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Ueber Entfernung fremder Körper aus dem Schlunde unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels

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{"created":"2022-01-31T16:58:41.843578+00:00","id":"lit16201","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 742-749. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0742.txt","language":"de","ocr_de":"LV.\nUeber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels.\n[Jenaische Zeitschrift I860.]\nAis ich im Fr\u00fchjahr 1858 den ersten Anstoss zur allseitigen Ver-wertlmng des Kehlkopfspiegels gab. unterliess ich es nicht auch darauf hinzuweisen, dass unter seiner Beihilfe \u00bbdas Auge zum sicheren F\u00fchrer der Hand\u00ab in den dem Blicke neu erschlossenen Regionen des K\u00f6rpers werden k\u00f6nne.\nIm Februar 1859 habe ich diese Idee zuerst wirklich ausgef\u00fchrt und mein dabei befolgtes Verfahren ver\u00f6ffentlicht. Die Laryngoskopie hatte damit ein neues, weites Feld gewonnen, welches seither zahlreiche und gl\u00fcckliche Bearbeiter gefunden hat, und auf welchem bekanntlich durch Erfindung und Benutzung neuer Instrumente bereits Erfolge in verschiedenen Richtungen erzielt worden sind, welche die k\u00fchnsten Erwartungen von der Leistungsf\u00e4higkeit des Kehlkopfspiegels in praxi gerechtfertigt haben.l)\nAuch bei der Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde findet mein Verfahren Anwendung und erm\u00f6glicht es jetzt dem ge\u00fcbten Arzte in vielen F\u00e4llen rascher, sicherer und in weit scb oneuilerer Weise, als fr\u00fcher, zum Ziele zu gelangen.\nEin im Halse stecken gebliebener fremder K\u00f6rper kann mitunter Zuf\u00e4lle veranlassen, welche das Leben ernstlich bedrohen. Unter solchen allarmirenden Umst\u00e4nden wird nun freilich wohl selten Zeit und Gelegenheit zu einer laryngoskopischen Untersuchung und Operation gegeben sein, und man wird sich dann nothgedrungen mit den\n1 Vgl. \u00abDer Kehlkopfspiegel . . . etc.\u00ab 2. Aufl. , Leipzig, IStCj, Kr. XLII; die einschl\u00e4gige Journalliteratur und besonders die k\u00fcrzlich erschienene Laryngo-chirurgie von v. Bruxs.","page":742},{"file":"p0743.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\n743\nbisherigen etwas rohen Manipulationen zur Entfernung des fremden K\u00f6rpers behelfen m\u00fcssen.\nIn allen jenen F\u00e4llen jedoch, wo kein periculum in rnora vorhanden , oder der erste \u00fcberw\u00e4ltigende Anfall beunruhigender Symptome vor\u00fcber ist, hat man meiner Ansicht nach zuallererst eine laryn-goskopische Untersuchung zu machen und nur dann, wenn man des fremden K\u00f6rpers durchaus nicht ansichtig werden sollte, zu den gew\u00f6hnlichen Manipulationen seine Zufhtcht zu nehmen, sonst aber immer mindestens zu versuchen unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels zu operiren, bevor man irgend etwas anderes Operatives unternimmt.\nDie folgenden vier F\u00e4lle von gelungener Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels, welche ich schon im vorigen Jahre dem Verein praktischer Aerzte in Prag mitge-theilt ttnd einzeln ver\u00f6ffentlicht habe, stelle ich deshalb zusammen, weil sie mir geeignet scheinen die ausgesprochene Ansicht hinreichend zn begr\u00fcnden. Ich bemerke nur noch, dass ich mich in allen diesen F\u00e4llen nur einer ganz einfachen scheerenf\u00fcrmigen Schlundzange mit hinreichend langen, stark nach unten gekr\u00fcmmten und recht schlanken Branchen bedient habe, dass aber eine Verbesserung an dieser Zange wimschenswerth erscheint, um sie bei allen Lagerungs- und Fixationsverh\u00e4ltnissen der fremden K\u00f6rper gleich leicht und bequem verwenden zu k\u00f6nnen. Die Zange wurde mit der einen Hand eingeftihrt, w\u00e4hrend die andere den Kehlkopfspiegel hielt, so dass ihr Bild gleichzeitig mit jenem des zu entfernenden K\u00f6rpers im Spiegel erschien.\nErster Fall.\nAm 21. Februar 1364 kam ein junger Mensch in gr\u00f6sster Eile und Angst zu mir, um meine Hilfe wegen eines fremden K\u00f6rpers in Anspruch zu nehmen, der ihm so eben beim Kaffeetrinken im Halse stecken geblieben sei und ihn fortw\u00e4hrend zum Husten und Erbrechen reize, sich aber trotz wiederholt eingetretenen Erbrechens und aller m\u00f6glichen sonstigen Anstrengungen nicht entfernen lassen wolle.\nNachdem Patient noch angegeben hatte, dass der fremde K\u00f6rper linkerseits tief im Schlunde stecken m\u00fcsse, laryngoskopirte ich ihn sofort und fand richtig auf der linken Seite, an der Zungenwurzel, etwa in der H\u00f6he der Epiglottis, einen borstenartigen K\u00f6rper, dessen \u00e4usseres Ende unterhalb der linken Mandel in der Pharynxschleimhaut tief eingebohrt festsass.\nIch f\u00fchrte nun mit der linken Hand den Kehlkopfspiegel, mit der rechten die gekr\u00fcmmte Zange ein, erreichte und fasste den borstenartigen K\u00f6rper sicher mit der letzteren (indem deren Bild gleichfalls","page":743},{"file":"p0744.txt","language":"de","ocr_de":"744\nUeber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\nim Spiegel erschien und das Auge als F\u00fchrer der Hand diente) , und entfernte ihn mit einem Zuge.\nDie kleine Operation war \u2014 ohne die geringste Beschwerde finden Patienten \u2014 in wenigen Seeunden gl\u00fccklich beendet.\nWie lange h\u00e4tte man, ohne die Benutzung meiner Methode. im Schlunde dieses Patienten wohl herumgearbeitet, um schliesslich vielleicht nicht einmal den gleichen Erfolg zu erzielen ? !\nWas den borstenf\u00f6rmigen, etwa 17 mm langen K\u00f6rper selbst betrifft. so war es, wie die mikroskopische Untersuchung zeigte, das St\u00fcck einer Granne von einer Korn\u00e4hre.\nZweiter Fall.\nDer folgende Fall ist ganz analog dem vorhergehenden und steht auch insofern mit demselben in Beziehung, als meine fr\u00fchere Mittheilung desselben im Verein praktischer Aerzte Hrn. Dr. Freibergek veranlasste mit dem 82 j\u00e4hrigen Patienten L. G.. Commission\u00e4r f\u00fcr reisende Kunstreitergesellschaften, zu mir zu kommen.\nPatient hatte am 19. M\u00e4rz 1864 ein Gericht Fische verzehrt, und dabei war ihm eine Gr\u00e4te tief im Halse stecken geblieben, welche ihm unertr\u00e4gliche Unbequemlichkeiten und bedeutende Schmerzen verursachte. Die sogleich vorgenommenen und auch am n\u00e4chstfolgenden Tage fortgesetzten \u00e4rztlichen Bem\u00fchungen, den fremden K\u00f6rper zu entfernen, blieben erfolglos. Da auch der Schlundstosser wiederholt angewendet worden war. so vermuthete man, trotz der gegenteiligen Empfindung des Patienten, dass der fremde K\u00f6rper wohl schon fort sei. aber eine Verletzung und Beizung des Schlundes hinterlassen haben m\u00f6ge, welche ohne Weiteres heilen und verschwinden werde.\nAm dritten Tage nach dem Unfall kam, wie gesagt , Herr Dr. F. mit dem Patienten zu mir. um hier\u00fcber vermittelst des Kehlkopfspiegels Gewissheit zu erhalten.\nDie laryngoskopische Untersuchung wies alsbald nach, dass die Fischgr\u00e4te, in Uebereinstimmung mit der Empfindung und Aussage des Patienten, allerdings noch immer vorhanden war. Dieselbe steckte mit dem einen Ende knapp \u00fcber dem Kehlkopfeingang fest. w\u00e4hrend das andere Ende in horizontaler Richtung von links nach rechts etwa 6 mm hervorstand.\nDurch die geringste Zusammenziehung der Seldiugmuskeln richtete sich die Gr\u00e4te mit ihrer scharfen feinen Spitze aus der Ebene der Schleimhautoberfl\u00e4che empor und zielte in bedenklichster Weise gegen den Kehlkopfeingang und die Innenfl\u00e4che der Epiglottis. Die Ursache der fortdauernden Schlingbeschwerden und Schmerzen des Patienten","page":744},{"file":"p0745.txt","language":"de","ocr_de":"l'eber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Sehlunde etc.\n745\nwar somit sichergestellt und es handelte sich nur noch um die Entfernung der Gr\u00e4te unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels.\nNach mehreren vergeblichen Versuchen, die Gr\u00e4te vermittelst der mit der rechten Hand eingef\u00fchrten, lang- und schlankarmigen Zange zu fassen, gelang es mir zuletzt \u2014 nachdem ich mich entschlossen hatte, den Kehlkopfspiegel mit der Rechten, die Zange aber mit der Linken einzuf\u00fchren wodurch die Branchen die erforderliche Querstellung zur Gr\u00e4te erhielten) \u2014 dieselbe gleich beim zweiten Versuch sicher zu fassen und mit einem Zuge heraus zu bef\u00f6rdern.\nPatient f\u00fchlte sich unmittelbar darauf so wesentlich erleichtert, dass er sich den \u00fcberschwenglichsten Aeusserungen seiner Freude und seines Dankes \u00fcberliess.\nDie entfernte Gr\u00e4te, von der Dicke einer Stecknadel, war ziemlich steif, plattgedr\u00fcckt, an beiden Enden \u00e4usserst scharf zugespitzt und hatte eine L\u00e4nge von 26 mm. Da das frei hervorragende Ende, wie gesagt, etwa 6 mm lang geschienen. so musste die Gr\u00e4te nicht weniger als etwa 20 mm tief in den Weichtheilen der hinteren Rachenwand. in der Richtung von rechts nach links eingebohrt gewesen sein.\nAuch in diesem Falle war der rasche und sichere Erfolg der kleinen, dem Patienten aller als eine wahre Erl\u00f6sung erscheinenden Operation, einzig und allein meinem Verfahren der F\u00fchrung der operirenden Hand durch das Auge unter Beih\u00fclfe des Kehlkopfspiegels zu danken.\nAlle die vergeblichen, f\u00fcr den Patienten sehr l\u00e4stigen Bem\u00fchungen mit dem Schlundstosser h\u00e4tte man, in diesem, wie in so vielen anderen F\u00e4llen, wo dieses, in gewissen F\u00e4llen allerdings unentbehrliche Instrument nicht zu brauchen ist, g\u00e4nzlich ersparen k\u00f6nnen, wenn man seine Zuflucht in erster Linie zum Kehlkopfspiegel genommen h\u00e4tte !\nDritter Fall.\nAm 27. November 1864 wurde mir aus dem Prager k. k. Garnisonsspital Nr. I, ein Mann, J. S., pens. Armeediener, zugeschickt, welchem beim hastigen Essen eines Gerichtes sog. \u00bbNudeln\u00ab mit Kalbfleisch Etwas im Halse stecken geblieben war, das er weder niederschlingen noch hinaufw\u00fcrgen konnte und dessen Gegenwart im Schlunde ihm bedeutende Schmerzen und Unbequemlichkeiten verursachte.\nDie Inspection mit dem Kehlkopfspiegel liess sofort einen von Schleim umh\u00fcllten fremden K\u00f6rper erkennen, der rechts hinter dein Kehlkopf im Eing\u00e4nge der Speiser\u00f6hre festsass. Der fremde K\u00f6rper schien st\u00e4bchenf\u00f6rmig zu sein und mit seinen \u00e4usseren Enden in der Schleimhaut zu stecken. w\u00e4hrend sein inneres Ende in horizontaler","page":745},{"file":"p0746.txt","language":"de","ocr_de":"746\nUeber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\nRichtung in den Raum hinter dem Kehlkopf frei hineinragte. Ohne mich weiter mit der Untersuchung des fremden K\u00f6rpers und seiner Befestigungsart aufzuhalten, aber auch ohne den fremden K\u00f6rper aus dem Auge zu verlieren, f\u00fchrte ich die Schlundzange mit der rechten Hand \u2014 die linke hielt den Kehlkopfspiegel \u2014 in den Mund des Patienten ein.\nIndem ich die im geschlossenen Zustand eingef\u00fchrte Zange immer tiefer hineinschob, erschien das Bild der Zange im Spiegel und ich konnte nun die Branchen derselben, ohne irgendwo anzustossen, auf den im Spiegelbilde ebenfalls fortw\u00e4hrend sichtbaren fremden K\u00f6rper zuleiten, denselben mit Sicherheit erfassen und mit einem Zuge entfernen. Dies war das Werk einiger weniger Secundeu und Patient hatte dabei selbstverst\u00e4ndlich nicht im Geringsten gelitten, ja nicht einmal einen Husten- oder W\u00fcrganfall bekommen!\nDer entfernte fremde K\u00f6rper erwies sich als eine \u00fcberraschend grosse, fast \u00fcberall nur 1\"' dicke, dreieckige Knochenplatte (wahrscheinlich ein St\u00fcck vom Schulterblatt des Kalbes); die k\u00fcrzeste der drei scharfen hie und da mit spitzen Zacken besetzten Kanten maass etwa einen W. Zoll, die l\u00e4ngste an l12\u201d, so dass also die Fl\u00e4chenausdehnung des Knochenst\u00fcckes mehr als einen halben Quadratzoll betrug ! Die scheinbare St\u00e4bchenform des fremden K\u00f6rpers bei der laryugoskopischen Untersuchung war dadurch entstanden, dass sich von der im Oesophaguseingang festgekeilten Knochenplatte nur die eine, frei nach oben stehende Kante dem Blicke darbot. Die Anwendung des Sclilundstossers h\u00e4tte bei der Sch\u00e4rfe der zackigen R\u00e4nder des Knochenstuckes leicht Unheil anrichten k\u00f6nnen und im besten Falle dem Patienten bei weitem gr\u00f6ssere und l\u00e4nger dauernde Unbequemlichkeiten verursacht, als das angewendete Verfahren !\nVierter Fall.\nAm 30. December 1S64 brachte ein Landmann aus Smutovic in B\u00f6hmen sein Weib zu mir, welches angeblich mit einem Bissen Semmel eine in dieser eingebackene Nadel verschluckt und bereits seit drei Tagen im Schlunde stecken hatte, was ihr unertr\u00e4gliche Schmerzen verursachte und sie hinderte feste Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, indem sie sich nicht traute, einen ernstlichen Essversuch zu wagen, aus Furcht die Nadel dabei noch tiefer hinab zu schlucken.\nBei der laryugoskopischen Untersuchung der trotz ihrer Aufgeregtheit sehr verst\u00e4ndigen und f\u00fcgsamen Patientin fand ich den Zungengrund und die Epiglottis, welche sich dem ersteren innig anschmiegte, stark geschwollen und ger\u00f6thet \u2014 von einer Nadel war jedoch nichts","page":746},{"file":"p0747.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\n747\nzu sehen ; erst bei gleichzeitiger Senkung des Kehldeckels und Vorw\u00e4rtsbewegung des Zungengrundes entdeckte ich in dem hierdurch entfalteten Sinus glosso-epiglotticus der linken Seite einen kaum 3 mm langen, an 1 mm dicken schwarzen Querstrich, welcher etwa wie ein an die Zungenwurzel festgeklebter Kohlensplitter aussah.\nNachdem ich hierauf neuerdings den Kehlkopfspiegel, und zwar mit der linken Hand eingef\u00fchrt hatte, fasste ich mit der rechten die gekr\u00fcmmte, lang- und schlankarmige Schlundzange und langte damit nach dem vermeintlichen Kohlensplitter im Grunde des linken Sinus glosso-epiglotticus, indem ich die erforderlichen Bewegungen des im Spiegelbilde sichtbaren Instrumentes mit Sicherheit durch das Auge beurtheilen und leiten konnte.\nSchon beim ersten Erfassen des fremden K\u00f6rpers erkannte ich, dass derselbe von Metall sei und vermuthete um so sicherer, dass ich das stumpfe Ende der angeblich verschluckten Nadel vor mir h\u00e4tte, welche sich ihrer ganzen L\u00e4nge nach in die Zungenwurzel fest eingebohrt haben m\u00fcsse, als es mir nicht gelingen wollte, den erfassten metallenen K\u00f6rper einfach herauszunehmen.\nAls aber auch das kr\u00e4ftigste Ziehen an dem gefassten Metallst\u00e4bchen in der Richtung seiner L\u00e4ngsaxe erfolglos blieb, kam mir pl\u00f6tzlich der Gedanke an die M\u00f6glichkeit es mit einer Angel oder mit dem abgebrochenen Ende einer H\u00e4kelnadel zu thun zu haben und ich \u00fcberlegte schon, ob nicht ein Einschnitt in die Zungenwurzel, und in welcher Richtung, nothwendig werden d\u00fcrfte, um den fixirenden Widerhaken herauszul\u00f6sen.\nVorher musste jedoch noch versucht werden, ob sich der fremde K\u00f6rper nicht etwa durch Ziehen in anderen Richtungen entfernen oder doch lockern lasse, denn die enorme Festigkeit der Fixirung des fremden K\u00f6rpers konnte ja auch nur durch die Folgen des bereits in seiner Umgebung bestehenden Entz\u00fcndungsprocesses bedingt sein : vielleicht spielte auch die Contraction der Muskelfasern der Zunge eine Rolle dabei.\nIch fasste daher das kurze freie Ende des fremden K\u00f6rpers nochmals und begann dasselbe unter gleichzeitig fortgesetzter Beobachtung des ganzen Operationsfeldes in allen m\u00f6glichen Richtungen hin- und herzuziehen und zu bewegen. Als ich unter anderen Bewegungen auch kreisf\u00f6rmige vornahm, indem ich das gefasste freie Ende hebelf\u00f6rmig zuerst nach vorn gegen den Zungengrund, dann nach unten, dann nach hinten und endlich nach oben u. s. f. bewegte, wobei es also einen Kegel beschrieb, dessen Spitze im Einstichspunkt lag \u2014 da schnellte pl\u00f6tzlich das l\u00e4ngere bis dahin unsichtbare und, wie ich meinte ganz","page":747},{"file":"p0748.txt","language":"de","ocr_de":"74S\nUetter Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\nin die Zunge eingebohrte spitze Ende des fremden K\u00f6rpers aus der Tiefe des rechten Sinus glosso-epigl. hervor, wo es g\u00e4nzlich versteckt gelegen hatte. Jetzt fasste ich das eben frei gewordene l\u00e4ngere spitze Ende der Nadel und suchte dieselbe durch kr\u00e4ftiges Ziehen der Richtung ihrer L\u00e4ngsaxe und links aus der Zunge herauszubringen.\nDoch auch j etzt machte sich ein so bedeutender Widerstand geltend, dass die Nadel kein Haarbreit von der Stelle r\u00fcckte und in der durchbohrten einige Millimeter langen Strecke der Zungenwurzel wie festgewachsen erschien.\nIch machte nun eine etwa V4st\u00e4ndige Pause im Operiren und liess die Pat. ein Glas kaltes Wasser trinken. theils um der Pat. nach dem mehrere Minuten lang ohne Unterbrechung fortgesetzten Offenhalten des Mundes etwas Ruhe und Erholung zu g\u00f6nnen, theils um die Sinus glosso-epigl. von den geringen Blutspuren zu s\u00e4ubern, welche, aus dem gezerrten Stichcanal stammend, sich daselbst angesammelt hatten.\nAls ich darauf den Spiegel wieder einf\u00fchrte, war zu meiner Ueber-raschung gar nichts mehr von der Nadel zn sehen : wenigstens suchte ich sie vergebens an ihrem fr\u00fcheren Orte an der Zungenwurzel, welche sie in der Tiefe des Sinus glosso-epigl. quer durchspiesst hatte, und schon f\u00fcrchtete ich. sie sei \u2014 so unwahrscheinlich es mir bei dem enormen Widerstande sein musste, welchen sie meinen Extractionsversuchen entgegengesetzt hatte \u2014 durch die Schlingbewegungen beim Trinken aus ihrer so \u00fcberaus festen Verbindung mit der Zunge ganz herausgel\u00f6st und unvermerkt mit dem Wasser verschluckt worden.\nDiese Bef\u00fcrchtung war jedoch unbegr\u00fcndet, denn ich fand die Nadel endlich wieder \u2014 allerdings in einer v\u00f6llig ver\u00e4nderten Stellung. Sie war n\u00e4mlich durch die Schlingbewegungen wenn auch nicht ganz frei gemacht, so doch so weit gelockert, vorgeschoben und umgelagert worden, dass sie nun aufgerichtet aus der Tiefe des rechten Sinus glosso-epigl. gegen den Arcus palato-glossus hervorragte und nur noch mit ihrem \u00e4ussersten stumpfen Ende im Stichcanal der Zungenwurzel steckte. Nunmehr war es nat\u00fcrlich das Werk eines Augenblickes die Nadel zu fassen und mit einem leichten Zuge g\u00e4nzlich zu entfernen. Es war diese Nadel wie die genauere Besichtigung zeigte eine grobe Schneider-N\u00e4hnadel. 32.4 mm lang, 0,8 mm dick, aber sehr spitz und von schwarzer Farbe.\nEingebacken in einer Semmel war also die Nadel von der Patientin verschluckt worden, dabei war die scharfe Spitze der Nadel in den linken Sinus glosso-epigl. geratken. hatte sich daselbst in die Zungenwurzel eingestochen und diese in querer Richtung durchbohrt, so dass sie im rechten Sinus glosso-epigl. wieder zum Vorschein kam. In dieser","page":748},{"file":"p0749.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde etc.\n749\nRichtung r\u00fcckte die Nadel weiter, bis von ihr nichts mehr zu sehen war als ein kleines St\u00fcckchen von dem dicken Oehrende im linken Sinus glosso-epigl., w\u00e4hrend sich das lange spitze Ende in der Tiefe des rechten Sinus glosso-epigl. vollst\u00e4ndig versteckte und ein kleiner Theil des Mittelst\u00fcckes in der querdurchbohrten Zungenwurzel festgehalten wurde. In dieser Lage und Fixirung ist die Nadel am 3. Tage nach dem Unfall von mir angetroffen worden. Durch die beschriebenen Manipulationen gelockert, wanderte die Nadel w\u00e4hrend der Schlingbewegungen beim Trinken des Glases Wasser durch den quergerichteten Stichcanal der Zungenwurzel vollends hindurch und stellte sich dann aufrecht, so dass sich ihre Spitze gegen den Arcus palalo-glossus richtete , w\u00e4hrend das. Oehrende noch in der Ausm\u00fcndungs\u00f6ffnung des Stichcanals im rechten Sinus glosso-epigl. steckte. In dieser Stellung wurde die Nadel schliesslich erfasst und entfernt.\nJena, den IS. Oct. 1S65.","page":749}],"identifier":"lit16201","issued":"1879","language":"de","pages":"742-749","startpages":"742","title":"Ueber Entfernung fremder K\u00f6rper aus dem Schlunde unter Beihilfe des Kehlkopfspiegels","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:58:41.843583+00:00"}

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