Open Access
{"created":"2022-01-31T15:52:38.349194+00:00","id":"lit16182","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 423-428. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0423.txt","language":"de","ocr_de":"XXXV.\nUeber das Verhalten des weichen Gaumens beim Hervorbringen der reinen Vocale.\n[Wiener akadem. Sitzungsberichte 1857 und Moleschott Untersuchungen etc.]\nIn Donders\u2019 \u00bbPhysiologie des Menschen\u00ab (deutsch von F. W. Theile, Leipzig 1856:, Bd. I, S. 2S9, heisst es : \u00bbDas Heben des Gaumensegels (heim Schlucken) l\u00e4sst sich nach Debrou (Th\u00e8ses de 1841, Nr. 266) durch einen einfachen Versuch nach weisen. F\u00fchrt man n\u00e4mlich durch die Nasenh\u00f6hle ein Stilet ein, so senkt sich dessen vorderes Ende heim Schlucken, und dies r\u00fchrt von einem Gehobenwerden des weichen Gaumens her, auf welchem das hintere Ende des Stilets ruht. \u00ab\nAls ich vor Kurzem (20. Februar diesen Versuch wiederholte, fand ich Debrou\u2019s Angabe nicht nur best\u00e4tiget, sondern bemerkte auch beim Sprechen verschiedene Bewegungen an dem freien Ende des in die Nase eingef\u00fchrten K\u00f6rpers.\nAufmerksam geworden, erkannte ich sofort, dass sich eine Art F\u00fchlhebel construiren lasse, der sehr gut zur Bestimmung der innerhalb gewisser Grenzen erfolgenden Bewegungen und Stellungen des Gaumensegels beim Hervorbringen der verschiedenen Sprachlaute ben\u00fctzt werden k\u00f6nnte.\nIch begann mit der Ausf\u00fchrung dieser Bestimmung f\u00fcr die einfachen Vocale und bediente mich zu diesem Zwecke eines 1,8 mm. dicken und etwa 200 mm. langen, geraden Eisendrahtes, dessen in die Nase gebrachtes Ende, seitw\u00e4rts eingerollt, eine 12 mm. breite Oese bildete, die ich mit Wachs ausf\u00fcllte und \u00fcberzog, dessen freies Ende aber in derselben Ebene und nach derselben Seite wie die Oese, rechtwinkelig umgebogen war, und somit den Stand und die Bewegungen der Oese unmittelbar anzeigte.","page":423},{"file":"p0424.txt","language":"de","ocr_de":"424\nlieber das Verhalten des weichen Gaumens etc.\nDie beschriebene Dralitsonde wurde so in die Nasenh\u00f6hle eingeschoben , dass der schmale Rand der Oese \u00fcber die hintere Fl\u00e4che des weichen Gaumens zu liegen kam und bei jeder ausreichenden Hebung derselben verschoben \u2014 das ganze Instrument alter um seine L\u00e4ngs-axe gedreht werden musste.\nDie Gr\u00f6sse dieser Drehungen. resp. Hebung des Gaumensegels, ersieht man ganz deutlich aus dem Winkel, um welchen sich das etwa 40 mm. lange rechtwinkelig umgebogene, freie Ende dei\u2018 Sonde, das ich den Zeiger nennen will, aus seiner verticalen Ruhelage entfernt.\nEs liessen sich zwar mancherlei Verbesserungen zur Regelung der Drehbewegungen \u2014 ein Gradbogen zur genaueren Ablesung des Ausschlages des Zeigers u. s. w. anbringen: allein, da es kaum gelingen d\u00fcrfte, meine Gaumensonde zu einem vollkommen exacten Mess-Instrumente zu machen, und dieselbe schon in der beschriebenen primitiven Gestalt einige nicht uninteressante, neue Thatsachen con-statirt, so habe ich vorl\u00e4ufig um so eher auf die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Vervollkommnung des Instrumentes verzichtet, als ich hier zu Lande leider Niemand finden w\u00fcrde, der meine Ideen ausf\u00fchren k\u00f6nnte !\nDzondi's Irrthum, dass das Gaumensegel bei allen Selbstlautern unbewegt bleibe1), ist hinreichend widerlegt, man weiss jetzt be^ stimmt, \u00bbdass das Gaumensegel [sich der hinteren Wand des Rachens n\u00e4hert und diesen dadurch in zwei Abfindungen theilt, von denen die untere mit dem Kehlkopf und der Mundh\u00f6hle, die obere dagegen murait der Nasenh\u00f6hle communicirt\u00ab. wenn die Vocale rein, d. h. ohne Nasenton hervorgebracht werden. Allein selbst in der klassischen Abhandlung von Br\u00fccke2) sucht man vergebens etwas Genaueres \u00fcber das Verhalten des Gaumensegels beim Aussprechen der reinen Vocale.\nJa es scheint sich allgemein die Vorstellung 'gebildet zu haben, dass das Verhalten des Gaumensegels beim Hervorbringen der verschiedenen Vocale ganz dasselbe bleibe vergl. Br\u00fccke\u2019s Schemen a-i-u-ui, a. a. 0. die Tafel in Steindruck .\nZur Ausf\u00fcllung dieser L\u00fccke hoffe ich durch die kurze Mittheilung des Folgenden beizutragen, oder doch zur wiederholten Pr\u00fcfung des Gegenstandes anzuregen.\n1 Ich habe n\u00e4mlich mit der beschriebenen Gaumensonde an mir gefunden. dass der mit der Oese in Ber\u00fchrung kommende Punkt der\n1\tDie Functionen des weichen Gaumens. Halle 1831, S. 29.\n2\tGrundz\u00fcge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute. Wien, K. Ge-rold's Sohn. 1856.","page":424},{"file":"p0425.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber das Verhalten des weichen Gaumens etc.\n425\nobereu oder l\u00e4uteren Gaumenfl\u00e4che f\u00fcr jeden Vocal eine andere Stellung li\u00e2t.\nUnd zwar ist es mir nach zahlreichen Versuchen festzustellen gelungen, dass f\u00fcr i die Ablenkung des Zeigers am gr\u00f6ssten ist, f\u00fcr u etwas weniges geringer, f\u00fcr o merklich geringer, f\u00fcr e viel geringer, f\u00fcr a endlich ist die Ablenkung in der Kegel null oder fast null.\nBrachte ich die Vocale continuirlich in der Reihe i, u, o, e, a hervor , so sank der gehobene Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit in die Ruhelage zur\u00fcck, kehrte ich die Reihenfolge in a, e, o, u, i um, so hob sich der Zeiger mit abnehmender Geschwindigkeit.\nHieraus scheint nun zu folgen, dass das Gamnensegel f\u00fcr jeden Vocal eine andere Stellung oder doch eine andere Gestalt annimmt, welche sich f\u00fcr i und u, weniger als f\u00fcr u und o, f\u00fcr u und o weniger als f\u00fcr o und e, f\u00fcr o und e weniger, als f\u00fcr e und a unterscheidet.\nEs muss n\u00e4mlich offenbar entweder der Verschluss der Nasenh\u00f6hle f\u00fcr die verschiedenen Vocale in verschiedener H\u00f6he stattfinden, f\u00fcr \u00ab am tiefsten (wobei das Velum die Oese der Sonde in der Regel noch gar nicht ber\u00fchrt und bewegt), f\u00fcr i am h\u00f6chsten [wobei das Velum wahrscheinlich nahezu horizontal steht, *) ; \u2014 oder es m\u00fcssen bei feststehender Ber\u00fchrungslinie, zwischen Velum und Pharynxwand, namentlich auch die seitlichen Theile der W\u00f6lbung des Gaumensegels, convexer werden.\nDie beiden Abtheilungen, in welche der Rachen beim Schliessen des Gaumensegels zerf\u00e4llt, werden also unter allen Umst\u00e4nden f\u00fcr die verschiedenen Vocale verschiedene Formen erhalten, was nicht ohne Bedeutung f\u00fcr die Qualit\u00e4t des gebildeten Lautes sein kann.\n2 : Der weiche Gaumen hat jedoch f\u00fcr jeden Vocal nicht nur eine bestimmte Neigung oder W\u00f6lbung, sondern h\u00f6chst wahrscheinlich erleidet er zugleich noch eine verschiedene Anspannung, die seinen Elasticit\u00e4ts-Modulus ver\u00e4ndert, indem der Nasenverschluss f\u00fcr die verschiedenen Vocale auch von verschiedener Festigkeit oder Dichtigkeit zu sein scheint.\nDies schliesse ich aus folgenden Versuchen :\nIch f\u00fchrte einen d\u00fcnnen, elastischen Katheter tief in die Nasenh\u00f6hle ein, und liess mir, bei r\u00fcckw\u00e4rts geneigtem Kopf, in dem Momente , wo ich einen Vocal continuirlich hervor zu bringen anting, etwas Wasser in die Nase injiciren.\nSprach ich \u00ab, so durchbrach das Wasser sogleich oder alsbald den\n1 Sp\u00e4ter zeigte es sich, dass das Velum sogar einen stumpfen nach oben offenen Winkel mit dein harten Gaumen macht. (Nachtr\u00e4gl. Anmerkung des Verfassers.)","page":425},{"file":"p0426.txt","language":"de","ocr_de":"426\nUeber das Verhalten des weichen Gaumens etil.\nVerschluss der Nasenh\u00f6hle, und rann die hintere Pharynxwand herab, worauf Husten oder Schluckbewegungen (lern Experiment ein schnelles Ziel setzten.\nSprach ich i, so sammelte sich das Wasser in der oberen Abtheilung des Rachens, und wurde in der Regel leicht und l\u00e4ngere Zeit zur\u00fcckgehalten.\nFast dasselbe gilt f\u00fcr u und o, in geringerem Grade f\u00fcr e. Hinsichtlich der Dichtigkeit des Nasenverschlusses scheint sich also dieselbe Reihenfolge der Vocale herauszustellen, wie f\u00fcr die Hebung der von der Sonde ber\u00fchrten Gaumenfl\u00e4che.\nAm deutlichsten \u00fcberzeugte ich mich von dem Gesagten, wenn ich, w\u00e4hrend das Wasser injicirt wurde, die Vocale in der Reihe i, u, o, e, a continuirlich hervorbrachte. Der Nasenverschluss brach dann in der Regel beim a, manchmal jedoch auch schon beim e durch.\nDie grossere oder geringere Leichtigkeit nun. mit welcher der Nasenverschluss vom Wasser durchbrochen wird, d\u00fcrfte sich, wie mir scheint, unter der Voraussetzung, dass f\u00fcr die Vocalreihe i. u, o, e, a mit dem Neigungswinkel des V\u00e9lums gegen die Pharynxwand, zugleich auch die Innigkeit der Ber\u00fchrung beider und die Straffheit des ersteren wachse, am besten erkl\u00e4ren.\nEs geh\u00f6rt \u00fcbrigens einige Uebenvindung und Selbstbeherrschung dazu, diese unangenehmen Versuche rein anzustellen , denn fast un-willk\u00fcrlich verst\u00e4rkt man, entweder den Nasenverschluss oder verschluckt die sich ansammelnde Wassermaasse, wegen des Kitzels und Druckes.\nSchliesslich erw\u00e4hne ich noch, dass ich alle die mitgetheilten Versuche bisher nur an mir selbst anzustellen Gelegenheit fand, und sehr w\u00fcnschte ich, dieselben auch von Anderen wiederholt und best\u00e4tigt zu sehenJ), da das Generalisiren solcher Thatsachen, wie der mitgetheilten, nicht vorsichtig genug geschehen kann.\nAls ein gutes Zeichen f\u00fcr die Allgemeing\u00fcltigkeit der von milan mir selbst nachgewiesenen und wahrscheinlich gemachten Ver\u00e4nderungen am Gaumensegel, beim Hervorbringen der reinen Vocale, kann ich nicht umhin, an die Beobachtung meines verehrten Lehrers Pubkyne zu erinnern, dass sich beim Uebergange vom a zum e der sogenannte Kehlraum, d. h. der Raum zwischen Kehlkopf, hinterer Rachenwand, Gaumensegel und Zungenwurzel erweitert, und die Erweiterung auch beim i bleibt \u2014 und an eine Stelle bei Br\u00fccke\n1 Vergl. Schuh. Wiener med. Wochenschrift Nr. 3, 1S5S.","page":426},{"file":"p0427.txt","language":"de","ocr_de":"lieber das Verhalten des weichen Gaumens etc.\n427\n(a. a. 0., S. 29), welche auf erfreuliche Weise mit meinem Funde in Einklang steht und sehr gut durch denselben erkl\u00e4rt werden kann.\nBk\u00fccke sagt: \u00bbEs gelingt zwar, jeden Vocal mit dem Nasenton hervorzubringen, doch macht mich Herr Professor Miklosich darauf aufmerksam, dass in allen ihm bekannten Sprachen nur a, \u00ab, 0 und o als Nasenvocale Vorkommen. Ebenso f\u00fchrt J. M\u00fcller in seinem Lehrbuche der Physiologie nur diese Nasenvocale auf, die sich in der That leichter und bequemer als die \u00fcbrigen bilden lassen.\u00ab Offenbar weil, f\u00fcge ich hinzu, f\u00fcr\u00bb, e und o das Velum tiefer stellt, und ein weniger dichter oder fester Verschluss der Nasenh\u00f6hle , der beim Nasenton bekanntlich ganz aufgehoben werden muss, erfordert wird, als f\u00fcr i und u.\nKrakau, den 26. Februar 1857.\nNachschrift vom 3. M\u00e4rz 1857.\nEiner freundlichen Aufforderung meines hochverehrten Collegen Herrn Professors Br\u00fccke folgend, theile ich nachtr\u00e4glich noch die Resultate einiger vorl\u00e4ufigen, mit meiner Gaumensonde angestellten Untersuchungen Uber das Verhalten des weichen Gaumens beim Hervorbringen der Consonanten mit.\nIch lege hierbei nat\u00fcrlich die un\u00fcbertreffliche, systematische Einteilung der Consonanten von Br\u00fccke zu Grunde.\n1 ) Wie zu erwarten stand, gab der Zeiger meiner Sonde f\u00fcr alle \u00bbtonlosen Verschlusslaute\u00ab die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Hebung des Gaumensegels w\u00e4hrend des Nasenverschlusses an, namentlich wenn ich dieselben kr\u00e4ftig aussprach, wobei das hochstehende Gaumensegel durch die gepresste Luft offenbar auch noch passiv hervorgew\u00f6lbt wurde.\nF\u00fcr die \u00bbt\u00f6nenden Verschlusslaute\u00ab war der Ausschlag des Zeigers in der Regel etwas weniges geringer \u2014 ohne Zweifel, weil dieselben sanfter als die tonlosen und mit zum T\u00f6nen verengter Glottis hervorgebracht werden.\n2) Beim Erzeugen der tonlosen sowohl, als der t\u00f6nenden \u00bb Reibungsger\u00e4usche \u00ab verh\u00e4lt sich das Gaumensegel ganz in derselben Weise, wie bei den Verschlusslauten, nur war dabei der Ausschlag des Zeigers fast immer ein wenig kleiner, als bei den entsprechenden tonlosen und t\u00f6nenden Verschlusslauten, was zum Theile mit der verschiedenen Energie des Aussprechers, unter \u00fcbrigens gleichen Umst\u00e4nden aber mit dem Ausstr\u00f6men der gepressten Luft durch die im Munde gebildete Enge) Zusammenh\u00e4ngen mag.\nF\u00fcr die /.-Laute, welche sich an die Reibungsger\u00e4usche an-","page":427},{"file":"p0428.txt","language":"de","ocr_de":"428\nUeber das Verhalten des weichen Gaumens etc.\nschliessen, fand ich die Hebung des Gaumensegels etwas geringer, als f\u00fcr die \u00fcbrigen Reibungsger\u00e4usche: dies ergab sich besonders deutlich beim Uebergange von / zu s, wobei sich der Zeiger deutlich h\u00f6her hob.\n3)\tF\u00fcr die \u00bbZitterlaute\u00ab der ersten und zweiten Reihe ist die Hebung des Gaumensegels bei mir viel gr\u00f6sser, als f\u00fcr jene der dritten Reihe. Beim r gutturale werden die Vibrationen des Gaumensegels der Sonde meist deutlich mitgetheilt. Uebrigens habe ich die Sonde h\u00e4ufig auch dann erzittern sehen. wenn ich mich bem\u00fchte . das Zungen r rein und kr\u00e4ftig zu sprechen.\n4)\tDie s\u00e4mmtlichen \u00bbResonanten\u00ab, wie die Vocale mit Nasenton, zeichnen sich bekanntlich von allen \u00fcbrigen Lauten durch die Abwesenheit des Nasenverschlusses aus.\nWenn ich diese Laute hervorbrachte, so blieb deshalb die Gaumensonde ganz unbewegt, und das in die Nase gespritzte Wasser st\u00fcrzte pl\u00f6tzlich in den Kehlraum hinunter.\nDie meisten der eben mitgetheilten Thatsachen best\u00e4tigen allerdings nur Bekanntes, allein einige derselben sind nicht mit solcher Sicherheit vorauszusehen gewesen, als dass sie nicht verdient h\u00e4tten besonders hervorgehoben und festgestellt zu werden.\t*\u201c","page":428}],"identifier":"lit16182","issued":"1879","language":"de","pages":"423-428","startpages":"423","title":"Ueber das Verhalten des weichen Gaumens beim Hervorbringen der reinen Vocale","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:52:38.349199+00:00"}
