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Sphygmische Bemerkungen

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{"created":"2022-01-31T17:01:25.410012+00:00","id":"lit16197","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 655-659. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0655.txt","language":"de","ocr_de":"L.\nSphygmische Bemerkungen,\nWiener akademische Sitzungsberichte. XLVII. Bei. 186'S.]\nA iekordt hat hekaimtlieli zuerst die graphische Fixirung des Pulses beim Menschen durch seinen Wphvgmographen erm\u00f6glicht und wirklich ausgetuhrt. Dieses Instrument wurde dann von Make y wesentlich ver\u00e4ndert und in mehrfacher Hinsicht entschieden verbessert.\nDie MAREY'schen Pulscurven weichen aber von den Yierordt-schen so bedeutend ah. dass in der Construction und \u2019Wirkungsweise eines dieser Instrumente. vermittelst welcher die Gurven gewonnen werden, ein Cardinalfchler stecken muss, womit nicht gesagt sein soll, dass eine der beiden Pulscurvenformen nothwendig die richtige sei.\nDies ist \u00fcberhaupt gar nicht zu erwarten. da ein nie ganz ohne Reibung schreibender Fiihlhebel von einiger 'seihst hei Marey\u2019s Instrumente nicht zu vernachl\u00e4ssigender tr\u00e4ger Masse gewisse Unrichtigkeiten in die verzeichnete Curve einf\u00fchren muss. Ueberdies ist die Veranstaltung, durch welche der Fiihlhebel den Bewegungen der Arterie zu folgen gezwungen wird, weder hei Yierordt's noch hei Marey's Instrument ganz vorwurfsfrei zu nennen.\n\u2019W\u00e4hrend sich hei ersterem der Fiihlhebel durch die eigene Schwere an die Arterienwand andr\u00fcckt und hierdurch mit derselben w\u00e4hrend ihrer Bewegungen in unver\u00e4ndertem Contact erhalten werden soll, empf\u00e4ngt die Impulse der Arterie hei letzterem zun\u00e4chst eine starke elastische Feder, welche auf die Arterie dr\u00fcckt , und erst mit dieser steht der Fiihlhebel durch seine Schwere und den Druck einer zweiten zarteren Feder in Ber\u00fchrung.\nDie Anzeigen solcher Pulswellenzeichner k\u00f6nnen begreiflicher Weise den Lumenver\u00e4nderungen der Arterie, wie seihe unter nat\u00fcrlichen Verh\u00e4ltnissen beim Durchg\u00e4nge der Pulswelle eintreten. niemals genau entsprechen.","page":655},{"file":"p0656.txt","language":"de","ocr_de":"056\nSphygmische Bemerkungen.\nUm zu entscheiden, ob die ViERORD\u00ef\u2019sehen oder die MAREY\u2019schen Pulscurven der Wahrheit n\u00e4her kommen, hatte ich schon vor mehr als zwei Jahren an ein neues sphygmograpliisches Verfahren gedacht, welches frei von jedem Einwande die Bewegungen der Arterienwand mit vollkommener Genauigkeit verzeichnen sollte.\nEin solches Verfahren konnte a priori nur in der Benutzung eines F\u00fchlhebels bestehen, der die folgenden drei Eigenschaften besitzen musste, n\u00e4mlich :\n1.\tvollkommen gewichtlos zu sein,\n2.\tohne irgend welche Reibung zu schreiben, und endlich\n3.\tohne die geringste Ver\u00e4nderung der nat\u00fcrlichen Verh\u00e4ltnisse der pulsirenden Arterie an derselben applicirbar zu sein.\nDie Strahlen des Lichtes vereinigen alle geforderten Eigenschaften. und ich kam daher auf den Gedanken, die Lichtstrahlen gleichsam als F\u00fchlhebel zu ben\u00fctzen, deren durch die Lumenver\u00e4nderungen der Arterie bedingte Bewegungen photographisch zu fixiren w\u00e4ren.\nHinsichtlich der Application der Lichtstrahlen zu dem fraglichen Zwecke boten sich verschiedene Wege dar.\nDer naheliegendste f\u00fchrte mich zu der Construction des \u00bb P u 1 s -Spiegels\u00ab, \u00fcber welchen ich zuerst in der Sitzung der Gesellschaft der praktischen Aerzte in Prag, vom 8. Januar 1862, und dann bei der Naturforscherversammlung in Karlsbad Herbst 1862' vorl\u00e4ufige Mittheilungen machte.\nHerr Dr. Mach in Wien, welcher die Theorie und Construction des Pulswellenzeichners einer sehr gr\u00fcndlichen mathematischen und experimentellen Untersuchung unterworfen li\u00e2t, erw\u00e4hnt meines Puls-spiegels am Schl\u00fcsse seiner Abhandlung \u00bbUber die Gesetze des Mitschwingens\u00ab Wiener Sitzber. Bd. XLVII). und dies veranlasst mich, hier einige weitere Bemerkungen \u00fcber optische Sphygmometer oder Sphygmoskope \u00fcberhaupt, und \u00fcber den Pulsspiegel insbesondere zu ver\u00f6ffentlichen.\nDer Pulsspiegel ist nichts weiter als ein kleiner Planspiegel, der an eine pulsirende Arterie so angelegt wird, dass er ihren Lumenver\u00e4nderungen , ohne dieselben im mindesten zu beeintr\u00e4chtigen oder zu alteriren, mit gr\u00f6sster Pr\u00e4cision folgt.\nDie unter einem beliebigen Winkel direct oder von einem verstellbaren Beleuchtungsspiegel auf denselben fallenden Lichtstrahlen der Sonne oder einer hinreichend coneentrirten k\u00fcnstlichen Lichtquelle werden reflectirt, und k\u00f6nnen zu einem scharfen Lichtbilde gesammelt werden, welches auf eine entfernte Wand, in einen photographischen Apparat oder \u2019unmittelbar in das Auge des Beobachters f\u00e4llt. Jede","page":656},{"file":"p0657.txt","language":"de","ocr_de":"Sphygmischo Bemerkungen.\n657\nBewegung der Arterienwand tlieilt sieh dem Pulsspiegel mit, und wird in vergr\u00f6\u00dfertem Maassstahe durch das Lichtbild wiedergegeben.\nHandelt es sieh bloss um demonstrative Zwecke, so gen\u00fcgt es, einen beliebigen kleinen Planspiegel, etwa einen aus der Fassung gefallenen Kehlkopfspiegel mit dem Finger gegen die pulsi-rende Arterie leicht anzudr\u00fccken und das Lichtbild auf eine entfernte Wand zu projiciren. Beim Anlegen des Spiegels verfahrt man am besten so, dass man den Puls zuerst in gew\u00f6hnlicher Weise aufsucht, und dann den Band des Spiegels zwischen den tastenden Finger und die pulsirende Arterie einschiebt. Es gelingt dann leicht jene Stellung und Druckrichtung des Fingers zu finden, bei welcher der Spiegel in deutliche Bewegungen durch die Pulsation der Arterie versetzt wird. Je nachdem die Arterie diesseits oder jenseits des durch den aufgelegten Finger fixirten Theiles des Spiegels zu liegen kommt, erh\u00e4lt man mit jeder Expansion der Arterie entweder eine Hebung oder eine Senkung des unbedeckten Spiegeltheiles, welche bei jeder Contraction von der entgegengesetzten Bewegung gefolgt wird. Das Pulsspiegelbild bewegt sich demnach auf der entgegengesetzten Wand w\u00e4hrend des Ablaufes jeder Pulswelle zuerst nach abw\u00e4rts und dann nach aufw\u00e4rts, oder zuerst nach aufw\u00e4rts und dann nach abw\u00e4rts. Um aus dieser einfachen oscillatorisclien Bewegung in einer verticalen Linie eine der Viki;<nun -Makky'sehen analoge Pulscurve zu erhalten, habe ich das vom Pulsspiegel kommende Lichtbild mit einem zweiten Spiegel aufgefangen, welcher um eine verticale Axe gedreht wurde, und erst von diesem auf die entfernte Wand fallen lassen. Das Lichtbild bewegte sich dann in einer den Pulsationen entsprechenden Wellenlinie in horizontaler Richtung von einem Ende der Wand zum andern.\nDer einfache Pulsspiegel eignet sich jedoch nicht nur zur Demonstration der Pulseurven, sondern \u2014 wie ich bereits an den angef\u00fchrten Orten angegeben habe \u2014 auch zur Demonstration der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Pulswelle im Arteriensysteme. Ich habe zu diesem Ende zwei oder mehrere Pulsspiegel gleichzeitig an verschiedene Querschnitte des Systems angelegt, \u2014 z. B. den einen an der Art. radialis oder carotis, den andern an der Art. dorsalis pedis u. s. w. \u2014 und die h\u00fcpfenden Lichtbilder, welche man zum Feberfluss durch vorgehaltene Gl\u00e4ser verschieden f\u00e4rben k\u00f6nnte, neben einander direct auf die Wand projicirt. Man erkennt dann sehr deutlich, dass die pulsirenden Bewegungen der Lichtbilder merklich ungleichzeitig erfolgen, und dass immer jene ihre Bewegungen fr\u00fcher beginnen und vollenden, welche Arterienquerschnitten anliegen, die dem Herzen n\u00e4her liegen ; entsprechend der bekannten Thatsaclie, dass die Pulswelle, vom Herzen aus-\n42\nCzermak, Schriften.","page":657},{"file":"p0658.txt","language":"de","ocr_de":"Sphygmis\u00e9he Bemerkungen.\nB 5 S\ngehend, mit endlicher aber ziemlich bedeutender Geschwindigkeit gegen die Peripherie fortschreitet.\nDie Versp\u00e4tung des Pulses in F\u00e4llen von anemysmatischen Erweiterungen der Gef\u00e4ssbahn liesse sich auf diese Weise sehr deutlich veranschaulichen.\nEs versteht sich \u00fcbrigens von selbst, dass man den Pulsspiegel statt durch Fingerdruck auf eine andere rein mechanische Weise an der Arterie fixiren kann. Ich habe verschiedene Befestigungsarten versucht.\nF\u00fcr streng wissenschaftliche und exacte s p h y g morn etr is ehe oder sphygmographische Bestimmungen ist die unver\u00e4nderliche rein mechanische Befestigung eine conditio sine qua non. Ueberdies muss dann der Pulsspiegel auch eine gegen die bewegenden Kr\u00e4fte verschwindende Masse erhalten. Ich habe zu diesem Ende ganz zarte spiegelnde Flitter auf die Haut geklebt und ihre h\u00fcpfenden Lichtreflexe mit dem Mikroskop beobachtet.\nWenn man nun auch die Haut sanft gegen die Wand der Arterie zusammendruckt, so erh\u00e4lt man doch nie die reinen Bewegungen der Arterienwand zur Beobachtung, sondern nur die Mitschwingungen der Haut und der \u00fcbrigen weich-elastischen Zwischengewebe. Bei ganz oberfl\u00e4chlich gelegenen Arterien k\u00f6nnte dieser Umstand wohl ohne irgend einen \u00bbSchaden vernachl\u00e4ssigt werden.\nStreng genommen m\u00fcsste man sich aber doch an die Beobachtung der v\u00f6llig blossgelegten Arterienwaud selbst halten. wodurch man vom Menschen an die Tliierc gewiesen w\u00fcrde.\nUnter den andern Wegen, welche sich hinsichtlich der Benutzung der Lichtstrahlen in der \u00bb Sphygmica ors\u00ab1; darboten, muss ich neben dem Pulsspiegel noch einer andern Anordnung erw\u00e4hnen, welche bei oberfl\u00e4chlichen und namentlich bei blossgelegten Arterien Anwendung finden k\u00f6nnte.\nEs l\u00e4sst sich n\u00e4mlich von der pulsirenden Arterienwand ein bedeutend vergr\u00f6sserter Schattenriss erzeugen, wenn man den Focus einer Linse von passend gew\u00e4hlter Brennweite der Arterie von einer \u00bbSeite n\u00e4hert, so dass dieselbe nahe am Focus in dem divergirendeu Strahlenkegel zu liegen kommt. Die Lichtstrahlen verhalten sich dann genau so wie ein F\u00fchlhebel, dessen Umdrehungspunkt mit dem Brennpunkt zusammenf\u00e4llt.\nDurch eine vertical stehende enge Spalte liesse sich eine schmale\n1 Diese Bezeichnung entlehne ich dem Titel eines von Yiep.ordt Lehre vom Arterienpulse, S. 2 citirten. 1555 in Basel erschienenen Werkes: \u00bbSphygmica ars\u00ab von dem Posener Arzt Joseph Str\u00fcth","page":658},{"file":"p0659.txt","language":"de","ocr_de":"Spli\u00ffgmilohe Bemerkungen.\n059\nRichtlinie erhalten, die sich genau entsprechend den Bewegungen der Arterienwand verk\u00fcrzen und verl\u00e4ngern w\u00fcrde.\nDie photographische Fixirung der bewegten sphygmischen Lichtbilder l\u00e4sst sich bei der gegenw\u00e4rtig erreichten Entwickelung der Photographie nicht im entferntesten bezweifeln, und wird beider Anwendung von concentrirtem Sonnenlichte und momentan wirkendem Collodium unschwer gelingen.\nZur Herstellung von photographischen Pulscurven wird man die h\u00fcpfenden Lichtbilder, wie ich oben erw\u00e4hnte \u2014 vermittelst eines zweiten um eine verticale Axe drehbaren Spiegels \u00fcber die empfindliche Collodiumschichte in horizontaler Sichtung hinf\u00fchren, oder, was offenbar besser ist, die Lichtbilder direct und in unver\u00e4nderter Richtung in die Camera einfallen lassen, und die collodirte Platte durch ein Uhrwerk wie beim MAKEY\u2019schen Apparate in Bewegung setzen.\nSchliesslich erlaube ich mir noch zu erw\u00e4hnen, dass man die optische Erzeugung der Pulscurven zu genauen Messungen der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Pulswelle im Arteriensystem wird benutzen k\u00f6nnen, entweder nach dem Plan, den ich zu diesem Zwecke im Centralblatte f\u00fcr die medicinisehen Wissenschaften, Berlin Nr. 10, 1805 angegeben habe, oder indem man die zu vergleichenden Curven auf einer und derselben Collodiumplatte gleichzeitig photographirt.\n42*","page":659}],"identifier":"lit16197","issued":"1879","language":"de","pages":"655-659","startpages":"655","title":"Sphygmische Bemerkungen","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T17:01:25.410018+00:00"}

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