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Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn

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{"created":"2022-01-31T16:55:31.236783+00:00","id":"lit16181","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 417-422. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0417.txt","language":"de","ocr_de":"XXXIV.\nIdeen zu einer Lehre vom Zeitsinn,\n[Wiener akadem. Sitzungsberichte 1857 und Moleschott Untersuchungen etc. V. Bd.]\nDer Begriff der Geschwindigkeit ist bisher noch fast gar nicht in das Gebiet der physiologischen Untersuchung gezogen worden, obschon es keinem Zweifel unterliegt, dass wir nicht bloss das r\u00e4umliche Nebeneinander, die Gr\u00f6sse und die Bewegungen der Gegenst\u00e4nde, sondern auch den Grad der Geschwindigkeit dieser letzteren geradezu sinnlich wahrnehmen1 .\nZur v\u00f6llig befriedigenden Ausf\u00fcllung dieser f\u00fchlbaren L\u00fccke in der Lehre von dem Mechanismus unseres sinnlichen Wahrnehmungsverm\u00f6gens m\u00fcsste jedoch die physiologische Experimental - Untersuchung \u00fcber die sinnliche Wahrnehmung von Geschwindigkeiten, ganz allgemein gehalten, d.h. auf den Zeitsinn als einen neu zu de-finirenden \u00bbGeneralsinn\u00ab im Sinne Weber\u2019s2} ausgedehnt werden.\nAls klassisches Vorbild einer solchen Experimental-Untersuchung w\u00fcrde ich E. H. Weber\u2019s allbekannte und anerkannte Untersuchungen \u00fcber den Raumsinn . . . etc. bezeichnen, und h\u00e4tte auch schon l\u00e4ngst die Absicht, den Zeitsinn in \u00e4hnlicher Weise physiologisch zu bearbeiten, wie Weber den Raumsinn, auszuf\u00fchren versucht, wenn ich nicht durch mancherlei ung\u00fcnstige \u00e4ussere Umst\u00e4nde daran verhindert worden w\u00e4re und noch verhindert w\u00fcrde.\nWenn ich mir nun nichtsdestoweniger erlaube, die vorliegenden Andeutungen zu ver\u00f6ffentlichen, so finde ich daf\u00fcr nur darin eine Entschuldigung, dass die mitzutheilenden Gedanken, Versuche und Vorschl\u00e4ge zu Versuchen, so fragmentarisch dieselben auch sind, wohl im\n1 Vergl. Ludwig: Lehrbuch der Physiologie. Bd. I, S. 259.\n- Vergl. L. H. Weber: \u00bbUeber den Raumsinn\u00ab in den Berichten der k\u00f6nigl. s\u00e4chsischen Gesellschaft der Wissenschaften. 1S52, S. 85\u201487.\nCzermak, Schriften.\n27","page":417},{"file":"p0418.txt","language":"de","ocr_de":"418\nIdeen zu einer Lehre vom Zeitsinn.\nStande sein d\u00fcrften, andere Facligenossen zur Untersuchung des anziehenden, bisher ausschliesslich von Philosophen und Psychologen ber\u00fchrten Gegenstandes anzuregen.\nEs handelt sich hier nat\u00fcrlich nicht um die metaphysische oder psychologische Erkl\u00e4rung der F\u00e4higkeit, Zeitvorstellungen \u00fcberhaupt zu bilden, sondern einfach um die physiologischen Bedingungen der Wahrnehmungen objectiver Zeitverh\u00e4ltnisse, und nur missverst\u00e4ndlich k\u00f6nnten bei dieser Gelegenheit Grenzstreitigkeiten zwischen der Psychologie und der Physiologie entstehen !\n1.\tWie sich der Baumsinn dadurch beth\u00e4tigt, dass wir gezwungen sind, gewisse Sinneseindr\u00fccke r\u00e4umlich gesondert vorzustellen, so beth\u00e4tigt sich der Zeitsinn dadurch, dass wir unsere Empfindungen auch zeitlich aus einander zu halten verm\u00f6gen.\nW\u00e4hrend aber bekanntlich nur einige Sinne die F\u00e4higkeit haben, r\u00e4umliche Anschauungen zwingend zu veranlassen, d\u00fcrfte die Auffassung der zeitlichen Verh\u00e4ltnisse der Eindr\u00fccke im Allgemeinen wohl durch alle Empfindungsorgane vermittelt werden k\u00f6nnen.\nDer Zeitsinn scheint also eine viel gr\u00f6ssere Verbreitung zu haben als der Kaumsinn, und daher mit doppeltem Rechte die Bezeichnung eines \u00bbGeneralsinnes\u00ab zu verdienen.\n2.\tE. H. Weber hat durch genaue Messungen nachgewiesen, dass in den verschiedenen, mit Raumsinn begabten Organen, ja selbst in den verschiedenen Regionen derselben Organe, die Sch\u00e4rfe oder die Feinheit. mit welcher Eindr\u00fccke r\u00e4umlich gesondert werden k\u00f6nnen, sehr verschieden sei. dass diese Feinheit des Raumsinnes \u00fcberall eine bestimmte untere Grenze habe, d. h. endlich (und nicht wie die abstracto Raum Vorstellung unendlich sei. ferner dass dieselbe objective Raumgr\u00f6sse, z. B. die Distanz zweier Punkte, dem stumpferen Organe gar nicht oder kleiner, dem sch\u00e4rferen aber gr\u00f6sser erscheine, u. dgl. in.\nIn allen diesen Beziehungen w\u00e4re nun auch der Zeitsinn zu untersuchen.\nAehulich wie der Grad der Feinheit des Raumsinnes durch die kleinste noch wahrnehmbare Distanz zweier gleichzeitiger und ungleichzeitiger Eindr\u00fccke gemessen wird 1 . w\u00fcrde der Grad der Feinheit des Zeitsinnes in dem kleinsten noch wahrnehmbaren Zeitintervall zwischen zwei auf denselben Punkt und auf r\u00e4umlich verschiedene Punkte eines Empfindungsorgans gemachte Eindr\u00fccke einen exacten Ausdruck finden.\n1 Czermak: Zur Lehre vom Raum sinn, in Moleschott's Untersuchungen zur Nat. fl. M. u. d. Th. Band I, Heft 2, S. 195.","page":418},{"file":"p0419.txt","language":"de","ocr_de":"Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn.\n419\nZur Ausf\u00fchrung solcher Versuche w\u00e4re nur die Herstellung eines einfachen Instrumentes nothwendig, durch welches man mit bekannter beliebig ver\u00e4nderlicher Geschwindigkeit eine Reihe von Eindr\u00fccken auf die Empfindungsorgane hervorbringen k\u00f6nnte.\nDass sich auf diese Weise in verschiedenen Organen in der That verschiedene Grenzen und Abstufungen der Feinheit des Wahrnehmungsverm\u00f6gens f\u00fcr Zeitintervalle werden nachweisen lassen, unterliegt wohl kaum einem Zweifel, denn erstens hat diese Vermuthung die Analogie der \u00fcberraschenden Verh\u00e4ltnisse des Raumsinnes f\u00fcr sich, und zweitens lehrt die Erfahrung, dass die Schnelligkeit der Succession von Impulsen bestimmte Maxima nicht \u00fcberschreiten darf, wenn die einzelnen Eindr\u00fccke noch zeitlich unterschieden werden, und nicht verschmelzend, in eine einzige Empfindung von anderer, oft specifisch verschiedener Qualit\u00e4t Umschl\u00e4gen sollen. Ich erinnere an die Versuche Valentin\u2019s \u00fcber die Dauer der Nachwirkung von Tasteindr\u00fccken, an die SAVART Schen Zahnr\u00e4der zur Hervorbringung von T\u00f6nen u. s. w.1}.\nDie \u00bbNachwirkungen\u00ab, welche bei dieser Auffassung in einem neuen Lichte erscheinen, spielen unter den physiologischen Bedingungen des Zeitsinnes eine \u00e4hnliche Rolle, wie, unter jenen des Raumsinnes, die sogenannten physikalischen Zerstreuungskreise an den Bildern auf Netzhaut und Haut2).\nWie sich jedoch nicht alle Abstufungen der Feinheit des Raumsinnes aus den physikalischen Zerstreuungskreisen erkl\u00e4ren lassen, ebenso wenig d\u00fcrften auch die muthmaasslichen Verschiedenheiten der Feinheitsgrade des Zeitsinnes einfach nur auf die \u00bbNachwirkungen\u00ab zurttckzuf\u00fchren sein.\nIn dieser Beziehung w\u00e4re es von besonderer Wichtigkeit zu ermitteln, ob nicht etwa dasselbe objective Zeitintervall, durch verschiedene Organe zur Wahrnehmung gebracht, verschieden lang erscheine, und wie gross die Differenzen objectiver Zeitintervalle sein m\u00fcssen, wenn diese letzteren als verschieden erkannt werden sollen, wobei die absoluten und relativen Gr\u00f6ssen dieser Differenzen zu ber\u00fccksichtigen3), und die einzelnen Organe hinsichtlich ihres Auffassungsverm\u00f6gens f\u00fcr dieselben objectiven Verh\u00e4ltnisse zu vergleichen w\u00e4ren.\n3. Die Unterscheidung der L\u00e4nge der Zeitintervalle f\u00fchrt uns auf den allgemeinen Begriff der Geschwindigkeit und auf den speciellen\n1\tDass derZeitsinn verschiedene Feinheitsgrade besitzen kann, beweist schon die verschiedene Bef\u00e4higung der einzelnen Individuen hinsichtlich des Takthaltens in der Musik.\n2\tCzermak a. a. 0., S. 191. \u2014 Weber, M\u00fcller s Archiv, 1835, S. 156.\n3\tWeber. M\u00fcller\u2019s Archiv, 1835, S. 158.\n27*","page":419},{"file":"p0420.txt","language":"de","ocr_de":"420\nIdeen zu einer Lehre vom Zeitsinn.\nFall der Geschwindigkeit von Bewegungen im Raume, von welchem ich hei der Entwickelung dieser Gedankenreihe ausgegangen war.\nDie Geschwindigkeit einer gleichf\u00f6rmigen Bewegung v l\u00e4sst sich bekanntlich durch den Quotient, den der Zahlenwerth des Weges r, durch jenen der zugeh\u00f6rigen Zeit t getlieilt, gibt, v = ausdr\u00fccken und messen.\nEs entsteht nun die Frage, ob diese Formel f\u00fcr den Mechanismus der sinnlichen Wahrnehmung von Bewegungs-Geschwindigkeiten (welche von der Wahrnehmung durch Reflexion wohl zu unterscheiden ist) in der Art Geltung hat, dass uns eine Geschwindigkeit caeteris paribus um so gr\u00f6sser erscheinen wird, je gr\u00f6sser der zur\u00fcckgelegte Theil unseres subjectiven Raumbildes ist, d. h. je mehr Raumeinheiten oder \u00bbEmpfindungskreise\u00ab successive erregt wurden, dass also die Seele behufs der Wahrnehmung und Unterscheidung von Geschwindigkeiten entweder die in der Zeiteinheit zur\u00fcckgelegten Wege durch den Raumsinn, oder die f\u00fcr die Raumeinheit ben\u00f6thigten Zeiten durch den Zeitsinn vergleicht; oder ob nicht etwa die verschiedene Schnelligkeit der successiven Reizung und die Zahl der innerhalb einer gegebenen Zeit gereizten sensiblen Punkte einen besonderen, intensiven Erregungszustand setzt, welcher die Seele unmittelbar zur Vorstellung einer bestimmten Geschwindigkeit n\u00f6thigt?\nEhe an die M\u00f6glichkeit einer Entscheidung dieser schwierigen und interessanten Frage gedacht werden kann, wird man zun\u00e4chst genauere Thatsachen Uber die wenig gekannten Wahrnehmungen von Geschwindigkeiten r\u00e4umlicher Bewegungen sammeln m\u00fcssen; denn die bekannte Beobachtung, dass wir uns die wahrgenommene Geschwindigkeit einer und derselben objectiven Bewegung durch optische oder perspectivische Vergr\u00f6sserung oder Verkleinerung des durchlaufenen Raumes beschleunigen oder verz\u00f6gern k\u00f6nnen, betrifft eben nur eine sogenannte Sinnest\u00e4uschung, die insofern keine Beziehung zu unserer Frage hat, als in diesen F\u00e4llen die Geschwindigkeit des bewegten Netzhautbildchens, welches ja das eigentliche Sehobject ist, in der That nicht dieselbe bleibt.\nIch w\u00fcrde folgende, mitunter sehr delicate Versuchsreihen Vorschl\u00e4gen. welche, wenn auch nicht die Entscheidung jener Frage, so doch ganz neue einschl\u00e4gige Thatsachen liefern m\u00fcssen.\na) Es w\u00e4re f\u00fcr jede einzelne der mit einem verschiedenen Fein-heitsgrade des Raumsinnes begabten Regionen unserer Sinnesorgane *)\n1 Prof. Ludwig hat mich auf einige einschl\u00e4gige Sehversuche \u00e4lteren Datums aufmerksam gemacht, welche in Valextin\u2019s Physiologie, Bd. II, S. 1S4. zusammengestellt sind.","page":420},{"file":"p0421.txt","language":"de","ocr_de":"Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn.\n421\nzu ermitteln, wie gross und wie klein die Geschwindigkeit einer Bewegung im Raume sein darf, um \u00fcberhaupt noch als solche wahrgenommen zu werden (der langsam schleichende Stundenzeiger einer Uhr scheint uns ganz still zu stehen) ; ferner\nb ) wie gross die Differenz zwischen den Geschwindigkeiten zweier Bewegungen im Raume sein m\u00fcsse, damit diese noch unterschieden werden k\u00f6nnen, wobei, wie oben, die absoluten sowohl, als relativen Werthe dieser Differenzen zu ber\u00fccksichtigen sind.\nc)\tDa wir bekanntlich die scheinbare Gr\u00f6sse eines gesehenen Raumes, trotzdem dass sein Bild immer dieselbe Ausdehnung auf der Retina beh\u00e4lt, durch Ver\u00e4nderung des Convergenzwinkels der Augen-axen ansehnlich ver\u00e4ndern, vergr\u00f6ssern und verkleinern k\u00f6nnen, so w\u00e4re es von Wichtigkeit zu untersuchen, oh sich die Geschwindigkeit einer gesehenen Bewegung durch Ver\u00e4nderung des Convergenzwinkels der Augenaxen subjectiv vergr\u00f6ssern und verkleinern lasse, ohne dass sich dabei die objectiven Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern.\nd)\tEndlich w\u00e4re festzustellen, wie uns die Geschwindigkeit einer gesehenen oder gef\u00fchlten Bewegung erscheint, wenn wir sie auf Regionen der Retina oder der Haut wahrnehmen, die verschiedene Feinheitsgrade des Raumsinnes besitzen.\nSollte die obige Formel v = \u00ff auch in subjectiver Hinsicht volle Geltung haben, so m\u00fcsste uns offenbar dieselbe objective Bewegung, je nachdem wir sie im directen oder indirecten Sehen, durch die Haut der Fingerspitzen oder durch die Haut des R\u00fcckens wahrnehmen, schneller oder langsamer erscheinen (wird z. B. der Secundenzeiger einer Taschenuhr bald im directen, bald im indirecten Sehen betrachtet. so erscheint mir und den meisten, die ich zur Wiederholung dieses Versuches aufforderte, die Bewegung des Zeigers im ersten Falle rascher, im zweiten tr\u00e4ger, was namentlich beim Uebergang vom indirecten zum directen Sehen frappirt, ohne dass man jedoch genau angeben k\u00f6nnte, wie dieser Unterschied zu Stande kommt und ob dabei jene Formel v = y eine wesentliche Rolle spiele) ; ferner m\u00fcssten uns Bewegungen von verschiedener Geschwindigkeit auf stumpferen und feineren Stellen der Organe des Raumsinnes gleich schnell erscheinen. wenn sich ihre Geschwindigkeiten umgekehrt wie die subjectiv wahrgenommenen durchlaufenen Wege verhielten u. s. w.\nEs ist jedoch fraglich, ob wir \u00fcberhaupt so scharf unterscheiden, dass diese Versuche m\u00f6glich sind.\nUebrigens w\u00e4re zur Anstellung solcher Versuche ein besonderer Apparat nothwendig, welcher mit beliebig ver\u00e4nderlicher Geschwin-","page":421},{"file":"p0422.txt","language":"de","ocr_de":"422\nIdeen zu einer Lehre vom Zeitsinn.\ndigkeit Linien von verschiedener L\u00e4nge auf die Haut zeichnete. Schon im vorigen Sommer, den ich in Wien zubrachte, hatte |ph mir einen passenden Mechanismus zu diesem Zwecke ersonnen, doch brachte der Mechaniker leider nur ein verungl\u00fccktes Modell zu Stande und so unterblieb die beabsichtigte Ausf\u00fchrung der Versuche. Meine kurz darauf erfolgte Uebersetzung nach Krakau hat mir die M\u00f6glichkeit zu diesen ausgedehnten Untersuchungen vollends geraubt, weshalb ich mich vorl\u00e4ufig begn\u00fcgen muss, mir die Priorit\u00e4t des Gedankens zu wahren und gleichsam nur den Samen zu s\u00e4en, damit er wenigstens in fremdem Boden aufgehen und Fr\u00fcchte bringen k\u00f6nne, falls ich selbst noch l\u00e4ngere Zeit nicht in der Lage sein sollte, das abgesteckte neue Feld zu bebauen.","page":422}],"identifier":"lit16181","issued":"1879","language":"de","pages":"417-422","startpages":"417","title":"Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:55:31.236788+00:00"}

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