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Ueber die entoptische Wahrnehmung der Stäbchen- und Zapfenschicht: Membrana Jacobi Retinae (vorläufige Mittheilung)

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{"created":"2022-01-31T15:51:43.092505+00:00","id":"lit16192","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 621-624. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0621.txt","language":"de","ocr_de":"XLV.\nUeber die entoptische Wahrnehmung der St\u00e4bchen- und Zapfenschicht (Membrana Jacobi Retinae),\nVorl\u00e4ufige Mittheilung\".\n[Wiener akademische Sitzungsberichte, XIJ. Bd. ifteo und Moleschott s Untersuchungen, 17//. Bd.\n\u00bbSo lange eine Beobachtung im Reiche der Naturkunde isolirt Stellt, so lange sie nicht in mehrfache Beziehungen zu anderen mehr oder weniger wichtigen Erfahrungen und Anwendungen gekommen ist und durch Einwirken in das \u00fcbrige System eine Art Charakter und Rang erworben hat, ist sie immer in Gefahr entweder l\u00e4ngere Zeit ganz unbeachtet zu bleiben, oder wenn sie sich anfangs durch eine neue Erscheinungsweise aufgedrungen hat, wieder in Vergessenheit zu geratlien, bis im ununterbrochenen Entwickelungsgange des Wissens die ihr n\u00e4chst verwandten Gegenst\u00e4nde mehrfach auf sie deuten und sie endlich in die ihr geb\u00fchrende Stelle aufnehmen, wo sie dann erst in dem ihr zukommenden Lichte der Wissenschaft steht, um nie wieder in die Einsterniss der Verborgenheit zur\u00fcckzukehren\u00ab.\nMit diesen Worten hat Purkyxe 1 treffend das Schicksal der meisten seiner zahlreichen und \u00fcberraschenden Funde im Reiche des sub-jectiven Sehens vorausgesagt. Der durch ihn gehobene reiche Schatz von Beobachtungen gerieth in der That \u2014 trotz des grossen Aufsehens, welches Purkyxe\u2019s Leistungen seiner Zeit machten, wie die ehrenvolle Anerkennung und schmeichelhafte Beachtung beweist, welche Goethe der genialen Pers\u00f6nlichkeit des Autors zu wendete) \u2014 nach und nach zum grossen Theil fast ganz in Vergessenheit weil man nichts weiter damit anzufangen wusste.\n1 Beobachtungen und Versuche zur Physiologie der Sinne. Bd. I. Calve, Prag 1823, S. 37.","page":621},{"file":"p0622.txt","language":"de","ocr_de":"()22 Ueber die entoptiselie Wahrnehmung der St\u00e4bchen- und Zapfensohieht.\nW\u00e4hrend der vierzig Jahre, die seit dem ersten Erscheinen der citirten Dissertation verflossen, haben wenige Forscher eine Veranlassung gehabt und die M\u00fche aufwenden wollen, die meist anstrengenden und zum Theil die Gesundheit des Sehorgans gef\u00e4hrdenden subjectiven Sehversuche Purkynes zu wiederholen und zu erweitern, und jenes phantastische Reich des subjectiven Sehens aus eigener Anschauung genauer kennen zu lernen: \u2014 ja selbst die Beschreibung einzelner dieser Erscheinungen ist in die wenigsten Lehrb\u00fccher der Physiologie aufgenommen worden.\nErst in der neuesten Zeit hat man wieder versucht, manche dieser Erscheinungen zu studiren und physiologisch zu verwerthen.\nIch erinnere an die sinnreiche Anwendung, welche H. M\u00fcllek von der sogenannten \u00bb Aderfigur \u00ab gemacht hat. um die Netzhautelemente zu finden, welche die Lichtperception eigentlich vermitteln : an die kostbaren Daten \u00fcber die Geschwindigkeit des Capillarkreislaufes des Menschen, welche Vierokdt durch Beobachtung des entoptisch \u00bbsichtbaren Blutumlaufes im Auge\u00ab zu erhalten wusste und endlich an meine eigenen Bem\u00fchungen aus der Erscheinung des \u00bbAccommoda-tionsphosphens\u00ab gewisse Momente des Accommodationsmechanismus zu erl\u00e4utern.\nEs sei mir erlaubt. hier eine vorl\u00e4ufige Mittheilung \u00fcber einen neuen Versuch dieser Art zu machen, und jene zierliche Erscheinung, welche Pukkyxe 1. c. 8. 10 unter dem Namen der \u00bbLichtscluittenfignr\u00ab des Auges beschreibt und abzubilden versucht, der Beachtung der Physiologen zu empfehlen.\nWird das Auge in raschem Wechsel erhellt und verdunkelt, so f\u00fcllt sich alsbald das ganze Gesichtsfeld mit einer \u00fcberaus zierlichen schaclibretartigen Zeichnung von lichten und schattigen viereckigen Felderchen, welche von der Peripherie gegen das Centrum an Gr\u00f6sse ab und an Sch\u00e4rfe zunehmen. Auf dieser \u00bbprim\u00e4ren\u00ab Zeichnung erscheinen dann in wechselnder Folge \u00bbsecund\u00e4re\u00ab Gestalten der \u00bb\u00c4chtstrahl\u00ab, das \u00bbSchneckenrechteck\u00ab u. s. w. . deren Beschreibung 1. c. nachzusehen ist, da icji hier nur die \u00bbprim\u00e4ren\u00ab n\u00e4her betrachten will.\nUm die \u00e4ussere Bedingung der Erscheinung bequem zu beherrschen. gebrauche ich eine grosse Pappscheibe, welche nahe am Rande in gleichen Abst\u00e4nden von etwa 3 Zoll, eine einfache Reihe von 12 l\u00e4nglich viereckigen Oefi'nnngen 8 Linien H\u00f6he, 4 Linien Breite tr\u00e4gt und um eine horizontale Axe leicht gedreht werden kann.\nDen Versuch stellte ich so an. dass ich mit den Augen durch die Oeftnungen der in rasche Rotation versetzten Pappscheibe in den Himmel oder in eine nahe vors Gesicht gesetzte Milchglasglocke einer","page":622},{"file":"p0623.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber die entoptische Wahrnehmung der St\u00e4bchen- und Zapfenschicht. 023\nhellbrennenden Lampe starre. Purkynk erzeugte den Wechsel von Licht und Schatten, indem er mit den auseinander gespreizten Fingern der Hand vor den Augen auf- und abfuhr, oder indem er auf eine mit schwarzen und weissen Segmenten bemalte rotirende Scheibe oder zwischen den Speichen eines gedrehten Eades hindurch auf einen hellen Hintergrund blickte.\nUnter diesen Umst\u00e4nden entsteht alsbald die \u00bbLichtschattenfigur\u00ab.\nJe nach der Dauer des Versuches und der Schnelligkeit des Wechsels von Licht und Dunkelheit, treten subjective F\u00e4rbungen derSchach-bretfelder, Blendungserscheinungen im Auge und Wettstreit der Sehfelder auf.\nEs kommt zu einem unregelm\u00e4ssigen Wechsel der \u00bbprim\u00e4ren\u00ab und \u00bbsecund\u00e4ren\u00ab Gestalten und es geh\u00f6rt einige Uebung im Selbstbeobachten dazu, sich in dieser phantastischen Bilderjagd zu orientiren und das Constante in der Mannigfaltigkeit und Wandelbarkeit der Erscheinung zu fixiren.\nSchon P\u00fcrkyn\u00e8 bem\u00fchte sich in der feineren Structur des Auges irgend welche Anhaltspunkte zur Erkl\u00e4rung der Grundformen seiner Lichtschattenfigur zu finden 1. c. S. 43 : \u00bbbald zerfaserte er die getrocknete Krystalllinse. bald betrachtete er die K\u00f6rnchen des gefrorenen Glask\u00f6rpers, bald untersuchte er mikroskopisch die Netzhaut und ihre Markk\u00fcgelclien\u00ab, aber nirgends fand er gen\u00fcgende Erkl\u00e4rungsgr\u00fcnde.\nH\u00e4tte Puekyn\u00e8 damals schon die durch Husciike und Treviranus mehr als ein Decennium sp\u00e4ter entdeckten Elemente derSt\u00e4bchen-und Zapfenschicht in ihrer wunderbar regelm\u00e4ssigen Anordnung kennen k\u00f6nnen, er w\u00fcrde unzweifelhaft seinen frappanten und geistreich durchgef\u00fchrten Vergleich mit Chladxi's Klangfiguren nicht bis zur v\u00f6lligen Analogie beider Vorg\u00e4nge gesteigert, sondern die Structur der Zapfen- und St\u00e4bchenschicht in eine n\u00e4here Beziehung mit der Lichtschattenfigur gebracht haben.\nIch bin fest \u00fcberzeugt, dass Niemand die \u00bbprim\u00e4ren\u00ab Gestalten dieser Figur sehen kann, ohne an jene erinnert zu werden und einen Zusammenhang zwischen beiden zu ahnen, um so mehr als man seit Br\u00fccke wem, dass jene histologischen Elemente auch ein Spiegelungsapparat sind.\nIndem ich in dieser Richtung weiter forschte, gelang es mir eine Form der \u00bbprim\u00e4ren\u00ab Gestalten hervorzubringen, welche jeden Zweifel zum Schweigen bringen musste.\nIch sehe n\u00e4mlich constant und mit vollster Deutlichkeit \u2014 wenn ich den Versuch einige Zeit fortsetze und die rotirende Pappscheibe","page":623},{"file":"p0624.txt","language":"de","ocr_de":"024 Ueber die entoptisclie Wahrnehmung der St\u00e4bchen- und Zapfenschicht.\neine mittlere Drehungsgeschwindigkeit erlangt hat \u2014 im Bereiche des directcn Sehens [Macula lutea) die liier sehr feinen Viereckchen der PuRKYx\u00c8\u2019schen Schachbretfigur allm\u00e4hlich einer scharfgezeichneten regelm\u00e4ssigen Mosaik von kleinen runden Scheibchen Platz machen.\nDie Scheibchen stehen dicht gedr\u00e4ngt und lassen nur ganz schmale Zwischenr\u00e4ume oder Trennungslinien zwischen sich ; crstere sind von geringerer, letztere von gr\u00f6sserer Helligkeit.\nDas Auftreten dieser Mosaik wird durch Anstrengung der Augen zum Nahesehen beg\u00fcnstigt. Das mit dieser Mosaik erf\u00fcllte Feld ist zuweilen unregelm\u00e4ssig begrenzt, zuweilen hat es die Form einer liegenden Raute ; es wechselt Umriss und Ausdehnung wie beim Wettstreit der Sehfelder. Die Scheibchen, welche die Mosaik zusammensetzen, erscheinen stets unter einem gr\u00f6sseren Gesichtswinkel als dem Durchmesser der Zapfen am gelben Fleck entspricht, auch ist unter verschiedenen Umst\u00e4nden die scheinbare Gr\u00f6sse der Scheibchen bald gr\u00f6sser, bald kleiner; nichts desto weniger wird aber Jeder, der diese Beobachtung selbst einmal gemacht hat und das mikroskopische Fl\u00e4chenbild der Zapfen und St\u00e4bchen kennt, die dichtgedr\u00e4ngten runden Scheibchen im Bereiche des directen Sehens (Macula lutea:, wo bekanntlich nur Zapfen Vorkommen, sogleich f\u00fcr ein mehr oder weniger v e r g r \u00f6 s s e r t e s Bild der Zapfen mos a i k des gelben Fleckes erkl\u00e4ren vgl. die Abbildungen in Ecker\u2019s leones'.\nDurch welche besondere Lichtreflexion oder Brechung dieses bald st\u00e4rker, bald schw\u00e4cher vergr\u00f6sserte deutliche Bild der Zapfenmosaik entsteht und auf die am sch\u00e4rfsten empfindende Elementarschicht der Netzhaut geworfen wird, oder welche besondere Zust\u00e4nde der Empfindlichkeit die Retina zur Wahrnehmung der Zapfenmosaik bef\u00e4higen u. s. w. ist vorl\u00e4ufig nicht anzugeben.\nJedenfalls aber geh\u00f6rt die St\u00e4bchen- und Zapfenschicht der Retina zujenenBestandtheilcndesAuges, welche einerseits eigenth\u00fcmliche entoptisclie Erscheinungen Purkyn\u00e8\u2019s Lichtschattenfigur veranlassen k\u00f6nnen und welche anderseits unter Umst\u00e4nden zum Theil selbst als \u00bbleuchtende Binnenobjecte\u00ab die beschriebene Scheibenmosaik der Zapfen deutlich w a h r g e n o m m e n w erden.\nSchliesslich bemerke ich noch, dass Purkyne auch beim nachhaltigen Druck auf das Auge und bei raschen Entladungen einer Volta\u2019-schen S\u00e4ule durch das Auge, die Gestalten seiner Lichtschattenfigur hervorrufen konnte.\nPest im Juni 1860.","page":624}],"identifier":"lit16192","issued":"1879","language":"de","pages":"621-624","startpages":"621","title":"Ueber die entoptische Wahrnehmung der St\u00e4bchen- und Zapfenschicht: Membrana Jacobi Retinae (vorl\u00e4ufige Mittheilung)","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:51:43.092511+00:00"}

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