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{"created":"2022-01-31T16:25:15.692470+00:00","id":"lit16178","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 392-404. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0392.txt","language":"de","ocr_de":"XXXI.\nZur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n[ Vorlesung, gehalten beim Antritt seines Lehramtes, als Professor der Zoologie an der Universit\u00e4t zu Gratz, im Sommersemester IS\u00f6i/\u00f6. (Als Brochure erschienen. Leipzig, Engelmann I8\u00f65j.]\nM. H. !\nEs ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, an der hiesigen Hochschule Zoologie zu lehren.\nIm Begriffe, meine Vortrage zu er\u00f6ffnen, liahe ich nach dem streng systematischen Gange der Wissenschaft zun\u00e4chst damit zu beginnen, die Zoologie zu definiren, ihre Aufgabe n\u00e4her zu bestimmen, die Gliederung in ihre einzelnen Theile zu begr\u00fcnden und so eine Skizze des Umfangs und Inhalts dieser Wissenschaft zu entwerfen.\nIch w\u00e4hlte das bezeiehnete Thema, abgesehen von defr Forderung des systematischen Lehrganges, auch deshalb zum Gegenst\u00e4nde meiner Antrittsvorlesung, weil es mir die beste Gelegenheit bietet, Sie, m.H. ! sowohl im Gesammtgebiete der Zoologie, als auch \u00fcber meinen wissenschaftlichen Standpunkt und \u00fcber die Richtung meiner k\u00fcnftigen Th\u00e4tigkeit zu orientiren. \u2014\nZoologie von AWv und Xdyoc) heisst und ist ganz allgemein die Wissenschaft von den Thieren: sie hat die Aufgabe, die Thiere in allen ihren Beziehungen zu erforschen, unter allen irgend m\u00f6glichen Gesichtspunkten zu betrachten und umfasst daher die Summe all\u2019 unseres Wissens von den Thieren. \u2014\nSo viele Gesichtspunkte es gibt, unter welchen sich die Thiere betrachten lassen, so viele Systeme von Wahrheiten, so viele Zweige oder Theile der Wissenschaft werden sich ergeben. Nebst diesen sollen aber dann auch noch jene Disciplinen in unserer Skizze einen Platz und eine Erw\u00e4hnung finden, welche \u2014 ohne als solche gerade integrirende Bestandteile der reinen Wissenschaft auszumachen \u2014 doch in das Gebiet der Zoologie geh\u00f6ren.","page":392},{"file":"p0393.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientiruug im Gesammtgebiete der Zoologie.\n3915\nJedes organische, daher auch jedes thierische Wesen, kann man zun\u00e4chst unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachten : \u00bb einmal im Zustande der organischen Ruhe, das andere Mal im Zustande der Th\u00e4tigkeit \u2014 als f\u00e4hig zu leben und als wirklich lebend\u00ab.\nDiesen beiden Gesichtspunkten entspricht die alte Blaixville\u2019-sclie Eintheilung der Biologie in die statische und die dynamische.\nUns spaltet sich hiernach das zoologische Wissen :\nI.\tin die Lehre von der Zusammensetzung der thierischen Organismen, d. h. in die Lehre von den Formen und den Stoffen derselben ; und\nII.\tin die Lehre von den Leistungen und Lebenserscheinungen der thierischen Organismen.\nAd I. Die erstere zerf\u00e4llt wieder, wie bereits angedeutet, in die Formenlehre und in die Stofflehre.\nDie Formenlehre oder Morphologie*) erh\u00e4lt ihr Material durch die Zoographie, welche die \u00e4ussere Beschreibung der Thiere oder die Zoographie im engern Sinne und die Zootomie d. h. die Histio-grapliie, Organographie und Zoomorphose umfasst, und \u00bbhat dieses Material in einer seiner Bedeutung entsprechenden Form zu ordnen und die Gesetze der thierischen Gestaltung festzustellen\u00ab.\nDie Stofflehre betrachtet die Stoffe, aus welchen die thierischen Organismen zusammengestellt sind, in chemischer und physikalischer Beziehung und zerf\u00e4llt demgem\u00e4ss in die Zoochemie und Zoophysik.\nAd II. Die letztere, die Zoophysiologie1 2) hat die Aufgabe, die Leistungen des Thierleibes festzustellen und sie aus den elementaren Bedingungen desselben mit Nothwendigkeit herzuleiten \u2014 zu erkl\u00e4ren und findet ihr Material sowohl in der Formen- und Stofflehre, als auch in der vergleichenden B Bo graphie, welche sich mit der Ermittelung und Beschreibung der s\u00e4mmtlichen somatischen und psychischen Lebenserscheinungen und Lebens\u00e4usserungen der Thiere besch\u00e4ftigt.\nDie vergleichende Biographie steht zur Physiologie in einem \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnisse, wie die Zoographie zur Morphologie und zur Physiologie.\nDass ich die Entwickelungsgeschichte, die Zoomorphose, in das\n1\tJ. Victor Oarus: System der thierischen Morphologie. Leipzig 1853. W. Engelmann.\n2\tAnatomisch-physiologische Uebersicht des Thierreichs von Bergmann und Leuckart. \u2014 Stuttgart 1S55. M\u00fcller.","page":393},{"file":"p0394.txt","language":"de","ocr_de":"394\nZur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\nBereich der Zootomie und nicht, wie es gew\u00f6hnlich geschieht, in jenes der Physiologie gestellt habe, wird man gerechtfertigt finden, wenn man bedenkt, dass die Zootomie ihrem Begriffe nach nicht auf die Zergliederung der erwachsenen Thiere beschr\u00e4nkt werden kann, sondern die Anatomie der Thiere in allen Alterszust\u00e4nden umfassen muss. Lud was ist denn die Zoomorphose in ihrer gegenw\u00e4rtigen Bearbeitung Anderes, als die Anatomie der einzelnen Entwicklungsstadien bestimmter Thierindividuen in chronologischer Folge und Anordnung ? Ja, in dieser Beziehung ist die Zootomie, wenn n\u00e4mlich darunter, wie gew\u00f6hnlich, die Anatomie der erwachsenen organisch vollendeten 1 liiere verstanden wird, nur ein aus der Entwicklungsgeschichte herausgerissenes Blatt 1 Freilich l\u00e4sst sich die Bildung der Organismen auch unter dem physiologischen Gesichtspunkte betrachten, allein dann entstellt eine ganz andere Wissenschaft als die heutige Zoomorphose, eine Wissenschaft, die ein Zweig der Physiologie ist, deren Bearbeitung aber zum gr\u00f6ssten Tlieil der Zukunft Vorbehalten bleibt.\nIII. Ein dritter Gesichtspunkt, unter welchem die Thiere erscheinen, f\u00fchrt zur Betrachtung derselben nach ihrer Verbreitung im Baume und in der Zeit. Hiernach spaltet sicli das zoologische Wissen in die G e o z o o 1 o g i e1 oder Thiergeographie und in die P a 1 a e o zoologie oder 1 hiergeseliichte. Das Wort Palaeozoologie scheint f\u00fcr den Begriff der I hiergeseliichte zwar zu eng, indem die Thiergeschichte das Auftreten der verschiedenen Thierformen auf der Erde durch alle Scli\u00f6-pfungsepochen hindurch Ins inclusive auf die Gegenwart zu Verfolgen hat; allein wir k\u00f6nnen das Wort in Ermangelung einer andern Beziehung um so eher beibehalten, als der gr\u00f6sste Tlieil der Thiergeschichte l\u00e4ngst vergangene Perioden der Entwicklung des Thierreichs behandelt und selbst die gegenw\u00e4rtige Phase derselben nicht nur der Gegenwart. sondern auch bereits der j\u00fcngsten Vergangenheit dem Anfang der jetzigen Sch\u00f6pfungsperiode n\u00e4mlich \u2014 angeh\u00f6rt.\nDie unermessliche I tille des unter den bezeichneten drei Gesichtspunkten gewonnenen \\\\ issens von den Thieren und ihrer Natur dr\u00e4ngt zur Gruppirung und Zusammenfassung der erkannten Thierfonnen in kleinere und gr\u00f6ssere, nat\u00fcrliche Abteilungen nach der Verwandtschaft ihrer Organisation und ihrer Lebenserscheinungen.\nI nter diesem IV. Gesichtspunkte entsteht eine neue Disciplin der wissenschaftlichen Zoologie \u2014 die Systematik, die als \u00bbthierische Verwandtschaftslehre \u00ab zur Aufstellung des n a t \u00fc r 1 i c h e n Systems\n1 L. K. Sc hm Alio a : die geographische Verbreitung der Thiere. Wien 1853 Gerold.","page":394},{"file":"p0395.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n395\nder thierisehen Organismen fuhrt, welches letztere in gewisser Hinsicht als die allesumfassende Aufgabe, als das ferne Endziel der zoologischen Bestrebungen, als die Zoologie zaf e-o/^v bezeichnet werden kann.\nDas leitende Princip der systematischen Zoologie, welches man zuerst in \u00e4ussern Merkmalen, dann im innern Bau der Thiere suchte, glaubt man endlich in der Entwicklungsgeschichte 1 ) gefunden zu haben. Allein auch dieser neueste Standpunkt, alsein ausschliesslich morphologischer, scheint immer noch zu einseitig \u2014 der richtige nicht zu sein, denn da die Art, Species, deren Begriff aner-kanntermaassen die Grundlage aller systematischen Bestrebungen ausmacht, \u00abeine bestimmte, abgeschlossene und sich selbst erhaltende Form des organischen Lebens\u00ab2; ist, so wird das leitende Princip der zoologischen Systematik offenbar ein m o r p h o 1 o g i s c h - p h y -siologisches sein m\u00fcssen, wenn dessen praktische Durchf\u00fchrung auch noch nicht an der Zeit sein sollte.\nWas \u00fcbrigens das entwicklungsgeschichtliche Princip betrifft, welches einen eben so warmen als gewandten F\u00fcrsprecher in meinem Freunde Hessel gefunden hat, so kann ich einige kritische Bemerkungen \u00fcber die Tragweite desselben hier nicht unterdr\u00fccken.\nNach Hessels Darstellung k\u00f6nnte es scheinen, als ob nun mit der Aufstellung und Anwendung dieses Princips alle Unbestimmtheit und Schwierigkeit der wissenschaftlichen Systematik erledigt und beseitigt w\u00e4re, als ob sich jetzt die Begr\u00fcndung der wahren systematischen Einheiten und die Beurtheilung der Dignit\u00e4t der charakterisiren-den Merkmale so ohne weiteres von selbst ergeben w\u00fcrde.\nHensel sagt a. a. 0. S. 3: \u00bbNennen wir , Wissenschaft \u2018 ein System von S\u00e4tzen, deren jeder seine Wahrheit aus dem vorangehenden ableitet, und deren ersten dieselbe entweder a priori oder aus schon bewiesenen S\u00e4tzen einer andern Wissenschaft besitzt, so werden wir an jede Disciplin, die sich Wissenschaft nennt, das Verlangen stellen, f\u00fcr die Wahrheit ihrer Lehrs\u00e4tze auch den n\u00f6thigen logischen Beweis zu liefern. Dies auf die Zoologie angewendet, so werden wir es nicht stillschweigend hinnehmen k\u00f6nnen, wenn z. B. Cuvier unter dem Begriff der Wirbelthiere eine grosse Anzahl von Thieren vereinigt, deren Centraltheile des Nervensystems von einer R\u00fcckenwirbels\u00e4ule umschlossen werden. Wir werden alsbald nach dein Beweise f\u00fcr die Berechtigung einer solchen systematischen Einheit fragen, aber leider\n1\tR. Hexsel : das leitende Princip der systematischen Zoologie. Breslau 1852. Grass, Barth u. Comp.\n2\tR. Leuckart: Ueber den Polymorphismus der Individuen : S. 2. Giessen 1851. Ricker\u2019sche Buchhandlung.","page":395},{"file":"p0396.txt","language":"de","ocr_de":"39 G\nZur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\nunbefriedigt bleiben: denn, dass eine solche Wirbels\u00e4ule allen jenen Thieren gemeinschaftlich sei, ist noch lange nicht der geforderte Beweis. Warum sollen wir nicht das geschlossene Gef\u00e4sssystem oder die in ilun circulirende Fl\u00fcssigkeit von eigentli\u00fcmliclier Zusammensetzung als ein gemeinschaftliches Merkmal aller Wirhelthiere ansehen k\u00f6nnen ? Und was hilft uns nun aus der Verlegenheit, welches jener Merkmale wir als den Ausdruck eines besondern Grundtypus und somit als ein zusammenfassendes Moment anwenden sollen? Denn aucli dadurch unterscheidet sich das nat\u00fcrliche System wesentlich von allen k\u00fcnstlichen, dass es, wie die Natur selbst, nur ein einziges ist und dass die Merkmale, welche es jedem Complex von Thierformen voranstellt, die einzigen charakterisirenden sind und somit die Berechtigung aller andern ausschliessen, denn sie sind stets der Ausdruck eines Grundoder abgeleiteten Typus und nicht als augenf\u00e4llige Erscheinungen willk\u00fcrlich erw\u00e4hlt. Wir werden also im nat\u00fcrlichen Systeme nie sagen, dieses oder jenes Merkmal \u00bbk\u00f6nne\u00ab, sondern \u00bbm\u00fcsse\u00ab als charakteristisch angef\u00fchrt werden, ein Muss, welches zugleich die Noth-wendigkeit eines Beweises und somit eine wissenschaftliche Basis voraussetzt. Demzufolge wird auch das wissenschaftliche System frei bleiben von allen negativen Diagnosen. wie von der Zul\u00e4ssigkeit von Ausnahmen. Immer, wo wir diese finden, sind sie uns das sicherste Zeichen, dass das aufgestellte Gesetz seinem ganzen Wesen nach unrichtig oder \"wenigstens nicht allgemein genug gewesen ist\u00ab . ^.\n\u00bb Cuvier hat. wie schon gesagt, den Typus der Wirhelthiere richtig erkannt, aber er musste uns den Beweis f\u00fcr seine systematische Berechtigung schuldig bleiben. denn das Gewordene l\u00e4sst sich nur im Werden begreifen, und daf\u00fcr war Cuvier's Zeit noch nicht vorbereitet. \u2014 Betrachten wir den Begriff der Species als den speciellsten im gesummten Systeme, indem f\u00fcr uns die Art das Gleichartige, keine Thei-lung mehr Zulassende umfasst. so muss nothwendiger Weise diesem speeiellen Begriff der allgemeinere. \u00fcbergeordnete, der der Gattung [Genus vorangehen, oder, was dasselbe ist, der Organismus muss, elie er als vollendete Form mit allen seine Species charakterisirenden Merkmalen versehen auftritt, vorher die, welche ihn einer bestimmten Gattung beiordnen, an sich aufzuweisen haben: und sofort m\u00fcssen am Organismus je fr\u00fcher, desto allgemeinere Charaktere, am Beginn der Entwickelung aber die allgemeinsten oder Grundtypen auftreten. Wir haben also ein liecht, den schon von C. E. v. Baku, dem Vater der heutigen Zoologie, aufgestellten Satz, dass sich aus einem allgemeinen Typus stets der speciellere hervorbilde, als ein allgemein g\u00fctiges Gesetz auszusprechen. Dass dieses Gesetz auch wirklich mit der Er-","page":396},{"file":"p0397.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n397\nfahrung \u00fcbereinstimme, lehrt uns die Beobachtung. \u2014 Diese zeigt n\u00e4mlich. dass alle Wirbelthiere in den ersten Stadien ihrer embryonalen Entwickelung einander v\u00f6llig gleich sind : denn die erste Spur des werdenden Embryo bestellt bei ihnen allen in der sogenannten Chorda dorsalis, der Grundlage der k\u00fcnftigen Wirbels\u00e4ule. Dieser als zuerst auftretende Charakter verschafft uns also auch den allgemeinsten Begriff des Thieres, den des Wirbelthieres. Nun erst haben wir ein Hecht die Vertebraten als solche zu charakterisiren, indem uns die Entwickelungsgeschichte einen Ausdruck f\u00fcr den ihnen gemeinschaftlichen Grundtypus an die Hand gab und dadurch zugleich jede andere Charakterisirung als nicht mit der Natur \u00fcbereinstimmend und darum k\u00fcnstlich und unwissenschaftlich ausschloss. \u00ab\n\u00bbNach der Anlage der Wirbels\u00e4ule treten allm\u00e4hlich die Charaktere auf, welche die grossem und dann die , welche die kleinern Abtheilungen der Wirbelthiere bezeichnen.\u00ab \u2014\nGegen diese sonst sehr ansprechende Auseinandersetzung ist aber zu bemerken, dass sich das v. BAEn'sche Gesetz, mit welchem Hensel\u2019s Ansicht steht und f\u00e4llt, abgesehen von der Gruppe der wirbellosen Thiere, deren Entwiekelungsgeschichte durch das Auftreten der Metamorphose und des Generationswechsels vorl\u00e4ufig allzu entwickelt erscheint, um darauf n\u00e4her einzugehen, nicht einmal f\u00fcr den Kreis der Wirbelthiere als eine durchgreifende, allgemein g\u00fcltige, mit der Erfahrung \u00fcbereinstimmende Norm. durch Beobachtung nach-weisen l\u00e4sst.\nJa, die neuesten Thatsaehen, welche Bischoff\u2019s , des Embryologen, Untersuchungen \u00fcber die Entwickelungsgeschichte von Curia cobuya 1 zu Tage gef\u00f6rdert haben, werfen die von Hexsel vertretene Anschauungsweise geradezu \u00fcber den Haufen.\nObschon die gleich zu erw\u00e4hnenden Beobachtungen bisher noch ganz vereinzelt und als unerh\u00f6rte Ausnahmen, welchen nur das Gewicht einer Autorit\u00e4t wie Bischoff\u2019s eine Geltung sichern kann, dastehn : so wird man \u2014 wenn auch mit Bedauern \u2014 nichts destoweniger zugeben m\u00fcssen, dass das entwickelungsgeschichtliche Princip in der vorliegenden Fassung widerlegt und zu Grunde gerichtet sei.\nHier heisst es nun mit Hexle \u00bbdie Tugend der Entsagung im intelleetuellen Gebiete \u00ab \u00fcben, denn gegen\u00fcber von Thatsaehen l\u00e4sst sich auch eine Lieblingsidee nicht aufrecht erhalten !\nDie fraglichen destructiven Resultate der BiscHOFF\u2019schen Untersuchungen sind aber folgende: a. a. A. S. 48 :\n1 Entwicklungsgeschichte des Meerschweinchens von Th. L. Bischoff. Giessen 1852. Iticker\u2019sche Buchhandlung.","page":397},{"file":"p0398.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n39S\n\u00bbDie Lehre v. Baer\u2019s \u00fcber die bl\u00e4tterige Bildung' des Keims findet auch bei der Keimblase des Meerschweinchens ihre Best\u00e4tigung. Allein es zeigt sich hier eine von allen bisher bekannten Thiereiern verschiedene Anordnung dieser Bl\u00e4tter. Das vegetative Blatt ist n\u00e4mlich das \u00e4usserste der Eiblase ; das animale bildet sich von Anfang an als kleines, an dem freien, nicht angewachsenen Pole des Eies gelegenes . geschlossenes Bl\u00e4schen : das Gef\u00e4ssblatt liegt zwischen beiden und entwickelt sich an der innern Seite des vegetativen Blattes. In Folge dieser Anordnung der Bl\u00e4tter des Keims hat der sicli bildende Embryo die gerade umgekehrte Lagerung in Beziehung auf das Ei, wie andere Embryonen : er liegt mit seinem Bauche nach aussen, mit dem K\u00fccken nach innen gegen die Eiblase hin gerichtet. In Folge der uranf\u00e4nglichen Bildung des animalen Blattes als einer geschlossenen Blase ist ferner die Entstehung des Amnion bei dein Meerschweinchen eine ganz andere, wie bei andern Embryonen. Die eine H\u00e4lfte dieser Blase wird n\u00e4mlich Amnion. w\u00e4hrend sich in der andern der K\u00f6rper des Embryo entwickelt.\u00ab\nWas die Allantois betrifft, so \u00bb ergab sich das unerwartete Factum, dass dieselbe sich nicht nur unabh\u00e4ngig von den \u00bbWoLFFschen K\u00f6rpern. von welchen noch mehrere Tage lang keine Spur bemerkbar ist, sondern selbst unabh\u00e4ngig von dem Embryo. kann man sagen, als ein Bestandteil der Embryonalanlage selbst noch vor dem Auftreten der Primitivrinne und somit als der erste bestimmt erkennbare Embryonaltheil ausbildet\u00ab a. a. 0. 8. 34 .\nDer werdende Meerschweinchenembryo charakterisirt sich also durch das Auftreten von Amnion und Allantois, fr\u00fcher als h\u00f6heres Wirbelthier, d. h.. als zum Unterkreise der S\u00e4uger, V\u00f6gel und lleptilien geh\u00f6rig, dann als Wirbelthier \u00fcberhaupt, indem die Chorda dorsalis in welcher Hexsel den jede andere Charakterisirung ausschliessenden Ausdruck f\u00fcr den den Vertebraten gemeinschaftlichen Grundtypus sieht, erst s p \u00e4 t e r zur Entwickelung kommt als jene beiden den Untertypus der li\u00f6hern Wirbelthiere im Gegens\u00e4tze zu dem Typus der Fische und Amphibien cliarakterisirenden Gebilde.\nDer Satz \u00bbdass am Organismus je fr\u00fcher, desto allgemeinere Charaktere auftreten m\u00fcssen\u00ab, welcher als pr\u00e4gnante Formulirung des von Hexsel vertretenen leitenden Prineips der systematischen Zoologie betrachtet werden kann, ist hiernach entweder an und f\u00fcr sich falsch, oder es sind die aufgestellten Merkmale nicht die wahren typischen, ausschliesslich cliarakterisirenden Merkmale.\nDie Bedeutung des chronologischen Auftretens der Merkmale, des zeitlichen Momentes in der Bildungsgeschichte des Embryo, auf welches","page":398},{"file":"p0399.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n399\nHensel so viel Nachdruck legt, erscheint nun wesentlich verringert \u2014 wenn nicht gar auf Null reducirt.\nIch glaube jedoch mit der Widerlegung der von Hensel vertretenen Anschauungsweise die systematische Wichtigkeit der embryonalen Merkmale, abgesehen von ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge, keineswegs angetastet zu haben. \u2014\nNach diesem etwas langen Excurse zum eigentlichen Gegenst\u00e4nde meines Vortrags zur\u00fcckkelirend, bemerke ich, dass die bereits aufgez\u00e4hlten Disciplinen, welche sich in Folge jener vier verschiedenen Gesichtspunkte ergeben hatten. den ganzen wesentlichen Inhalt der eigentlichen w i s s c n s c h a f 11 i c h e u Z o o 1 o g i e ersch\u00f6pfen.\nIm Bereiche der allgemeinen Zoologie* stehen aber noch einige Ncbendisciplinen, welche in unserer Skizze der Vollst\u00e4ndigkeit wegen einen Platz finden m\u00fcssen.\nDiese Disciplinen geh\u00f6ren zum Theil der Me di ein an, wie die Zoopathologie, die Teratologie und die Zoiatrik, zum Theil sind es Zusammenstellungen verschiedener Bruchst\u00fccke der Zoologie selbst oder verschiedener f\u00fcr den praktischen Zoologen wichtiger Erfahrungen und Gegenst\u00e4nde, welche nicht als selbst\u00e4ndige auf ein eigenth\u00fcmliches Princip gegr\u00fcndete Wissenschaften zu betrachten sind, sondern bloss der Bequemlichkeit halber zu bestimmten Zwecken f\u00fcr Aerzte, Pliar-maceuten, Oekonomeu und Zoologen abgesondert bearbeitet werden.\nHierher rechne ich als \u00bbangewandte Zoologie\u00ab die medici-nisclie, pharmaceutische und \u00f6konomische Zoologie und endlich auch, Manchem vielleicht unerwartet, die k\u00fcnstliche Taxonomie, das k\u00fcnstliche System.\nNachdem ich noch angemerkt habe, dass unter der hier anschliessenden Kubrik \u00bbzoologische Praxis\u00ab die Taxidermie und dergleichen f\u00fcr den praktischen Betrieb der Wissenschaft werthvolle und n\u00fctzliche Kenntnisse unterzubringen sind, und dass endlich die Geschichte der Zoologie, welche den Entwickelungsgang der Wissenschaft zum Gegenst\u00e4nde hat, und die gesammten zoologischen Disciplinen gewissermaassen resumirt, unsere Skizze naturgem\u00e4ss ab-schliesst: gehe ich zur Rechtfertigung der Stellung \u00fcber, welche ich der k\u00fcnstlichen Systematik unter den zoologischen Disciplinen anweisen zu m\u00fcssen geglaubt habe.\nDiese Rechtfertigung erscheint um so noth wendiger und dringender, als die richtige W\u00fcrdigung der k\u00fcnstlichen Systematik auf Opposition\n1 Wir folgen hierin wesentlich der trefflichen Bearbeitung der allgem. Zoologie von H. G. Bronn in Heidelberg; vergl. : Allgemeine Zoologie von Bronn. Stuttgart 1S30. Franckh\u2019sche Buchhandlung.","page":399},{"file":"p0400.txt","language":"de","ocr_de":"400\nZur Orientinmg im Gesammtgebiete der Zoologie.\nstossen d\u00fcrfte. indem leider ! die Mehrzahl der sogenannten Zoologen die Aufstellung eines Thiersystems nach zuf\u00e4lligen, meist \u00e4usseren in die Augen fallenden Merkmalen, noch immer f\u00fcr die eigentliche, wesentliche Aufgabe der Wissenschaft zu halten sich nicht entbindet. Der Fundamentalunterschied der k\u00fcnstlichen von dem nat\u00fcrlichen Systeme liegt, wie Hexsel a. a. 0. >S. 2 treffend sagt, darin \u00bbdass in jenen die Vereinigung aus der Trennung hervorgeht, in diesem im Ge-gentheile die Trennung Folge der Vereinigung ist\u00bb ; dass in jenen die Begrenzung der Gruppen eine zuf\u00e4llige ist, in diesem eine noth-wendige. K\u00fcnstlicher Systeme gibt es daher viele, das nat\u00fcrliche System kann nur Eines sein.\nEin k\u00fcnstliches System hat an und f\u00fcr sich als etwas wesentlich Zuf\u00e4lliges, offenbar keine Bedeutung, keinen Werth, und erh\u00e4lt Beides erst mit der Beziehung auf einen praktischen Zweck \u2014 auf das \u00bbBestimmen\u00ab der Thiere.\nDas nat\u00fcrliche System hat Werth und Bedeutung an und f\u00fcr sich : jenes ist Mittel zum Zweck, dieses Selbstzweck; jenes dient dem Wissen, \u2014 dieses ist Wissen !\nEin k\u00fcnstliches System hat demnach nur in so weit einen Werth und eine Berechtigung, als es zur leichten, schnellen und sicheren Bestimmung der Thierspeeies, d. h. als dan's zoologica brauchbar ist und die l ebersicht der Thierformen erleichtern kann : das nat\u00fcrliche System hingegen ist nur in soweit es selbst, als die Natur in ihm ihren wahren und vollst\u00e4ndigen Ausdruck findet. Freilich muss jenes vorl\u00e4ufig zugleich auch als Surrogat f\u00fcr das nat\u00fcrliche System betrachtet werden und dienen, da dieses bis jetzt noch ein pium desiderium ist, allein es d\u00fcrfte wohl nichts destoweniger gen\u00fcgend gerechtfertigt sein, dass wir die wissenschaftliche Systematik als eineu Tlieil der wissenschaftlichen Zoologie, die k\u00fcnstliche Taxonomie hingegen als jenen Tlieil der angewandten Zoologie aufgef\u00fchrt und hingestellt haben, welcher den Uebergang von dieser zur zoologischen Praxis vermittelt.\nSo wie die andern Theile der angewandten Zoologie nur zur Bequemlichkeit f\u00fcr Aerzte, Pharmaceuten und Oekonomen bearbeitet werden, gerade eben So soll und kann das k\u00fcnstliche System vern\u00fcnftiger Weise nur zur Bequemlichkeit Jener bearbeitet werden und dienen, welche ein zoologisches Register brauchen und aus irgend einem Grunde zu erfahren w\u00fcnschen, mit welchem Namen die Zoologen ein bestimmtes Filier belegt haben und zu bezeichnen gewohnt sind. \u2014\nAls R\u00e9sum\u00e9 des zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie Mitgetheilten lasse ich nun eine \u00fcbersichtliche Zusammenstellung der angef\u00fchrten Disciplinen folgen :","page":400},{"file":"p0401.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n401\nw.\nci\no\nS3 O O H O \u00a9\nS3\no ^\nS3 CS -b\nJO ^\niS\n^ xn\no\ns ^\na\u00df pH\n\u00a7 | b b c\u00df O\nrH O\nO S!\n6\u00df b\no *g\n\u00a9 |\npH O\ns \u00a7\nS S3\n.\u00b0\n*02 rp\ntn\nb\nc\u00df\nO\nb\nb\n\u2019S\no\n*02\nK*~a\n\n\u2019S\nC\u00df\no\nC\u00df\nO\nc\u00df\nO\n\u2019S\no .\no\nS3\n\u00a3\u00df\no\nr\u2014H\no\no\nS3\nb\n\u00fc\nzn\nb\n\u25a0r1 b b *b o o S\nsl\u00a7\n! N 8\n\u25a0\u00ef .S EH -2\n\u25a0jj o s\nb OD (D b <D -i-t b \u00d6\n\u00a9\n\u2019S\n^5 6jj O\nO r-H Q\n\u00a7 -\u00a7 \u00ab \u00ab\t\u2022\t53\nb b O\no \u2014\nb\nb\nrb b :b\nPh O M\n_\tc3.\n.2 \u00ae |\n\u00e4\tPh\nb 1\n\u00ce-H \u00dc\nb *p \u2014\n.b \u2019o !*) 02 c3 b\nEh O\nb\nb\nb\ni \u25a0 \u25a0 <\nto\n~b\nC\u00df\n\u00a9\nb\nb\nvS\nc\u00df\nb\nb \u2019S B S3\n\u2014 b\nb\nb\n.tS ^\nO GO\nJe c\u00df\n?H b\nw a\n^3\tS3\t*'_l\tB\t\n\u2022B\tim\tb b\t\u00a7\tb b\nb\tb\tb\tr~\t-Ph Cw\n\u00dc\tb\tB\t/C\t\u00fc 02\n?\tEh\tp\tp-1\tb\nb\tb\tb\t\tGO GO\n\t\t\trK\t\u00a3\nc\u00df\tc\u00df\tc\u00df\tp\tb\n\t-+-i\t-+-*\t-b\t^b m\nb\n\u2019S\nS3\nb\nb\nCw\n>\nb\nc\u00df\nb\n<1\nC\u00df .b \u00ae \u00a3\n9iSopo2 \u2022m^ipsuassijW g nonqdiosipuoqoNj y\n0i.o0{002 J9p piqo^) o;iuuii?S9.\u00a7 suq\nOzermak, Schriften.\n26","page":401},{"file":"p0402.txt","language":"de","ocr_de":"402\nZur Orientirung im Gesummtgebiete der Zoologie.\nDie eben aufgez\u00e4hlten Einzelndisciplinen, in welche sich nach unserer Auffassung die wissenschaftliche Zoologie spaltet, haben das Thier zum Object und treffen in dem einen Endziele zusammen \u00bbjene Gruppe von Erscheinungen an thierischen Wesen, die man gew\u00f6hnlich Leben nennt, ihrem gesetzm\u00e4ssigen Zusammenh\u00e4nge nach zu erkennen\u00ab.\nWenn wir nun diese Einzelndisciplinen in eine gemeinschaftliche Darstellung zusammenfassen wollen, \u00bbso kommen wir\u00ab, wie Bronn a. a. O. S. 3 treffend sagt, \u00bbin die Verlegenheit mehrfacher Wiederholung derselben Materie in verschiedener Form, theils weil sie sich gr\u00f6sstentheils nicht mit verschiedenen Objecten besch\u00e4ftigen, sondern dieselben Objecte nur aus verschiedenen Gesichtspunkten Und in anderer Ordnung betrachten, theils aber auch, weil die Anatomie der Tliiere z. B. so wenige oder vielmehr gar keine durch das ganze Thierreich hindurchgreifende Bildungen darbietet, dass wir ausser Stande sind, das Thier anatomisch zu charakterisiren, wir k\u00f6nnen bloss Tliiere gewisser Klassen und Ordnungen u. s. w. anatomisch beschreiben, d. h. es gibt nur eine Anatomie der Wirbelthiere z. B. und eine davon fast ganz verschiedene Anatomie der Insecten, der Mollusken, Infusorien. Eine gemeinsame Anatomie des ganzen Thierreiches w\u00fcrde \u00fcberall zu Vieles aussagen, was in den meisten F\u00e4llen nicht wahr ist. Wir m\u00fcssen aus dieser Ursache der anatomischen Betrachtung, eben so wohl als der chemischen, physiologischen und psychologischen das zoologische System zu Grunde legen. und umgekehrt erfordert das nat\u00fcrliche System eine genaue Betrachtung der Tliiere aus allen Gesichtspunkten : der Chemie, der Anatomie, der Physiologie u. s. w., wie denn auch wieder die Physiologie sich in unserer gegenw\u00e4rtigen Aufgabe schwer, ohne die anatomische Betrachtung der einzelnen Organe sogleich damit zu verbinden, durchfuhren l\u00e4sst. Wir m\u00fcssen daher die oben angedeuteten einzelnen Wissenschaften f\u00fcr unsern Zweck ganz anders behandeln und sie im Ganzen inniger mit einander verschmelzen, als wenn wir jede derselben nur f\u00fcr sich abgeschlossen darzustellen h\u00e4tten. Wir m\u00fcssen demnach alle jene Wissenschaften einer unter ihnen, n\u00e4mlich der Zoologie, unterord-nen und k\u00f6nnen sie in dieser Verbindung nur in sehr ungleichem Grade ausgedehnt vortragen, zumal einzelne Zweige noch nicht selbst\u00e4ndig bearbeitet worden sind. Wir m\u00fcssen endlich obige wissenschaftliche Eintheilung in den einzelnen Unterabtheilungen des Thiersystems wiederholen und so aus den getrennten Theilen ein Ganzes bilden\u00ab.\nIch bin auf einem Wege in das Gebiet der Zoologie eingedrungen, welcher \u2014 um mich eines Bildes zu bedienen, gleich von vorn herein","page":402},{"file":"p0403.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\n403\nauf den h\u00f6chsten Punkt der Gegend f\u00fchrte \u2014 auf einen Punkt, von dem aus Wald und Wiese, Fluss und H\u00fcgel. Berg und Thal dem Beschauer in grossen und bestimmten Z\u00fcgen entgegentreten, w\u00e4hrend die einzelnen Bl\u00e4tter und Grashalme, Steinclien und Wassertropfen im Gesammtbilde verschwinden. Sind mir daher trotz wiederholter aufmerksamer Wanderung durch Berg und Thal. Wald und Wiese aus der unermesslichen F\u00fclle des Details, so mancher Baum, so mancher Stein und deren Namen auch g\u00e4nzlich unbekannt, so glaub\u2019 ich doch die Gegend besser zu kennen als Jene, welche wohl jedes Blatt im Walde, jedes Sandkorn am Boden zu nennen wissen, aber den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht kennen, den Boden vor lauter Sand nicht sehen, weil sie niemals jenen h\u00f6chsten Punkt erklommen haben, um sich \u00fcber ihren beschr\u00e4nkten Gesichtskreis zu erheben. Doch ohne Bild zu sprechen: mich f\u00fchrte die anatomisch-physiologische Forschung in das Gebiet der Zoologie ; es war mir daher viel wesentlicher zu erfahren, w a s ein S\u00e4ugethier, ein Insect, ein Wurm, ein Polyp sei, wie die Lehensverrichtungen der Thiere zu Stande kommen. auf welche Weise sie sicli in dieser Hinsicht von anderen Thieren unterscheiden und welche Stelle sie nacli ihren verwandtschaftlichen Beziehungen im Thierreiche einnehmen, \u2014 als die zwei lateinischen Namen kennen zu lernen, unter welchen ein Thier in den zoologischen Registern gef\u00fchrt wird, oder mir zu merken, dass z. B. Cyprinus Carpio 4 Bartf\u00e4den besitzt, w\u00e4hrend Cyp. Carassius ganz ohne Bartf\u00e4den ist. Die Richtung meiner zoologischen Studien ist hiermit bezeichnet. Ich halte diese Richtung f\u00fcr mindestens ebenso berechtigt, als die jener sogenannten Zoologen, deren Th\u00e4tigkeit sich darauf beschr\u00e4nkt, die Flossenstrahlen der Fische, die Tarsenglieder der Insecten u. s. w. zu z\u00e4hlen und die Species-Namen auswendig zu behalten. Zwar verkenne ich durchaus nicht die Bedeutung einer m\u00f6glichst ausgedehnten Kenntniss der zahllosen Thierarten und bezeichne auch ich nur Jenen mit dem Namen eines vollendeten Zoologen, der zugleich Zoognost ist, allein die Specieskr\u00e4merei ist und bleibt doch nur Handlangerarbeit gegen\u00fcber der grossen Aufgabe der wissenschaftlichen Zoologie. Und wenn man auch kein Geb\u00e4ude ohne Handlanger aufbauen wird, so kann es doch wohl Niemandem einfallen, die Th\u00e4tigkeit dieser unentbehrlichen aber untergeordneten Kr\u00e4fte, jener des Architekten, der den Bau leitet, gleichzustellen.\nNach diesen Andeutungen \u00fcber meinen wissenschaftlichen Standpunkt versteht es sich wohl von seihst, dass mich nur eine solche Behandlung meines Lehrgegenstandes, wie Leuckart, Bergmann, Vogt und Bronn dieselbe mit Gl\u00fcck versucht haben, befriedigen kann. Da\n26*","page":403},{"file":"p0404.txt","language":"de","ocr_de":"404\nZur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.\nich jedoch auf das Bed\u00fcrfniss meiner k\u00fcnftigen Sch\u00fcler, welche sich zu Chirurgen, Pharmaceuten oder Gymnasiallehrern auszubilden haben, R\u00fccksicht zu nehmen verpflichtet bin, so darf ich es mir nicht gestatten, ausschliesslich wissenschaftliche Zoologie zu tradiren.\nIndem ich nun meinen Vortr\u00e4gen einen streng wissenschaftlichen Leitfaden zu Grunde zu legen beabsichtige, und sowohl auf die medi-cinisch, pharmaceutisch und sonst wichtigen Thierc speciell eingehen, als auch eine ausreichende Anleitung zum Bestimmen der Thiere geben werde, glaube ich aber allen Anforderungen zu gen\u00fcgen, welche das h. Ministerium, meine k\u00fcnftigen Sch\u00fcler und ich selbst mache\u00bb k\u00f6nnen.\nMit diesem Programm schliesse ich meine heutige Vorlesung und erlaube mir nur noch die Hoffnung auszusprechen, dass es mir mit Ihrer freundlichen Unterst\u00fctzung, m. II.! gelingen m\u00f6ge, an der hiesigen Hochschule ein reges wissenschaftliches Leben im Gebiete der Zoologie zu wecken und zur F\u00f6rderung unser Aller im Gange zu erhalten !","page":404}],"identifier":"lit16178","issued":"1879","language":"de","pages":"392-404","startpages":"392","title":"Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:25:15.692475+00:00"}
