden kann, so dient der Stangenzirkel eben so gut zur Erzielung gleichzeitiger als ungleichzeitiger Eindr\u00fccke Vgl. \u00a7 8, ad 2.","page":391}],"identifier":"lit16177","issued":"1879","language":"de","pages":"370-391","startpages":"370","title":"Weitere Beitr\u00e4ge zur Physiologie des Tastsinnes","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:57:44.771539+00:00"}
