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{"created":"2022-01-31T16:58:09.402057+00:00","id":"lit16200","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 738-741. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0738.txt","language":"de","ocr_de":"LIV.\nNachweis der Erscheinung der sogenannten Pulsversp\u00e4tung beim Frosch, und das Verfahren dieselbe\nwahrzunehmen,\n[Wiener akademische Sitzungsberichte LI. Bd. I860.]\nDas Gekr\u00f6se kleinerer Thiere, z. B. des Frosches, eignet sich bekanntlich am allerbesten zur Beobachtung 'des Blutumlaufes. Ist auch das Capillarnetz hier weniger reich entwickelt als an anderen Orten (Schwimmhaut. Lunge), so lassen sich daselbst doch alle Verh\u00e4ltnisse des Blutlaufes in den Befassen genau und vollst\u00e4ndig verfolgen , und namentlich' bleibt bez\u00fcglich der Untersuchung der Blutbewegung in den st\u00e4rkeren und schw\u00e4cheren Arterien, welche an diesem Orte so zu sagen ganz blossliegen, gar nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.\nSchon seit l\u00e4ngerer Zeit mit Untersuchungen \u00fcber die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Blutwelle in den Arterien besch\u00e4ftigt1), erschien mir aus diesen und anderen Gr\u00fcnden das Gekr\u00f6se des Frosches als ein \u00e4usserst passendes Object, um nachzusehen, ob sich auch bei einem so kleinen Thiere, trotz der unbedeutenden L\u00e4nge seiner Arterienbahnen, die zuerst von Weitbkeciit, Liscovius und E. H. Weber beim Menschen beobachteten Versp\u00e4tungsintervalle zwischen dem Erscheinen des Pulses an in verschiedenen Entfernungen vom Herzen liegenden Arterienquerschnitten nachweisen lassen?\nZur Beantwortung dieser Frage, welche mit der Frage nach den Fortpflanzungsgesetzen und Bedingungen der Pulswelle innig zusammenh\u00e4ngt und von allgemeinerem Interesse ist, ben\u00fctzte ich folgendes Verfahren.\n1 Mittheilungen aus dem physiologischen Privatlaboratorium von J. Czermak in Prag, Nr. LIII.","page":738},{"file":"p0739.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis d. Erscheinung d. sog. Pulsversp\u00e4tung beim Frosch etc. 739\nZun\u00e4chst spritzte ich einem Frosche ') in den mittleren, subcu-tanen Lymphraum des E\u00fcckens eine minimale Dosis Curare ein und wartete die vollst\u00e4ndige L\u00e4hmung der willk\u00fcrlichen Bewegungen ab : dann band ich das Thier in der B\u00fcckenlage an ein d\u00fcnnes, schmales Brettchen fest, legte das kr\u00e4ftig und ungest\u00f6rt fortpulsirende Herz bloss und schlitzte die Bauchwand auf der rechten Seite, einige Millimeter von der Medianlinie, der L\u00e4nge nach auf. Das Brettchen wurde auf der schmalen langen Seite stehend so an einem Stativ befestigt, \" dass der Frosch in horizontaler Richtung frei schwebend, mit dem Kopfe nach links, mit der rechten Seite nach oben und mit der Bauchseite gegen das Fenster zu liegen kam.\nHierauf wurde ein Objectgl\u00e4schen, welches durch einen beweglichen Arm des Statives gehalten war, gegen den Schlitz in der Bauchwand angelegt, aus letzterem eine Darmschlinge hervorgezogen. auf das Gl\u00e4schen ausgebreitet und endlich das Mikroskop, dessen Objecttisch abgeschraubt worden war, von hinten herzugeschoben und auf die Gef\u00e4sse des Gekr\u00f6ses eingestellt.\nDa die Herzth\u00e4tigkeit und der Blutumlauf durch minimale Dosen Curare, welche schon hinreichen die willk\u00fcrlichen Bewegungen vollst\u00e4ndig zu l\u00e4hmen, bekanntlich stundenlang v\u00f6llig unbeeintr\u00e4chtigt fortbestehen, so hatte ich nach diesen Vorbereitungen alle Musse und Bequemlichkeit nicht nur den Blutlauf in den Arterien, Capillaren und Venen zu beobachten, sondern auch das Herz und den Bulbus mit seinen Arterienst\u00e4mmen, welche durch ein unter denselben durchgeschobenes Holzst\u00e4bchen \u00fcber die Brustfl\u00e4che herausgehoben worden waren, von oben her deutlich pulsiren zu sehen.\nIndem ich nun mit dem rechten Auge durch das Mikroskop auf eine pulsirende Gekr\u00f6sarterie blickte und gleichzeitig das linke. offen gehaltene Auge nach dem schlagenden Herzen mit den grossen Arterienst\u00e4mmen richtete, war es ein Leichtes, eine solche Stellung der beiden Objecte und der Augen zu finden, dass das Herz so zu sagen mitten im (arteriellen Blutstrome zu schwimmen schien und beide Objecte zu gleicher Zeit vollkommen deutlich wahrgenommen werden konnten.\nMan begreift, dass durch dieses Verfahren, trotz des mitunter st\u00f6rend eintretenden Widerstreites der Sehfelder eine sehr scharfe Auffassung und Beurtheilung der zeitlichen Aufeinanderfolge der Bewegungsvorg\u00e4nge am Herzen und an den grossen Gef\u00e4ssst\u00e4mmeu\n1 Die zu diesen Versuchen ben\u00fctzten Fr\u00f6sche waren im Herbste vorigen Jahres eingefangen und seit jener Zeit in den Kellerr\u00e4umen meines Laboratoriums in flachen, mit Wasser gef\u00fcllten Gef\u00e4ssen aufbewahrt worden.\n47*","page":739},{"file":"p0740.txt","language":"de","ocr_de":"740 Nachweis d. Erscheinung d. sog. Pulsversp\u00e4tung beim Frosch etc.\neinerseits, am Blutstrome der peripherischen Gekr\u00f6sarterien andererseits erm\u00f6glicht war .\nBeruht ja doch auf demselben Principe des Doppeltsehens eine bekannte mikrometrische Methode, deren Sch\u00e4rfe und Zuverl\u00e4ssigkeit bei hinreichender Uebung von Harting hoch angeschlagen wird ! \u2014\nI.\tDer arterielle Blutstrom im Gekr\u00f6se des Frosches zeigt in einem und demselben Gef\u00e4sschen unter verschiedenen Umst\u00e4nden betr\u00e4chtliche Verschiedenheiten. Die Str\u00f6mung kann n\u00e4mlich :\n1.\tso ungemein rasch und so gleichm\u00e4ssig sein, dass von einer mit der Pulswelle eintretenden Beschleunigung derselben kaum etwas zu sehen ist ; oder\n2.\tes ist die jedesmalige Beschleunigung der Str\u00f6mung w\u00e4hrend der Systole, die Verz\u00f6gerung der Str\u00f6mung w\u00e4hrend der Diastole vollkommen deutlich wahrnehmbar; die Str\u00f6mung bleibt aber dabei eine continuirliche ; oder\n3.\tes geht die diastolische Verz\u00f6gerung der Str\u00f6mung in vollst\u00e4ndigen Stillstand der ganzen Bluts\u00e4ule \u00fcber, welche sich dann nur mit jeder neuen Pulswelle stossweise weiter bewegt : oder\n4.\tdie diastolische Verz\u00f6gerung der Str\u00f6mung schl\u00e4gt in eine mehr oder weniger bedeutende r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung um, so dass die Bluts\u00e4ule mit der Systole so zu sagen zwei Schritte vorw\u00e4rts, mit der Diastole einen Schritt r\u00fcckw\u00e4rts str\u00f6mt : wobei aber immer noch eine Fortbewegung des Blutes in der legitimen Richtung zu Stande kommt : oder\n5.\tdie Bluts\u00e4ule oscillirt nur hin und her, ohne dabei fortzur\u00fccken : oder endlich\n6.\tdie Fortr\u00fcckung der Bluts\u00e4ule nimmt eine centripetale Richtung an, in welcher sie durch jede neu ankommende Pulswelle ganz umgekehrt, zum v\u00f6lligen Stillstand gebracht oder doch mehr oder weniger verz\u00f6gert wird.\nII. In allen den F\u00e4llen nun, in welchen der Einfluss der positiven Pulswellen auf die arterielle Blutstr\u00f6mung in irgend einer der beschriebenen verschiedenen Formen deutlich wahrnehmbar war, konnte ich mit Sicherheit eonstatiren, dass die Ver\u00e4nderungen am Blutstrome in den Gekr\u00f6sarterien merklich sp\u00e4ter einzutreten begannen, als die systolische Zusammenziehung der Herzkammer und die systolische Erweiterung des Bulbus und der grossen Arterienst\u00e4mme.\nEs existirt somit auch beim Frosche \u2014 trotz der K\u00fcrze seiner arteriellen Blutbahn, das Ph\u00e4nomen der Pulsversp\u00e4tung in einer sinn-","page":740},{"file":"p0741.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis d. Erscheinung d. sog. Pulsversp\u00e4tung beim Frosch etc. 741\nlieh wahrnehmbaren und nicht blos theoretisch ableitbaren Form und Gr\u00f6sse.\nDiese neue Thatsache l\u00e4sst sich meines Erachtens nur dadurch erkl\u00e4ren, dass die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Pulswelle beim Frosche entweder \u00fcberhaupt absolut geringer ist als beim Mens c h e n. oder aber gegen die Peripherie hin, auf die L\u00e4ngeneinheit viel rascher abnimmt als bei diesem: denn w\u00fcrde weder das Eine noch das Andere der Fall sein, so k\u00f6nnte die Blutwelle, welche beim Menschen in einem kleinen Bruchtheil einer Secunde Bahnen von mehreren Fussen L\u00e4nge durcheilt, beim Frosch keine so merkliche Zeit brauchen, um sich auf der kaum einige Centimeter langen Gelassbahn vom Herzen bis indie Gekr\u00f6sarterien fortzupflanzen.","page":741}],"identifier":"lit16200","issued":"1879","language":"de","pages":"738-741","startpages":"738","title":"Nachweis der Erscheinung der sogenannten Pulsversp\u00e4tung beim Frosch, und das Verfahren dieselbe wahrzunehmen","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:58:09.402063+00:00"}
