Open Access
{"created":"2022-01-31T17:00:23.098038+00:00","id":"lit16179","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 405-407. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0405.txt","language":"de","ocr_de":"XXXII.\nEine neuro-physiologische Beobachtung an einem Triton\ncristatus,\nBriefliche Mittheilung an Prof. A. K\u00f6Hiker.\n[Zeitschr. f. wissensch. Zoologie. VII. Bd. W35.]\nEin Mitte Mai 1. J. gefangenes M\u00e4nnchen von Triton cristatus verfiel jedes Mal in eine Art von Erstarrung, aus der es sich erst nach mehreren Secunden erholte, wenn ich eine seiner Extremit\u00e4ten oder seinen Schwanz mit den Branchen einer starken eisernen Pincette fasste und kr\u00e4ftig dr\u00fcckte. Ich bemerkte diese eigenthiimliclie Erscheinung ganz zuf\u00e4llig, als ich das Thier aus seinem mit Wasser gef\u00fcllten Glase in ein anderes bringen wollte und statt der Finger einer Pincette mich bediente. Es waren mir n\u00e4mlich die Branchen der Pincette mehrmals an dem schl\u00fcpfrigen Leibe abgerutscht, weil ich. um dem Tliiere nicht weh zu thun, keinen starken Druck aus\u00fcben wollte, als ich endlich, ungeduldig \u00fcber das wiederholte Misslingen meines Vorhabens. den Schwanz des Tliieres erfasste und so kr\u00e4ftig und r\u00fccksichtslos zusammendr\u00fcckte, dass mir das Thier nicht entwischen konnte und ich mein Ziel erreichte. Es entging mir nun hierbei nicht, dass das Thier, auf den Boden des anderen ebenfalls mit Wasser gef\u00fcllten Glases angelangt. mit krampfhaft geschlossenen Augen in der Stellung, welche es w\u00e4hrend der bewerkstelligten Uebertragung von dem einen in das andere Glas, vor Schmerz sich windend, angenommen hatte. starr und regungslos einige Secunden lang liegen blieb und erst nach Ablauf dieses Zeitraumes, den Gebrauch seiner Glieder wiedererhaltend, hin und herzufahren begann. Einmal aufmerksam auf diese sonderbare Erscheinung, erkannte ich bald, dass durch kr\u00e4ftiges Quetschen des Schwanzes sowohl als des Oberarmes oder Oberschenkels dieser starrkrampf\u00e4hnliche Zustand regelm\u00e4ssig hervorgerufen werden konnte. Wurde das Thier an den bezeichneten Stellen erfasst und mit der Pincette t\u00fcchtig gequetscht, so wand es sich zun\u00e4chst immer vor Schmerz und suchte zu entkommen. kr\u00fcmmte sieh aber alsbald zusammen, schloss krampfhaft die Augen, und verblieb einige Zeit erstarrt und regungslos in der angenommenen Stellung \u2014","page":405},{"file":"p0406.txt","language":"de","ocr_de":"4OG Eine neuro-physiologische Beobachtung an einem Triton cristatus.\nwenn die dr\u00fcckende Pincette auch schon l\u00e4ngst entfernt war. Ich wiederholte diesen \u00fcberraschenden Versuch wohl 15 bis 20 Mal hintereinander, wobei das Thier einen sehr schaumigen, \u00fcbelriechenden Schleim absonderte und rasch an Kr\u00e4ften abnahm. Ich hatte das Thier in ein weites Gef\u00e4ss von Blech gethan und bemerkte, dass der beschriebene Zustand der Erstarrung nun auch durch ein starkes Aufschlagen mit der Pincette auf dem Boden des Blechgef\u00e4sses hervorgerufen werden konnte \u2014 ob in Folge der Ersch\u00fctterung oder des dr\u00f6hnenden Schalles, lasse ich dahingestellt.\nAls ich nach einigen Stunden den Versuch an dem sehr ersch\u00f6pften Thiere wieder vornehmen wollte, misslang er vollst\u00e4ndig ; die.Beiz-barkeit schien erloschen zu sein. Unmittelbar darauf schenkte ich, in einer Anwandlung von Mitleid, dem gequ\u00e4lten Thiere die Freiheit.\nIch h\u00e4tte nun sehr gew\u00fcnscht, die mitgetheilte auffallende Erfahrung an mehreren anderen Individuen von Triton cristatus zu best\u00e4tigen und weiter zu verfolgen, um festzustellen, ob diese Starrsucht nach heftiger Reizung der sensitiven Sph\u00e4re als ejne dieser Thier-species allgemein zukommende Erscheinung oder aber als ein blos in Folge einer individuellen Reizbarkeit meines Exemplairs eingetretenes, mehr zuf\u00e4lliges Ph\u00e4nomen anzusehen sei? Zu meinem grossen Leidwesen konnte ich aber seit jener Zeit, trotz allerm\u00f6glichen Bem\u00fchungen, auch nicht Ein Exemplar des grossen Triton cristatus in unserer Gegend mehr auftreiben und muss ich es einer sp\u00e4tem Zeit oder anderen Forschern, welchen solche Thiere gegenw\u00e4rtig zu Gebote stehen sollten, \u00fcberlassen, den Gegenstand weiter zu verfolgen.\nNichtsdestoweniger glaube ich aber Ihnen diese in physiologischer Beziehung gewiss nicht uninteressante \u2014 wenn auch nur an Einem Individuum, so doch mit aller Sch\u00e4rfe und Sicherheit gemachte \u2014 Beobachtung mittheilen zu sollen, denn wenn sich auch dieselbe sp\u00e4ter nicht an allen Exemplaren von Triton cristatus oder \u00fcberhaupt gar nicht best\u00e4tigen liesse, so bliche sie darum doch f\u00fcr den Einen Fall nicht minder gewiss und verl\u00f6re wenig oder nichts von ihrem neuro-physiologisclien Interesse.\nHervorzuheben ist noch, dass sich mein Thier, bevor ich auf die mitgetheilten Versuche verfallen war, seit etwa 8 Tagen in der Gefangenschaft befunden und ausgehungert hatte w\u00e4hrend dieser Zeit, und ferner, dass es seine geschlechtliche Arbeit bereits geleistet zu haben schien, indem der Kamm, welcher die m\u00e4nnlichen Tritonen so auffallend ziert und auszeichnet, welk und schlaff, schon in der Schrumpfung begriffen war.\nIch hielt es nicht f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. diese Umst\u00e4nde, unter welchen","page":406},{"file":"p0407.txt","language":"de","ocr_de":"Eine neuro-pliysiologische Beobachtung an einem Triton cristatus. 4((7\nich meine Beobachtung machte, genauer anzugeben und besonders hervorzuheben, da bekanntlich die nerv\u00f6se Reizbarkeit anderer Lurche mit der Jahreszeit und gewissen Verh\u00e4ltnissen des Lebensprocesses in unleugbarer Beziehung steht, und daher zu vernmthen ist, dass die Reizbarkeit oder Stimmung des Nervensystems, in Folge deren jene Starrsucht durch peripherische Reize hervorgerufen werden konnte, ebenfalls an gewisse \u00e4ussere und innere Bedingungen gekn\u00fcpft sein mag.\nBei den kleineren Arten der Gattung Triton, namentlich Triton taeniatus, habe ich bisher keine Spur der mitgetheilten Erscheinung eintreten sehen. Diese Thiere suchen augenblicklich zu entfliehen, ohne auch nur einen Augenblick in jene Erstarrung zu verfallen, wenn sie des l\u00e4stigen Drucks der Pincette ledig sind.\nIch enthalte mich jeder weitern physiologischen Bemerkung, zu welcher der vorliegende Gegenstand wohl anregen k\u00f6nnte, und schliesse diese kurze Mittheilung mit der Erinnerung an eine im Alterthum bereits bekannte, in gewisser Beziehung analoge Erscheinung bei einer \u00e4gyptischen Schlangenart. Ich meine das schon von den alten Psyllen prakticirte Erstarren der Naja haje, \u00fcber welche man bei Okex Allgem. Naturgeschichte, Stuttgart 1836. Thierreich. Bd. Ill, S. 563 folgende Notiz findet :\n\u00bbDie sogenannten Zauberer fangen sie die Haje, Nesclier genannt ebenfalls, reissen ihr die Z\u00e4hne aus und machen mit ihr allerlei Gaukeleien, um dadurch Geld zu gewinnen. Sie sind namentlich im Stande, sie steif zu machen, dass sie dieselbe wie einen Stock in der Luft hin- und herschwingen k\u00f6nnen, trotz den Zauberern zu Pharaon\u2019s Zeiten, welche Moses zu Schanden machen wollten, der aber die Kunst ebenfalls verstand. Geoffroy St. Hilaire hat n\u00e4mlich bemerkt, dass sie dieselben mit dem Daumen hinter dem Kopf dr\u00fcckten, wodurch sie\nden Starrkrampf bekommen und steif werden.\u00ab............ \u00bbDie ganze\nM irkung kommt hier augenscheinlich von dem Druck auf den Kopf. Geoffroy wollte daher haben, der Gaukler sollte nichts anderes thun, als ihr die Hand auf den Kopf legen. Das betrachtete er aber als eiuen f\u00fcrchterlichen F revel, und that es nicht ungeachtet aller Anerbietungen. Geoffroy dr\u00fcckte ihr dann selbst etwas stark auf den Kopf, und sogleich zeigten sich alle Erscheinungen, welche der Gaukler nur durch seine mysteri\u00f6sen Gesten hervorzubringen glaubte. Als er dies sah. lief er aus Schrecken davon, weil er dieses AVunder f\u00fcr eine schauderhafte Entheiligung hielt. \u00ab\nGraz, 30. Mai 1855.","page":407}],"identifier":"lit16179","issued":"1879","language":"de","pages":"405-407","startpages":"405","title":"Eine neuro-physiologische Beobachtung an einem Triton cristatus: Briefliche Mittheilung an Prof. A. K\u00f6lliker","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T17:00:23.098043+00:00"}
