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Ueber reine und nasalirte Vocale

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{"created":"2022-01-31T16:22:13.538515+00:00","id":"lit16187","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 464-467. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0464.txt","language":"de","ocr_de":"XL.\nlieber reine und nasalirte Vocale.\n[Wiener akademische Sitzungsberichte, Bd. XXVIII, 1838.]\nHerr Prof. Kudelka bezweifelte in seiner neuesten Abhandlung\u2019) die schon von Kempelen richtig erkannte, von Br\u00fccke u. A. bewiesene allgemeine Kegel, dass die Gaumenklappe bei den reinen Vocalen luftdicht geschlossen ist. Auch meine neueren Ermittelungen \u00bbUber das Verhalten des weichen Gaumens beim Hervorbringen der reinen Vocale\u00ab1 2 3) haben ihn nicht eines Besseren belehrt, da sie die Existenz jener Kegel, wie nat\u00fcrlich , als etwas allgemein Anerkanntes voraussetzen, und die F\u00fchlhebelversuche in der That nicht geeignet sind und auch nicht zu diesem Zwecke angestellt wurden, das Vorhandensein eines luftdichten Gaumenverschlusses zu erweisen, w\u00e4hrend die Wasserinjectionen, welche H. Kudelka \u00fcbrigens bequem findet ganz zu ignoriren, die fraglichen Theile \u2014wie ich selbst angedeutet liabe:!) \u2014 unter etwas unnat\u00fcrliche Verh\u00e4ltnisse setzen.\nDa H. Kudelka keine Thatsache, sondern nur ein unbrauchbares Experiment4) zur Widerlegung der alten richtigen Ansicht und zur Unterst\u00fctzung seines Irrthums beibringt, so k\u00f6nnte sein Zweifeln an einer l\u00e4ngst feststehenden Sache f\u00fcglich unber\u00fccksichtigt bleiben; allein Br\u00fccke hat vollkommen Recht, wenn er meint, \u00bb dass man den Hunderten, welche sich in unserem Zeitalter mit den Sprachlauten befassen, ja gelegentlich \u00fcber die Entstehung derselben schreiben, den Weg zeigen solle, durch einfache Versuche und leichte Kunstgriffe sich selbst eine Ueberzeugung zu verschaffen .... damit im Gebiete der\n1\t\u00bbUeberH. Dr. Br\u00fccke\u2019s Lautsystem\u00ab Sitzungsber. Bd. XXVIII, 1858.\n2\tSitzungsber. Bd. XXIV, S. 4, 1857.\n3\tL. c. S. 6.\n4\tS. dessen kritische Beleuchtung in Br\u00fccke\u2019s \u00bbNachschrift\u00ab zu Kudelka\u2019s Abhandlung S. 91.","page":464},{"file":"p0465.txt","language":"de","ocr_de":"lieber reine und nasalirte Vocale.\n465\nLautlehre nicht immer von Neuem Controversen auftauchen, welche man l\u00e4ngst f\u00fcr beseitigt halten sollte\u00ab.\nDies die Veranlassung, wenn ich im Folgenden, behufs der Entscheidung der Frage, ob in einem gegebenen Falle Luft durch die Nase ausstr\u00f6mt, d. h. die Gaumenklappe offen ist oder nicht, ein solches leichtes und einfaches Experiment empfehle, obschon es an sieh als eine volkst\u00fcmliche Probe zur Constatirung des eingetretenen Todes allgemein bekannt ist.\nDas Experiment ist in der That so trivial und naheliegend, dass ich Bedenken tragen w\u00fcrde, damit vor die Oeffentlichkeit zu treten, wenn es nicht, trotz seiner Trivialit\u00e4t ein un\u00fcbertreffliches Mittel w\u00e4re, die immer wiederkehenden Zweifel \u00fcber die Betheiligung des Nasenverschlusses beim Hervorbringen der reinen Vocale ein f\u00fcr allemal zu erledigen und zu beseitigen.\nUm zu erfahren, ob beim Hervorbringen irgend eines Lautes Luft aus der NasU str\u00f6mt oder nicht, halte ich n\u00e4mlich einfach einen gew\u00f6hnlichen kleinen Handspiegel oder eine polirte Metallplatte, z. B. eine breite Messerklinge, in horizontaler Biehtung unter die Nasenl\u00f6cher und beobachte, ob sich die blanke Oberfl\u00e4che beschl\u00e4gt oder nicht.\nDie leiseste Spur eines Lufthauches macht sich auf dem kalten Glase oder Metall sofort durch niedergeschlagenen Wasserdampf bemerklich.\nDiese Probe l\u00e4sst an Empfindlichkeit, welche \u00fcberdies durch Ver\u00e4nderung der Temperatur des Spiegels nach Belieben regulirt werden kann, nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, und \u00fcbertrifft auch an Bequemlichkeit Bk\u00fccke\u2019s Versuch mit dem brennenden Wachsstock 1 bei weitem.\nEs kann sich nun Jedermann, der etwa noch zweifeln k\u00f6nnte, \u00fcberzeugen, dass w\u00e4hrend des regelrechten Hervorbringens der reinen Vocale keine Luft aus der Nase hervorstr\u00f6mt, und dass somit die Gaumenklappe bei der Bildung der Vocale ohne Nasenton factisch geschlossen ist.\nUm den Versuch recht sicher anzustellen, bringe man die m\u00f6glichst rein intendirten Vocale continuirlich hervor, und schiebe den Spiegel erst dann unter die Nase, nachdem der Laut schon zu t\u00f6nen angefangen', entferne jedoch den Spiegel, bevor der Laut zu t\u00f6nen aufgeh\u00f6rt. Der Spiegel bleibt vollkommen blank und unbehaucht, w\u00e4hrend reine Vocale hervorgebracht werden.\nSo wie man den Voealen den Nasenton beigibt, zeigt ein reich-\n1 Grundz\u00fcge der Pliys. u. Syst. d. Sprachlaute, S. 2S.\nCzermak, Schriften.\n30","page":465},{"file":"p0466.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber reine und nasalirte Vocale.\n166\nlieber Niederschlag von Wasserd\u00e4mpfen auf dem Spiegel sofort das starke Ausstr\u00f6men der Luft durch die Nase und das Ge\u00f6ffnetsein der Gaumenklappe an.\nHiernach k\u00f6nnte man geneigt sein zu vermuthen. dass reine und nasalirte Vocale sich blos dadurch unterscheiden m\u00f6chten, dass hei den ersteren die Luft durch den Mund allein, hei letzteren durch Mund und Nase zugleich ausstr\u00f6me.\nDiese Vermutlmng w\u00e4re jedoch unrichtig, denn Br\u00fccke sagt schon in seinen \u00bbGrundz\u00fcgen etc.\u00ab S. 28: \u00bbdass es sich von seihst verstehe, dass nicht der Ausfluss der Luft aus der Nase als solcher den Nasenton hervorbringe, sondern die Schwingungen der Luft in der Nasenh\u00f6hle\u00ab.\nDie Luft in der Nasenh\u00f6hle wird aber nur dann in merkliche Schwingungen versetzt, wenn die Menge der durch die Nase ausstr\u00f6menden Luft die durch die Stellung der hinreichend ge\u00f6ffneten Gau-menklappe in einem bestimmten Verh\u00e4ltnis steht zu jenem Luftstrome, welcher seinen Weg durch den Mund nimmt.\nDesshalb nasalirte auch das von Br\u00fccke 1 mit gewohntem Scharfsinne untersuchte M\u00e4dchen, dem das Gaumensegel durch Syphilis vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt worden war, zwar alle Vocale, \u00bbaber keineswegs alle so stark, wie sie ein Gesunder zu nasaliren im Stande ist. Der Grund hiervon lag aber in dem Mangel des Gaumensegels, das bei uus. wenn es die Bachennasen\u00fcflhung nicht verschliesst, herabh\u00e4ngt und so den Weg, welcher der Luft gegen die Mundh\u00f6hle hin offen stellt, beschr\u00e4nkt\u00ab.\nNach dem Gesagten darf es uns daher nicht Wunder nehmen, dass die Vocale selbst dann noch keinen sehr auffallenden Nasenton erhalten. wenn man die Gaumenklappe mit Absicht ein klein wenig \u00f6ffnet, so dass sich der Spiegel, der in dieser Beziehung das Ohr an Empfindlichkeit bei weitem \u00fcbertrifft, schon zu beschlagen anf\u00e4ngt, oder, dass manche Menschen, die aus Unachtsamkeit, Bequemlichkeit, \u00fcbler Angew\u00f6hnung oder regelwidriger Beschaffenheit der Sprach-organe, unabsichtlich die Gaumenklappe nicht absolut luftdicht schliessen '\u2014 was die Spiegelprobe augenblicklich anzeigt \u2014 doch nicht nothwendig eine merklich n\u00e4selnde Aussprache zu haben brauchen.\nUebrigens tritt bei sonst normalen Sprachorganen der zuletzt erw\u00e4hnte ausnahmsweise Umstand am leichtesten hinsichtlich des u ein, u as im besten Einklang steht mit der von mir zuerst experimen-\n1 \u00bbNachschrift zu II. Prof. Kudeuka\u2019s Abhandlung etc.\u00ab S. 91.","page":466},{"file":"p0467.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber reine und nasalirte Yocale.\n467\nteil ermittelten Thatsache, dass der mit der geringsten Hebung des Gaumensegels bewerkstelligte Nasenverschluss f\u00fcr u, auch viel weniger fest und innig ist als bei den \u00fcbrigen Vocalen1).\nAber selbst dann, wenn diese Unvollkommenheit h\u00e4ufiger verkommen sollte. k\u00f6nnte sie die feststehende allgemeine Kegel, dass die reinen Y'ocale mit luftdicht geschlossener Gaumenklappe gebildet werden, nicht umstossen oder beeintr\u00e4chtigen , da \u2014 sobald ausnahmsweise der Verschluss nicht absolut luftdicht ausf\u00e4llt \u2014 bei der \u00fcberm\u00e4ssigen Empfindlichkeit deren die von mir empfohlene Spiegelprobe f\u00e4hig ist, auch solche Lufthauche schon deutlich angezeigt werden, welche noch von keiner akustischen Bedeutung sein k\u00f6nnen und daher nur als zuf\u00e4llige Mangelhaftigkeit der reinen Vocalbildung betrachtet werden m\u00fcssen.\n1 L. c.\n30*","page":467}],"identifier":"lit16187","issued":"1879","language":"de","pages":"464-467","startpages":"464","title":"Ueber reine und nasalirte Vocale","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:22:13.538521+00:00"}

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