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Einige Beobachtungen über die Sprache bei vollständiger Verwachsung des Gaumensegels mit der hinteren Schlundwand

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{"created":"2022-01-31T16:21:10.071723+00:00","id":"lit16188","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band: Wissenschaftliche Abhandlungen, 468-471. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0468.txt","language":"de","ocr_de":"XL1.\nEinige Beobachtungen \u00fcber die Sprache bei vollst\u00e4ndiger Verwachsung des Gaumensegels mit der hinteren Schlundwand.\n[ Wiener akademische Sitzungsberichte 1838\nKatharina D., gegenw\u00e4rtig 14 Jahre alt, kam vor 2 Jahren mit (Jeschw\u00fcren am weichen Gaumen, den Ganmenbogen und der hinteren Rachenwand behaftet auf Prof. v. Dumeeicher\u2019s Klinik und wurde daselbst als an Ozaena scrophulosa leidend mit Iodglvcerin-Einpinselungen und adstringirenden Gurgelw\u00e4ssern behandelt. Der Verdacht auf Lues erwies sich als unbegr\u00fcndet.\nDie Geschw\u00fcre wurden geheilt, dagegen konnte eine vollst\u00e4ndige Verwachsung des Gaumensegels mit der hinteren Rachenwand nicht gehindert werden, so dass endlich die Nasenh\u00f6hle von hinten her luftdicht verschlossen wurde.\nDie Patientin kann seither nur durch den Mund Athem sch\u00f6pfen.\nAuch die angewendete Spiegelprobe ') welche die leisesten Spuren von Luftstr\u00f6mungen durch die Nase anzeigt, gab ein negatives Resultat; der luftdichte Nasenverschluss unterliegt daher zur Zeit der Untersuchung keinem Zweifel.\nNichts desto weniger gibt die Patientin an, dass sie zuweilen im Stande sei etwas Luft durch die Nase hindurchzupressen. Wenn diese Angabe nicht auf Selbstt\u00e4uschung beruht, so erkl\u00e4rt sie sich einfach aus einer theilweisen L\u00f6sung der Verwachsung zwischen Gaumen und Rachenwand in Folge neuauftretender Ulcerationen, deren sich gegenw\u00e4rtig wieder einige von sehr betr\u00e4chtlicher Tiefe auf dem hinteren, etwas angeschwollenen Theile des Zungenr\u00fcckens finden.\n1 Czermak, \u00fcber reine und nasalirte Vocale. Nr. LX. S. 465.","page":468},{"file":"p0469.txt","language":"de","ocr_de":"Einige Beobachtungen \u00fcber die Sprache etc.\n469\nDas Gaumensegel ist \u00fcbrigens trotz seiner Verwachsung mit der Rachenwand nicht absolut unbeweglich. sondern kann nach Willk\u00fcr st\u00e4rker emporgew\u00f6lbt oder mehr abgeflacht, gespannt oder erschlafft werden. \u2014 Die kleine Patientin, welche die beschriebene Missbildung ihrer Sprackorgane erlitten hat, wurde mir vor Kurzem durch Herrn Dr. Semeleder, dem ich hiemit \u00f6ffentlich danke, vorgestellt, und ich ben\u00fctzte die Gelegenheit einige Beobachtungen \u00fcber ihre Lautbildung zu machen um so lieber, als dieser Fall ein seltenes Gegenst\u00fcck zu dem von Br\u00fccke untersuchten interessanten Falle mit g\u00e4nzlichem Mangel des weichen Gaumens M abgibt. Die Resultate der Untersuchung, welche ich zum Theile gemeinschaftlich mit Herrn Prof. Br\u00fccke und Dr. Semeleder anstellte, sind folgende :\n1.\tDie reinen Vocale \u00ab, e. o und u konnte das M\u00e4dchen ganz deutlich und gut aussprechen; das \u00abjedoch lautete wie ein gequetschtes e, wenn es continuirlich und f\u00fcr sich allein hervorgebracht werden sollte, w\u00e4hrend es doch im Flusse der Rede zwischen anderen Buchstaben deutlich genug ausgesprochen werden konnte.\nDiese Unvollkommenheit war vielleicht durch die in Folge der Verwachsung limitirte Hebung des Gaumensegels, welches beim i wie ich fr\u00fcher1 2) durch F\u00fchlhebelversuche zeigte, am h\u00f6chsten zu stehen kommt, \u2014 obschon die normale, verschiedene Stellung des weichen Gaumens, wie Br\u00fccke's oben citirter Fall beweist, nur eine Nebenbedingung f\u00fcr das Hervorbringen der Vocale sein.kann; offenbar aber auch durch die geringe Biegsamkeit des Zungenr\u00fcckens in Folge der daselbst vorhandenen Anschwellung und Geschw\u00fcrsbildung bedingt.\n2.\tVocale mit dem Nasenton konnte das M\u00e4dchen, wie zu erwarten stand, auf keine Weise hervorbringen.\n3.\tDass das M\u00e4dchen die wahren Resonanten der drei Arti-culationsgebiete, welche Br\u00fccke mit m, n und n bezeichnet, nicht w\u00fcrde bilden k\u00f6nnen, war mit Sicherheit vorauszusehen, da die wesentlichste Bedingung dieser Laute : Mitschwingungen der in der Nase enthaltenen Luft, in Folge des Offenstehens der Gaumenklappe hei ihr nicht zu realisiren war.\nDass das M\u00e4dchen aber nichts desto weniger den wahren Resonanten sehr \u00e4hnliche Laute in allen drei Articulationsgebieten hervorbringt und von den entsprechenden Medien deutlich unterscheidet z. B. mein und bein, nein und dein, lange und l\u00e4ge . so dass man ihrer Sprache in dieser Beziehung eine verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig geringe\n1 Br\u00fccke, \u00ab Nachschrift . . .\u00ab Sitzungsb. 1858. Bd. XXVIII. S. li.'i.\n- Sitzungsberichte 1857, Bel. XXIV, S. 4.","page":469},{"file":"p0470.txt","language":"de","ocr_de":"470\nEinige Beobachtungen \u00fcber die Sprache etc.\nUnvollkommenheit anmerkt, muss dagegen einigennaassen \u00fcberraschen , da sich bekanntlich die Mediae von den entsprechenden Re-sonanten wesentlich nur durch den Verschluss der Gaumenklappe unterscheiden. ')\nDa die Patientin die Gaumenklappe nicht \u00f6ffnen kann, so w\u00fcrde sie, wenn sie die Bewegungen des Gesunden machte, statt des Reso-nanten immer nur die entsprechende Media erzeugen. Hievon h\u00e4lt sie der so verschiedene akustische Edect ab und sie ersetzt desshalb die ihr unm\u00f6glich gewordenen wahren Resonanten durch die ihnen \u00e4hnlichen Purkyne\u2019sehen \u00bbBl\u00e4hlaute\u00ab2), wobei sie zugleich bem\u00fcht ist den Verschluss des Mundcanals m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos zu bewerkstelligen oder zu l\u00f6sen, was nur hei gr\u00f6sserer Aufmerksamkeit und mit einiger Anstrengung m\u00f6glich ist, weshalb sie auch erkl\u00e4rte, es sei ihr bequemer bein auszusprechen, als mein, dein als nein, l\u00e4ge als lange !\nAuf die bezeichnete Art kann man in der That mit geschlossener Gaumenklappe , wovon sich Jeder bei einiger Geschicklichkeit durch Selbstbeobachtung \u00fcberzeugen kann, statt der Mediae Laute hervorbringen, welche den entsprechenden Resonanten t\u00e4uschend \u00e4hnlich sind: hat doch Kempelen selbst, ehe er den wahren Unterschied der Tenues von den Mediae aufgefunden hatte, geglaubt, dass sich z. B. das b vom p durch ein vorlautendes m unterscheide.\nFreilich lassen sich die f\u00fcr die Resonanten vicariirenden Bl\u00e4hlaute nicht continuirlich hervorbringen, weil die aus der zum T\u00f6nen verengten Stimmritze hervorstr\u00f6mende Luft den allseitig gesperrten Raum alsbald so sehr erf\u00fcllt, dass ein Nachstr\u00f6men derselben unm\u00f6glich wird. Desshalb spricht das M\u00e4dchen ihre Resonanten-Surro-gate auch sehr kurz und zerf\u00e4llt, wenn sie besonders deutlich sprechen will, den Resonanten der dritten Reihe, welchen Br\u00fccke mit n bezeichnet und bei welchem der Verschluss der Mundh\u00f6hle weit hinten am Gaumen geschieht, sogar unwillk\u00fcrlich in ihr unvollkommenes \u00ab und in cj. Sie sagt dann Wan-ge, Klin-gel etc.\nBemerkenswerth ist noch der Umstand dass das M\u00e4dchen jedesmal die Nasenfl\u00fcgel, mit dem Bestreben die Nasenl\u00f6cher zu verengen, bewegt, wenn sie sich anstrengt einen der Resonanten m\u00f6glichst deutlich hervorzubringen.\nDiese seltsamen Mitbewegungen deuten darauf hin, dass die Patientin, wenn sie Resonanten intendirt, instinctiv Alles thut was\n1\tBr\u00fccke, \u00bbNachschrift\u00ab, S. 72.\n2\tBr\u00fccke, \u00bbGrundziige der Systematik und Physiologie der Sprachlaute\u00ab, S. 56.","page":470},{"file":"p0471.txt","language":"de","ocr_de":"Einige Beobachtungen \u00fcber die Sprache etc.\n471\nunter so ung\u00fcnstigen l Anst\u00e4nden beitragen kann das Mitschwingen der Nasenluft zu beg\u00fcnstigen.\nEs ist daher auch wahrscheinlich, dass sie auch das Gaumensegel f\u00fcr die Resonanten m\u00f6glichst erschlafft, f\u00fcr die Mediae aber mehr anspannt und dass so bei den ersteren mehr von den Schwingungen auf die Luft der Nasenh\u00f6hle sich fortpflanzen als bei den letzteren.\n4.\tDas II uvulare kann das M\u00e4dchen nat\u00fcrlich nicht sprechen, da vom Z\u00e4pfchen so gut wie nichts vorhanden ist : sie bildet das II mit der Zungenspitze.\n5.\tDa das M\u00e4dchen die Resonanten so \"geschickt durch die entsprechenden Bl\u00e4hlaute zu ersetzen versteht, und da alle \u00fcbrigen Laute, mit Ausnahme der nasalirten Vocale, welche im Deutschen gar nicht Vorkommen, ohnehin mit geschlossener Gaumenklappe gebildet werden, so wird ihre Sprache durch die erlittene Missbildung weit weniger beeintr\u00e4chtigt als man erwarten durfte. Die einzige Unvollkommenheit , welche sich in st\u00f6render Weise geltend macht, ist ein gewisses Stocken im Flusse der Rede, welches daher r\u00fchrt, dass die sich beim Aussprechen mancher Lautfolgen ansammelnde Luft bei ihr nur durch den Mund austreten kann, w\u00e4hrend sie bei Gesunden durch Oeffnen der Gaumenklappe unmerklich und ohne die Lautbildung zu coupiren entweicht. H\u00e4lt sich ein Gesunder beim Sprechen die Nase zu, so f\u00fchlt er alsbald jenes durch die Luftanh\u00e4ufung gesetzte Hinderniss , welches bei dem M\u00e4dchen aus naheliegenden Gr\u00fcnden noch fr\u00fcher uud weit st\u00f6render auftreteu muss.","page":471}],"identifier":"lit16188","issued":"1879","language":"de","pages":"468-471","startpages":"468","title":"Einige Beobachtungen \u00fcber die Sprache bei vollst\u00e4ndiger Verwachsung des Gaumensegels mit der hinteren Schlundwand","type":"Book Section","volume":"1.1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:21:10.071728+00:00"}

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